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-Suizidal-

Kurzbeschreibung
GeschichteSchmerz/Trost, Tragödie / P16 / Gen
22.03.2014
22.03.2014
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Laut plätscherte der breite, schwarze Fluss durch die unterirdischen Gebilde. Er war zusammen mit der Angst und der Dunkelheit das einzige, dessen Nähe Lucius sich sicher war. Wasser tropfte von der Decke, die Luft war warm und feucht, durchnässte seine Kleidung, wenn sein Schweiß das nicht schon geschafft hatte. Es stank fürchterlich – faul und süßlich, wie der Geruch der Verwesung immer beschrieben wurde. Lucius wollte nicht wissen, wie es um ihn herum aussah. Er wusste das rauschende Wasser neben sich, das jedes andere Geräusch übertönte, und er war sich seiner Verfolger im Nacken bewusst. Langsam setzte er einen Fuß vor den anderen, fühlte das Nass um seine Füße stetig ansteigend.  Ein Wettlauf mit der Zeit, den er nicht gewinnen konnte, denn letztendlich lief die Zeit immer weiter. Genauso wie der Pegel in die Höhe schoss, verglichen mit der Anzahl Lucius' bereits verstrichener neunzehn Lebensjahre: Unaufhaltsam.  

Lucius wusste nicht, wo er sich befand. Er konnte weder seinen Atem noch seine Schritte hören. Er konnte nicht die zurückgelegte Entfernung einschätzen, und auch nicht, wie weit er noch laufen musste. Flüchten, vor seinen gnadenlosen Verfolgern. Er spürte sie immer noch und sie schienen Erschöpfung nicht zu kennen, ganz anders als Lucius.  Diese lästigen Parasiten schlichen ihm hinterher und folgten ihm auf Schritt und Tritt.
Zuerst hatte Lucius gedacht, an einem Ort, an dem kein Licht existierte, gäbe es auch keine Schatten, aber er hatte sich getäuscht: Die Dunkelheit war ein einziger, großer Schatten, der sich auf alles niederlegte. Er stolperte und lag reglos auf dem nassen Boden, zu kraftlos, wieder aufzustehen.

~*~

Das Grauen legte sich allmählich wie ein Netz über ihn, das Gift der Lassitudo drang in seinen Körper, und hätte er nicht in dieser Stockfinsternis gelegen, wäre ihm wohl spätestens jetzt schwarz vor Augen geworden.  
Und so war Lucius stehengeblieben. Die Zeit hätte ein Nickerchen machen und dann ruhig spazieren können, er wäre nicht wieder aufgestanden. Von Sekunde zu Sekunde, mit der die Flut sich näherte, schwand seine Hoffnung, sein Verstand war benebelt. Er wusste nur, dass er nicht hier unten bleiben wollte – dort, wo er von Angst und Zweifel hineingetrieben wurde. Er wollte an die Oberfläche, gefunden werden, auch wenn er dann schon tot war. Er durfte seine kleine Schwester, die ihn immer für so stark gehalten hatte, nicht in der Hoffnung – bei diesem Wort spuckte er in Gedanken aus – zurücklassen, dass er wiederkommen könnte. Sie brauchten nicht warten. Niemand sollte auf ihn warten, wie er auf seinen Tod wartete. Man lebt allein, um wieder zu sterben. Man existiert, um ins nichts zurückzufinden, aus dem man gekommen war, dachte der Junge, Mehr nicht.


Hätte der Teenager noch sprechen können, wären seine Worte bereits vom Abwasser erstickt und er ertränkt worden. Sprechen würde also den schmerzhaften Prozess bis zu seinem persönlichen, tragischen, und doch von mehreren als nur ihm ersehnten Ende beschleunigen. Wieso sprach er nicht? Wendete sein Verstand sich gegen ihn, oder war es nur dieser primitive Überlebenswillen, der die meisten Menschen vom Verständnis für Suizid abhielt, der sich durchsetzte?
Lucius rechtes Auge brannte vom Schmutzwasser, das Tag ein Tag aus durch diese Unterirdischen Gänge floss, seine restliche rechte Gesichtshälfte war dagegen fast taub. Momente vergangen, so langsam fühlte er den anfänglichen Schmerz in seinen Knien und Armen nicht mehr. Wann war er eigentlich gefallen? Erst jetzt, kurz vor seinem nahenden Tod, oder schon in dem weit zurückliegend scheinenden Moment, als er den Gedanken, den Wunsch gefasst hatte, sich umzubringen, sich zu befreien? Schon beim ersten Schnitt auf seiner Haut mit der Schere in der Schule, wo ihn keiner beachtet hatte? Die einzige Achtung, die ihm galt, war Verachtung. Und das würde sich nicht ändern.

Schließlich wurden Selbstmörder in der Gesellschaft, in der er gelebt gehabt haben würde, nicht geschätzt. Junge Teenager, die sich absichtlich verbrannten, schnitten oder anderweitig verletzten, wurden nur zu Therapien oder in Kliniken gesteckt. Angeblich wird einem in so einer Anstalt geholfen. Daran glaubte Lucius genauso sehr wie an den Herrn im Himmel oder den Mann im Mond.
Man wird seinen Tod als einen der vielen Tode aus psychischer Erkrankung abstempeln, das wusste er. Man wird sich nicht um seine Schäden davontragende Familie kümmern, man wird auch nicht dagegen wirken, dass weitere sich das Leben nehmen. Das Umfeld wird sich genauso schnell ändern, wie die Menschheit aufhört, Kriege zu führen.

~*~

Sind nicht alle Lebewesen Selbstmörder? Sie leben, und wenn sie leben, sterben sie irgendwann. Tote können nicht sterben. Dennoch sind die einzig wahr gesunden die, die noch nicht gelebt haben und mit dieser Torheit nie beginnen werden, philosophierte der junge Suizidale, der schon seit geraumer Zeit Depressionen hatte. Er nannte Depressionen lieber Erleuchtung. Sie waren keine Krankheit, sie zeigten einem das wahre Gesicht der heutigen Sozialstruktur.

Das Wasser stieg und damit Lucius Sicherheit, dass er bald sterben würde. Er fühlte sich frei wie noch nie, wie der Tod ihm in seinen Träumen leise versprochen hatte.  Er hoffte, dass jemand im Internet seinen Blog finden würde. Eine Art Tagebuch, dem die Geschichte entnommen wurde, in dem nur die Gedanken zurückgeblieben waren. Er hatte viel gedacht. Vielleicht würde man das auf seiner Trauerfeierrede einmal erwähnen: dass er zu Lebzeiten viel gedacht hatte.
Falls ihm eine Trauerfeier gebühren wird. Falls man seinen Tod nicht als unnötig, idiotisch und falsch sieht, wie so viele Hassbuben Blogs über Suizid mit negativen Bemerkungen fluteten.

Lucius Leben war ein Dilemma. Eine Weggabelung, mit zwei Wegen ins Nichts. Eine Wahl mit zwei schlechten Wahlmöglichkeiten, von denen er eine als besser erschließen musste. Tristes Leben oder der Tod, für den er kein passendes Adjektiv fand. Gab es ein Adjektiv für etwas, das nicht da war, etwas inhaltsloses, wie eine Steigerung von leer? Nein. Die Sprache nahm genauso wenig Rücksicht auf suizidale Menschen und das Ende eines Lebens, wie es das Gesellschaftssystem schon immer getan hatte.

~*~

Lucius dachte nach. Wollte er hier unten sterben? Er wollte sterben . . . aber wollte er das hier unten, in der Kanalisation? Wollte er nicht lieber auf den Gleisen tänzeln, einen letzten Sommernachmittag genießen und plötzlich und schmerzlos sterben?

Von einem neuen, ebenso suizidalen Wunsch ergriffen, versuchte Lucius sich mit letzter Kraft zu bewegen. Er konnte nicht aufstehen, seine Beine kaum bewegen. Der erste Plan fiel aus. Seine zweite Option war es, sich in den Abwasserkanal zu rollen und mit dem Strom davon gespült zu werden, das Schicksal entscheiden zu lassen. Seine einzig eventuell umzusetzende Option dieser beiden unrealistischen Ideen, die ihm durch den dröhnenden Schädel flitzten. Er ertastete den Rand des Steins und zog sich so nah wie möglich ans Wasser, um sich dann hineinzurollen. Wie unlogisch es doch war, keine Kraft zum Gehen, geschweige denn Aufstehen, zu haben, aber Kraft um sich ins tödliche Nass zu ziehen. Wie unlogisch es war, dass er nicht hatte sprechen wollen, um den Vorgang des Sterbens zu beschleunigen, aber sich nun in den Kanal voll Schmutzwasser rollte.  Kaum zu glauben, dass ich vor ein paar Jahren noch nicht einmal daran gedacht hatte, einmal zu sterben, dachte er den Gedanken, der sein letzter bleiben sollte.
 
 
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