Nur ein Telefonat...

KurzgeschichteRomanze, Schmerz/Trost / P12
22.03.2014
22.03.2014
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Ihr Telefon klingelt. Ohne auf den Display zu schauen geht sie ran und ich merke wie in den ersten Sekunden des Gespräches ihr Gesichtsausdruck, ja ihre ganze Haltung immer trauriger wird. Ein Gefühl von Mitleid und vor allem ein Beschützerinstinkt überkommt mich, obwohl ich noch nicht einmal weiß, worum es bei dem Telefonat geht und wer überhaupt an der anderen Leitung eine so wundervollen Person so unglaublich schnell verändern kann. In sich zusammengesunken steht sie da, an die 20 Meter entfernt in dem breiten Flur. 

"Was meinst du?"

Die ersten Wörter die sie sagt, eingeschüchtert und den Tränen nahe. Sie, die ich so sehr liebe, sie, für die ich alles tun würde. Ich könnte zu ihr gehen, sie in den Arm nehmen, ihr endlich all meine Gefühle gestehen. Ich weiß, dass sie mich mag, ich sehe es jeden Tag in ihren Augen, den wunderschönen grünen Augen, in ihrem Tun, und doch bin ich zu feige, zu feige etwas zu unternehmen. Ich lehne mich an die Ecke, bin auf der Hut. Für den Fall, dass sie sich mir zuwenden sollte, kann ich schnell hinter der Biegung des Flures verschwinden und sie würde mich nicht sehen. 

Ich verstehe nicht genau was sie sagt, sie redet zu leise. Es klingt traurig und jämmerlich.

Ich lehne mich an die Wand und fahre mir mit den Händen durch meine dichten kurzen Haare, eine Geste die sie liebt, ich weiß es. Ich erinnere mich noch genau an den Moment wo sie mir durch die Haare gestrichen hat und meinte: "Ich liebe es wenn du das tust."  Dann hatte sie mich angelächelt, mit ihrem atemberaubenden Lächeln, dieses Lächeln das vollkommenes Glück zeigt. 

Wenn sie in meiner Nähe ist bin ich glücklich, wirklich glücklich. Ich brauche nichts, einfach nur ihre Anwesenheit macht mich zum glücklichen Menschen der Welt. 

Und jetzt steht sie hier und sinkt immer mehr in sich zusammen, ich kann es nicht ertragen. Nur ein paar Schritte und ich könnte sie in meine Arme schließe, ihre Tränen auffangen, einfach nur für sie da sein. Egal worum es sich handelt bei ihrem Telefonat, sie ist unglücklich und das kann ich nicht ertragen, sie hat es nicht verdient unglücklich zu sein, meinetwegen bin ich es der unglücklich ist, aber doch nicht sie! In ihrem Leben hat sie genug Leid ertragen müssen, von Zeit zu Zeit hat sie ein Puzzleteil ihrer Vergangenheit preisgegeben und doch immer nur so wenig, dass ich weiß da ist noch mehr, viel mehr. Trotz all dem schafft sie es nach außen hin glücklich zu wirken, jedoch glaube ich nicht, dass sie das auch wirklich immer ist. Jedes einzelne Puzzleteil von dem schrecklichem Tod ihrer Eltern über die darauf folgende strenge Erziehung ihres Onkeln und ihrer Tante und dem Glauben ihrerseits, dass niemand an sie glaubt, hat sie zu dem Menschen gemacht der sie ist. Wunderschön, temperamentvoll, lustig, ehrgeizig, und vor allem stark. Im Inneren ist sie jedoch weich und verletzlich, ein Grund dafür, dass sie sich nur wenigen Menschen öffnet und doch wird sie von jedem gemocht. 

Jeder Mann wünscht sich mit ihr zusammen zu sein, doch ihr scheint keiner gut genug zu sein. Bin ich es? Ich weiß es nicht, aber ich wünsche es mir mehr als alles andere auf dieser Welt.

Auf der letzten Party war sie neben mir eingeschlafen und hatte sich an mich gekuschelt, die ganze Nacht habe ich sie einfach nur angesehen, sie ist so wunderschön.

Ihre Tasche fällt zu Boden, kraftlos steht sie da und macht sich gar nicht erst die Mühe, den Inhalt wieder zusammenzusammeln, sie schluchzt. Was soll ich tun? Der Anblick ist grausam aber ich habe Angst, dass sie mich zurückweist. 

"Ich kümmere mich darum", erwidert sie leise und lässt das Handy sinken, es fällt zu den anderen Sachen auf dem Boden.

Das ist meine Chance, wie in Trance komme ich auf meinem Versteck hervor und gehe zu ihr. Aus traurigen Augen sieht sie mich an. Ich bin bei ihr. Was soll ich tun? 

Wie von selbst nehme ich sie einfach in den Arm und halte sie fest. 

"Was ist passiert?", frage ich.

"Da kann ich gerade nicht drüber reden, das verkrafte ich nicht.", nuschelt sie in meinen Pulli.

"Das musst du auch nicht, ich bin für dich da. Das weißt du." Ich streiche ihr über den Kopf.

Sie nickt. Langsam nehme ich sie an den Schultern und halte sie so, dass ich ihr Gesicht sehen kann, ein kleines Lächeln ist auf ihren Lippen zu erkennen. Mit der einen Hand wische ich ihr eine Träne von der Wange und dann passiert es, sie küsst mich. Ohne Vorwarnung, sie tut es einfach und es ist wundervoll, so wundervoll. Die Zeit steht still während ich die Augen geschlossen halte. 

"Ich liebe dich, schon seit Jahren, doch ich wurde einfach schon zu oft verletzt und so habe ich es dir nie gesagt." Ihre Worte hallen in meinen Ohren wieder. 

Sie liebt mich. Sie liebt mich seit Jahren. 

"Ich denke, du weißt was ich für dich empfinde, wahrscheinlich weiß das so ziemlich jeder hier." Wir schauen uns tief in die Augen und dann passiert es, sie küsste mich wieder. So atemberaubend.

In einem Meer von Schlüsseln, Lippenstiften und anderem Kram aus ihrer Tasche stehen wir und haben das Gefühl von Unendlichkeit. 

Ich bin glücklich, so unglaublich glücklich... 
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