Liebe Anne...

von Iyi
KurzgeschichteAllgemein / P6
Anne Frank
22.03.2014
22.03.2014
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Liebe Anne,

dieses Jahr wärest du 85 Jahre alt geworden. Wärest Schauspielerin, oder Schriftstellerin. Vielleicht auch eine glückliche Oma, die in Amsterdam mit ihren Enkelkindern an einem der vielen Kanäle entlang schlendert. Ihr kommt an dem Geschäft vorbei, das mal deinem Vater gehört hatte und jetzt dem Sohn von Margot gehört. Du siehst deinem kleinem Urenkel dabei zu, wie er begeistert die Enten füttert und bist froh, glücklich, dass du zu Hause bist. Du hast keine Angst vor dem Tod. Dein Leben war erfüllt und du würdest glücklich sterben.

Leider war Hitler stärker als das Leben, das du verdient hättest. Du warst kaum älter als ich, als du starbst und musstest vorher unmenschliche Qualen leiden. Wenn ich wüsste, ich würde bald sterben, würde ich kämpfen. Doch dich hat niemand gewarnt und man hat dir alle Kraft genommen. Du konntest dich gar nicht wehren. Niemand konnte sich wehren.

Deutschland brauchte eine Weile, bis der Nationalsozialismus ein Thema wurde, über das man offen sprechen konnte, denn man war nicht mehr Schuld. Ich bin nicht Schuld. Doch unsere Großväter meiden oft die Vergangenheit. Wir sind nicht mehr Schuld, aber sind sie es? Man will es gar nicht wissen. Was, wenn der Mensch, den du liebst, mit daran Schuld ist, dass Tausende grundlos ermordet wurden?

Die Generationen vor uns wissen noch, was Krieg bedeutet. Die Ältesten können sich sogar noch daran erinnern, wie Nachbarn plötzlich verschwanden. Doch für uns ist dieses Thema immer abstrakter und du und dein Buch helfen uns dabei, dein Leben und deine Zeit besser zu verstehen.

Man hat das Gefühl man kennt dich. Du könntest ein Nachbarskind sein, eine Klassenkameradin, oder auch die Schwester eines Freundes. Meine Schwester, meine beste Freundin.

Durch dich fangen Leute an zu lesen, die sonst nie ein Buch anfassen und Komödien-Liebhaber können in einer traurigen Geschichte vollkommen versinken. In deiner Geschichte.

Wenn ich 85 bin, bin ich vielleicht Schauspielerin, oder Schriftstellerin, vielleicht sehe ich auch meinen Enkeln beim Spielen zu. Ich werde keine Angst vor dem Tod haben, denn ich hatte eine erfülltes Leben. Eins, das du nie hattest. Und obwohl du so jung gestorben bist, hast du, indem du deine Gedanken aufgeschrieben hast, einen wichtigen Teil dazu beigetragen, dass du und alle Opfer des Nationalsozialismusses, niemals vergessen werden.

Danke!

Und Happy Birthday!
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