Freakshow

MitmachgeschichteDrama, Thriller / P18
21.03.2014
15.05.2019
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Eine teuflische Komödie


Kiss me like you mean goodbye,
said the spider to the fly.

[The Paper Chase – Said The Spider To The Fly.]


~***~


Die Sonne war untergegangen und blutete am Himmel dunkelrot nach, als sich die Nacht über Gotham legte.
Im Behandlungsraum der Krankenstation schien noch das künstliche Licht von Neonröhren, welches das Gesicht der Frau auf dem Tisch, die Laura bereits nach ihrem Eintreten als Doktor Harleen Quinzel erkannte hatte, irgendwie gelblich und gleichzeitig fahl erscheinen ließ.
Der Joker hatte viel gesprochen und seine Worte waren voller Bedeutung und gleichzeitig leer gewesen …
Was hatte er mit Doktor Quinzel vor?
Laura Wolff war nicht naiv genug zu glauben, das er Gutes im Schilde führte, schließlich hatte er sie gefesselt und vor ihren eigenen Augen mehr oder weniger bedroht.
Aber warum hat er dich hergebracht?
Ihre Haut kribbelte vor Aufregung, als der Joker eine Hand auf ihr Schulterblatt legte und sie beiseite zog.
Im Hintergrund wimmerte und weinte Harleen Quinzel, doch für Laura war das Geräusch wie Hintergrundmusik.
Der Klang ihrer Tränen, ihrer Angst, traf keinen menschlichen Nerv, erweckte kein Mitgefühl.
Laura Wolff hatte sich schon vor ihrer Einweisung in die Anstalt von einem großen Teil ihrer Menschlichkeit verabschiedet und die Worte des Clowns hatten den verbleibenden Rest ihrer Empathie sanft in den Schlaf gesungen.
Nun gab es in ihr nur noch Begierde.
Sie wollte sehen, sie wollte verstehen und sie wollte selbst gesehen und verstanden werden.
Im Blick des Jokers lag ein Versprechen auf beides.
Als sie vor einen silbernen Rolltisch traten, sah sie dort verschiedene Instrumente liegen.
Chirurgische Instrumente, wie sie sofort erkannte.
In ihrem früheren Leben war sie eine Studentin für Biologie und Medizin gewesen, in verschiedenen Kursen hatte sie sich mit diesen Geräten bereits vertraut machen können und nicht zuletzt war es ein Skalpell aus ihrer Universität gewesen, mit dem sie das Gesicht von Isabel zerschnitten hatte.
Ihre Hand ballte sich zur Faust, umklammerte das Skalpell fester, als die Erinnerung in ihr lebendig wurde und sie das rote Haar der Frau sah, für die ihr Freund sie verlassen hatte.
In Lauras Gedanken sah sie Isabel vor sich liegen, das Gesicht in Fetzen geschnitten, nach Luft schnappen, im Dämmerschlaf zwischen Tod und Leben leise weinend.
Die Erinnerung war ihr so nahe, das sie die Geräusche deutlich hören konnte und sie dabei vergaß, das es Harleen war die weinte und nicht mehr Isabel.
Der Joker neben ihr nahm die Hand von ihrem Rücken und strich mit vergleichbarer Hingabe über die ausgebreiteten Instrumente aus Stahl und Titan, die so sauber aussahen, als wären sie nie zuvor benutzt worden, als hätten sie auf diesen einen speziellen Anlass (auf sie) gewartet.
„Manchmal reicht ein schlechter Tag“, er kicherte. „Es ist ein Witz, findest du nicht? Das sie und uns nicht mehr als ein einziger Tag trennt, obwohl sie sich so viel darauf einbilden, über uns zu stehen.“
Wen er mit sie genau meinte, wusste Laura nicht.
Sie vermutete die Ärzte und Pfleger, aber vermutlich auch alle jenseits der Anstaltsmauern … Polizisten und Richter, womöglich sogar alle Bewohner von Gotham City.
„Sie sperren uns weg, damit sie nicht sehen müssen, was in ihnen selbst lauert. Was aus ihnen werden würde, wenn ihre Welt aus den Fugen gerät.“
Er ergriff ihre Hand, die das Skalpell festhielt und die Berührung war ein Stromschlag in ihrem Kopf.
„Was wird aus dem liebevollen Vater, wenn sein einziges von einem achtlosen Raser totgefahren wird? Aus der Mutter, die ihre Tochter im Leichenschauhaus identifizieren muss, nachdem man sie tot und geschunden in einer Gasse gefunden hat? Aus dem Waisenkind, dessen Eltern ausgeraubt und erschossen werden, mhhhh? Sie alle verlieren den Verstand, sie werden wahnsinnig und zerbrechen daran, Wölfchen. Aber wir nicht, nein wir nicht. Wir reifen daran, wir vollziehen eine Metamorphose und tun das, was die Starken von den Schwachen unterscheidet; wir überleben.“
Seine freie Hand griff ebenfalls nach einem Operationsmesser, welches fast schon unscheinbar in seiner einfachen Aufmachung wirkte, ohne jede Verzierung, nur harter Stahl und eine zackenlose, geschwungene Klinge, einzig und allein für eine Aufgabe erdacht: um menschliches Gewebe zu zerteilen.
Wir sind Skalpelle, dachte Laura. Nur für einen Zweck konstruiert … um zu zerstören und Neues zu schaffen.
Isabel würde nie wieder dieselbe sein und das nur, weil sie Lauras Weg gekreuzt hatte.
Victor würde sie niemals vergessen, immer würde es Laura sein, an die er dachte, wenn er die Narben im Gesicht seiner Freundin betrachtete.
Sie war zur Narbe im Leben vieler Menschen geworden und sie hatte diese Menschen auf unwiderrufliche Weise verändert und nach ihrem Sinne geformt.
Wir sind Skalpelle.
Wir sind Freaks.
Wie könnte jemand erwarten, das wir etwas anderes tun, als das, wozu wir auserkoren sind?

Ihre Blicke trafen sich und der Joker erkannte, das sein Gegenüber verstand.
Sein Lächeln drückte Befriedung aus und er legte den Kopf leicht im Nacken zurück, als er das Skalpell hob und von allen Seiten skeptisch betrachtete.
„Ich frage mich“, begann er weiter zu philosophieren und schmatzte genüsslich vor sich hin. „was wohl aus Harleen Quinzel werden wird, wenn sie erkennen muss, das Wahnsinn eine Krankheit ist, von der man nicht geheilt, sondern nur angesteckt werden kann?“ Er bestaunte noch kurz weiter das Messer in seiner Hand, ehe er wieder Laura ansah. „Mh, was meinst du?“
Sie wusste es nicht, aber die Neugier war verzehrend.
Im Hintergrund weinte Harleen nun wie ein geschlagenes Kind und als der Joker sich umdrehte, nahm er ihr die Antwort ab:
„Es gibt nur eine Möglichkeit das herauszufinden.“


„Halt, ich gehe keinen Schritt weiter!“
Aaron Hobbs brach in Panik aus, als er das Chaos in der Eingangshalle sah, die sie soeben betreten hatten.
Die Kamera fiel ihm aus den Händen, schlug krachend am Boden auf, doch das Geräusch ging im Meer aus Schreien, Schüssen und Kampfgeräuschen unter.
Nur Alba, direkt vor ihm und ihre Begleiter drehten sich zu ihm um.
Im Gesicht des Teufels war keine Emotion zu erkennen und Albas einziges unversehrtes Auge starrte mit Gleichgültigkeit und Kälte direkt in sein Inneres auf die Angst hinab, die Aaron gefangengenommen hatte.
„Heb die Kamera auf“, sagte die Schwarzhaarige mit einer Stimme, die nicht mehr als ein Flüstern war.
Aaron schüttelte den Kopf, wagte es rückwärts ein paar Schritte zu gehen, ohne den Blick von ihr abzuwenden.
„Ich habe getan, was du wolltest. Ich habe mich nicht gewehrt, aber jetzt ist es vorbei, lass mich einfach-“
Sie machte einen großen Schritt nach vorne, schnellte in seine Richtung, wie eine Schlange, die bis jetzt gelauert hatte und nun zuschlug.
Alba trat die Kamera zur Seite, woraufhin diese über den Boden schlitterte und einige Stufen der breiten Treppe herunter polterte, die sich von einem kleinen Gang zur Eingangshalle hinabführte.
Ihre Hand griff nach seinem Hals, bekam ihn zu fassen und packte mit einer Kraft zu, die er solch zarten Fingern nicht zugetraut hätte.
„Du bist jetzt bei den wilden Tieren, Aaron“, zischte sie. „Und die einzige Aufgabe, die deine Existenz rechtfertigt, einfach so zu vernachlässigen, ist wirklich keine gute Idee.“
Wie hatte er jemals Faszination für dieses Wesen empfinden können?
Warum war er nur so töricht gewesen, um überhaupt hierher zu kommen?
Niemand bei klarem Verstand begab sich in einen Käfig voller Raubtiere, nur um ein paar nette Aufnahmen zu machen und trotzdem hatte er den Nervenkitzel nicht ignorieren können, den diese Vorstellung in ihm ausgelöst hatte.
Im Fernsehen hatten sie alle nicht so grauenhaft gewirkt, dachte Aaron und starrte angsterfüllt in die blauen Augen des Teufels. Fast so, als wären sie gar nicht echt. Als wären sie nur Schauspieler in einem Film oder Gruselgestalten aus einer Geschichte …
Aber die Freaks waren echt und sie waren grausam.
Und du bist umzingelt von ihnen.
Die dämlichen Leser seiner dämlichen Zeitung hatte er stets mit den neusten Informationen über Gotham Citys High Society der Verbrecher zum kaufen verlockt, doch keiner dieser Idioten hätte solange hier überlebt, wie er es getan hatte, keiner kannte diese Verbrecher so wie er.
Er hatte sie studiert, er kannte ihre Gesichter und Geschichten, er wusste um die Taten, die sie begangen hatten.
Du weißt, das sie auch nur Menschen sind, dies rief sich Aaron Hobbs nun mit aller Macht ins Gedächtnis. Alba ist schrecklich, sie nennt sich zwar Teufel, aber sie ist nur eine verfickte Frau und du bist ein Mann, verdammt!
In seinem Inneren formte sich so etwas wie Mut.
Er wollte hier nicht sterben, er wollte nicht so sterben.
Nein, er musste hier weg, sofort aus Arkham raus und … in seiner Panik griff er nach Albas Handgelenk und riss es zur Seite.
„Lass mich los, du verrückte Schlampe!“, schrie er und griff mit der anderen Hand nach ihrem pechschwarzen Haar.
Er bekam eine handvoll zu fassen, zerrte an den Strähnen und er erwartete sie schreien zu hören, doch Alba gab keinen Laut von sich, schlug stattdessen mit der geballten Faust auf seinen Schädel ein und ehe sich Aaron versah, rangelten sie miteinander am Absatz der Treppe.
Albas Begleiter traten hervor, doch bevor sie auch nur Aaron zu fassen bekamen, strauchelten sie beinahe, noch immer miteinander kämpfend, zur Seite und die Stufen der Treppe hinunter.
Einer der Männer konnte noch nach Aaron greifen, ergriff allerdings nur seinen Hemdsärmel und der Stoff riss mit einem Geräusch, welches ebenfalls unter Schüssen und Schreien unterging.
Aaron rollte gemeinsam mit Alba die Treppen hinunter, harte Kanten trafen seine Schulter, seine Rippen, seinen Kopf.
Zwischendurch wurde es ihm schwarz vor Augen, dann sah er einzelne Bruchstücke der Umgebung – die Eingangshalle, wie sie Kopf stand, sich überschlug, Schwärze, Füße und Beine die an ihm vorbei rannten, Schwärze, Alba die kopfüber an ihm vorbei schlitterte, wieder Schwärze …
Und als Aaron Hobbs schließlich wieder die Augen öffnete, fühlten sich seine Lider schwer an.
Schmerz dröhnte in seinem Schädel, eine Wunde an seiner Schläfe pochte und seine Oberlippe blutete.
Er lag ausgestreckt am Boden der Eingangshalle, getrocknetes Blut zierte den steinernen Boden, kreuzte sich mit noch frischen, schimmernden Blutlachen und direkt neben ihm lag die Leiche eines Patienten, durchlöchert von Einschusslöchern.
Die Augen des Leichnams starrten ihn weit aufgerissen an und sein Mund war im Moment seines letzten Schreis für immer eingefroren und schrie tonlos im Tod weiter.
Aaron stieß erschrocken die Luft aus, schreckte zurück und spürte augenblicklich die Auswirkungen des Sturzes in seinem Ellenbogen aufschreien, als er sich vom Boden aufzustemmen versuchte und dabei Knochen aufeinander rieben.
Er schrie auf und vor lauter Schmerz standen ihm die Tränen in den Augen.
Um ihn herum herrschte Chaos und es schien ihn niemand zu bemerken, weil jeder in der Eingangshalle damit beschäftigt war, seine eigene Haut zu retten.
Ein stinkender Rauch lag in der Luft, Männer rannten durcheinander, sowohl Patienten, als auch Angestellte und Polizisten.
Überall Leichen, so viel Tod.
Aaron begann bitterlich zu weinen und zu seiner Angst gesellte sich Scham.
Wäre er doch niemals hergekommen, wäre er doch nur-
Eine Hand packte ihn und Aaron drehte den Kopf reflexartig zur Seite, nur um direkt in das Gesicht von Alba Lidell zu blicken, welches durch den Sturz nur noch mehr Schaden genommen hatte.
Ihr eines Auge war blutunterlaufen, der weiße Augapfel ertrank in einem Meer aus aufgeplatzten Adern und erschien wie das Auge eines Dämons.
Ihre Lippen waren geschwollen und rot, der Verband des anderen Augen war im Fall verlorengegangen und enthüllte eine grausige Wunde, schwarz und braun verkrustet.
Aaron Hobbs schrie und war sich sicher einen wahr gewordenen Alptraum vor sich zu erblicken.
Alba riss ebenfalls den Mund auf und für einen Moment glaubte Aaron, auch sie würde schreien, doch kein Ton kam aus ihrer Kehle.
Stattdessen kam das Gesicht näher und näher, bis sich die blutigen Lippen um seine legten und er Zähne fühlte, die sich in sein Fleisch gruben.
Aaron Hobbs versuchte lauter zu schreien, doch jeder Ton, den er von sich zu geben versuchte, erstickte im Mund der Bestie, die an seinem Fleisch nagte.
Hysterisch versuchte er die Frau mit beiden Händen von sich zu stoßen, doch ihre Kiefer zerrten an seinen Lippen, rissen Fleisch und Haut auseinander und der Schmerz explodierte in Aaron Gesicht, strahlte in jeden Winkel seines Schädels und schien ihm den Verstand zu rauben.
Mit letzter Kraft, die er aufbringen konnte, stieß er ein weiteres Mal gegen Albas Schultern und der Teufel fiel nach hinten, Blut rann über ihr Kinn, über ihren Hals und ihre Brust.
Zitternd hob er eine Hand an seinen pulsierenden Mund und er fühlte schwere, klebrige Nässe, doch der Rest seines Gesichts fühlte sich taub an.
Seine Finger ertasteten eine große, fleischige Wunde dort, wo sich einst seine Lippen befunden hatten und sein Kopf begann sich zu drehen.
Nein.
Nicht möglich.
Oh mein Gott.

Gedankenfetzen ohne jeden Zusammenhang und am Rande des Horrors vernahm er ein Geräusch, so laut wie ein Donnergrollen, welches einfach nicht enden wollte, direkt hinter ihm.
Aaron besaß noch die Geistesgegenwart um sich umzudrehen, als das Geräusch so nahe und laut war, das es sich zu überschlagen drohte.
Die linke Wand der Eingangshalle wurde eingerissen, Steine flogen durch die Halle, trafen Menschen und warfen sie nieder.
Im aufgewirbelten Staub der eingestürzten Wand zeichnete sich ein riesiges Gefährt ab, das sich auf großen Rädern seinen Weg in den Raum bahnte, dabei noch mehr Wand einriss und Menschen unter sich begrub, die nicht schnell genug waren, dem Panzer auszuweichen.
Aarons Ohren klingelten, sein Körper bestand nur noch aus Schmerz und wie von einem inneren Instinkt getrieben, der sich seiner Kontrolle entzog, stand er auf und wankte, einem Geist nicht unähnlich, durch die Trümmer und über die Leichen hinweg, durch die Eingangshalle.
Vorbei an dem riesigen Panzer, vorbei an der eingestürzten Wand, hinaus auf den Hof der Anstalt.
Die Nacht war eingebrochen und der Wind wehte ihm eiskalt ins Gesicht, berührte mit frostigen Fingern die Wunde, zu der sein Mund geworden war und irgendwo schrien Menschen.
Auch die Anstaltsmauern waren eingerissen worden, jenseits der Mauern blinkten Lichter, Menschen liefen aufgeschreckt herum, doch Aaron nahm nichts davon wirklich wahr.
Seine Augen sahen, doch sein Verstand war auf eine einzige Sache konzentriert: überleben.
Ein Fuß vor den anderen setzend, mehr wankend und strauchelnd, als wirklich laufend, überquerte er im fahlen Mondlicht den Anstaltshof, vorbei an weiteren Leichen.
Er stieg über die Gesteinsbrocken hinweg, durch das Loch in der Mauer hindurch, das der Panzer auf seinem Weg hindurch geschaffen hatte und trat hinaus auf die freie Grünfläche vor Arkham Asylum.
Die blinkenden Lichter der Krankenwagen, die blauen Polizeisirenen stachen in seinen Augen, doch er schirmte seine Sicht nicht ab.
Tränen brannten in seiner Wunde, als sie seine Wangen hinabliefen, doch er wischte sie nicht ab.
Eine Hand berührte Aaron an der Schulter, wollte ihm am weitergehen hindern.
„Sir“, eine Stimme, nahe bei ihm. „Sir, Sie sind verletzt, komm-“
Aaron wischte die Hand beiseite und torkelte weiter.
„Sir, ich-“
Er ging weiter und weiter.
Im Chaos der Ereignisse war er nur ein Gesicht von vielen und er bahnte sich seinen Weg durch die Rettungssanitäter, Reporter und Polizisten hindurch, ließ sie alle hinter sich und ging weiter.
Immer weiter, bis Arkham Asylum hinter ihm tief in der Dunkelheit der Nacht verschwand und er nicht einmal mehr die Rauchschwaden sehen konnte, die von der zerstörten Anstalt zu einem pechschwarzen Himmel aufstiegen, an dem es keine Sterne gab.


Er riss sie gerade noch rechtzeitig beiseite, als die Tür aufgestoßen wurde und das Feuer eröffnet wurde.
Lily Curtis schrie, als sie hart gegen eine Wand gestoßen wurde und sich das Kinn anstieß, als sie am Boden aufschlug.
Ihr Mund schmeckte nach Kupfer, ihre Zunge pulsierte, als wäre sie von einer Wespe gestochen worden.
Die Luft roch nach Qualm und Schießpulver und aus dem Augenwinkel heraus sah sie Patienten stehen, als Jonathan sie auch schon wieder auf die Beine zog und mit sich zerrte.
„Schnell“, zischte er gehetzt und ihre Beine bewegten sich von allein.
Sie hatte Angst, denn die Patienten schienen die Anstalt nun endgültig an sich gerissen zu haben und sie waren ebenso hinter Jonathan wie auch hinter Lily selbst her.
Sie rannten den Gang entlang und inzwischen war sich Lily nicht mehr sicher, auf welcher Etage sie sich befanden.
Rechts herum, links herum, eine Treppe hinab.
Nur Jonathan Crane allein schien nie die Orientierung zu verlieren, wie er da anstellte, wollte sich Lily nicht erschließen.
Die trommelnden Schritte der Patienten hinter ihnen und ihre Schreie nahmen nicht ab.
Oh Gott, sie folgen uns, sie werden uns kriegen!
Erneut zerrte sie Jonathan am Arm mit sich, als er eine Tür aufstieß und sie mit sich hinein in den Raum zog, dessen Tür er sofort zu sperrte, in dem er eine Sitzbank davor schob.
Lily schreckte zurück, als die Patienten von außen gegen die Tür schlugen, die sichtlich unter den Bemühungen der Männer zu vibrieren begann.
Nur am Rande bemerkte sie, das sie sich in den Warteraum für Besucher des Asylums verbarrikadiert hatten.
Es war ein kleiner Raum auf dem zweiten Stockwerk, der noch unberührt schien.
Alle Möbel standen an Ort und Stelle, keine Verwüstung, kein Tod.
Beinahe hätte sie erleichtert durchgeatmet, wären da nicht die Patienten gewesen, die weiterhin gegen die Tür schlugen.
Sie sah neben die Tür und sah, das sich Jonathan auf den Boden gesetzt hatte und schwer atmete.
Er atmete nicht nur schwer vor Erschöpfung, erschloss es sich Lily schnell, als sie die Art sah, wie er die Hand an seine rechte Schulter hob und dabei schmerzverzerrt das Gesicht verzog.
„Oh Gott“, stöhnte sie und ging direkt vor ihm in die Knie, um de Verletzung genauer zu begutachten.
An seiner Schulter tränkte sich der Stoff seines Overalls langsam aber sicher mit Blut, es rann durch seine Finger hindurch, die er an die Stelle presste und seine Brust hob und senkte sich unter gequälten Atemzügen.
Ihre Blicke begegneten sich und Jonathans Gesicht war fahl wie die Wand hinter ihm.
„Haben mich wohl erwischt“, ächzte er mit einem gezwungenen Lächeln und schluckte schwer.
„Es tut mir so leid, Doktor“, entgegnete Lily und war überrascht, als sie die aufrichtige Trauer vernahm, die in ihren Worten mitschwang.
„Das muss es nicht.“ Jonathan berührte ihre Wange und eine Träne traf seine blutverschmierte Hand, die sich heiß und feucht auf ihrer Haut anfühlte. „Ich hätte mir gewünscht, wir hätten es beide nach draußen geschafft.“
Sie schüttelte den Kopf.
„Wir können es noch immer schaffen, wir-“
„Nein, glaub mir, Lily. Ich werde nirgends hingehen.“ Er seufzte und Schmerz mischte sich in sein Lächeln. „Aber dort am Fenster gibt es eine Feuerleiter. Sie führt nach draußen auf den Hof. Wenn die Polizisten sie sehen, werden sie nicht schießen.“
Sie hörte die Schüsse jenseits des Fensters, sie hörte die Schreie und Polizeisirenen.
Sie konnte in der Dunkelheit sogar sanft das Licht von Scheinwerfern erkennen, währenddessen es hier im Raum stockdunkel war.
Doktor Crane streichelte sanft ihre Wangen und inzwischen waren seine blauen Augen glasig geworden und es tat weh ihn so zu sehen, es tat weh, ihn so zu verlieren.
Lily zerrte an seinem Overall.
„Kommen Sie mit mir, Doktor, bitte“, flehte sie und zuckte zusammen, als die Sitzbank ein Stück verrutschte, als die Patienten weiter die Tür malträtierten. „Man wird nicht auf Sie schießen, wenn ich dabei bin. Das würden die Polizisten nicht riskieren, wir-“
Er zog sie zu sich heran und ließ sie mit einem Kuss verstummen, der nach Blut und Abschied schmeckte.
Ihr Herz hämmerte so laut, das es das Poltern jenseits der Tür übertönte und in diesem Moment war es egal, was er war und was sie selbst war.
Lily dachte daran, wie sie ihm zum ersten Mal gesehen hatte, als sie zum Bewerbungsgespräch nach Arkham Asylum gekommen war.
Wie einschüchternd Doktor Crane hinter seinem Schreibtisch gewirkt hatte, wie sie ihn nicht nur als Chef sondern auch als Patient kennengelernt hatte und das der Ort ihres Kennenlernens nun sein Grab werden würde.
Es brach Lily Curtis das Herz und der Schmerz war so klar und stechend, das sie die Tränen nicht länger zurückhalten konnte.
Jonathan beendete den Kuss, doch er hielt ihr Gesicht fest und wischte die Tränen beiseite.
„Du musst noch einmal so tun, als wäre ich dein Vorgesetzter, Lily“, sagte er mit einem matten Lächeln. „Du musst tun, was ich dir jetzt sage, in Ordnung?“
Sie presste die Lippen aufeinander und konnte nur weinen.
Wieso, wieso nur?
Wieso musste sie den einzigen Menschen verlieren, dem ihr Überleben nicht egal gewesen war?
„Sei ein tapferes Mädchen und gib mir meine Maske.“
Sie griff nach der Maske, die ihm heruntergefallen war.
Der Stoff war rau und ungewöhnlich schwer.
„Zieh sie mir auf.“
Seine Stimme wurde immer schwächer und Lily, noch immer stumm vor Trauer, strich das schwarze Haar des Doktors glatt, strich über sein Gesicht, dachte dabei: sein liebes Gesicht, seine schönen Augen und zog ihm die Maske über den Kopf, was ihr einen weiteren Stich direkt in die Brust versetzte, weil sie dieses Gesicht nun nie wieder sehen würde.
Jonathan ist nicht mehr.
„Sehr gut, Lily“, erklang es gedämpft unter dem Stoff. „Und jetzt hilf mir auf.“
Sein Körper war schwer und träge, als sie ihm dabei half, auf die Beine zu kommen und alleine zu stehen kostete Jonathan all seine Kraft, wie Lily schweren Herzens erkannte.
Die Verletzung an seiner Schulter blutete nur noch schlimmer, als er seinem Körper diese Anstrengung zumutete und das Blut floss ungehindert, als der Doktor die Hand von der Wunde nahm.
Die Sitzbank würde die Patienten nicht mehr lange aufhalten, die inzwischen mit scharfen Gegenständen der Tür zusetzten, aus der langsam aber sicher große Splitter herausbrachen.
Lily hörte, wie Jonathan tief Luft holte und um Fassung rang.
„Und jetzt“, fuhr er fort. „Musst du so tun, als hättest du Angst vor mir. Du musst weglaufen, kleine Lily und darfst nicht zurück sehen.“
„Dokt-“
Sie griff nach seiner Hand, doch Jonathan schlug sie beiseite.
„Mach das Fenster auf und geh, los! Sei nicht dumm, Lily. Lass mich meine Entscheidung nicht bereuen.“
Sie wollte irgendetwas sagen, doch es gab kein Wort in keiner Sprache dieser Welt, das ihre Dankbarkeit und ihr Leid hätte ausdrücken können.
Lily schluckte den Kloß in ihrem Hals herunter und meinte unter Tränen: „Lebewohl, Jonathan.“
Für eine Antwort war keine Zeit, die Patienten hackten mit Äxten auf die Tür ein, die kurz darauf auch schon nachgab und aus den Angeln gerissen wurde.
„Los!“, schrie Jonathan sie an und Lily rannte zum Fenster, riss es auf und tastete blind in der Dunkelheit nach der Feuerleiter, als der Doktor den Raum auch schon mit Angstgas flutete und er zusammen mit den übrigen Patienten in einem dicken, undurchsichtigen Nebel verschwand, in dem es nur Schreie und Angst gab.
Lily fand die Leiter, schwang sich aus dem Fenster und kletterte die eiskalten, stählernen Sprossen hinab, als die Schreie im Nebel ihren Höhepunkt erreichten, Kampfgeräusche sich vermischten und sich schließlich eine Grabesstille ausbreitete, die nur eines bedeuten konnte.
Vor lauter Tränen sah sie rein gar nichts mehr, doch sie kam sicher am Boden an und stand nun in Mitten des Hofes von Arkham Asylum.
Die Mauer zu ihrer rechten Seite war fast komplett zerstört, Geröll lag überall verteilt und auf der Grünfläche jenseits der Anstaltsmauern, sah sie Polizeiwagen stehen.
Lily rannte los, blind vor Tränen, müde vor Schmerz und Anstrengung.
Ein Mann in Polizeiuniform stand bereits am Rande der eingestürzten Mauer bereit, reichte ihr eine Hand und half ihr über die Trümmer hinweg.
„Miss, sind Sie ernsthaft verletzt?“
„Ich … ich“, stotterte sie perplex los, schaute zurück zum offenstehenden Fenster, in ihrem Herzen noch immer die leise Hoffnung, der Doktor könnte ihr doch noch folgen.
„Sie bluten.“ Der Polizist berührte ihr Kinn, doch Lilys Kopf war zu sehr damit beschäftigt, dass Vergangene zu verarbeiten, um seinen Worten richtig folgen zu können.
Er nahm sie bei der Hand.
„Kommen Sie, ich bringe Sie zu einem Krankenwagen.“
Überall waren Menschen, viele Polizisten, aber auch Reporter und Sanitäter.
Der Polizist führte sie durch die Menschenmenge und ein Rettungshelfer in greller Weste nahm sie entgegen, half ihr beim einsteigen in den hinteren Teil des Fahrzeuges und platzierte sie direkt auf der Trage, ehe der Polizist von außen die Türen schloss und Arkham Asylum aus ihrem Blickfeld verschwand.
Im Inneren des Krankenwagens lag Lily Curtis zitternd auf der Trage.
Sie wusste nicht, ob sie fror oder müde oder noch verängstigt war, ihr Körper zitterte, ohne das sie es steuern konnte.
Der Sanitäter beugte sich direkt über sie und sein Lächeln war tröstlich.
„Haben Sie noch andere Verletzungen, als die am Kinn?“
Sie schüttelte den Kopf, zu mehr war Lily nicht in der Lage.
Jonathan, oh Gott.
Mehr Tränen liefen über ihr Gesicht und ihre Lippen vibrierten bei der Erinnerung an einen Kuss, der sie für immer heimsuchen würde.
„Shhhh“, meinte der Sanitäter mitfühlend und tätschelte sanft ihre Wange. „Alles ist gut, du bist in Sicherheit, Lily.“
Ihr Gehirn realisierte erst einige Sekunden später, das der Fremde sie soeben mit ihrem Vornamen angesprochen hatte.
Woher kennt er meinen Namen?
Sie war sich sicher ihn noch nie zuvor gesehen zu haben und dennoch …
Seine Stimme … sie klingt vertraut.
Zu spät, viel zu spät, erkannte Lily die Stimme wieder.
Ihr vermeintlicher Helfer hatte bereits zu einer Spritze gegriffen, die er ihr in den Arm gestochen hatte, ohne dabei große Schmerzen zu verursachen.
Wieder tätschelte er ihre Wange, wieder lächelte er und wieder sprach er mit ihr, wie schon so viele Male zuvor, dieses erste Mal jedoch von Angesicht zu Angesicht und nicht mehr über Telefon:
„Keine Sorge, Lily. Jetzt bin ich ja bei dir.“
Der Tag hatte zu viel Kraft gekostet, um sich noch gegen die Schläfrigkeit zu wehren, die sich bleiern in ihren Gliedern ausbreitete und sie in die Dunkelheit zog.
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