Amnesia - eine dunkle Erinnerung

KurzgeschichteAngst, Horror / P18
Alexander von Brennenburg Daniel
21.03.2014
27.04.2014
3
3.634
1
Alle Kapitel
1 Review
Dieses Kapitel
1 Review
 
 
21.03.2014 1.580
 
Ein zitternder, schweißnasser Körper wand sich unter den weißen Bettlaken wie im Todeskampf. Ein heiserer Schrei kam über die rissigen Lippen des jungen Mannes, der so schwer atmete, als würde er um sein Leben rennen. Seine Stimme wurde nun zu einem erbärmlichen Wispern.

„Bitte…. Bitte, nein… lass mich…“

Doch sein unsichtbarer Peiniger schien dem Flehen keine Beachtung zu schenken, denn der Mann begann wild um sich zu schlagen und krallte sich mit der Kraft der Verzweiflung an das Daunenkissen, aus dem bereits einige weiche Federn aus von Fingernägeln zugefügten Rissen quollen.

Der Ältere hatte genug gesehen. „Daniel?“

Sofort fuhr der Angesprochene keuchend aus seinem unruhigen Schlaf hoch. „Was!?“

Langsam begann er zu begreifen, wo er sich befand, und dass er nicht mehr von einem namenlosen Schrecken verfolgt wurde – zumindest für den Moment. Dennoch konnte er den gehetzten Ausdruck nicht aus seinem Blick verbannen. Seine Augen irrten zunächst verwirrt durch das edel eingerichtete Zimmer, bevor sie an einem vertrauten Gesicht hängen blieben.

„Du hast noch immer Albträume, wie ich sehe“, stellte Daniels Gegenüber besorgt fest, allerdings nicht ohne eine Spur Hohn in der Stimme.

Daniel atmete einmal tief durch und richtete sich gegen das dunkle Holz des Bettgestells gelehnt auf, bevor er antwortete. Einerseits war er froh, dass der Baron von Brennenburg  ihn vor dem grausamen Ende seines Traumes bewahrt hatte, andererseits  kam er sich lächerlich vor. Ein kühler Schweißfilm überzog seine Haut und er zuckte bei dem leisesten Gedanken an seine furchtbare Vision zusammen.
„Ja, ich werde sie nicht los. Sie kommen Nacht für Nacht“, erwiderte der junge Mann schließlich wahrheitsgemäß. Tatsächlich begann er sich bereits vor dem Schlafen selbst zu fürchten und hielt sich abends mit Alexanders exotischer Lektüre so lange wach wie möglich.

„Wir werden dem ein Ende bereiten. Du wirst schon sehen“, sagte dieser. Die Überzeugung mit der er sprach, vermochte Daniels Gemüt ein wenig zu beruhigen, was allerdings auch an der ungewohnten Gefühlsregung in Alexanders Miene hätte liegen können. Der ältere Mann lächelte ehrlich, wenn auch dünn.

Dies veranlasste Daniel endlich die Frage zu stellen, die ihn beschäftigte, seit er im düsteren Schloss angekommen war: „Aber wie lange noch? Wie lange werde ich noch mit dieser ständigen Angst leben müssen?“ Noch bevor sie gänzlich ausgesprochen waren, bereute er seine Worte bereits. Er hatte beherrscht klingen wollen, doch stolperten sie nur so aus seinem Mund und reflektierten die zunehmende Hoffnungslosigkeit seiner Lage.

Alexanders Züge wurden weicher und er nahm einen Tonfall an, als würde er ein törichtes Kind tadeln, das nicht einsehen konnte, dass eins und eins zwei ergeben. „Du musst geduldig sein, Daniel. Schon sehr bald werden wir den Schatten vertreiben können. Vorausgesetzt du trägst deinen Teil dazu bei.“

Dieser „Teil“  bereitete ihm Unbehagen und Übelkeit, aber er wusste, dass es nötig war. Es rettete sein Leben und er hatte das Leben schließlich mehr verdient als sie, oder?

Daniel nickte langsam, fast schon tranceartig.
Der Baron erhob sich von der linken Bettseite und wandte sich zum Gehen. An der schweren Eichentür angelangt zögerte er kurz und drehte sich noch einmal zu seinem Schützling um, der nun die Beine aus dem Bett hängen ließ. „Ach, Daniel, ruhe dich noch etwas aus. Ich erwarte dich in zwei Stunden in meinem Studierzimmer.“

Erneut brachte der Angesprochene nur ein schwaches Nicken zustande, begleitet von einem unbestimmten Laut, den man ohne die Geste nicht hätte deuten können.

Zufrieden verließ der Herr zu Brennenbrug das Gästezimmer und schloss die Tür nahezu lautlos.

Daniel seufzte ein letztes Mal vernehmlich, bevor er schließlich gänzlich aufstand. Zunächst fiel es ihm schwer, sich auf den Beinen zu halten und er drohte umzukippen, doch er bekam glücklicherweise die Kante einer niedrigen Kommode zufassen. Nun bewegte er sich vorsichtig zum Fenster, dessen halbgeöffnete Vorhänge er vollständig beiseite zog. Überrascht von der jähen Helligkeit des neuen Tages blinzelte er. Das gleißende Licht trieb im die Tränen in die Augen. Er bedeckte sie unbeholfen mit seinem Unterarm und wankte einige Schritte zurück.

Nach einer Ewigkeit – so kam es dem jungen Mann vor – gewöhnte er sich an die Intensität der Sonne. Es musste schon fast Mittag sein. Diese Tatsache beunruhigte ihn zutiefst. Hatte er tatsächlich so lang im Reich er Träume – nein, Albträume – verweilt? Normalerweise erwachte er bereits früh aus diesen Schreckensszenarien und konnte danach schwerlich wieder in den Schlaf finden.

Mit einer unwirschen Handbewegung verwarf er diese finsteren Gedanken, bevor sie ihn vergifteten, wusch sich und kleidete sich an. Es blieb ihm noch beträchtlich viel Zeit, bis zu seinem Treffen mit Alexander. So beschloss Daniel, sich erneut in der riesigen Residenz des Barons umzusehen. Bisher hatte man ihm dies nicht untersagt und obwohl er bereits eine Woche hier war, konnte er nicht behaupten, jeden Winkel des stolzen Schlosses zu kennen.


So trat er hinaus in die hell erleuchtete Hintere Halle und schlenderte gedankenverloren die Steintreppe hinunter zum reichverzierten Brunnen. Er wurde von der seltsamen Statue eines fliegenden Fisches mit menschlichem Gesicht geschmückt. Daniel hatte ein vergleichbares Tier noch nie zuvor gesehen, der Baron hatte ihm ausweichend erklärt, es handele sich dabei um ein Glückssymbol seiner Heimat. Doch hatte er ihm auch zu verstehen gegeben, keine weiteren Fragen zu stellen, denn es gäbe weitaus Wichtigeres, um das sie sich zu kümmern hätten.

Daraufhin hatte der Jüngere seine Neugierde gezügelt, trotzdem hatte er das Geheimnis um die Herkunft seines Gastgebers noch längst nicht vergessen. Alexander von Brennenburg versteckte vieles hinter seiner Maske der Gleichgültigkeit, dessen war sich Daniel bewusst, jedoch vermochte er nicht zu ergründe, was. Noch nicht.

Warum zum Beispiel half ihm der Schlossherr überhaupt? Seine Liebe zur Wissenschaft und zum Okkultismus konnten nicht die einzigen Gründe sein. Hatte er einfach nur ein gutes Herz? Nein, er musste auf irgendeine Art und Weise von Daniels Anwesenheit und den dadurch resultierenden Umständen profitieren…

Der junge Mann wandte sich jäh vom stetig plätschernden Brunnen ab und schüttelte bestimmt den Kopf. Es stand ihm nicht zu, so über den Baron zu denken. Er hatte ihm geholfen, auf mehr als nur eine Weise. Daniel sollte ihm dankbar sein und seinen Anweisungen bedingungslos folgeleisten.

Bisher hatte er es immer getan, auch wenn ihm das Foltern anfangs sehr widerstrebte. Aber daran konnte man sich gewöhnen, schließlich verdienten die Gefangenen ihr Los. Sie hatten es sich selbst zuzuschreiben! Mit diesem Gedanken im Hinterkopf belustigten ihn ihre vergeblichen Hilferufe fast schon.

Nun lenkte er seine Schritte in Richtung Studierzimmer. Er war viel zu früh, das war ihm klar, jedoch wusste er sonst nichts mit seiner Zeit anzufangen und fühlte sich bereits für das Kommende gewappnet. Außerdem – so musste er sich selbst eingestehen – fühlte er sich in Alexanders Gegenwart sicher. Der Mann strahlte eine solche Stärke und gleichzeitig Ruhe aus, dass es schien, als könne kein Schatten der Welt ihm etwas anhaben.

Vor der edel vertäfelten Tür hielt er kurz inne. Er wollte seinen zuvorkommenden Gastgeber auf keinen Fall stören. Dann zuckte Daniel mit den Schultern, um alle Einwände beiseite zu wischen, und klopfte bestimmt gegen das Eichenholz, bevor er umsichtig das Studierzimmer betrat. Etwas unsicher räusperte er sich. „Verzeiht bitte die Störung, Alexander.“

Der Herr zu Brennenburg hob den Kopf von einem Pergament, welches er halbbeschrieben hatte und blickte den Ankömmling mit einer Mischung aus Überraschung und Zufriedenheit an. „Daniel, ich hatte dich erst in einer Stunde erwartet. Tritt ein!“
Der Angesprochene tat wie geheißen und schloss die Tür sachte hinter sich, darauf bedacht, jedes laute Geräusch zu vermeiden. „Also, was führt dich so früh zu mir? Gibt es ein Problem?“, hakte der Ältere nach und erhob sich von seinem Schreibtisch.

„Nein, im Gegenteil. Ich… Ich bin bereit.“, antwortete Daniel und hoffte, seiner Stimme einen festen Klang verliehen zu haben, „Wir müssen keine Rücksicht auf meine Verfassung nehmen.“

„Dein Tatendrang ist geradezu bewundernswert, Daniel“, entgegnete Alexander mit hochgezogenen Brauen, „aber wenn sich dein Geist noch immer in einer dermaßen schlechten Verfassung befindet wie nach deinem Erwachen, kann ich deine Hilfe nicht gebrauchen.“

„Wenn ich es doch sage, ich bin wieder völlig wohlauf und bereit, mit der Arbeit fortzufahren“, erwiderte der Jüngere leicht gekränkt. „Der Schatten ruht auch nicht“, fügte er bestimmt hinzu, als würde diese Feststellung alle Gegenargumente mühelos entkräften.

Erneut lächelte der Baron auf jene seltsame Art und Weise. „Nun gut, ich hätte nicht an deiner Entschlossenheit zweifeln sollen“, sagte der Schlossherr mit ruhiger Stimme, während er den Jüngeren eingehend musterte. Ein so rasches Einlenken überraschte Daniel, dem es zu spät gelang, seine Erleichterung zu verbergen.
„Außerdem“, fuhr Alexander unbeirrt lächelnd fort und wandte sich von seinem Gesprächspartner ab, um seinen Blick zum ausladenden Fenster schweifen zu lassen, „ist deine Furcht auch nur verständlich. Du hast gesehen, was mit jenen geschieht, die dem Schatten im Weg stehen.“

Daniel konnte nur schwer schlucken. Ja, er hatte es gesehen. Schlimmer noch, er hatte gewusst, er hatte in die Gesichter dieser Menschen geblickt und gewusst, was geschehen würde. All die Toten, die für seine Neugierde hatten sterben müssen.

Seine Gedanken mussten ihm mehr oder minder ins Gesicht geschrieben stehen.

„Kein Grund schwach zu werden, Daniel. Ich kann deine Lage durchaus nachvollziehen, glaub mir“, fügte er freundlich hinzu. Dann seufzte er leise und sprach mehr zu sich selbst: „Wir haben uns alle mit Schuld beladen…“
Die plötzliche Bitterkeit in der Stimme des Barons verwunderte Daniel. Nie zuvor hatte der Ältere ihm einen Einblick in seine Gefühlswelt gewährt. Dieses erste Mal war sicherlich nicht geplant gewesen, davon war der Engländer überzeugt.

„Und nun komm, es gibt noch einiges zu tun.“

Damit öffnete Alexander bestimmt die Tür und schritt mit erneut glatter und undurchdringlicher Miene an dem irritierten Daniel vorbei.
Review schreiben