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Matthieu

KurzgeschichteDrama, Familie / P16 / Gen
20.03.2014
20.03.2014
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Matthieu:

Mein fünfzigster Geburtstag, doch aufgrund der vielen menschlichen Gäste tarne ich es als meinen dreißigsten. So sollte mir ausreichend Zeit bleiben, um mich etablieren und manifestieren zu können, bevor die Leute sich wegen meiner ewigen gleich glatten Haut wundern können. Etwas mehr als drei Jahre bin ich nun schon in Paris und es hat sich wirklich gelohnt. Die Ventrue hier haben viel mehr Verständnis für meine Vorgehensweise. Auch wenn ich einige Konkurrenten von meiner Stellung überzeugen musste, sie bestechen oder vom Markt drängen musste, ist meine Position gefestigt. Mitglieder aller gesellschaftlichen Clans treten an mich heran und kaufen sich bei mir die Lösung ihrer Probleme. Gerade die Toreador Regierung tut sich selbst etwas schwer mit diesem Geschäftssinn, stellt aber selbst viele Ansprüche an die sie umgebene Welt. Bauvorhaben, Öffnungszeiten, Abmahnungen, Gesetzesänderungen. Ich kann diese Wünsche in die Wege leiten oder kenne andere, die das können. Diese wiederum natürlich auch mit Hilfe von Geld, aber ich wäre nicht ich selbst, wenn ich nicht mit Gewinn aus dem Handeln heraustreten würde. Meine Kunden sind zufrieden und meine menschlichen Freunde vertrauen mir. Nicht ohne Grund ist selbst der Bürgermeister und viele andere städtische Mitarbeiter gehobenen Ranges mit auf meiner kleinen Veranstaltung.
Doch auch Kainiten sind natürlich hier und mit einem Lächeln schüttelt mir mein treuester Toreador-Kunde die Hand und deutet dann in den Eingangsbereich des Festsaales. Da ist sie, in ihrer ganzen prachtvollen Anmut. Musik beginnt zu spielen und meine sicher an die hundert Gäste werden stumm. Sie sieht mich an, ihr zartes Lächeln verzaubert mich ein wenig. Auch wenn ich natürlich weiß, dass das Geld sie zum Lächeln bringt. Doch bei wem ist das nicht so? Sie tanzt eine Weile verschiedenste Figuren, bei denen ich mir auf jeden Fall das Rückgrat brechen würde. Dann fordert sie mich auf, zu ihr zu gehen, und fast etwas widerwillig lasse ich mich darauf ein.


Celine:

Ich betrete den Saal, es ist wie immer. Nun ja, etwas pompöser vielleicht. Ein Ventrue feiert mal wieder sich selbst und ich bin die Kirsche auf der Sahnetorte. Die Musik spielt auf und das wohltrainierte Lächeln ziert meine Wangen. Es sind viele Leute hier, mehr als üblich. Und ich bemerke ihr Staunen, ihre Verzückung. Minute um Minute werde ich hingebungsvoller und die Musik ein Fluss, dem ich am Ufer artig folge. Der große schwarzhaarige Mann ist die Person des Abends, ich muss ihm das Gefühl geben, dass ich nur für ihn tanze, nur wegen ihm hier bin. Was ja teilweise auch stimmt, doch mein Primogen war es, der mich hierzu fast schon nötigte. Was ist an diesem Kerl so wichtig, dass sogar der Primogen meinen Einsatz wünscht?
Zur zweiten Ouvertüre locke ich ihn zu mir. Steif wie ein Brett erhebt er sich, er hat kein Gefühl für Rhythmus und Melodie. Doch das ist nicht wichtig. Er steht in der Mitte des Raumes und ich umstreife mit meinem Seidenoberteil seine Schultern. Lehne mich ab und zu an ihn und bemerke zufrieden, dass es ihn nicht gerade kalt lässt. Da kann er noch so sehr auf harten Geschäftsmann machen, bei mir gehen sie meistens in die Knie.


Matthieu:

Endlich habe ich diese Peinlichkeit hinter mich gebracht. Die Kleine ist süß, keine Frage. Aber dennoch möchte ich nicht wegen Inkompetenz im Mittelpunkt stehen. Kaum ist die Musik verstummt, bitte ich sie zu mir an den Tisch. Sie interessiert mich. Schnell habe ich natürlich erkannt, dass die Bewegungen für sie nicht anstrengend sind. Sie atmet nicht, also muss sie untot sein. Und ich setze tausend Euro, dass sie eine Toreador ist. Für einige Minuten stimmt sie meinem Wunsch zu und setzt sich zu mir. Doch da kommen schon die nächsten Gratulanten und einer schüttelt mir besonders überschwänglich die Hand und wünscht mir alles Gute.
„Das meinte er nicht ernst. Er hasst Sie eigentlich.“
„Was?“ Ich blicke zu ihr. Wie nebenbei hat sie diese Aussage getätigt und schlingt gerade ihre seidenen, fast durchsichtigen Stoffe um sich.
„Er ist ein Heuchler. Wenn Sie an der Klippe stehen, ist er der erste, der Ihnen einen Stoß versetzt.“
Ich blicke Elias hinterher. Könnte sie Recht haben? Er war mir nie besonders aufgefallen. Ein Ventrue, vielleicht seit einem Jahr Neugeborener. Sägt er heimlich an meinem Stuhl?
„Woher wissen Sie das, Madame?“
„Ich heiße Celine. Und ich kann es sehen. Eine Gabe, wenn Sie es so wollen.“
Meine Gedanken rasen und die Möglichkeit, die sich mir hier gerade auftut, beflügelt mich so sehr, dass ich schwungvoll aufstehe und sie mit mir ziehe.
„Was soll denn das?“, fragt sie dementsprechend aufgebracht. Doch als ich ihr im Nebenraum, in aller Stille meine Idee erörtere, wirkt sie nicht mehr so ablehnend. Meine Begleiterin, die mich vor falschen Partnern warnen soll. In Menschen liest und mir sagt, ob ich ihnen endgültig vertrauen kann. Und das Gehalt, das ich nebenbei erwähne, lässt sie dann ganz umstimmen. Ab jetzt sind wir Partner.

Monatelang haben wir wunderbar mit einander kooperiert. Sie sagt mir, wem ich trauen kann und ich sorge dafür, dass sie nicht mehr für jeden Tölpel tanzen muss. Selbst kleine Beobachtungsaufgaben kann sie übernehmen. Sie beschattet erfolgreich und das eine oder andere Geheimnis kam zutage, ohne dass ich einen Nosferatu dafür bezahlen musste. Ein sehr praktisches Bündnis. Doch heute Abend ist etwas anders. Sie trägt ein auffällig aufreizend rotes Kleid und schaltet einfach die Musikanlage in meinem Wohnzimmer an, nachdem sie mir von der letzten Person berichtet hat. Sie kennt sich gut bei mir aus, sie ist der häufigste Gast in meinen vier Wänden. Und ich gebe zu, ab und an verdreht sie mir ein wenig den Kopf. Doch nun steht sie plötzlich da, nach Wochen der geschäftlichen Beziehung und beginnt unerwartet, mit den Hüften zu kreisen. Leise Bewegungen, feingliedrig und sanft, federn sie über das teure Parkett. Ich schlucke kurz trocken und lasse den Stift sinken. Ich kann meine Augen nicht von ihr lösen. Wie damals auf der Feier, nur, dass wir jetzt ungestört sind.
„Matthieu, findest du mich schön?“
„Warum fragst du das, Celine?“
Sie kommt näher auf mich zu, legt eine Hand in meinen Nacken und bewegt weiter schlängelnd ihre Beine.
„Ich finde dich nett, Matthieu. Du bist so ruhig und gewissenhaft. Du gibst mir das Gefühl, wichtig zu sein und ich würde mich freuen, wenn deine Augen mich gerne betrachten.“
„Celine, du weißt genau, dass ich darauf nicht sonderlich viel Wert lege.“
„Dein Körper sagt etwas anderes, Chérie.“ Mit einem Lächeln deutet sie auf meinen Schritt und ich könnte vor Scham im Boden versinken. Solch eine Hingabe zu einer Frau habe ich seit Jahren nicht gefühlt, so unerwartet, dass mein Verstand es noch nicht wirklich begriffen hat.
„Also, findest du mich schön?“ Sie tanzt wieder etwas von mir fort und kurz muss ich mich räuspern.
„Ja, Celine, das weißt du doch eigentlich.“
„Ich will es aber hören. Möchtest du mich gerne anfassen?“
„Was? Das geht doch nicht. Wir arbeiten doch zusammen!“ Ich versuche krampfhaft, die Erregung wieder zu unterbinden, doch es funktioniert nicht. Ihr Anblick duldet diesen Versuch nicht.
„Man kann Arbeit auch durchaus mal mit etwas Spaß verbinden, Matthieu. Und ich sehne mich gerade sehr nach etwas Spaß. Du nicht?“
Mit großen Augen sehe ich sie an. War das gerade eine Einladung zum…?
Sie wartet meine Antwort nicht ab, sondern kehrt wieder zu mir zurück. Ihre weichen Arme legen sich um meinen Hals und ich fühle volle Begierde, wie sie sich auf meinen Schoß setzt.
„Willst du mich, Matthieu? Bitte sage es mir.“
„Ich… ich denke nicht, dass…“
Ihre Lippen berühren die meine und ihr leichter Geschmack nach Rosen und Lust lassen mich ganz meine Abscheu vergessen. Ich küsse sie zurück, umfasse sie, fühle sie.
„Sag es, Matthieu.“ Sie flüstert leise, doch beharrlich auffordernd.
„Ich will dich, Celine. Ich will dich!“
Ihr Lächeln wirkt sehr zufrieden und mit einem gekonnten Griff beugt sie mich seitlich auf die Couch. Das erste Mal finden wir so zusammen, doch es soll nicht das letzte Mal bleiben. Es sind besondere Augenblicke, für die ich sie auch besonders beschenke. Ich weiß, dass es ein Klischee ist, doch ich bin dankbar für dieses intime Glück, vor dem ich keine Angst haben muss. Pelz und Schmuck, Reisen und eine neue Wohnung. Dinge, die ich ihr finanziere, damit sie weiterhin so perfekt für mich bleibt. Es ist keine Liebe, es ist Freundschaft mit einer ganz besonderen Note.
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