Matthieu

KurzgeschichteDrama, Familie / P16
20.03.2014
20.03.2014
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[de]„Freust du dich, Matti? Gleich sind wir bei Oma.“ Mein Papa fährt in unserem kleinen, blauen Familienauto über die Autobahn. Nur hier darf er so schnell fahren, da freut er sich immer. Mama findet das eher nicht so gut, schon oft haben sie sich dann gestritten. Zu Weihnachten, Ostern und im Sommer sind wir bei Oma in Deutschland. Und ich freue mich immer sehr.
„Oui, oui… Omaaaa!“ Ich sitze in meinem kleinen Sitz, der ist extra für mich. Papa sagt immer, da dürfen nur besonders gute Kinder drin sitzen und das ich brav sein muss und während der Fahrt nicht jammern oder weinen. Mein großer Stoffelefant, Bobo, sitzt auch neben mir. Er ist immer bei den langen Reisen dabei. Oma hat mir erzählt, dass Opa ihn mir geschenkt hat, aber ich habe ihn nie kennengelernt.
[fr]„Jetzt rase nicht so, Hermann! Du machst mich ganz nervös. Und wie oft sollen wir eigentlich noch zu deiner Mutter fahren?“ Meine Mama klingt böse und die Luft ist schon ganz stickig von den vielen Zigaretten, die sie raucht. Ich mag das nicht. Und Papa auch nicht, doch sie will es so.
„Du weißt doch, dass sie seit dem Tod meines Vaters niemanden mehr hat! Die paar Kilometer, das können wir ruhig machen.“
Wenn Papa französisch redet, klingt das immer etwas abgehackt. Aber ich habe mich daran gewöhnt. Er ist aus Deutschland, so wie Oma auch. Mama ist aus Frankreich und will auch nicht wirklich Deutsch sprechen lernen. Er ist Franzose geworden und soll es auch sein. Und wenn sie mich und Papa reden hört, wie er mir neue deutsche Wörter beibringt, schnaubt sie manchmal so komisch durch die Nase aus.
„Soll das jetzt ewig so weitergehen? Meine Eltern wollen auch mal zu Weihnachten besucht werden.“
„Du hast vier Geschwister, Angie. Sie sind nicht allein.“ Papa fährt langsamer und biegt auch endlich von der Autobahn ab. Ich freue mich schon so auf Omas tollen Käsekuchen und den Garten und…
„Matthieu kennt meine Eltern kaum und ich will vielleicht auch mal bei ihnen sein. Verdammt, Hermann! Ich habe die Schnauze voll!“
„Jetzt beruhige dich doch! Nicht vor dem Kleinen! Und er heißt Matthias, nicht Matthieu! Die eine Woche Karlsruhe, dann reden wir zuhause darüber.“
„Mama – nicht streiten!“, rufe ich laut. Sie blickt nur nach hinten und lächelt mich lieb an.
„Nein, Matti, wir streiten nicht. Wir reden nur.“ Sie lügt und ich weiß es.

„Was bist du nur gewachsen! Komm in meine Arme, Matthias!“
Ich renne auf meine Oma zu, falle ihr um den Hals. Ganz faltig ist sie und ihre Schürze duftet nach Bratensoße. Sie kocht immer ganz viel und sie weiß genau, was ich am liebsten mag.
„Ich dich lieb, Oma.“
„Das heißt ‚Ich habe dich lieb, Oma‘.“ Papa verbessert mich und ich schäme mich ein wenig. Leise flüstere ich ihr den richtigen Satz noch einmal ins Ohr und sie küsst mich auf die Wange.
„Macht doch nichts, mein Engel. Schau mal im Garten, da ist eine Überraschung für dich.“
Und als ich schon hinausrenne, höre ich nur noch, wie meine Mama meine Oma gelangweilt begrüßt und wie Papa gleich nach ihrer Gesundheit fragt. Doch die neue Schaukel im Garten bannt mich vollkommen und es dauert nicht lang, da schwinge ich mich auch schon auf sie.
„Paaaaapaaaa! Paaaapaaaa… anschubsen!“
Doch es ist Mama, die herauskommt und sie wirkt fast erleichtert. Sie zündet sich eine neue Zigarette an und kommt zu mir. Aber eigentlich will ich lieber, dass Papa das macht.
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