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Obsession

Kurzbeschreibung
KurzgeschichteDrama / P12 / MaleSlash
Berthier Celes/Eles Gwindel Kohaku Rutil
19.03.2014
19.03.2014
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Es waren viele. Zu viele.

Der Kreis um Berthier schloss sich langsam, doch Rutil konnte sich nicht bewegen. Unentschlossenheit lähmte seine Beine, während immer neue Guignol wie aus dem Nichts aufzutauchen schienen, eine endlose Flut von hungrigen Puppen. Als Berthier schließlich sein Schwert zum Hals hob, hätte er schreien mögen, doch nicht ein einziger Ton wollte seiner Kehle entweichen.

Verräter.

Das Letzte, was er sah, war Berthiers Blick, unergründlich und wild bis zum Schluss.

"Aber vergiss niemals... Dies hier ist die Strafe! Deine Strafe!"


Mit einem Ruck fuhr Rutil aus dem Schlaf hoch, direkt vor ihm die erschrockenen Gesichter von Eles und Kohaku. Er saß auf der Rückbank des Leichenwagens. In seinem Kopf rasten die Gedanken und pochten dumpf gegen seine Schläfen.

"Alles in Ordnung, Rutil?" Kohaku gelang es nicht, die Frage so unbeteiligt klingen zu lassen wie er anscheinend gewollt hatte. Rutil konnte die Besorgnis wie eine Disharmonie in der Stimme des Geigers mitschwingen hören; ein seltener Umstand, der einen unangenehmen Schauer bei ihm verursachte.

Am Fenster zog die Landschaft in rasantem Tempo vorbei. Sie waren bereits den ganzen Tag unterwegs gewesen; nun verlieh die Dämmerung der Welt einen heuchlerischen Anschein von Geborgenheit und täuschte fast über die vereinzelt in der Gegend liegenden leblosen Körper hinweg. Waren es Menschen oder Guignol? Rutil wandte den Blick ab. Mit einem Mal war ihm schlecht.

Sein feines, helles Haar zurückstreichend, zwang er sich zu einem Lächeln, ehe er seinem Gefährten antwortete: "Schon gut. Es war nur... ein böser Traum." Schon wieder.

Kohaku wirkte erst, als wollte er etwas erwidern, schien es sich dann aber im letzten Moment anders zu überlegen. Er drehte sich wortlos wieder nach vorne zu Gwindel. Wie jedes Mal.

Eles, die ihn nur aus großen Augen angestarrt hatte, musterte ihn zwar weiterhin verstohlen, doch auch sie folgte Kohakus Beispiel und schwieg.

Rutil war dankbar dafür.

Er wollte momentan mit niemandem sprechen. Er wollte nicht denken. Denn seit den Ereignissen im Kloster der Vienne gab es ohnehin nur noch einen einzigen Gedanken, der sein gesamtes Wesen für sich beanspruchte. Dieser Gedanke machte ihn krank, er war gefährlich, er durfte eigentlich nicht sein. Und trotzdem war er da, das konnte Rutil nicht leugnen.

Berthier.

Er lebte. Und er war allgegenwärtig in seinem Kopf. Rutil fürchtete ihn so sehr, wie er sich mit ihm verbunden fühlte. Ihre Zusammengehörigkeit von früher hatte sich nie wirklich aufgelöst; sie war lediglich in den Hintergrund getreten, hatte sich versteckt, hatte gelauert und brach nun wieder hervor. Eine stürmische Sinfonie unterdrückter Gefühle tobte in seinem Inneren, so laut, dass Rutil sich fragte, ob Kohaku und Gwindel nicht längst erraten hatten, was in ihm vorging.

War der Blick seines Geigers nicht eine Spur zu prüfend gewesen? Das Schweigen seines Cellisten nicht noch etwas eiserner als sonst?

Beinahe meinte er, Berthiers Lachen hinter sich zu hören, ein wenig hämisch, aber gleichzeitig so vertraut.

Wann hatte er das letzte Mal sorglos mit jemandem lachen können?

Er verzog das Gesicht und mahnte sich zur Selbstbeherrschung. Vielleicht verlor er nun endgültig den Verstand. Vielleicht forderten das Virus, die infizierten Zellen am Ende doch ihren Tribut und fraßen seine Seele. Denn Berthier war ein Monster, aber trotz allem konnte Rutil ihn nicht aus seinen Gedanken verbannen; suchte nach einer Möglichkeit ihn zu verstehen und seine Gefühle zu rechtfertigen. War er denn selbst besser? Hatte er damals nicht sein gesamtes Orchester eigenhändig umgebracht? An seinen Händen klebte nicht weniger Blut als an denen des Pianisten.  Seine Gefolgsleute waren nicht mehr menschlich gewesen zu jenem Zeitpunkt, doch es hätte nie so weit kommen müssen, wenn er keine Angst gehabt hätte. Angst um sich und um seine verlorene Schwester auf ihrem Thron, die er nicht hatte retten können.

Und schließlich hatte auch Berthier kein anderes Motiv gehabt als Angst.
Der Pianist hatte das natürlich nie zugegeben. Er hatte seine Angst stets in Form von Gewalt und Erbarmungslosigkeit gegen seine Umwelt gerichtet, gegen all jene, die Andersartigen mit Ablehnung und sogar Verachtung entgegentraten, gegen Freund und Feind gleichermaßen. Doch es war Angst gewesen, die ihn getrieben hatte, ihn letztendlich immer ein wenig zu weit getrieben hatte. Die Angst um seine Zukunft in einer Welt ohne Hoffnung. Die Angst, das einzige zu verlieren, das ihm wirklich etwas bedeutet hatte. Die Angst um ihn, Rutil. Konnte er ihm also wirklich einen Vorwurf machen?

Ja, das konnte er.
Das musste er.

Nur schaffte er es nicht.

Ein stummes Seufzen verließ seine Lippen, während er beobachtete, wie sich die letzten warmen Sonnenstrahlen langsam in der Landschaft verloren. Gedankenverloren tastete er seinen Arm entlang und biss sich auf die Lippe, als er eine wunde Stelle in Höhe seiner Schulter erreichte. Es war weniger der körperliche Schmerz, als vielmehr die Erinnerung an Berthiers Berührung, die Rutil zu schaffen machte. Wie eine Droge vernebelte sie seine Gedanken, brachte sein Herz zum Schlagen und seinen Atem zum Stillstand.

Es war eine gefährliche Obsession, von der er einerseits wusste, dass er sie bekämpfen sollte und der er andererseits schon längst bedingungslos verfallen war. Es gab kein Entkommen mehr. Er wusste es. Fühlte es. Irgendwie.

Draußen war die Sonne untergegangen.
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