Die drei Weisheiten einer Hure

von baronesse
KurzgeschichteDrama / P16
Arya Stark Jaqen H'ghar
18.03.2014
18.03.2014
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Die Wellen schwappten gegen die Kaimauer. Brackiges, dreckiges Wasser benetzte ihre Hand und zog sich wieder zurück, leckte an ihren Fingern und ließ sie allein zurück, wie ein Liebhaber, der kommt, zahlt und geht.

Die junge Frau an der Mauer starrte ihre nassen Fingerkuppen an, dann erhob sie sich und drehte sich unsicher um. Das Haus hinter ihr war eines der bekanntesten in Braavos. Es zog Kunden aus der ganzen Stadt und darüber hinaus an. Häufig kamen Seemänner zu Gast und Reisende, die im Ragman’s Harbor davon hörten und neugierig kamen. Der Happy Port war die erste Adresse in Braavos für Huren, die jeden Geschmack bedienten und jegliche Absonderlichkeiten mitmachten. Sie mochten nicht die gebildetsten Huren sein oder die schönsten, aber sicher die unterschiedlichste Mischung Frauen, die sich kaufen ließen.

Da war Bethany, die weder hübsch noch gut ausgestattet war, aber auf Kommando rotwerden konnte und den Männern vorspielte, sie würde sich gar nicht so gut auskennen, wie sie eigentlich tat. Manche Männer mochten das. Andere kamen um Assadora zu sehen, die einen Schnurrbart hatte oder Yna, die nur ein Auge hatte und deine Zukunft aus einem Tropfen deines Blutes lesen konnte. Männer mit traditionellerem Geschmack fragten meistens nach Lanna, doch für sie musste man dreimal so viel zahlen wie für andere Mädchen und die meisten gaben sich schließlich mit weniger zufrieden als der jungen Blondine.

Und jetzt war da Falia, die neue Hure, die junge Hure, die schlanke, knabenhafte, dunkelhaarige Falia, deren Mutter aus Westeros war und deren Haare ihr nicht einmal bis zu den Ohren hingen. Und obwohl sie mehr einem jungen Mann glich denn einer großbrüstigen Freudendame, gab es mehr als genug Anfragen für sie.
Ärgerlich schüttelte die junge Frau einen Wassertropfen von sich. Sie hatte vor langer Zeit gelernt, dass man es nicht trinken konnte, weil es zu dreckig war. Zu derselben Zeit, zu der sie gelernt hatte, dass sie nicht länger Arya Stark von Winterfell sein konnte, sondern Niemand sein musste. Niemand und Jeder. Wenn sie eine gesichtslose Frau sein wollte, musste sie vergessen, woher sie gekommen war und wer sie gewesen war.

Aber sie würde niemals Falia sein, die mit fremden Männern schlief um Geld zu bekommen. Sie würde sich immer daran erinnern, wie warm die Quellen von Winterfell gewesen waren und wie das Gesicht ihrer Mutter aussah. Sie war tot und Winterfell eine Ruine, aber für die junge Frau spielte das keine Rolle. Sie wusste, wie es gewesen war und dass sie es niemals vergessen wollte. Sie gab nur vor, Falia zu sein und sonst niemand, weil sie es musste. Trotzdem konnte sie nicht mit den Männern schlafen, die zum Happy Port kamen und nach einer Hure suchten.

Arya hatte gedacht, dass Falia in einem Bordell wie dem Happy Port untergehen würde und niemand nach ihr fragte, aber da hatte sie sich getäuscht. Vielleicht war es das Alter, sogar Lanna war zwei Jahre älter als sie, wenn auch schöner. Oder es war einfach ein weiterer komischer Geschmack der Männer, den sie niemals begreifen würde.

„Falia“, rief sie eine helle Stimme aus dem Hintergrund. Langes Training und das ständige Mantra, dass sie nicht mehr Arya Stark sein durfte, hatten sie gelehrt, stets achtsam und aufmerksam zu sein und auf solche Rufe zu reagieren, selbst wenn sie im ersten Moment nicht wusste, dass sie gemeint war.

„Hey Beth.“ Arya wischte sich endgültig die Finger ab und hoffte, dass niemand gesehen hatte, was sie wirklich im Hafen gemacht hatte.
„Merry sucht schon überall nach dir“, teilte die Hure ihr vorwurfsvoll mit. „Es sind ein paar Matrosen da, aus Pentos. Du sollst kommen und dich zeigen. Es sind Händler“, fügte sie mit einem schlauen kleinen Grinsen hinzu. Händler hatten in Bethanys Logik mehr Geld in den Taschen als normale Matrosen und sie glaubte vermutlich, dass Falia mehr als entzückt von dieser Nachricht war. Schließlich wartete sie nur noch auf einen Mann, der reich genug war, ihr einen angemessenen Preis zu zahlen. Die anderen Huren wussten nichts von Merrys Abmachung mit dem Haus des vielgesichtigen Gottes. Sie glaubten, dass es lediglich darum ging, möglichst viel für Falias erste Nacht herauszuschlagen.

Niemand wusste, dass Aryas eigentliches Ziel ein Händler war, der nur selten in den Happy Port kam, aber hier schon gesehen worden war. Ein Mann, der große Erfolge feierte und Missgunst erweckt hatte, weil er viele seiner Konkurrenten rücksichtslos aus dem Geschäft schlug. Einer dieser Konkurrenten war in das Haus des vielgesichtigen Gottes gekommen und hatte die gesichtslosen Männer angeheuert, den Händler zu töten und der Freundliche Mann hatte Arya ausgewählt. Seit zwei Wochen war sie nun schon im Happy Port, mit dem nichtssagenden Gesicht einer jungen Dunkelhaarigen und dem Namen Falia. Ihre Geschichte war stimmig, ihr Plan stand. Nur der Händler war nicht wieder aufgetaucht. Sie musste Geduld haben. Sie musste warten können.

Sie folgte Bethany in den großen Schankraum des Happy Port, wo selbst um diese Uhrzeit bereits geschäkert und gelacht wurde. Yna saß bei einem alten Matrosen auf dem Schoß und spielte mit seinem Bart. Insgeheim schüttelte es Arya. Die einäugige Frau war ihr ein wenig unheimlich, manchmal dachte sie, dass Yna, von allen Huren, die bei Merry arbeiteten, die einzige war, die Aryas Tarnung durchschaut hatte. Wenn dem so war, dann sagte Yna nichts. Vielleicht hatte sie ihre eigenen Gründe, warum sie einen der Kunden aus dem Happy Port tot sehen wollte. Vielleicht wusste sie auch nur, dass die Zukunft immer nur Tod bereit hielt und wollte sich gutstellen mit Arya.

Schon auf den ersten Blick sah Arya, dass der Mann, den sie töten sollte, diesmal gekommen war. Er saß mit den anderen Seemännern zusammen und trank langsam seinen Wein. Im Gegensatz zu den anderen wanderte sein Blick nicht durch den Raum. Entweder er wusste schon, wen er wollte oder er war heute nur gekommen um etwas zu trinken. Beides passte Arya nicht, also ließ sie Falia mit langen Schritten durch den Raum zu den Seemännern eilen und fragte mit blitzenden Augen, ob sie wunschlos glücklich seien oder etwas benötigten. Pfiffe und Johlen war die Antwort, wie sie erwartet hatte. Aber der eine, auf den sie es abgesehen hatte, sah nicht auf.

„Was verlangt Merry denn für dich, Kleine?“, versuchte es einer der anderen. Er war nicht weiter wichtig, er störte sie, aber für das Spiel war es wichtig, dass niemand wusste, dass Arya ein Ziel hatte. Also strich sich Falia mit den Fingern über die Lippen. Das hatte sie von Lanna, die ihr beigebracht hatte, dass diese Bewegung die Aufmerksamkeit eines Mannes bannte und seine Phantasie anregte. Arya wollte sich nicht so genau vorstellen, was dann im Kopf eines Mannes vorging.

„Sie nimmt Angebote für meine erste Nacht entgegen“, antwortete sie dem Seemann und blinzelte unter ihren Wimpern. „Sie ist ein wenig geizig, aber ich werde das bestimmt nicht sein“, schnurrte sie und trat näher.

Eine Hand schoss vor und hielt sie auf. „Aber nicht zu dem da“, knurrte der Händler.
Aryas Herz machte einen Satz. Er hatte angebissen! Sie hatte gewusst, dass er das tun würde und dennoch war sie nicht sicher gewesen. Natürlich hatte sie ihn ausspioniert, hatte seine Gewohnheiten studiert, alles über ihn gelernt, was es zu lernen gab. Er war ein Mann mit einem Geschmack für das Außergewöhnliche. Er sah sich nicht gern als gewöhnlicher Freier. Er hatte die Frau des Matrosens geheiratet und eine Woche später ihre Tochter für eine Nacht mit auf sein Schiff genommen. Lanna erzählte immer noch mit leuchtenden Augen davon, aber danach hatte er nie wieder nach ihr verlangt, obwohl Lanna jung und schön war und die hübscheste Hure im Happy Port. Er hatte sich von Yna die Zukunft voraussagen lassen und sich von Assadora küssen lassen. Er war ein Mann, der gerne in den Happy Port kam, aber er suchte stets nach etwas neuem, etwas anderem. Sie hatte gewusst, dass er sich die Gelegenheit auf eine angebliche Jungfernnacht nicht entgehen lassen würde, aber gefürchtet, er würde nicht anbeißen.

Jetzt kam der schwierige Teil. Instinktiv wollte sie sich auf die Lippe beißen, aber das war etwas, was Arya tat, nicht Falia. Falia strich sich eine kurze, dunkle Haarsträhne aus den Augen und wagte ein kleines Lächeln. „Könnt Ihr es Euch denn leisten?“, hauchte sie und sah erleichtert, wie der Mann mit der anderen Hand ärgerliche Bewegungen machte. „Das ist keine Frage des Preises.“ Und er zog sie hinter sich her zu Meralyn.

.

Es lief alles nach Plan. Es lief zu gut nach Plan. Aber war nicht der ganze Plan absurd? Hier lag sie, Arya Stark von Winterfell, und räkelte sich auf einem Bett, was sie sich niemals, in ihrer gesamten Kindheit, als möglich vorgestellt hatte. Weder dass sie es machen würde noch dass es überhaupt jemand tun könnte. Braavos hatte sie schnell und schonungslos aufgeklärt, in den Bereichen, in denen sie als junges Mädchen noch unbedarft gewesen war. Und nachdem sie Jaqen für eine kurze Weile wiedergetroffen hatte und er ihr beigebracht hatte, dass es nichts gab, für das sie sich schämen brauchte, hatte Arya auch die letzten Bedenken über Bord (und in den stinkenden Kanal) geworfen. Sie hatte doch schon alle Brücken hinter sich abgebrochen. Sie würde nie mehr zurückkehren können – wohin auch?

Dennoch blieb ein Rest Scham in ihr, als sie jetzt gerade die Hure spielte. Ein Stück Widerwillen, sich einem Mann hinzugeben, den sie weder nett noch attraktiv fand. Selbst als Jaqen erneut das Gesicht gewechselt hatte und für einen neuen Auftrag, den er ihr nicht verraten konnte, in die Ferne gereist war, war er immer noch Jaqen geblieben. Sie würde ihn unter Tausenden erkennen. Dieser Mann war bloßer Abschaum.

Sie wünschte, sie könnte ihn töten, wie sie den Stalljungen in King’s Landing getötet hatte oder Polliver oder den Soldaten am Wegrand. Aber es stand ihr nicht zu. Niemand durfte seinen Tod als Mord sehen, niemand durfte sie damit in Verbindung bringen, selbst wenn Falia, die knabenhafte Hure, dann schon lange aus dem Happy Port verschwunden sein würde. Wieder wollte sie auf ihrer Unterlippe knabbern und wieder griff sie stattdessen auf die Geste zurück, sich die Haare zurückzustreichen. Sie wusste nur schemenhaft, wie sie gerade aussah, aber es verfehlte seine Wirkung auf den Seemann nicht.

Mit etwas groben, ungelenken Bewegungen kletterte er zu ihr ins Bett. Falia lächelte und machte einen Schmollmund, während sie darauf wartete, dass er sie nahm. Das Gift auf ihren Lippen schmeckte nach nichts, es war riskant, damit zu agieren. Aber es wirkte langsam und schleichend. Er würde sie küssen und früher oder später etwas trinken oder sich mit der Zunge darüber fahren. Dann würde es in seine Blutbahn gelingen. Und Stunden später, wenn er schon lange nicht mehr im Happy Port war, würde er ein Zucken im Herzen, ein Brennen in der Brust verspüren und unweigerlich zu Boden sinken.

.

Sie hatte gute Arbeit geleistet, das wusste sie. Sie wünschte nur, es wäre nicht nötig gewesen, dafür in die Rolle einer Hure zu schlüpfen. Trotz allem, was Jaqen sagte, fühlte sie sich schmutzig und beschämt. Was hätte ihre Mutter dazu gesagt, wenn sie davon gewusst hätte? Oder Sansa? Es war lächerlich, sie waren beide tot (glaubte sie), aber dennoch hatte sich die Erziehung ihrer Mutter, die nie aufgegeben hatte, aus Arya doch noch eine kleine Lady zu machen wie Sansa eine gewesen war, tief in ihr verankert. Sie musste sich auf die Lippen beißen um nicht hinauszuschreien „Rühr mich nicht an“. Wenigstens ging das jetzt wieder, der Händler hatte das Gift von ihren Lippen geleckt.

Falia war nicht mehr. Arya hatte ihre Tarnung in dem Moment abgelegt, als sie den Happy Port verließ, nicht länger bereit, auch nur eine Nacht weiter dort zu verweilen. Für die Geschichte hatte sie im vollen Schankraum etwas davon geheult, dass es überhaupt nicht so war, wie sie es sich vorgestellt hatte und dass Merry sie belogen hätte. Bethany sah schockiert aus, Yna wissend. Die anderen Huren hatten Freier und Falias Abschied nicht mitbekommen. Es tat Arya ein wenig Leid, aber sie wusste, dass sie die Mädchen wiedersehen konnte. Als Arya, als Cat, als Arry, als Nym, als Wiesel… was immer sie sich ausdachte und was es als nächstes sein würde.

Im Haus von Schwarz und Weiß hatte sich nichts verändert, nur die gesichtslosen Männer kamen und gingen und jene, die um Gnade des vielgesichtigen Gottes baten. Sie kamen nur und gingen nie mehr, aber auch daran war Arya gewöhnt.
Der Freundliche Mann fing sie ab, kaum dass sie angekommen war.
„Wie ist es gelaufen?“, wollte er von ihr wissen. Das einzige, was er akzeptierte war ein „Gut“, vorher hätte sie gar nicht wiederkehren müssen.

„Was hast du gelernt?“, fragte er sie als nächstes.
Arya unterdrückte ein Seufzen, glättete ihre Miene und dachte nach, bevor sie antwortete. Auch wenn sie Aufträge bekam und größer geworden war, sie war noch keine vollwertige gesichtslose Frau. Noch immer fragte der freundliche Mann sie, was sie gelernt hatte und sie musste ihm drei Dinge aufzählen, die neu waren.

„Yna weiß, wer ich bin“, sagte sie und erwartete halb, dass er nachhakte, ob sie das wusste oder glaubte, aber diesen Satz akzeptierte er, obwohl Arya selbst nicht sicher war. Vermutlich wurde sie besser darin zu lügen und ihre Gefühle zu verbergen.

„Es gibt Wege, einen Mann ganz subtil zu verführen, mit wenigen Handbewegungen. Die Huren im Happy Port lernen sie und haben mir einige beigebracht. Sie funktionieren.“
Wieder nickte der freundliche Mann. Arya wusste nicht, was er mit diesem Wissen anfangen wollte, wo er doch ein Mann war und sie sich weigerte, sich auch nur vorzustellen, dass die Heimatlose derlei Wissen anwenden könnte …

„Und das dritte?“, fragte er unbarmherzig. Sie wusste, vorher würde er sie nicht durchlassen, dabei hatte sie das dringende Bedürfnis schlafen zu gehen und zu vergessen. Und vielleicht von Nymeria zu träumen.

„Ich bin keine gute Hure“, schleuderte Arya ihm trotzig entgegen und war sich bewusst, dass das nie und nimmer durchgehen würde, dabei hatte sie dies auf die harte Tour lernen müssen.

Der freundliche Mann brach in lautes Gelächter aus.


Liebe Kekskotelett,
es tut mir furchtbar Leid, dass du solange auf deinen Wichtel-OS warten musstest. Ich hoffe, du kannst mit dem OS einigermaßen etwas anfangen und dass er nicht völlig an deinen Vorstellungen vorbei ist. Das Hausmotto, was ich mir dann selbst zugelost habe, stammt übrigens von Haus Wode, vielleicht findest du es ja ;)
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