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Ein gut durchdachter Coup

von - Leela -
GeschichteKrimi / P12 / Gen
Frank Lemmer Grace Musso Jerry Steiner Larry Kubiac Mikey Randall Parker Lewis
18.03.2014
18.03.2014
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4.062
 
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18.03.2014 4.062
 
Diese Geschichte wurde geschrieben für den Wettbewerb »Der Gärtner war's - Aber was?« von Truth or Dare. Ich wünsche ein spannendes Lesen! ^^

Kurz zur Erklärung:
- Ich benutze die alte Rechtschreibung! ^^
- Die Geschichte ist - angelehnt an die TV-Serie - aus der Sicht von Parker geschrieben. Dabei fließen auch seine Gedanken in die Geschichte mit ein. Hin und wieder kommentiert Parker für uns die Szenen auch, damit wir uns besser zurechtfinden, und die Personen besser zuordnen können. Danke, Parker! Das ist großartig! ^^ (Das Prinzip ist übrigens keine Erfindung für den Wettbewerb, sondern ebenfalls original aus der TV-Serie übernommen.) Parkers Gedanken und Anmerkungen sind grundsätzlich ‚in Kursiv und mit einfachen Anführungszeichen’ formatiert.


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Ein gut durchdachter Coup

‚Die Santo Domingo High School! Der Ort, dem wir Schüler den Löwenanteil unseres Lebens widmen. Hier werden Freundschaften für die Ewigkeit geschlossen, man befaßt sich zum ersten Mal mit dem Thema Mädchen, und man wird auf das Leben vorbereitet. Könnte es einen aufregenderen Ort geben? – Moment mal, was ist denn da vorne für ein Tumult?’ Die Gedanken von Parker Lewis wurden jäh unterbrochen, kaum daß er in den Korridor abbog, der zu den Klassenräumen führte. Der blonde Schüler schob sich an seinen Mitschülern vorbei auf die Szene zu, die sich in dem Pulk schaulustiger Schüler abspielte, und erstarrte. ‚Was ist denn hier los? Wieso sitzt unsere Direktorin, die Musso, weinend auf dem Boden? Und wieso ist auf dem Boden eine Kreidezeichnung, die aus der Feder von Keith Haring stammen könnte…?’
      „Parker!“ Außer Atem schloß Mikey zu seinem besten Freund auf. „Es ist schrecklich.“
      ‚Merken! Die Schule bereitet einen bisweilen deutlich zu viel auf’s Leben vor…’ ergänzte Parker in Gedanken automatisch, während der Sinn des Szenarios langsam in sein Bewußtsein sickerte. „Was… ist überhaupt passiert?“ hörte er sich mit belegter Stimme sagen.
      „Das weiß keiner so genau!“ erklärte der dunkelhaarige Schüler. „Als Miss Musso heute morgen in die Schule kam, war es schon passiert!“
      Parker sah nachdenklich auf die verwinkelten Kreideumrisse eines Menschen auf dem Boden, die langsam unter den Tränen der Schuldirektorin aufgeweicht wurden. Wenn er sich die Anordnung der Gliedmaßen so ansah, wollte er sich lieber nicht vorstellen, wie das Opfer ausgesehen haben mochte, als es gefunden wurde. „Aber wer könnte so etwas getan haben?“ fragte er noch immer fassungslos.
      Wie auf Stichwort stand Jerry neben ihm; der dritte im Bunde der besten Freunde. „Sir, ich habe bereits eine Liste mit allen Verdächtigen erstellt!“ Es war nicht anders zu erwarten gewesen. Auf den eifrigen Schüler aus der Unterstufe war immer Verlaß.
      Parker nahm die Worte des Technik-Freaks nur halb auf und sah betroffen auf die am Boden zusammengekauerte Gestalt der Schuldirektorin, die kraftlos vor sich hinschluchzte. „Es muß jemand gewesen sein, der ihr sehr nahe gestanden hat… Wurde Lemmer seither gesehen?“
      „Direkt hinter dir!“ Die Stimme Frank Lemmers, seines Zeichens persönlicher Sonderbeauftragter der Direktorin und ihr erklärter Liebling, ließ Parker unwillkürlich zusammenzucken. Seine Gabe, wie ein Vampir wie aus dem Nichts aufzutauchen war etwas, an das man sich nur schwer gewöhnen konnte, und seine Stimme hatte den gewohnten chronisch ironischen Klang, der schon eine Provokation in sich war.
      „Ach ja, ich vergaß!“ kommentierte Parker schlagfertig, als er den hochgewachsenen, dunkelhaarigen Schüler mit der blassen Haut und den schwarzen Klamotten musterte. „Du bist ja schon tot.“
      „Sehr witzig, Lewis! Sonderbesprechung in Miss Mussos Büro, sofort!“
      Die drei Freunde wechselten verunsicherte Blicke, folgten dem anderen aber neugierig, nicht ohne noch einmal einen verstohlenen Blick in Richtung der Kreidefigur zu werfen.

‚Frank Lemmer! Unterwürfiger Diener unserer Schuldirektorin. Wenn er in’s Spiel kommt, läuft mir jedes Mal ein kalter Schauer über den Rücken. Ich weiß nicht, ob es an seiner Ausstrahlung liegt, oder daran, daß er die Befehle der Schuldirektorin, die bisweilen jeden Tyrannen in den Schatten stellt, mit bedingungsloser Hingabe ausführt und uns anderen Schülern das Leben schwer macht. Was er wohl heute von uns will?’
      Die Tür zum Büro der Schuldirektorin fiel in’s Schloß. Noch stand Frank mit dem Rücken zum Trio.
      Parker musterte seinen Mitschüler argwöhnisch. „Okay, sag’ was du von uns willst, Lemmer!“
      „Kannst du dir das nicht denken, Lewis?“ fragte Frank, ohne sich umzudrehen.
      Parker tauschte mit Mikey und Jerry einen Blick. „Öhm, nein… Im Gegensatz zu dem Personenkreis, mit dem du üblicherweise verkehrst, habe ich keine Kristallkugel, und kann auch nicht Gedanken lesen!“
      Frank ignorierte den lapidaren Einwurf, als er sich jetzt mit einem unverhohlenen Haß im Blick zu den dreien umdrehte. „Das liegt doch wohl auf der Hand!“ Es dauerte eine Sekunde, bis die drei registrierten, daß der Haß, der in den Augen des hageren Jungen glomm, nicht gegen sie gerichtet war, sondern bislang noch gegen »Unbekannt«. Parker schluckte und beschloß, die Vehemenz in der Stimme seines Gegenübers nicht persönlich zu nehmen. „Jemand hat Miss Mussos Leben zerstört!“ verdeutlichte der Schüler mit dem strengen Pferdeschwanz.
      ‚Jemand hat jemand anderem deutlich das Leben zerstört!’ schoß es Parker durch den Sinn.
      „Okay, das haben wir auch ohne deine Hilfe begriffen!“ kommentierte Mikey gerade. „Aber was willst du jetzt von uns?“
      „Ist das nicht eigentlich klar?“ stieß Frank hervor und beugte sich so ruckartig über den Schreibtisch vor, daß ihre Nasen fast zusammenstießen. Nicht nur der Rebell in der Lederjacke, sondern auch Parker zu seiner rechten, und Jerry zu seiner linken wichen unwillkürlich einen Schritt zurück, um etwas Abstand zu der grimmigen Miene Lemmers herzustellen. „Findet den Täter!“ betonte er.
      Die wilde Entschlossenheit in seinem Blick ließ selbst die drei Freunde, die sonst kaum eine Situation aus den Schuhen hauen konnte, den Atem anhalten.
      Parker wollte gerade einen Einwand bringen, als Frank nachsetzte: „Ich könnt doch sonst auch immer alles! Jetzt habt ihr mal die Möglichkeit, euch unter Beweis zu stellen! Überlegt es euch. Es liegt in eurer Hand, ob das kommende Schuljahr Himmel oder Hölle für euch wird!“
      Parker atmete durch und wechselte ein weiteres Mal einen Blick mit seinen Freunden, die genauso resigniert aussahen. Allen drei war klar, daß ihnen nicht viel Wahl blieb; – auch wenn keiner der drei eine Ahnung hatte, wo sie anfangen sollten.
      Die Unterredung war damit allerdings beendet, und Frank komplimentierte sie mit einer eindeutigen Geste aus dem Zimmer.
      Parker drehte sich noch einmal um, bevor sie das Zimmer ganz verließen. Frank stand bereits wieder am Fenster des Büros und beachtete die drei Freunde nicht mehr, während er hinaussah. Parker unterdrückte ein Schaudern. Kam es ihm nur so vor, oder wirkte Frank noch hagerer als sonst?

‚Ich will nicht behaupten, daß ich die jüngsten Ereignisse gutheiße. Aber ein gutes haben sie doch: Zumindest in der ersten Stunde findet kein Unterricht statt. Wenn man die Alternativen gegenüberstellt, hätte ich ausnahmsweise aber doch lieber Unterricht gehabt. Statt dessen müssen wir uns jetzt damit auseinandersetzen, einen Mörder zu finden. Zugegeben, ich mag Lemmer nicht. Aber dieses Mal ziehen wir an einem Strang: Ich will auch wissen, was hier passiert ist!’
      Die drei Freunde zogen sich in ihre »Zentrale«, einen alten, verlassenen Raum über der Turnhalle, zurück und ließen sich auf die Sitze fallen. Fassungslosigkeit dominierte den Raum.
      „Wer macht so etwas?“ ließ sich Parker hilflos vernehmen.
      „Genau das gilt es jetzt herauszufinden!“ erklärte Jerry nüchtern.
      „Was hast du für uns?“ fragte Parker.
      Der Junge in dem langen, vielseitig verwendbaren Mantel, der ein wahres Genie war, wenn es um Ermittlungen ging, machte eine bedauernde Miene. „Im Augenblick noch nicht viel. Theoretisch könnte es jeder gewesen sein. Kreide bekommt man immerhin in jedem Klassenraum!“
      ‚Kreide?’ Parkers verwirrter Gesichtsausdruck blieb Jerry verborgen, da er schon wieder auf den Monitor schaute, an dem er gerade arbeitete. Der Mädchenschwarm mit dem bunten Hemd schüttelte leicht den Kopf. ‚Jerrys Sinn für Humor wird auch immer makaberer!’
      „Aber wer könnte ein Motiv haben, um so etwas zu tun?“ fragte Mikey.
      Parker lehnte sich gedankenverloren zurück. ‚Dazu müssen wir erst mal rausfinden, wer umgebracht wurde.’ dachte er bei sich. „Aber sagt mal, ist dafür nicht die Polizei zuständig?“ sinnierte er laut.
      „Parker! Das ist kein Fall für die Polizei, sondern für uns. Es geht hier um die Ehre unserer Schule!“ erwiderte Mikey voller Elan.
      ‚Auch wieder wahr!’ dachte Parker bei sich, und fügte verunsichert in Gedanken an: ‚Auch wenn das bedeutet, daß wir es hier mit einem Schwerverbrecher zu tun haben…
      „Hier habe ich eine Aufnahme des Umrisses, Sirs!“ Jerry deutete auf den Monitor. „Das interessante daran ist, wenn man die Silhouette genau betrachtet, sieht sie Elvis Presley sehr ähnlich!“ Er deutete auf die markanten Bewegungen und die angedeutete Elvis-Tolle.
      Parker schluckte. Elvis Presley würde vermutlich auch der einzige Mensch auf Erden gewesen sein, bei dem diese Haltung natürlich aussah.
      Mikey konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen. „Coole Sache!“ Zwei ernste Blicke durchbohrten ihn, und sein Lächeln wich Verständnislosigkeit. „Was?“
      „Das war geschmacklos!“ meinte Parker.
      „Hey, was soll das? Elvis ist seit über zehn Jahren tot! Da ist es doch nicht schlimm, wenn man es cool findet, wenn die Silhouette aussieht wie der King of Rock’n’Roll!“ verteidigte sich der leidenschaftliche Gitarrist.
      Parker verdrehte die Augen. „Okay, das bringt uns jetzt kaum weiter. Können wir also bitte mal zum eigentlichen Thema zurückkommen? Wir müssen den Täter finden!“
      „Ja, du hast recht!“ wandte Mikey nun auch wieder ernst ein. „Konntest du da schon irgend etwas eingrenzen, Jerry?“
      Der Junge mit den dunklen Locken, der ein Jahrgang unter seinen Freunden war, rückte seine Brille zurecht. „Nicht so wirklich, Sirs. Die Liste reicht vom gesamten Schulpersonal bis hin zu diversen Schülern, die jederzeit direkten Zugang zum Schulgebäude haben.“
      „Die Cheerleadergruppe…“ überlegte Mikey.
      „Das Football-Team.“ ergänzte Parker.
      „Mister Lemmer selbst!“ warf Jerry ein. „Von uns mal ganz zu schweigen, auch wenn niemand weiß, daß wir den Schlüssel kopiert haben.“
      Parker und Mikey bissen die Zähne zusammen. Der Rock’n’Roll-Fan warf Parker einen decouragierten Blick zu. „Na, das ist ja sehr erfolgversprechend. Wir haben einen Haufen Verdächtiger, einschließlich uns selbst, kein Motiv und kaum einen vernünftigen Ansatzpunkt.“
      Parker unterdrückte ein elektrisiertes Gefühl. ‚He, Moment mal… Mein bester Kumpel glaubt doch wohl nicht, daß ich zu einem Mord fähig wäre!’ Der junge Mann mit den blauen Augen schloß selbige erschöpft. ‚Aber prinzipiell hat Mikey Recht. Verdächtig ist erst mal jeder.’
      „Wenn ich einen Vorschlag machen dürfte…“ mischte sich Jerrys Stimme in sein Bewußtsein. „Vielleicht sollten wir uns einfach ein wenig auf dem Campus umsehen! Vielleicht fällt uns dabei etwas auf!“
      Parker dachte kurz darüber nach und nickte. „Ja! Das ist eine gute Idee. Damit haben wir sicher mehr Erfolgschancen, als wenn wir uns hier den Kopf zerbrechen.“
      Die drei Freunde verständigten sich mit einem Nicken und machten sich auf den Weg.

‚Der Campus. Ein Ort der Freiheit zwischen langweiligen Mathestunden und Sprachkursen. – Heute allerdings dominiert das aktuelle Thema die Stimmung. Man merkt es genau. Naja, wen sollte das wundern? Es passiert immerhin nicht alle Tage, daß an einer Schule Mord begangen wird…’
      Gemeinsam gingen die Freunde über den Schulcampus, vorbei an betroffenen Schülergruppen, die leise über die jüngsten Ereignisse sprachen und immer wieder den Kopf schüttelten. Die Stimmung war gedrückt.
      Parker ließ den Blick aufmerksam über den Platz schweifen. Dort drüben stand der Kapitän der Footballmannschaft, Larry Kubiac, seines Zeichens der größte Schüler an der Schule, der die meiste Kraft und den niedrigsten IQ aufwies, und deswegen auch gleichzeitig der älteste Schüler an der Schule war. Larry Kubiac war bisweilen unberechenbar, und für ein gutes Essen würde er praktisch alles tun. Aber Mord? Parker schüttelte für sich den Kopf. Nein, Larry wäre zu so etwas nicht fähig. Er war zwar etwas einfach gestrickt und hatte die Kraft einer Elefantenherde, aber im Grunde seines Herzens war er ein guter Kerl. Parker lenkte den Blick wieder auf den Weg vor sich.
      Sie waren noch nicht viel weiter gekommen, als Mikey plötzlich innehielt und seine Freunde bei den Armen faßte. Sein Blick haftete auf der grünen Schürze eines Mannes, der gerade an ihnen vorüberging. „Jerry!“
      Der junge Unterstufler war sofort zur Stelle. „Ja, Sir?“
      „Was sind das für Spuren auf der Schürze?“
      Parker sah sich irritiert zu dem Mann um, von dem er nur noch eine Rückansicht bewundern konnte. „Meinst du Kyle, den Gärtner?“
      „Ja!“ erklärte Mikey knapp, und in seinen Augen glomm es gefährlich.
      „Ich finde es heraus, Sir!“ Damit machte Jerry sich auf den Weg, lief ihrer Zielperson hinterher und zückte sein Vergrößerungsglas.
      Mikey und Parker sahen ihm nach und beobachteten ihn dabei, wie er sich unbemerkt an den Gärtner heranschlich, um die Schürze zu untersuchen. Parker beobachtete ihn kurz skeptisch und wandte sich dann an Mikey. „Meinst du, der Gärtner war’s?“
      „Das werden wir gleich herausfinden!“ erwiderte Mikey entschlossen.
      Wenig später war Jerry wieder bei ihnen. „Ein absoluter Volltreffer, Sir!“ verkündete er. „Es ist eindeutig…“
      ‚Blut?’ dachte Parker aufgeschreckt.
      „… Kreide, Sirs!“
      Mikeys Lippen umspielte ein humorloses Lächeln. „Was hat ein Gärtner mit Kreide zu tun…?“
      „Wir haben unseren Mann, Sir!“ bestätigte Jerry und klatschte mit Mikey ab.
      Der Rock’n’Roller nickte. „Und jetzt konfrontieren wir ihn mit der Wahrheit!“ Er gab Jerry und Parker einen Wink und wartete gar nicht erst eine weitere Antwort ab, bevor er dem Gärtner zielstrebig folgte, und dabei zumindest einen seiner Freunde perplex zurückließ.
      ‚Moment mal! Leute, ihr seid völlig schief gewickelt!’ Parker war so sprachlos, daß er gar nicht so schnell reagieren konnte, wie die beiden Freunde schon unterwegs waren. ‚Jetzt läßt Mikey sich auch noch auf Jerrys Abstrusitäten ein. Die Kreide hat doch gar nichts mit dem Mord zu tun! Das kam doch erst hinterher!’
      Doch da waren Mikey und Jerry schon auf dem Weg hinter dem Gärtner her.
      „Wartet doch mal!“ rief Parker, als er wieder zu ihnen aufschloß. „Was habt ihr vor?“
      „Wir bringen diesen Verbrecher jetzt zur Strecke!“ erklärte Mikey energisch.
      „Meinst du nicht, daß das etwas gefährlich ist?“ warf Parker ein wenig sarkastisch ein. Das hatte er sich nicht verkneifen können. Er war noch immer hin- und hergerissen zwischen den Gedanken, daß seine Freunde einem Phantom nachjagten, trotzdem aber keine Scheu zu haben schienen, einen vermeintlichen Mörder zur Rede zustellen.
      Mikey grinste. „Nicht, wenn wir den größten, stärksten und furchteinflößendsten Schüler der ganzen Schule auf unserer Seite haben!“
      Parker schaute ihn alles andere als überzeugt von der Idee an, merkte aber, daß er seinen Freund nicht mehr würde stoppen können. ‚Wo soll das bloß hinführen? Die beiden machen sich gleich doch vollkommen lächerlich!’ Er verdrehte leicht die Augen und folgte seinen Kameraden, die ihm schon wieder ein paar Schritte voraus waren, um von dem Gärtner nicht abgehängt zuwerden. Wenn sich einer von ihnen lächerlich machte, dann machten es alle drei. Ehrenkodex unter Freunden.
      Unbedarft schlossen die Freunde endlich zu dem Gärtner auf, und Mikey legte einen Arm um seine Schultern. „Kyle, alter Freund, na, wie geht’s denn so?“
      Der ältere war durchaus überrascht, aber nicht unerfreut. „Mikey, Parker, Jerry! Danke der Nachfrage. – Wollt ihr Jungs etwas bestimmtes?“
      ‚Nein, tut es nicht!’ flehte Parker innerlich. ‚Ihr macht euch so zum Affen!’
      „Ja, wir hätten da ein paar Fragen!“ begann Mikey. „Zum Beispiel, wie die Kreide auf den Korridor in der Schule gekommen ist!“
      „Ich weiß nicht, wovon ihr redet, Jungs!“ erwiderte Kyle verwirrt.
      Parker schüttelte leicht den Kopf und wäre am liebsten im Erdboden versunken, das Gefühl verstärkte sich einen Augenblick später noch, als Jerry sich mit seiner schmächtigen Statur vor dem Gärtner aufbaute und proklamierte: „Versuchen Sie nicht, es zu leugnen, Sir! Sie sind entlarvt! Es gibt Indizien, die gegen Sie sprechen!“
      „Aber…“ Kyle lachte mit einer hilflosen Geste. „Wovon redet ihr überhaupt?“
      Gerade wollte Parker eingreifen, als sich ein riesiger Schatten über sie legte. In stummer Erwartung sah er zu der Ursache hoch und schluckte unwillkürlich. ‚Dort stand er, Kubiac, kurz auch »Kube«, der wohl größte, schwerste und älteste Schüler an der gesamten High School, immer hungrig, und mit einer Intelligenz, die unter dem Niveau eines Teletubbies liegt. Wenn er es wirklich schafft, einen Satz mit mehr als drei Worten zu sprechen, ist das schon revolutionär. Kein Wunder daß er die Klasse schon zum siebten Mal wiederholt. Dafür ist er Captain des Footballteams, und das nicht ohne Grund. Wie gut, daß er auf unserer Seite steht…’
      „Kube jetzt Hunger!“ tönte der beeindruckend stämmige junge Mann.

‚Okay. Hier stehe ich, Parker Lewis, in der Schulaula, zusammen mit meinen besten Freunden, im Verhör mit einem Mann, der aufgrund von haltlosen Indizien beschuldigt wird, einen Mord begangen zu haben. Einerseits bin ich froh, daß ich nicht dem echten Mörder gegenüberstehe. Andererseits wird das gleich richtig peinlich…’
      Mikey und Jerry hatten Kyle mit Kubiacs Unterstützung in die Aula dirigiert, wo sie derzeit unter sich waren. Mikey stand mit verschränkten Armen da, während Jerry sich vorsichtig etwas im Hintergrund hielt, und von dort aus versuchte, grimmig und überlegen zu wirken.
      Kyle seufzte. „Na gut. Ihr wißt es doch sowieso schon.“
      Parker sah verblüfft auf. ‚Dann ist er doch der Mörder…?’ Er schluckte, spürte, wie ihm die Farbe aus den Wangen wich und konnte nicht verhindern, daß ihm flau im Magen wurde.
      „Sie geben es also zu!“ implizierte Mikey derweilen forsch.
      Kyle warf die Arme in die Luft. „Ja, ich gebe es zu. Das war meine persönliche Rache an Grace Musso!“
      Parker sah den Gärtner entsetzt an. „Was? Sie bringen jemanden um, nur um sich an jemand anderem zu rächen?“ Die Worte platzten aus ihm heraus, ohne daß er sie aufhalten konnte, doch die Fassungslosigkeit hatte ihn übermannt, bevor er näher darüber nachdenken konnte, einem gefährlichen, skrupellosen Verbrecher gegenüberzustehen.
      Jetzt war es Kyle, der Parker mit einem verständnislosen Blick bedachte; und nicht nur er, selbst seine Freunde sahen ihn irritiert an. „Jemanden umbringen? Wie kommst du denn darauf?“ fragte der Gärtner.
      „Bitte? Wollen Sie uns für dumm verkaufen?“ entfuhr es Parker ärgerlich. „Was sollte das ganze Aufhebens denn sonst zu bedeuten haben, wenn nicht, daß Sie derjenige sind, der jemanden auf dem Schulkorridor umgebracht hat?“
      „Parker, es hat doch nie jemand davon gesprochen, daß jemand umgebracht wurde!“ meinte auch Mikey erstaunt.
      „Aber…“ begann Parker überfordert. „Die Kreidesilhouette… Miss Musso… am Boden zerstört,… Die Ermittlungen, und am Ende… war’s immer der Gärtner…“ stammelte er.
      „Es wurde aber niemand umgebracht, Sir!“ schaltete sich nun Jerry mit ein. „Nicht, daß ich wüßte, zumindest. Es wurden nur diese Kreideumrisse auf dem Boden des Schulflurs gefunden!“
      Parker brauchte eine Sekunde, um zu Worten zu finden. „Das heißt, wir haben die ganze Zeit ermittelt, nur um jemanden zu finden, der auf dem Schulflur rumgemalt hat?“
      Mikey machte eine hilflose Geste. „Das war dramatisch genug, oder?“
      Parker schnappte nach Luft. „Das war eine Lappalie! Ich habe wirklich geglaubt, an unserer Schule wäre Mord begangen worden!“
      „Du hast eine lebhafte Phantasie, Junge!“ meinte Kyle.
      „Aber, was sollte das ganze?“ fragte Parker, noch immer völlig neben der Spur. „Und warum war die Musso so außer sich, wegen einer Kreidezeichnung? Da sind doch schon ganz andere Dinge an unserer Schule passiert!“
      „Um das zu verstehen, muß man sein Ziel kennen!“ sagte Kyle.
      „Was soll das denn nun schon wieder heißen?“ fuhr Parker auf. „Ich verstehe kein Wort mehr!“
      Kyle seufzte. „Na gut, ich erzähle es euch. Um jemanden wie Grace Musso eins auszuwischen, muß man ihre Schwachstellen kennen. Ich wußte, daß sie Elvis vergöttert hat, und es auch heute noch tut. Sie hat es aber nie geschafft, zu einem Konzert zu kommen, weil er vorher gestorben ist. Seinen Tod hat sie nie verwunden. Und da sie nie darüber weggekommen ist, reichte dieser kleine Geniestreich aus, um ihr ihre schlimmsten Erinnerungen wieder in’s Gedächtnis zu bringen.“
      Mikey grinste. „Das war ein richtig gut durchdachter Coup!“
      Kubiac steckte seinen Kopf zur Tür rein. „Jemand Kube gerufen?“
      Jerry schaltete sofort. „Nein, nein, Sir! Nicht »Kube«! Sondern »Coup«. Das ist französisch und heißt so viel wie »Streich«!“
      „Ah…“ Kubiac machte zwar nicht den Eindruck, das verstanden zu haben, ließ es aber dabei bewenden.
      Parker sammelte sich schnell von dem kleinen Intermezzo und sah Kyle wieder an. „Okay, soweit habe ich es jetzt begriffen. Aber was für ein Interesse hatten Sie daran, die Musso so fertigzumachen?“
      Kyle wanderte an den Wänden der Aula entlang, vorbei an den Schautafeln, auf denen die Gruppenfotos vergangener Jahrgänge zu sehen waren. „Es begann während unserer Schulzeit. Es gab eine Zeit, da habe ich sie verehrt. Damit war ich aber nicht allein. Ein anderer Mitschüler warb ebenfalls um ihre Gunst. Nun, er gewann damals, und aus welchem Grund? Weil er Karten für ein Elvis Presley-Konzert hatte!“
      „Aber Sie sagten doch, daß sie nie zu einem Konzert kam.“ erinnerte sich Mikey.
      „Richtig. Weil Elvis vor dem Konzerttermin starb. Und mit ihm die Träume dieses jungen Dings namens Grace Musso. Hätte sie die Chance gehabt, sie hätte ihren Verehrer für den großen Star einfach fallen gelassen. Nunja, da sie das nun nicht mehr konnte, hat sie ihn einfach so fallen lassen. – Ich hatte es lange Zeit verdrängt. Jetzt war es allerdings an der Zeit, die alten Erinnerungen einmal wieder hervorzukramen.“
      „Wieso, Kyle?“ fragte Parker, neugierig und entgeistert zugleich.
      Der schlanke Mann wanderte gemächlich durch die Halle. „Als ich hier an der Schule als Gärtner anfing, kannte sie mich nicht einmal mehr. Nun gut, ich habe es nicht anders erwartet, und heute stehe ich über den Dingen. Allerdings merkte ich schnell, daß mein Posten auch so ohnehin nur wenig Beachtung von ihr bekam. Die Mittel, die mir zur Verfügung standen waren veraltet – sofern sie überhaupt vorhanden waren. Also bat ich um eine vernünftige Grundausstattung. Sämtliche Anträge wurden abgeschmettert mit der Begründung »unnotwendig«, angefangen von Werkzeug, Reparaturen, Material… Sie hat sich die Unterlagen nicht einmal angesehen, sondern gleich mit einem gelangweilten Gähnen abgewinkt. Und nachdem sie zudem skrupellos Jahr um Jahr den Etat für den Gärtnerbedarf kürzte, ohne auf meine Einwende einzugehen, schwor ich Rache.“
      „Und da erinnerten Sie sich an die Elvis-Presley-Sache!“ brachte Mikey es auf den Punkt.
      Kyle nickte. „Ich gab ihr einen Warnschuß. Bei einer Begegnung sagte ich ihr, daß sie ihr Verhalten noch bereuen würde. Sie lachte und ließ mich stehen. Nun, am letzten Freitag wurde ein neuer Haushaltsbeschluß für die Schule gefaßt, und was soll ich sagen: Kein einziger meiner Anträge wurde mit aufgenommen. Im Gegenteil, das Budget wurde noch ein weiteres Mal gekürzt!“ Kyle machte eine umfassende Geste. „Nundenn, heute war der Tag, an dem Grace Musso nicht mehr lachte!“
      Parker war so perplex, daß er nicht wußte, ob er lachen oder weinen sollte. „Ich fasse es einfach nicht!“
      „Böse, nicht wahr?“ Kyle zeigte ein kurzes Lächeln.
      Parker schüttelte den Kopf, um selbigen freizukriegen.
      Mikey hatte sich mittlerweile lässig gegen einen der Tische gelehnt, die Arme wieder verschränkt, obwohl er mittlerweile etwas nachdenklicher geworden war. „Sie sollten sich darüber im klaren sein, daß wir das melden müssen.“
      Kyle schüttelte den Kopf. „Nein, das werdet ihr nicht!“
      Parker wußte nicht warum, doch selbst wenn er jetzt wußte, daß Kyle niemanden getötet hatte, wurde ihm ganz anders zumute, bei dem nüchternen kleinen Satz, der wie eine Drohung klang.
      Mikey nahm es gelassener. „Ach ja? Und warum sollten wir es nicht tun?“
      „Weil ich es selbst tun werde!“ erklärte Kyle. Er ließ ein tiefgründiges Lächeln folgen. „Schließlich möchte ich, daß sie weiß, von wem die Botschaft kam!“
      Mikey, Parker und Jerry wechselten einen Blick und nickten verstehend. Dem Argument hatten sie nichts entgegenzusetzen. Dies war nicht ihr Spielfeld, so viel war klar. Dies war Kyles persönlicher Kampf, und den mußte er auch zu Ende führen. Außerdem konnten sie ihn sogar verstehen. Und so ließen sie die Sache mit einem Schmunzeln und um eine skurrile Erfahrung reicher schließlich dabei bewenden. Sie verabschiedeten sich von Kyle und kamen auch nicht umhin, dem Gärtner alles Gute zu wünschen, bevor sie zurück auf den Campus gingen.
      „Das nenne ich mal eine kreative Rache!“ grinste Mikey, als sie unter sich waren.
      Parker schmunzelte ebenfalls, als er an die Kreidesilhouette zurückdachte. Kyle hatte wirklich Talent. Immerhin hatte er Elvis’ Bewegungen so gut eingefangen, daß er - Parker - darauf geschworen hätte, daß die Person, die in die Schablone paßte, nicht mehr am Leben sein konnte.

‚Ein ganz normaler Tag an der Santo Domingo High School geht zu Ende. Kyle hat die Tat mittlerweile gestanden, der Unterricht wurde wieder aufgenommen, und ich bin mit meinen Freunden auf dem Weg zum Diner. – Ob Kyles Strategie Erfolg haben wird, wird sich jetzt erst noch zeigen müssen. Aber zumindest hatte er seine persönliche Rache. Es wird wohl noch eine ganze Weile dauern, bis die Musso über diesen Schlag hinwegkommt. Wer hätte gedacht, daß es so viel Aufhebens um eine einfache Kreidezeichnung geben würde…? Aber immerhin hat es eines bestätigt: Am Ende war es immer der Gärtner!’



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