Mit Schirm, Charme und Melone Episode 3

GeschichteKrimi / P12
17.03.2014
17.03.2014
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Episode 3 - The reunited Avengers
Tödlicher Duft /The unpleasantness at the Chelsea Flower Show

Immergrüne Hecken bilden mannshohe Mauern. Ein Mann mittleren Alters in Anzug und Krawatte kommt einen engen, heckengesäumten Weg entlang gerannt. Er keucht, hält kurz inne und stürzt dann weiter nach rechts in den nächsten schattigen grünen Weg. Er befindet sich in einem typisch englischen Irrgarten. Hie und da finden sich lebensgroße marmorne Statuen im ewigen Grün, die meist klassische Vorbilder der römischen Mythologie haben. Doch der Mann hat weder einen Blick für die Figuren, noch für die angelegte Landschaft. Gerade bemerkt er, dass er im Kreis gelaufen ist und schaut sich erneut verzweifelt um. Er hat die Orientierung verloren. Da, hat da nicht ein Zweig geknackt?
Mit schweißüberströmten Gesicht rennt er weiter, diesesmal nach links. Erst jetzt sieht man einen jungen Mann mit braungelocktem Haar und einem weißen Rollkragenpulli ebenfalls durch den Irrgarten kommen, nur geht dieser viel langsamer und lauscht wie ein Raubtier, dass seiner Beute folgt. Er hält einen Gegenstand im Pulloverärmel verborgen.
Währenddessen läuft und stolpert der erste Mann weiter. Abermals kommt er an einer Figur vorbei, es ist Minerva mit Helm und Schwert. Bei ihrem Anblick bleibt er stehen, lockert sich mit einer Hand die Krawatte, zieht sie über den Kopf und hat sie im nächsten Augenblick auch schon Minerva umgehangen. Mit offenem Hemkragen macht er einen Satz und verschwindet seitlich im Gebüsch. Etwas später geht sein Verfolger ebenfalls an der Minervafigur vorbei, ohne jedoch deren neuen Halsschmuck zu entdecken.
An einer Heckenkreuzung kommt der Anzugträger nach Atem ringend zum Stehen. Wieder sieht er sich um. Es ist niemand zu sehen, allerdings auch nicht der Ausgang. Der Mann drückt ein bißchen den Rücken durch, um wieder freier atmen zu können, da schwirrt etwas Metallenes blitzend durch die Luft, und ein Stilett bohrt sie in seine Brust. Der Mann schreit nicht, er gibt nur so etwas wie ein Schnaufen von sich, seine Augen werden groß und glasig, und lautlos sinkt er zu Boden.
Der junge Mann im Rollkragenpulli tritt aus dem Schatten der Thujas hervor, schreitet mit schnellen Schritten zu dem ersten Mann hinüber, kniet bei ihm nieder, fühlt den Puls und zieht dann mit einem Ruck den kleinen Dolch aus dessen Oberkörper. Dann durchsucht er mit flinken Bewegungen die Taschen des Toten. Eine weitere Person, ein junge blonde Frau in kariertem Rock und Twinset erscheint nun ebenfalls auf der Szene. Sie sieht dem jungen Mann ungeduldig zu, dann fragt sie leise:
"Hast du es endlich gefunden, Ian?"
Der junge Mann sieht zu ihr auf und schüttelt ernst den Kopf.
"Nein, er hat es nicht bei sich."
"Blödsinn, natürlich hat er es. Er..."
Sie stockt und bricht ab. Dann tritt sie näher. Der Ausdruck in ihren Augen wird hart.
"Du Idiot", zischt sie wütend, "wo ist sein Schlips?"
Erst jetzt fällt dem jungen Mann der offene Hemdkragen des Toten auf. Er richtet sich auf und sieht sich um.
"Er muss ihn unterwegs abgenommen und weggeworfen haben."
"Er hatte ihn noch um, als er hier hinein rannte", gibt die Frau zurück. "Das Ding ist noch hier in diesem Garten, komm."
Sie wollen sich abwenden und den Weg zurücklaufen, den sie gekommen sind, als sie Männerstimmen hören. Drei Gärtner in grüner Kleidung und mit Schubkarren und anderem Gartengerät bewaffnet kommen nacheinader den Heckenweg entlang. Das Pärchen flieht in die anderen Richtung. Der erste der Gärtner erreicht nun die Kreuzung in den Wegen und unterbricht sein fröhliches Geplauder, als er die Leiche am Boden erblickt.

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"Mrs. Peel, sind Sie nun Persephone oder Pomona", Steed erscheint in einem hellgrauen Anzug samt Melone und Schirm auf der Terrasse seiner gemeinsamen Wohnung mit Mrs. Peel. Diese kniet am Boden, umgeben von einem offenen Sack mit Gartenerde, einer kleinen Metallschaufel und jeder Menge Stiefmütterchen, Tausendschönchen, Vergissmeinnicht und Anemonen, welche sie in Töpfe und Kästen füllt. Für diese Arbeit trägt sie eine grüne Drillichhose, eine grüne Drillichschürze, grüne Handschuhe und einen sandfarbenen Pulli und ganz gegen ihre sonstigen Gewohnheiten hat sie ihr Haar mit einer großen Spange am Hinterkopf hochgesteckt.
Sie fährt sich mit der Hand durch das Gesicht und hintelässt eine Erdspur.
"Steed, sind Sie gekommen, um mir zu helfen? Sie sehen nicht so aus."
Mrs. Peel mustert mit spöttischem Blick seinen chicen Aufzug. Er zieht sich ungerührt einen weißen Metallstuhl heran, setzt sich, legt Hut und Schirm auf den Tisch und zieht sich dann die Handschuhe aus, die er zu den anderen Sachen legt.
"Tut mir leid, rosenfingrige Aurora, aber ich habe für heute genug von Gärten, obwohl mich ihr Anblick für vieles entschädigt. - Die Chelsea Flower Show steht an und das Ministerium Kopf. Ihre Königliche Hoheit persönlich werden am ersten Tag erwartet, nebst zwei weiteren Mitgliedern der königlichen Familie."
Mrs. Peel sieht pflichtgemäß beeindruckt aus.
"Hmm, da sind Sie also für die Sicherheit of Her Royal Highness verantwortlich. Gratuliere Sir John Steed, Sie machen sich."
"Heißen Dank, Verehrteste, ein Kompliment von Ihnen erfüllt mich immer mit ehrlichem Stolz." Dann wird er ernst.
"Leider hat es im Vorfeld einen unschönen Zwischenfall gegeben. Einer unserer Agenten, Myers mit Namen, wurde im Irrgarten des Schaugeländes erstochen aufgefunden."
"Im Irrgarten?" Mrs. Peel sieht irritiert von ein paar Ranunkeln auf.
"Ja", strahlt Steed sie an, "das Motto dieses Jahr ist durch und durch britisch. Und dazu gehört auch der gute, alte Irrgarten mit Statuen und einem Rondell in der Mitte, wo man picknicken kann."
"Wird ihre Königliche Hoheit mit Picknickkorb und Decke erscheinen", fragt Mrs. Peel ironisch.
"Eher unwahrscheinlich", gibt ihr Mitbewohner zu, "dennoch ist es ein Spaß für Jung und Alt."
"Außer für Agent Myers", erwidert die Hobbygärtnerin.
"Ja, außer für ihn. Es gelang ihm aber, uns etwas zu hinterlassen. Die Gärtner haben es gefunden. Seine Krawatte."
"Seine Krawatte?"
"Mrs. Peel", Steed wirft ihr einen strengen Blick zu. "Das habe ich Ihnen schon einmal erklärt. Damals, als wir das Attentat auf den Premierminister verhindert haben - Agenten in Bedrängnis hinterlassen persönliche Gegenstände auf der Flucht falls man sie überwältigt und durchsucht. Und das hat Myers getan. Sein Schlips, übrigens ein scheußliches Exemplar - vielleicht hat man ihn auch deshalb getötet - enthielt einen Mikrofilm mit Fotos."
Er greift in die Jackettinnentasche und holt mehrere Abzüge heraus.
"Fotos von fünf Leuten, die wir gar nicht gern auf der Chelsea Flower Show begrüßen würden."
Er legt die Fotos auf den Tisch. Mrs. Peel steht auf und sieht sie sich an.
"Warum? Keinen guten Geschmack in puncto Krawatten und Hüte?"
"Mrs. Peel", Steeds Stimme ist zu einem ernsten Flüstern herab gesunken, "diese Leute tragen nicht einmal Hüte und Krawatten." Er wird wieder ernst und tippt mit dem Finger auf das erste Bild, das einen älteren Mann zeigt.
"Das ist Eward Lohen", es folgt ein Bild von einem etwas jüngeren Mann mit kurzgeschorenem Haar, "das ist Oliver Campbell." Er tippt auf das Foto des jungen gelockten Manns aus dem Irrgarten. "Das ist Ian Donovan, das Roger Mannering", ein untersetzter Mann mit Glatze, "und das ist Kathy Wright, der Kopf des Unternehmens." Sein Finger ruht auf dem Bild der jungen Frau aus dem Irrgarten.
"Zusammen ergeben sie eine höchst unerfreuliche, antibritische, antiroyale Terrorzelle, die sich eine zeitlang im Schutz der IRA aufgehalten, sich aber nun eindeutig abgesplittert hat. Myers war auf sie angesetzt. Wir gehen davon aus, dass er sie nicht nur gefunden hat, sondern..."
"... sie ihn", ergänzt Mrs. Peel. "Und zwar hier in London."
"Auf dem Gelände, auf welchem in einigen Tagen die Königin ihren Fuß setzen wird, um an den wunderschönen Rosen und Chrysanthemen zu riechen. Und wenn es nach diesen Fünf geht", er klopft mit dem Finger auf die Fotos, "dann wird das das Letzte sein, was sie tut. Und das muss u.a. ich verhindern. Und Sie natürlich, meine Teure."
"Ich?" Mrs. Peel macht große Augen.
"Ja. Großbritannien kann nicht auf Sie verzichten, das müssen Sie doch einsehen. Wo das Leben und die Sicherheit der königlichen Familie auf dem Spiel steht, ist jeder Untertan ihrer Majestät dazu aufgerufen, alles in seinen Kräften stehende zu tun."
"The queen expects that every man will do his duty", erwidert Mrs. Peel in zackigem Tonfall, schlägt die Hacken zusammen und salutiert vor Steed.

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Währenddessen zur gleichen Zeit in einem ländlichen Gebiet südlich von London. Der Landsitz von Sir Mortimer Fortescue liegt friedlich eingebettet inmitten von Wäldern und Wiesen. Der Rhododendron blüht, die Pfingstrosen ebenfalls. Leicht versetzt hinter dem Gebäude aus grauem Sandstein sieht man diverse Gewächshäuser in der Sonne blitzen. Sir Mortimer selbst befindet sich gerade in der Halle in seinem Rollstuhl als es an der Tür klingelt.
"Lassen Sie nur Soames, ich öffne selbst", ruft er seinem jungen Butler zu und rollt zur Tür.
"Ja, bitte, Sie wünschen?"
Draußen stehen fünf Leute, zwei davon mit Waffen und drängen ohne Erklärung ins Haus.
"He, was soll das! Was wollen Sie!"
"Halt die Klappe, alter Mann", der junge Mann mit den Locken stößt grob den Rollstuhl herum und schlägt dem Hausherrn mit dem Griff der Pistole über den Kopf, dass dieser leblos zusammensackt.
"He, Sie", der Butler ist hinzugeeilt, doch kaum erscheint er auf in der Halle, fällt auch schon ein Schuss, und tödlich getroffen fällt der junge Mann zu Boden.
"Los, bringt die Kisten rein", kommandiert die junge Frau und drei der vier Männer gehen wieder hinaus zu den Wagen.
Von dem Lärm alarmiert kommt die Köchin hinzu. Sie sieht den Butler am Boden liegen und Sir Mortimer im Rollstuhl hängen und schreit entsetzt auf, wird aber sofort von der jungen Frau namens Kathy Wright ebenfalls mit einem Schlag mit dem Pistolenkolben zum Schweigen gebracht.
Wenig später ist alles vorbei. Die beiden Wagen sind geparkt, die Fremden im Haus verschwunden. Die Leiche des Butlers wurde in eine Besenkammer verfrachtet, Sir Mortimer und seine Köchin gefesselt im Keller des Hauses untergebracht. Die geheimnisvollen Kisten sind in die Gewächshäuser getragen worden. Weiteres Personal gibt es nicht. Um Besucher oder Lieferanten abzuwehren, ist einer der Männer in die Rolle des Butlers geschlüpft. Das Turmzimmer im obersten Stockwerk dient derweil als Ausguck und wird abwechselnd von den Eindringlingen besetzt. Wer dort oben Wache hält, tut das mit einem Feldstecher bzw. Nachtsichtgerät.
In der Küche ist eine improvisierte Mahlzeit zubereitet worden. Dort befinden sich zur Zeit vier der fünf Hausbesetzer. Der älteste Mann ist oben im Turm.
"Was machen wir mit den Gefangenen? Warum haben wir sie nicht gleich alle abgemurkst?"
Der junge gelockte Mann sieht sich ungeduldig um.
"Ich will nicht das Haus voller Leichen haben, wenn es sich vermeiden lässt", antwortet die junge Frau und trinkt einen Schluck Kaffee. "Morgen wird Eddi Phase zwei einleiten. Wir dürfen keine Zeit verlieren, vermutlich ist inzwischen jeder Geheimagent Englands hinter uns her. Die Sache mit dem Schlips war ein dummer Fehler."
"Jaja", mault der Jüngere.
Der Mann mit kurzgeschorenem Haar, der unpassenderweise eine Butleruniform trägt, sieht ihn abschätzend an.
"Kathy hat Recht, keine Patzer mehr. Es steht zuviel auf dem Spiel. - Was sagen unsere Passagiere?"
"Denen geht es gut", antwortet der Vierte und nimmt sich eine Schale Suppe. Dann sucht er in der fremden Küche nach einem Löffel. "Die sind in Topform. Die Gewächshäuser gefallen denen."
Kathy sieht sich zu ihm um.
"Deshalb haben wir auch dieses Haus ausgesucht."

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"Mrs. Peel, setzen Sie um Himmels Willen dieses Ding ab oder ich kann für nichts garantieren."
Mrs. Peel sitzt vor einem großen altmodischen Spiegel einer vornehmen Hutboutique in der Bondstreet und hat eine Kreation auf dem Kopf, die man als Kreuzung zwischen Sahnetorte und Blumenbeet bezeichnen könnte. Hinter ihr steht Steed, und seine Miene drückt entschiedene Mißbilligung aus. Schmunzelnd setzt Mrs. Peel das Torten/Beet-Gebilde ab und greift nach etwas mit einem Schleier und schleifenartigen Auswüchsen an den Seiten in strahlendem Weiß.
"Und wie ist das?"
"Nur wenn Sie auch bunte Eier bringen."
Der Hut wird abgesetzt. Als nächstes folgt ein roter Hut mit einer schmissigen Feder.
"Ha", ruft sie lachend aus und wippt probeweise mit der Feder, "raten Sie mal, woran mich der erinnert!"
"Mrs. Peel", setzt Steed geduldig an, "Sie werden bei der Chelsea Flower Show als ein Mitglied der RHS, der Royal Hugricultural Society eingeschleust und haben die Aufgabe, Ihrer Majestät die Hand zu halten und NICHT ihre fröhlichen Gesellen um sich zu versammeln."
Der Hut verschwindet augenblicklich von Mrs. Peels Kopf und sie sieht Steed mit großen Augen im Spiegel an.
"Sie haben nichts davon gesagt, dass ich der Königin die Hand halten soll. Das klingt für mich, als sollte ich den Kugelfänger spielen."
"Das wollen wir doch nicht hoffen", beschwichtigt sie Steed. "Eigentlich ist Sir Julian von Ihrem Scharfblick und Ihrer Beobachtungsgabe und von ihrer damenhanften, weltgewandten Ausstrahlung begeistert und hielt es für eine gute Idee. `Nehmen Sie doch UNSERE Mrs. Peel` waren seine genauen Worte. - Der geht vielleicht..."
Er reicht ihr eine Strohkreation mit Band. Sie probiert ihn auf aber die Krempe ist so breit, dass Steed einen Meter Abstand zu ihr halten muss. Sie nimmt auch diesen wieder ab.
"Hat man denn irgendeinen Anhaltspunkt, wie diese Leute von dieser terroristischen Zelle vorgehen wollen", fragt sie und versucht es mit etwas Geschwungenem, was ihr gleich über die Augen rutscht.
"Leider nicht", antwortet ihr Begleiter, "warten Sie, ich helfen Ihnen, Moment", und er befreit sie von dem Hut. "Natürlich ist alles in Alarmbereitschaft. Seit Tagen wird das Gelände kontrolliert, die anliegenden Straßen und sogar die Leute die dort wohnen. Ein ganz besonderes Augenmerk haben wir auf die Wohnungen mit Balkon oder Dachterrasse, weil dort am ehesten ein Scharfschütze in Position gehen könnte."
"Aber Sie wissen nicht, ob überhaupt ein Scharfschütze zum Einsatz kommen soll."
Mrs. Peel reicht Steed alle nicht infrage kommenden Hüte zurück und er verteilt sie auf die Ständer und Plastikköpfe. Suchend schaut sie sich um.
"Ehrlich gesagt, ich wüßte nicht, auf welche Weise sonst jemand einen Anschlag verüben wollte. Wie gesagt, das Gelände selbst und das dazu gehörende Gebäude werden kontrolliert, überall Sicherheitsleute und Metalldetektoren. Selbst wenn es jemandem gelänge, in die Schaugärten zu gelangen, könnte er im Prinzip nur noch versuchen, die Königin mit bloßen Händen zu erwürgen."
"Wie wäre es, wenn man das Gelände überflöge und z.B. einen Sprengsatz fallen ließe?"
"Ha, Sie denken an unsere alten Freunde von PSEV und ihre Modellflieger. Nein, daraus dürfte nichts werden. Der Luftraum wird ebenfalls überwacht. Und es gibt sogar über den meisten Freiflächen Sicherheitsnetze. Das macht Probleme mit dem Vögeln und den Ballons."
"Wie meinen Sie?"
"Nun ja, es ist geplant, dass, wenn die Königin die Gärten betritt, weiße Tauben in die Luft steigen und anschließend viele Luftballons in weiß und rosa. Ein wenig kitschig, wenn Sie mich fragen, aber die Leute von der RHS sind nun einmal so, sie lieben das Überflüssige. Und die Tauben werden Probleme mit den Netzen haben, also muss es einen Ort ohne Netze geben. Aber dort zur rechten Zeit etwas herunter fallen zu lassen, dürfte ein Ding der Unmöglichkeit sein."
"Hey, wie finden Sie den?"
Jetzt trägt sie eine einfache Pillbox mit einem kurzen Schleier in einem dezenten Vanilleton. Steed lächelt.
"Großartig. Darf ich Ihnen zu Ihrem Geschmack gratulieren und ihnen ein Fläschchen Parfum dazu überreichen."
Und er zaubert aus seiner Tasche eine kleine weiße Pappschachtel mit Blumenaufdruck hervor und reicht sie Mrs. Peel.
"Das ist die Damenspende auf der Flower Show. Die neueste Kreation. Nennt sich "Charming Rose" und ist extra zu diesem Anlass erschaffen worden. Die Queen soll begeistert davon sein. Sie werden die Ehre haben, ihr einen Flacon zu überreichen."
Mrs. Peel öffnet die Verpackung und zieht das Fläschchen heraus. Dann sprüht sie sich etwas auf das Handgelenk und schnuppert.
"Eine Idee zu blumig für meinen Geschmack."
"Ich weiß, Gnädigste, Sie benutzen nur Chanel."
Ein wenig später legt Mrs. Peel die Hutschachtel mit ihrer Neuerwerbung auf den Rücksitz ihres Sportwagens. Die Sonne scheint, es ist ein herrlicher Tag.
"Gehen wir etwas essen, Steed, oder sind Sie im Dienst?"
"Ich denke, einen Happen können wir schon zu uns nehmen. Ach nein, schauen Sie mal."
Er deutet auf ihr Handgelenk, wo sie das Parfum aufgetragen hat. Zwei Schmetterlinge sind dort gelandet. Mrs. Peel lacht auf und Steed sagt:
"Sie sind eben unwiderstehlich."

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Im Halbdunkel des staubigen Kellerraums bewegt sich etwas. Jemand stöhnt leise.
"Sir Mortimer", flüstert eine weibliche Stimme.
Wieder ertönt nur ein leises Stöhnen.
"Sir Mortimer, ich glaube, ich habe es gleich geschafft, Moment, jetzt..."
Es klappert, dann ein tiefes Aufseufzen. Eine schattenhafte Gestalt erhebet sich, streckt kurz Arme und Beine und beugt sich dann über einen undeutlichen Haufen. Dieser Haufen entpuppt sich bei näherem Hinsehen als ein alter, schwacher Mann, der am Rande seiner Kräfte und noch nicht ganz bei Bewusstsein ist.
"Sir, halten Sie durch", wispert die Köchin erneut. "Ich werde versuchen, zu fliehen und Hilfe holen, ganz bestimmt."
Eine schwache Stimme, fast nur ein Krächzen antwortet:
"Seien Sie vorsichtig, meine Liebe, vorsichtig..."
"Ja, Sir, bestimmt, Sir, warten Sie, ich mache Ihnen auch die Fesseln los und dann lege ich Sie bequemer hin."
Sie lässt ihren Worten Taten folgen und kurze Zeit danach ist der alte Herr auf ein paar alten Decken gebettet. Aufstehen kann er sowieso nicht und der Rollstuhl ist nicht da. Außerdem wäre es unmöglich, ihn mit oder ohne Rollstuhl die Kellertreppe hoch zu befördern. Dafür war sonst Soames da aber der ist tot.
Die Gestalt der Köchin huscht zur Tür. Sie ist abgeschlossen, hat aber ein uraltes Schloss, und sie wäre keine Köchin, wenn das ein echtes Hindernis für sie wäre. Zehn Minuten später hört man die Scharniere quietschen und die Köchin schleicht sich Schritt für Schritt die alte Holztreppe hinauf. Sie weiß auf welche Stufen sie nicht treten darf, sie kennt das Haus wie ihre Rocktasche.
Die Kellertreppe mündet, wie bei alten Herrenhäusern üblich, in die Küche, doch die ist gerade leer. Die Köchin sieht sich um, sieht das herumstehende Geschirr, die Flecken auf dem Linoleum und riecht die Suppe. All das kann nur ihren Abscheu hervorrufen, doch dafür ist jetzt keine Zeit. Leider gibt es nur ein altmodisches Telefon im Haus und das steht im Arbeitszimmer im ersten Stock. Sie hört gedämpfte Stimmen von oben und kann es somit nicht riskieren, die Polizei anzurufen. Sie muss raus aus dem Haus, runter vom Grundstück und versuchen, zu Fuß zur nächsten Wache zu gelangen.
Gerade hat sie sich in die Halle geschlichen, als sich Schritte nähern. Rasch schlüpft sie in den Salon. Aus der Haustür kann sie nicht, also versucht sie ihr Glück durch den Wintergarten über die Terrasse. Als sie bald darauf draußen auf dem Rasen steht, muss sie erst einmal blinzeln vor lauter Helligkeit, doch rasch läuft sie weiter in Richtung Gewächshäuser, denn dahinter beginnt der Wald und dort verläuft eine Autostraße ins nächste Dorf.
Doch ihre Flucht ist leider nicht unbemerkt geblieben. Im Turmzimmer stehen die Frau und der Mann mit den kurzgeschorenen Haaren und beobachten die laufenden Gestalt mit dem Fernglas.
"Los, sag Roger über Walkie-Talkie bescheid", fordert sie ihn in knappen Worten auf. Dann umspielt ein grausames Lächeln ihren Mund.
"Das gibt eine hübsche Generalprobe."

Die junge Angestellte hat inzwischen ein wenig außer Atem die Gewächshäuser erreicht. Sie hört so etwas wie ein gedämpftes Brummen, achtet aber nicht darauf, sondern schleicht sich leise weiter. Sie ist an den Glasgebäuden fast vorüber, als ihr ein Mann mit Glatze und grüner Schürze in den Weg tritt. Vor Schreck und Überraschung schreit sie auf. Er hält einen Kanister und eine Spritze in den Händen, wie man sie zum Besprühen von Rosen mit Insektenvernichtungsmittel benutzt und sprüht ihr einen scharfen Strahl ins Gesicht und dann noch einen.
Sie hustet und wischt sich die Augen, das Zeug brennt. Doch entschlossen schubst sie ihn von sich und rennt los, als wäre der Teufel hinter ihr her. Sie muss immer noch husten und ihre Augen tränen wie verrückt, doch sie kann, wenn auch undeutlich, den nahen Waldessaum erkennen und saust darauf zu.
Eigentlich rechnet sie damit, dass der Mann mit der Glatze hinter ihr herkommt, doch sie dreht sich nicht um und ist froh, als das dichte Grün sie verschluckt. Erst hundert Meter weiter hält sie inne und wagt es, sich umzusehen, doch niemand ist hinter ihr. Hat sie ihre Verfolger tatsächlich abgehängt?
Da hört sie wieder dieses Brummen in der Luft. Es klingt, als wäre ein Hubschrauber nicht weit entfernt. Sie stolpert etwas unsicher vorwärts. Wo liegt nun die Autostraße? Durch eine Lücke im Blätterdach späht sie nach oben, doch sie kann kein Fluggerät sehen. Das Brummen wird immer lauter. Sie bekommt es mit der Angst und rennt erneut los, querfeldein. Sie springt über Wurzeln und weicht den Stämmen der Bäume aus. Jetzt ist das Brummen unheimlich laut und scheint von überall gleichzeitig herzukommen.
Sie schwitzt vor Angst und Panik, da verspürt sie einen schmerzhaften Stich und noch einen und noch einen. Schmerz durchflutet ihren Körper, sie hört sich selbst schreien. Sie achtet nicht mehr auf ihren Weg, stolpert, strauchelt und fällt in eine Grube. Im Fallen schreit sie noch und noch eine ganze Zeit danach. Dann ist es still, kein Laut dringt mehr aus der Grube und auch das Brummen ist verschwunden.

Kurze Zeit später sieht man den Mann mit den kurzen Haaren mit einem Hund an der Leine durch den Wald gehen. Der Hund zerrt den Mann vorwärts, der ihn mit leiser Stimme zum Suchen antreibt. Die beiden befinden sich fast unmittelbar vor der bewussten Grube, als plötzlich ein Pritschenwagen keine fünfzig Meter weiter die Autostraße hochkommt und anhält. Der Mann bleibt stehen und hält auch den Hund kurz.
Jetzt steigen mehrere Männer in Waldarbeiterkleidung aus dem Auto und laden Motorsägen ab. Sie lachen und reden laut und einer von ihnen deutet auf Bäume, die ein hellblaues Kreuz am Stamm haben. Ungesehen ziehen sich der Mann und der Hund zurück. Kurze Zeit darauf hört man überraschtes Rufen.

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Auf der polierten Tischplatte liegen Pläne und Karten weit ausgebreitet und teilweise übereinander. Steed und seine Kollegen stehen drumherum und debattieren. Es sind die Pläne des Geländes des Royal Hospitals in Chelsea und Straßenkarten.
"Wir haben es hier mit zwanzig verschiedenen Schaugärten insgesamt zu tun, wenn wir alle Freiflächen so einteilen", Steed zeigt auf den obersten Plan.
"Hier läuft eine Mauer entlang", sein Finger fährt auf dem Papier entlang, "und von hier kann niemand auf das Gelände. Aber hier", sein Finger klopft auf eine bestimmte Stelle, "das ist der schwache Punkt. Diese Häuser hier können auf das Gelände sehen und somit könnte dort auch jemand Stellung beziehen. Haben wir alle Leute, die dort wohnen, registriert und kontrolliert?"
"Haben wir", bestätigt ihm ein jüngerer Kollege mit ernstem Gesicht. "Zudem wird durch Wachpersonal unten vor den Eingängen kontrolliert, wer das Gebäude betritt und verlässt. Im Prinzip ist das nur den Bewohnern selbst gestattet, zumindest für die entsprechende Zeit."
"Sehr gut", antwortet Steed, "und wohnt dort irgendwer, der mit unseren Freunden sympathisieren könnte? Der den Fünfen vielleicht seine Wohnung zur Verfügung stellen würde?"
"Niemand", antwortet ein Anderer mit Walrossschnurrbart wie aus der Pistole geschossen. "Wir haben auch die polizeilichen Führungszeugnisse der Leute kontrolliert. Da hat nicht mal einer eine Strafe wegen Falschparkens."
"Sehr beruhigend. Dennoch müssen wir diese Häuserzeile im Augen behalten, sie ist der gefährlicheste Punkt."
"Wie wollen die denn ein Gewehr da hinein bekommen, wenn alles kontrolliert wird?"
Steed dreht sich lächelnd zu dem Frager um.
"Vielleicht ist es schon längst da. Außerdem wer sagt Ihnen, dass die ein Gewehr benötigen?"
"Ja, aber sagten Sie nicht..."
"Ich sagte", Steed richtet sich auf, "dass dort jemand Stellung beziehen könnte. Wofür auch immer. Die wissen doch, dass wir nach Gewehren und allem, was dem auch nur entfernt ähnlich sieht, suchen. Benutzen Sie Ihre Fantasie, Gentlemen! Wenn Sie ein Terrorist wären, wie würden Sie vorgehen?"
Man sieht den Anwesenden deutlich an, dass Imagination nicht eben ihre starke Seite ist. Wie ein Terrorist zu denken, liegt ihnen eindeutig nicht.
Steed seufzt innerlich auf. Diesen Leuten mangelt es an Fantasie, an Vorstellungskraft, an Einfallsreichtum. Zugegebenermaßen sind auch viele der Verbrecher in letzter Zeit fantasieloser und einfallsloser geworden. Die neue Ernsthaftigkeit hat auch hier nicht halt gemacht. Mrs. Peel war sofort PSEV und deren Modellflugzeuge in den Sinn gekommen, diese Menschen hier würden die Geschichte selbst nicht einmal mehr glauben.
Steeds Blick wandert über die gediegene Einrichtung, die goldenen schweren Vorhänge vor den Fenstern des Sitzungssaals, die Holztäfelung und dann zu dem überall gegewärtigen Bild der Königin, die zu beschützen seine Aufgabe ist. Bildet er sich das ein oder sieht sie ihn tatsächlich leicht spöttisch an?
` Ja`, denkt er und erlaubt es sich in diesem Moment der inneren Einkehr ihre Majestät in Gedanken zu duzen, `du und ich, wir machen schon sehr lange unseren Job. Wir haben Sachen erlebt, die sich die meisten gar nicht vorstellen können. Jetzt sind wir beide ein wenig in die Jahre gekommen und kämpfen immer noch an vorderster Front.`
Steed reißt sich zusammen und zwint sich zurück in die Gegenwart. Er teilt die Leute ein, bestimmt ihre Einsatzorte und wird die ganze Zeit das Gefühl nicht los, dass das alles im Ernstfall nicht viel hilft.

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Corporal Craine, ein Man von militärischem Äußeren und solchen Ansichten, wohnt in einer Dachgeschosswohnung in der Mackidockie Street und hat damit an schönen Tagen einen wunderbaren Ausblick auf das Gelände, welches das Royal Hospital umgibt. Doch meistens kümmert er sich wenig um die Aussicht, denn seine Liebe gilt seinen Orchideen. Für seine Blumen besitzt er ein kleines gläsernes Gewächshaus hoch oben auf seiner Dachterrasse, was diese platzmäßig natürlich etwas einschränkt.
Er ist ein Corporal a.D., und sein energisches Wesen täuscht über die Tatsache hinweg, dass er aufgrund einer alten Kriegsverletzung kaum gehen kann. So verlässt er nur relativ selten seine Wohnung, denn seinen Haushalt führt eine Putzfrau, die dreimal die Woche kommt und Einkäufe erledigt ein Dienstleister auf Bestellung für ihn.
Der Wachmann, der unten vor dem Haus postiert ist und schon Tage vor Beginn der Chelsea Flower Show kontrolliert, wer im Haus aus und eingeht, bildet sich natürlich ein, den Corporal jederzeit zu erkennen. Tatsächlich könnte er dessen Gesichtszüge nicht aus einem dutzend ähnlich großer uniformierter älterer Männer erkennen, wenn diese auch noch den gleichen Schnurbart trügen.
So schöpft er auch überhaupt keinen Verdacht, als kurz nach Beginn seiner Schicht der Corporal mit einer Times unter dem Arm auf seinen Stock gestützt und in seiner Uniform auf ihn zukommt und ihn zackig grüßt.
"Morgen, Sergeant, herrliches Wetter heute, was!"
"Morgen, Sir", gibt der Beamte höflich zurück. Er hat den Corporal nicht rauskommen sehen, aber darüber macht er sich keine Gedanken. Der Mann läuft so langsam, dass er vermutlich während der Dienstzeit seines Vorgängers das Haus verlassen hat.
"Übrigens, Sergeant, ich bekomme nachher eine Weinlieferung, ein paar Karton vom Besten, Sie verstehen. Sie werden doch den Leuten erlauben, sie mir hinauf zu liefern? Ich kann das unmöglich allein schleppen, so gern ich es auch würde."
"Natürlich, Sir, kein Problem. Wann kommen die Leute und von welcher Firma?"
"Halb elf", gibt der Corporal schneidig zurück, "Vincenzo´s Weindepot. Vier Kartons."
"Ist notiert, Sir", der Sergeant salutiert vor dem Corporal weil er glaubt, dem alten Herrn gefalle das. Grundsätzlich müsste er jede Kiste öffnen und einzeln kontrollieren aber er weiß jetzt schon, dass er das nicht tun wird, wenn nichts Außergewöhnliches ihn dazu zwingt. Die Leute in diesen Häusern bekommen ständig etwas geliefert: Kisten mit Getränken, Päckchen, Pakete, gereinigte Wäsche und sie tragen auch pausenlos Einkäufe ins Haus. Wenn er das alles einzeln kontrollieren wollte, könnte inzwischen eine ganze Armee den Hauseingang unbemerkt passieren. Außerdem ist es öde und langweilig. Wenn ein alter, kranker Mann wie der Corporal sagt, er bekäme Wein, dann wird es wohl auch so sein. Viel Freude hat der arme Kerl eh nicht mehr von seinem Leben.
Wie bedauerlich Recht der Sergeant unwissenderweise hat, wird kurze Zeit später klar, als es an der Wohnungstür des Corporals läutet. Dieser geht hin, öffnet und sieht sich zu seinem grenzenlosen Erstaunen seinem Ebenbild gegenüber. Zunächst bleibt ihm vor Überraschung glatt der Mund offen stehen, dann schnauft er und fragt völlig verblüfft:
"Meine Güte, wer sind Sie?"
Der Besucher lächelt ihn an und antwortet, während er gleichzeitig eine Waffe mit Schalldämpfer aus der Uniformjacke zieht:
"Ich bin Sie, Corporal", und damit schießt er ihm zweimal in die Brust.
Craine ist auf der Stelle tot. Niemand hat die Schüsse gehört. Der Fremde lässt den Stock fallen und schiebt behende den Leichnam des Wohnungsinhabers über die Schwelle ins Innere der Wohnung. Dann packt er den Stock, rückt die Türmatte gerade, sieht sich noch rasch um und macht, dass er in der Wohnung verschwindet. Er durchquert schnellen, leichten Schrittes die Räume, bis er im Wohnzimmer das Telefon entdeckt. Er hebt ab und wählt. Wartet. Dann meldet sich jemand.
"Alles planmäßig verlaufen", berichtet er mit gedämpfter Stimme. "Phase zwei erfolgreich angelaufen."

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Steed und Mrs. Peel haben schon Einiges in ihrem Leben gesehen, aber das was da auf der Metallliege vor ihnen in dieser stillen Leichenhalle liegt, verlangt starke Nerven und einen guten Magen.
"Großer Gott", entfährt es Steed unwillkürlich.
Mrs. Peel beweißt sowohl Nerven als auch Professionalität, als sie mit ernstem Gesicht näher tritt und die bedauernswerte Tote näher in Augenschein nimmt.
"Wenn ich raten sollte", hebt sie mit sachlicher Stimme an, die der Situation weitaus angepasster ist, als die in Orange gestrichenen Wände der Pathologie, "dann haben wir es hier mit einem außergewöhnlich heftigen anaphylaktischen Schock zu tun."
Sie hebt den Blick und sieht Dr. Palmer, denn Dritten im Bunde, fragend an.
"Vielleicht auf ein Tiergift?"
Dr. Palmer räuspert sich trocken und schieb mit dem Zeigefinger seine Goldrandbrille die Nase hinauf.
"Wären Sie meine Studentin, Mrs. Peel, hätten Sie jetzt eine Eins kassiert. - Ja, tatsächlich ein heftiger anaphylaktischer Schock auf ein Tiergift. Sozusagen."
"Sozusagen", Steed wendet nun ebenfalls seine Aufmerksamkeit dem Arzt zu.
"Tja", dieser schnalzt mit der Zunge, "eine natürliche Reaktion ist das nicht. Sehen Sie sich die Tote an, man kann kaum ihre Züge erkennen. Am ganzen Körper Verfärbungen und ungleichmäßige Schwellungen. Selbst wenn sie in einen Pool voller Kreuzottern kopfüber gesprungen wäre, dürfte sie nicht so aussehen."
"Das wäre auch eine der widerlichsten Todesarten, von denen ich je gehört hätte", wirft Steed ein und lässt seinen Blick erneut über die Tote gleiten.
In diesen Tagen der erhöhten Wachsamkeit, hat das Krankenhaus, in dem eine Gruppe Waldarbeiter eine unbekannte Tote eingeliefert haben, sofort beim Innenministerium Alarm geschlagen und das wiederum hat Steed und Emma auf den Plan gerufen. Alles Ungewöhnliche ist umgehend zu melden, und eine derart zugerichtete Tote in einem friedlichen Waldstück bei Surrey ist in der Tat höchst ungewöhnlich. Zwei der Arbeiter wird noch Cognac verabreicht.
"Das waren auch keine Kreuzottern", stellt Mrs. Peel fest, "dafür fehlen die typischen Bissspuren. Auch wenn bei diesen Schwellungen es schwierig ist, einen Biss von einem Muttermal zu unterscheiden. Apropos Muttermal, sie hat außerordentlich viele davon am Körper, wenn es denn welche sind."
Jetzt ernetet sie von Dr. Palmer sogar ein Lächeln.
"Sind es nicht, jedenfalls nicht alle. Meiner Meinung nach. Es sind Punktierungen."
"Von Injektionsnadeln?" Steed sieht den Doktor scharf an.
Dieser schüttelt den Kopf.
"Nein, zu ungenau und ungleichmäßig. Ich würde auf Tierstacheln tippen. Dem Gift nach auf eine exotische Spinnenart. Auch wenn ich nicht sagen könnte auf welche. Wir analysieren das Gift noch. Vorsichtig ausgedrückt haben wir es mit einer Mutation zu tun, welche so in der Natur gar nicht vorkommt."
"Eine Neuzüchtung von irgendetwas?"
"Zum Beispiel, Mr. Steed. Allerdings wäre so etwas wohl auf jeden Fall meldepflichtig, denke ich."
Mrs. Peel hat inzwischen ihre Handtasche geöffnet und einen Kamm herausgezogen. Damit nähert sie sich nun der Toten und kämmt dieser sehr vorsichtig das dunkle Haar. Die beiden Männer sehen ihr dabei stumm zu. Dann fällt etwas lautlos auf den Boden. Mrs. Peel greift sich flugs eine Pinzette von einem Metalltablett, hebt damit das Objekt auf und geht auf die beiden Männer zu.
"Könnte es sich auch um eine Wespenart handeln, Doktor?"
Beide betrachten wie vom Donner gerührt das große gelb-schwarze Insekt, welches tot im Griff der Pinzette hängt.
"Wenn das eine Wespe ist", wirft Steed halbwegs entsetzt ein, "für mich sieht das nach einer ausgewachsenen Hornisse aus."
Dr. Palmer nimmt Mrs. Peel vorsichtig die Pinzette ab, schiebt seine Brille nach oben, geht ein paar Schritte zum Fenster hinüber und hält sich das Tier vor die kurzsichtigen Augen.
"Das ist in der Tat eine Wespe, Mr. Steed. Obwohl Sie, was die Größe angeht, vollkommen Recht haben. Und ich glaube auch nicht, dass dieses Tier und seine Artgenossen sich auf natürlich Art und Weise in den Wäldern Surreys ausgebreitet haben."
"Wollen wir hoffen, dass es sich noch gar nicht ausgebreitet hat, sonst kann ich auf der Stelle Flugzeuge mit Insektenvernichtungsmittel anfordern und das Gebiet evakuieren lassen."
"Wollen wir dem nicht erst einmal selbst nachgehen, bevor wir eine Panik auslösen", fragt Mrs. Peel und sieht Steed auffordern an.
Der greift nach seiner Melone und macht ein skeptisches Gesicht.
"Von ´wollen´ kann überhaupt keine Rede sein, Mrs. Peel."

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Kurz darauf sieht man Steed und Mrs. Peel in Steeds silberfarbenem Bentley eine Landstraße dahin brausen. Steed trägt zur sandfarbenen Hose ein Tweedjacket, doch Mrs. Peel hat noch eins draufgesetzt. Zum senfgelben Ensemble, bestehend aus Hose und Kurzmantel, mit dazu passendem Rolli trägt sie einen chicen Tropenhelm mit Imkernetz vor dem Gesicht.
Während er den Wagen lenkt, schaut Steed kurz zu ihr herüber und fragt:
"Meinen Sie, wir werden damit einen neuen Trend setzen?"
"Das kann man nie wissen. - Wie weit ist es noch?"
"Nach der Beschreibung der Waldarbeiter müssten wir gleich da sein. - Richtig, sehen Sie, dort liegen ein paar gefällte Bäume und überall Sägespäne. Hier sind wir richtig."
Er parkt den Wagen auf dem Seitenstreifen und er und Mrs. Peel steigen aus. Jetzt ziehen sie sich auch noch Handschuhe über und auch Steed setzt sich einen ähnlichen Helm wie Mrs. Peel auf. Dann betreten sie gemeinsam das Waldstück.
"Hier ist der Ort, wo man sie fand", Steed zeigt auf eine Grube im Erdboden und beide gehen vorsichtig drumherum. Mrs. Peel lauscht und wittert in die Gegend. Ein Kuckuck ist von fern zu hören und das übliche Gezwitscher von Vögeln. Hie und da raschelt es im Unterholz, doch ansonsten wirkt der Wald so friedlich, wie ein Wald in der Idylle Surreys nur wirken kann.
"Bisher sehe ich keine einzige Wespe", stellt sie mit gedämpfter Stimmer ein wenig später fest, während sich die beiden immer noch Schritt für Schritt durch das schattige Grün kämpfen. "Nicht einmal eine Biene."
"Ich auch nicht", gibt Steed zu. Auch er spricht in gedämpften Tonfall, richtet sich auf und versucht sich zu orientieren. Dazu hält er einen Kompass in der Hand, den er ab und zu konsultiert.
"Und dennoch ist die Ärmste genau hier zu Tode gestochen worden."
"Seltsam, finden Sie nicht? Man sollte doch meinen..."
"Schsch", macht plötzlich Steed und berührt Mrs. Peel am Arm. Doch dann winkt er ab.
"War nur das Rattern eines Spechts."
Die beiden gehen vorsichtigt weiter. Laub raschelt unter ihren Füßen und Zweige knacken.
"Sie haben doch jahrelang auf dem Lande gewohnt, Mrs. Peel, ist denn Mai überhaupt die Jahreszeit für Wespen?"
"Keineswegs", antwortet diese und biegt einen Ast zur Seite. "Damit wäre eher im Juli/August zu rechnen."
"Eben", erwidert Steed und durchdringt mit Hilfe seines Schirms ein Brombeergestrüpp. "Diese Tiere benötigen doch Wärme und viel Sonne, um zu gedeihen."
"Wir haben dieses Jahr einen schönen Frühling", gibt Mrs. Peel zu bedenken und bückt sich unter Zweigen hindurch.
"Das schon", erwidert er, "aber nachts wird es doch noch empfindlich kühl. Das vertragen diese Insekten doch gar nicht." Sie marschieren weiter durch den Forst. "Ich meine, nachts bräuchten Wespen doch eher..."
"...etwas Ähnliches wie das dort drüben?"
Mrs. Peel weist mit ausgestrecktem Zeigefinger auf eine breite Wiese, auf der mehrere Gewächshäuser stehen. Ihre gläsernen Dächer glitzern in der Sonne. Steed stößt einen leisen Pfiff aus.
"Was ist das dort", fragt Mrs. Peel, die nun auch das Herrenhaus dahinter erspäht. Steed tritt dicht an ihre Seite und beide lugen sie durch die Zweige eines Haselstrauchs.
"Das, meine Liebe, ist der Landsitzt von Sir Mortimer Fortescue, einem großen Liebhaber von Gardenien."
"Und Wespen?"
"Davon habe ich noch nichts gehört."
"Wollen wir mal nachsehen?"
"Aber unbedingt", antwortet Steed, schiebt die Zweige zur Seite und stapft munter voran.
Der niedrige Zaun, der das Grundstück von Sir Mortimer zum Wald hin abgrenzt, ist kein Hindernis für die beiden. Niemand scheint sich im Garten aufzuhalten und so eilen sie hintereinander über den Rasen. Sie bemerken nicht, dass sie eine Lichtschranke durchbrochen haben, doch im nächsten Augenblick ertönt ein Zischen, und aus zwei versteckten Düsen wird eine durchsichtige Flüssigkeit auf sie gesprüht.
"Igitt, was ist denn das", Mrs. Peel wischt sich das Zeug aus dem Gesicht, es hat sogar den Schleier durchdrungen.
Steed schnuppert an seinem Ärmel.
"Es riecht nach nichts", stellt er fest.
Dann hören beide ein entferntes Brummen, was stetig lauter wird. Mrs. Peel sieht Steed ratlos an. Der reagiert schnell, reißt sie am Arm mit sich und ruft:
"Schnell, Mrs. Peel, rennen Sie um Ihr Leben!"
Und schon sprintet er voran über den Rasen, seine Partnerin dicht hinter ihm her. Das Brummen ist schon recht deutlich und bedrohlich. Steed läuft jedoch nicht den Weg zurück, den sie gekommen sind, sondern rennt in östliche Richtung quer über das Grundstück unter Obstbäumen hindurch. Dann springt er im eleganten Fenstersprung über eine halbhohe Mauer und läuft weiter. Mrs. Peel macht es ihm nach.
Die Obstbäume stehen in voller Blüte und duften. Dieser Umstand hat ihre Verfolger ein wenig verwirrt aber schon haben sie erneut die Fährte aufgenommen und trachten nun danach, ihre Opfer einzuholen. Diese durchqueren nun fast im Zickzack dichtes Buschland. Mrs. Peel kann nur hoffen, dass Steed weiß, was er tut. Sie hört sich selbst keuchen und weiß, dass jede Verzögerung ihren Tod bedeuten kann. Das Brummen schwillt bedrohlich an. Mrs. Peel fühlt etwas am Hals und wischt es mit der behandschuhten Hand fort. Es gibt jetzt keinen Zweifel mehr, die Wespen haben gleich den Wettlauf gewonnen. Sie sieht einige Tiere auf ihrem Ärmel hocken und zustechen. Glücklicherweise ist der Stoff zu dick, als dass sie in die Haut eindringen könnten. Das Brummen ist inzwischen ein regelrechtes Gebrüll. Schemenhaft sieht sie Steed vor sich, der sich plötzlich nach vor wirft und dann mit einem lauten Klatschen verschwindet. Mit letzter Kraft tut sie es ihm nach und springt in einen Teich.
Das eiskalte Wasser schlägt über ihr zusammen, der Hut wird ihr vom Kopf gerissen und sie ist sich sicher, dass sich bereits einzelne Wespen in ihren Haaren verfangen haben. Ihre Kleidung saugt sich voller Wasser und zieht sie nach unten, doch das ist im Augenblick ihr gringstes Problem. Ihre Schuhe strampelt sie sich von den Füßen, dann taucht sie in kräftigen Stößen Steed hinterher.
"Mrs. Peel! Mrs. Peel, antworten Sie doch!"
Prustend aber unversehrt taucht die Gesuchte neben Steed auf. Dieser hat Schirm und Hut eingebüßt, ist aber ansonsten auch mit heiler Haut davon gekommen, im wahrsten Sinne des Wortes.
"Steed, geht es Ihnen gut? Sind Sie gestochen worden?"
"Ich glaube nicht", antwortet er wassertretenderweise. "Und Sie?"
Sie schüttelte den Kopf und schiebt sich das klatschnasse Haar aus dem Gesicht. Es ist keine Wespe mehr darin.
"Das war knapp", konstatiert er und schaut sich um. "Zumindest haben wir den Schwarm abgehängt, denke ich."
"Dann sollten wir allmählich an Land gehen", Mrs. Peels Zähne beginnen unkontrolliert auf einander zu schlagen.
"Aye, aye", gibt Steed zurück und schwimmt dann, gefolgt von Mrs. Peel, zum gegenüber liegenden Ufer.

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"Wissen Sie, jedesmal wenn ich in Surrey bin, werde ich von der Natur angegriffen", konstatiert Steed ein wenig verdrießlich und steigt in feuchter Kleidung in den Wagen. "Egal ob Flora oder Fauna, etwas hat es doch immer auf uns abgesehen."
Mrs. Peel seufzt lachend und steigt dazu.
"Was meinen Sie, was uns verraten hat?"
"Ich habe keine Ahnung", Steed lässt den Motor an, "aber ich werde schon bald ein ernstes Wörtchen mit Sir Mortimer reden, darauf können Sie sich verlassen.
Sie sind noch keine hundert Meter weit gefahren, als hinter ihnen ein neuerliches Brummen ertönt, doch diesesmal ist es der Motor eines Landrovers. Steed fährt höflich zur Seite und will den anderen Wagen vorbei winken, doch dann bemerkt er, mit welchem Tempo sich das Auto nähert, wird mißtrauisch und gibt selbst Gas. Der Bentley macht einen Satz vorwärts. Mrs. Peel sieht sich um.
"Steed, was ist los?"
Dieser bleibt die Antwort schuldig, denn schon im nächsten Moment fällt ein Schuss, die Kugel prallt vom Asphalt ab zischt mit einem lauten "Peng" am Wagen vorbei. Mrs. Peel duckt sich. Der nächste Schuss durchschlägt Steeds Frontscheibe. Der fährt nun Schlangenlinien, ein gefährliches Manöver bei dem Tempo, doch so entgeht er den nächsten beiden Schüssen. Mrs. Peel späht hinter dem Beifahrersitz hervor. Der Fahrer des Rovers hängt halb aus dem Seitenfenster und feuert einen Schuss nach dem anderen ab.
"Um Himmels Willen, Mrs. Peel, tun Sie irgendetwas", ruft Steed und reißt erneut das Lenkrad herum. Wieder landet ein Querschläger auf der Straße.
Hektisch schaut sich Mrs. Peel um. Eine Waffe haben sie nicht. Im Handschuhfach findet sie lediglich ein paar Flacons mit dem Parfum, das auf der Flower Show verteilt werden soll und von dem ihr Steed eine Flasche geschenkt hat.
`Besser als gar nichts`, denkt sie und wirft mit aller Kraft die Flaschen in Richtung des hinter ihnen fahrenden Rovers. Der Fahrtwind hilft ihr, und eine der Flaschen zerplatz direkt auf der Frontscheibe des Wagens. Der Rover schlingert kurz, der nächste Schuss geht buchstäblich ins Blaue.
"Irgendwann muss der Kerl doch mal nachladen", ruft Steed und schaut, ob er abbiegen kann, aber noch führt die Straße einigermaßen gerade durch die Landschaft.
Mrs. Peel befeuert das Fahrzeug hinter ihnen mit allem was sie in die Finger bekommen kann, sogar mit einer Straßenkarte, die sich auffaltet und ihrem Verfolger vorübergehend die Sicht raubt. Der Motorenlärm des eigenen Fahrzeugs, das des Rovers und überhaupt der Eifer des Gefechts verhindern, dass Steed oder Mrs. Peel das zusätzliche Brummen in der Luft hören.
Doch plötzlich vernehmen sie laute Schreie aus dem Fahrzeug hinter ihnen, und Mrs. Peel sieht, wie der Fahrer wild herumfuchtelt und nach etwas schlägt. Der Rover fährt Zickzack, dann kommt er entgültig von der Straße ab, fährt ein Stückchen querfeldein und prallt dann in voller Fahrt gegen einen Baum.
Auch Steed hat inzwischen gemerkt, dass sich die Situation verändert hat. Er hält an und schaut über seine Schulter zurück.
"Was ist passiert", fragt er seine Beifahrerin, die wieder aus ihrer Deckung auftaucht, "haben Sie ihn mit irgendetwas getroffen?"
Mrs. Peel streicht sich verblüfft das Haar aus dem Gesicht.
"Nicht, dass ich wüsste. Er fing plötzlich an zu schreien und um sich zu schlagen und dann..."
Sie verstummt und schaut Steed mit großen Augen an. Er schaut konsterniert zurück. Dann gibt er Gas und wendet den Wagen. Er hält auf dem seitlichen Grasstreifen und beide steigen aus und nähern sich sehr vorsichtig dem rauchenden Rover. Als sie in den Wagen hineinschauen können, sehen sie den Fahrer tot über dem verbogenen Lenkrad hängen. Sein Gesicht und seine Hände sind komplett zerstochen und beginnen, sich zu verfärben und sogar postmortem anzuschwellen. Doch noch sind seine Gesichtszüge mehr oder weniger gut zu erkennen. Es handelt sich um einen älteren Mann mit Glatze.
Steed betrachtet den Mann und schaut dann zu Mrs. Peel auf, die ihrerseits mit größter Vorsicht eine große, tote Wespe vom Beifahrersitz aufhebt und an den Flügeln festhält.
"Das ist Roger Mannering", bemerkt er.
"Und das sein Mörder." Mrs. Peel hält die Wespe hoch.
Steed schnuppert.
"Trägt der etwa Damenparfum?"
"Das war ich", erklärt Mrs. Peel in entschuldigendem Tonfall. "Ich habe mit den Flacons nach ihm geworfen, die ich in Ihrem Handschuhfach gefunden habe."
"Charming Rose?"
Mrs. Peel nickt schuldbewusst. Steed findet noch Glassplitter von dem Flacon zwischen denen der zerborstenen Windschutzscheibe.
"Sie müssen ihn gut getroffen haben. Er riecht wie ein Blumenbeet."
"Dann ist es vielleicht kein Wunder, dass die Wespen so auf ihn geflogen sind."
Steed schaut auf, Entsetzen spiegelt sich in seinem Blick.
"Großer Gott, Mrs. Peel", sein Blick gleitet erneut über das zerstörte Auto, die Glassplitter und den entstellten Leichnam am Steuer, "wenn das was ich glaube zutrifft, dann haben Sie nicht nur Mr. Mannering sozusagen aus dem Handgelenk erledigt, sondern gerade Ihrer Majestät das Leben gerettet."

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"Nun bin ich ja mal gespannt, auf welches Ergebnis Sie kommen, meine Verehrteste", Steed läuft in schwarzem Sportpulli und Cargohose hinter Mrs. Peel auf und ab. Diese sitzt am Couchtisch und ist über ein Mikroskop gebeugt. Um sie herum liegen jede Menge aufgeschlagener Bücher, alles Werke über Biologie und Tierwesen.
Beide sind nach ihrem doch teilweise recht feuchten Abenteuer in Surrey wohlbehalten nach Hause gelangt, wo dann jeder in seinem Badezimmer sich die Spuren von Wald, Feld und Teich abgeduscht hat, und nun sind sie in legerer Freizeitkleidung und bei einer guten Kanne Earl Grey wieder zusammengekommen. Mrs. Peel hat ihre Mikroskopierausrüstung hervorgeholt, Steed hat die Fachlektüre beigesteuert, und nun betrachten Sie die Wespe in hunderfacher Vergrößerung.
"Dr. Palmer ist also bereits zu einem Schluss gekommen", fragt Mrs. Peel ohne das Auge vom Okkular zu nehmen.
"Aber ja, ich habe vorhin mit ihm telefoniert. Aber keine Sorge, er ist schon wieder beschäftigt, diesesmal mit der Analyse des unwiderstehlichen Parfums "Charming Rose" - und seine Auswirkungen auf die Tierwelt."
Er lässt sich neben Mrs. Peel auf die Couch sinken und schiebt einige Bücher zur Seite.
Sie hebt den Kopf und schaut Steed an.
"Jägerwespe."
"Wie meinen?"
Mrs. Peel deutet auf den Objektträger.
"Afrikanische Jägerwespe. Aber mutiert. Selbst in Zentralafrika wird diese Spezies nicht so groß."
"Und so aggressiv und gefährlich", Steed beugt sich vor, die Hände in einander verschränkt.
"Sie haben den Preis gewonnen. Dr. Palmer ist ganz Ihrer Ansicht. Leider muss ich sagen, kamen die Kollegen, die ich noch vom Autotelefon aus angerufen hatte, etwas spät und haben nichts mehr gefunden als jede Menge schmutziges Geschirr, einen toten Butler und einen fast toten Sir Mortimer. Er ist nicht vernehmungsfähig. Der Vogel oder in diesem Fall die Wespen waren bereits ausgeflogen."
Mrs. Peel nimmt ihre Teetasse auf und lehnt sich zurück.
"Die waren aber schnell."
"Hm", macht Steed unbestimmt und wiegt den Kopf. "Sie haben uns bestimmt die meiste Zeit über beobachtet. Ich weiß nicht, ob es Ihnen aufgefallen ist, aber das Haus von Sir Mortimer hat einen kleinen Turm. Ideal als Ausguck. Ich frage mich nur, wie sie so schnell die Insekten wegschaffen konnten."
"Pheromone", antwortet Mrs. Peel und trinkt einen Schluck Tee. "Sexualduftstoffe."
"Mrs. Peel, ich muss doch sehr bitten, nicht in Großbritannien!"
Steeds Augenbrauen sprechen für sich. Mrs. Peel deutet ein Lächeln an.
"Doch, Steed, ich fürchte auch hier. Für den Menschen nicht bewusst wahrnehmbar, für Tiere schon. Und diese reagieren darauf unmittelbar, fragen sie mal einen Landwirt, der sich mit Rinderzucht beschäftigt."
Steed räuspert sich und greift ebenfalls zu seinem Tee.
"Danke, bleiben wir vorerst bei den Blumen und den Bienen. Sie meinen also, damit könnte man einem Schwarm Wespen von jetzt auf gleich befehlen, in den Stock oder Bau oder was die haben, zurück zu kehren?"
"Das wirkt wie der Schiedsrichterpfiff auf 22 Fußballspieler", bestätigt die Angesprochene amüsiert. "Das gilt übrigens auch für das Angriffsverhalten."
Steed lehnt sich ebenfalls zurück und schaut sie nachdenklich an.
"Sie sprechen von dem Parfum. Also hätte der Duft selbst gar nichts damit zu tun, es käme einzig und allein darauf an, dass sich das beabsichtigte Opfer mit dieser Substanz einsprüht..."
"Darum dürfte es sich wohl auch bei der Flüssigkeit gehandelt haben, mit der man uns beim Betreten des Grundstücks besprüht hat", fällt Mrs. Peel ein. "Wussten Sie eigentlich, wo dieser Teich lag?"
"Natürlich, meine Liebe", antwortet Steed, "ich habe die Gegend vorher auf der Karte studiert. Zum Glück, sonst sähen wir jetzt aus, wie Mannering und das Mädchen. - Apropos Mannering, jetzt ist der Kampf also offiziell eröffnet. Vier der Fünf sind noch da und Sie können Ihr Mikroskop drauf wetten, dass die sich schon den nächsten Streich überlegen."
Mrs. Peel runzelt die Stirn.
"Aber wir wissen jetzt, womit wir es zu tun haben. Und das Parfum wird wohl nicht mehr verteilt werden, schon gar nicht an die Königin."
"Natürlich nicht", stimmt ihr Steed zu und stellt entschlossen seine Tasse ab. "Dennoch, der Plan als solcher ist genial. Insekten fallen bei einer Gartenschau nicht auf, sie kommen durch die Luft ohne Zielfernrohr und Scharfschützen, sie gelangen durch die Netze. Alles was sie brauchen, ist, um es mit Ihren Worten zu sagen, der Pfiff des Schiedsrichters. Und das Parfum war sicher nicht die einzige geplante Möglichkeit. Denken Sie daran, wie wir besprüht wurden. Einfach mit Bewässerungsdüsen. Haben Sie eine Ahnung, wieviele es davon auf dem Gelände gibt? Nein, die Sache ist noch nicht vorbei."

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Zur selben Zeit in der Steed und Mrs. Peel Tee trinken, befinden sich die verbleibenden vier Verschwörer im Appartemend des verstorbenen Corporal Craine. Sie haben die Wachablösung vor der Tür genutzt und sind dann mit dem Wagen in die Tiefgarage des Hauses gefähren. Von dort haben sie die Kiste mit dem letzten Schwarm nach oben geschafft.
Jetzt sitzen die drei Männer auf den Sitzgelegenheiten im Wohnraum, während die Frau namens Kathy Wright auf und ab geht. Sie ist ausgesprochen ärgerlich und nervös.
"Erst das tote Mädchen, dass du nicht bergen konntest, Oliver. Und jetzt diese zwei heute. Das war kein Zufall. Hast du ihre Hüte gesehen? Die wussten, wonach sie suchten. Und sie haben überlebt!"
Wütend schlägt sie mit der Faust auf eine hölzerne Anrichte, auf der sich unzählige kleine Zinnsoldaten in authentischen Uniformen befinden.
"Mannering war ein Idiot", kommentiert der Mann namens Oliver mit müder Stimme. "Er hat einfach den Kopf verloren, hat die Biester nicht ordentlich weggesperrt, als sie nach der ersten Attacke zurück kamen, sondern sprang einfach nur in den Wagen. Schließlich war er verantwortlich für die Tiere."
"Ja, und jetzt ist er tot", giftet die Frau zurück. "Der Wagen ist Schrott und wir haben das Haus verloren!"
"Egal", winkt der junge gelockte Mann ab und legt die Füße auf den niedrigen Holztisch. "Die meisten Tiere waren eh schon hier, und es war zumindest eine gute Generalprobe. Wir wissen jetzt, dass wir die Wasserleitung unterbrechen müssen. Sie dürfen keine Gelegenheit bekommen, sich abzuspülen oder die Tiere mit dem Wasser fern zu halten. Eigentlich sollte Roger ja den Gärtner spielen, das machen nun Oliver und ich."
"Dazu müsst ihr zwei echte Gärtner aus dem Weg räumen, um an deren Ausweise zu gelangen", gibt der alte Mann zu bedenken. "Und ihr dürft hier nicht mehr herkommen, das fällt auf. Kathy und ich bleiben als Einzige hier, Kontakt nur telefonisch."
"Wir werden uns irgendwo weit weg ein Zimmer suchen", antwortet der Gelockte, "ist ja nur für ein paar Nächte. Tagsüber haben wir genug zu tun. Meint ihr, sie haben den Köder mit dem Parfum geschluckt?"
"Vermutlich schon", gibt Kathy zu und setzt sich nun ebenfalls hin. "Ich bin froh, dass wir diese Ablenkung mit eingeplant haben, obwohl ich zunächst gar nicht dachte, dass wir sie überhaupt brauchen würden."
"Man kann eben nie wissen", erwidert der Mann namens Oliver. Er angelt nach einer Bierflasche, öffnet sie mit der Tischkante und nimmt einen tiefen Schluck.
"Was soll übrigens mit unserem Pärchen geschehen? Die beiden scheien extrem neugierig zu sein. Und wirklich flink für ihr Alter, alle Achtung." Er lacht auf.
"Beseitigt sie, wenn ihr die Gelegenheit dazu bekommt", antwortet Kathy Wright und legt die Füße ebenfalls hoch. "Aber ohne die Wespen. Ich will keine Aufmerksamkeit mehr darauf lenken. Die sollen glauben, die haben sich in alle Winde verstreut."
Sie vollführt eine lässige Handbewegung und schließt die Augen.

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"Hallo, Sie müssen Mrs. Peel sein."
Der junge Mann mit der Hornbrille und dem bereits schütteren blonden Haar schüttelt Mrs. Peel lächelnd die Hand.
"Mein Name ist Hamlin. Steed hat mir gesagt, ich soll Sie ein bißchen hier herumführen und Ihnen alles zeigen."
"Das ist sehr nett von Ihnen, Mr. Hamlin. Ja, wenn ich ein Mitglied des RHS abgeben soll, sollte ich mich wohl ein wenig auf dem Ausstellungsgelände auskennen."
Sie stehen beide auf einem Kiesweg inmitten von Staudenrabatten, die fleißige Gärtner vor nicht allzu langer Zeit in den Boden gesetzt haben. Mrs. Peel trägt zu diesem Anlass ein altrosafarbenes Kleid mit passendem Kurzmantel, das ihr kastanienbraunes Haar wunderbar zur Geltung kommen lässt. Agent Hamlin, obwohl um einiges jünger als die Dame, hat sichtlich Schwierigkeiten, sich auf seinen Lageplan zu konzentrieren.
Die beiden beginnen ihre Besichtigungstour im Steingarten, den Mrs. Peel insgeheim furchtbar langweilig findet. Natürlich sind Steingärten aus dem britischen Gartenleben gar nicht wegzudenken, dennoch verströmen sie für ihren Geschmack zuviel biedere Bürgerlichkeit. Sie hält sich allerdengs mit ihrem Urteil zurück, bewundert hier die Anlage und dort irgendwelche Stauden und fragt Mr. Hamlin nach den Sicherheitsvorkehrungen.
Dieser zeigt ihr einige der Netze und die Punkte, wo die Sicherheitsleute Posten beziehen werden.
Der Rosengarten ist schon um einiges interessanter und duftet verführerisch. Mrs. Peel fragt nach dem Bewässerungssysthem und möglichen Düsen für das sanfte Versprühen von Wasser. Vieles davon kommt aus unterirdischen Zisternen, wo Regenwasser gesammelt wird. Mrs. Peel fragt sich im Stillen, ob es wohl möglich wäre, dieses Wasser mit dem entsprechenden Pheromon zu konterminieren.
Sie besichtigen den Taubenschlag und wenigstens drei Pavillons und gelangen durch den altenglischen Küchengarten mit duftenden Kräutern. Mrs. Peel entdeckt einen Gärtner, der einen Flieder beschneidet und hält inne. Mr. Hamlin, gerade in einem Vortrag über die Vorzüge des Liebstöckels vertieft, bemerkt, dass ihm die Aufmerksamkeit seiner Besucherin entgleitet und fragt:
"Stimmt etwas nicht, Mrs. Peel?"
"Der Mann dort drüben", sie flüstert und zeigt auf den Gärtner mit der breiten Statur und dem kurzgeschorenen Haar, "warum beschneidet der im Mai einen Fliederbusch? Das ruiniert doch die Blüte!"
Irritiert blickt Hamlin zu dem Mann hinüber, bedeutet seiner Begleiterin zu warten und eilt forschen Schrittes auf den Gärtner zu.
Mrs. Peel beobachtet von ihrem Standpunkt aus, wie Hamlin den Mann anspricht und offenbar nach dessen Ausweiskarte verlangt. Der Mann gibt sie ihm und Hamlin studiert sie eingehend. Augenscheinlich nicht ganz zufrieden, diskutiert er weiter mit dem Gärtner, zeigt auf den Busch, auf die Heckenschere und redet auf ihn ein. Da lässt der Gärtner die Schere einfach zu Boden fallen, greift unter seine Schürze, holt eine Waffe mit Schalldämpfer hervor und schießt Hamlin zweimal in den Leib. Dieser vor Schreck und Überraschung stumm, bricht sterbend zusammen. Mrs. Peel ist noch völlig geschockt, da dreht sich der Gärtner zu ihr um und schießt auch auf sie.
Instinktiv duckt sie sich und rennt los. Glücklicherweise trängt sie flache Schuhe und kann zwischen zwei Büschen hindurch huschen. Sie sieht sich hilfesuchend um, doch wie immer, wenn man jemand braucht, ist niemand zu sehen und rufen will sie nicht. So stürzt sie vorwärts, ein paar Stufen hinab, einen Weg entlang und biegt um eine Ecke, als sie mehr fühlt als hört, wie eine Kugel dicht an ihrem Gesicht vorbei zischt.
Sie sieht sich nach einem Versteck um, nach einer Deckung. Ihr Blick fällt auf eine Heckenwand und ohne weiter darüber nachzudenken, saust sie darauf zu und läuft die Hecke entlang. Immer noch ist niemand in Sicht. Da ist plötzlich vor ihr ein Durchgang in der Hecke. Sie schlüpft hindurch und bemerkt schon im nächsten Moment, dass sie sich im Irrgarten befindet. Hinaus kann sie nicht mehr, also bleibt ihr nur die Flucht nach vorn. Entschlossen läuft sie abwechselnd nach rechts und links wie ein Hase, gerät in Sackgassen, huscht zurück und begibt sich so immer tiefer in den Garten.
Der falsche Gärtner draußen hat inzwischen seinen Komplicen über ein Walkie-Talkie verständigt. Er hat zwar keine Ahnung vom Gärtnern aber er weiß, dass der Irrgarten nur einen Ein- und Ausgang hat. Im Grunde könnte er davor stehen bleiben und abwarten, doch es ist davon auszugehen, dass seine Beute in diesem Falle einfach im Inneren ausharren würde, und er hat nicht bis in alle Ewigkeit Zeit. Irgendwann wird man die Leiche in den Fliederbüschen entdecken und Alarm schlagen. Er muss zusammen mit Ian die Sache schnell zu Ende bringen und der Frau in den Irrgarten folgen. Da erscheint auch schon Ian, ebenfalls als Gärtner verkleidet, auf der Bildfläche.
Die beiden geben sich Zeichen, Ian zieht ebenfalls eine Waffe, und gemeinsam begeben sie sich auf die Jagd. Die ersten Meter gehen sie gemeinsam, doch dann schlägt Ian flüsternd vor, dass sie sich trennen und einzeln suchen sollten.
Zur gleichen Zeit eilt Steed gefolgt von Sir Julian durch das Ausstellungsgelände auf der Suche nach Hamlin und Mrs. Peel. Es dauert nicht allzu lange und sie haben Hamlin gefunden, doch keine Spur von Mrs. Peel. Und während Steed und Sir Julian und noch einige andere nach ihr suchen, schleicht Mrs. Peel durch den Irrgarten um ihr Leben.
Die Wände des Irrgartens bestehen aus mannshohen Thujen, die so dicht gewachsen und geschnitten sind, dass ein Sichhindurchschieben unmöglich ist. Zudem stößt man dort ständig auf Marmorskulpturen, und Mrs. Peel ist schon zweimal furchtbar erschrocken, weil sie dachte, ihrem Feind gegenüber zu stehen. Der Grasboden dämpft zwar ihre Schritte aber leider auch die ihrer Feinde. Sie wagt es nicht, einfach stehen zu bleiben, und so pirscht sie sich langsam vorwärts. Ihr ist bewußt, dass die Farbe ihrer Kleidung nicht besonders günstig gewählt ist, um sich hier gut zu tarnen. Gerade kommt sie an einer Heckennische vorbei, in der eine Venusfigur steht, als sie ein unterdrücktes Niesen irgendwo links neben sich hört. Rasch versteckt sie sich hinter der Skulptur, drückt sich in die Büsche und wagt nicht zu atmen.
Die Thujen geben bei Berührung Blütenstaub ab und das hat wohl ihren Verfolger zum Niesen gebracht. Sie betet, dass ihr nicht das Gleiche geschieht, als auch schon ein Mann in Sicht kommt. Mit einem einzigen Schritt ist er direkt vor ihr erschienen, doch er dreht ihr den Rücken zu und schaut in die andere Richtung. Mrs. Peel hat keine Zeit zu verlieren. Entschlossen legt sie Venus ein wenig plumpvertraulich die Hände auf das Gesäß und drückt die schwere Figur mit aller Kraft vom Sockel. Der Marmor verursacht ein knirschendes Geräusch, der junge Mann mit den braunen Locken fährt herum und stößt einen kurzen Schrei der Überraschung aus, als die Statue auf ihn fällt und ihn mit sich zu Boden reißt. Bewußtlos bleibt er liegen, die Waffe ist ihm entglitten. Blitzschnell hebt Mrs. Peel sie auf und macht, dass sie fortkommt.
Da dies nicht der Mann gewesen ist, der auf Hamlin geschossen hat, muss es zumindest noch einen Weiteren im Irrgarten geben, der ihr nach dem Leben trachtet. Mrs. Peel verflucht im Geist ihre Kleiderwahl, denn sie leuchtet darin vermutlich meilenweit. In diesem Moment kommt sie an einer Figur vobei, die annähernd ihre Größe hat. Sie bleibt stehen und sieht sich um.
Währenddessen sind Steed und seine Leute sicher, dass Mrs. Peel sich im Irrgarten befindet, denn einer ihrer Ohrringe liegt davor im Gras. Sir Julian will schon nach ihr rufen, doch Steed bringt ihn mit einer Bewegung zum Schweigen. Die Gefahr, dass sie antworten und so ihre Position dem Freind verraten würde, ist zu gefährlich. Steed lässt sich selbst eine Waffe geben und pirscht sich nun ebenfalls in das Labyrinth.
Inzwischen hat der Mann mit den kurzen Haaren seinen Mitverschwörer unter der Figur gefunden, doch er macht keine Anstalten, ihm zu helfen, zumal der immer noch bewusstlos ist. Offensichtlich hat der Trottel sich von einer unbewaffneten Frau mittleren Alters übertölpeln lassen, also geschieht es ihm recht.
Er schleicht weiter und kurz darauf kann er sein Glück kaum fassen. Durch zwei Thujen hindurch sieht er etwas rosa schimmern. Langsam schiebt er sich vor, fässt in die Zweige und zielt. Zwei Schüsse bohren sich fast lautlos in das Revers des rosafarbenen Mantels, da knallt es laut und getroffen sackt der Mann mit den kurzen Haaren zusammen. Aus dem Schatten tritt Steed, die Waffe noch in der Hand und kniet bei dem Toten. Dann blickt er sich um und ruft laut:
"Mrs. Peel! Sind Sie hier irgendwo?"
"Steed!"
Rechts vor ihm erscheint die Gesuchte ohne Mantel dafür mit Waffe und unversehrt. Sie streicht sich das Haar zurück und strahlt ihn an.
"Bin ich froh, Sie zu sehen!"
"Was war hier los? Wir haben Hamlin drüben im Flieder gefunden!"
"Ich weiß", Mrs. Peel tritt zu ihm und sieht auf den Toten hinunter. "Dahinten liegt irgendwo sein Komplice unter einer Venus begraben. Unsere Freunde haben sich offenbar als Gärtner hier eingeschlichen und dabei keine Ahnung von Ackerbau und Viehzucht. Hamlin hat den hier zur Rede gestellt und wurde dafür erschossen."
Steed bläst jetzt in eine Polizeitrillerpfeife und kurz darauf erscheinen mehrere bewaffnete Männer, die von ihm zum Durchsuchen des Irrgartens ausgeschickt werden. Er selbst führt Mrs. Peel zum Ausgang.
"Sie kennen sich hier aber gut aus", lobt sie und nimmt im Vorübergehen ihren durchlöcherten Mantel der Figur der Diana ab und zwinkert dieser fast unmerklich zu.
"Ich habe drei Wochen lang die Pläne für diesen Garten studiert. Vor allem nachdem es Myers hier drinnen erwischte. Ach, man kann Sie aber auch nicht eine halbe Stunde lang allein lassen, Mrs. Peel."
Und beschützend legt er ihr eine Hand auf den Rücken und dirigiert sie zum Ausgang.

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"Kathy! Es hat Campbell und Donovan erwischt."
Der falsche Corporal Craine wirft die Wohnungstür hinter sich zu und steht atemlos in der Diele. Schweiß bildet sich auf seiner Stirn.
"Bist du etwa die Treppen hochgelaufen, du Idiot?" faucht ihn die Frau namens Kathy an. "Willst du, dass sie uns gleich erwischen?"
"Kathy, hörst du nicht zu! Es hat..."
"Jaja, ich hab´s gehört. Bist du dir da auch sicher?"
Der ältere Mann wankt regelrecht ins Wohnzimmer und lässt sich schwer in einen der Lederclubsessel fallen. Er wischt sich mit der Hand über die Augen.
"Natürlich bin ich sicher. Sie haben eben zwei Leichen vom Gartengelände getragen und Donovan mit einem Kopfverband in Handschellen abgeführt. Kathy, wenn der redet..."
"Dann schneide ich ihm persönlich die Zunge heraus!" Ihr Gesichtsausdruck lässt keine Zweifel darüber aufkommen, dass sie auch meint was sie sagt.
"Wir müssen abhauen, solange wir noch können!"
Kathy Wright fährt zu ihrem Komplicen herum, stützt die Hände auf die Sessellehne und beugt sich drohend über ihn.
"Nun hör mal gut zu, Eddi", ihre Stimme klingt wie das Zischen einer aggressiven Schlange. "Übermorgen ist die verdammte Flower Show und so lange halten wir durch, verstanden! Es ist alles vorbereitet, Ian hat mir das vorhin bestätigt. Wir ziehen das durch, ob mit oder ohne die beiden Schwachköpfe."
Ruckartig fährt sie zurück und beginnt im Zimmer im Kreis zu gehen. Dabei murmelt sie vor sich hin, als würde sie Selbstgespräche führen. Der Mann blickt ein wenig verunsichert zu ihr hinüber, ist aber nicht bereit, sich ihr so ohne Weiteres unterzuordnen.
"Kathy", hebt er nun mit ruhigerer Stimme an, "die werden Ian auf jeden Fall bis zu Beginn der Schau verhören und bestimmt nicht mit Samthandschuhen anfassen. Die wollen auf jeden Fall auch uns beide haben und zwar bevor die Königin die Gärten da drüben", er macht eine unbestimmte Bewegung zur Terrasse hin, "betritt. Wie lange, glaubst du, wird er durchhalten? 48 Stunden? Niemals!"
Mit kaltem Blick antwortet sie über ihre Schulter hinweg:
"Er ist Ire, der hält was aus. Und das sind bloß Engländer, die taugen nichts."
Sie bleibt vor dem Schreibtisch des Corporals stehen und ihre Finger gleiten über die verschiedenen Gegenstände: Siegel, Tintenflasche, Federhalter, eine Schachtel Büroklammern und einen Brieföffner mit ägyptischem Design.
Der ältere Mann wuchtet sich aus dem Sessel empor und ist mit zwei Schritten bei ihr. Er packt sie hart bei den Schultern und dreht sie zu sich herum.
"Kathy, nimm doch Vernunft an, sie..."
Weiter kommt er nicht. Seine Augen werden groß, dann starr, aus seinem Mund dringt nur noch ein Ächzen. Im Drehen hat die Frau ihm den Brieföffner dicht unter die letzte linke Rippe gestoßen. Sein Griff um ihre Schultern lockert sich, seine Augen verdrehen sich nach oben und ohne ein weiteren Laut von sich zu geben, rutscht er an ihr herab zu Boden, wo er reglos liegen bleibt.
"Versager", kalt blickt sie auf den Toten nieder.
Dann packt sie den Leichnam entschlossen bei den Handgelenken und zieht ihn zurück in den Flur. Dort befindet sich ein geräumiger Einbauschrank, in welchem sich, eingepackt in eine verschließbare Plastikkleiderhülle bereits die Leiche des echten Corporal Craine befindet. Kathy verschwindet kurz ins Schlafzimmer und kehrt mit einer weiteren Kleiderhülle zurück, und so teilen der falsche Corporal und der Echte kurze Zeit später das selbe Los.

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Steed und Emma schlendern einträchtig nebeneinander her durch den Hyde Park, jeder eine Eiswaffel in der Hand. Die Serpentine liegt friedlich glitzernd in der Sonne und Enten durchschneiden ihre Oberfläche. Steed ist in elegantes Hellgrau einschließlich der Melone gekleidet, und Mrs. Peel trägt einen maiengrünen Hosenanzug und lässt ihre weiße Handtasche im Rhythmus ihrer Schritte schlenkern. Steed weist mit dem Schirm auf eine Bank am Weg und beide gehen darauf zu und setzen sich.
"Die RHS möchte uns danken", bemerkt Steed nebenher und kneift die Augen in der hellen Sonnen zusammen, "und bittet uns daher heute abend zu einem informellen Dinner in das Gebäude des Royal Hospitals. In den Verwaltungstrackt natürlich."
"Hmm, da werde ich mich wohl ins kleine Schwarze werfen", erwidert Mrs. Peel und leckt genüsslich an ihrem Erdbeereis.
"Ich bitte darum."
An diesem schönen Tag sind eine Menge Leute im Park unterwegs, zu Fuß, auf Fahrrädern, Mütter mit Kinderwagen und ganze Familien mit Kind und Kegel.
"Früher gab es hier mehr Reiter", bemerkt Steed und sieht sich um. "Tatsächlich bin ich selbst noch einige Male durch den Hyde Park geritten."
"Ich bin auf Peels Manor viel geritten. Peter schenkte mir einmal einen wundervollen Braunen."
"Ach, tatsächlich", lächelt Steed. Dann wird sein Gesicht etwas ernster und er wechselt das Thema.
"Warum, Mrs Peel, bin ich nicht zufrieden?"
"Weil Sie lange Zeit nicht mehr durch den Hyde Park geritten sind?"
Sein Mundwinkel zuckt.
"Nein, das ist es nicht. Nein, es hat etwas mit dieser unseligen Flower Show morgen zu tun."
"Uns fehlen noch zwei von fünf", bemerkt Mrs. Peel sachlich.
"Ja, das stimmt. Und darüber hinaus bin ich mir sicher, etwas Wesentliches übersehen zu haben. - Was zum Beispiel haben diese beiden Männer als Gärtner verkleidet im Schilde geführt? Die waren doch nicht ohne Grund dort. Wir haben natürlich nochmals alles überprüft, langsam kann ich auf Klempner umschulen."
Mrs. Peel schmunzelt bei der Vorstellung.
"Sie haben die Zisternen erwähnt", fährt Steed fort, "und wir haben Proben entnommen und tatsächlich nur Regenwasser gefunden. Die Zisternen sind nun ebenfalls versiegelt und an die Sprenganlage kann niemand mehr heran außer vielleicht mit einer Panzerbrigade."
"Bleiben noch die Wespen", fällt Mrs. Peel, die gerade das Waffelhörnchen aufknabbert, ein.
"Richtig, die Wespen! Wo sind sie hin? Wir haben sie bisher weder tot noch lebendig gefunden, also existieren sie vermutlich noch. Und wo die sind, sind meiner Meinung nach auch unsere verbleibenden Verschwörer. Und von den beiden macht mir vor allem Mrs. Wright echte Kopfschmerzen."
Mrs. Peel wischt sich die Krümel von den Fingern.
"Was ist mit der Dame", erkundigt sie sich.
"Nun, sie ist das, was man gemeinhin als mental instabil bezeichnet. Und sie wird nicht nur vom Secret Service oder MI5 gesucht, ihr Steckbrief ist länger als mein Arm. Die Dame pflegt ihren Weg mit Leichen zu pflastern, sie ist fanatisch. Einige der blutigsten Racheakte gehen auf ihr Konto."
"Also alles in allem nicht die Person, die aufgibt, nur weil die Umstände widrig sind", ergänzt Mrs. Peel.
"Sie sagen es. Und es bereitet mir kein Vergnügen, sie mir als Herrin über hunderte von wütenden Wespen vorzustellen, wenn die Königin in unmittelbarer Nähe arglos an Rosen schnuppert."
In diesem Moment werden beide von ein paar kleinen Jungen abgelenkt, die einander laut schreiend und kreischend vorfolgen. Steed lächelt über die Lauser, die ein paar Luftballons an der Serpentine mit Wasser gefüllt haben und sich nun gegenseitig damit bewerfen wollen. Mrs. Peel rückt vorsichtshalber schon ein wenig ab und zieht die Beine an. Da schmeißt einer der Jungs seine Wasserbombe auch schon in Steeds Richtung. Das Ding zerplatzt auf dem Weg und das ganze Wasser spritzt auf Steeds hellgraues Beinkleid.
"Ja, hat man dafür Töne", erbost springt der Begossene auf, die Bengel fliehen, und Mrs. Peel kann ein Lachen nicht länger unterdrücken.
"Nun gucken Sie sich die Bescherung an", verlangt er und präsentiert Mrs. Peel sein beflecktes Hosenbein.
Diese kichert noch immer, doch dann wird sie plötzlich ernst und ihre Augen weiten sich.
"Steed! Das ist es! Die Ballons!"
Jetzt ist sie ebenfalls aufgesprungen. Steed runzelt die Stirn, die Hose ist vergessen.
"Sie meinen..."
"Die Luftballons, die morgen bei der Eröffnung aufsteigen sollen. Sie haben mir davon erzählt. Was wäre, wenn darin Flüssigkeit mit Pheromonen enthalten wäre. Natürlich jeweils nur eine kleine Menge, damit die Ballons aufsteigen können. Und dann..."
"Dann müsste man sie irgendwie zum Platzen bringen", vollendet Steed den Gedankengang. "Und wenn das direkt über den Köpfen der Beteiligten geschähe..."
"... verteilt sich das Zeug besser als Parfum auf allen Leuten. Wenn dann noch jemand die Wasserleitung unterbräche..."
Steed und Mrs. Peel stehen sich gegenüber und sehen sich entsetzt an.
"Aber wie will man die Ballons zum Platzen bringen", fragt Steed ins Blaue hinein. "Man kann wohl kaum mit einer Schrotflinte darauf schießen wollen."
"Nein, das nicht", gibt sie zu und überlegt fieberhaft "Die Ballons steigen auf und dann..."
"Fliegen sie davon in den Himmel", schlägt Steed vor.
"Nein!", ruft Mrs. Peel aufgeregt. "Sie bleiben am Sicherheitsnetz hängen! Wenn man nun das Netz manipuliert und zum Beispiel Stacheldrath eingeflochten hat oder Dornen oder einen simplen Heizdrath..."
"...platzen die Dinger direkt über den Häuptern der königlichen Familie."
Steed blickt nachdenklich zur Seite.
"In diesem Fall müssten die Ballons bereits befüllt sein, denn soviel ich weiß, sind alle Vorbereitungen abgeschlossen. Die Ballons lagern in einem Glaspavillion nahe dem Eingang."
Er schaut sie an.
"Kommen Sie, Mrs. Peel, verlieren wir keine Zeit."

Etwas später stehen beide vor dem Glaspavillion und sehen durch die Scheibe ins Innere, wo etwa zehn Männer damit beschäftigt sind, Luftballons mit langen Nadeln aufzustechen. Der Boden des Pavillions ist bedeckt mit farbigen Gummifetzen und einer Flüssigkeit, die aus mehr als einem Drittel der Ballons ausgetreten ist.
"Ich fand diese Ballon-Idee von Anfang an kitschig", kommentiert Steed.
"Irgendwie stillos", pflichtet Mrs. Peel ihm bei.

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Es ist Abend. Die oberen Räumlichkeiten des Verwaltungsgebäudes des Royal Hospitals sind festlich erleuchtet mit weißen langen Kerzen, die in Silberleuchtern brennen. Blumenarrangements wohin man blickt und zwei Kellner in schwarz verteilen Aperetivs an die Gäste. Diese setzen sich aus Mitgliedern der RHS und Angehörigen des Adels zusammen. Dazwischen befinden sich Steed und Mrs. Peel mit Champagnerschalen in den Händen und sehen sich diskret um. Steed raunt Mrs. Peel den einen oder anderen Namen zu, hin und wieder kann sie allerdings auch einen beisteuern und winkt gerade einem Herren zu, der ein Freund ihres Mannes war. Das eigentliche Dinner hat noch nicht begonnen, der Speisesaal ist noch geschlossen.
"Gleich wird wohl die Vorsitzende ein paar wohlgesetzte Worte an uns richten wollen", bemerkt Steed leise. "Sie sollten sich also noch etwas zu trinken nehmen, das kann dauern."
Emma tauscht schnell ein leeres gegen ein volles Glas auf einem Tablett aus, dass ein Kellner vorüberträgt und zwinkert Steed zu.
"Haben Sie Sir Julian über die Ballonaktion informiert", fragt sie leise.
Steed lächelt.
"Oh ja, und er ist sehr zufrieden. Nicht auszudenken, was sonst geschehen wäre..."
"Die Tauben müssen wir aber nicht noch alle einzeln abtasten?"
Steed trinkt einen Schluck.
"Das hoffe ich nun wirklich nicht. Ich glaube, wenn diese Blumengeschichte vorbei ist, möchte ich mich eine Zeitlang nur noch mit Mineralien beschäftigen."
In diesem Moment ergreift eine wohlgerundete Dame in einem wallenden geblümten Abendkleid das Wort und heißt alle Gäste herzlich willkommen. Steed behält Recht, der Willkommensgruß dauert lang. Um die Zeit zu überbrücken und die Langeweile zu verbergen, lässt Mrs. Peel den Blick über die anderen Gäste schweifen und betrachtet insbesondere die Outfits der anderen Damen. Sie selbst hat sich dann doch für einen zweilagigen schwarzen Abendanzug entschieden, dessen obere Lage aus transparentem Stoff besteht, gesäumt mit reichlich Marabufedern und der einen atemberaubenden Blick auf ihren geraden schlanken Rücken freigibt. Dank viel sportlicher Betätigung hat sie immer ihre Figur halten können.
Bei den übrigen Damen scheint allerdings eher Laura Ashley im Trend zu liegen: viel blumige Artigkeit, gesäumt mit Volants und Rüschen. Es gibt aber auch eine oder zwei Ausnahmen. Mrs. Peel gegenüber steht eine schlanke Dame mit blondem Chignon, die ein silbernes Abendkleid trägt, welches recht schlicht ist. Die Dame ihrerseits betrachtet Mrs. Peel durch eine Goldrandbrille, und Mrs. Peel senkt den Blick.
Auf die Rede der Vorsitzenden erwidert ein Gönner der Gesellschaft.
"Oh, nein", raunt Steed ihr zu, "ich wusste doch, dass wir vor Mitternacht nichts zu essen bekommen werden."
Mrs. Peel fühlt sich durch eine innere Unruhe befallen, die sie sich nicht erklären kann. Endlich ist der Mann fertig und die Gesellschaft wird in den Speisesaal gebeten. Steed bietet ihr den Arm, sie hakt sich ein.
Der Speiseraum wird dominiert von einer langen gedeckten Tafel. Auch hier brennen Kerzen in Leuchtern, die allerdings leicht flackern, da die bodenlangen Fenster offenstehen. Es ist ein warmer Abend und die Kerzenwärme und der Essensdunst heizen den Raum noch zusätzlich auf. Noch ist die Sonne nicht untergegangen und ein rotgoldener Schimmer liegt über allem. Alle suchen unter den Platzkärtchen nach ihren Namen, Steed hat seines schon gefunden. Mrs. Peel kann sich nicht darauf konzentrieren, irgendetwas stimmt hier nicht.
Ihr Blick wandert über das viele Silber, die Kerzen, die üppigen Blumen, die offenen Fenster. Aus einem Grund, den sie nicht einmal nennen kann, sieht sie hinauf zur Zimmerdecke und schnappt unwillkürlich nach Luft. Ein großes Büschel weiße und rosa Luftballons hängt dort, und genau in dem Moment, als die Tür zum Vorraum geschlossen wird, lösen sich die Ballons und sinken auf die Tafel nieder. Alles ruft "ah" und "oh", doch Mrs. Peel schreit nur:
"Steed!"
Da platzen auch schon die ersten Ballons auf den heißen Kerzen und ein starker Duft nach Rosen macht sich im Zimmer breit. Die anwesenden Damen lachen und halten das Ganze für einen gelungenen Gag, doch Steed springt auf und hastet zu den Fenstern.
"Schnell", ruft er einem anderen Mann zu, "helfen Sie mir, die Fenster zu schließen", doch der Angesprochene versteht nicht den Grund. Da ertönt auch schon ein nur allzu bekanntes Brummen in der Luft. Mrs. Peel ist Steed zu Hilfe geeilt, doch leider nicht schnell genug. Schon dringen die ersten Wespen in den Speiseraum ein. Sekunden später bricht das Chaos los.
Männer und Frauen schreien und schlagen wild durcheinander, noch mehr Ballons zerplatzen, Dinge werden umgestoßen, Stühle fallen um, der Krach ist unbeschreiblich. Durch das schnelle Eingreifen von Steed und Mrs. Peel ist zwar der Großteil des Schwarms ausgesperrt worden, doch der Teil der drinnen ist, richtet genug Schaden an. Auch Steed und Mrs. Peel müssen die Insekten abzuwehren, allerdings trifft es andere schlimmer.
"Wir brauchen Wasser, Mrs. Peel", schreit Steed und zeigt nach oben. Durch das Chaos hindurch kämpft sich Mrs. Peel zum Tisch vor und klettert hinauf. Im nächsten Moment steht sie recht undamenhaft zwischen dem Silber und dem Wedgewoodporzellan und fässt einen Stuhl, den Steed ihr reicht. Sie stellt ihn auf die Tischplatte, nimmt die einzige Kerze, die sich noch im Leuchter befindet in die Hand und steigt hinauf.
"Nein", schreit in diesem Moment die Frau in dem silbernen Kleid und stürzt vorwärts zur Tafel. Sie versucht den Stuhl zu packen und wegzuziehen. Mrs. Peel ringt um ihr Gleichgewicht. Sie darf die Kerze nicht fallen lassen. Sie tritt nach der Frau und erwischt sie kurz am Handgelenkt.
"Steed, das ist Kathy Wright!"
Steed will sich auf die Frau werfen, muss aber in Deckung gehen, weil diese eine Waffe aus ihrem Abendtäschchen gezogen hat und auf ihn feuert. Der Augenblick reicht Mrs. Peel aus. Sie hält die Kerze an den Fühler der Sprinkleranlage und im nächsten Moment ergießt sich ein künstlicher Monsun in den Speiseraum. Dann verliert sie den Boden unter den Füßen, weil jemand den Stuhl weggeschlagen hat. Ein weiterer Schuss kracht in die hölzerne Vertäfelung.
Mrs. Peel lässt sich über den Tisch auf den Boden abrollen und taucht nun wieder auf. Steed und die Frau im silbernen Kleid ringen miteinander, und die Frau lässt die Waffe fallen.
Niemand schreitet ein, alle sind vollauf damit beschäftigt, nass, blind und panisch durcheinander zu laufen. Die Wespen fliegen nicht mehr herum, sie sind von der Sprinkleranlage zu Boden gespült und zertrampelt worden. Steed gelingt es schließlich, die Frau mit dem Oberkörper auf die Tafel zu drücken und ihre Hände hinter dem Rücken fest zu halten. Mrs. Peel rappelt sich hoch. In dem Moment setzt der Sprinkler aus. Erschöpfte Ruhe tritt ein.
"Mrs. Peel, seien Sie so gut und rufen Sie die Sicherheitsleute. Und bestellen Sie mir einen Grog."

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Die Sonne scheint auf die herrlich aprikotfarbenen Blüten einer gewaltigen Engelstrompete, spiegelt sich in einer weißen Tischplatte, auf der ein bauchiges Glasgefäß mit original Pyms steht, nebst Schöpfkelle und Gläsern und lässt eine bildschöne David-Austen-Rose in altrosa verführerisch duften.
Steed sitzt auf eine weißen zierlichen Metallstuhl, den Hut ins Gesicht geschoben und hat die Füße hochgelegt, als Schritte auf der Terrasse erklingen. Er springt auf.
"Mrs. Peel, da sind Sie ja! Ich habe ewig auf Sie gewartet. Wie war die Flower Show?"
Die Angesprochene nimmt ihren Hut ab, schlüpft beim Gehen aus ihren Pumps und setzt sich im cremefarbenen Kleid zu Steed.
"Anstrengend aber erfolgreich. Ihre Königliche Hoheit war amused und an Insekten gab es nur hübsche Schmetterlinge, liebliche Libellen und fleißige Bienchen. Ich war eine davon. Meine Kehle ist staubtrocken."
"Sie Allerärmste, warten Sie, ich werden Sie verarzten."
Und damit nimmt er die Schöpfkelle zur Hand und füllt ein Glas mit Obstsalat in Weißwein.
"Bitteschön und mit extra viel Gurke."
"Ach, Sie wissen, wie man eine Frau verwöhnt."
Mrs. Peel nippt an dem Pyms und lässt den Blick über die Terrasse schweifen.
"Woher kommen all diese Pflanzen?"
"Oh, die Engelstrompete ist ein Present der RHS in tiefer Dankbarkeit für die Inbetriebnahme des Sprinklers, womit Sie Schlimmeres verhindert haben. Und der Schmetterlingsflieder dort drüben ist von Sir Julian. Auch in tiefer Dankbarkeit."
"Weil er Kathy Wright verhaften konnte."
"Ja. Ach, übrigens man fand dann schließlich auch den letzten der fünf tot im Appartement eines alten und ebenfalls toten Corporal in der Mackidockiestreet. Und ein Gewächshaus voller Wespen. Auch tot inzwischen. Zyanidgas."
"Du liebe Zeit. Und sie hatten Recht mit Miss Wright, sie ist ausgesprochen rachsüchtig."
"Nun ja, weil wir alle ihre Ballons kaputt gemacht haben, das kann einen Menschen schon ärgern."
Mrs. Peel nickt. Dann bemerkt sie noch etwas.
"Und von wem ist diese wunderschöne David-Austen-Rose?"
Steed räuspert sich ein wenig verlegen.
"Die, meine Teure, ist von mir."
Mrs. Peel wirft Steed über ihr Pymsglas hinweg einen langen Blick zu.
"Auch in tiefer Dankbarkeit?"
Er stößt leicht mit seinem Glas gegen ihres.
"In tiefer Bewunderung, natürlich. Cheers."

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Zur Erklärung:
In dieser Episode wird gleich zu Anfang auf die Episode "Diesesmal mit Knalleffekt" bezug genommen, dann auf "Robin Hood spielt mit" und natürlich auf "2:1=1" und dann etwas später noch einmal auf "Mörderischer Löwenzahn" angespielt.
Es gibt in London keine Mackidockie Street, wohl aber bei den Avengers. Hier war diese Namenserfindung so beliebt, dass man sie gleich zweimal benutzte und zwar in "Gefährliche Tanzstunde" aus der schwarzweißen Staffel und später dann noch einmal in "Fahrkarten in die Vergangenheit". Auch ich konnte der Versuchung nicht widerstehen!
Die Chelsea Flower Show gibt es hingegen schon und zwar jedes Jahr. Ob es dort allerdings einen Irrgarten gibt oder je gegeben hat, weiß ich nicht, es wäre jedoch zu wünschen, da Irrgärten tatsächlich ein beliebtes Element englischer Landschaftskunst waren. Für alle, die gern so ein Irrgarten-Feeling haben möchten, empfehle ich z.B. den Irrgarten in den Gärten der Welt in Berlin-Marzahn. Dort bestehen die Hecken nach meiner Erinnerung jedoch aus Eiben, was im Grunde ein Unterschied ohne Unterscheidung ist.
Übrigens so nass wie in dieser Episode sind Emma und Steed meines Wissens nur noch in "H2O - tödliches Nass" geworden aber auch da gingen sie nicht zusammen schwimmen.
Insgesamt stellt man vielleicht eine gewisse Abneigung der beiden gegen das beginnende Jahrzehnt fest. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass Emma Peel, deren extravaganter Geschmack in punct Garderobe den Swinging Sixties entspringt, sich mit dem teilweise übertrieben weiten, langen und braven Stil der Achziger anfreunden konnte.
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