Die Essenz wahrer Freundschaft

von - Leela -
GeschichteFreundschaft, Schmerz/Trost / P12
Eddie Jake Tracy
15.03.2014
15.03.2014
1
5577
 
Alle Kapitel
noch keine Reviews
Dieses Kapitel
noch keine Reviews
 
 Datenschutzinfo
 
 
 
Diese Geschichte wurde für den Wettbewerb »Bis ans Ende der Welt!« von -traumtaenzerin- geschrieben.

Die Rechtschreibung richtet sich nach alter Rechtschreibung.

Viel Spaß beim Lesen! ^^

________________________________________________________________________________________________________




Die Essenz wahrer Freundschaft

„Okay! Es reicht mir!“ Eddy schmiß seine Ausrüstung wütend in eine Ecke des Zeltes, das den drei Ghostbustern während ihrer Mission als Unterkunft diente. „Ich bin es leid, ständig von dir bevormundet und zurechtgewiesen zu werden!”
      Jake machte eine hilflose Geste und erwiderte vehement, um seinen Worten Nachdruck zu verleihen: „Ich bevormunde dich weder, noch weise ich dich zurecht! Aber ich leite dieses Team, und als Teamleiter habe ich eine gewisse Verantwortung!“
      Eddy drehte sich abrupt zu ihm um und funkelte ihn an. „Du traust mir doch gar nichts zu! Gib es doch einfach zu! Warum sonst kriege ich es immer ab, wenn etwas schiefläuft?“
      „Das stimmt doch überhaupt nicht!“ fuhr Jake auf.
      „He!“ Tracy schob sich zwischen die Jungs und versuchte, die Lage zu entschärfen. „Keinen Streit!“
      Jake und Eddy fixierten sich an dem Fell des Gorillas vorbei noch immer unter Anspannung, bis Eddy die Situation auflöste, indem er sich abwandte. „Ach, es ist doch sowieso sinnlos!“ Seine Worte schienen mehr an sich selbst gerichtet zu sein als an seine Partner, kurz bevor er enttäuscht die Hütte verließ.
      Jake und Tracy sahen ihm betroffen nach.
      Was war bis hierhin passiert?
      Die Ereignisse sind schnell erzählt, ohne zu sehr ins Detail zu gehen: Die Ghostbuster waren von einem Forschungsteam beauftragt worden, das in einem Dschungelgebiet neue Tier- und Pflanzenarten katalogisierte, weil ihr Lager von Geistern heimgesucht worden war, die ihre Arbeit sabotieren wollten. Den Auftrag hatten die drei Geisterjäger inzwischen auch erfolgreich erledigt, allerdings hatte es bei dieser Mission einmal wieder die eine oder andere Komplikation gegeben, und das hatte dazu geführt, daß Jake Eddy zwei Mal etwas unwirsch angefahren hatte – leider nicht zum ersten Mal, seit sie im Geschäft waren.
      Jake wußte selbst, daß er da manches Mal über das Ziel hinausschoß. Hatte er Eddy jemals erzählt, daß es deswegen war, weil er Angst um ihn hatte…?

Eddy hatte sich nach draußen zurückgezogen und war ein Stück gelaufen, bis er an den Canyon kam, der nicht allzu weit vom Lager entfernt die Landschaft durchschnitt. Dort ließ er sich auf dem Boden nieder und schaute demoralisiert vor sich hin auf die gegenüberliegende Seite der Schlucht, die wie ein Abbild von dem war, was sein Partner in seinem Herzen hinterlassen hatte. Nie hatte er vermutet, daß es einmal so kommen würde, doch der smarte Anführer ihres Teams, der einmal sein bester Freund gewesen war, hätte im Augenblick nicht weiter von ihm entfernt sein können. Wie tief ihn Jakes Reaktionen trafen, mußte er wohl selbst mit sich abmachen.
      Er hatte sich damals so gefreut, als er zusammen mit Jake die Firma ihrer Väter hatte übernehmen können. Immerhin kannten sich die beiden seit ihren Kindertagen, waren zusammen aufgewachsen und immer die besten Freunde gewesen. Nie hatte er sich vorstellen können, daß es einmal so enden könnte. Immer wieder überlegte der etwas kräftiger gebaute junge Mann, ob es irgend etwas gab, womit er seinem Partner Anlaß für dessen Reaktionen gab. Doch so sehr er auch darüber nachgrübelte, es wollte ihm nichts einfallen. Und Angst darum, daß er es auf den Posten des Anführers abgesehen haben könnte, brauchte der engagierte Leiter ihres Teams auch nicht zu haben; das sollte er eigentlich wissen.
      Jake war eineinhalb Jahre jünger als er, aber er brachte bei weitem die besseren Qualitäten als Anführer mit sich, war ehrgeizig, zielstrebig und behielt in jeder Situation einen kühlen Kopf. Der sportliche junge Mann wurde der Verantwortung mehr als gerecht, das mußte Eddy unumwunden, und ohne jeden Neid zugeben. Er selbst hingegen hätte sich diese Verantwortung gar nicht zugetraut, und war froh gewesen, daß der smarte Blondschopf ganz automatisch in die Rolle des Anführers geschlüpft war. Doch bedeutete dies ja schließlich nicht, daß er gar nichts drauf hatte! Wenn es um Einsatz, Technik und Teamwork ging, standen die beiden sich doch in nichts nach! Selbst Tracy betonte das immer wieder. Warum nur konnte er es Jake, seinem besten Freund, trotzdem nicht recht machen? Gut, er neigte hin und wieder dazu, Chaos zu verbreiten und das eine oder andere Fettnäpfchen mitzunehmen, und er war auch in mancher Situation nicht so mutig und unerschrocken wie sein Partner. Aber wenn es hart auf hart kam, konnte sein Team sich immer hundertprozentig auf ihn verlassen! Merkte Jake denn nicht, daß er sein bestes gab? War es nicht gut genug für ihn?
      Er löste sich fast schon mit Gewalt von dem Gedanken an Jake. Er konnte es nicht ändern, und er hatte keine Lust mehr darüber nachzusinnieren. Statt dessen beschloß er, seine Gedanken lieber auf etwas schönes zu lenken und zog den Anhänger unter seinem Hemd hervor, den er immer bei sich trug. Vorsichtig löste er den kleinen Schatz von der Kette, um die richtige Perspektive herstellen zu können. Ein Lächeln umspielte seine Lippen, als er in Tashas Augen schaute, in das Lächeln, das ihm seine Freundin auf der Gravur liebevoll schenkte, und das er jetzt gedankenversunken erwiderte. Sanft strich er mit den Fingern über das warme Metall. Den Trost brauchte er gerade. In Augenblicken wie diesen vermißte er sie am meisten. Gerade jetzt hätte er alles darum gegeben, sich in ihre Arme zurücksinken lassen zu dürfen und nicht nachdenken zu müssen, nur ihre Liebe und Geborgenheit zu spüren. Doch sie hatte auf diese Mission nicht mitkommen können, und so mußte der Anhänger als Trost reichen.
      In seinen braunen Augen spiegelte sich sein ganzer Kummer; ein Gefühlschaos, das sich in einer grotesken Mischung aus seiner Enttäuschung über seinen Partner und der Sehnsucht nach seiner Freundin potenzierte und von seiner Seele Besitz ergriff, und kurz darauf verschleierten ihm Tränen die Sicht. Er blinzelte und versuchte, sich wieder zu fassen. Nein, er wollte nicht weinen. Die Genugtuung würde er Jake nicht lassen.
      Er atmete leicht durch und wollte den Anhänger wieder an der Kette befestigen, als dieser ihm plötzlich aus den Händen rutschte. Automatisch griff er nach, doch seine Versuche, den Fall aufzuhalten, nützten nichts mehr; der Anhänger glitt ihm durch die Finger und fiel zu Boden. Er schnappte erschrocken nach Luft, als das Schmuckstück vom Boden hoch und auf die Kante des Canyons zusprang, und versuchte panisch, den Anhänger zu fassen zu bekommen. „Nein, nein, nein…“ Verbissen bemühte er sich noch in einer gewagten Aktion, das Unheil aufzuhalten, doch da rutschte das Kleinod schon über die Kante und fiel mit klingenden, immer leiser werdenden Geräuschen in die Tiefe des Canyons.
      Für einen Augenblick schien es, als würde selbst die Welt den Atem anhalten.
      Der junge Mann mit der braunen Wuschelfrisur saß wie erstarrt da, unfähig, irgendwie zu reagieren. Noch weigerte sich sein Gehirn, die Wahrheit zuzulassen. „Das ist jetzt nicht wahr.“ kam es ihm tonlos über die Lippen. Dann kamen die Tränen.
      Was er nicht registriert hatte war, daß Jake ihm mittlerweile gefolgt war und die Szene aus dem Hintergrund mitbekommen hatte. Der hochgewachsene Sonnyboy mit den tiefblauen Augen hatte es nicht lange beim Lager ausgehalten. Er wußte, er würde keinen Seelenfrieden finden, bevor die Sache zwischen ihnen geklärt war. Und so hatte es nur einen Augenblick gedauert, bis er seinem Partner nachgelaufen war. Als er Eddy am Rande des Canyons ausgemacht hatte, hatte er einen kurzen Moment bei einem Baum ganz in der Nähe innegehalten und sich in dessen Schutz an seinen Stamm gelehnt, um zu überlegen, wie er am besten anfangen wollte, um diese unglückliche Situation aus der Welt zu schaffen. Während er dort noch stand, hatte er seinen besten Freund beinahe liebevoll betrachtet, als er ganz versunken in das Medaillon gewesen war. Und dann folgte die bittere Szene, die selbst ihm die Kehle zuschnürte. Er wußte, wie sehr Eddy an diesem Anhänger hing. Es war seine kleine Insel der Liebe, wenn Tasha nicht bei ihm sein konnte, wie ein Stück ihrer Seele, das er bei sich trug, und das ihm Trost in einsamen Zeiten schenkte, wenn er in ihre Augen sah und sich in ihrem Lächeln verlor… Jake hatte kaum bewußt registriert, wie selbst er die Arme um den Körper geschlagen hatte, als hätte er Magenschmerzen. Jetzt reagierte er ganz automatisch, ohne einen Gedanken an die kürzliche Auseinandersetzung zu verschwenden. Betroffen schloß er zu seinem Kumpel auf und kniete sich zu ihm. „Eddy…“
      Er kam gar nicht so weit, seinen Arm tröstend um ihn zu legen, da traf ihn schon der wütende Blick seines Partners mit der Wucht eines Dolchstoßes. „Laß du mich bloß in Ruhe! Das ist alles deine Schuld!“ Ohne Jake die Chance zu einem Wort der Erklärung zu lassen, stand er auf und lief zurück in die Richtung, aus der er gekommen war.
      Jake sah ihm hilflos nach. Am liebsten wäre er ihm gleich hinterhergelaufen, doch er wußte, im Augenblick hatte das gar keinen Sinn. Verzagt sah er vor sich hin. ‚Na toll!’ dachte er bei sich. ‚Erst die Geschichte zwischen uns, jetzt der verlorene Anhänger… Etwas schlimmeres kann man ihm jetzt kaum noch antun.’ Vorsichtig spähte er über den Rand des Canyons. Doch was nützte es? Wie zu erwarten gewesen war, sah er kein Hoffnung schenkendes Aufblitzen. Der Anhänger war hoffnungslos verloren.
      Der schlanke Ghostbuster hielt einen Moment gedankenverloren inne. Dann schob er sich bäuchlings näher an den Abgrund heran und spähte in die Tiefe. Noch fiel das Tageslicht zwischen den beiden Dschungelabschnitten hindurch in die Schlucht, so daß er gut sehen konnte. In der Tiefe konnte er wage das Wasser des Flusses ausmachen, das zwischen den Steinkanten dahinfloß. Er lenkte seine Aufmerksamkeit mehr von der hoffnungslosen Tiefe weg, hin zu den steilen, aber sehr unebenen Wänden. So wie es wirkte, gab es an den Seiten der Felsenschlucht immer wieder größere Vorsprünge und abgebrochene Kanten, und nicht selten wuchsen Pflanzen aus Spalten oder an Abhängen, bis hin zu kleinen Bäumen. Es gab viele Möglichkeiten – der Anhänger konnte sich in einem Baum verfangen haben oder auf einen der Absätze gefallen sein. Er konnte aber auch in eine der Spalten gefallen sein. Oder ganz bis in die Tiefe…
      Er setzte sich wieder auf und atmete verzagt durch. Er wußte, es war hoffnungslos, hier in der gigantischen Wildnis nach einem vergleichsweise winzigen Anhänger suchen zu wollen. Und gefährlich war es obendrein! Dadurch, daß der Canyon recht schmal, und die Umgebung sehr bewachsen war, konnte er kaum etwas von ihrer Ausrüstung, die sie sonst bei der Geisterjagd benutzten, einsetzen, und so würde er dafür an der unebenen Felswand, von der er nicht einmal wußte, wie stabil das ganze Felsensystem war, klettern müssen. Er wußte, der Gedanke war kaum erfolgversprechend und dazu noch risikoreich. Trotzdem ballte sich in ihm eine unerschütterliche Entschlossenheit. Wenn es eine Chance gab, dann wollte er sie auch nutzen, so klein und unscheinbar sie auch sein mochte! Beherzt stand er auf und lief die kurze Strecke zurück zu ihrem Lagerplatz. Als er zurück ins Zelt kam, traf er nur auf Tracy. Der Gorilla checkte gerade die Geräte, die sie im Einsatz benutzt hatten. „Ist Eddy nicht da?“
      Der Gorilla schüttelte lediglich den Kopf.
      Jake schaute ein wenig besorgt in die Leere. Ein wenig beunruhigte ihn die Auskunft, andererseits kam ihm das gerade gut zu Paß. Er holte sich schnell in die Gegenwart zurück, schnappte sich sein Ghostpack und machte sich auf den Rückweg zum Canyon.
      Den besorgten Blick seines Partners bemerkte er nicht, als Tracy von seiner Arbeit aufsah.

An der Unglücksstelle durchsuchte Jake sein Ghostpack und fand das Seil, das er brauchte. Hoffentlich reichte es für sein Vorhaben aus. Vorsichtig prüfte er, wie stabil die Kante an dem Teil des Abgrundes war, an dem der Anhänger verloren gegangen sein mußte, und sah sich die Umgebung an. Nicht weit entfernt fand er einen Baum, an dem er das Seil arretieren konnte. Eine kurze Probe signalisierte ihm, daß er sein Gewicht aushalten können müßte. Er sicherte sich mit dem Seil und ging mit rasendem Puls zur Kante zurück.
      Als er in die Tiefe sah, wurde selbst ihm schwindelig, obwohl er keine Höhenangst hatte. Wie sehr hätte er sich jetzt gewünscht, Futura wäre jetzt hier. Seine Freundin, die aus der Zukunft kam, hätte ganz andere Möglichkeiten gehabt als er. Sie hätte sogar fliegen können. So mußte er mit den Mitteln auskommen, die ihm sein eigenes Jahrhundert bot. Andererseits war es nicht mehr als legitim. Immerhin nahm er sich so selbst in die Verantwortung, und das war etwas, das ihm ganz wichtig war, gerade in dieser speziellen Situation.
      Er drängte das mulmige Gefühl in eine Ecke seines Selbst und konzentrierte sich auf die Aufgabe, die vor ihm lag. Vorsichtig schob er sich über den Rand des Canyons und suchte Halt an der unebenen Felswand. Etwas erleichtert stellte er fest, daß es besser ging, als er sich ausgemalt hatte. Sein Fuß fand Halt auf einem schmalen Vorsprung, und noch konnte er sich mit den Händen an der Kante festhalten. Sachte ließ er sich an dem Seil hinunter und beobachtete seine Umgebung genau.
      Obwohl die Sonne noch immer gut durchkam, warfen sich unzählige Schatten durch Unebenheiten, Pflanzen, und durch ihn selbst auf den Stein. Der beherzte junge Mann kramte nach seiner Taschenlampe. Vielleicht hatte er Glück, und er konnte den Anhänger dadurch finden, daß er angeleuchtet wurde und zurückstrahlte. Er kletterte bedächtig Stück für Stück an der zerklüfteten Wand herunter, leuchtete in Pflanzenwerk, auf Vorsprünge und moosbewachsene Absätze. Er versuchte, in die Felsspalten hineinzuleuchten und betete innerlich, daß er nicht gerade hier fündig wurde – er wußte, war der Anhänger in eine der Spalten gerutscht, bekam er ihn nie wieder.
      Meter um Meter kämpfte er sich nach unten, ohne jeden Erfolg. Verzweiflung breitete sich in seinem Herzen aus. Er konnte doch nicht mit leeren Händen zu Eddy zurückkehren… Zwischendrin hielt er inne und seufzte schwer. Was machte er hier eigentlich? Der Anhänger konnte überall sein! Ein kleines Stück Schmuck, kaum größer als eine Geldmünze, verloren in der gewaltigen Landschaft eines Dschungels; er würde ihn ohnehin nie wiederfinden! Was bildete er sich eigentlich ein, den Anhänger nur aufgrund der Tatsache zu finden, weil er es unbedingt wollte? ‚Aber ich muß es zumindest versuchen! Wenn auch nur eine winzige Chance besteht, darf ich sie nicht ungenutzt lassen!’ dachte er verbissen. Mit neuer Entschlossenheit kletterte er weiter. Mit der Taschenlampe leuchtete er die Vorsprünge ab, jeden Winkel, wo sich ein kleines Schmuckstück wie dieses verfangen haben könnte. Doch das so sehnlich begehrte metallische Aufblitzen blieb aus.
      Er steckte die Taschenlampe in die Tasche seiner Safarijacke und hangelte sich mit äußerster Vorsicht über ein unkomfortables Stück der Steinwand. Mit Erleichterung erkannte er links unter sich eine schmale Kante, die ihm neuen Halt bot. Er griff in eine kleine Felsspalte und zog sich zu der Seite herüber, stellte beruhigt seinen Fuß auf dem Vorsprung ab. Doch er kam kaum dazu, durchzuatmen, als die Kante unter ihm plötzlich wegbrach. Mit einem panischen Aufschrei griff er um sich nach jeglichem Halt, den er finden konnte.
      Von irgendwoher waren ein paar Vögel verschreckt aufgeflogen, als seine Füße endlich auf einem kaum wahrnehmbaren Sims Halt fanden. Der athletische Geisterjäger atmete keuchend, spürte, wie sein Körper zitterte und sich seine Hände um die Felskante verkrampft hatten, die einem glücklichen Schicksal zufolge seinem Griff standgehalten hatte. Er spürte sein Herz bis in den Hals schlagen. ‚Okay, beruhig dich, Junge!’ maß er sich selbst. Er schaute sich um und erkannte eine Auswölbung, die ihm einen Augenblick Pause gewähren konnte – wenn er es bis dahin schaffte. Er nahm seinen ganzen verbliebenen Mut zusammen und schob sich ein Stück weiter, fast nur noch durch das Seil gesichert, ließ sich ein Stück am Felsen herab, und erreichte besser als erhofft die Stelle, die ihm einen Moment Atempause gewährte.
      Er preßte sich an den Stein und atmete ruhig durch. Während dessen liefen seine Gedanken im Chaos. ‚Okay, was mache ich jetzt? Umkehren? Ich kann Eddy doch nicht im Stich lassen! Aber ich habe es schon so weit versucht, und es hat nichts gebracht! Ich kann aber nicht aufgeben! Ich habe noch nicht alles probiert! Und wenn so etwas wie eben noch mal passiert? Oder schlimmeres…?’ Die leise Stimme in seinem Kopf verklang und hinterließ den Gedanken an die unvermeidbare Kapitulation, bis sie noch einmal, und etwas fester sagte: ‚Nein, noch nicht!’
      Er sah sich auf seiner neuen Position um. Von hier aus hatte er erst einmal wieder bessere Möglichkeiten. Es gab einige Spalten, Absätze und Vorsprünge, an denen man gut Halt finden konnte. So setzte er seinen Weg fort, und wagte es nach ein paar Metern auch wieder, die Taschenlampe zur Hand zu nehmen.
      Ein Stück rechts unter ihm machte er einen etwas größeren Vorsprung aus und leuchtete mit der Taschenlampe in die Richtung. Da blitzte etwas im Lichtschein auf. Jake spürte sein Herz einen Schlag aussetzen. Konnte es so viel Glück überhaupt geben? Schnell und euphorisch kletterte er weiter und mußte in seiner Aufregung aufpassen, nicht die erforderliche Vorsicht außer Acht zu lassen. Er ließ sich bewußt etwas weiter in die Tiefe hinab, schob sich vorsichtig seitlich an den Vorsprung heran und mußte ein Zittern unterdrücken, als er endlich sein Ziel erreichte und sich nach dem verlorenen Schatz umsah. Dort, nicht weit entfernt von ihm glänzte es latent, und wie in einem Traum streckte er die Hand nach der Ursache aus, nur um einen Augenblick später entsetzt zu erstarren. „Kaugummipapier…?“
      Er hielt das markant gezackte Stück Silberfolie zwischen den Fingern und hätte in Tränen ausbrechen können. Seine ganze Hoffnung ging hier mit einem Stück Kaugummipapier unter. Seine Hand ballte sich in verbissener Wut um das Stück Müll, von dem er sich in die Irre hatte führen lassen. Mit äußerster Beherrschung versuchte er, seinen bitteren Frust unter Kontrolle zu bekommen. Was nützte er ihm schon? Es half ihm doch nicht weiter. – Er konnte den Müll nicht einfach in der Natur zurücklassen, also steckte das Papier ein, um es später zu entsorgen und kletterte entmutigt weiter. Dieser Rückschlag war fast noch schlimmer, als wenn er noch eine weitere Stunde vergebens gesucht hätte. Aber genau das stand ihm wahrscheinlich jetzt noch bevor. Seine Hoffnung sank mit jedem Meter, den er sich weiter an der Felswand hinabließ. Und so aufmerksam er sich auch umschaute, das Objekt seines Begehrens blieb ihm verborgen.
      „Jake, du bist so ein Idiot.“ schalt er sich leise. „Wer bin ich eigentlich, daß ich erwarte, ich könnte hier so ein winziges Teil wiederfinden? Das ist reine Utopie.“ Er atmete schwer durch. Wahrscheinlich war der Anhänger schon längst in den Untiefen des Canyons verschwunden, dort, wo niemals mehr ein Mensch hinkommen würde. So sehr er es sich auch wünschte, er würde Eddy nicht helfen können. Diese bittere Erkenntnis brach ihm schier das Herz. Er wußte nicht, ob es sein Ansehen bei seinem Partner wieder gehoben hätte; und ob er ihm dann zumindest zugehört hätte, das wußte er auch nicht. Aber allein schon für ein kleines Lächeln wäre es die Sache wert gewesen.
      In seinen Gedanken breitete sich Hoffnungslosigkeit aus. Statt die Suche abzubrechen, verfolgte er sein Ziel aber weiter, so als hätte sein Herz gar nicht wahrgenommen, was sein Gehirn gerade gedacht hatte. Nur noch einen Moment… Mittlerweile wurde ihm schon anders, wenn er nach oben sah und sich ausmalte, daß er irgendwann den Weg zurück würde antreten müssen. Es dauerte nicht mehr lange, dann wäre der Weg nach oben länger als der Restweg nach unten.
      Unter ihm erkannte er in den letzten Sonnenstrahlen das Glitzern des Flusses, der am Grund des Canyons vorüberzog. ‚Der Anhänger wird bis in die Tiefe gestürzt sein. Da komme ich niemals hin.’ machte Jake sich bewußt. ‚Und selbst wenn ich es schaffe, ich werde ihn dort nicht mehr finden.’ Er stützte sich an einem Vorsprung ab und leuchtete noch einmal die nahe Felswand ab, schaute dann über sich, um festzustellen, ob er noch auf dem richtigen Kurs war.
      ‚Noch zehn Minuten.’ dachte er verzagt. ‚Wenn ich ihn dann nicht finde, drehe ich um. Und dann lasse ich mich von Tracy und Eddy auslachen, weil ich so einen Unsinn versucht habe. Besser verdient habe ich es auch nicht.’ Er kletterte weiter die Felswand hinunter, solange, bis das Seil es nicht mehr zuließ. Dort suchten seine Füße Halt auf einem relativ stabilen Vorsprung, und der sonstige Teamführer, der diesmal ganz allein auf weiter Flur agierte, verschaffte sich einen kurzen Überblick. Es waren noch immer ein Haufen Meter bis zum Boden. Zu den Seiten sah alles gleich aus. Mittlerweile wurde es schummrig, und er mußte langsam wieder zurück, wenn er sich nicht noch ernstlich in Gefahr bringen wollte. Resigniert legte er den Kopf an den kühlen Stein. „Es tut mir so leid, Eddy…“
      Einen Augenblick ließ er die Gedanken leerlaufen. Er hatte alles gegeben, was er konnte, sich auf eine aussichtslose Mission begeben, und sämtliche Gefahren außer Acht gelassen. Mehr konnte er nicht tun. Aber wer weiß, vielleicht würde es genügen, damit Eddy ihm verzeihen konnte, wenn er selbst schon nicht zufrieden mit sich war…
      Schließlich sammelte er seine Kräfte und setzte langsam wieder zum Aufstieg an. Er suchte sich stabile Vorsprünge an denen er guten Halt fand und orientierte sich so gut es ging an dem Seil. War er bei Abstieg des öfteren von einer zur andern Seite geklettert, strebte er den Rückweg nun sehr gerade an, um auf dem schnellsten Weg wieder nach oben zu gelangen. Jetzt brauchte er auf nichts mehr zu achten, als nur noch darauf, daß er sicher und heil wieder auf festen Boden zurückkehrte. Mit jedem Abschnitt schien es dunkler zu werden, und die Schatten um ihn herum wurden immer beängstigender, lösten ein beklemmendes Gefühl in ihm aus. Hoffentlich hatte er es bald geschafft, ehe sich das kalte Grauen, das ihn bereits latent ergriff durch seinen gesamten Körper arbeitete. Wenn er jetzt eines nicht tun durfte, dann, den Kopf zu verlieren.
      Er hatte erst eine gute Handvoll Meter hinter sich gebracht, als er nach seinem nächsten Halt - einem etwas breiteren Felsvorsprung - über sich griff, und plötzlich etwas unter seinen Fingern spürte, kühl, und ein wenig metallisch. Er stutzte kurz, zog sich etwas höher, und fand auf dem steinernen Absatz – den Anhänger. Es dauerte, bis sein Gehirn diese unerwartete Information imstande war umzusetzen. Dann schnappte er nach Luft, hob das gesuchte Objekt auf und spürte, wie er zitterte. ‚Oh mein Gott! Oh mein Gott! Oh mein Gott!’ Was für eine groteske Situation: Hier, im tiefsten Dschungel, an einer steilen Felswand hängend, im letzten verbleibenden Licht des Tages, lächelte ihm das bedeutungsvollste Mädchen im Leben seines Partners zu, als wolle sie ihm sagen: ‚Alles wird gut!’ – Er wußte, ob das wirklich so kommen würde, das würde sich erst noch zeigen müssen; jetzt war erst mal jedoch nur von Bedeutung, daß er das unmögliche geschafft hatte, und Eddy seinen kleinen Schatz wiedergeben konnte – wenn auch nur durch ein unbegreifliches, glückliches Schicksal. Er versuchte, seine Atmung unter Kontrolle zu bringen und unterdrückte einen Jubelschrei, statt dessen galt es jetzt, das Objekt seines Seelenfriedens sicher zu verstauen, damit kein weiteres Mißgeschick dem ersten folgte. Jake wußte, das würde er sich nie verzeihen!
      Mit zusammengebissenen Zähnen und zitternden Fingern drapierte er das Medaillon in seine Brusttasche, während ihm das Herz in den Ohren pochte. Erst, als das Schmuckstück sicher in seine Tasche fiel, atmete er auf. Er hatte sein Ziel erreicht! – Nun mit deutlich größerem Elan setzte er seinen Aufstieg fort. Es war seltsam, wieviel leichter es ihm nun von der Hand ging, auch wenn der Weg dadurch nicht unbeschwerlicher wurde. Doch in seinem Herzen fühlte er sich um einiges leichter als zuvor. Auch wenn ihm der Zufall geholfen hatte, sein Ehrgeiz hatte ihm zu seinem kleinen persönlichen Sieg verholfen.

Eddy lag apathisch auf seinem Lager und schaffte es nicht ganz, die Tränen aufzuhalten. Dafür war zu viel passiert an diesem Tag, als daß er dagegen noch anzukämpfen vermochte. Er war eine zeitlang ziellos durch den Dschungel gelaufen, wütend auf Jake, wütend auf sich selbst, weil er so dumm gewesen war und sein Liebstes verloren hatte, und so mit sich und der Welt am Ende, daß er die Schönheit der Natur nicht einmal mehr hatte aufnehmen können. Als er schließlich ins Lager zurückgekehrt war, waren weder Jake, noch Tracy da gewesen. Er wußte nicht genau, ob er es sich anders gewünscht hätte. Im Grunde hatte er es aber nicht anders erwartet, und vielleicht war es im Augenblick besser, allein zu sein.
      Wie lange er schon dort gelegen hatte, wußte er nicht mehr, – er hatte bereits jegliches Zeitgefühl im Strudel seines Gefühlschaos verloren. So registrierte er seinen Partner auch erst, als dieser ihn ansprach.
      Jake spürte ein beklemmendes Gefühl in der Magengegend, als er im Eingang zum Zelt stand und seinen Partner in seiner desolaten Haltung vorfand. „Eddy? Weinst du wegen mir, oder wegen dem Anhänger?“ fragte er vorsichtig.
      „Das kann dir doch ganz egal sein.“ erwiderte Eddy trotzig, und konnte es nicht vermeiden, daß ihm die Stimme wegbrach.
      „Nicht unbedingt.“ widersprach Jake ruhig, während er langsam zu ihm herüberging. „Wenn es wegen dem zweiten ist, kann ich nämlich etwas dagegen tun!“
      Zuerst reagierte Eddy nicht, als müßte er die Aussage erst sortieren, dann sah er irritiert auf.
      Jake kniete sich zu ihm auf den Boden und hielt ihm den Anhänger hin.
      Eddy sah sprachlos auf den kleinen Schatz in der Hand seines Partners und nahm ihn wie in Trance entgegen. „Aber… Der ist doch bis in den Canyon runtergefallen… Das habe ich doch selbst gesehen…“
      Jake nickte. „Deswegen hat es auch so lange gedauert. Es war gar nicht so einfach, ihn wiederzufinden.“ erklärte er und versuchte, seiner Stimme einen neckischen Klang zu geben.
      Eddy sah ihn sprachlos an. „Du bist doch nicht… extra deswegen in den Canyon runter und hast danach gesucht, oder?“
      „Was hätte ich denn sonst tun sollen, wenn meinem besten Freund das Herz bricht?“ erwiderte Jake mit einem verlegenen Lächeln.
      Eddy schaute wie paralysiert auf die geschundenen Hände und die schmutzige Uniform seines Freundes, und Jake konnte ihm ansehen, wie unangenehm ihm die Situation war. „Jake… Das habe ich nicht herausfordern wollen. Wirklich. Ich weiß doch, daß du dafür nicht verantwortlich warst, sondern einzig und allein ich.“
      „Deswegen bin ich auch nicht da runter gegangen, Eddy!“ erklärte Jake sanft. „Sondern einzig und allein wegen dir. Weil du es mir wert bist.“ Nach einem Moment eigentümlicher Stille fuhr er fort: „Deswegen fragte ich ja. Das Problem konnte ich lösen. Ich weiß nur nicht, ob ich das andere Problem auch lösen kann, auch wenn ich mir nichts sehnlicher wünsche. Das kommt darauf an, ob du mir eine Chance gibst.“
      Eddy sah ihn hin- und hergerissen an, dann an ihm vorbei. Aber zumindest schrie er ihn nicht an oder lief weg, und das wertete Jake als gutes Zeichen.
      Der junge Mann mit den blonden, kurzen Haaren setzte sich nun richtig neben Eddys Lager auf den Boden und legte die Arme um die angezogenen Beine. „Ich weiß, du kannst dir gerade nicht vorstellen, daß du mir so viel bedeutest.“ begann er ruhig. „Aber genau so ist es. Und das ist auch das gleiche Geheimnis für meine ganzen anderen dummen Reaktionen.“ Schon während er es ansprach merkte er, daß er bei Eddy wieder die alten bitteren Gefühle aufwühlte, aufgrund derer sie sich Stunden zuvor gestritten hatten. Er kam nicht umhin, seinem Partner in einer freundschaftlichen Geste eine Hand auf den Arm zu legen, noch suchte er den Blickkontakt jedoch vergebens. „Bitte laß es mich dir erklären.“
      Eddy schwieg einen Moment in sich gekehrt. Dann sah er Jake ohne jedes Lächeln, wie mit einer stummen Aufforderung im Blick, an. Jake atmete innerlich durch. Wußte sein Partner überhaupt, daß er es ohne weiteres schaffte, selbst ihn mit einem Blick mühelos auszuhebeln? Er wußte nicht, wie Eddy das machte, doch allein mit einem Blick konnte er alles ausdrücken: Freude, Liebe, Wut, Angst, Trauer… Enttäuschung… Und jedes Mal saß der Blick wie ein gut gezielter Schlag. Dieser ging in Jakes Magengegend.
      Jake senkte seinen eigenen Blick, weil er dem von Eddy nicht standhalten konnte. „Eddy, ich weiß, daß ich heute mal wieder etwas zu weit gegangen bin. Aber das liegt nicht daran, daß ich dir nichts zutraue, oder daß ich dich bevormunden will. Der Grund dafür ist, daß ich Angst um dich habe. Wir haben einen so verdammt gefährlichen Job, und dann gibt es immer wieder Situationen, die mir solche Angst einjagen, daß dir etwas passieren könnte, daß ich… daß ich es nicht anders ausdrücken kann, als in solchen Reaktionen. Das ist dann aber nicht mehr als Panik, weil ich die Situation nicht einschätzen kann. – Ich weiß, das ist nicht der richtige Weg, und vielleicht kannst du es nicht nachvollziehen, aber bitte glaube mir, das, was ich am wenigsten will ist, dich zu verletzen. Im Gegenteil. Ich will dich nur beschützen. Du bedeutest mir einfach so viel.“
      Er machte eine kurze Pause, in der er seinen Partner musterte, der langsam aber sicher um seine Fassung rang.
      „Glaub’ mir, das ist nie böse gemeint, wenn ich so reagiere.“ erklärte er noch einmal sanft. „Es ist nur so, daß ich es nicht verkraften würde, wenn dir unter meiner Führung etwas zustößt. Wenn dir überhaupt etwas zustößt. Ich will dich nicht verlieren, Eddy.“ Er sah Eddy strikt in die wieder von Tränen verschleierten Augen, während er in einer sanften Geste die Hand seines Kumpels um das gerettete Amulett mit dem Bild seiner Freundin schloß. „Ich möchte nur, daß es dir gut geht, und daß du glücklich bist.“
      Damit schaffte er es erneut, Eddys seelisches Fundament zu zerschlagen, wenn auch diesmal auf eine andere, sanfte und doch genauso wirkungsvolle Weise. Der etwas verschüchterte junge Mann atmete stockend und kämpfte erneut gegen Tränen, wenngleich diesmal aus anderem Grund. Und dieses Mal ließ er es auch zu, daß Jake ihn mit einem sanften Lächeln tröstend in die Arme zog.
      So sehr Eddy auch kämpfte, er kam gegen die Tränen nicht an, aber es war okay. So war es Jake deutlich lieber als beim Streit zuvor, da er jetzt für seinen Freund da sein konnte. Keiner der beiden bemerkte, daß Tracy mittlerweile die Szene vom Eingang des Zeltes aus betrachtete und zufrieden lächelte. Für Jake war es im Augenblick aber auch zweitrangig. Wichtig war nur, daß er sich endlich eine große Last von der Seele geredet hatte, und Eddy genau wußte, wie er sich fühlte. „Ist die Antwort denn für dich akzeptabel?“ erkundigte der junge Teamführer sich sachte.
      „Ich… muß das erst mal verarbeiten.“ gestand Eddy. „Gib mir bitte einen Moment Zeit, bis ich dir eine Antwort darauf gebe.“
      „Das ist in Ordnung.“ erwiderte Jake leise. Ganz glücklich war er zwar nicht damit, daß er keine direkte Antwort bekam, da ihn die Ungewißheit innerlich zerriß, doch er wußte, daß er das akzeptieren mußte. Er versank in Gedanken, während er seinen Partner und besten Freund in einer tröstenden Umarmung hielt. „Ich weiß, manchmal kommt es bei dir nicht so an, aber für dich würde ich bis ans Ende der Welt gehen.“


________________________________________________________________________________________________________

Platz 5 von 29 Anmeldungen
Review schreiben
 
 
'