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Eigentlich

GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P12 / Gen
Henry Jekyll Lisa Carew
14.03.2014
14.03.2014
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1.223
 
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Dieses Kapitel
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14.03.2014 1.223
 
Hier letzten Endes doch noch mein leider reichlich, reichlich verspäteter Beitrag zum Valentins-Wichteln 2014. Ich hatte dezente Probleme mit diesen Vorgaben, ich hoffe, es wurde etwas. ^^
Danke an Dora Lupin für die Organisation dieses Projektes!!

Liebe Glinda, es tut mir wahnsinnig leid, dass du so lange warten musstest, ich hoffe, du hast wenigstens deine Freude daran!



Wichtelkind: Glinda Arduenna
Pairing: Henry Jekyll / Lisa Carew
Schreibanstoß: "Zweifel" aus "Pompeji"
Gewünschte Szene: Am Anfang sollten Zweifel, am Ende in irgendeiner Form Gewissheit stehen.




*~*~*~*



Du liebst Henry Jekyll.

Wenn er dich ansieht, glaubst du zu wissen, wer du bist und wer du sein solltest, und es kümmert dich nicht, wenn andere ihn und seine Versuche für verrückt erklären. Du liebst ihn, weil er in dir mehr sieht als nur ein naives junges Mädchen und er liebt dich, weil du in ihm mehr siehst als einen irren Wissenschaftler. Du glaubst an ihn.
Eigentlich.

Du gibst nichts auf die spöttischen Kommentare deiner Umwelt, wenn Henry erneut für einige Tage oder Wochen spurlos verschwunden scheint. Du weißt, dass er dich liebt, wahrhaftig liebt, wenn du ihm nur für einen Moment in die Augen siehst, und dass er dich niemals betrügen würde oder dergleichen. Du vertraust ihm.
Eigentlich.

Du weißt, dass sein Experiment ihm das Wichtigste ist in seinem Leben, noch vor allem anderen, noch vor dir. Du weißt, dass die Ergebnisse seine und deine und aller Zukunft beeinflussen können und werden. Du setzt deine Hoffnung in ihn.
Eigentlich.

Es stört dich nicht, wenn er dich nicht einweiht in all seine Geheimnisse, wenn er dich aus manchen Teilen seines Lebens heraushält. Du weißt, dass er dir alles erzählen wird, wenn er selbst so weit ist, und du bist bereit, zu warten.
Eigentlich.

Doch die Wochen werden länger und der Winter kälter. Im Januar hast du Henry länger als drei Wochen nicht zu Gesicht bekommen, und als er endlich in der Tür steht und du ihm wortlos lächelnd Tee einschenkst, weicht sein Blick deinem den gesamten Nachmittag aus. Du runzelst die Stirn, aber du sagst kein Wort, und ihr führt ein freundliches, ungezwungenes Gespräch, in dem seine lange Abwesenheit mit keiner Silbe erwähnt wird. Als er sich am Ende widerwillig verabschiedet, wirkt er dennoch seltsam unruhig. „Ein Freund kommt zum Abendessen“, erklärt er heiser, küsst sanft deine Hand und geht.

Es lässt dich stutzen, denn normalerweise wirkt Henry niemals so zerstreut, geistig abwesend gar. „Das Experiment stresst ihn sehr“, meinst du deinem Vater gegenüber und du hoffst so sehr, dass das tatsächlich der Grund ist, bis du selbst daran glaubst.
Eigentlich.

In der nächsten Zeit siehst du ihn kaum. Wenn du auf deinen Nachmittagsspaziergängen manchmal an Henrys Haus vorbeikommst und Licht siehst, läutest du, aber stets öffnet dir der gutmütige Poole und vertröstet dich auf einen anderen Tag. „Doktor Jekyll ist gerade außer Haus.“ „Sie haben ihn gerade verpasst, Miss Carew.“ „Leider bin ich selbst nicht gut unterrichtet. Diese Woche, hat er gesagt, kommt er wieder.“
Du bedankst dich seufzend. Auf deinem Heimweg denkst du wehmütig an die Zeit, in der Henry niemals fortgegangen wäre, ohne jemandem mitzuteilen, wohin oder wie lange.

Nachts wälzt du dich im Bett hin und her, und obwohl du die Tür in deinem Kopf so gerne verschließen willst, kriecht mit der Zeit ein leiser, flüsternder Zweifel in deine Gedanken und nistet sich fest, und obwohl du es willst, kannst du ihn nicht mehr verdrängen.

„So ein Unsinn“, lacht er leise. „Wenn er dich wirklich lieben würde  … würde er dann nicht erzählen, was in ihm vorgeht? … Er verheimlicht dir doch etwas … etwas Wichtiges. Vielleicht … betrügt er dich … hat eine Affäre mit einer anderen Frau … und sie lachen über dich, das naive, kleine Mädchen, das dumm genug war, sich in jemanden wie ihn zu verlieben …“
Du findest keinen Schlaf.

Wenn du aufstehst, wird es besser, du kannst dich ablenken, fragst dich nicht pausenlos warum, weshalb, wieso. Doch Anfang Februar beginnt der Zweifel, dich auch in deinen wachen Stunden zu verfolgen, denn Henry weicht dir immer noch aus und du fühlst dich langsam zu schwach, gegen die Vorwürfe ihm gegenüber zu protestieren. Du spürst, wie du gegen deinen Willen langsam an der Situation brichst, und du verachtest dich selbst dafür.
Eigentlich.

Am Valentinstag tust du keinen Schritt aus dem Haus. In London ist es Brauch, dass sich die Valentinspaare für diesen einen Tag durch die erste Begegnung am Morgen bilden, und du hast keine Lust auf Simon Stride oder einen anderen deiner ehemaligen Verehrer; du wartest auf Henry.
Der Tag zieht vorüber und die einzigen Blumen, die du an diesem Tag erhältst, sind ein Geschenk deines Vaters, der deine Trübsal nicht länger ansehen kann. Deine Hoffnung schwindet noch ein wenig mehr.

In den Wochen danach kommt Henry ab und zu vorbei, sieht nach dem Rechten, aber das weißt du nur, weil dein Vater dir davon erzählt, denn er scheint bewusst die Zeitpunkte für seine Besuche zu wählen, wenn du außer Haus bist. Wenn du ihn an der Haustür noch triffst, zieht er den Hut vor dir und lächelt dich an, doch seine Augen sehen dich nicht. Er wirkt weniger hektisch jetzt, aber besorgter denn je. Langsam verzweifelst du an ihm.
Eigentlich.

Du legst dir Worte zurecht, die du ihm am liebsten an den Kopf werfen willst, wütende Worte, flehende Worte, verständnislose Worte, von denen du weißt, dass du sie doch nie aussprechen wirst. In dir wächst das Verlangen, ihn mit Nachrichten und geschickten Boten zu bombardieren, doch das findest du irgendwie würdelos.

Der Winter zieht ganz vorüber und der März wird warm, ungewöhnlich warm. Es passt nicht zu deiner Stimmung und du musst beinahe seufzen, wenn der Himmel morgens strahlend blau ist. Du kämpfst dich durch Verabredungen zum Tee und lockere Plaudereien, und wenn das Gespräch auf Henry kommt, verteidigst du ihn aus bloßer Gewohnheit, auch wenn dein Kopf dich weiter fragt, wieso.

Es ist, als wäre ein Teil von dir verloren gegangen.

Und genau vier Wochen nach dem Valentinstag klopft es an deiner Tür. „Lisa? Henry ist hier!“

Du musst schlucken, um die in dir aufkeimenden Gefühle hinunterzuwürgen, und auf einmal fühlst du gar nichts mehr. Du hörst ihn eintreten, du kennst die Art seiner Schritte genau und du willst dich gleichzeitig freuen und wütend sein und traurig, doch nun, in diesem Moment, bist du einfach nur schwach.

„Es tut mir leid.“
Stille.

„Leid?“, sagst du bitter und drehst dich noch nicht um; in deinem Inneren verwirbeln die vergangenen Wochen, die Sorgen, die Tränen, die Zweifel, der Zorn. Du beschwörst sie alle herauf, damit er sie sehen kann, die vielen unbeantworteten Fragen in deinen Augen. „Kennst du wirklich die Bedeutung dieses Wortes?“

„Noch nicht lange.“ Er sagt es leise, sehr leise, und du musst dich zu ihm umdrehen, willst wissen, weshalb er gelitten haben will, wo es doch seine freie Entscheidung war, zu verschwinden, im Gegensatz zu ihr, willst endlich ehrliche Antworten, willst ihm zeigen, wie wenig du ihn verstehst und wie wenig dich seine Entschuldigung deshalb rührt.
Eigentlich.

Seine Augen nehmen dich gefangen.
Und auf einmal weißt du alles wieder, kannst dich erinnern an das Gefühl, das vor der Leere da war, dein Vertrauen kehrt zurück, als würde er es ausatmen, und du hast keine Ahnung, warum du es ihm so furchtbar einfach machst. Du bist fassungslos, wie leicht die Zweifel verwischen.
Eigentlich.

Du bist komplett.
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