Die Itsumi kommen

GeschichteMystery, Sci-Fi / P12
12.03.2014
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Es war heiß. Kaum zu ertragen. Das lag vor allem an der hohen Luftfeuchtigkeit, die an solch schwülen Sommertagen in Harzstadt herrschte. Dreiundvierzig Millionen Menschen, zusammengepfercht auf achtzig Kilometer Radius produzierten eine Feuchtigkeit, die ihresgleichen suchte. Und hier in Nordtal, einem der älteren Stadtteile der Megacity, sorgte die Leine dafür, dass es noch schwüler wurde. Dies war die hohe Zeit der Badetoten, denn viele Idioten verwechselten den begradigten, kanalisierten und kontrollierten Flusslauf zu gerne mit einer freien Badeanstalt, wurden von den Unterströmungen des schnell hinziehenden Fluss mitgerissen und endeten entweder in einer Stromturbine, oder als Wasserleiche. Es ging eben nichts über darwinsche Überlebensauswahl. Die Idioten tilgten sich selbst aus dem Genpool und bewiesen damit, dass Körpergröße, Geld, Macht oder dicke Autos für den Überlebenskampf nicht ausreichten. Man musste auch genug Grips aufwenden, um nicht leichtfertig den Löffel abzugeben. Andererseits, wer konnte sich schon die fünfzig Euro Eintrittsgebühren für das "Gronauer Badeparadies" leisten, wenn man für den Preis schon fünf Mittagsmahlzeiten für eine sechsköpfige Familie bezahlen konnte?
Auf jeden Fall war es heiß und schwül, Schatten gab es nur wenig, und der war auch noch knapp, weil die Sonne hoch stand und kaum Schatten warf. Ein Wald wäre nun schön gewesen, ein herrlich kühler, schattiger Wald. Aber die Hügel und Berge von Leinebergland und Weserbergland waren schon vor langer Zeit gerodet worden, um auf den Hängen die für das Überleben der Menschen wichtigen Solaranlagen zu platzieren. Als Ausgleich hatte man in den Tälern großangelegte Parks und Auen errichtet, und sie prompt für Normalbürger gesperrt, damit sie nicht auf die Idee kamen, die grünen Lungen auf irgendeine Weise zu missbrauchen, oder gar Fallholz zu sammeln und im Winter zu verfeuern, was der CO2-Bilanz gewiss nicht gut getan hätte.
So aber mussten die Menschen in Harzstadt damit auskommen, was sie hatten. Und das waren in Zeiten, in denen niemand Energie für Klimaanlagen hatte - die Reichen in den gigantischen Wohntürmen ihrer Privilegierten-Siedlungen ausgenommen - eben Ventilatoren, öffentliche Springbrunnen und Handfächer. Gut, einen Vorteil hatte so ein schwülheißer Tag. Die Verbrechensrate sank auf ein absolutes Minimum. Selbst die Straßengangs, die organisierte Kriminalität und die marodierenden Mobs legten nur zu gerne eine Pause ein, solange jeder Schritt einen im eigenen Schweiß badete.
***
Makiko Seinfeld war Deutschjapanerin in der fünften Generation. Nachdem ein Großteil ihres Heimatlandes im Zuge der globalen Erwärmung dem Meer hatte weichen müssen, war ihre Familie anderen Verwandten nach Deutschland gefolgt. Anfangs hatten sie in Düsseldorf am Rheingraben gelebt, mit Blick auf das Eijsel-Meer, jene große Schwemm-Ebene, die dafür sorgte, dass Nordwesteuropa bei einer der üblichen Herbststurmfluten nicht im Meer versank. Später waren sie nach Hannover-Braunschweig gezogen, der zweitgrößten Mega-Metropole Mitteleuropas. Zwar lag sie nur vierzig Kilometer von der Nordseeküste entfernt, aber das einhundert Kilometer breite Schwemmland war nun wirklich alles, aber kein Ort, an dem man baden konnte. Ebbe und Flut, Schlick und unzählige Hinterlassenschaften diverser Kriege machten das Schwemmland zur tödlichen Falle für jeden unvorsichtigen Badenden. Gerüchten zufolge war das Baden im Schwemmland vor allem deswegen nicht verboten, weil die Zentralregierung in Bern somit jedes Jahr drei-, bis viertausend Mäuler weniger zu stopfen hatte. Andererseits hätte ein Verbot auch keine Erleichterung gebracht. Das Schwemmland war groß. Und auch wenn es einige Dummköpfe versuchten, man konnte nicht zu Fuß während der Ebbe zur Soltau-Insel oder gar bis zum Hamburger Rift wandern. Auch nicht mit diversen Pausen auf den vielen kleinen Inseln zwischen hier und Hamburg, die sich, allen Stürmen trotzend, noch immer im Schwemmland erhoben. Manche waren sogar bewohnt, von sturmgewohnten, grobschlächtigen, von der Natur gestählten Ureinwohnern, die nicht mal dann nervös wurden, wenn die Wellen bis in ihre Wohnzimmer schwappten. Aber sie luden eben nicht zum baden ein. Rund um Bremem sollte man gut baden können. Aber der Platz auf der Nordseeinsel war begrenzt und teuer. Da ließ es sich doch besser in Hannover-Braunschweig leben. Wirklich. Leider hatten sie es nicht geschafft, ihren Lebensstandard zu halten; die Familie war nach Harzstadt ausgewiesen worden, und seither musste ihr Vater jeden Tag sechzig Kilometer pendeln. Immerhin nur sechzig Kilometer, und das mit dem Magnetronom. Aber es war ein Abstieg. Schlimmer hätte es nur noch kommen können, wenn sie in den Allgäu hätten umziehen müssen. Dieser Landstrich, die Hochwüste, unbarmherzig von der Sonne verbrannt  und bar jeden natürlichen Lebens, war heutzutage eine einzige Mega-City, um die untersten der untersten Bürger Europas aufzufangen. Sie lebten dort streng rationiert, immer am Rande des Überlebens. Aber es stand ja jedem frei, sich selbst so wertvoll für die Gesellschaft zu machen, dass er oder sie sozial aufsteigen konnte. Nach Hannover-Braunschweig, Hamburg oder gar Reijkyavik.
Rejkyavik... Sie seufzte. Dort sollte es im Sommer sehr schön sein. An manchen Tagen ging die Sonne nie unter, und es war dort nie wärmer als dreißig Grad. Aber wie reich musste man sein, um dort leben zu dürfen? Wie reich alleine, nur um dort Urlaub machen zu dürfen?

"Darf ich mich setzen?", fragte ein höfliche Männerstimme.
Makiko sah auf. Die Stimme gehörte zu einem Mann um die vierzig. Weiße Schläfen, aber braunes Haupthaar, ein breites, freundliches, nicht besonders attraktives Gesicht, implantierte Sehhilfe und die unvermeidliche ISA-Spange auf der Nase. I see all hieß das, und manche Idioten luden wirklich jede dämliche Sekunde ihres Lebens auf ihren persönlichen Webspace. Nicht gerade ihr Typ, aber sie war von der Hitze viel zu ermattet, um ihre wenige Zeit im Park mit einem Streit zu verbringen. "Bitte. Dies ist ein freies Land."
Er sah sie an, lachte lauthals und nahm die ISA-Spange von der Nase. Das gefiel ihr. Sowohl, dass er über ihren Witz gelacht hatte, als auch dass er die ISA-Spange abgenommen hatte. Dann erst setzte er sich neben sie auf die Bank. Er lächelte freundlich in ihre Richtung. Zweifellos wollte er ein Gespräch anfangen. Ihr Blick ging erneut in seine Richtung. Er trug Headbaggies, kurze, dazu ein Muscle-Shirt mit IBAMA-Aufdruck, dem gerade angesagtesten Band-Act aus Berlein. Er ging barfuß, und die Beine waren fast weiß, während die Arme und das Gesicht gut gebräunt waren. Das deutete auf einen Draußen-Arbeiter hin. Denn während ihnen gestattet war, sich in der Sonne zu entkleiden - in der vagen Hoffnung, dass sie Hautkrebs bekamen und daran starben und die Kolonne deshalb einen Bonus erhielt - hörte diese Regel an der Hose auf. Alles die Hüfte abwärts musste bedeckt sein. Gut, ein Arbeiter also. Keiner von diesen abgehobenen Büro-Hengsten, die meinten, sie wären das Geschenk Gottes an die Natur und die Frauen an sich.
"Mir ist aufgefallen, dass du ein Comparler bist", sagte er ohne Vorwurf in der Stimme. Das war interessant. Denn normalerweise waren Comparler gerade von Menschen seiner Generation ständigen Vorwürfen ausgesetzt. Man würde von der Realität davon driften, würde die Familie nicht mehr wahrnehmen, nicht mehr richtig sprechen können, sich asozial verhalten, und so weiter und so fort, und das nur, weil man einen Großteil seiner Zeit mit seinen Freunden per Interface kommunizierte. Die ISA-Spange war doch nicht viel anders, nur musste man hier seine Nachrichten aufsprechen und konnte sie nicht mit seinen Gedanken zu formulieren. Die Technik war relativ neu und in vielen Kreisen der Gesellschaft verpönt, aber ihre Anhänger wuchsen stetig.
"Und?", fragte sie.
"Ich überlege auch, mir ein Interface legen zu lassen. Sie sagen ja, die alten Säcke haben nur ein Fifty Fifty-Chance, dass der Anschluss auch funktioniert, aber ich denke, das ist der nächste große Trend." Er beschattete seine Augen und blickte nach oben, in den wolkenlosen, dunkelblauen Himmel. "Er ist dunkler als in Afrika, finde ich."
"Afrika?"
Der Fremde nickte. "Die Tropopause ist doch rund neun Kilometer höher als hier. Es sind mehr Luftmoleküle zwischen dem Boden und der oberen Atmosphäre, sodass die kurzwelligen blauen Lichtstrahlen viel besser herausgebrochen werden. Ein ewiger blauer Himmel. Nicht so wie hier, beinahe das Schwarz des Weltraums."
"Und wie ist es sonst in Afrika?"
"Heiß. Meistens. An fast allen Orten. Aber gegenüber Europa ist es ein paradiesisches Gebiet. Die meisten Landflächen, die nicht von der Großen Flut verschlungen wurden, sind nur Wüsten, ja, aber die Regionen, in denen Menschen wohnen, sind klimatisch sehr bekömmlich und die Menschen sind freundlich, geradezu zuvorkommend. Da sie nur noch so wenige sind, ist für sie jeder Mensch, der ihre Länder wieder verlässt, wie ein Trauerfall in der Familie. Es muss schrecklich sein, ständig davor Angst zu haben, auszusterben. Und dabei ist Afrika so reich." Er seufzte. "Vielleicht sollte ich wieder dorthin zurückgehen. Frauen haben es aber leichter, vor allem wenn sie einen Einheimischen heiraten. Auf fünf einheimische Männer kommen nur zwei Frauen, und damit sind sie fast so schlimm dran wie die Inder oder die Chinesen. Man hätte ja meinen können, zumindest die Inder würden irgendwann vernünftig werden, nachdem Ceylon im Meer versunken ist, Bangladesh dazu und halb Pakistan... Und das Aufschütten der Schutzwälle hat sie auch nicht davor bewahrt, drei Viertel ihres Kernlands zu verlieren." Er zuckte mit den Schultern. "Globale Erwärmung halt."
Makiko sah ihn ernst an. "Falls du versuchst, mich zu einer subversiven Aussage zu verleiten, kannst du warten, bis du schwarz bist", erklärte sie lächelnd.
Der Mann lachte leise. "Keine Sorge, das habe ich nicht vor. Es reicht vollkommen, wenn ich in deinem freien Land subversive Aussagen von mir gebe. Ich bin nicht darauf aus, Staatsfeinde zu fangen. Nach eurer Definition bin ich selbst einer."
Demonstrativ rückte sie ein Stück fort. "Dann sollte ich wohl besser nicht mit dir gesehen werden, alter Mann, eh?"
"Ah, der alte Mann, der trifft mich dann doch", erwiderte er grinsend. "Nein, keine Sorge. Du wärst nur in Gefahr, wenn die Sicherheit mich bereits auf dem Schirm hätte. Hat sie aber nicht. Sie weiß nicht mal, dass es mich gibt. Also, es gibt mich schon. Mit voller Identität, mit Ausweis, virtuellem Gelddepot und dem ganzen Drumherum, inklusive einem Zwanzig Sterne-Eintrag in meiner Polizeiliste."
Makiko pfiff anerkennend. In einem Land, in dem jeder Mensch mit fünf Sternen startete und sich jeden Stern erst hart verdienen musste - außer, man war richtig reich - war die Höchstwertung, zwanzig Sterne, wie acht Richtige im Lotto. Und beinahe genauso unmöglich. "Äh, denkst du nicht, dass du dich mit so einer guten Bewertung nicht erst recht verdächtig machst?", wandte sie ein.
Wieder lachte der Fremde. "Keine Sorge. Zwanzigsterner sind von jeder Überwachung automatisch ausgeschlossen, weißt du das nicht? Wer zwanzig Sterne hat, kann einen Mord begehen und der Mordkommission über die Schulter schauen, und sie muss so tun, als wärst du gar nicht da." Sein Lachen darauf war gehässig. "Ist eine Welt nicht wunderschön, die dafür gemacht ist, damit die Reichen reich bleiben?"
"Selbst wenn du zwanzig Sterne hast - wenn du noch lange so weiterredest, holt dich die Sicherheit trotzdem noch zu einem Gespräch. Weißt du nicht, dass sie selbst abgeschaltete ISA-Spangen überwacht? Alles, was du sagst, landet in ihren Speichern, und spätestens bei der nächsten Routineauswertung bist du dran."
"Du überschätzt dann doch die Möglichkeiten dieser Amateure", erwiderte der Mann lächelnd.
Er beugte sich vor und strich mit der Hand über den Plastitbelag des Gehwegs. "Das Leben hier ist schon verrückt, nicht? Da bricht das gesamte Ökosystem der Welt zusammen, Milliarden Menschen sterben, der Rest wird dort zusammengepfercht, wo man noch leben kann, und diese Orte werden kleiner und kleiner, aber die, die den ganzen Mist verursacht haben, bleiben reich und bestimmen weiterhin, wo es lang geht. Und es geht weiter in Richtung Untergang." Er lachte erneut. "Wusstest du, dass nächsten Monat in Asien die Grundversorgung zusammenbrechen wird? Dadurch, dass die Wasserversorgung in China auf achtzig Prozent gefallen ist, fehlt dem Land zwanzig Prozent der Reisernte, was für fünfhundert Millionen Chinesen den Hungertod bedeutet. Jetzt fangen sie langsam an und intensivieren den Anbau von Pflanzen, die kein Sumpfgebiet brauchen. Aber für die Überbrückung werden sie die Hängenden Gärten des Himalaya überfallen müssen. Was die Inder sich nicht gefallen lassen werden. Es wird einen Krieg geben, der jetzt schon vorbereitet wird. Und was kommt danach? Die Hängenden Gärten werden zerstört, und es stehen nun eine Milliarde Menschen vor dem Hungertod, Inder wie Chinesen. Was tun die also? Sie greifen Russland an, vor allem die Getreideanbaugebiete am Kaspischen Schwarzmeer-Isthmus. Vernichten noch mehr Land, noch mehr Nahrung. Und dann? Kommen sie alle nach Europa, weil hier die Landwirtschaft noch auf altem Niveau funktioniert. All das könnte verhindert werden, wenn die Chinesen ein paar der europäischen Überschüsse bekommen würden, zwanzig, dreißig Millionen Tonnen. Aber die werden sie nicht kriegen. Und weißt du auch, warum?"
"Weil die Reichen mehr verdienen, wenn sie den Preis in die Höhe treiben?"
"Du hast es erfasst. Was sie dabei aber vergessen, das ist, was passiert, wenn eine Milliarde Menschen als Hungertouristen in Europa einfallen. Dagegen waren alle Invasionen, von den Goten, über die Hunnen, die Turkmanischen Völker bis hin zu den Wikingern nur ein schlechter Witz. Und der Krieg wird so total sein, dass der Dreißigjährige Krieg wie ein schlechter Witz aussehen wird, und die Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs wie eine Trockenübung. Dann gibt es kein Europa mehr. Dann gibt es gar nichts mehr."
"Aber Amerika wird..."
"Amerika existiert nicht mehr."
"Was? Aber..."
"Ich war da, Mädchen. Ich habe es gesehen. Das ganze Land vom Südpol bis zum Nordpol ist verödet, tot und unfruchtbar. Es wird Jahrhunderte dauern, bis dort wieder etwas wächst. Und es wird auch Jahrhunderte dauern, bis sich die wenigen Überlebenden aus ihren Bunkern wagen, geschweige denn die Zeit in den Bunkern überleben. Man hätte ja eigentlich glauben sollen, die Trennung von Nordamerika und Südamerika durch die Überschwemmung des Isthmus Panama wäre ein Segen für die Menschen und eine Katastrophe für die Kriegshetzer. Leider haben letztere sich dann im Heimatland um so sicherer gefühlt, auf beiden Seiten. Und keiner hat gemerkt, dass die Wunderwaffen, die ihnen angepriesen wurden und die "den Feind mit Stumpf und Stiel ausrotten" sollten, von den Chinesen kamen und an beide Parteien geliefert wurden, damit die zwei Fliegen mit einer Klatsche schlagen konnten. Dazu mussten sie nur die Arsenale manipulieren und selbst zünden. Schwups, war Amerika weg."
"Aber in den Nachrichten... Die Berichte aus Nordamerika und aus der Amazonas-Wüste und so..."
"Konserven. Von den Überlebenden. Um Asiaten und Europäer fernzuhalten. Und genau deshalb wird Amerika Europa nicht helfen. Nicht helfen können. Und das Ende vom Lied ist, dass für ein wenig höhere Zahlen auf den virtuellen Konten der Reichen die ganze Welt vor die Hunde geht. Und wenn die letzten Ökosysteme der Welt, Asien und Europa, hops gehen, dann wird über kurz oder lang auch Afrika vernichtet werden. Und all das nur, weil die Reichen reicher werden konnten und Fragen der Vernunft zu Glaubensfragen verändert haben. So als würde man sich an einer heißen Herdplatte nicht verbrennen, weil es ihr per Gesetz verboten wurde."
"Heiße Herdplatte?"
Der Mann lachte erneut. "Ach, das kennt Ihr ja heutzutage nicht mehr. Das habe ich bei meinem letzten Besuch in dieser Gegend aufgeschnappt." Er richtete sich wieder auf und strich mit dem Zeigefinger über ihre Nase. Ein staubiger Strich entstand. "In zwei Monaten beginnt das Ende. In einem Jahr ist auch dieses Gebiet hier eine einzige Wüste und Ihr werdet alle sterben. Schön, nicht?"
"Unter schön stelle ich mir was anderes vor", erwiderte Makiko. Ihr fröstelte, obwohl es so heiß war, denn sie glaubte dem Fremden jedes Wort.
"Weißt du, was ich mich frage?"
"Was?"
"Ob diese Welt nicht vorher vernichtet gehört. Ein für allemal. Das ganze System, auf dem eure Gesellschaft basiert, vernichtet, ausradiert. Einfach alles weg machen, bevor Ihr das selbst schafft." Er lächelte, was Makiko bei diesen Worten als sehr merkwürdig empfand. "Meinst du, das wäre gut, Makiko-san?"
"Du kennst meinen Namen, alter Mann?"
Er schnaubte leise. "Ich weiß alles über dich, was auch die Computer wissen. Ich weiß auch, dass die Sicherheit dich für morgen zu einem "vorbeugenden Gespräch" einladen wird, weil du im Verdacht stehst, subversiv zu sein. Bist so in dich gekehrt, redest kaum mit jemandem, erledigst nur das Nötigste auf deiner Arbeit und lässt dich nicht von deinem Boss vögeln. Sie vermuten, dass du ein "Flüchtling nach innen" bist, und du weißt ja, dass die Sicherheit versucht, die Traumwelten der "Flüchtlinge nach innen" auszuradieren, bevor sie dort tatsächlich eine Zuflucht finden." Er schnippte den restlichen Staub von Zeigefinger. "In einem Film, den ich damals im Kino sehr gehasst habe, weil er so ehrlich war, hätte man dich einen Gedankenverbrecher genannt. Auch in dem Film wollte der Staat kontrollieren, was er eigentlich gar nicht kontrollieren konnte. Und, Makiko-san, bist du ein Gedankenverbrecher?"
Sie starrte ihn an wie eine Erscheinung. "Ja", sagte sie mit tonloser Stimme. Wer war dieser Mann? War er doch von der Sicherheit? Hatte er ihr eine Falle gestellt? Dann war sie jetzt verloren, kam in die Lehrgänge oder gleich in die Besserung, oder, wenn es ganz schlimm wurde, in die Umerziehung. Falls man sie nicht gleich in die Fabrik schaffte, ihrem Leben ein Ende setzte und aus ihrem Körper Dünger für die Gewächshäuser machte.

"Und? Kommt jetzt die Sicherheit?"
Der Mann runzelte die Stirn. "Oh, sie kommt tatsächlich. Aber das hat nichts mit deinen Worten zu tun, vielmehr mit..." Er kniff die Augen zusammen. "Oho. Einer deiner Schulfreunde, Asano Müller, ein Mann, den du zwanzig Jahre nicht gesehen hast, hat tatsächlich einen Präfekten erschossen. Und nun kassieren sie all jene ein, die jemals mit ihm zu tun hatten, erschießen ein paar, machen anderen einen Schauprozess und stecken den Rest in die Besserung. Du bist dazu vorgesehen, erschossen zu werden. Deine Eltern sollen dabei zusehen, als Warnung. Und sie sollen Angst um deine beiden Geschwister kriegen. Welche Eltern hätten das nicht, nachdem die Jüngste einfach so hingerichtet wurde?" Er seufzte. Dann stutzte er und wischte mit der sauberen Linken über ihre Wange. "Du weinst."
"Ja", erwiderte sie. "Weil es nicht fair ist. Ich habe nichts mit Asano zu tun! Schon lange nicht mehr! Ich habe ihn nur gekannt. Und nun holen sie mich? Warum?"
"Weil es eigentlich genügend Menschen gibt. Sie können auf dich verzichten. Und der Rest muss gewarnt werden. Vor dem eigenständigen Denken. Vor der Revolution. Vor der Macht der Reichen. So tickt Ihr Menschen nun mal. Und nein, das ist nicht fair." Er nickte nach vorne, wo ein aschgraues Schwebemobil hielt. "Da sind sie schon." Zwei Frauen stiegen aus. Geschäftsanzüge, die eine trug ihr langes blondes Haar zum Pferdeschwanz gebunden, die andere hatte ihre roten Haare kurz frisiert. Beide trugen ISA-Spangen in Form von schwarzen Sonnenbrillen. Ein deutlicheres Zeichen, dass sie hinter einer Frau her waren, konnten sie nicht geben, denn die Europa-Gesetze verlangten, dass Verhaftungen und Verhöre bei Frauen nur durch Frauen durchgeführt werden durften. Allerdings durften sie so ziemlich alles mit ihren Opfern anstellen, deshalb war das Gesetz in seiner ganzen vermeintlichen Gleichstellung sehr dämlich und obsolet. Beinahe sofort sah Blondie zu ihr herüber. Ein Grinsen huschte über ihr Gesicht. Sie sagte etwas zur Rot-Igel, die dazu gackernd lachte. Beide schlossen den Schwebewagen und kamen zu ihnen herüber.
"Na ja, mach dir nichts draus. Die Welt geht eh unter", sagte der Ältere nonchalant. "Du musst halt nur früher als die anderen gehen, Makiko-san. Es gibt nur noch eine Frage, die du zuvor beantworten solltest."
Sie beobachtete die näherkommenden Frauen wie ein Kaninchen die sprichwörtliche Schlange. Ja, wäre sie ein stattlicher Rammler mit zehn Jahren Lebenserfahrung, wären die Schlangen die Opfer. Aber sie war nur ein schwächliches Kind aus einem viel zu großen Wurf, nur ein kleines Kaninchen. "Und welche Frage ist das?"
"Willst du gleich gehen, oder willst du noch warten?"
"Gehen? Wohin?"
Der Mann lachte. "Rüber auf die andere Seite, natürlich!"
Es musste wohl Fatalismus sein, gepaart mit der Erkenntnis, dass sie eh nicht aus der Sache rauskam. Und dass der Fremde vermutlich keine Schuld dabei trug. Eventuell. Wenn sie mit einem Knall abtreten konnte, wenn sie es der Sicherheit so richtig verderben konnte, ohne dass ihre Familie darunter leiden musste... "Was muss ich tun?"
Er griff in seine Headbaggies und zog einen goldenen Ring hervor. "Setz den auf."
"Und was macht der Ring?"
"Er desintegriert dich."
Die beiden Frauen der Sicherheit wurden ein wenig nervös, als sie den Mann in den Taschen seiner Hose hantieren sahen. Eine griff unters Jackett zum unvermeidlichen Schulterholster, die andere wandte sich halb ab und sprach einen offiziellen Text. Offensichtlich forderte sie Verstärkung an.
"Makiko Seinfeld, rühren Sie sich nicht vom Fleck! Wir sind...", rief die Blonde.
"Ja, ja, ja. Von der Sicherheit und so und superwichtig. Und jetzt halt die Backen", sagte der Fremde, während er eine abwertende Handbewegung in ihre Richtung machte.
Das brachte die Frau für mehrere Sekunden zum Verstummen, in denen sie nach Luft schnappte wie ein Karpfen auf dem Trockenen. "Ich... Ob ich..." Sie zog ihre Waffe, einen handlichen, aber effektiv-tödlichen Teaser. "Makiko Seinfeld und Unbekannter Begleiter, Sie... Wie, Unbekannter Begleiter? Ihr habt sein Bild!", raunzte sie in ihre ISA-Spange. "Jetzt gebt mir seine verdammte ID!"
"Zwanzig Sterne, du erinnerst dich?", schmunzelte der Fremde.
Makiko sah den Ring an. Er schien tatsächlich aus Gold zu sein. "Was passiert, wenn ich ihn aufsetze?"
"Du stirbst."
"Wird das die Sicherheit ärgern?"
"Sicher."
Ein trotziges Lächeln ging über ihr Gesicht. Sie schloss die Hand fest um den Ring. "Dann habe ich nur noch eine Frage."
"Und die wäre, Makiko-san?"
"Wie ist dein Name?"
"Du kannst ihn nicht aussprechen", schmunzelte er, hielt ihren Protest aber mit der Rechten ab. "Bis du es kannst, nenne mich einfach Licca. Also, wenn du jetzt die Güte hättest, zu sterben..."
"Natürlich... Licca." Sie öffnete die Hand wieder und nahm den Ring zwischen Daumen und Zeigefinger der Rechten. Auch Licca zog einen Ring und steckte ihn auf den Ringfinger der Linken.
"Was? Du? Aber..."
"Meine Arbeit ist getan, ich weiß nun, was zu tun ist. Warum sollte ich bleiben?" Er lachte.
"Makiko Seinfeld, bewegen Sie sich...!"
"Der Unbekannte Begleiter ist wohl verschwunden", spottete Makiko in Richtung der beiden Frauen. Dann steckte sie den Ring auf. "Bereit, Licca."
"Nein, das bist du nicht. Aber es wird so gehen müssen." Er lachte erneut. "Wir sehen uns auf der anderen Seite, Makiko-san!"
"Makiko Seinfeld! Wir..." Weiter kam sie nicht, denn sowohl der Mann mit der höchstversiegelten Identität als auch ihr Einsatzziel wurden von einem grünen Leuchten erfüllt. Aus dem Leuchten wurde ein Strahlen, und bevor sie sich versah, zerfielen beide zu Staub. Übrig blieben nur zwei Goldringe. "Nein! Nein! Nein!" Das konnte sie ihre gute Bewertung kosten, und mehr als das. "Chandler, wir müssen..." Doch da lösten sich auch die Goldringe auf. "NEIN!" Sie hatte versagt. Ihre Partnerin hatte versagt. Das bedeutete Regress.
Aber eventuell hätte es die beiden Agentinnen der Sicherheit getröstet zu wissen, dass die Welt eh nur noch wenige Sekunden existierte.
***
Rund um die Erde waren sechs Satelliten verteilt worden. Keine Satelliten von Menschenhand gemacht. Dafür waren sie einfach zu groß. Und zu sehr unauffindbar. Die Technologie der Menschheit hatte nicht einmal annähernd das Niveau dieser Technik erreicht. Jeder der Satelliten deckte ein Sechstel der Erde ab. Der ganzen Erde wohlgemerkt. Und in genau diesem Augenblick legte jeder der sechs Satelliten "sein" Sechstel unter einen grünen Schleier, der die siebenhundert Kilometer vom äußersten Rand der Atmosphäre bis zum Erdboden hinunterreichte, die Meere durchdrang bis zur tiefsten Tiefsee und dort nicht stoppte, sondern weiterging, bis das Magma begann, das flüssige Gestein im Innern der Erde. Als die Felder erloschen, verschwand alles, was sie durchdrungen hatten. Zurück blieb eine glutflüssige Magma-Kugel, der eine dreißig Kilometer dicke Kruste fehlte. Zum sechsten-, oder siebtenmal im Übrigen.
Einen Vorteil hatte die Geschichte auf jeden Fall: China und Indien würden definitiv keinen Kampf um Lebensmittel führen. Niemand würde jemals wieder einen Kampf führen. Jedenfalls nicht mit Waffen.
***
Als Makiko rematerialisierte, standen da noch immer die beiden Frauen. Sie starrten ungläubig auf die beiden Aschehäufchen, die mal eine Deutschjapanerin und ein unbekannter Kaukasier gewesen waren. Es blieb ihnen auch nichts anderes übrig, denn für sie stand die Zeit still.
Das fand Makiko relativ schnell heraus. Sie wedelte mit den Händen vor den Augen von Blondie und Rotschopf, aber beide reagierten nicht. "Wenn man mal einen Edding braucht", murmelte sie.
Jemand lachte hinter ihr. "Licca!"
"Du kannst ihnen nichts tun. Genauso wie sie dir nichts tun können. Hier kann nur geschehen, wozu alle beteiligten Parteien ihr Einverständnis geben, Makiko-san."
"Und wo oder was ist dieses hier? Ich dachte, ich sollte sterben?"
"Das bist du ja auch. Und jeder Mensch und jedes Tier und jede Mikrobe auf der ganzen Welt auch."
"Was? Auf einen Schlag? Aber..."
"Du wirst schon bald merken, dass diese Welt viele Vorteile hat. Es gibt immer genug zu essen, niemand kann etwas gegen dich tun, was du nicht willst, und du kannst gehen, wohin du willst. Du bist auf nichts und niemanden angewiesen. Du kannst fremde Planeten besuchen, wenn du willst."
"Was?"
"Na, das war wohl etwas zu viel für den Anfang." Licca lächelte. "Lass uns kleiner weitermachen. Weißt du, das Leben ist eine grausame Sache, wie ich finde. Irgendwo sammelt sich Wasser, es entwickelt sich eine schwefelsatte Atmosphäre, Blitze bilden in der Ursuppe die ersten Amino-Säuren, und neues Leben entsteht. Ruckzuck entstehen ein Ökosystem, neue Arten, sogar Intelligenz und Zivilisationen. Und das alles in einem begrenzten Ökoreservat. Du wirst geboren, wirst dir deiner selbst bewusst und irgendwann stirbst du. Du vergehst. Einfach so. Nichts mit Paradies, gäanischem Energiefeld, das alle Seelen aufnimmt, nichts mit Energieerhaltung und Wiedergeburt. Du bist weg, genauso wie du kamst. Ein ziemlich gemeines System, wie ich finde. Und vor allem so sinnlos."
"Aber wenn das so ist, wo sind wir dann? Wo?"
"Auf der Erde. Auf der siebten Erde, nach der siebten Reinigung. Oder sollte ich "Rettung" sagen?" Licca lachte erneut. "Wollen wir dieses wundervolle Land verlassen und nach Nordamerika rüberdüsen? Es sieht dort toll aus, zwanzig Jahre vor der absoluten Vernichtung, mit breiten, grünen Prärien, den gewaltigen Flüssen und den größten funktionierenden Mega-Städten des Planeten. Warst du jemals in New Yorkton?"
"Nein."
"Du brauchst dich nur hinzuwünschen." Licca verschwand, und Makiko verspürte den Wunsch, ihm zu folgen. Als Ergebnis bekam sie einen verdammt guten Blick auf die Insel von Manhattan - obwohl die bereits vor fünfzig Jahren vernichtet worden war. Den herausragenden Ausblick verdankte sie der Tatsache, dass sie auf dem Kopf der Statue of Liberty stand, die schon genau so lange zerstört worden war. In der Ferne war Nacht, aber das Leben brodelte. Sie spürte es, mit jeder Faser ihrer Sinne.
"Wir", sagte Licca leise, "sind die Itsumi. Eine Rasse, die euch Menschen sehr ähnlich ist - und dann doch wieder nicht. Eines allerdings ist uns gemeinsam: Wir wollten nicht mehr sterben. Ihr habt deshalb die Religion erfunden und ein Paradies, ein Jenseits, eine Welt danach. Wir haben hingegen einfach nur das ausgeschaltet, was das Sterben ausgelöst hat, nämlich sterblich zu sein. Wir waren die Ersten, die sich selbst digitalisiert haben, die ihre komplette Welt mitgenommen haben nach "drüben". Wir haben tatsächlich ein Jenseits erschaffen. Aber wir halten immer noch engen Kontakt zum "hier", aus dem du stammst. Deshalb sind wir auf euch aufmerksam geworden. Wir, und andere. Denn die Itsumi sind längst nicht die einzigen, die diesen Weg gegangen sind."
"Und nun habt Ihr uns auch digitalisiert? Warum?"
Licca senkte den Blick. "Es erschien uns... Richtig. Ihr neigt dazu einander wehzutun. Das ist hier nicht möglich. Ihr neigt dazu, euch über die anderen zu erheben. Hier steht jedem der ganze Reichtum der Erde zur Verfügung, zusammen mit dem geballten Wissen der Menschheit. Hier ist keiner größer, höher oder mächtiger als andere. Und selbst wenn jemand groß und mächtig werden würde, er kann niemandem tun, was dieser nicht will. In keiner Beziehung. Nur in dieser Welt bedeutet Interaktion gemeinsamer Wille. Es gibt keinen Zwang. Diese Existenzform erschien uns für euch sehr... Nun, heilsam. Davon abgesehen hättet Ihr euch demnächst ausgelöscht, also war es eine Frage von alles oder nichts."
Er deutete um sich. "Wir haben alles digitalisiert. Von der kleinsten Mikrobe in den obersten Luftschichten über die Meeresbewohner - alle Meeresbewohner - bis hin zu den Bakterien, die nahe des flüssigen Kerns der Erde lebten. Einfach alles. Wer dies will und wünscht, kann sein Leben oder eine ganze Ewigkeit auf dieser Erde verbringen, die komplett aus dem digitalen Abbild erstellt wurde. Andere, die etwas mutiger sind, können sie verändern, andere an den Veränderungen teilhaben lassen, aber eben nur jene, die es wünschen. Denn auch hier gilt wieder: Es existiert kein Zwang. Und für all jene, die dieses Leben für eine unlebenswerte Illusion halten, gibt es immer noch den Weg, als Projektion ins körperliche Leben zurückzukehren."
"So wie du, als du mit mir geredet hast, Licca."
"Genau. Für alle anderen, die Mutigeren wie dich, Makiko-san, steht hingegen ein ganzes Universum offen. Tausende digitalisierte Welten stehen dir offen, wollen von dir erforscht werden, und..." Ein Lächeln huschte über sein Gesicht. "Deine Eltern und deine Geschwister suchen dich, aber sie wissen nicht, wie sie dich rufen sollen. Sie sind in Tokyo. Also im Tokyo von vor fünfzig Jahren, bevor es im Meer versank, im Haus, das einst deinen Großeltern gehörte. Mütterlicherseits." Der Itsumi grinste. "Auch damals haben wir schon gerne digitalisiert, was ansonsten verloren gewesen wäre."
"Dann habt Ihr auch beide Amerikas..."
"Und den Isthmus. Digitalisiert. Ja. Auch die Menschen in den Bunkern. Die fingierten Fernsehsendungen stammen von uns. Und wir waren es auch, die verhindert haben, dass eine andere Nation beide Amerikas besuchen konnte. Möchtest du vielleicht in der Nordsee baden, wie sie jetzt ist? Vor der Flut? Holland besuchen, bevor es versank? Afrikas Savannen sehen? Den indischen Subkontinent? Die Südasiatische Inselwelt, bevor sie versank? Hier ist alles möglich, und hier wird sich nichts für dich verändern, wenn du es nicht willst."
"Ich will...", begann sie leise, schwindlig von seinen Worten, "...meine Eltern sehen."
"Das kannst du. Du musst es dir nur wünschen. So wie du dir gewünscht hast, mir zu folgen."
"Begleitest du mich? Noch eine Zeitlang?" Sie streckte die Hand nach ihm aus. Licca ergriff die Hand und drückte sie. Dann hakten sich ihre Finger ineinander. "Ich begleite dich, solange du es willst und solange ich es will, Makiko-san. Die Ewigkeit ist lang, und sie steht uns allen offen."
Sie nickte zustimmend. Das hatte sie auch schon gedacht.
Einen Moment rang die Deutschjapanerin noch mit sich. "Willst du baden? In der Nordsee? Im Meer vor der Katastrophe?"
"Wir haben dazu jederzeit die Möglichkeit."
"Dann lass uns das machen, nachdem wir meine Familie besucht haben."
Licca schmunzelte. "Einverstanden."
"Und... Im Namen aller Menschen an die Itsumi: Danke."
Licca nickte majestätisch. "Gerne geschehen, Makiko von den Menschen."
"Und bevor wir springen, noch eines: Kann ich jetzt deinen Namen aussprechen?"
"Aber ja." Licca lachte und nannte ihr seinen vollen Namen. Es gelang ihr auf Anhieb, sich die Betonung und die Zeichenfolge zu merken. Nur die Aussprache haperte noch.
"Du kannst üben. Wir haben ewig Zeit dafür. Und jetzt komm. Die Welt wartet."
"Ja", hauchte die junge Frau, wünschte sich zu ihrer Familie und verschwand vom Kopf der Freiheitsstatue. Dies war nicht das Ende. Es war erst der Anfang.
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