Mit Schirm, Charme und Melone Episode 2

GeschichteKrimi / P12
09.03.2014
09.03.2014
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The reunited Avengers, Episode 2:
Bunt, süß, tödlich /Deadly Sweets

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"Belham Ground - British Military - Keep out"
Ein weißes Schild mit schwarzer Schrift hinter einem Maschendratzaun warnt Neugierige vor dem Betreten eines Flugplatzes am Rande von London. In der Ferne erkennt man ein rechteckiges Gebäude mit einem sich drehenden Radar auf dem Dach und einer großen Antenne. Zwei Flugzeuge stehen unbemannt auf dem Rollfeld. Seitlich ist der Hangar zu sehen, dessen gigantische Schiebetüren geöffnet sind. Männer in blauen Overalls laufen herum, und dann rollt eine weitere Maschine aus der Flugzeughalle in das graue Licht des typisch englischen Oktobermorgens. Es ist ein kleines Flugzeug, schwarz lackiert und es hat kein Cockpit, dafür aber mehrere Antennen. Es ähnelt einem ferngesteuerten Kriegsflugzeug für Kinder in Originalgröße.
In diesem Augenblick nähert sich ein blauer Personenkraftwagen dem Tor des Flugplatzes. Der Mann in der kleinen Pförtnerloge öffnet die Türflügel und lässt den Wagen passieren. Dieser fährt den asphaltierten Weg am Rande des Rollfelds entlang auf das rechteckige Gebäude zu, das in einem schmuddeligen Senfgelb vor langer Zeit gestrichen wurde. Der Wagen hält auf dem Parkplatz vor dem Haus und heraus steigt ein junger Uniformierter, in der Hand ein Kuchenpaket in rosafarbenem Papier. Er betritt das Gebäude.
Drinnen herrscht schon gedämpfte Betriebsamkeit. Außer dem Neuankömmling befinden sich noch drei weitere Männer in einer Art Kontrollraum im ersten Stock des Hauses mit Blick auf das Rollfeld. Ein älterer Mann in Uniform, dessen Streifen ihn als einen Major ausweisen, ein weiterer älterer Mann in kariertem Hemd und Cordhose und ein sehr junger Mann in Uniform mit einem pickeligen Gesicht. Die beiden älteren Männer sind an Monitoren beschäftigt, als der vierte eintritt.
"Ah, Smithers, bringen Sie uns das Frühstück", ruft der ältere Uniformierte begeistert.
"Wird auch langsam Zeit", knurrt der Cordhosenmann.
"Der Kaffee ist fertig, Sir", sagt der Picklige zu niemand Bestimmtem im Raum und hält eine Glaskanne hoch.
Der Mann namens Smithers stellt sein Päckchen ab und entfernt das Papier. Zum Vorschein kommt eine Auswahl an Krapfen mit knallbuntem Zuckerguss.
"Du mein Güte, was ist das", fragt der Mann in zivil mürrisch.
Der ältere Offizier lacht.
"Sie leben hinterm Mond, Carrington. Das sind Doughnuts von der neuen hippen Coffeeshopkette "Popps an More". So etwas isst man heutzutage."
"Na, ich weiß nicht", grummelt Carrington und tippt auf seine Tastatur ein, "ein ordentlicher Keks hätte es auch getan. Wo bleibt denn der verdammte Kaffee, Simon!"
Der Jüngste im Bund verteilt hektisch nicht zusammenpassende Tassen und Teller, und Smithers geht mit der Kuchenpappe von Mann zu Mann. Als erstes hält er dem älteren Offizier das Tablett entgegen. Der greift sofort nach einem Kuchen in schrillem Pink und bemerkt dazu:
"Bleiben Sie ruhig bei Ihren trockenen Keksen, Carrington, aber ich liebe Strawberry-Scoop-Doughnuts." Er beißt sofort hinein.
Auch alle anderen nehmen sich etwas, wenn sich auch der junge Simon sehr zurückhält, und Carrington erstmal seinen Kaffeedurst löscht. Dabei schaut er auf das Rollfeld, wo gerade das schwarze Flugzeug ohne Cockpit in Stellung gebracht wird.
"Da ist ja unser Baby. Na, erfüllt Sie der Anblick nicht mit Stolz, Major March? Großbritanniens erstes Dronenprojekt und wir testen es."
Major March kaut noch an seinem Doughnut und antwortet nicht. Auch er schaut auf das Rollfeld hinaus. Sein Blick ist unergründlich.
Der Mann namens Carrington sieht sich zu ihm um.
"Gleich geht es los. Sind Sie soweit?"
Der Major nickt nur. Carrington runzelt die Stirn, öffnet den Mund um etwas zu sagen, doch in diesem Moment klingelt das Telefon des Majors. Dieser hebt ab.
"Ja?"
Er hört nur zu und nickt stumm. Simon gießt Kaffee nach und Smithers nimmt nun seinen Platz ein.
"Ist gut, wird erledigt."
Der Major beendet sein Gespräch. Dann wendet er sich seinem Terminal zu und drückt ein paar Knöpfe. Draußen auf dem Rollfeld erwacht das Düsentriebwerk des schwarzen Flugzeugs zu brüllenden Leben. Die Männer in den blauen Overalls machen, dass sie fortkommen.
"Motor funktioniert einwandfrei", kommentiert Carrington das Geschehen und blickt dabei gebannt auf seinen Bildschirm.
Der Major bedient nun einen kleinen Steuerknüppel an seinem Pult und das Flugzeug draußen auf dem Feld gehorcht seinen Bewegungen. Es rollt hinüber zur Startbahn.
"Lenkung auch einwandfrei."
Major March drückt einen weiteren Knopf und schiebt den Steuerknüppel nach vorn. Das schwarze Flugzeug rast jetzt die Startbahn entlang, dann hebt es ohne einen einzigen Wackler der Tragflächen ab.
"Perfekter Start", freut sich Carrington an seinem Monitor.
Smithers und Simon beobachten das Schauspiel von Smithers Platz aus. Das Flugzeug beschreibt eine elegante Linkskurve in der Luft, streift fast die Baumkronen, steigt ein Stückchen höher und legt nun eine noch elegantere Rechtskurve hin. Dann kommt es im Sinkflug auf das Flughafengebäude und somit direkt auf die Fensterfront zugeflogen, hinter der sich die vier Männer befinden.
"Hey, March", ruft Carrington lachend, "wollen Sie uns Angst einjagen?"
Er dreht sich zu dem Offizier um. Dessen Blick ist starr. Er erbleicht.
"Major March!"
"Sir", rufen in dem Moment die beiden jüngeren Männer. Reflexartig werfen sich beide zu Boden, als die Drone in das Gebäude kracht und sofort explodiert...

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Steed sitzt in einem weinroten seidenen Hausmantel am Frühstückstisch und liest die Times. Auf dem Tisch vor ihm steht eine silberne Teekanne auf einem Stövchen, und der Tisch ist für zwei Personen gedeckt. Auf einem großen Glasteller befindet sich etwas unter einer Serviette verborgen.
"Guten Morgen, Steed."
Mrs. Peel betritt den Raum in einer atemberaubenden Kombination aus seidenen Hosen und einem weitschwingenden Morgenmantel mit Schleife unter der Brust, beides in leuchtendem Türkis. Sie bringt außerdem einen dezenten Blumenduft mit ins Zimmer, und ihr kastanienbraunes Haar fällt ihr locker über die Schultern.
Steed lässt die Zeitung sinken und strahlt.
"Einen wunderschönen guten Morgen, Mrs. Peel, ich hoffe, Sie haben wohl geruht. Sie sind schon am frühen Morgen eine Augenweide in diesem trüben Londoner Wetter. - Da hat ein Bote vorhin geklingelt, wer war das?"
Mrs. Peel setzt sich und zieht gleichzeitig die Serviette von dem Glasteller fort. Zum Vorschein kommen fünf bunte Doughnuts. Steed sieht entsetzt auf das Gebäck.
"Was um Himmels Willen ist das? Ist das für uns oder sollen die Katzen damit spielen?"
Mrs. Peel lacht auf.
"Das ist der neuste Trend auf dem Gebiet des Fastfood: bunte Doughnuts von "Popps and More". In zwölf leckeren Sorten."
Sie zeigt auf ein Exemplar mit blauem Zuckerguss und weißem Spiralmuster. Steed schaut weniger auf den Kuchen als auf ihre schlanken Finger, die ihr Alter nicht verraten.
"Das ist ein Merry-Berry, das", ein gelbes Exemplar mit braunem Smiley-Gesicht, "ist ein Scroobidoo, und das..."
"Mrs. Peel haben Sie getrunken", Steed schaut seine Mitbewohnerin entgeistert an, "Merry-Berry, Scroobidoo und vielleicht noch Holly-Polly-Doodle oder was? Ich bin Brite und ich..."
"Hmmm, das wird wieder eine neue faszinierende Erfahrung für Sie", ahmt sie schmunzelnd seinen früheren Tonfall nach. Dann bricht sie in Lachen aus und holt ein Glas hinter der Blumenvase hervor. Es ist Orangenmarmelade von Fortnum and Mason.
"Rule Britannia!"
"Ahhhh", strahlt Steed und nimmt ihr die Marmelade aus der Hand, "Ich wusste es doch, dass Sie unmöglich so grausam sein können... Merry-Berry und Humpty-Dumpty..."
Er bestreicht sich einen Toast mit Orangenkonfitüre und beißt herzhaft hinein. Mrs. Peel greift tatsächlich nach einem Doughnut mit grüner Kuvertüre.
"Soo schlecht schmecken die nun wieder nicht. Es ist bloß ungewohnt."
Sie beißt ab. Das Telefon klingelt. Steed, der gerade ein Stück Toast mit Tee runterspülen will, hebt seufzend ab und meldet sich. Dann wird er sehr ernst.
"Ja, Sir, ich verstehe... entsetzlich, Sir... ja, sofort, natürlich Sir..."
Mrs. Peel zieht fragend die Augenbraue hoch. Steed legt auf und wendet sich ihr zu.
"Es hat einen schlimmen Zwischenfall in Belham Ground gegeben."
Sie überlegt einen Augenblick.
"Ist das nicht der Militärflugplatz, von dem es hieß, er sei geschlossen worden und dann wieder nicht?"
"Genau, der", nickt Steed und wischt sich mit der Serviette den Mund ab. "Dort wird zur Zeit das neue Dronenprojekt der Regierung getestet."
"Davon habe ich noch nichts gehört." Auch Mrs. Peel beendet ihr Frühstück.
"Kein Wunder", erwidert Steed, "es wurde streng geheim gehalten. Großbritannien möchte mit den USA mithalten können. Der Prototyp eines neuen Bombers wurde dort seit Wochen getestet. Die Sache war so gut wie abgeschlossen und heute ist der Bomber ohne ersichtlichen Grund in den Kontrollraum des Flughafengebäudes gerast und hat alles in Schutt und Asche gelegt. Sir Julian hat Brand sofort informiert und der..."
"Brand?" Mrs. Peel steht schon an der Tür zu ihrem Schlafzimmer.
"Herbert Brand, der neue Chef meiner Abteilung, der Nachfolger von Sir Giles."
"Ahhh..."
"Ja, der hat mich ins Militär Hospital beordert. Offenbar gibt es einen Überlebenden der Katastrophe."
"Soll ich mich rasch anziehen?"
"Ich bitte daraum", lächelt Steed.

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"Es war Selbstmord, Steed, glauben Sie mir..." Die Stimme des jungen Mannes klingt schwach aus den Verbänden hervor. Steed steht tief über dem Krankenbett gebeugt und bemüht sich, kein Wort zu überhören. Dennoch kann er kaum glauben was er da hört.
Sein Blick schweift über den komplett bandagierten und in Schlingen aufgehängten Körper des jungen Mannes. Es grenzt an ein Wunder, dass er überhaupt noch sprechen kann und niemand weiß, ob er die nächste Nacht überstehen wird. Steed wünscht ihm das Beste, Smithers ist ein guter Mann und auf gar keinen Fall ein Lügner. Dennoch behauptet er steif und fest, dass Major March den Bomber mit voller Absicht in das Flughafengebäude lenkte, dass er wusste, was er tat weil sein Blick die ganze Zeit starr auf das Flugzeug draußen gerichtet war und er nicht einmal blinzelte, als Carrington, Simon und er ihn anbrüllten.
Mrs. Peel steht ein wenig abseits und macht ein ernstes, nachdenkliches Gesicht. Auch sie hat Smithers Worte gehört, doch im Gegensatz zu Steed kannte sie den Major nicht. Ob sie sich vorstellen kann, dass ein Mann seines Ranges und seiner Integrität, der eben noch mit den Kamaraden schwatzt, Kaffee trinkt und Kuchen isst im nächsten Moment einen Bomber in den Kontrollraum lenkt und sein und das Leben von wenigstens zwei weiteren Menschen mir nichts, dir nichts auslöscht? Und das ohne mit der Wimper zu zucken?
Steed wendet sich wieder dem Verletzten zu.
"Ist sonst noch etwas geschehen an diesem Morgen, etwas, dass Sie mir noch nicht gesagt haben, Smithers. Denken Sie nach, jede Kleinigkeit ist wichtig."
Der Mann schließt für einen Moment lang die Augen. Er stöhnt leise.
"Nein, nichts. Nur..."
"Ja", Steed beugt sich noch tiefer zu ihm hinab.
"Kurz vor der Sache bekam der Major einen Anruf."
"Von wem?"
Smithers versucht den Kopf zu schütteln aber Bandagen und Aufhängungen verhindern die Bewegung.
"Weiß ich nicht, er hat keinen Namen genannt. Nur zugehört. Und dann hat er etwas gesagt, wie "in Ordnung, wird erledigt". So ungefähr. Und aufgelegt. Und dann..."
Die Augen des jungen Mannes verraten, dass er wieder das Schreckensszenario vor sich sieht. Steed richtet sich auf und seufzt leise. Mrs. Peel tritt zu ihm. Mit gedämpfter Stimme fragt sie:
"Was ist Steed, glauben Sie ihm nicht?"
Steed vollführt eine hilflose Handbewegung.
"Wie könnte ich ihm nicht glauben, aber was er sagt ist so... unglaublich. Sehen Sie, ich kannte den Major gut, wir waren beide seinerzeit in Fanhurst."
"Fanhurst?"
"Ja, eine Militärakademie. Spezialisiert auf Flieger und solche, die es werden wollen. Elite-Akademie, Sie wissen schon, nur die Besten der Besten und so... äh, das soll kein Eigenlob sein, ich wollte damit nur sagen, jeder, der dort war, wurde durchleuchtet und geprüft und nochmal geprüft. Keine psychisch Labilen, keine Depressiven..."
"Der Mensch kann sich ändern", wirft Mrs. Peel in ihrer praktischen Art zu denken ein.
"Ja, aber March? Was sollte denn sein Problem gewesen sein? Er hatte keinen Ärger, keine Geldsorgen, privat lief alles bestens. Dieses Dronenprojekt war gewissermaßen sein Kind und dann macht er so etwas?"
Mrs. Peel und Steed schauen sich an. Die Sonne fällt in das stille Krankenzimmer und wird von den hellgelb gestrichenen Wänden reflektiert. Im hellen Licht leuchten Smithers weiße Verbände noch mehr. Aus einem transparenten Beutel, der an einer Vorrichtung hängt, die man in Krankenhäusern gern "Galgen" nennt, läuft unablässigt Lösung mit Schmerzmitteln in Smithers Armvene. Der Mann selbst, der auf groteske Weise irgendwie über dem metallenen Krankhausbett schwebt, macht keinen Mucks.
Steed berührt leicht Mrs. Peels Arm und gibt ihr zu verstehen, dass sie nun das Zimmer verlassen werden. Draußen auf dem Korridor kommt ihnen eine Krankenschwester mit einem Metalltablett voller Becher entgegen.
"Was wollen Sie nun tun, Steed", fragt Mrs. Peel während sie den Aufzügen zustreben.
Dieser kratzt sich nachdenklich am Kopf und antwortet dann:
"Ich weiß es noch nicht. Zunächst einmal muss ich nach Gateswick raus, um für einen Politiker heute das Kindermädchen zu spielen. Das passt mir gar nicht."
Der Fahrstuhl kommt und die Türen öffnen sich mit leisem Klingeln. Die beiden steigen ein und drücken den Knopf für das Erdgeschoss.
"Sie sind eben unentbehrlich, Steed", gibt Mrs. Peel mit einem Lächeln zurück.

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"Und Sie werden auch ganz bestimmt ohne mich zurecht kommen, meine Liebe?"
"Ich denke schon", erwidert die Angeprochene selbstbewusst und streicht sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht, die der Wind verweht hat.
Steed und Mrs. Peel stehen auf der Straße vor der Haustür: er in einem tadellosen hellgrauen dreiteiligen Anzug nebst malvenfarbener Krawatte, Melone und Schirm, sie, dem Londoner Oktoberwetter in einem hellgelben Hosenanzug mit Schottenmuster und passendem Rollkragenpulli trotzend.
"Ich werde mich jetzt bei Dampfbad und Massage entspannen und anschließend treffe ich mich mit einer Freundin zum Lunch."
Ein Windstoß droht Steeds Melone zu entführen. Er verhindert das mit der Hand und kneift gegen den Wind die Augen zusammen als er antwortet:
"Das klingt angenehmer als mein Nachmittasprogramm. Sagt Ihnen der Name Lionel Twickerts etwas?"
"Attaché des auswärtigen Amtes?"
"Eben der", nickt Steed. "Muss unbedingt heute mit einem Koffer voller Geheimnisse nach Barcelona fliegen, und ich eskortiere ihn zum Flughafen."
"Worum geht es", fragt Mrs. Peel während sie in ihrer Unterarmtasche nach ihrem Autoschlüssel fahndet.
"Ach, immer noch um diese Dronengeschichte. Große Konferenz verbündeter Staaten oder so. Auf jeden Fall soll ich den guten Mann beim Piloten gegen Quittung abgeben."
Mrs. Peel schmunzelt.
"Klappen Sie lieber das Verdeck hoch", rät sie ihm mit einem Blick auf sein Bentley-Cabriolet, "es sieht nach Regen aus."
Steed schaut mißtrauisch in den wolkenverhangenen Himmel hinauf.
"Ich fürchte, Sie haben Recht. Hoffentlich gibt das keine Verzögerung, ich möchte Mr. Twickerts nicht noch zum Tee ausführen dürfen."
"Tea for two", witzelt sie zum Abschied, überquert die Straße und steigt ohne weitere Umstände in ihren grünen Porsche. Der Motor heult kurz darauf auf und in gewohnt rasanter Fahrweise verlässt Mrs. Peel den Ort. Steed winkt ihr kurz nach, bevor er, wie ihm empfohlen, das Verdeck seines Wagens hochklappt, einsteigt und in die entgegen gesetzte Richtung davon fährt.

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Kurz darauf sieht man Steeds silbergrauen Bentley auf den fast leeren Parkplatz des Privatflughafens Gateswick einbiegen und halten. Heraus steigen auf der rechten Seite Steed selbst und auf der Beifahrerseite ein kleiner gebeugter Mann in Hut und Mantel mit einem gewaltigen schwarzledernen Aktenkoffer, den er an sich drückt, wie eine junge Mutter ihr Neugeborenes. Seine Reisetasche trägt Steed ihm zuvorkommend hinterher.
Die beiden betreten durch einen Seiteneingang, für dessen Tor Steed den Schlüssel aus der Jackettasche zieht, den Flugplatz und steuern geradewegs auf eine kleine Privatmaschine zu, die mit offenem Einstieg am Rande des Platzes auf sie wartet.
Der Wind, inzwischen stärker geworden, weht den beiden heftig entgegen, so dass beide Männer gezwungen sind, ihre Hüte festzuhalten. In der Ferne sieht man einen rot-weiß-geringelten Windschlauch fast waagerecht in der Luft wehen.
Ein junger Mann in blauer Uniform steht neben dem offenen Eingang und wischt sich hastig Mund und Hände ab, als er die zwei Männer auf sich zukommen sieht. Dann trinkt er aus einem Plastikbecher einen Schluck und wirft den Becher anschließend achtlos ins Gebüsch.
"Haben wir Sie bei Ihrer Teezeit unterbrochen, Captain Miller", begrüßt Steed den jungen Mann mit einem Lächeln.
Dieser lächelt etwas verlegen zurück.
"Nur ein kleiner Zwischenimbiss, Sir", erwidert er in entschuldigendem Tonfall.
"Und ein süßer noch dazu", bemerkt Steed und entfernt dem anderen ein kleines Stückchen Zuckerguss von der Uniformjacke.
"Darf ich vorstellen, Mr. Lionel Twickerts, Ihr Passagier bis Barcelona - Captain Oliver Miller, Ihr Pilot Mr. Twickerts."
Die Männer reichen sich die Hand. Mr. Twickerts, der auf Steed bisher bestimmt nicht den Eindruck eines kernigen Naturburschen gemacht hat, flieht ohne ein weiteres Wort zu verlieren vor dem Wind mit seinem Aktenkoffer ins Innere der Maschine. Der Captain und Steed folgen ihm gemesseneren Schrittes. Steed verstaut sorgfältig die Reisetasche von Mr. Twickerts, dann wendet er sich nochmal dem Captain zu.
"Können Sie starten, bei diesem Wetter?"
Twickerts horcht ängstlich auf, doch der Captain nickt nur. Er sieht ernst aus aber eigentlich auch entspannt.
"Gut."
Steed verlässt die Kabine und folgt dem Captain in Richtung Cockpit.
"Twickerts ist ein bißchen ängstlich, glaube ich, also bitte keine Loopings."
Er lacht leise, doch der Captain lacht nicht mit. Steed hat das Gefühl, in einen Fettnapf getreten zu sein und fährt mit gedämpfter Stimme fort:
"Sie haben das sicher heute morgen von Belham Ground mitbekommen, schreckliche Sache. Kannten Sie Major March?"
Erneut nickt Miller und antwortet dann mit ein wenig tonloser Stimme:
"Ja, er war eine Zeitlang mein Mentor auf Fanhurst."
"Ach, Sie waren auch da", strahlt Steed.Dann wird er wieder ernst. Eigentlich möchte er sich von Miller noch mit ein paar wohlgesetzten Worten verabschieden, doch der Captain wird angefunkt. Er setzt den Kopfhörer auf, der mit einem Mikrofon ausgestattet ist und hört zu.
"Ja, gut. Verstanden."
Für Steed ist das das Zeichen zum Aufbruch. Mit einer Geste verabschiedet er sich von Miller und auch von Twickerts, der ihn allerdings gar nicht wahrnimmt, sondern nur aus dem Kabinenfenster starrt. Steed eilt den Ausstieg hinaus und schließ die Maschine von außen. Er schlägt zweimal kurz mit der flachen Hand gegen den Rumpf, da erwachen die Triebwerke auch schon zum Leben.
Seinen Hut erneut festhaltend macht Steed, dass er von der Maschine fort kommt. Das Flugzeug hinter ihm setzt sich in Bewegung und rollt zur Startbahn, während Steed jetzt im Laufschritt das Rollfeld verlässt. Er passiert das Tor und verschließt es. Dann dreht er sich noch einmal um. In diesem Moment hebt die kleine Privatmaschine ab, steigt hoch in die Lüfte über Steeds Kopf hinweg. Dann macht sie plötzlich eine Kurve als wollte sie zurück kehren. Die Hand schon am Griff der Autotür stutzt Steed und schaut auf.
Das Flugzeug kehrt aber nicht zum Flugplatz zurück. Im Sinkflug fliegt es auf ein rechts danebenstehendes Gebäude einer ehemaligen Seifenfabrik zu. Steed ist wie erstarrt. Hilflos muss er mitansehen, wie der Flieger geradewegs in die gelbgeklinkerten Mauern rast und dort augenblicklich in einer gewaltigen Feuerwolke explodiert, so dass Steed an seinem Standort noch leicht die Druckwelle verspürt und in Deckung geht.

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Musik von David Bowie dröhnt wummernd aus den Lautsprechern an der Decke. Die Dekoration ist knallbunt: pinkfarbene Plastikstühle aus einem Guss, mintfarbene Tische, die Wände in hellgelb, lavendelblau, mattlila und pfirsichfarben gestrichen. Viel Beleuchtung und jede Menge große sich drehende Scheiben an den Wänden, die das Design der zu verkaufenden Doughnuts haben.
Das Publikum besteht überraschenderweise keineswegs nur aus Teenagern, sondern auch aus älteren Menschen, die es sogar fertigbringen, in dieser Umgebung an den mintfarbenen Tischen zu sitzen und Kaffe aus Pappbechern zu trinken.
Steed sieht sich mit einer gewissen Fassungslosigkeit um, während Mrs. Peel in einem fliederfarbenen Kostüm, was in dieser Umgebung überhaupt nicht auffällt, mit geübtem Blick das Angebot in Augenschein nimmt.
"Man merkt, dass Sie keine Kinder haben", bemerkt sie lächelnd zu Steed über die Schulter und deutet dann vielsagend mit dem Finger nach oben.
"David Bowie"
"Wer?" brüllt Steed gegen den Krach an.
"Die Musik - David Bowie... Selbst ein Haus wie Peels Manor war nicht groß genug, um dem Musikgeschmack eines Heranwachsenden zu entgehen."
"Sie haben mein Mitgefühl."
"Oh, das hier ist die harmlose Variante, etwas für Mama und Papa an Sonntagen." Ihr Grinsen wird breiter.
"Großer Gott... ", Steed sieht sich um, entdeckt die "kreisenden Doughnuts", kneift die Augen zusammen und sagt:
"Und diese Dinger, lieber Himmel, das erinnert mich an die Geschichte mit den Babybouncern, Mrs. Peel, erinnern Sie sich? Es würde mich nicht wundern, wenn ein und derselbe Designer dahinter steckte."
Mrs. Peel lacht während sie in der Warteschlanger vor dem Tresen weiterrücken.
"Vermutlich sollen die auch die Kunden hypnotisieren. Wie ließe sich sonst der sagenhafte Umsatz dieser Kette erklären? - Haben Sie sich schon entschieden?"
Kurz darauf sitzen die beiden an einem mintfarbenen Tisch im ersten Stock. Hier ist es merklich ruhiger und die Bilder an den Wänden sind einfache Poster von Kaffeebohnen, die sich nicht bewegen. Steed hat auf richtiges Geschirr statt Pappbechern bestanden und so stehen cremefarbene Tassen vor den beiden: für Mrs. Peel ein Milchkaffee und für Steed ein doppelter Espresso. Dazu hat er sich für einen Doughnut mit Mokka- und einen mit schwarzer Schokoladenfüllung entschieden.
"Sie haben Recht, Mrs. Peel, das schmeckt gar nicht schlecht, wenn man erst den hämmernden Rhythmen und den Babybouncern an den Wänden entkommen ist."
Er probiert einen Schluck Kaffee.
"Hmm, sogar der lässt sich trinken."
Mrs. Peel lächelt und wendet sich ihrem Kuchen zu. Sie hat zu Banane und Pistarzie gegriffen.
"Ich dachte, Zucker und Koffein sind gut gegen den Schock, Steed."
Sie wird ernst.
"Es muss furchtbar gewesen sein, Augenzeuge dieser Sache zu sein."
"Und nicht nur das", gibt ihr Tischnachbar zurück. "Wir hatten natürlich heute morgen gleich eine Kriesensitzung - vor dem Kaffee. Herbert Brand ist auf 180, wie man so schön sagt. Er hat mich selbstverständlich gleich vor Beginn der Konferenz eine halbe Stunde lang unter vier Augen verhört aber ich konnte auch nichts Brauchbares von mir geben. Ich fürchte, mein Bericht ähnelt frapant dem von Smithers - und das macht mich regelrecht wütend."
"Brand scheint das zu sein, was man einen scharfen Hund nennt", wirft Mrs. Peel ein und beißt ein Stück von ihrem Bananarama-Doughnut ab.
"Nach dem was ich gehört habe, eher ein zäher Hund. Natürlich auch Agent, jahrelang im Auslandseinsatz, vorwiegend Osteuropa. Nie enttarnt worden. Beherscht angeblich mehrere Kampfsportarten sowie das lautlose Töten. Nach außen hin eher unauffällig. Kahlkopf, etwas blass aber groß und kräftig. Und er ist eine Naschkatze."
Mrs. Peel zieht überrascht die Augenbrauen hoch und Steed grinst schief.
"Ja, ich habe bei ihm auch eine Bäckertüte gesehen heute morgen. Und Kekse und Bonbons. Na, das macht ihn immerhin menschlicher. - Auf jeden Fall hat er uns allen mächtig den Kopf gewaschen. Das Dronenprojekt, Sie verstehen. Macht nicht gerade einen guten Eindruck, wenn wir nicht einmal unsere eigenen Leute unter Kontrolle haben."
Er schlägt sich mit der flachen Hand auf den Oberschenkel und schnalzt ärgerlich mit der Zunge.
"Wenn ich bloß wüsste, was Miller geritten hat. Die haben sein ganzes Leben durchleuchtet aber da gab es gar nichts. Der Mann war gut, er war talentiert in seinem Job und dann..."
"Macht er im Prinzip das selbe wie Major March. Wird von einer Sekunde zur anderen zum Selbstmordattentäter."
Steed nickt ernst.
"In einem Moment nimmt er noch seinen improvisierten Tee zu sich, im nächsten Moment sagt er dieser schönden Welt Ade."
"Vielleicht lag es am Tee", schlägt Mrs. Peel vor, "der war so scheußlich, dass es sich für ihn als Briten nicht mehr lohnte zu leben."
Steed wirft ihr einen halb belustigten halb strafenden Blick zu.
"Und was war mit March? Der hat Kaffee getrunken und", er macht eine Kunstpause und deutet auf die noch verbleibenden Kuchenstücke vor ihnen auf dem Tisch, "sogar noch solche Doughnuts gegessen."
Mrs. Peel schaut auf.
"Haben Sie sich deshalb bereit erklärt, heute hier ihren Kaffee zu trinken?"
Steed greift zum zweiten Doughnut bevor er antwortet:
"Zum Teil. Ich glaube nämlich, dass auch Miller etwas aus diesem Angebot kurz vor seinem Tod zu sich genommen hat."
"Welche Sorte", flüstert Mrs. Peel.
"Etwas mit grünem Zuckerguss", wispert Steed zurück und deutet mit einer leichten Kopfbewegung auf die Reste von Mrs. Peels Pistazien-Doughnut. "Ich habe ein winziges Stück davon auf seiner Uniformjacke entdeckt, kurz bevor er sich und Twickerts in den Tod flog."
Mrs. Peel macht große Augen, deutet stumm auf den Kuchenrest dann auf sich. Steed nickt bedeutungsschwer und raunt ihr zu:
"Genau. Fühlen Sie sich schon irgendwie anders? Steigt irgendein ungeahntes Bedürfnis in Ihnen auf?"
Mrs. Peel horcht in sich hinein, dann nickt sie und antwortet:
"Ich habe das Bedürfnis, nach dieser Kalorienorgie eine Aerobicstunde einzulegen."

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Eine britische Fahne, allgemein wenn auch fälschlich Unionjack genannt, flattert stolz auf dem Dach des roten Klinkergebäudes im Wind. Es ist Nachmittag,die Sonne scheint, es ist fabelhaftes Flugwetter. Eine Gruppe von jungen Leuten, Mädchen und Jungen in der typischen Fanhurst-Uniform, warten ein wenig abseits vom Gebäude auf einer grünen Rasenfläche auf Ihren Ausbilder, einen gewissen Colonel Spenlove. Noch etwas weiter entfernt, hinter einem Wäldchen liegt der Hangar und das Rollfeld, das zur Fanhurst-Akademie gehört, doch die Auszubildenden sind nicht berechtigt, sich eigenmächtig dorthin zu begeben.
Es ist zwei Minuten vor drei. Die Uhr an der Wand in Colonel Spenloves Zimmer ist selbstverständlich auf Greenwich abgestimmt. Das private Büro des Colonel liegt im Seitenflügel des zweiten Stocks und geht auf das Wäldchen und das Rollfeld dahinter hinaus. Es ist ein typischer Offiziersraum: viel dunkle, schwere Eiche und rauchgeschwärztes englischen Leder, eine Chesterfieldgarnitur, an den Wänden Schlachtszenen in Öl und irgendein ernstblickender Mann in Uniform, der seinen Hut in der Hand hält und ungemein wichtig aussieht. Auf einem Beistellwagen mit Rollen befindet sich eine Auswahl an Kristallflaschen, einige Gläser und auf einem Teller die Reste einer Zuckerschnecke, die der Colonel gerade mit einem Whisky herunter spült. Er vergleicht seine Armbanduhr mit der Wanduhr und stellt das Glas ab. Er greift nach seiner Jacke, zieht sie über und knöpft sie zu. Dabei verliert sein Blick ein wenig die gewohnte Entschlossenheit. Es scheint, als würde er in die Ferne sehen. Bevor er sich zur Tür wenden kann, klingelt das Telefon auf seinem Schreibtisch. Er hebt ab, meldet sich und lauscht. Dann sagt er nur:
"Jawohl, verstanden, wird erledigt", und legt auf.
Zwei Minuten später ist der Colonel aus der Seitentür geschlüpft. Seine Schüler auf dem Rasen hat er vergessen. Zielstrebig steuert er auf den Wald zu, den er schnellen Schrittes durchquert. Dann bleibt er einen Augenblick lang stehen und peilt die Lage. Es sind nicht viele Leute um diese Zeit auf dem Rollfeld oder im Hangar. Niemand sieht ihn.
Durch einen Seiteneingang betritt er den Hangar und pirscht sich zu seiner einmotorigen Maschine. Er besteigt sie und lässt sie ganz vorsichtig aus dem Hangar rollen. Immer noch nimmt ihn niemand wahr. Am gegenüberliegenden Rand des Feldes steht ein kleines graues quaderförmiges Gebäude, sozusagen der Tower bzw. die Luftüberwachung von Fanhurst. Aber Colonel Spenlove nimmt keinen Kontakt auf und ignoriert auch jeden Versuch des Towers, ihn zu kontaktieren. Unbeirrt und ohne Starterlaubnis steuert er das Flugzeug zur Startbahn. Dann brüllt der Motor auf und das Flugzeug schießt vorwärts.
In dem kleinen grauen Gebäude herrscht in diesem Moment helle Aufregung, doch Colonel Spenlove hat dafür keinen Sinn. Er zieht die Maschine gekonnt hoch, fliegt über den Wald dahin, beschreibt dann eine weite Kurve und nimmt Kurs auf einen Londoner Vorort.
In Hempstead Heath in dem Gebäude einer ehemaligen Mittelschule befindet sich ein Laborkomplex der Regierung, der unter dem nichtssagenden Namen "Omnichemical" firmiert. Das Gebäude selbst, ein typischer rechteckiger Klotz in Waschbetonoptik aus den späten 60-er Jahren, ist alles andere als besonders, sondern bestenfalls zweckmäßig zu nennen. Vier Autos befinden sich auf dem früheren Lehrerparkplatz, die nun Laboranten gehören, die im Staatsauftrag Brennstoffe testen und erfinden. Insbesondere Treibstoffe für Kampfflugzeuge. An diesem Nachmittag herrscht dort die um diese Uhrzeit übliche gebremste Betriebsamtkeit. Der Feierabend steht bevor, die letzten Ergebnisse werden in Tabellen eingetragen, Dinge am Computer abgespeichert und Sicherheitskopien weggeschlossen. Die Labore werden allmählich aufgeräumt, als der Motorenlärm eines kleinen Flugzeuges zu den Leuten im Gebäude dringt. Zunächst blickt kaum einer auf, erst als der Lärm immer lauter wird, erregt er die Aufmerksamkeit, doch da ist es bereits zu spät. Das Kreischen und Schreien der Menschen geht im ohrenbetäubenden Krach des Aufpralls des Flugzeuges in die Fensterfront des Labors im oberen Stockwerk unter, und unmittelbar darauf erfolgt die Explosion des Kerosintanks. Es bricht eine Feuerhölle los.

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Durch den Dunst der noch rauchenden Trümmer geht Steed und dreht ab und zu etwas mit der Spitze seines Schirms um. Feuerwehr und Rettungskräfte haben ihre Arbeit getan, auch die Polizei und all diese Leute sind schon wieder abgezogen, nachdem sie die Unglücksstelle mit Absperrband gesichert und Warnlampen angebracht haben.
Mrs. Peel steht in einem dunkelblauen Hosenanzug mit Kurzmantel auf dem Bürgersteig neben ihrem Wagen und schaut nachdenklich zu der Ruine hinüber, die vor kurzem noch ein Laboratorium war. Eigentlich hatten sie und Steed ins Kino gehen wollen, als der Anruf kam. Herbert Brand hatte Steed mit knappen Worten ins Bild gesetzt und dann unmißverständlich Resultate gefordert. Man muss kein Psychologe sein, um die unausgesprochene Drohung hinter den Worten zu erkennen: klären Sie die Sache oder gehen Sie in Pension. Nicht eben fair aber auch nicht wirklich überraschend.
Mrs. Peel sieht auf als Steed zu ihr tritt.
"Nun?"
"Dasselbe Bild wie bei den beiden Plätzen zuvor - völlige Zerstörung durch einen Mann, dem man so etwas niemals zugetraut hätte. Wieder betrifft es eine Einrichtung, die mit dem Dronenprojekt zu tun hatte und wieder ist es ein Fanhurstmann, der es durchführte."
Mrs. Peel hebt die Brauen.
"Sie sehen da einen Zusammenhang?"
Steed zeigt in weitem Bogen mit seinem Schirm auf die deprimierende Szene.
"Es ist schwierig, ihn nicht zu sehen. Obwohl ich ihn lieber ignorieren würde, immerhin bin ich selbst ein Absolvent und es macht nicht gerade Spaß, seine alte Alma Mater des Terrorismus zu verdächtigen - und die, die damit in Verbindung stehen. - Nein, alle Attentate wurden durch ein Flugzeug ausgeführt und immer war es ein Fanhurstabsolvent, der sie aus völlig ungeklärten Gründen durchführte. Aber warum, das ist die Frage..."
Er wendet sich Mrs. Peel zu.
"Tun das diese Männer freiwillig oder zwingt man sie. Und wenn man sie zwingt, dann auf welche Weise und wie?"
"Erpressung", schlägt Mrs. Peel wie aus der Pistole geschossen vor und lehnt sich rückwärts an den Porsche.
Steed zieht die Schulter hoch und schnalzt mit der Zunge.
"Glaube ich nicht, dazu hat man zu wenig bis gar nichts in ihren Privatleben gefunden, trotz intensiver Suche. Manche hatten Familie, andere nicht. Schulden hatte keiner von ihnen. Nein, ich habe das sichere Gefühl, dass da etwas anderes dahinter steckt. Irgend etwas Teuflisches..."
Beide machen nun Anstalten, in den Wagen zu steigen, Mrs. Peel auf der Fahrerseite.
"Was ist also der nächste Schritt", fragt sie, während sie den Motor startet.
Aus Erfahrung klug geworden legt Steed vorsorglich eine Hand auf seinen Hut.
"Sie, Mrs. Peel, werden nach Fanhurst fahren und im dortigen Archiv recherchieren. Ich habe bei Sir Julian persönlich eine Erlaubnis für Sie erwirkt."
"Ehrt mich", antwortet sie und fährt schwungvoll an. "Und nach was suche ich?"
"Sie überprüfen die Männer, die mit den Attentaten zu tun hatten. Ob es da während ihrer Fanhurstzeit irgendeine Gemeinsamkeit gibt, einen gemeinsamen Nenner sozusagen, etwas Auffälliges."
"Verstehe", nickt sie und überholt zügig ein Postauto. "Und Sie?"
"Ich statte der Pathologie einen Besuch ab. Sie konnten nämlich den Leichnam von Spenlove bergen, man soll es nicht glauben. Ich warte dort auf den Obduktionsbefund. Ich gebe Ihnen die Nummer, damit Sie mich notfalls erreichen können."
Mrs. Peel schaut kurz zu ihm herüber, dann fährt sie auf eine Schnellstraße Richtung London ein.
"Glauben Sie, ich bin im Fanhurst-Archiv in Gefahr?"

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Abermals dringt hämmernde Musik durch die Wände. Ein Hinterzimmer der "Popps and More"-Doughnutkette. Das poppige Ambiente des Restaurant vermisst man hier, die Wände sind weiß gekalkt, grobe bemehlte Holztische stehen in der Mitte und auf Metallgestellen lagern Paletten mit Doughuts aller Art und Farben. Daneben stehen leere Pappkartons in drei verschiedenen Größen aufgestapelt, die darauf warten, mit Kuchen bestückt zu werden. Im Moment befindet sich allerdings nur ein junger Mann in diesem Raum, der die Gunst des unbeobachteten Augenblicks nutzt, um privat zu telefonieren.
Während er die Nummer wählt, schaut er sich um, ob er auch wirklich allein ist. Sein Kollege ist eben zur Toilette gegangen, und das Mädchen von vorn wird wohl auch nicht gleich wieder herein kommen.
Er wartet einen Moment lang, dann ist die Verbindung hergestellt.
"Valeria?"
Der junge Mann wendet sich ab und beginnt flüsternd auf Russisch zu sprechen.

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Mrs. Peel sitzt bei einer Tasse Kaffee in einem Kellerraum der Fanhurst-Akademie. Die Umgebung ist alles andere als chic, eher staubig und muffig. Mrs. Peel hat sich daher vernünftigerweise noch umgezogen, bevor sie herkam und trägt nun einen dunkelblauen Einteiler mit violetten Streifen und dazu passende Stiefeletten.
Vor ihr auf einem kleinen schäbigen Holztisch türmen sich Pappdeckel mit Namen drauf, die sie methodisch durchsieht. Ab und zu notiert sie sich etwas auf einem Block. Sie sitzt ganz hinten in einem großen recheckigen Raum, der mit Reihen von deckenhohen Regalen vollgestellt ist, die wiederum mit ebensolchen Aktendeckeln bestückt sind, wie sie vor Mrs. Peel gerade liegen. Über ihr an der Wand befindet sich ein orangefarbenes Telefon, die einzige Verbindung zur Außenwelt, wie es scheint.
Schlurfende Schritte ertönen. Mrs. Peel schaut von ihren Notizen auf. Ein älterer gebeugter Mann erscheint. Seine Stimme klingt selbst ein wenig wie trockenes Papier als er fragt:
"Haben Sie alles, was Sie brauchen, Mrs. Peel?"
Diese lächelt und antwortet:
"Ja, vielen Dank."
"Wenn etwas sein sollte", der Mann weist mit der Hand auf das Telefon, "wählen Sie einfach die 22, dann haben Sie meine Loge."
"Das mache ich", erwidert Mrs. Peel freundlich und der Alte verlässt wieder schlurfend den Raum.
Sie versenkt sich wieder in ihre Recherche.

Zur gleichen Zeit befindet sich auch Steed in einem Kellerraum, doch dieser ist strahlend hell erleuchtet und bis zur Decke hinauf weiß gefliest. Mit ihm im Raum ist ein junger Arzt namens Cromer und zwischen ihnen mit einem weißen Laken zugedeckt liegen auf einem rollbaren Metalltisch die sterblichen Überreste von Colonel Spenlove.
Dr. Cromer verfasst gerade die letzten Notizen auf seinem Klemmbrett und schiebt dazu seine Brille auf die Stirn hoch, denn er ist sehr kurzsichtig.
"Tja, Steed, schöne Bescherung, was?"
"Kann man wohl sagen", stimmt ihm der Angesprochene zu. "Majore und Colonels, die plötzlich zu Attentätern werden, Tote en gros..."
"...und drogensüchtige Offiziere", vollendet Dr. Cromer für ihn den Satz.
Steed schaut entsetzt auf.
"Wie bitte? Sie meinen doch wohl nicht Colonel Spenlove! Der Mann hat nicht einmal eine Kopfschmerztablette zu sich genommen, solange er lebte."
"Das vielleicht nicht", gibt Dr. Cromer unbeeindruckt zurück, "dafür aber einiges anderes, dass ich in der Konzentration eher bei einem Rockstar erwarten würde."
Steeds Augenbraue schießt entsetzt nach oben. Genau in diesem Moment klingelt das Telefon. Cromer hebt ab.
"Für Sie, es ist Mrs. Peel."
Immer noch fassungslos nimmt Steed den Hörer entgegen und vernimmt die Stimme seiner Partnerin.
"Steed, ich habe gerade etwas ausgesprochen Seltsames entdeckt."
"Versuchen Sie das zu toppen, was ich gerade erfahren habe und ich gebe einen aus."
"Die drei Männer March, Miller und Spenlove waren alle mal während ihrer Fanhurstzeit wegen unterschiedlicher Sachen in ärztlicher Behandlung bei einem Dr. Frost."
"Daran ist doch nicht ungewöhnlich."
"Das nicht", gibt Mrs. Peel am anderen Ende der Leitung zu, "ungewöhnlich ist allerdings die Medikation. Miller hatte leichtes Asthma, March hatte sich irgendwo einmal eine viruelle Lungenentzündung eingefangen und Spenlove litt an den Folgen einer Lebensmittelallergie. Also vollkommen verschiedene Krankheitsbilder. Trotzdem wurden alle drei mit den gleichen Medikamenten behandelt und das ist meines Erachtens nichts, was man bei diesen Beschwerden normalerweise verabreichen würde."
"Sprechen Sie weiter, meine Liebe, ich bin ganz Ohr."
"Also", fährt Mrs. Peel fort, "ich habe meine Fachliteratur nicht hier aber wenn mich meine Erinnerung nicht vollkommen täuscht, wurden den dreien eine Mischung aus Antidepressiva und einer psychedelischen Droge verabreicht."
Steed wirft Cromer einen langen Blick zu während er in den Hörer spricht:
"Etwas, dass Sie eher bei einem Rockstar als bei einem Offizier des britischen Empire vermuten würden?"
"Sagen wir es so: ich bin sehr froh, es niemals bei meinem Sohn gefunden zu haben. Es handelt sich um LSD."
Steed gibt einen Pfiff von sich.
"Dann wundert es mich, dass der alte Knabe noch so gerade nach Hampstead Heath fliegen konnte."
"Nun, es waren nur Spuren davon aber damit behandelt man doch kein Asthma."
"Nein, allerdings nicht...", erwidert Steed nachdenklich. "Und sie sagen, alle waren bei Dr. Frost in Behandlung?"
"Der inzwischen allerdings pensioniert ist. Aber ich habe eine Adresse. Soll ich Sie Ihnen durchgeben?"
"Ich bitte darum."
Steed schnappt sich Cromers Stift und fischt einen Zettel aus der Jackettasche und notiert was Mrs. Peel ihm diktiert.
"Danke, Mrs. Peel, ich...", weiter kommt er nicht, denn aus der Leitung ertönt ein lautes Krachen.
"Mrs. Peel?!"
Dann ist die Verbindung unterbrochen.

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Ihre guten Ohren haben sie für den Moment gerettet. Gerade noch rechtzeitig ist sie zur Seite gesprungen bevor das schwere Metallregal auf sie niederstürzen konnte. Der Krach ist ohrenbetäubend und eine gewaltige Staubwolke steigt auf, vermischt mit trockenen Papierfetzen und bringt sie zum Husten. Sehen kann sie im Augenblick nichts, doch sie rappelt sich so schnell sie kann auf und klettert flink über das am Boden liegende Regal.
Eine große schemenhafte Gestalt springt plötzlich aus dem Nichts auf sie zu. Sie kann sich nur zur Seite wegducken und versuchen, wieder festen Boden unter den Füßen zu bekommen. Der Angreifer verfehlt sie knapp und stürzt nun selbst schwer. Immer noch halbblind und hustend erreicht Mrs. Peel das nächste Regal und tastet sich um die Ecke als etwas Großes neben ihrem Kopf gegen die Wand prallt.
Schnell rennt sie vorwärts. Sie hört jemanden hinter sich keuchen. Gewand taucht sie zwischen zwei Regalen seitwärts hindurch und hastet zur Tür. Mit einem Hechtsprung ist sie durch die Türöffnung gelangt und rast zur Treppe, die nach oben führt. Erst als sie im Paterre im hellen Sonnenlicht vor der Loge des Pförtners steht, wagt sie es wieder Luft zu holen.
Der alte Mann sieht sie ganz entgeistert an. Mrs. Peel schildert was passiert ist. Der alte Mann ist entsetzt, glaubt aber, dass das Regal sich aus Altersschwäche selbständig gemacht hat. Er bietet ihr eine Tasse Tee an und geht dann selbst in den Keller nachsehen. Minuten später kehrt er zurück und berichtet, dass er zwar das umgestürzte Regal gesehen hat aber niemanden sonst.
Mrs. Peel nimmt es gelassen und trinkt ihren Tee.

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Etwas später rauscht Steeds silbergrauer Bentley eine Landstraße entlang. Trotz des nicht allzu warmen Wetters ist das Verdeck herunter geklappt. Steed, der sich zuvor von Mrs. Peels Wohlbefinden überzeugt hat, ist auf dem Weg zu dem pensionierten Dr. Frost in einer kleinen Ortschaft namens Shippingdale. Er hat davon abgesehen, sich zuvor dort telefonisch anzumelden, zu viele seltsame Zwischenfälle sind in dieser Sache bisher passiert.
Steed erreicht den Ort und findet sogar ohne Probleme die betreffende Straße. Von weitem sieht er, wie ein Wagen das Grundstück verlässt, welches er besuchen möchte, doch der andere Wagen ist zu weit entfernt, als dass er etwas Genaues erkennen könnte.
Das Tor zur Einfahrt steht noch offen, also biegt Steed kurzentschlossen ein und fährt den kurzen Kiesweg zum Haus hoch. Dort parkt er den Wagen und steigt aus. Leichtfüßig wie eh und je nimmt er die fünf Stufen zur Eingangstür, doch niemand reagiert auf sein Läuten. Steed schaut sich um. Natürlich wäre es möglich, dass es der Doktor selbst war, der da gerade abgefahren ist, doch er möchte sicher gehen.
Also läuft er die Stufen wieder hinab und biegt rechts um das Haus herum. Hinter dem Haus erstreckt sich ein weitläufiger Garten mit vielen Büschen und Bäumen, und es hat den Anschein, als ob gerade herbstliche Gartenarbeiten im Gange wären. Auf der Rasenfläche liegen mehrere Haufen von abgesägten Ästen und Zweigen, auf einem Metalltisch stehen Erfrischungen und kleinere Gartengeräte liegen dazwischen. Eine Leiter lehnt an einem Baum. Allerdings ist es recht still, kein Sägen oder Knipsen, nicht einmal ein fröhliches Pfeifen ist zu hören.
"Hallo", machst Steed auf sich aufmerksam, während er schirmschwenkend den Rasen entlang schreitet, "Hallo Dr. Frost, sind Sie da?"
Keine Antwort. Steed passiert gerade eine mannshohe Buchsbaumhecke, als er aus dem Augenwinkel eine Bewegung rechts von sich wahrnimmt. Er fährt herum und sieht sich Auge in Auge mit einem alten Mann, der eine automatische Heckenschere, einen sogenannten Krokodilzahn in den Händen hält und diesen eben eingeschaltet hat. Mit drohend rotierenden Sägeblättern stürmt der Alte auf Steed zu, die Augen starr, der Mund halb offen. Instinktiv pariert Steed mit dem Schirm, der Krokodilzahn gleitet ab und sägt ein Loch in die Hecke. Steed weicht zurück, der Alte dringt vor. Abermals hebt Steed den Schirm, die Heckenschere schnellt vor, der Motor heult auf, es gibt ein häßliches Geräusch von Metall auf Metall und ein Stück von Steeds Schirm wird glatt abgesägt.
Steed ist nun die gespannte Aufmerksamtkeit selbst. Wie ein Fechter hebt er die frei hand und geht mit den Resten seines Schirms zum Angriff über. Die Heckenschere ist zwar schärfer aber auch schwerer und unhandlicher. Der alte Mann kommt leicht ins Schlingern, Steed zielt auf die Hand, die die Säge führt, er sticht zu, die Säge zuckt nach oben und verfehlt nur um Millimeter das Gesicht des Alten. Ein paar graue Haare werden gestutzt, was dem betagten Angreifer nun ein recht verwegenes Aussehen verleiht. Dann saust die Schere wieder nach unten in Richtung von Steeds linker Schulter. Er kann ausweichen und rammt dem Alten den Schirm mit aller Kraft in die Seite. Dieser schwankt, strauchelt, fängt sich wieder, wendet sich um und startet einen neuen Angriff. Die Gegener haben nun die Seiten getauscht. Dem nächsten Hieb weicht Steed hinter einen Obstbaum aus, in dessen Rinde sich der Krokodilzahn sägt. Die Säge bleibt ein wenig stecken. Steed halb hinter der Reneclaude in Deckung tritt gegen den Oberschenkel des Mannes. Dieser taumelt zurück und reißt dabei die Schere aus dem Baum. Splitter fliegen durch die Luft, erneut heult die Säge auf, als sie so plötzlich frei gesetzt wird.
Nun stürzt der Alte wie von Furien gejagt vorwärts um den Baum herum, und Steed weicht erneut behende zurück. Hin und her schwingt der Krokodilzahn, säbelt Zweige, Blätter und Äste ab. Das Ding funktioniert mit Benzin und es ist nicht davon auszugehen, dass dieses sich bald dem Ende neigt. Die beiden haben jetzt das offene Gelände der Rasenfläche erreicht. Steed wirft den malträtierten Schirm fort und greift nach einem metallenen Gartenstuhl. Die Säge saust drauf nieder, wieder ein sehr scharfes Geräusch und ein Funkenflug aber der Stuhl hält dem Angriff stand. Steed wirft den Stuhl nach dem Alten, der seinerseits versucht, mit der Heckenschere den Stuhl abzuwehren. Dabei geht er fast zu Boden.
Steed rennt los, herum um eine weitere Hecke. Er hört den Alten irgendwo hinter sich keuchen, die Säge rattert noch immer. Da fällt Steeds Blick auf ein Stromkabel welches von dem Laubhächsler zur Steckdose führt. Er hebt es an, da kommt der Alte auch schon mit erhobener Schere um die Ecke. Steed wirft im Bruchteil einer Sekunde das Kabel nach ihm. Es verfängt sich sofort in den Sägeblättern, dann wird es angesägt. Funken sprühen, ein heller Lichtblitz, die Heckenschere ist aus Metall und leitet. Der alte Mann schreit auf, kann aber die Säge nicht fallen lassen. Inzwischen ist die Sicherung vermutlich herausgesprungen. Geschockt lässt der alte Mann die Heckenschere fallen und sackt selbst leblos zu Boden.
Mit dem Fuß tritt Steed die Heckenschere fort, dann kniet er neben dem alten Mann nieder, fühlt ihm den Puls am Hals, wendet dessen Kopf und schaut ihm in die Augen. Der Blick dieser Augen ist gebrochen. Steeds Hände suchen in der Kleidung des Mannes, finden ein Schlüsselbund und dann ein kleines rechteckiges Papier in einer Plastikfolie: eine Inhaberkarte für einen Herzschrittmacher, ausgestellt für Dr. Cuthbert Frost. Erneut schaut Steed dem alten Mann fragend ins Gesicht. Dann schließt er mit einer raschen Handbewegung dessen Augen und erhebt sich.
Er geht zwei, drei Schritte, bleibt stehen und wendet sich um. Auf dem Metalltisch stehen immer noch die Erfrischungen: Tee in einer Thermoskanne, bereits zur Hälfte ausgetrunken und Kuchen auf einem Teller, dessen fantasievolle Glasur Steed mittlerweile nur zu bekannt ist. Dazu zwei weitere benutzte Teller und zwei Tassen und auf einem Teller liegen sogar noch Reste eines Krapfens. Steed räumt alles zusammen und trägt das ganze Paket zu seinem Wagen, wo er es im Kofferraum verstaut. Dann greift er zum Autotelefon.

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"Mich wollte man mit Akten erschlagen und Sie mit der Heckenschere in Form stutzen", Mrs. Peel stützt sich auf den Unterarm und schaut in den Himmel, "das kann doch kein Zufall sein, Steed."
"Das ist auch keiner, meine Liebe."
Es gibt ein kurzes Plopp-Geräusch als der Korken aus der Sektflasche entweicht.
"Die Gläser bitte."
Mrs. Peel folgt der Aufforderung und Steed schenkt ein. Die beiden haben es sich auf einer Macintoshdecke im Grünen gemütlich gemacht. Bei ihnen steht ein geflochtener Picknickkorb mit Kaviar, Baguette, Wachteleiern und ein paar Weintrauben. Mrs. Peel trägt dem Anlass entsprechend einen Hosenanzug aus braunem Tweed nebst currygelbem Rolli und auch Steed hat den hellgrauen Lovats gegen einen Tweedensemble eingetauscht mit passendem Hut. Um sie herum schirmen sie immergrüne Stauden und große Koniferen von den Blicken neugieriger Passanten ab, denn sie picknicken im St.-James-Park.
Steed hat Dr. Cromer die Überreste von Dr. Frost´s letzter Mahlzeit auf Erden zur Analyse gebracht und dann haben die beiden beschlossen, die Wartezeit ein wenig zu überbrücken, bis das Ergebnis vorliegt.
"Da arbeitet jemand verdammt schnell", stellt Mrs. Peel fest und nippt an ihrem Champagner.
"Es ist geradezu wie verhext", ergänzt Steed und streckt die Beine von sich. "Obwohl ich nicht glaube, dass der Doktor aus freien Stücken gehandelt hat, selbst wenn er etwas mit der Geschichte zu tun hatte, wovon ich mehr und mehr überzeugt bin."
"Wegen seines Besuchers, der gerade verschwand als Sie auftauchten?"
Steed trinkt einen Schluck und schaut nachdenklich in die Gegend.
"Das auch aber vor allen Dingen wegen des starren Ausdrucks in seinen Augen. Ich sage Ihnen, Mrs. Peel, der Mann wusste nicht was er tat. Es war als stünde er unter einem Bann."
Mrs. Peel wendet sich ein wenig zu Steed um.
"Sprechen Sie von Hypnose?"
"Vielleicht. Verbunden mit einem Drogencocktail. Ich wette einen meiner besten Schirme, dass Cromer etwas in den Essensresten finden wird, die ich ihm gebracht habe. Apropos Schirme, erwähnte ich schon, dass meiner der blinden Wut des Doktors zum Opfer fiel?"
"Schon dreimal", schmunzelt Mrs. Peel. "Sehen Sie es mal so, er ist im Kampf für das Vaterland gefallen."
"Das ist ein schöner Gedanke", lächelt Steed ein wenig besänftigt. Dann wird er wieder ernst. "Wer verabreicht hier alten Fanhurstern LSD und macht sie zu willenlosen Tötungsmaschinen? Allein schon der Gedanke ist absurd. Ein Fanhurster, der LSD nimmt."
"Daddy was a Rolling Stone", fällt Mrs. Peel lachend ein.
"Das fehlte noch."

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Die Metalluhr an der Wand zeigt zehn Minuten nach fünf an, als Steed und Mrs. Peel das Laborräume betreten. Den Picknickkorb haben sie im Wagen gelassen, doch Mrs. Peel spielt noch mit einem kleinen Lorbeerzweig als sie einen grüngestrichenen Korridor durchqueren und auf den Raum von Dr. Cromer zusteuern.
"Hallo Doktor", Steed steckt den Kopf zur Tür herein.
Der Doktor sitzt mit dem Rücken zu Steed an seinem Schreibtisch.
"Entschuldigen Sie, Dr. Cromer, wenn ich schon störe aber ich wollte..."
Steed bricht ab, sein Gesichtsausdruck wird ernst. Der Doktor sitzt seltsam zusammengesunken und hat sich bisher nicht gerührt. Mit einem Satz ist Steed bei ihm und auch Mrs. Peel folgt auf dem Fuße. Der Kopf des Doktors ruht auf seinem linken Unterarm, der andere Arm hängt schlaff an der Seite herab. Eine große und noch blutige Wunde verunstaltet den Hinterkopf des Arztes. Mrs. Peels Finger suchen den Puls an der Halsschlagader. Vorsichtig zieht sie ein Augenlid des Doktors hoch. Dann sieht sie Steed an und schüttelt den Kopf.
Steed schaut sich um. Wenige Meter von ihm entfernt liegt ein schwerer Stössel am Boden. Steed beugt sich darüber. Blut und Haar kleben noch daran.
"Und schon wieder schnelle Arbeit", lautet Mrs. Peels leiser Kommentar.
Steed schaut sich weiter im Zimmer des Doktors um.
"Und gründliche. Keine Spur von den Proben, die ich Cromer gebracht habe, kein Bericht, keine Ergebnisse. Alles verschwunden."
Mrs. Peel stemmt die Hände in die Seiten.
"Demnach war auf jeden Fall etwas in den Proben und wir können auch erraten, was es war."
Steed nickt stumm. Sein Blick fällt abermals auf den toten Arzt. Auch Mrs. Peel betrachtet ihn. Dann beugt sie sich hinab.
"Steed, er hat etwas in der Hand, einen Stift."
Und tatsächlich zieht sie ihm einen schwarzen Filzstift aus den Fingern der linken Hand.
"War er Linkshänder?"
"Schon möglich", gibt Steed zurück, tritt auf die Leiche zu und hebt sie beherzt an.
"Da!"
Der zusammengesunkene Körper von Dr. Cromer hat dessen letzte Worte verborgen, die der sterbende Mann kurz vor seinem Ende noch mit letzter Kraft auf die Tischplatte schrieb. Mrs. Peel beugt sich weiter vor, um entziffern zu können, was dort steht und liest dabei laut vor:
"D-a-l-e-y-S-c-u-m-p. Da steht Daley-Scump. Was soll das sein, ein Name? Sagt das Ihnen etwas Steed? Steed?"
Steed lässt langsam den leblosen Körper des Doktors zurück sinken. Sein Gesicht hat mit einem Schlag alle Farbe verloren, sein Blick scheint sich in der Ferne zu verlieren.
"Großer Gott", flüstert er nur.
Mrs. Peel will erneut etwas sagen und holt Luft, doch sie kommt nicht weit. Mit einem Ruck ist Steed wieder in die Gegenwart zurück gekehrt, packt sie am Handgelenk und zieht sie mit sich.
"Kommen Sie schnell raus hier, wir sind hier nicht mehr sicher."

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Während der nun folgenden Autofahrt quer und scheinbar ziellos durch die Stadt spricht Steed kein Wort. Irgendwann hält er unvermittelt an und tätigt über das Autotelefon zwei ominöse Anrufe. Dann kehrt er um und fährt wieder ein ganzes Stück zurück, bis er vor einem Fastfood-Restaurant mit dem Namen "Happy Burger" zum Halten kommt.
Er und Mrs. Peel steigen aus und gehen hinein. Das Restaurant ist gut besucht. Junge Leute sitzen auf den Bänken an Holztischen oder in einem dieser seltsamen Kunststoffseparés, die mitten im Raum stehen und die Form von Burgern, Zwiebeln oder Tomaten haben. Hinter einem breiten Tresen stehen junge Angestellte in blauen Uniformen mit lustigen Hüten und beladen Tabletts vor sich mit eingewickelten Hamburgern, Pommes Frites oder fritierten Hähnchenteilen. Dazu jede Menge Limonade in großen Pappbechern.
"Hier würde Sie bestimmt niemand jemals vermuten", gibt Mrs. Peel lakonisch von sich und sieht sich um.
Steed schenkt ihr ein schiefes Lächeln, dann macht er einem der Angestellten ein Zeichen. Dieser kommt herüber und Steed sagt zu ihm im vertraulichen Tonfall:
"Ich möchte einen Tisch für eine Abendgesellschaft."
Der junge Mann zuckt ob dieser ungewöhnlichen Worte in einer Burgerbude nicht mit der Wimper sondern erwidert in einem Tonfall als wäre er Kellner im Westend:
"Für wieviele Personen darf ich vormerken?"
Statt einer Antwort zeigt Steed nur vier Finger. Der junge Mann holt einen Schlüssel aus der Hosentasche und bittet Steed und Mrs. Peel ihm zu folgen. Er durchquert den Raum und geht auf eine große rote Plastiktomate in der hintersten Ecke zu, schließt sie auf und bittet die beiden einzutreten.
Während sich Mrs. Peel zu Steed in das Ding an einen gelben Kunststofftisch zwängt, fragt sie:
"Steed, was tun wir hier?"
Auch Steed hat Platz genommen und zwar so, dass er den Gastraum durch eines der kleinen Fenster in der Tomate im Auge behalten kann.
"Wir warten hier auf Sir Julian und General Humblebee. Das, meine Liebe", er macht eine einladende Bewegung mit der Hand, die die eigenartige Tomate einschließt, "ist einer der absolut abhörsicheren Räume für Agenten in London. Wird nur für Krisengespräche höchst vertraulicher Natur benutzt."
Mrs. Peel nickt beeindruckt. Sie hat jedoch kaum Zeit, sich von ihrer Verwunderung zu erholen, als ein langer hagerer und ein untersetzter Mann mit rötlicher Gesichtsfarbe näher kommen und die Tomate ebenfalls betreten. Steed begrüßt die beiden und stellt den Hageren Mrs. Peel als Sir Julian und den Kleineren als General Humblebee vor. Die vier nehmen Platz und auf ein Zeichen verschließt der junge Mann vom Personal die Tomate erneut.
"Steed, was soll das, weshalb haben Sie einen Code Blau ausgerufen", verlangt Sir Julian zu wissen.
"Sir, wir haben ein Leck."
"Unmöglich", begehren Sir Julian und der General unisono auf.
Doch Steed nickt nur ernst.
"Ich fürchte aber, es ist so. Vor kurzem wurde Mrs. Peel von einem Unbekannten im Archiv von Fanhurst attackiert, und in unserem Labor liegt Doktor Cromer erschlagen an seinem Schreibtisch."
"Doch nicht Cromer!"
"Leider doch, Sir. Und wie Sie wissen, kann in dieses Labor nicht jeder gelangen, nur..."
"Rote-Karten-Inhaber", vollendet Sir Julian den Satz für ihn.
"Wir haben schon die ganze Zeit das Gefühl, dass hier jemand zu gut über jeden unserer Schritte informiert ist und nun ist noch etwas hinzugekommen, was der ganzen Sache einen zusätzlichen Schrecken verleiht: Dr. Cromer schrieb kurz vor seinem Tod und mit letzter Kraft die Worte "Daley-Scump" auf den Tisch. Das war eine Nachricht an mich, Sir. Jemand hat ihm eins übergezogen und sämtliche Proben gestohlen, die ich ihm brachte aber das hat derjenige übersehen. Daley-Scump, Sie wissen was das bedeutet und ich will wissen, wie dieser Begriff im Zusammenhang mit den Sabotageakten und den Fanhurst-Absolventen ins Spiel kommen konnte."
Sowohl Sir Julian als auch General Humblebee sehen mehr als betreten drein. Mrs. Peel schaut aufmerksam von einem zum anderen. Schließlich räuspert sich der General:
"Ich weiß, dass das Daley-Scump-Projekt offiziell abgelehnt und für beendet erklärt worden war aber wir..."
Er stockt und Steed, ungläubig schauend, springt ein.
"Sie haben es dennoch praktiziert? Ohne offizielle Genehmigung?"
Jetzt meldet sich auch Sir Julian zu Wort.
"Sagen wir mit inoffizieller Genehmigung. Daley-Scump hat nie so funktioniert wie es sollte aber es hatte einen durchaus positiven Effekt: die Neigung zu Angst und Panik sank beträchtlich bei den Probanden, sie wurden kühler, überlegter und..."
"Tickende Zeitbomben", schließt Steed.
"Entschuldigung, Steed, wenn ich mich einmische, aber was bedeutet dieser Begriff eingentlich?"
Mrs. Peel schaut Steed erwartungsvoll an, doch es ist Sir Julian, der antwortet:
"Daley-Scump sollte die britische Antwort auf ein Ausbildungsprogramm für Spezialagenten der Sowjets werden. Wir sind sicher, dass die dort schon lange auf diese Weise besondere Leute ausbilden. Dabei geht es um Befehle und Verhaltensmuster, die in das Unterbewusstsein eines Menschen gepflanzt und bei Bedarf durch ein Codewort abgerufen werden können, ohne dass derjenige sich dessen bewusst ist."
"Großer Gott", entfährt es Mrs. Peel, "Sie sprechen von Gehirnwäsche."
"Nennen Sie es chemische Reinigung, mein Teure", fällt Steed ironisch ein, "denn soviel ich weiß, funktioniert es nur, wenn man den Betreffenden während der sogenannten Implantationsphase unter Drogen setzt."
"Lassen Sie mich raten, Steed, eine Mischung aus Antidepressiva und LSD?"
"Leider funktionierte es gar nicht", fällt nun der General ins Gespräch ein. "Wir wissen bis heute nicht, wie die Russen es machen aber bei uns klappte es nicht. Das Codewort blieb unbeantwortet, der Agent konnte nicht gezündet werden."
"Gezündet", Mrs. Peels Augenbrauen haben den Punkt erreicht, von dem aus sie unmöglich noch höher wandern können.
"So nannte man es, ja", gibt Sir Julian zu. "Diese Verhaltensweisen, von denen ich sprach, erfordern blinden Gehorsam. Es ist häufig das letzte Mittel, um eine verfahrene Sache noch herum zu reißen und kann auch bedeutet, dass der betreffende Agent sein eigenes Leben verwirkt."
Mrs. Peel atmet hörbar aus.
"Genau wie Major March, Captain Miller und Colonel Spenlove... ich fürchte, jemand hat doch einen Weg gefunden, Ihre Agenten zu zünden, wie Sie es ausdrücken. Ich habe eine tolle Neuigkeit für Sie, Gentlemen, Daley-Scump funktioniert wie geschmiert."
Mrs. Peel und Steed wechseln einen Blick.
"Wer hat das größte Interesse daran, dass aus unserem Dronenprojekt nichts wird", fragt Steed in die Runde, während draußen der Besucherzulauf steigt. Doch die Tomate ist absolut schalldicht, das Ganze gleicht einer Stummfilmvorführung.
"Die Sowets natürlich", antwortet Sir Julian.
"Wer von denen uns bekannten Agenten ist momentan im Lande?"
Sir Julian zuckt hilflos mit den Schultern.
"Genau das ist das Problem. Die Zeiten von Groski und Dimitri sind definitiv vorüber."
"Aber es muss doch jemand hiersein, der die Agenten zündet und immer zur Stelle ist", wirft Mrs. Peel ein.
Der rotgesichtige General dreht sich zu ihr um, was ihn einige Mühe kostet.
"Es wird auch jemand hier sein, aber das wird unter Umständen gar kein Russe sein. Oder einer, der sich nicht bewusst ist, ein Russe zu sein. Verstehen Sie, Mrs. Peel, die Russen sind uns in dieser Frage weit voraus. Und wenn ich die wäre, dann würde ich einen Briten nehmen. Möglichst einen unverdächtigen und ihn umdrehen. Das ist ja das Vertrackte an Projekten wie Daley-Scump: persönliche Integrität spielt keine Rolle mehr. Im Grunde könnte es jeder sein, Sie, ich, Sir Julian oder sogar Steed selbst. Würde er gezündet worden sein, um z.B. Dr. Cromer zu töten, hätte er es getan und anschließend vergessen, so dass es ihm gelänge, den Unschuldigen zu mimen, ja, er wäre sogar überzeugt davon, unschuldig zu sein. Aber ich kann Sie beruhigen, Mrs. Peel, Daley Scump war nach Steeds Zeit in Fanhurst."
"Da bin ich ja das erste Mal von Herzen froh so alt zu sein, wie ich bin", wirft Steed im Plauderton ein.
"Dennoch kann das alles ein Mann allein nicht vollbringen", fährt Sir Julian fort, "es werden schon Russen hier sein, unverdächtig, um die Sache zu überwachen und Bericht zu erstatten. Doch Steed hat Recht, wir haben ein Leck. Einer unserer eigenen Leute ist der Zünder. Wenn wir nur wüssten, wie sie es geschafft haben."
"Nach allem, was ich in den letzten 15 Minuten hier gehört habe, weiß ich nicht, ob ich den Mangel dieses Wissens bedauern soll."
Mrs. Peel schürzt die Lippen und betrachtet eingehend die gelbe Tischplatte.
"Ich denke, ich weiß es", wirft Steed ein, " es ist im Grunde..."
Der junge Mann öffnet die Tomate und unterbricht Steed.
"Entschuldigen Sie aber ich soll Ihnen dringend ausrichten, dass Sie noch einen Kosmetiktermin haben."
"Ach, Gott, ja", stöhnt Sir Julian und macht Anstalten sich zu erheben. "Wir haben heute noch eine Krisensitzung bezüglich der Drone. Steed, Sie müssen auch hin, Sie sind mit für die Sicherheit verantwortlich."
"Und wo findet das Ganze statt?"
Steed greift nach Hut und Schirm und folgt Sir Julian in den Gastraum hinaus. Dann hilft er auch Mrs. Peel ins Freie. Als Letzter zwängt sich der General aus der abhörsicheren Tomate.
"Ministerium, Konferenzraum -2."
"-2?"
Mrs. Peel schaut fragend drein.
"Zweites Geschoss unter der Erde", raunt Steed ihr zu.
"Aahhh..."
"Es werden alle da sein heute", Sir Julian dreht sich zu Steed um, "Politiker, Inverstoren, der ganze Haufen. Brand musste das alles kurzfristig organisieren und konnte Sie nicht erreichen. Na, der wird eine Laune haben!"
Steed strahlt Sir Julian an.
"Dann wollen wir ihn nicht länger warten lassen."

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"Also Mrs. Peel, Sie bewachen den Eingang, niemand darf hier rein oder raus, der hier nichts zu suchen hat."
"Verstanden", spaßhaft salutiert die Angesprochene vor Steed. Dieser lächelt.
"Ich muss nochmal kurz zu Brand nach oben. Die Teilnehmer der Konferenz kommen allerfrühestens in zwanzig Minuten. Bis dahin bin ich wieder da. Der Raum ist jetzt dreifach abgeschlossen und kontrolliert. Dennoch möchte ich hier lieber keine Überraschungen erleben."
Er schaut besorgt den Flur auf und ab. Sie befinden sich im Ministerium, zwei Geschosse unter dem offiziellen Keller. Ein Korridor, der auf keinem Bauplan eingezeichnet ist. Frische Luft kommt per Ventilatoren in Schächten herab. Steed und Mrs. Peel haben sich dem Anlass und der Tageszeit entsprechend umgezogen, und beide wirken sehr elegant und informell. Außer ihnen ist auch keine weitere Menschenseele zu sehen.
"Sie können beruhigt gehen, ich halte die Stellung."
Kurz darauf ist Steed verschwunden, mit einem geheimen Fahrstuhl nach oben zu seinem unmittelbaren Vorgesetzten entschwebt. Mrs. Peel geht ein wenig auf und ab. Wenig später zeigt ein leiser Klingelton an, dass der Fahrstuhl wieder angekommen ist. Mrs. Peel schaut wachsam, doch es ist nur eine Frau im schwarzen Kleid, die einen Servierwagen schiebt, auf dem sich Tee und Kaffee in Thermoskannen, Geschirr und Teller mit trockenen Keksen befinden.
Sie schaut Mrs. Peel fragend an.
"Ist der Raum noch zu?"
Diese nickt.
"Ja, und er wird auch nicht geöffnet, bevor die Teilnehmer kommen."
"Und was mache ich mit den Sachen hier?"
Mrs. Peel wirft einen abschätzenden Blick auf die Kekse.
"Lassen Sie sie hier bei mir. Viel trockener können die Plätzchen auch nicht mehr werden."
"Kuchen wurde verboten", teilt die Dame Mrs. Peel mit. Dann wendet sie sich ab. Mrs. Peel parkt den Wagen neben der Tür. Ihr Blick fällt auf die vielen Tassen. Die sind eindeutig nicht abgezählt. Nach all der Aufregung täte ihr ein Schluck Tee gut. Kurzentschlossen gießt sich Mrs. Peel ein wenig von dem schwarzen Tee in eine Tasse und nippt daran, während sie weiter Wache schiebt. Wenigstens ist der Tee heiß, denkt sie, aber die Kekse lässt sie aus. Die sehen genau so aus, wie man sie aus großen gemischten Packungen kennt.
Es vergehen weitere fünf Minuten. Mrs. Peel wird es heiß, Schweißperlen bilden sich auf ihrer Stirn. Arbeiten die Ventilatoren noch? Sie ist sich nicht sicher, ob sie sie hören kann. Es dröhnt irgendwie in ihren Ohren. Kommt von irgendwoher Musik? Sie sieht sich um. Jetzt stimmt etwas mit dem Licht nicht, mal wird es dunkler, dann heller, dann ist plötzlich alles orange. Der Flur führt nun bergauf und krümmt sich. Die Wände kommen auf Mrs. Peel zu und die Musik wird immer lauter.
Mrs. Peel bekommt nicht mit, wie ihre Tasse zu Boden fällt. Sie hört auch nicht das erneute Klingeln des Fahrstuhls. Dann kommt Steed auf sie zu. Sie schaut ihn an, ohne ihn richtig zu erkennen und bricht plötzlich in schallendes Gelächter aus.
"Ssssteed, sind Sie es? Wa-was ist mmit Ihrem Ge-gesicht?"
Wieder lacht sie schrill und unbeherrscht. Steed runzelt die Stirn.
"Mrs. Peel, bekommt Ihnen die Luft hier unten nicht?"
Er versucht sie an den Oberarmen zu packen, da schlingt sie die Arme um seinen Hals und fordert ihn kichernd auf:
"Komm, Johnnyboy, tanz mit mir."
Und schon versucht sie, sich mit ihm in Walzerdrehungen zu wiegen. Dann tritt sie auf die herumliegende Tasse, gleitet aus und reißt ihn fast mit sich.
"Uuuups", sie kichert erneut.
"Mrs. Peel was ist los, was haben Sie?"
Doch sie scheint ihn nicht zu hören, sondern summt nur eine Melodie vor sich hin. Steed befreit sich von ihr und greift nach der Tasse am Boden, sieht den Teefleck. Er riecht an der Tasse. Dann öffnet er eine Kanne nach der anderen. Mrs. Peel tanzt inzwischen laut singend und lachend den Flur entlang. Schließlich verliert sie die Balance und prallt gegen eine Wand. Sie fällt hin und Steed fängt sie ab und zieht sie wieder auf die Beine.
"Danke, Schatz", nuschelt sie, und noch ehe Steed weiß wie ihm geschieht, hat sie ihn auch schon geküsst.
Halbwegs verdutzt, doch immer noch Herr der Situation, hält Steed Mrs. Peel in einem Arm, während er ein verborgenes Telefon hinter einer Wandverkleidung bedient.
"Sir", spricht er nach einer kurzen Wartezeit, "wir haben ein Problem. Es ist offenbar etwas im Tee. Und Mrs. Peel hat davon getrunken."

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Während die arme Mrs. Peel in betriebsärztliche Behandlung überführt wird, pirscht sich Steed die Personaltreppe zur Kantinenküche des Ministeriums hinauf. Immer zwei Stufen auf einmal nehmend erreicht er nach kurzer Zeit den Absatz und findet die Küchentür unverschlossen vor. Ganz langsam drückt er die Tür auf. Drinnen in der Küche befinden sich zwei Personen, die miteinander reden: die Frau in dem schwarzen Kleid, die eben den Servierwagen brachte und ein junger Mann. Auf einer der Arbeitsflächen steht ein großer bunter Karton der Firma "Popps and More". Der Deckel ist geöffnet, doch es fehlt kein Kuchen in der Schachtel. Steed drückt sich um die Edelstahlanrichten herum. Die Frau steht mit dem Rücken zu ihm und der junge Mann lehnt an der Arbeitsfläche. Die beiden sprechen fließend Russisch miteinander.
Plötzlich bemerkt der junge Mann eine Bewegung und springt hoch. Steed tritt hervor, sprungbereit und ruft:
"Doswidanje Towaritsch!"
Als Erwiderung auf diese freundliche Begrüßung schwirrt ein großes Messer durch die Luft und bleibt nur Zentimeter von Steeds Kopf entfernt in der Wand stecken. Steed hechtet vorwärts, dem jungen Mann geradewegs in die Arme. Die Frau schreit auf. Beide Männer prallen hart an die Kante der Arbeitsfläche. Ein Ringkampf beginnt, wobei Steed auch noch die Frau abwehren muss, die ihn jetzt rücklings anspringt und sozusagen huckepack auf ihm reitet. Es gelingt ihm sie abzuschütteln, doch sein Kontrahent bekommt derweil eine Gabel zu fassen und sticht damit in Richtung von Steeds Gesicht. Dieser packt kurzentschlossen einen Doughnut (Merry-Berry) und wirft diesem seinem Angreifer ins Gesicht. So plötzlich erblindet muss der junge Mann einen Kinnhaken von Steed einstecken und taumelt ein wenig zurück.
Die Frau ist wieder auf den Beinen, hat eine Bratpfanne gepackt und versucht diese, Steed auf den Kopf zu schlagen, doch er kann gerade noch ausweichen und lässt auch ihr eine Kostprobe von Popps Köstlichkeiten zukommen, diesesmal Rocky-Chocki mit Krokantstückchen. Die kurze Unterbrechung ausnutzend fällt der junge Russe erneut über ihn her und packt Steed am Hals. Dieser wiederum versucht den Griff seines Angreifers zu lockern und beide drehen sich mit einander im Kampf im Kreis. Die Dame schwingt erneut die Bratpfanne und haut zu, doch Steed und sein Gegner haben inzwischen eine weitere Drehung vollzogen und der Russe sackt unter dem Schlag leblos zusammen.
Steeds Hals ist wieder frei. Er sieht die Frau mit der Pfanne wutschnaubend auf ihn zu kommen. Flink hat er noch weitere Doughnuts aus der Schachtel gegriffen und überrascht seine neue Bekannte nacheinander mit Bananarama, Strawberry Scoop und Caramello. Ihre Schläge bekommen daher etwas Wahlloses, Steed bekommt ihr Handgelenk zu fassen, die Pfanne fällt laut klappernd zu Boden und die Frau schreit vor Schmerzen auf, als Steed ihr den Arm auf den Rücken dreht.
"So, meine Gute, nun ist der Spaß aber zu Ende. Halten Sie still oder wollen Sie unbedingt einen Gipsverband tragen?"
Wenig später ist der Sicherheitsdienst vor Ort und übernimmt das Pärchen. Auch Sir Julian ist zum ersten Mal in seinem Leben in der Kantinenküche aufgetaucht, versucht, nicht in die zermatschten Kuchen zu treten und fordert von Steed eine Erklärung. Ihm auf dem Fuße folgt Herbert Brand mit der Nachricht, dass die ersten Konferenzteilnehmer eingetroffen seien.
"Ich habe schon dafür gesorgt, dass der Kaffee und der Tee ausgetauscht wurden", erklärt Sir Julian Brand gereizt über die Schulter. "Und der junge Perkins ist unten und muss alles vorkosten, sogar die Kekse. Ich denke, da besteht keine Gefahr mehr. Gehen Sie und kümmern Sie sich persölich um die Teilnehmer, Brand, und sorgen Sie dafür, dass keiner von denen während der Konferenz aufsteht und die anderen erschießt. Es herrscht übrigens Telefonverbot während der gesamten Konferenz und alle werden durchsucht und alles was auch nur entfernt nach einer Waffe aussieht, wird konfisziert. Verstanden?"
Sir Julians Nerven sind an diesem Tag nicht mehr die allerbesten. Brand tritt den Rückzug an. Sir Julian wendet sich Steed zu und bellt weiter:
"Was ist nun, Steed, haben wir die beiden Täter, können wir wieder ruhig schlafen?"
Steed schließt den Deckel des Kartons mit den verbleibenden Doughnuts.
"Noch nicht ganz, Sir. Lassen Sie die hier mal analysieren und sorgen Sie dafür, dass der Chemiker diesesmal am Leben bleibt. Ich wette, Sie finden im Zuckerguss unseren beliebten Drogenmix. Wer hat verboten, dass der Kuchen in den Raum gebracht wird?"
"Ich", gibt Sir Julian. "Nach allem was passiert ist, wollte ich kein Risiko eingehen und Lebensmittel von außerhalt zulassen."
Steed strahlt den Chef des Geheimdienstes an.
"Das war sehr klug von Ihnen, Sir. Der Kuchen war aber schon bestellt und geliefert. Unsere Freunde mussten improvisieren. Die trockenen Kekse konnte man unmöglich unauffällig mit dem Zeug versetzten, also haben sie eine große Dosis von dem Medikament einfach auf gut Glück in den Tee gekippt, wo ihn dann Mrs. Peel versehentlich zu sich nahm. Der junge Mann arbeitet bei diese Doughnutkette, und die Frau habe ich auch noch nie zuvor hier gesehen. Ich gehe davon aus, dass die beiden die russischen Kontakte sind und bei Bedarf und Gelegenheit bestellte Lieferungen mit dem Zeug vesetzt haben. Dennoch waren sie nicht die Zünder, nicht die Organisatoren. Jemand hat sie heute hier reingelassen, und dieser Jemand ist immer noch unter uns."
Er und Sir Julian wechseln einen langen Blick. Schließlich schnauft Letzterer entnervt:
"Sie gehen jetzt besser auch runter zur Konferenz und sorgen dafür, dass das reibungslos über die Bühne geht. Noch so ein Patzer wie Belham Ground, Gateswick oder Hamptstead und wir gehen beide in Pension, Steed."

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Mrs. Peel liegt stöhnend auf der Couch mit einem Eisbeutel auf dem Kopf. Die berauschende Wirkung der Droge ist verflogen, zurück bleibt ein ausgewachsener Kater. Es ist schon spät, Steed ist noch nicht zurück gekehrt. Sie selbst ist mit einem Taxi nach Hause gekommen, hat sich geduscht und umgezogen und ein Aspirin genommen. Der Tag wäre auch ohne den LSD-Tee lang und anstrengend gewesen.
Die Erläuterungen von Sir Julian und General Humblebee zu Daley-Scump, die geradezu emotionslose Art, in der sie darüber sprachen, wie man aus Menschen bessere Maschinen machen wollte, lassen Bilder der Vergangenheit von einem Dr. Lance Armstrong und seinem Traum oder besser Albtraum von einer automatisierten Regierung in ihr aufsteigen. Sie und Steed hatten damals gegen Armstrongs Blechkameraden gekämpft und es dann wenig später auch noch mit seinem psychopathischen Bruder aufnehmen müssen. Damals hatte Mrs. Peel es für kurze Zeit am eigenen Leib erfahren, was es bedeutet, nicht mehr Herr ihrer selbst zu sein und sie hatte es gehasst. Wie konnten verantwortungsvolle Menschen so etwas anderen antun?
Mitten in ihre Überlegungen hinein klingelt es an der Wohnungstür. Ihr erster Gedanke ist, dass Steed seinen Schlüssel vergessen hat, doch das kann sie sich bei ihm nicht vorstellen. Also steht sie auf und geht nachsehen wer da noch so spät ist.
Zu ihrer Überraschung steht Steeds Vorgesetzter Herbert Brand vor der Tür und macht einen gehetzten Eindruck.
"Entschuldigen Sie die späte Störung, Mrs. Peel, ist Steed da?"
"Nein", antwortet Mrs. Peel ein wenig verwundert ob der Frage, "er ist noch nicht von der Konferenz zurück gekommen."
"Die ist schon seit einer Stunde vorbei", informiert sie Brand. "Ich habe ihn fortgehen sehen und gedacht, er wäre gleich hierher zurück gekehrt. Die Sache ist nämlich die... ach, bitte, dürfte ich hineinkommen? Ich möchte das nicht gern im Treppenhaus erzählen, nach allem... danke."
Gewand schlüpft er zur Tür hinein und wartet, bis Mrs. Peel diese hinter ihm geschlossen hat. Sie geht vor in Richtung Wohnzimmer. Gerade will sie sich zu ihm undrehen, auf die Sitzlandschaft zeigen und "bitte sehr" sagen, da nimmt sie eine Bewegung aus dem Augenwinkel wahr. Instinktiv weicht sie aus und packt ohne nachzudenken, Brands Handgelenk. Der kleine Gummiknüppel, auch Totschläger genannt, fällt zu Boden und eine Sekunde später tut das auch Herbert Brand, der unverhofft über Mrs. Peels Schulter abrollt. Mrs. Peel keucht kurz auf, sie hat schon lange keinen Herren mehr auf diese Weise aus dem Gleichgewicht gebracht. Den Knüppel tritt sie zur Seite, da springt Brand auch schon wieder auf und stürzt sich auf sie. Mit beiden Händen versucht er sie an der Kehle zu packen, doch abermals kann sich Mrs. Peel befreien, indem ihre Arme nach oben reißt. Sie tritt aus und trifft ihn in den Magen. Er stolpert zürück, stößt an den Esstisch und hustet trocken auf.
Mrs. Peel fixiert Brand leicht nach vorn gebeugt und abwehrbereit. Dieser greift nach einem Esszimmerstuhl und wirft ihn nach ihr. Sie duckt sich und der Stuhl fliegt krachend an die Wand hinter ihr. Brand packt Stuhl Nummer zwei und geht damit auf Mrs. Peel los. Sie weicht zurück, bis sie mit den Unterschenkeln an den niedrigen Couchtisch stößt, das Gleichgewicht verliert und nach hinten fällt. Da sie nicht viel wiegt und gelenkig ist, kann sie sich mit einer Rückwärtsrolle über den Tisch retten als Brand auch schon den Stuhl niedersausen lässt und die Glasplatte des Tisches in tausend Stücke zerspringt.
Mrs. Peel hat rechtzeitig das Gesicht abgewandt, rappelt sich auf und weicht hinter einen Sessel zurück. Brand blutet aus einer kleinen Wunde im Gesicht, doch erneut schwingt er den demolierten Stuhl in ihre Richtung. Diesesmal wehrt sie den Stuhl mit einer gekonnten Karatebewegung ab. Der Stuhl fliegt aus Brands Hand und landet irgendwo polternd. Das Zimmer hat sich in kurzer Zeit in ein Schlachtfeld verwandelt und weder Brand noch Mrs. Peel haben seit der Begrüßung ein Wort miteinander gewechselt. Doch auch ohne lange Erklärungen, weiß Mrs. Peel was die Stunde geschlagen hat.
Jetzt fasst Brand in die Innentasche seines Jackets und zieht eine kleinkalibrige Waffe hervor.
"Schluss jetzt, Mrs. Peel", keucht er, "ich wollte es eigentlich wie ein Einbruch oder Überfall aussehen lassen aber Sie lassen mir keine andere Wahl."
"Die Patrone von dem Ding da wird in mir steckenbleiben", erwidert Mrs. Peel, ohne ihn aus den Augen zu lassen. "Man wird Sie daran überführen."
Die beiden gehen langsam um einander herum.
"Das ist jetzt auch schon egal", erwidert Brand und zielt auf Mrs. Peels Brustkorb. "Ich brauche nur ein paar Stunden Vorsprung."
"Um wohin zu gelangen", versetzt sie spöttisch. "Moskau? Sie werden dort nicht sehr willkommen sein, nachdem sie die Sache halbwegs vermasselt haben. Man ist Ihnen draufgekommen, das wissen Sie doch."
Ein Schatten gleitet durch die Tür. Mrs. Peel hat ihn wahrgenommen, hält jedoch weiterhin eisern Augenkontakt mit Brand.
"Sie sind schlau, Mrs. Peel. Sie und Steed. Aber das hilft Ihnen jetzt auch nicht mehr viel."
Er streckt den Arm vor und will den Finger um den Abzug krümmen. In diesem Moment saust etwas auf seinen Schädel nieder und zerspringt krachend. Brand sackt ohnmächtig zusammen und lässt den Revolver fallen. Steed steht hinter ihm, in der Hand die Reste einer Bodenvase.
Mrs. Peel atmet auf.
"Sie haben ein gutes Timing, Steed."
"Scheint mir auch so."
Er beugt sich über den bewusstlosen Herbert Brand.
"Ich fürchte, ich verschleiße meine Vorgesetzten recht schnell."
Mrs. Peel lacht auf und streicht sich die Haare zurück.
"Personalführung will eben auch gelernt sein."

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Abermals sieht man Steed im Morgenrock am Esstisch sitzen, seinen großen rot-braunen Kater hinter den Ohren kraulend und die Times studierend. Der Tisch ist wiederum für ein Frühstück gedeckt, nur diesesmal "very british" mit Orangenmarmelade, Rührei und Würstchen sowie Räucherlachs. Mrs. Peel, angetan mit wallender primelgelber Seide sitzt Steed gegenüber und angelt nach einem Brötchen.
"Steht etwas Interessantes in der Zeitung?"
Steed faltet die Times zusammen und legt sie beiseite.
"Nein, eigentlich nicht. Das Ministerium hat die Geschichte mit Brand mehr oder weniger unter den Teppich gekehrt."
"Also war er ein russischer Spion."
Mrs. Peel hält Steed auffordern den Lachs hin, er nimmt sich eine Scheibe.
"Nicht direkt. Im Laufe seiner Zeit in Osteuropa wurde er vermutlich irgendwann enttarnt und verschleppt. Tauchte kurz darauf wieder auf, scheinbar unversehrt, tatsächlich aber mit einem frisch gewaschenen Gehirn. Inwieweit er für das was er tat auch tatsächlich verantwortlich ist, ist wohl noch zu klären. Auf jeden Fall arbeitete er in sowjetischem Auftrag, soviel steht fest. Er hatte das Ziel, das Dronenprojekt zu sabotieren, und als leitender Angestellter des Geheimdienstes hatte er alle nötigen Verbindungen. Und es so aussehen zu lassen, als würden die Briten selbst ihre eigenes Projekt zerstören, war schlicht genial. Keine Spuren ausländischer Beteiligung. "
"Und als ehemaliger Fanhurst-Absolvent kannte er sich wohl auch mit Daley-Scump gut aus", wirft Mrs. Peel ein.
"Davon gehe ich aus. Zumindest wusste er, dass trotz der offiziellen Ablehnung des Projektes immer noch Absolventen dieser speziellen Behandlung unterzogen wurden und an die Codewörter kam er auch ohne Schwierigkeiten heran. Das dürfte übrigens auch er gewesen sein, der Sie im Archiv angriff."
Mrs. Peel nickt, während sie ihr Brötchen bestreicht.
"Auf die Idee bin ich auch gekommen, als ich hier mit ihm gerungen habe. Übrigens toll wie schnell Sie eine neue Rauchglasplatte für den Couchtisch besorgt haben."
"Man tut was man kann."
Steed lächelt Mrs. Peel zu.
"Wie hat er es gemacht?" will Mrs. Peel wissen.
"Wie meinen?"
"Brand. Wie hat er die Agenten gezündet?"
"Ach das", Steed beißt von seinem Brötchen ab, kaut, schluckt und antwortet:
"Das war relativ einfach. Er passte nur den richtigen Moment ab. Als der junge Smithers zum Beispiel an diesem Morgen den Kuchen kaufen ging, erkannte ihn der Russe bei "Popps an More" schon an der Uniform. Er versetzte den Zuckerguss einfach mit der Droge, die die Absolventen damals während der Implantationsphase bekamen. Dann rief der Russe Brand an und der wiederum nach einigen Minuten den Major. Dann sagte er ihm das Codewort und gab ihm den Befehl. An der Reaktion des Majors erkannte er, dass er Erfolg gehabt hatte, gezündete Agenten hinterfragen nämlich nichts. - Bei Miller war es ähnlich, denke ich mir. Doch da konnten Sie natürlich nicht auf eine Gelegenheit warten. Dennoch weiß ich, dass auch Miller wenigstens einen dieser bunten Kuchen gegessen hatte, bevor er sich in die Maschine setzte. Dann setzte er sich die Kopfhörer auf und führte scheinbar ein Gespräch mit dem Tower..."
"Und der Colonel bekam seinen Anruf vermutlich kurz nach der Teezeit."
"Der funktionierte wie ein Uhrwerk", Steed langt nach einer Scheibe Toast und greift sich die Orangenmarmelade. Dann wirft er Mrs. Peel in ihrem primelfarbenen Gewand einen langen Blick zu und fragt:
"Und wie haben Sie Ihren LSD-Trip überstanden?"
"Gut, danke", antwortet Mrs. Peel eine Spur zu beiläufig.
"Keinerlei üble Nachwirkungen?"
"Nein, keine", Mrs. Peel schüttelt den Kopf, "wenn man von einer großen Erinnerungslücke einmal absieht."
"Erinnerungslücke?"
"Kompletter Filmriss", bestätigt Mrs. Peel und unterstreicht das mit einer entschlossenen Handbewegung.
"Oh", Steed sieht ein wenig betroffen drein.
"Wieso, was habe ich denn gemacht", fragt Mrs. Peel und richtet ihr braunen Augen mit Unschuldsblick auf ihr Gegenüber.
"Nichts, nichts, gar nichts", beeilt sich dieser zu versichern, "im Grund waren Sie wie immer."
"So?"
"Ja, wirklich", Steed verteilt reichlich Orangenmarmelade. Mrs. Peel sieht leise schmunzelnd dabei zu, wie sich Steed ganz gegen seine sonstigen Gewohnheiten fast die Finger damit bestreicht.
"Sehr, sehr britisch", bemerkt sie ironisch lächelnd.
"Wie? Was meinen Sie?" Und zu Mrs. Peels großer Freude verfärben sich Steeds Ohren leicht rosa.
Sie deutet auf seinen Teller.
"Na, die Orangenmarmelade, was sonst?"
"Ach so!"
Sie zwinkert ihm zu, er lacht.

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Zur Erklärung:

In dieser Episode wird auf drei ausgestrahlte MSCM-Folgen Bezug genommen, nämlich auf "Die Roboter", "Und nocheinmal Roboter" und "Eins, zwei, drei - wer hat den Ball". Die Bemerkung von Mrs. Peel, dies wäre eine faszinierende neue Erfahrung für Steed ist eine Art Retourkutsche auf einen ähnlichen Ausspruch Steeds in "Ausverkauf des Todes".
Auch hier sind die durch Striche abteilten Textteile keine Kapitel, sondern Szenen.
Auf die Kleidung von John Steed und Emma Peel wird öfters hingewiesen. Dies geschieht, weil gerade die elegante und auch extravagante Kleidung der beiden während der früheren Episoden ein fester Bestandteil der Serie war. Es wurden für Diana Rigg als Emma Peel sowohl für die schwarz-weiße als auch für die farbige Staffel Kleider entworfen, die sog. "Emmapeelers", die es damals sogar zu kaufen gab.
Keinen Bezug wird auf die Folge "Die fehlende Stunde" genommen, trotz der vielen Flugplätze, die in dieser Episode vorkommen. Dies war einfach ein notwendiger Bestandteil dieser Episode.
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