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Das Dienstjubiläum - Angst um Harry

KurzgeschichteDrama, Freundschaft / P12 / Gen
06.03.2014
06.03.2014
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811
 
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Die Wanduhr zeigte 12 Uhr, um genau zu sein Mitternacht.
Seit etwa 7 Stunden saß Dirk nun in diesem Raum. Ein Zimmer auf der Intensivstation.
Die meiste Zeit saß er nur auf diesem harten Stuhl. Nur gelegentlich stand er mal auf, um seine Beine etwas zu vertreten. Dann schaute er meist aus dem Fenster und sein Blick war auf den Himmel gerichtet. Er betrachtete die Sterne und ein paar kleine Wolken, die sich vor den Vollmond schoben.
Er setzte sich dann wieder, starrte auf den Monitor. Alle Werte schienen auf den ersten Blick, völlig normal. Regelmäßiger Herzschlag und der Blutdruck schien sich auch zu stabilisieren.

Er sah die ganzen Kabel und Schläuche und dann fiel sein Blick auf sie. Harry, seine beste Freundin.
Er machte sich schwere Vorwürfe, dass er nicht energischer auf sie eingeredet hat.
„Bitte, lass diesen Einsatz von jemand anderem machen.“, bat er sie.
„Vertraust du mir nicht?“, entgegnete sie ihm.
Doch natürlich hatte er Vertrauen in sie. Er wusste doch, dass sie eine sehr gute Polizistin war.

Aber das war ja nicht der Punkt. Es war ihr Dienstjubiläum. Zwanzig Jahre im Dienst und das durchgehend im selben Revier. Aber Dirk war abergläubisch. „Denk bitte daran, was mir passiert ist. Ich habe ein komisches Gefühl bei der Sache.“ Doch sie regierte nicht drauf.
Es kam, wie es kommen musste. Ein Albtraum, wurde Wirklichkeit.

Obwohl Dirk zusammen mit Paul, Mads und Nina in der Nähe postiert waren und Harry ein Mikro hatte, konnte nicht rechtzeitig eingegriffen werden.
Sie hatten alle Beweise zusammen und das SEK war gerade eingetroffen, als ohne jegliche Vorwarnung ein Schuss fiel. Dann der schmerzerfüllte Schrei von Harry und plötzlich gespenstische Stille. Den Schrei bekommt Dirk einfach nicht aus seinem Kopf.

Sofort wurde die Lagerhalle gestürmt. Während das SEK und die Kollegen, damit beschäftigt waren, die Typen festzunehmen, hatte Dirk nur einen Gedanken. Harry. Sie lag schwer verletzt, mit einem Bauchschuss am Boden.
Die Zeit, bis der Krankenwagen kam, war für Dirk eine Ewigkeit.
Sechs Stunden wurde Harry operiert. Etwa um 17 Uhr rum, war die OP vorbei. Die Ärzte meinten, es käme jetzt darauf an, wie sie die nächsten 12 Stunden überlebt.  

Sie durfte einfach nicht sterben.
Dirk war müde, ihm war kalt und er hatte Hunger. Doch alle diese Gefühle, merkte er nicht. Seine Sorge um Harry, drängte alles andere in den Hintergrund.
Warum war das Schicksal immer so hart zu ihm?

Als er noch klein war, starb sein Vater. Seine Mutter starb, als er gerade erst erwachsen war. Irgendwann begegnete er seiner Traumfrau, Ellen. Er gestand ihr seine Liebe und machte ihr einen Heiratsantrag, doch das Glück hielt nur einen Tag. Dann wurde sie ihm einfach genommen. Bis heute ist er nie wieder glücklich geworden.

Harry war der letzte Mensch der ihm sehr Nahe stand. Seine beste Freundin.  
Eine zierliche Person, die sich aber mit viel Kampfgeist durchgebissen hat. Wie ein Sausewind eroberte sie damals das 14. Revier. Wenige Stunden nach ihrer Vereidigung hatte sie ihren ersten Einsatz.        
Wenn er so darüber nachdachte, wer damals alles noch zum Team gehörte, wurde er noch trauriger. Alle waren sie inzwischen weg.
Nur Harry war noch da.

Sie verstanden sich eigentlich schon immer gut, aber nachdem sich das Team in den letzten Jahren so verändert hatte, sind sie immer mehr zusammengerückt.
Eine Freundschaft, von der viele Menschen nur träumen konnten.
Sie waren immer für einander da und konnten sich aufeinander verlassen.

Er beugte sich vor, gab ihr einen Kuss auf die Stirn.
Dann ließ er sich wieder in den Stuhl zurück sinken.
Eine Schwester kam rein: „Wollen Sie nicht nach hause?“
„Nein.“, brummte er seine einfache Antwort.
Er hatte Angst zu gehen, wollte sie nicht alleine lassen.
„Wollen Sie nicht wenigstens etwas essen?“, fragte sie.
Dirk schüttelte jedoch nur den Kopf.

Er legte seine Arme auf der Bettbegrenzung ab, darauf stütze er seinen Kopf.
Er schaute Harry an, streckte die rechte Hand ein wenig, bis er Harrys Hand berührte.
„Bitte verlass mich nicht.“, murmelte er.  
Er weinte, bis seine Kräfte endgültig versagten und er einschlief.
Irgendwann merkte er eine Berührung an seiner ausgestreckten Hand. Er öffnete die Augen und was er sah, konnte er nicht glauben. Sie war wach.

Ein Blick auf die Uhr verriet ihm, dass es bereits 6 Uhr war. Die kritische Zeit war überstanden. Sie würde es schaffen.
Wieder kamen ihm Tränen, aber jetzt waren es Tränen der Freude und der Erleichterung.
„Hey, was ist denn mit dir los?“, fragte sie ihn und drückte seine Hand etwas fester.

„Ich bin nur froh, dass du noch lebst.“
Harry lächelte ihn an.
Dann fügte Dirk noch hinzu: „Weißt du eigentlich, das du meine beste Freundin bist?“
„Du bist auch mein bester Freund.“, flüsterte sie, weil ihre Stimme noch nicht so gut funktionierte.

„Dein Dienstjubiläum feiern wir nach, wenn du wieder fit bist.“, erklärte er mit einem Lächeln.
 
 
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