Grown up - Projekt Phoenix

von Tell
GeschichteAllgemein / P12
Jay
05.03.2014
23.12.2018
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In der Mittagszeit hatte man die Kantine oft für sich allein. Die meisten Bewohner der Stadt nutzten im Hochsommer die langen Pausen, um ihre eigenen Quartiere aufzusuchen. Erst wenn die schlimmste Hitze sich gelegt hatte, kehrte das Leben in die Straßen und an die öffentlichen Orte zurück. Deshalb war die Kantine zur Mittagszeit der perfekte Ort, wenn man allein sein wollte und weder Lust hatte, in seiner eigenen Wohnung die kaputte Klimaanlage anzustarren noch Lust dazu, im wiederum zu stark klimatisierten Büro ein paar Berichte durchzugehen. Hier konnte man mit einem Eistee unter dem Ventilator sitzen und versuchen, seine Gedanken mit dem künstlichen Wind fliegen zu lassen.

Es lief nicht gut. Er hatte zwei Optionen zur Auswahl gehabt, zu wem er mit seiner Geschichte gehen konnte. Oder besser gesagt: zwei Hoffnungen, einen Beweis dafür zu finden, dass seine neuen Erinnerungen an jene Zeit vor zehn Jahren echt und nicht auf Dehydrierung, wirre Träume oder einen sich entwickelnden Hirntumor hinwiesen. Zunächst war er zu seinem Bruder gegangen. Ved hatte ihn damals begleitet und war nur unter Protest an Bord des Schiffes zurückgeblieben. Und er hatte auch den Stoßtrupp geleitet, der ihn schließlich wiederfand.

"Du bist vollkommen orientierungslos durch die Straßen gelaufen!" Veds Erinnerungen an jene Zeit waren nicht ausgesprochen gut, aber Momente, in denen sich sein Bruder vor ihm blamierte, hatte er noch nie vergessen. "Ohne Helm übrigens, obwohl das doch deine eigene Vorschrift war." Er grinste süffisant, und Jay machte eine unwirsche Handbewegung. Er wollte keine Belehrungen, sondern Antworten.

"Ich hatte den Kasten also dabei, ja?" Ungeduldig schob er den schwarzen Kasten auf der Tischfläche vor ihm hin und her. "Und er war komplett geschlossen?"

"Es hat jedenfalls nichts daran geblinkt." Veds Augen funkelten vergnügt. "Wirklich, Jay, wenn du es nicht verkraftest, die Nächte mit Frauen zu verbringen, die selbst für mich zu jung wären..."

"Sie ist älter, als sie aussieht", verteidigte Jay sich reflexartig, auch wenn er nicht fand, dass das überhaupt nötig hatte. Und die Frau, die er hier ja auch irgendwie verteidigte, würde das niemals erfahren, denn wenn er ehrlich war, hatte er in all der Aufregung vergessen, mit ihr über eine zweite Verabredung zu sprechen. Die meisten Frauen, die man im Morgengrauen ohne Frühstück und ohne Erklärung aus der Wohnung warf, hatten wenig Interesse, sich noch einmal bei einem zu melden. Zumindest hatte Ved ihm das versichert. Jay wollte eigentlich nicht allzu viel darüber nachdenken, weil er sonst vor Scham über sein eigenes Verhalten im Erdboden versunken wäre.

Das Gespräch mit Ved brachte ihm allerdings nicht viel mehr als diesen Anflug eines schlechten Gewissens ein. Der Kasten hatte sich damals nicht öffnen lassen, und auch jetzt fand Ved, immerhin einer der besten Programmierer in ganz Delete, keine Möglichkeit, auch nur eine Spur von Aktitvität an dem Gerät zu entdecken. Womöglich hätte er auch ihn nicht in aller Frühe aus dem Bett werfen sollen.

Die zweite Option war ein notorischer Frühaufsteher. Dummerweise galt das für seine gesamte Familie, und so kam Jay in den unerwünschten Genuss eines Familienfrühstücks, oder zumindest der letzten Reste des Familienfrühstücks.

"Du fährst nicht nach Graze Island. Punkt!"

"Das hast du nicht zu bestimmen!"

"Ich bin immerhin dein Vater!"

"Nein, bist du nicht. Du bist nur der Samenspender!"

"Oh, er hat ein bisschen mehr getan, als seinen Samen nur zu spenden..."

"Mum! Ich will das nicht hören!"

Jay wollte das auch nicht hören. Lightning unterstützte ihren Mann selten, aber wenn sie es tat, schien es Ram unangenehmer zu sein, als wenn sie ihm wie gewohnt Messer in den Rücken rammte. Warum diese Ehe nach all den Jahren noch hielt, war Jay schleierhaft.

"Gut, wenn du das nicht hören willst, kannst du ja einfach zum Unterricht gehen!"

"Es sind Ferien!"

"In deinem Alter hat mich das nicht gestört."

"Nein, in meinem Alter hast du schon die Weltherrschaft angestrebt."

"Angestrebt?" Ram hob eine Braue und streckte die Hände mit weit gespreizten Fingern von sich. "Ich habe sie an mich gerissen." Er schnaubte. "Angestrebt... hältst du mich für einen visionslosen Virt?"

"Nein, du warst deinem Sohn ein leuchtendes Vorbild an Fleiß und Ehrgeiz, bla, bla. Kannst du ihm jetzt nicht einfach erlauben, ein paar Wochen ins Camp auf Graze Island zu fahren, statt deine Vaterzeit mit sinnlosen Verboten zu vergeuden?"

"Danke Mum."

"Ja, danke Mum", äffte Ram seinen Sohn nach und warf Lightning einen ungnädigen Blick zu. Dabei fiel sein Augenmerk auch auf Jay, der die ganze Zeit bemüht war, unsichtbar zu werden und in seinen Kaffee zu starren. "Wir besprechen das später", entschied Ram brummig und erhob sich.

"Dad!", protestierte sein Sohn, aber Ram reagierte nicht darauf, und Jay nutzte die Gelegenheit, Ram eilig hinauf in dessen Arbeitszimmer zu folgen, während Lightning dazu überging, ihrem Sohn darin zuzustimmen, was sein Vater doch für ein rückgratloser Schwächling war. Als Jay eine halbe Stunde später verärgert Rams Büro wieder verließ, war die Küche leer, und zwischen dem schmutzigen Geschirr steckte ein Zettel mit Lightnings energischer Handschrift: "Du hast Spüldienst, Schatz."

"Wirklich, Jay, wenn es auch nur den Hauch eines Hinweises gäbe, dass der Kasten sich öffnen lässt...."

"Ja, ja." Jay winkte ab und rief den Fahrstuhl. Ram hatte sich schon vor Jahren ein Penthouse eingerichtet mit bodentiefen Fenstern in allen Wänden. Auf eine Treppe hatte er verzichtet - was einige mit Größenwahn begründeten und andere damit, dass er dort oben in Ruhe gelassen werden wollte, insbesondere von allen, die den gläsernen Fahrstuhl niemals nutzen würden. "Danke für deine Bemühungen."

"Da nicht für", hatte Ram strahlend geantwortet und alle seine Zähne präsentiert. Und eigentlich hatte er Recht: Er hatte nichts getan, was einen Dank verdient gehabt hätte.

Nun saß Jay in der Kantine, schlürfte an seinem Eistee und drehte gedankenverloren den Kasten zwischen seinen Fingern. Er hatte vibriert. Und sich geöffnet. Und er hatte die Botschaft gelesen - seine Botschaft! Und wenn es auch nur für einen kurzen Augenblick gewesen war!

"Störe ich?" Die klare Stimme trug wenig Emotionen mit sich, auch wenn Jay sich sicher war, dass das Mädchen durchaus Gefühle kannte. Als sie noch sehr klein gewesen war, hatte er mit ihr auf dem Fußboden gesessen und mit Bausteinen gespielt. Manchmal hatte er getan, als hätte er ihre Nase gestohlen, und sie hatte ihn aus ihren mandelförmigen, dunklen Augen angesehen, die denen ihrer Mutter so ähnelten und dennoch den Blick ihres Vaters hatten. Jay glaubte, einen kalten Hauch im Nacken zu spüren. Vermutlich war es nur Luftzug des Ventilators.

"Nimm ruhig Platz", bot er ihr an und beobachtete, wie sie sich mit anmutigen Bewegungen auf dem Stuhl niederließ und den Stoff ihres Tops zurechtzog. Wann immer er sie ohne ihre Schuluniform sah, kam sie ihm verkleidet vor. Als fühlte sie sich in allem, was sie nicht wie eine Techno aussehen ließ, unwohl fühlte. Ihrer Mutter hätte es das Herz gebrochen. Doch Tai-San war nicht mehr hier.

"Ich habe gehört, dass du ein Problem hast", brachte sie gleich das Thema zur Sprache, das sie hergeführt hatte. Normalerweise mied sie seine Gegenwart. Sie hatte ihm einmal erklärt, das täte sie bei allen Verflossenen ihrer Mutter. Und sie hatte dabei gewirkt, als erklärte sie ihm, sie täte das an jedem Dienstag. "Vielleicht kann ich es lösen."

"Du?" Er hob die Brauen. In seinem Innern brach ein ziemliches Durcheinander aus. Er konnte sie nicht mit in diese Sache ziehen! Aber andererseits - also, wenn es wirklich wahr war, wenn er nicht geträumt, sich nichts eingebildet, unter keinen Wahnvorstellungen litt - andererseits war es erschreckend logisch, gerade sie es versuchen zu lassen.

"Ich bin gut in ungelösten Problemen", erklärte sie. Keine falsche Bescheidenheit. Kein Aufschneiden. Sie erklärte es ganz nüchtern und stellte es ihm nicht frei, an ihrer Aussage zu zweifeln.

"Du hast Ferien", versuchte er sich etwas mehr Zeit zu verschaffen.

"Das bedeutet, dass ich dafür Zeit habe", erwiderte sie, und Jay beschloss nachzugeben. Woher sie von dem Kasten wusste oder wie sie ihn hier gefunden hatte - er stellte auch das nicht in Frage. Vielleicht war es Schicksal.

Stumm schob er ihr den Kasten zu und sah zu, wie sie ihn vorsichtig aufhob. In ihre Augen trat ein Glänzen, und die Züge ihres Gesichts veränderten sich. Jay lehnte sich zurück. Vielleicht würde es ein wenig dauern, aber wenn jemand einen Beweis finden konnte, dass seine Erinnerungen echt waren, warum dann nicht ausgerechnet sie?
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