Grown up - Projekt Phoenix

von Tell
GeschichteAllgemein / P12
Jay
05.03.2014
23.12.2018
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So hatte er sich eine Geisterstadt immer vorgestellt. Die vor Schmutz blinden Fenster der verlassenen Häuser starrten vorwurfsvoll auf ihn herab, während er sich seinen Weg zwischen zerborstenem Asphalt, ausufernder Vegetation und den Resten dessen bahnte, was für sie einst Zivilisation bedeutet hatte: alte Autoreifen, ausgebrannte und rostige Karrosserien, Müllcontainer und Laternenpfähle. Weit über ihm spannte sich ein stahlblauer Himmel mit einer trotzigen Sonne, und während er seinen eigenen Atem unter dem Schutzhelm allzu deutlich vernehmen konnte, sehnte er sich danach, den Helm abnehmen und die Sonnenstrahlen auf seinem Gesicht genießen zu können. Zu gefährlich, warnte ihn sein Verstand. Als sie die Stadt verlassen hatte, waren die Viren mit der Explosion vermutlich weit verteilt worden, und womöglich waren sie immer noch da - lauerten unsichtbar in der flirrenden Luft und warteten nur darauf, dass er seinen Schutzhelm abnahm, um in seine Lungen, seine Blutbahn, seine Nervenbahnen einzudringen. Er wusste nicht, wie das Virus wirkte, aber wenn die Seuche aus der alten Welt dagegen wie eine Grippe war, wollte er es eigentlich auch nicht wissen.

Unruhig glitten seine Blicke über staubige Hauseingänge, suchte er mit den Augen nach dem, was er zu finden befürchtet hatte: Spuren jener, die nicht mit ihnen geflohen waren. Sollte es ihn beunruhigen oder freuen, dass er noch nichts entdeckt hatte? Und warum hörte er die hämische Stimme seines kleinen Bruders, der ihm schon vor seiner Abfahrt Geschichten von Zombies und Vampiren erzählt hatte, ohne von seinen eigenen Gruselgeschichten müde zu werden? Als er noch klein war, hatte er definitiv zu viele schlechte Filme gesehen!

Er tastete an seinem Handgelenk. Irgendwo dort war der Knopf, mit dem er die Kommunikation aktivierte. Nachdem ihn die Statusberichte, die er scheinbar im Minutentakt senden sollte, abgelenkt und geärgert hatten, hatte er die Kommunikation mit dem Schiff auf stumm gestellt. Jetzt aber war ihm danach, eine andere menschliche Stimme zu hören. Doch als erstes hörte er nur das leise Piepen, das ihm verriet, dass eine Verbindung hergestellt worden war. Es klang wie ein Tinnitus im Frühstadium. "Basis bitte kommen", meldete er sich und war erschrocken darüber, wie heiser seine Stimme klang.

"Endlich!" Erleichterung und Vorwurf am anderen Ende der Funkverbindung hielten sich die Waage. "Ist alles in Ordnung? Wie ist dein Status? Und wo zur Hölle steckst du?"

Er schmunzelte. Sie hatten ein Protokoll für die Kommunikation aufgestellt, ehe sie abgereist waren. 'Wo zur Hölle' hatte nicht zum Standardvokabular gehört. "Es ist alles in Ordnung, ich brauchte nur ein paar Minuten für mich", erklärte er und begann, seine Umgebung erneut zu mustern. Dieses Mal suchte er nach Anhaltspunkten, wohin es ihn verschlagen hatte. Diese Stadt war einmal seine Heimat gewesen. Bestimmt konnte er eine Straße wiedererkennen, ein Gebäude, irgendetwas.

"Du bist nicht auf diese Mission gegangen, um ein paar Minuten für dich zu bekommen", beklagte sich die Stimme am anderen Ende der Verbindung. Die Erleichterung, dass er wieder etwas von sich hören ließ, war offenbar schnell der Verärgerung gewichen, dass er solange geschwiegen hatte. "Dies ist kein Selbstfindungstrip. Es ist eine Erkundungsmission." Und mich hast du nicht mit an Land genommen. Dieser Vorwurf stand auch im Raum, unausgesprochen, aber unüberhörbar.

"Ich weiß, ich weiß", verteidigte er sich halbherzig. Diese Gegend hier - er wusste genau, wo er war! Offenbar hatten seine Füße ihn hergebracht, ohne dass er darüber nachgedacht hatte. Wie oft war er diese Straße entlang gegangen, manchmal sogar gefahren, wie oft um diese Ecke hier gebogen, um etwas zu sehen, was jetzt nicht mehr da war. Schweren Herzens bog er um die Ecke.

"Wo steckst du?", wiederholte die Basis ungeduldig.

"Ich..."  Er brach ab. Etwas stimmte nicht. Dieses Gebäude dort - es sollte in Schutt und Asche liegen! Es sollte nicht mehr da sein! Und doch erhob es sich nur wenige Schritte von ihm entfernt! "Das ist unmöglich", murmelte er. Und dann begann das Piepen.

Es piepte laut und eindringlich, und mit einem Ruck richtete er sich auf und blinzelte verwirrt in die Dunkelheit, die ihn umgab.

Seine Haut war nass von Schweiß, es war stickig im Zimmer, und neben ihm fuhr der Wecker damit fort, unbarmherzig zu piepen. Jemand bewegte sich unruhig auf der Matratze neben ihm, und auch, wenn er noch einen Moment brauchte, um ganz sicher zu gehen, dass er sich in seinem Zimmer in der Stadt und nicht auf der anderen Seite des Meeres befand, war er schnell genug dabei, den Alarm auszuschalten, um die andere Person nicht zu wecken.

Er hatte geträumt. Schon wieder. Es war derselbe Traum, den er seit zehn Jahren immer mal wieder hatte, immer in Schüben. Manchmal glaubte er, dass es kein Traum war, sondern Teil einer Erinnerung.

Leise glitt er aus dem Bett und ging hinüber zum Schrank. Obwohl sich seine Augen noch nicht völlig an die schwachen Lichtverhältnisse gewöhnt hatten - Licht drang durch den Spalt unter der Tür, allererste Sonnenstrahlen durch die Vorhänge vor dem Fenster - fand er seinen Weg mühelos. Er konnte ihn selbst im Schlaf.

Lautlos öffnete er die Schranktür. Ganz unten hinter der Unterwäsche versteckte er eine Kiste. Eigentlich versteckte er sie nicht - er hatte sie nur dorthin gepackt, weil er keinen besseren Ort für sie gewusst hatte. Er hatte darin alles verstaut, was er vor zehn Jahren bei sich getragen hatte, als ihn seine Begleiter zurück aufs Schiff holten, und was die Sicherheitsschleuse nicht zerstört hatte. Das meiste war aus Plastik: Spielzeug, das er aus der Mall mitgenommen hatte als Andenken für die, die zuhause auf ihn warteten. Und der kleine, schwarze Metallkasten. Etwas Technisches steckte darin, das wussten sie, aber sie hatten es nie in Betrieb nehmen können.

Nachdenklich wog er es in der Hand. Normalerweise war es kühl und schwer - heute Nacht hatte er das Gefühl, als wäre es warm. Warm, vibrierend und irgendwie lebendig.

Er schüttelte den Kopf. Es war Hochsommer, und die Klimaanlage hatte eindeutig einen Aussetzer. Außerdem hatte er sich vielleicht eine Sommergrippe eingefangen, zu wenig getrunken, zu viel trainiert, zu wenig geschlafen, zu viel gearbeitet. Irgendetwas davon oder alles zusammen. Am besten legte er das Ding wieder weg, legte sich wieder ins Bett und schlief noch etwas. Meldete sich krank. Nahm sich den Tag frei. Ging hinunter an den Strand und ruhte sich heute einfach einmal aus.

Fast hatte er sich selbst dazu überredet, als etwas geschah, was ihm schon wenige Stunden später niemand glauben würde: Der Metallkasten veränderte sich. Im Zwielicht konnte er es nicht sehen, er spürte es eher. Die Vibration wurde stärker, veränderte sich - und dann leuchteten Lichter auf. Kleine rote und gelbe Lämpchen blitzten auf, schienen einen unbekannten Codetanz aufzuführen und verfärbten sich schließlich zu einem grellen Grün. Hellwach beobachtete er, wie das grüne Licht Worte bildete; nicht viele, nicht einmal sehr lange Worte.

"Bin am Leben. Es ist Zeit. Code Phoenix-1-0-1-0."

Und mit einem Mal war seine Erinnerung wieder zurück. So, wie sie es damals geplant hatten.

Und er wusste, was er zu tun hatte. Er musste zurück. Aber dieses Mal würde er nicht allein gehen. Und dieses Mal würde er nicht versagen. Das Leben eines Freundes hing davon ab.
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