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Missing

von Nathaira
Kurzbeschreibung
SongficHorror, Schmerz/Trost / P16 / Gen
Frigga Loki Odin Thor
05.03.2014
04.08.2014
7
36.391
3
Alle Kapitel
36 Reviews
Dieses Kapitel
10 Reviews
 
 
05.03.2014 3.990
 
Hallo erstmal :3

Jup, eine weitere Songfiction, die bei mir seit Monaten gammelt (mal wieder ;P)

Diesmal ist sie ziemlich düster geworden, also aufgepasst das ist nichts für schwache Gemüter hier.

ACHTUNG : Hierbei handelt es sich um keine Forsetzung irgendwelcher OS, die ich bereits verfasst habe (die kommen noch, habt Geduld)

Und da diese Songfiction mal wieder länger geworden ist als gedacht/gewollt ¨seufz¨, werde ich die Songfiction innerhalb mehrerer kleiner Kapitel posten.

Oh, und hier ein paar Bilder zu zwei Blumen, die noch eine ganz wichtige Rolle in dieser Story spielen werden auch wenn es sich komisch anhören könnte. Nur, damit ihr einen Eindruck gewinnt wie diese Blüten aussehen.

Rote Tigerlilie :

http://images.fotocommunity.de/bilder/blueten-kleinpflanzen/iris-und-lilien/rote-lilie-f0bdb0df-bfe7-42b8-b532-78d2e8302df9.jpg

http://www0.artflakes.com/artwork/products/733850/poster/tigerlilie.jpg?1322481291

http://thumbs.dreamstime.com/x/helle-rote-tigerlilienblume-3072321.jpg

Schwarze Rose :

http://www.gothic-forever.de/Schwarze_Rose.jpg

http://www.gaestebuchbilder.org/data/media/13/schwarze-rose.jpg

http://www.gaestebuchbilder-gratis.com/data/media/89/Rosen274.png

Zur Sicherheit lasse ich das jetzt mal P16 wegen dem Thema, ob es Slash wird, wird sich in den nächsten Kapiteln zeigen, aber wenn, dann wahrscheinlich eher angedeutet... naja, mein Rating sagt euch ja dann Bescheid ;)

Enjoy Reading :3


---


Please, please forgive me,
But I won't be home again.



Das erste, was Thors Denken vereinnahmte als er das Blut sah, war dessen Farbe.

Nicht die Glasscherben, in denen es sich tunkte.
Nicht der Boden, der sich großzügig damit schmückte.
Nicht der Körper, in dem es badete.

Nein, einzig und allein die Farbe.
Denn es hätte nicht rot sein sollen, sondern blau. Eisblau. Eisblut

"Er hat sich Tigerlilien gewünscht¨, hörte Thor seine Mutter flüstern, während sie an seiner Seite stand und die schreckliche Szenerie mit eigenen Augen betrachtete.
Ihre kummervolle Stimme schwankte zwischen Fassungslosigkeit und schlichtem Schmerz hin und her.
¨Rote Tigerlilien. Seine Lieblingsblumen, weißt du noch? Er hat mir einmal erzählt, sie würden ihn in ihrer wilden Blüte an dich erinnern. Weil du im Grunde auch eine Art Tiger wärest. Ein prächtiges, kraftvolles Raubtier in der Schlacht. Nur deswegen hat er sie geliebt.¨
Sie biss sich eines vor Äonen von Jahren anerzogenen Reflexes wegen auf die Unterlippe, um ihr Schluchzen, welches ihr die Kehle hoch zu rollen drohte, im Zaum zu halten. Sie biss so heftig zu, dass bald ein burgunderfarbenes Rinnsal von ihrem Kinn perlte, hinab fiel und ihr samtenes Nachtgewand besudelte. Ihre langen Fingernägel krallten sich in das Fleisch ihrer nackten Oberarme, penetrierten die erfasste Haut mit scharlachroten Druckstellen. Es war ihr egal. Sie schien es kaum wahrzunehmen.

¨Natürlich habe ich sie ihm sofort bringen lassen¨, fuhr Frigga leicht entrückt fort, sprach wie in Trance. ¨Ein ganzes Bündel in der schönsten Kristallvase, die ich finden konnte. Wenn ich gewusst hätte, dass er - ich hätte doch nicht - !¨.

Sie gab ihren Widerstand auf und ließ einen glänzenden Tränentropfen seine feuchte Spur über ihre linke Wange ziehen.
¨Er wollte doch nur ein paar Blumen...¨ wiederholte sie erstickt, brach schließlich mitten im Satz ab. Ihr entwich ein einzelner, rasselnder Atemzug. Dann stand sie still und versank vollends in ihrer eigenen Trauer.

Sie ging erst, nachdem Thor es ausdrücklich von ihr verlangt hatte.
Das war nun mehrere Stunden her.

Seitdem musterte der Donnergott stumm den starren Körper, der wie eh und je nur wenige Meter von ihm entfernt lag.

Der Kragen seines Hemds war mit Gewalt gelockert worden, sodass sich ein Streifen der blanken Kehle höhnisch präsentierte, blassblau und seltsam fragil in ihrer Beschaffenheit. Die unverhüllte Haut schimmerte im flackernden Lichtschein der halb zur Neige gebrannten Kerzen ähnlich frisch gefallenem Schnee, und schien gleichsam rein und klar wie junger Morgentau. Geisterhaft schön.
Schatten tanzten in wirren Reigen an den kargen Zellwänden. Thor schenkte ihnen bloß sporadische Beachtung. Er wusste nicht, wie lange er bereits in der verwüsteten Zelle harrte ohne sich einen einzigen Millimeter von der Stelle gerührt zu haben. Niemand hätte es ihm sagen können. Er hatte bei seinem Eintritt ins Verließ alle Wachen von ihren Posten abgezogen.
Zur Vorsichtsmaßnahme. Um Zeugen zu vermeiden, falls nötig.

Sein Herz hämmerte in unermüdlichem Rhythmus gegen seinen Brustkorb und er verstand es nicht.
Verstand nicht, warum es weiterpochte, als wäre nichts geschehen, obwohl er diesen furchtbaren Stich verspürte, welcher bei jedem Atemzug tiefer in seinem Inneren ansetzte.
Er verstand in diesem Moment überhaupt wenig. Sehr, sehr wenig. Und doch mehr, als er ertragen konnte.


Maybe someday you'll look up,
And, barely conscious, you'll say to no one:

"Isn't something missing?"



Nach einer halben Ewigkeit zwang er sich endlich, einen Schritt nach vorne zu wagen. Dann noch einen. Und noch einen.

Mechanisch steuerte er auf die ungefähre Mitte des Raumes zu, an welcher der Tote kauerte, kam erst wenige Zentimeter vor ihm wieder zum Stillstand. Schlanke, in dunklen Stoff gehüllte Beine umwanden sich in merkwürdig verdrehter Haltung, ein Arm presste sich in einer kerzengeraden Linie an die Taille, der andere streckte sich in einem abstrusen rechten Winkel aus. Eine bleiche, feingliedrige Hand hielt in ihren steinernen Fingern eine faustgroße Scherbe umklammert. Getrocknete, bräunliche Blutfetzen klebten daran. Thors Blick blieb unweigerlich daran hängen.

¨Er wollte doch nur ein paar Blumen...¨

Im Geheimen wähnte er, wie ein Stück gesplittertes Glas solch eine grausige Tat verrichten konnte. Es wirkte geradezu harmlos, betrachtete man es aus der Ferne.
'In fähigen Händen wird jeder Gegenstand zur Waffe.' beantwortete er seine eigene Frage und verfluchte seine Mutter plötzlich mit aller Kraft und Intensität, die er in dieser Sekunde aufzubringen vermochte. Weil sie nicht daran gedacht hatte, als sie Loki die fragile Vase mit dem blühenden Bouquet bedenkenlos schenkte. Weil sie blind gewesen war für die Gefahr, die dieser Liebesdienst in sich barg. Doch diese Wut, diese Rage wich rasch dem überbordenen Gefühl von Scham und Übelkeit.
Wie wenn man die Zelle mit einem Zeitraffer versehen hätte, ging der Donnergott betont langsam auf die Knie, schwebte mit seinen Händen erst wenige Zentimeter über dem atemlosen Brustkorb, bevor er sich nach vorne beugte und seine Arme darum wrang. Vorsichtig, als würde er feines, zerbrechliches Porzellan berühren, hob er den schmalen, von Sehnen und Muskeln durchzogenen Oberkörper an, hielt ihn in einer sanft auslaufenden Schräge.

Mit der einen Hand den Rücken abstützend, fuhr er mit den Fingern der anderen unterschwellig bebend über das blutleere Antlitz ähnlich einem Blinden, der in fiebriger Konzentration die Konturen des scharf geschnittenen Profils nachzeichnete.
Die Haut, über die er wanderte, fühlte sich glatt und hart an. Und kalt. Kalt wie Gletschereis.
Seine unwegsame Route führte von der hohen Stirn bis zum spitzen Kinn, weitete sich über die Kehle hinaus und zum unbewegten Brustkorb, an dem seine Fingerkuppen über die Stelle glitten, unter der für gewöhnlich das Herz pochte. Er verharrte. Zitternd presste er seine flache Hand auf das Fleisch, drückte sachte dagegen, um selbst den zartesten Impuls erfassen zu können.

Ihm hätte der Hauch einer Regung genügt, einem Flügelschlag gleich, kaum der Erwähnung wert. Irgendetwas, das man als zögerliches Lebenszeichen hätte werten und somit einen vermeintlichen Schwindel aufdecken können. Doch es kam keines. Alles, was ihn grüßte, war ein universelles, tonloses Nichts. Der Körper unter ihm verblieb reglos wie der einer Puppe. Thor biss fest die Zähne aufeinander, mahlte mit dem Kiefer. Keine Illusion diesmal.
Keine Lüge. Echt, echt, der vermeintlich Verstorbene war echt.

Sein Hals schien plötzlich wie ausgedörrt, das Schlucken fiel ihm deutlich schwerer.

Er hätte jetzt schreien sollen, seinem Schmerz, seiner Trauer Ausdruck verleihen.
Wenigstens Tränen hätte er über dem Leichnam, der einst die Seele seines Bruders beherbergte, vergießen müssen.  Er tat nichts dergleichen.
Es war, als wäre Loki gegangen und hätte all seine Worte mit sich genommen.

Der Ase war in diesem Moment nicht einmal zu einem simplen, gequälten Laut fähig. Jeder Muskel in seinem bulligen Leib fühlte sich unsäglich taub an. Nur langsam, sehr langsam tat der Donnergott das Einzige, was ihm in diesem Moment  richtig erschien. Sich tiefer hinab beugend barg er das totenbleiche Haupt eng an seiner Brust, strich mit seinen Fingern rastlos durch das nachtschwarze Haar... und begann die Leiche in sanftem Rhythmus in seinen Armen zu wiegen. Vor und zurück, vor und zurück. Wie eine Mutter, die ihr Neugeborenes in den Schlaf schaukelte, dessen Unruhe mit Geborgenheit und Wärme stillte.

Die Geste zeugte von einer makaberen Zärtlichkeit, das Wunder der Geburt, aller Dinge Anfang lief fließend in den Akt des Sterbens über.


You won't cry for my absence, I know
You forgot me long ago.
Am I that unimportant...?
Am I so insignificant...!?



Und während Thor derart handelte, seine Lippen sinnend an die eisige Schläfe legte, strömten nach und nach dürre, nasse Bäche aus Salz und Kummer über seine bärtigen Wangen, tropften auf aschgrau färbendes Fleisch. Der einzige Klang, der dem Donnergott in der Stille entkam, war ein ersticktes Wimmern, das einsam von den Wänden widerhallte.


Isn't something missing?
Isn't someone missing me?


---

¨Das kannst du nicht machen!¨ schrie Frigga ihm entgegen, packte Thor verzweifelt am Arm, willens ihn gar fesseln zu lassen, falls es denn nötig wurde, ¨Niemand hat Helheim je betreten und ist lebend von dort zurückgekehrt! Ich will heute nicht beide Söhne verlieren! ¨

Der Kronprinz schüttelte den Griff seiner Mutter leichtfertig ab, ohne aufzublicken.
¨Loki ist nicht auf dem Schlachtfeld gestorben, darum wird ihm der Eintritt nach Walhall verweigert¨, erwiderte er in seltener Ruhe, richtete seine Augen stumpf nach vorne, ¨Du weißt, es gibt nur einen einzigen Ort, an dem er sonst sein kann. Ich muss dorthin! ¨

Er konnte das Bildnis seiner Mutter zu diesem Zeitpunkt nicht ertragen. Zu sehen, wie es ihr zum zweiten Mal an diesem Tage das Herz brach, hätte seinen Entschluss womöglich geändert.
Doch er durfte sich nicht umstimmen lassen. Er wusste bereits gut genug, dass es sich bei seinem Vorhaben um ein Himmelfahrtskommando in entgegengesetzter Richtung handelte, doch welche Wahl blieb ihm denn noch? Es war der einzige Weg, um Loki zu retten und damit ihr beider Schicksal neu zu knüpfen, besser zu knüpfen.

Es war kaum drei Stunden her, seitdem er die Zelle des Toten verlassen, seine Rüstung angelegt und Sleipnir, den preisgekrönten Hengst des Allvaters und schnellster Gaul aller neun Welten, als Reittier beordert hatte. Während Frigga erneut zu einem Katalog der Mahnungen ansetzte, rauschte ihm unaufhörlich das Blut in den Ohren. Fuhr er sich mit seiner Zunge flüchtig über die Lippen, schmeckte er immer noch das Aroma der vertrauten, erkalteten Haut.
Seine Hände ballten sich zu Fäusten. Nein, er durfte jetzt nicht nachgeben. Er hätte es nie tun sollen. Egal, welches Flehen ihn heimsuchte, welche Drohungen und Schauergeschichten über die tieferen Gefilde der Behausung Hels auf ihn einprasselten. Er musste es wenigstens versuchen. Tat er dies nicht, würde er es sich nie verzeihen können.

Schließlich ließ die Königin unwillig von ihrem ältesten Sohn ab, als sie seine grimmige Entschlossenheit fingerdick in der Atmosphäre wabern spürte. Ihre Haltung wurde gramgebeugt, an ihren Wimpern schimmerten Tränentropfen. Dennoch war ihre Stimme fest und klar, als sie Thor ihre filigrane Hand an die Wange legte, ihn prüfend ansah.
¨Wenn du schon diesen unheilvollen Pfad einschlägst, versprich mir, dass du heil und gesund zurück kommst¨, bat sie ihn in milder Strenge. Thor nickte stumm, gehorsam, genoss noch einen kurzen Moment die Wärme ihrer Finger auf seiner Haut, bevor er sich endgültig losriss und zum Gehen ansetzte.

¨Thor.¨

Es war kein Befehl, doch allein der eindringliche Tonfall, den seine Mutter anwendete, mahnte ihn noch zu bleiben. Der Donnergott blieb wie angewurzelt stehen, ohne sich umzudrehen.
Er wartete.

¨Bring ihn heim.¨

Die Worte glitten sanft von ihren Lippen und doch bohrten sie sich wie glühende Nadeln in seine Muskeln, trieben sich bis zu seinem wild schlagenden Herzen, ließen ihn ein paar schicksalshafte Sekunden verharren. Dann setzte er sich wieder ruckartig in Bewegung, ging den Flur entlang bis hinaus ins Freie und verschwand unter dem finsteren Gewand der Nacht.


---


Obwohl sich Helheim mit allen acht Welten untrennbar verband, konnte es nicht wie gewöhnlich durch den Bifröst bereist werden.

Nur die Toten erhielten unbeschränkten Zugang in die unterirdischen Gefilde. Diejenigen, in denen noch der Lebensfunkte glimmte, mussten sich anders behelfen. Eigentlich hätte man aber getrost sagen können, dass sich der Eintritt in das verdorrte Reich schier unmöglich gestaltete. Es sei denn, man besaß das wendigste und kraftvollste Reittier im ganzen Universum. Dann war wenigstens eine vage Hoffnung auf Erfolg gegeben.
Wie von Sinnen presste Thor seine Schenkel in Sleipnirs Flanken, trieb ihn immer wieder zur Eile. Der Hengst wieherte ärgerlich auf, doch der Donnergott besaß jetzt nicht die Geistesgegenwart, ihm entschuldigend den Hals zu tätscheln. Sein ganzes Wesen war auf ihr Ziel ausgerichtet, seine Gedanken bei dem Leichnam seines Bruders. Fast konnte er dessen Stimme spöttisch in der Luft brausen hören.

¨Du Narr¨, wisperte sie ihm ins Ohr, ¨Du bist zu spät. Zu spät¨.


Even though I'm the sacrifice,
You won't try for me, not now.
Though I'd die to know you love me,
I'm all alone.



Unvermittelt nahm der Ase eine Hand von den Zügeln, legte sie auf seine Brust, unter der indes ein grässliches Stechen Einzug gehalten hatte. Als würden winzige Dolchspitzen seine Lunge punktieren.
¨Du hast versagt. Erneut.¨
Sie flogen auf dem Bifröst, überquerten die sternbedeckten Schleierstraßen am Firmament, bis sie tiefer sanken.
Thor schloss kurz die Augen, als sie den blassblauen Meeresspiegel Midgards durchbrachen, mutwillig in die düsteren Abgründe tauchten. Seine Muskeln brannten aufgrund des hohen Drucks wie Feuer, seine Lungenflügel kollabierten, doch er wagte erst nach Atem zu ringen, als sie den Ort erreichten, den man ehrfürchtig den Spalt der Welten nannte. Glühende Adern dicklichen Magmas pulsierten an dessen Rändern, schleuderten gräuliche Rauchfahnen empor, die sich in der eisigen Flut zu minimalen Partikeln zerstoben, ungesehen in der flüssigen Ferne verteilten. Der Ase lenkte Sleipnir ohne Zögern direkt in den blubbernden Sud am Fuße der Schlucht, wissend, dass nicht einmal ein nordischer Gott derartige Verbrennungen schadlos überstehen würde.
Der Hengst, von dem er eigentlich wegen des angeborenen Instinktes mehr Gegenwehr erwartet hätte, sträubte sich keine Sekunde, stürzte sich geradezu euphorisch in den Teufelssog und ließ alle Vorsicht fahren. Es war, als wüsste das Tier, wer sie auf der anderen Seite vermutlich erwartete, darum umso enthusiastischer voranpreschte.

Just kam Thor in den Sinn, dass es einst Loki gewesen war, der Sleipnir einst als von der Herde zurückgelassenes Fohlen in den Wäldern Utgards gefunden, trotz Protest der übrigen Gefährten mit nach Hause gebracht, heimlich in den königlichen Stall geschmuggelt und sich dann nahezu rührend darum gekümmert hatte.

Er hatte Sleipnir seinen Namen gegeben, ihn geduldig mit der Flasche aufgezogen und ihn zugeritten, damit der bestochene Stallmeister das Pferd nicht für tollwütig oder gar wild befinden konnte. Zudem hatte er Thor damals ausdrücklich darauf ¨hingewiesen¨, dass, sollte dem Kronprinzen auch nur ein Sterbenswörtchen über den ungeladenen Gast im Beisammensein des Allvaters entweichen, so würde er ihm höchstpersönlich mitsamt der losen Zunge an ihre Zimmerdecke nageln.
Da Thor sehr an seiner Zunge hing und wohl wusste, wie ernst er diese Drohung bei seinem Bruder nehmen musste, hatte er still geschwiegen, bis das kränkliche Fohlen zu einem stattlichen Hengst reifte und Loki es derart einfädelte, dass er Sleipnir Odin zum Geburtstag schenkte, um ihn für alle Ewigkeit vor dem potenziellen Schlachthof zu bewahren.
Daran und an all das, was der Lügengott sonst für ihn getan sowie riskiert hatte, schien sich Sleipnir nun zu erinnern, denn er lief als wäre er vom Wahn heimgesucht und seine Hufe mit Stacheln übersät. Vielleicht aber lag dies auch bloß an der bedrohlichen Präsenz des nahenden Helheims, wer wusste das schon. Thor tat es nicht, rügte sich schon im Geiste dafür, solch horrende Theorien aufgestellt zu haben. Immerhin - es war nur ein Pferd, für das er Liebe, währende Zuneigung und im Bezug zum Jötunn geradezu mütterliche Ambitionen interpretierte. Wenn er dies recht bedachte, war das mehr als lächerlich.

Völlig abstrus. Eine Kinderei. Er hatte keine Zeit für Kindereien.

Nichtsdestotrotz musste er die Zügel in eisernem Griff halten, um nicht von der Geschwindigkeit, die Sleipnir vorlegte, von dessen Rücken gefegt zu werden.
'Ich komme, Bruder.' dachte er bei sich und musste an sich halten, um es nicht einem Schlachtruf ähnlich in die Ferne zu schreien, während sie in den Feuersee tauchten und unbeschreibliche Hitze an seiner Haut nagte.

'Ich komme und hol' dich da raus!'


Isn't someone missing me?


---


Come little children
I'll take thee away
Into a land of enchantment...


Träge öffnete Loki die Augen.

Unüberbrückbare Finsternis umhüllte ihn ähnlich eines eng geschnürten Kokons. Sie war so vollkommen schwarz, dass er zuerst darüber spekulierte, ob er nun aus unerfindlichem Grunde sein Augenlicht verloren und blind geworden war. Vorsichtig spaltete er den Mund, leckte sich über die Lippen. Sie fühlten sich rissig an. Trocken und ausgedörrt, als hätte seit Monaten kein einziger Tropfen Wasser sie benetzt. Erst langsam verlagerte er sich darauf, sich auf seine restlichen Sinne zu konzentrieren, jegliche Information durch seine übrige Wahrnehmung zu erfassen. Prüfend strich er mit seinen Fingerkuppen über feuchten Grund, den er durch dessen weiche Konsistenz als modrige Erde diagnostizierte.
Wo war er? Träumte er etwa? Mühsam setzte er sich auf, tastete sich wie ein Junges auf Händen und Knien krabbelnd voran. Er kannte keine Richtung, bewegte sich einfach nach vorne.

Er tat dies eine kleine Weile, in der nichts seinen Weg kreuzte. Die Dunkelheit blieb, sowie der Moder, auf dem er wandelte. Dabei hätte es ihn sogar erleichtert, wäre er auf irgendeine Form des Widerstandes gestoßen. Es hätte ihm den beruhigenden Hinweis gegeben, dass er nicht im Kreis robbte, sondern auf ein ferneres Ziel zusteuerte.


Come little children
The time's come to play
Here in my garden of shadows


Unvermittelt brach Loki zusammen, drückte seine Stirn auf die Erde.
Gequält presste er seine Hände auf die Ohren, scharfe Schmerzwellen fluteten seinen zitternden Körper, penetrierten jeden einzelnen Muskel, den er besaß. Er war wie paralysiert, verfiel in toxische Starre. Speichelfäden rannen unkontrolliert aus seinem halb geöffneten Mund, ohne, dass er es verhindern konnte. Es war ihm, als brenne man ihn von innen heraus mit glühendem Eisen.
Diese Stimme. Er kannte diese Stimme. Er hatte sie nie zuvor vernommen, dennoch glaubte er, deren Urheberin bereits seit seiner Geburt zu kennen, was abstrus genug schien, wäre nicht auch noch die Tatsache hinzukommen, dass er die Strophen des momentan klagend vorgetragenen Liedes unzögerlich hätte rezitieren können, hätte man ihn nur danach gefragt. Herzzerreißend schmetterte die Frau jede Silbe wimmernd über das Land, ließ Loki mürbe werden.
Ein unmenschlich hohes Jaulen schnitt durch die Luft, paarte sich in grässlicher Harmonie mit dem melodischen Reigen. Es dauerte etwas, bis der Jötunn begriff, dass es von ihm selbst stammte. Für gewöhnlich hätte er sich dafür gescholten, doch als die süße, hypnotisch anmutende Stimme erneut durch die Schwärze klang, kam ihm jegliche Scham abhanden und er begann zu schreien.
Schrie aus voller Kehle, schrie wie jemand, dem die Haut bei lebendigem Leibe abgezogen wurde. Nie hatte er derartige Schmerzen erfahren und er war unfähig, sie stumm zu überstehen.

Follow sweet children
I'll show you the way
Through all the pain and the sorrows

Weep not poor children
For life is this way
Murdering Beauty and Passions



Zu seinem eigenen Schrecken realisierte er bald, dass ihm heiße Tränen über die Wangen stürzten.
Weinend und unverständliche Worte jammernd krümmte er sich auf dem Boden und schlang die steifen Arme um seine Taille. Um sein Schluchzen zurückzuhalten, zerbiss er sich die Lippen, schmeckte blutiges Metall. Es schüttelte ihn, als der Lebenssaft in zähen Tropfen hinunterfiel und geräuschvoll auf der Erde zerplatzten.
Seine Stirn stand im Feuer, als hätte er Fieber, seine Finger glichen dafür Eiszapfen.
Zu viel. Ihm war plötzlich alles zu viel. Was passierte hier nur mit ihm!? Wer war dieses Weib und warum ließ ihr Lied ihn eine Trauer, ein solch abgrundtiefes Leid spüren, dass es ihm die Seele zu zerreißen drohte!?
Hoffnungslosigkeit floss wie ein Giftbächlein in seine Adern, brach sie auf, infizierte sie.


Hush now dear children
It must be this way
To weary of life and deceptions

Rest now my children
For soon we'll away
Into the calm and the quiet



¨Nein! ¨, wollte die Silberzunge rufen, doch nicht mehr als ein ersticktes Flüstern drang aus seinem Mund. Seine Stimme war ein Hauch, eine geisterhafte Erscheinung im Nebel der Stille, ¨Nein, ich will nicht! ¨
Er wusste weder, warum er dies sagte, noch, was er damit zu bezwecken suchte. Er wusste nur, dass ihn innerhalb von Sekunden eine Angst befallen hatte, so vollkommen und erbarmungslos, dass sie seine gesamte Existenz unterwarf und ihn wie einen brabbelnden Säugling an Ort und Stelle verharren machte. Und er wusste noch etwas. Die Stimme, das Weib, die Frau... wer auch immer sie war, sie kam näher. Ihre Präsenz ähnelte der einer Naturgewalt. Klar und hart wie Gestein und doch geschmeidig wie eine Feder in einer frischen Brise.
Sie war endgültig und leichtlebig, hier und dann wieder weit, weit weg.
Jetzt war sie da. Da. Und Loki ahnte mehr als alles andere, dass sie seinetwegen kam. Ihn abholte. Wegbrachte. Wohin? Er wollte nicht darüber nachdenken. Wollte einfach die Augen schließen und in seiner Zelle aufwachen.

Atmend, zürnend. Lebend.


Come little children I'll take thee away
Into a land of enchantment
Come, little children The time's come to play


Nur noch ein paar Schritte. Wenige Meter.
Sie ging mit der Schwerelosigkeit von Engeln, ihre Füße berührten kaum den Schmutz der Erde. Loki vernahm einen Chor aus Kinderstimmen, welche die Melodie des Liedes mit seltsam hohlem Laut fortführten, einen Kanon daraus spannen. Seine Glieder agierten taub, sein Fleisch kalt und reglos.
Er konnte sich nicht mehr rühren, war dem Schicksal ausgeliefert. Spätestens jetzt befiel ihn heillose Panik. Die Frau, oder das Wesen (er wusste nicht, was sie war) blieb nun vor ihm stehen. Ihr Atem kräuselte sich in seinem Gehör, trieb Dornen in sein Herz, das, wie er in diesem Moment bemerkte, längst aufgehört hatte zu schlagen. Wie ein Kohlebrocken blieb es in seinem Brustkorb und er hörte, wie sie sich hinkniete, fühlte klamme Spinnenfinger über sein Haar streichen, eine wirre Strähne nehmen und liebevoll hinter sein Ohr ordnen.

¨Here in my garden...¨ sang sie leise, wähnend.

Sie hatte ihre Beute gefunden. Sie würde sie um keinen Preis wieder hergeben. Sehnsucht traktierte Lokis Sinne. Er atmete nicht mehr, seine Lider flatterten.
Er war einer Ohnmacht nahe.

¨Thor¨, keuchte er, nahm seine letzten Kräfte zusammen und streckte eine Hand nach jemandem aus, von dem er stets behauptet hatte, ihn zu hassen und es immer noch tat.

¨Thor! ¨

Es gab keinen anderen Namen, keinen anderen Mann, den er hätte rufen können. Denn kein anderer hätte sich noch zu diesem Zeitpunkt um ihn geschert.

Loki wartete. Sekunden waren ihm Stunden, Minuten wurden Tage. Ewigkeiten zogen in reißerischem Strom an ihm vorbei.
Doch Thor kam ihm nicht zu Hilfe. Thor war nicht hier. Thor würde ihn nicht retten. Nicht diesmal und nie wieder. Weil er ihn vergessen hatte. Weil es sinnlos war, sich noch um die Verstorbenen zu scheren. Als ihn diese Erkenntnis traf, war es wie der letzte Hieb, den der Jötunn gebraucht hatte, um endlich aufzugeben. Sich fallen zu lassen.

Der Fall ins endlose Nichts. Aufgabe der Identität.

Ergeben sackte er zurück, seine Augen rollten nach hinten in seinen Schädel. Er merkte nicht einmal mehr, wie ihm tote Lippen einen eisigen Kuss auf die Schläfe pressten, er hochgehoben und aus der Finsternis getragen wurde.
Es war ihm egal. Denn er war tot. Wirklich und wahrhaft tot.

Und Thor würde keinen Weg finden, um ihn aus dieser Misere zu befreien. Der Misere, die er selbst verantwortete.

Er war allein. Allein mit sich selbst.

Und ihr.

¨¨of shadows...¨


TBC...


---


Hallo :)

So, hoffe der erste Teil hat gefallen und man möchte erfahren wie es weitergeht^^

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Lg,
Nathaira <3
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