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Ich war noch niemals in New York

von Caligula
OneshotHumor, Parodie / P12 / Gen
01.03.2014
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*Ich war noch niemals in New York*

„Wir werden in einer Woche abreisen. Du musst dich bis dahin gut erholen, mein Junge.“

Der junge Pater Remington spricht behutsam auf den kränkelnden, geschwächten Jungen im Bett ein. Er hustet immerzu und seine Wangen sind vom Fieber gerötet. Selbst für ein Waisenkind gibt er noch ein besonders mitleiderregendes Bild ab.

„Ja“, bestätigt Joshua krächzend, ehe ein weiterer Hustenanfall ihn schüttelt.

„Ich habe das Gefühl, dass du unter deiner Gabe leidest. Dass sie dich belastet.“

Der Junge besaß die Gabe, Verletzungen anderer Menschen allein durch Handauflegen zu heilen, während er jedoch nicht vermochte seine eigenen Gebrechen zu heilen. Stattdessen litt er an einer schweren Krankheit, die ihm immer wieder anfallartig die Luft zum Atmen raubte. Die Ärzte waren ratlos. Der Pater hatte einen Verdacht.

„Ja, ja!“, hustet Joshua. Der Anfall wird immer schlimmer und so sehr sich der Junge auch über den Besuch des Paters, der ihn aus der Einöde des entlegenen Waisenhauses befreien würde, gefreut hatte, wünschte er sich jetzt doch, er würde endlich wieder gehen und Joshua seine Ruhe gönnen!

„Seltsam... Wieso ausgerechnet jetzt?“, fragt der Pater mit einem sanften Lächeln.

Immer lauter hustend wendet Joshua das Gesicht ab. Er schwitzt stark und zittert.

„Weißt du, Joshua...“

Verzweifelt greift der Junge nach seinen Tabletten, die neben ihm auf dem Nachttisch liegen. Bevor er sie jedoch erreichen kann, schnappt Pater Remington sie sich.

„Natürlich wird Rosette etwas dagegen haben, aber...“

Etwas gelangweilt hat der Pater sich die Medikamentenpackung auf dem Nachttisch genommen und überfliegt diese. Ohne die geschriebenen Worte wirklich wahrzunehmen, fährt er fort:

„... es ist dein Leben. Und außerdem...“

So in die Pappschachtel in seiner Hand vertieft, übersieht der Pater die verzweifelt ausgestreckte, zitternde Hand, die von keuchenden, röchelnden Geräuschen begleitet schmerzlich nach den Medikamenten verlangt!

„Wer weiß wieviel dir noch von deinem Leben bleibt, wenn wir deine Krankheit nicht in den Griff kriegen.“

Die Augen theatralisch geschlossen, dreht sich der Pater zur Tür um.

Joshua bekommt keine Luft mehr. Den Oberkörper aufgerichtet, die Hände in die Decke gekrallt, japst und keucht er um sein Leben. Tränen vermischen sich mit Schweiß, ihm wird schwindelig. Und dann steckt dieser verdammte Pater auch noch die Medikamente ein?!

„Also, Joshua, wir sehen uns dann in einer Woche. Bis dann“, verabschiedet Pater Remington sich freundlich und schließt die Tür hinter sich.

Alles verschwimmt, wird in Schwarz getaucht. Schaum quillt aus seinem Mund. Er spürt, wie er schwächer wird. Er wartet auf das Geräusch der zuschlagenden Tür, aber kein Geräusch dringt mehr an sein Ohr.

Joshua steckt mitten in einem Anfall; Remington will ihn nicht bloßstellen und zieht sich daher zurück. In einer Woche wird er den Jungen von hier wegholen, nach New York, zum Magdalenen Orden, bringen.

Denn er hegt den Verdacht, dass es sich bei Joshua um einen der zwölf Apostel handelt.

Doch Joshua sollte New York niemals zu Gesicht bekommen...
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