Unter der Wintersonne

von baronesse
KurzgeschichteMystery, Romanze / P16
Jon Schnee Melisandre
28.02.2014
28.02.2014
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Töte den Jungen.

Jon stand am Fuße der Mauer, die riesige, eisige Masse hinter ihm, streckte die Finger seiner verletzten Hand und starrte in die unberührte Weite des Nordens vor ihm. Nein, unberührt war nicht richtig. Es gab die Anzeichen einer Schlacht, die Schlacht der Wildlinge gegen die Männer der Nachtwache. Und die Männer von König Stannis. Er musste nicht den Kopf drehen um die Rote Frau neben sich zu sehen.

Melisandre, die rote Priesterin. Sie hatte eine Art, Dinge zu erfragen und zu wünschen, der man sich nicht entziehen konnte. Und so stand er hier mit ihr auf der anderen Seite der Mauer, wo es zwar nicht mehr so gefährlich wie vor einem Jahr, aber immer noch gefährlich genug war, nur mit Geist an seiner Seite und der roten Priesterin und ihren unheimlichen Kräften. Sie wollte etwas nachsehen, etwas prüfen. Jon wusste nicht, was es war, aber er hatte seine Brüder beordert, zurückzubleiben und auf ihn zu warten, während er sie begleitete. Sie stand abseits und betrachtete etwas im Schnee und Jon hing seinen eigenen Gedanken nach.

Töte den Jungen.
Das waren die letzten Worte von Maester Aemon gewesen. Töte den Jungen und lass den Mann geboren werden, Jon Snow. Hatte er das getan? Er hatte den Angriff der Wildlinge abgewehrt, aber ohne Stannis und seine Männer wären sie hoffnungslos zerschmettert worden. Er hatte Maester Aemon mit Sam und Gilly fortgeschickt, in der Hoffnung sie so vor Melisandre und ihren grausamen Machenschaften zu retten, aber hatte er wirklich das Richtige getan? Hatte er getan, was getan werden musste? Er hatte das Leben eines Neugeborenen als wichtiger erachtet als das, was Melisandre tat. Sie hatte nicht gesagt, ob sie seinen Plot durchschaut hatte und wusste, dass das Baby, was noch an der Mauer war, Crasters Sohn von Gilly war. Überhaupt hatte sie nichts gesagt, aber er hatte das Gefühl, wenn Melisandre ihn ansah, sah sie den Jungen, nicht den Mann. Er musste der Mann werden, aus so vielen Gründen. Er war jetzt Kommandant der Nachtwache. Und mehr, wenn er Melisandre glauben sollte, die jedoch vage blieb und ihm lediglich zugeraunt hatte, dass sie ihn schon seit langem in ihren Feuern sah.

„Die Sonne des Winters“, hörte er sie plötzlich neben sich. Sie hatte eine dunkle, etwas rauchige Stimme, die Männern den Kopf verdrehen würde, wenn ihr äußeres Erscheinungsbild sie nicht alle derart in die Flucht geschlagen hätte. Trotzdem wusste Jon, gab es Männer, die Melisandre als eine attraktive Frau beschrieben. Er selbst hatte sie nie in der Hinsicht gesehen, hatte überhaupt nicht an Frauen in der Art gedacht, bis Ygritte…

„Das Motto der Karstarks“, erwiderte er und versuchte, einen klaren Kopf zu bekommen. Geist trottete neben ihm her, als er sich jetzt Melisandres wiegenden Schritten durch den Schnee anschloss.

„Keine Starks und doch mit ihnen verwandt. Genau wie Ihr, Jon Snow“, sinnierte Melisandre. „Eure Verwandtschaftsbeziehungen sind verwirrend und doch gibt es euch Halt.“
„Wo kommt Ihr her, dass es für Euch so fremd ist?“ Er war höflich. Nur höflich, nichts weiter. Er war Kommandant der Nachtwache und sie einer seiner Gäste. Zudem war er ihr einziger Schutz gegen verstreute Wildlinge, die nach ihrer Niederlage noch immer hier oben lauerten.

Melisandre war stehen geblieben und musterte ihnen aus braunen Augen, die in den Strahlen der Sonne fast rot schienen. Eine Illusion, sagte Jon sich, herbeigeführt durch das Rot ihres Umhangs, das leuchtende Rot ihrer Haare. Fast wie die von Ygritte, nur leuchtender und länger, in einer Farbe von Feuer. Ob die Wildlinge auch Melisandre als besonders sehen würden? Nun, niemand konnte das leugnen, auch er nicht. So viel weiß ich, Ygritte, sie ist eine besondere Frau. Es tat noch immer weh, an seine ehemalige Geliebte zu denken, aber nicht mehr so weh wie sonst, während er neben Melisandre herlief.

„Asshai“, murmelte die rote Priesterin jetzt in sein Ohr und der Name klang genauso geheimnisvoll und gefährlich wie sie es war. Jon hatte nicht viel von Asshai gehört, er wusste nur, dass es ein Land war, was selbst in den Freien Städten von Essos weit weg und mystisch war.
„Ihr habt eine lange Reise hinter Euch.“
„Große Ziele lohnen lange Reisen“, lachte sie leise. Gemeinsam wanderten sie weiter durch den Schnee, ohne dass Jon wusste, was ihr Ziel war. Insgesamt und hier und jetzt.

Töte den Jungen.
Er ließ sich von ihr einschüchtern, er war der Junge, nicht der Kommandant der Nachtwache. Sie liefen zu weit. Er sollte sie zurückhalten, fragen, was sie wollte, aber dennoch brachte er die Worte erst nach mehrmaligem Räuspern zustande.

„Es ist noch nicht die Zeit, Euch alles zu sagen, Jon Snow. Ihr wisst, ich habe Euch in den Flammen gesehen und wisset dies: wir werden noch einen langen Weg zusammen gehen.“ Sie lächelte und in ihrem Lächeln lag genug Feuer, dass Jon überrascht war, obwohl er es nicht sein sollte. Sie war die rote Priesterin des Feuergotts, dieses R’hllor. Obwohl es bitterkalt war im Norden, trotz der spärlichen Wintersonne, trug sie nur ihr leichtes, rotes Gewand und schien nicht zu frieren.

„Ihr sagt, Ihr habt mich in den Flammen gesehen, aber Eure Visionen sind vage und könnten alles bedeuten“, hielt Jon dagegen, nicht bereit, sich so einfach von ihr abspeisen zu lassen. Ja, er war bereit, die Nachtwache zu führen und jeden Abend wiederholte er sich die Worte von Maester Aemon und hoffte, dass er eines Tages der Mann sein würde, der dieser Aufgabe wirklich wert war, aber er wollte sie nicht an seiner Seite. Er brauchte ihre vagen Warnungen nicht, selbst wenn er ihr als Stannis Beraterin dankbar sein musste, da sie den Baratheon rechtzeitig genug nach Norden geführt hatte, dass der die Schlacht an der Mauer zu ihren Gunsten entschieden hatte.

„Ihr glaubt nicht an R’hllor“, sagte Melisandre in einem Tonfall, dass er nicht wusste, ob sie es als Frage gemeint hatte oder nicht.
Jon streckte die Finger und deutete dann auf einen Götterhain nicht weit von ihnen entfernt. „Ich folge den alten Göttern des Nordens.“ Er war er nur ein Bastard, aber das Blut der Starks floss in seinen Adern und er hatte sich immer mehr zu dem Glauben seines Vaters hingezogen gefühlt als den Sieben, wie manche seiner Geschwister, da Lady Catelyn aus den Flusslanden stammte.

„Soll ich Euch ein Geheimnis verraten?“ Melisandre wartete nicht ab, sondern lachte perlend. „Es gibt Gelehrte, die sagen, im Grunde sind alle Glaubensrichtungen ein Glaube und alle Götter die gleichen. Ob nun sieben oder Bäume, ich glaube, R’hllor und der Andere kommen der Wahrheit am nächsten. Aber natürlich wäre es für euch eure alten Götter. Der Kampf ist derselbe. Die Frage ist dieselbe. Steht ihr auf der Seite des Lichts, Jon Snow, oder auf der der Schatten?“

Wolken jagten über den Himmel und verdeckten die Wintersonne. Die Schatten der Bäume schwanden und verschmolzen mit einem allgemein diffusen Licht. Jon sah auf den unberührten Schnee vor sich. Wie konnte er eine derartige Frage beantworten? Natürlich wollte er ein rechtschaffener Mann sein. Aber er würde tun, was getan werden musste.
„Soll ich Euch sagen, was ich glaube, Jon?“, sprach sie ihn persönlich an. Es machte ihm nichts aus. Es war ihm lieber, als dass sie Lord sagte, was sich in seinen Ohren noch immer wie eine Beleidigung anhörte, auch wenn er dies nun war. Lord Kommandant der Nachtwache.

„Ihr folgt den alten Göttern nicht, weil Ihr an sie glaubt. Die einzigen Götter, die Ihr kennt, sind Ehre und Pflicht.“ Aufmerksam musterte er sie und er fand nicht die Kraft, dem durchdringenden Blick auszuweichen. Melisandre war direkt vor ihm stehen geblieben.
„Das ist in Ordnung, Jon. Auf Eure eigene Art folgt Ihr dem Licht, da bin ich sicher.“

„Ich bin ein Bruder der Nachtwache. Ich habe geschworen, die Reiche der Menschen zu schützen. Ich weiß nicht, worauf Ihr hinauswollt, aber wenn jene Schatten, von denen Ihr sprecht, die Weißen Wanderer sind, dann stehen wir auf derselben Seite“, fand er endlich seine Sprache wieder.
Melisandre nickte. „In der Tat, ich glaube, sie sind Diener des Anderen. Ihretwegen bin ich hier und Euretwegen.“ Sie war viel zu nah. Jon wusste nicht, wann sie sich ihm derart genähert hatte. Der Rubin um ihren Hals glühte leicht, als sie sich vorbeugte und ihre Lippen seinem Ohr näherte. Zumindest dachte er das.

Dann fühlte er sie auf den seinen. Sie waren heiß, Wärme ging von ihr aus, als wäre dies nicht der Norden, als würde der Winter nicht kommen. Paradoxerweise dachte er an Ygritte, die nie schön gewesen war wie Melisandre, aber doch hübsch und einzigartig für ihn. Du weißt gar nichts, Jon Snow, hörte er sie lachen und fragte sich, warum ihm so war, als würde Melisandre dasselbe sagen. Er hatte keine Ahnung, was sie da tat oder warum sie es machte. Um sich seiner Unterstützung gegen die Weißen Wanderer zu versichern? Aber er hatte ihr bereits gesagt, dass er geschworen hatte, die Reiche der Menschen zu schützen und das würde er auch tun. Dies war kein Krieg gegen die Wildlinge. Dies war ein Krieg gegen einen uralten Feind der Menschen und er würde ihn aufnehmen. Sie musste ihn nicht erst davon überzeugen.

„Ich habe dich in meinen Flammen gesehen, Jon Snow“, wisperte Melisandre mit den heißen Lippen an seinem Ohr. „Ich habe Schatten um dich herum gesehen und Dolche in der Nacht. Lass mich an deiner Seite bleiben. Lass mich dich schützen.“
Glaubte er ihr? Er brauchte keine Visionen um zu wissen, dass er Feinde hatte, doch er wusste nicht, was er von Melisandre hielt und ob er ihr wirklich vertraute. Warum sollte sie ihn schützen, wo auch der nächste Kommandant der Nachtwache die Pflicht haben würde, gegen die Weißen Wanderer zu kämpfen?

„Warum ich?“, krächzte er. Der Kopf schwirrte ihm, er tastete nach Geist, wusste, dass der Schattenwolf in der Nähe war und wünschte sich das weiche Fell als Halt unter seinen Fingern, doch da war nur die rote Priesterin.
„Ich sah dich in den Flammen, als ich noch weit weg war, als ich noch glaubte, Stannis wäre der Auserwählte. Du warst mit Nissa-Nissa zusammen und nahmst ihre Seele in dein Schwert, als sie für dich starb. Es gab diese Frau, oder nicht?“

Jon war zusammengezuckt. Er wusste nichts über Nissa-Nissa, hatte die Bezeichnung nie gehört, aber all das, was sie sagte, klang so nach Ygritte… nach ihrem Tod… dass er nicht leugnen konnte, sie hätte etwas falsches gesehen oder würde sich all das nur ausdenken. Die Männer der Nachtwache wussten nicht, was Ygritte für ihn bedeutet hatte. Sie hatten in ihr eine Wildlingsfrau gesehen, bei der Jon gelegen hatte, wie manche der Männer sich manchmal ins Dorf schlichen um dort bei den Frauen zu liegen. Bedeutungslos. Austauschbar. Aber das war Ygritte nie gewesen. Jon sah hinunter und dachte bei sich, dass die Bezeichnung, er habe ihre Seele in sein Schwert aufgenommen, sehr passend war. Es hatte ihn bestärkt, dass dies nicht der Kampf gegen die Wildlinge war. Es war falsch, so falsch, dass sie in seinen Armen gestorben war, weil sie die Schwarze Feste angegriffen hatte. Sie hätten Seite an Seite stehen sollen, im Kampf gegen die Weißen Wanderer.

Er musste es nicht sagen, Melisandre schien auch so zu wissen, dass sie ins Schwarze getroffen hatte. „Lass mich an deiner Seite sein. Ich bin nicht sie, aber ich werde dich wärmen und leiten und dich schützen vor den Schatten und den Dolchen, wie es nicht einmal dein Wolf vermag.“ Ihre Worte klangen nach einer Leibwächterin, doch Jon erkannte, was noch in ihren Worten steckte. Sie würde bei ihm bleiben, in der Nacht, in seinem Bett, wenn er das wollte. Und er dachte daran, wie Maester Aemon ihm riet, den Jungen sterben zu lassen um den Mann das Licht der Welt erblicken zu lassen. Er war nicht länger der verliebte Junge, der um Ygritte trauerte. Er musste weitergehen. Er musste tun, was das Beste war, auch wenn das nicht immer das richtige war. Sein Vater hätte ihm zu Ehre geraten, aber hatte nicht auch Ned Stark einen Bastard gezeugt und damit bewiesen, dass er sich nicht selbst an seine Worte gehalten hatte?

Jon glaubte, dass Melisandre ihn besser schützen würde als jeder andere. Dass er mit ihr an seiner Seite wirklich die Reiche der Menschen retten konnte, was bislang so aussichtslos und schwer erschienen war. Was er nur noch immer nicht verstand, war, warum sie dies tat.
Sie tat ihm den Gefallen und beugte sich erneut vor, hüllte ihn in ihrer Wärme ein.
„Du magst nicht daran glauben, aber ich habe es in den Flammen gesehen und es ist wahr, Jon Snow. Du bist Azor Ahai.“


Nach langer Zeit ist dies für das "Winter is Coming"-Wichteln mein Ersatzbeitrag an Punishment! Ich hoffe, ich habe die Vorgaben einigermaßen untergebracht mit Melisandre und Jon, auch wenn es nicht wirklich actionreich wurde und auch nicht sonderlich romantisch... ich hoffe, es gefällt dir trotzdem!
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