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Vor langer Zeit, als die Hölle der Himmel war.

Kurzbeschreibung
KurzgeschichteSchmerz/Trost / P12 / Gen
26.02.2014
26.02.2014
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Vor langer Zeit, als die Hölle der Himmel war.

Ich weiß nicht wie spät es ist. Aber das weiß ich nie.
Ich weiß nur, dass sie bald kommen werden. Ich habe mittlerweile ein Gefühl dafür entwickelt, oder weiß nur mein Körper, dass er bald wieder leiden wird?
Es spielt sowieso keine Rolle mehr. Denn es wird nichts mehr ändern.
Sie kommen, ich wusste es. Und bringen mich wieder in den Raum. Meinen Raum.
Früher dachte ich die Hölle wäre voller Feuer und rot, aber das ist sie nicht. Sie ist weiß. So grelles Weiß, dass es in den Augen wehtut. Mein Raum ist auch weiß.
Manchmal denke ich, dass sie die Hölle weiß gemacht haben, um uns zu höhnen, den armen kleinen Seelen, die nicht mehr unbefleckt sind und es auch nie wieder sein werden. Und manchmal denke ich, dass ich viel lieber eine rote Hölle hätte, das was ich die ganze Zeit erwartet hatte.
Denn mit Schmerz und Qual ist einfacher umzugehen als mit dieser Qual.
Sie tun mir nicht körperlich weh. Nie. Außer einem, heute ist er nicht hier, das erkenne ich sofort mit einem Blick.
Nein, bitte nicht. Wenn er nicht hier ist, bedeutet das…und schon höre ich meine Pflegemutter aufschreien. Der Schrei zerreißt mein Herz, wie es schon immer gewesen ist. Ich krümme mich zusammen, will ihren Schmerz nicht sehen, aber sie zwingen mich hinzuschauen, denn sonst tuen sie ihr noch mehr weh. Noch mehr als jetzt schon.
Ihr Schrei hallt noch in meinen Ohren, als es endlich vorbei ist. Selbst wenn die Seelen nur eine Projektion von den Menschen sind, die ich kannte, tut es nicht weniger weh sie leiden zu sehen.
Denn in einem Punkt unterscheidet sich die Hölle nicht von meiner Vorstellung: Nur Menschen, die auf irgendeine Weise ihre Seelen verkauft haben landen hier. Man kann seine Seele an fast alles verkaufen, an Genussmittel, ans Spielen, an Hoffnung oder wie in meinem Fall an die Liebe.
Ich habe den Höllenfürst geliebt, liebe ihn noch. Und nein, entgegen aller Vorstellungen, ist es nicht Luzifer, Finlay. So nennt er sich selbst zumindest, ob das sein richtiger Name ist, habe ich nie herausgefunden. Das musste ich auch nie.
Mittlerweile bin ich wieder in meiner Zelle, die genauso weiß ist wie der Rest. Mit der Zeit habe ich gelernt diese Farbe zu hassen. An der gegenüberliegenden Wand zu der, an der mein Bett steht, sind viele, kleine, schwarze Striche. Am Anfang, als ich neu hier war und noch die Hoffnung hatte wieder auf die Erde zu kommen, da habe ich meine Tage gezählt. Und mir Belohnungen gesetzt.
Mich an ein Lächeln von meinen Pflegeeltern erinnert für fünf Tage.
Ein Lachen meines Bruders für zehn.
Aber irgendwann konnte ich die Tage nicht mehr zählen, denn hier unten gibt es keine Tage, die man zählen kann. Es ist immer etwas dunkel, man kann es mit der Dämmerung auf der Erde vergleichen. Das ist das, was ich am meisten vermisse. Die Sonne.
Ich bin mir schon fast sicher, dass meine Familie nicht mehr lebt, denn obwohl ihre richtigen Seelen nicht hier unten sind, weiß ich, dass irgendetwas nicht stimmt. Ich wusste es schon, als Finlay mich das erste Mal hier unten besucht hat. (Wobei besuchen vielleicht das falsche Wort ist.)
Finlays Gesicht blitzt vor mir auf. Er hat immer so etwas Sanftes an sich gehabt, das er verloren hat, sobald er wieder in die Hölle zurückgekehrt ist. Mit mir. Da, wo ich noch voller Hoffnung war.
Ich bin mir sicher, wenn meine Pflegemutter das mitbekommen hätte, sie hätte mich gescholten, wie ich mich nur auf so einen Jungen einlassen konnte. Doch jetzt entlockt mir das nicht mal mehr ein müdes Lächeln.  Aber ich bin mir trotzdem sicher, dass er mich geliebt hat. Man sieht es in den Augen. Und jedes Mal, wenn Finlay mich angesehen hat, da waren seine Augen so voller Liebe, dass ich mir ganz sicher bin, dass er das nicht gespielt haben konnte.
Vielleicht sollte ich ihn hassen. Er quält und lässt mich quälen, aber die Wahrheit ist: Ich kann nicht aufhören ihn zu lieben. Er hat in mir eine Person hervorgebracht, die ich bis dahin nicht kannte und die ich auch nicht mehr loslassen kann.
Ich habe mich nie in ihn verliebt, ich habe Finlay geliebt, von der ersten Sekunde an. Es hat sich immer so einfach angefühlt, als wären wir füreinander gemacht.
Ich bin immer noch überzeugt, dass es so ist.
Denn ich bin ihm in die Hölle gefolgt, weil ich daran geglaubt habe, dass wir uns ewig lieben werden und selbst dass ich wusste, dass er ein Dämon ist, hat dieses Gefühl nicht ein Stück gemindert. Tut es immer noch nicht.
Ich werde die Ewigkeit hier verbringen. Für immer. Solange wollte Finlay mich um sich herum haben. Und ich habe ihm geglaubt, tue es immer noch. Weil in einem kleinen Moment, als er mich besucht hat hier unten, da war in seinen Augen so etwas wie Schmerz zu sehen. Ich weiß, dass ich mich nicht geirrt habe.
Dann höre ich Schritte. Es sind seine. Finlay macht meine Zellentür auf und sieht mich mit diesem Blick an, der mir sagt, dass ich ihm folgen soll. Die Zeit hier unten vergeht mal langsam und mal schnell, ich kann sie nicht mehr zählen.
Wir gehen wieder zu meinem Raum. Und ich muss nicht hinsehen, um zu wissen was Finlay da gerade herholt. Und schließlich fängt er an.
Er schneidet mir die Liebe heraus. Und ich wimmere bei jedem Atemzug, den er macht, denn ich weiß, wie sehr er leidet. Mehr als ich. Mehr als irgendwer.
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