Mit Schirm, Charme und Melone

GeschichteKrimi / P12
26.02.2014
26.02.2014
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"The reunited Avengers" - wie es hätte sein sollen
Episode 1 : "Sekt oder Selters" / "The champagne murderer"
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"Steed!"
Ein blonder Mann mittleren Alters schlängelt sich durch die Abendgesellschaft im Ballsaal des obersten Stockwerks des Bristol Hotels zu einem eleganten Endfünfziger im tadellos sitzenden dreiteiligen Abendanzug und goldfarbener Krawatte durch. Der Angesprochene dreht sich um und lächelt den näherkommenden Mann freundlich an.
"Gilbert! Was machen Sie denn hier auf meiner Aussegnungsfeier!" Er schüttelt ihm herzlich die Hand. "Das ist aber schön Sie zu sehen, alter Freund."
"Aber, aber", der Mann namens Gilbert macht eine ausladende Handbewegung, die die Champagnerbar, die Leute an den Stehtischen, die Kellner mit den Silbertabletts voller Häppchen und die aufwendige Blumendekoration einschließt, "für eine Aussegnungsfeier ist das Ambiente doch wohl viel zu lebendig und elegant, Steed. "
"Und dennoch verhält es sich genau so."
Der Mann namens Steed deutet lässig mit seinem Champagnerglas in Richtung Bar, wo ein älterer Mann und ein Jüngerer zusammen stehen und miteinander über etwas lachen.
"Dort drüben sehen Sie schon meinen Nachfolger für den aktiven Dienst in den Startlöchern stehen, und er kann es kaum noch erwarten, dass man mir offiziell zum Jubiläum gratuliert und gleichzeitig meine Versetzung bekannt gibt."
Gilbert kneift leicht die Augen zusammen und fixiert die beiden Männer, auf die Steed deutet.
"Das ist doch Sir Giles mit dem jungen Pears. Der soll Sie ersetzen? Kann ich mir nicht vorstellen."
"Charmant von Ihnen, das zu sagen", lächelt Steed und trinkt einen Schluck aus seinem Glas. "Lassen Sie sich bloß nicht von der Verbitterung eines alten Mannes die Partylaune verderben." Er schaut sich in dem gut besuchten Ballsaal um.
Man kann deutlich erkennen, dass die 80-er Jahre vor der Tür stehen. Die ersten Spiraldauerwellen sind auf den Köpfen der Damen zu bewundern, Jil Sander und Thierry Mugler sind die führenden Designer für Abendmode und allüberall sind Schulterpolster unter Blazerjacken auszumachen. Eine Unsitte, für die Steed, der selbst für sein Alter noch sehr gerade und athletisch daherkommt, nur eine hochgezogene Augenbraue übrig hat. Steeds Haar ist an den Schläfen graumeliert, doch noch voll, und seine Augen benötigen noch keine Brille, sein Blick hat an Schärfe nichts eingefüßt .
"Wissen Sie, Gilbert, es ist schlicht das Alter, das in der Personalakte steht", erklärt er im leichten Plauderton seinem Gesprächspartner. "Daran kommt keiner vorbei. - Und natürlich auch nicht an der Tatsache, dass Sir Giles seinem zukünftigen Schwiegersohn einen Posten verschaffen möchte."
Er zwinkert Gilbert zu.
"Ich finde es dennoch ungerecht, dass es Sie getroffen hat. Hat man Sie deshalb vor kurzem geadelt? Sie heißen doch jetzt offiziell Sir John."
Steed winkt hastig ab.
"Oh bitte, nicht das. Da fühle ich mich gleich wirklich so alt, wie es in meiner Personalakte steht. Nennen Sie mich weiterhin "Steed", darauf reagiere ich - wie ein alter Hund."
Beide lachen und ein vorübergehender Kellner schenkt ihnen nach. Die große Uhr an der Wand hinter der Bar zeigt halb zehn Uhr an. Durch die geöffneten Bodenfenster zur Dachterrasse dringt eine leichte Briese.
"Also hat Ihre Abteilung diese Party hier geschmissen?" erkundigt sich Gilbert, während sie sich langsam durch die Menge vorwärts bewegen und hin und wieder einer achtlos gehaltenen Zigarette ausweichen.
Steed nickt.
"Ja, bis auf den Champagner. Für den habe ich gesorgt, das wollte ich mir nicht nehmen lassen. Man hat schließlich seine Prinzipien."
Eine Gruppe von Leuten dränglt sich dezent an den beiden vorüber. Man grüßt sich mit leichtem Nicken. Gilbert wendet sich erneut an Steed.
"Eigentlich wollte ich Ihnen jemand vorstellen, Steed, alter Knabe. Ein Freund von mir ist vor kurzem gestorben und ich habe seine Witwe hergebeten, damit sie mal auf andere Gedanken kommt."
"Nett von Ihnen."
"Ja, sie ist eine bezaubernde Frau, wirklich faszinierend. Intelligent und witzig. Meinen Sie, Sie könnten sich ein wenig ihrer annehmen und sie mit Ihrem berühmten Charme etwas aufmuntern?"
Steed ist viel zu sehr Gentleman, um die Augen zu verdrehen oder ein Stöhnen von sich zu geben. Eine Witwe, die als intelligent und witzig beschrieben wird und die man von dem Freund eines Freundes an Herz gelegt bekommt, ist im allgemeinen das, was man eine Prüfung nennt. Dennoch folgt Steed seinem Bekannten ohne Widerspruch durch die Menge. Dieser steuert auf eine kleine Gruppe von Leuten am Rande der Gesellschaft zu. die sich dort hinter einem Pflanzkübel mit ausladender Palmendekoration regelrecht verschanzt hat. Die einzige Dame dort in diesem Kreis ist eine schlanke Brünette in einem kurzen schwarzen Abendkleid von Armani. Sie steht mit dem Rücken zu Steed und hält wie alle anderen auch ein Glas in der Hand. Steeds Blick fällt auf die schlanke Hand, und etwas lässt ihn leicht zusammen zucken. Es fühlt sich an wie ein Flashback.
Die Haare der Frau sind elegant hochgesteckt und fallen seitlich in großzügigen Kringeln wieder hinab. Ein rotgesichtiger Herr, der seine eigene Weste zu sprengen droht, beugt sich gerade zu ihr vor und sagt etwas zu ihr in vertraulichem Tonfall, woraufhin sie leise lacht.
Steed fühlt eine Gänsehaut auf seinen Armen wachsen. Da tippt Gilbert der Dame leicht auf die Schulter und flüstert ihr etwas zu. Sie dreht sich um. Steed hat das Gefühl, die ganze Welt halte den Atem an. Der Blick der brünetten Dame fällt auf ihn, und auch sie sieht einen Augenblick lang wie versteinert aus. Es ist Steed, als würde er nie wieder sprechen können.
"Steed!"
Zum zweiten Mal an diesem Abend hört er wie sein Name gesprochen wird, doch dieses Mal ist es eher ein erstauntes Flüstern von einer Stimme, die er zuletzt vor guten 20 Jahren hörte und die er glaubte, nie wieder zu hören.
"Steed, sind Sie es wirklich?"
Endlich findet auch er seine Stimme und sein Fassung halbwegs wieder.
"Mrs. Peel! Ich kann es gar nicht glauben, sie leibhaftig vor mir zu sehen. Entschuldigen Sie meine Manieren, aber das haut mich glatt um. Wie wunderbar, Sie nach all der Zeit wieder zu sehen, das ist die schönste Überraschung, die man mir machen konnte."
Die beiden stehen einander gegenüber und schauen sich ungläubig an und dann strahlen sie plötzlich um die Wette. Vergessen sind Gilbert, die Party, Sir Giles und das Jubiläum. Es ist, als hätte die Außenwelt und die Zeit aufgehört zu existieren. Das Stimmengewirr drumherum, die leise Musik, das Klirren der Gläser, nichts davon dringt mehr zu den beiden. Es grenzt an ein Wunder, dass sie ihre Gläser nicht fallen lassen.
"Steed, Gilbert erwähnte eine Jubiläumsparty des Ministeriums, aber ich hatte keine Ahnung, dass Sie hier sein könnten. Du meine Güte, Sie sehen genau so aus wie früher. Sie haben sich überhaupt nicht verändert." Mrs. Peel betrachtet mit leicht schiefgelegtem Kopf lächelnd ihr Gegenüber.
"Sie schon", kontert der Angesprochene, der seine Freude über das unverhoffte Wiedersehen nicht zu verbergen vermag, "Sie sind noch charmanter geworden."
"Sie Lügner", lacht Mrs. Emma Peel auf, "ich bin eine traurige alte Witwe mit einem erwachsenen Sohn, einer Schwiegertochter und einem allzu weitläufigen Landsitz geworden. Wo liegt da bitteschön der Charme?"
"Und ich bin ein in die Jahre gekommener Staatsdiener, der ersetzt werden soll. Bis vor einer Minute hat mir das noch etwas ausgemacht, aber nun bin ich für alles entschädigt.- Was halten Sie davon, wenn wir uns eine Flasche und zwei Gläser schnappen und Sie mir auf der Terrasse alles über sich, Ihren Sohn und den weitläufigen Landsitz erzählen."
Gewandt angelt er eine Champagnerflasche aus einem silbernen Kühler, während Mrs. Peel zwei Gläser von einem Tablett mopst.
Sie kichert wie ein junges Mädchen, als sie Steed zu den palmenwedelflankierten Ausgängen auf die Terrasse folgt.
"Und ich habe doch Recht, Sie haben sich nicht verändert. Ich fürchtete nämlich schon, ich müsste mir den ganzen Abend Lord Fortescus geistreiche Unterhaltung antun."
Die beiden entschwinden durch eine Terrassentür in die Nacht.

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Die Uhr an der Wand zeigt nun zwanzig Minuten nach zehn an. Sir Giles schaut sich ungeduldig um.
"Wo steckt Steed bloß, es wird Zeit für den offiziellen Teil. Ich will das hinter mich bringen."
Sein Schwiegersohn in spe, der den ganzen Abend mehr oder weniger nicht von seiner Seite gewichen ist, meint herablassend:
"Lassen Sie ihn sich doch noch amüsieren, Sir, es ist ja schließlich sein letzter großer Auftritt. Den will er möglicherweise so lange wie möglich hinaus zögern."
Doch Sir Giles macht Mr. Gilbert ein Zeichen, der daraufhin prompt zu ihm eilt.
"Gehen Sie Steed suchen, sagen Sie ihm, es ist soweit, wie sollten jetzt anfangen."
Gilbert bewegt sich in Richtung der Terrasse, als man Steeds Stimme schon von draußen hört.
"So sind Sie also nach London gekommen, um sich erneut eine Wohnung zu suchen."
Er selbst in Begleitung von Mrs. Peel erscheint nun im Fenster, zögert ein wenig und wartet darauf, dass seine Begleitung ihm folgt.
"Ja, ich wohne zur Zeit bei einer Freundin. Aber das ist keine Lösung auf Dauer."
"Selbstverständlich nicht, Sie brauchen..."
"Steed."
"Gilbert."
Alle drei bleiben in der geöffneten Terrassentür stehen. In diesm Moment geschehen mehrere Dinge gleichzeitig: Gilbert holt tief Luft, Sir Giles macht erneut eine ungeduldige Bewegung, die Uhr an der Wand rückt auf halb, und an der Bar öffnet ein Kellner eine weitere Flasche Sekt. Der Korken entweicht der Flasche,es vergehen ein, zwei Sekunden, dann zerreist eine gewaltige Explosion die Szene, dann noch eine und dann noch eine.
Die Druckwelle lässt Menschen wie Puppen durch den Raum fliegen, aus sämtlichen Terrassentüren bricht das Glas, Gilbert, Steed und Mrs. Peel werden zu Boden gerissen, es fliegen Staub, Teile von Glas, Stoffetzen, Blumen und Mörtelstücken durch die Gegend, die Uhr an der Wand reist es fort, ebenso wie Tische, Tabletts, Schuhe und Abendtaschen.
Dann ist es vorbei und eine dicke Staub- und Rauchwolke nimmt die Sicht. Zuerst ist alles still, dann sind nach und nach wieder Geräusche zu hören, Schreie, Rufe, Stöhnen, Knirschen, irgendwo kracht etwas herunter, gedämpftes Husten. Noch ist keine Feuerwehrsirene zu hören aber man kann sie bereits ahnen.
"Mrs.Peel!"
Steed liegt draußen bäuchlings auf der Terrasse und hebt den Kopf. Mörtelstaub rutscht ihm aus dem Haar, er muss heftig blinzeln, um etwas sehen zu können. Die Beleuchtung ist erloschen und Panik liegt in der Luft. Das Schreien und Weinen wird lauter von denen, die noch am Leben sind. Unmittelbar neben ihm, eigentlich halb unter ihm regt sich ein Körper in einem nun grauen Armanikleid.
"Oh Gott, Steed, leben wir noch?" Mrs. Peel hebt vorsichtig den Kopf. Ihr Haar ist ebenfalls grau von Staub.
"Ich denke doch, Vorsicht, ist noch alles dran?"
Mühsam rappelt sich Steed auf. Er blutet aus einer Schnittwunde im Gesicht, ansonsten scheint er mehr oder weniger unverletzt zu sein. Vorsichtig hilft er Mrs. Peel auf die Beine. Sie hat ähnliche Wunden wie Steed am Arm und an einem Bein aber auch sie scheint glimpflich davon gekommen zu sein. Jetzt hört man deutlich die Feuerwehrsirenen unten vor dem Hotel.
"Steed was war das?" Mrs. Peel streicht sich das Haar aus dem Gesicht und sieht sich fassungslos um. Sie hat ihre Schuhe verloren und traut sich kaum einen Schritt über das Feld aus Schutt und Splittern zu gehen.
"Das war eine Bombe - oder wenn mich mein Kurzzeitgedächtnis nicht trügt, drei davon."
Auch Steed sieht sich halbwegs fassungslos um. Da er seine Schuhe noch hat, hebt er kurzentschlossen Mrs. Peel hoch und trägt sie an den Rand der Terrasse.
"Bleiben Sie hier, gehen Sie nicht da rein, da könnte vielleicht jeden Moment die Decke einstürzen. Die Rettungskräfte werden gleich da sein."
"Mir geht es gut, Steed, ich sehe nur mitgenommen aus." Sie versucht ein schwaches Lächeln, er lächelt zurück. Dann drückt sie kurz seine Hand, vielleicht aus Freundschaft, vielleicht aus Dankbarkeit. Ihre Blicke begegnen sich für einen Augenblick, dann wendet sich Steed ab um beim Retten und Bergen der Übrigen zu helfen.

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Steed sitzt seit einer Stunde in einem fensterlosen Konferenzraum an einem ovalen Tisch. Auf seiner Wange befindet sich noch ein Pflaster und er trägt einen für seine Verhältnisse geradezu trübsinnigen Anzug mit sehr gedeckter Krawatte dazu. Auf dem polierten Holztisch in der Mitte steht ein Blumenarrangement mit Trauerflor. Es sind weitere Leute anwesend, ähnlich gekleidet, teilweise mit Blessuren, teilweise unverletzt. Am Kopfende des Tischens steht ein nicht allzu großer Mann mittleren Alters mit Brille, der gerade eine Liste mit Namen von Opfern verliest.
"... mit dem größten Bedauern auch das Dahinscheiden von Sir Giles Thonderby und Mr. Josuah Pears. Auch der Premierminister gibt seine tiefe Anteilnahme bekannt."
Steed wendet den Blick ab und betrachtet nachdenklich die Tischplatte vor ihm. Der Mann am Kopfende wechselt nun den Ton, wird schärfer und sachlicher.
"Es waren eindeutig mehrere Sprengsätze, unsere Experten haben Spuren von Sprengstoff gefunden, allerdings weder Zünder noch Zündvorrichtungen. Auch den Sprengstoff selbst konnten sie noch nicht einwandfrei identifizieren."
Steeds Aufmerksamkeit ist wieder geweckt, er sieht den Sprecher konzentriert an.
"Obwohl wie nicht genau sagen können, was es für eine Art von Bombe war, wird aus den wenigen Augenzeugenberichten, die uns vorliegen, klar, dass die Detonation mit dem Öffnen einer Champagnerflasche zusammenhängen muss. Man sah wie ein Kellner eine solche Flasche öffnete, dann erfolgte der Lichtblitz und die Explosion. Mr. Steed", er wendet sich nun direkt Steed zu und seine Stimme hat nun eine unverkennbare Schärfe angenommen, "Sie haben den Champagner geordert und bezahlt, was können Sie uns hierzu sagen?"
Steed richtet sich ein wenig auf.
"Nur so viel, Sir Julian", er wirft dem Sprecher einen langen ernsten Blick zu, "dass wenn ich etwas mit diesem Anschlag zu tun gehabt hätte, ich wohl kaum dort verblieben wäre, noch hätte ich meine Freunde oder meine Abendbegleitung dieser Gefahr ausgesetzt. Der arme Gilbert ist ebenfalls tot und er stand im Augenblick der Explosion keinen Meter von mir entfernt."
Er räuspert sich leicht, beugt sich vor und schaut ernst in die Runde.
"Wenn das stimmt, dass sich die Sprengsätze in den Champagnerflaschen befanden, dann waren die bewussten Flaschen so präpariert, dass man den Unterschied zu den anderen nicht erkennen konnte, sonst hätte der Kellner sie nicht geöffnet. Sie müssen einfach irgendwie zwischen die übrigen geschmuggelt worden sein. Das bringt mich zu der Überzeugung, dass der oder die Täter nicht am Fest teilgenommen haben, auch nicht zu Beginn der Party, denn es konnte unmöglich vorausgesagt werden, wann eine solche Flasche geöffnet werden würde."
Steed erntet zustimmendes Gemurmel am Tisch, doch Sir Julian ist nicht so leicht zu überzeugen. Seine Stimme klingt auch weiterhin scharf als er erwidert:
"Es hätte auch eine Fernzündung sein können, die jemand in einem bestimmten Augenblick betätigt."
Steed wendet sich nun ihm direkt zu und ein angedeutetes Lächeln umspielt seine Lippen.
"Sagten Sie nicht so eben, man hätte gar keinen Zünder gefunden? Drei Explosionen kurz hintereinander und nicht die Spur eines Zünders. Aber etwas bzw. jemand hat diese Dinger gezündet, soviel ist sicher. Und ich gebe Ihnen mein Wort, Sir Julian, ich war es nicht."

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Mrs. Peel in einem schilfgrünen Complee bestehend aus Kleid und Mantel gehüllt, klingelt an Steeds Wohnungstür. Ihr kastanienbraunes Haar ist ein wenig kürzer als in früheren Zeiten und etwas durchgestufter und ihr Gesicht ist ein wenig schmaler geworden, doch ansonsten ist die Zeit gnädig mit ihr umgegangen, selbst im hellen Licht des Vormittags.
Die Tür öffnet sich und Steed strahlt seine Besucherin an.
"Mrs. Peel, Sie sind der Lichtblick des Tages, treten Sie ein."
Mrs. Peel folgt der Aufforderung und sieht sich um. Sie lacht auf.
"Du liebe Zeit, hier hat sich wirklich nicht viel verändert."
Steed lächelt ein wenig schief.
"Und das ist kein Kompliment, ich weiß, ich weiß. Aber ich hoffe, Sie sehen es einem eingefleischten Junggesellen nach. Die Getränke hingegen haben nach wie vor Qualität."
"Davon bin ich ausgegangen."
Mrs. Peel nimmt auf dem alten Chesterfieldsofa platz, während Steed Gläser für seinen Besuch holen geht. Die Blumen in der Tuba sind frisch und die Schlachtenszene über dem Kamin ist nach wie vor imposant, doch ansonsten zeigt der Raum Spuren der Zeit. Er stimmt einen ein wenig melancholisch, gerade so, als wäre er ein Mahnmal für vergangene Zeiten als Holztäfelungen noch chic und elektrische Kaffeekannen der letzte Schrei waren.
"Was gibt es Neues vom Bombenleger", fragt Mrs. Peel mit lauter Stimme, denn Steed hat auf der Suche nach einer Flasche den Raum verlassen.
Prompt kehrt er mit einer Champagnerflasche in der Hand zurück.
"Ob Sie es glauben oder nicht, mein Liebe, man verdächtigt mich, meinen Nachfolger und meinen Chef auf teuflisch schlaue Art aus dem Weg geräumt zu haben. - Weil ich den Champagner bestellt habe."
"Das ist doch lächerlich."
"Das habe ich denen auch gesagt."
Er betrachtet wohlwollend das Etikett auf der dunkelgrünen Flasche. Dann sieht er zu Mrs. Peel auf.
"Es gab drei Explosionen, jede Menge Sprengstoff und keinen Zünder."
"Absurd."
"Und in höchstem Maße frustrierend für die Labortechniker. Aber so ist nun mal das Leben, man kann nicht alles haben. - Wie gestaltet sich Ihre Wohnungssuche?"
Mrs. Peel seufzt auf.
"Schwieriger als ich dachte. London scheint klein, eng und teuer geworden zu sein. Außerdem ist in vielen Wohnungen keine Haustierhaltung erlaubt und ich möchte doch Fluffy mitnehmen."
Steed wickelt den Flaschenhals ab.
"Fluffy?"
"Meine Perserkatze. Alle größeren Tiere habe ich auf dem Landsitz gelassen."
"Sehr vernünftig", lobt Steed, während er nun langsam den Korken aus der Flasche schiebt und zieht. "Pferde, Schweine und Kühe sind in der Stadt ja nur hinderlich."
Etwas ist mit der Flasche nicht in Ordnung. Der Korken sitzt ungewöhnlich fest und dann steigt Steed ein seltsamer Geruch in die Nase. Er reagiert im Bruchteil einer Sedunde, wirft die Flasche hinter sich in Richtung Küche, hechtet nach vor, reißt Mrs. Peel vom Sofa herunter und mit sich dahinter in Deckung als auch schon eine neuerliche Explosion mit einer gewaltigen Druckwelle die gesamte Wohnung in ein Trümmerfeld verwandelt.
"Großer Gott, Steed", krächzt Mrs. Peel und hebt mühsam den Kopf aus dem weißgrauen Betonstaub empor, "neuerdings sind Sie sogar noch umwerfender als früher."
Auch Steed hebt vorsichtig den Kopf und betrachtet die Reste der Tuba vor ihm auf dem Boden.
"Das Kompliment gebe ich gern zurück, Mrs. Peel, kaum sind Sie wieder da, schon verliere ich buchstäblich den Boden unter den Füßen."

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Steed mit Melone im tadellosen tabengrauen Anzug sitzt neben Mrs. Peel in deren Porsche Boxter und hindert dezent seinen Hut am Davonfliegen. Hinter ihnen auf der Notbank befinden sich mehrere elegante Gepäckstücke und ein zusammengerollter Schirm, die eindeutig einem Herren gehören. Sie brausen durch die Straßen Londons.
"Zum Glück waren die Sachen in meinem Schlafzimmer nicht so in Mitleidenschaft gezogen worden. Ich konnte noch fast alles retten, bevor die Bauaufsicht das Gebäude verriegelte."
Mrs. Peel lacht auf.
"Jetzt sind wir also beide auf Wohnungssuche."
"Ja", gibt Steed zu, "heimatlos, obdachlos aber immerhin rehabilitiert. Sir Julian ist nicht länger der Ansicht, ich sei der geheimnisvolle Attentäter. Vielmehr hat er mir mit ernster Stimme an Herz gelegt, die Sache auf meine bewährte Weise zu klären, bevor noch mehr geschieht."
Mrs. Peel nimmt rasant eine Kurve und weicht einem Milchfahrzeug aus.
"Dann sind Sie also in den aktiven Dienst zurück berufen worden?"
"Zumindest für die Dauer dieser Ermittlung. Wenn es nicht bald ein paar greifbare Ergebnisse gibt, wird es ernste Konsequenzen geben. Schon jetzt ist den Mitgliedern vom Geheimdienst der Genuss von Champagner bis auf weiteres untersagt."
Mrs. Peel legt eine Vollbremsung hin und schaut Steed konsterniert an.
"Ich wusste nicht, dass es so ernst ist."

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Ein Labor mitten in London. Die Wände sind hellblau getüncht. Hinter einem Holztisch mit verfleckter Oberfläche steht ein Mann im weißen Laborkittel, sein Gesicht ist nicht zu erkennen. Mehrere Champagnerflaschen einer Marke stehen neben ihm auf dem Tisch. Er hält eine Spritze mit einer klaren Flüssigkeit aufgezogen in der Hand. Dann greift er zu einer Flasche, löst die Metallfolie und jagt die Kanüle durch den Korken bis sie in den Schaumwein eingetaucht ist. Er drückt den Stemple der Spritze hinab. Dann zieht er die Nadel mit einer raschen Bewegung wieder hinaus und wickelt hastig die Metallfolie erneut um den Flaschenkopf.
Dann stellt er die präparierte Flasche zu anderen in einen Karton, verschließt den Karton und trägt ihn fort.
Wenig später fährt ein weißer Lieferwagen mit einem goldenen Logo eines bekannten Delikatessenhändlers durch die Straßen von London. Das Logo zeigt einen Hummer, der ein Sektglas in einer Schere hält.
Der Lieferwagen verlässt die Innenstadt und steuert auf vornehmere Gefilde zu. Schließlich hält er vor einem eleganten großen Haus. Jemand betätigt die Klingel, geht dann zum rückwärtigen Ende des Wagens, öffnet die Türen und entnimmt diesem einen Karton voller Lebensmittel. Er trägt sie ins Haus, kehrt zurück zum Auto und holt nun mehrere Flaschenkartons heraus. Auch diese trägt er hinaus.
Auf dem Klingelschild an dem schwarzen schmiedeeisernen Zaun ist zu lesen, dass hier der ehrenwerte Richter Sir Mathew Crowley wohnt.
Der selbe Ort am späten Abend. Es ist dunkel. Aus dem Haus flutet Licht. Viele elegante, teure Wagen stehen in der Straße. Man hört gedämpftes Lachen und Gläserklirren und Musik. Dann ein Lichtblitz und eine Explosion zerreist die Stille über Knightsbrigde.

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Eine Schranktür öffnet sich und hindurch durch Regalbretter und Kleiderstange sieht man Steed und Mrs. Peel, wie sie das Innere des Schranks kritisch begutachten.
"Das ist eine Ruine."
"Vollkommen indiskutabel."
Steed und Mrs. Peel befinden sich nicht in der Ruine der Knightsbridge-Villa sondern in einem unmöglichen engen Raum einer Neubauwohnung.
"Könnten Sie etwas damit anfangen, Steed?"
"Nur wenn ich im Stehen schlafe und meine Besucher künftig im Hausflur empfange."
Steed und Mrs. Peel sind auf Wohnungsbesichtigung. Der Makler hat sie mit dem "Objekt" allein gelassen, aber es findet keine Gnade unter ihren Augen. Sie gehen hinüber in ein ebenso kleines bedrückendes Wohnzimmer, dessen Wände mit einer großgemusterten Tapete versehen sind, so dass der klaustrophobische Eindruck vermittelt wird, von riesigen orangefarbenen Blumen gefressen zu werden.
"Du liebe Zeit, das erinnert mich an die Sache in Surrey, Sie wissen es noch, das Löwenzahngewächs?"
Mrs. Peel nickt und stemmt die Hände in die Seiten.
"Wie könnte ich das vergessen. Ein Herbizid wäre auch hier nicht schlecht."
Steed wirft einen Blick in einen angrenzenden Raum, allem Anschein nach ein Badezimmer, zieht sich aber schleunigst zurück.
"Da drin wird es auch nicht erfreulicher. - Ich fürchte, meine Liebe, Fluffy wird sich noch ein wenig bei Ihrer Freundin gedulden und meine geretteten Anzüge noch im Hotel bleiben müssen. Das hier geht weder für Sie, noch für mich."
Mrs. Peel verzieht auf altbekannte Weise den Mund und nickt erneut.
"Ich wollte zwar etwas nicht allzu großes aber das hier ist doch zu winzig. - Und eine Aussicht hat es auch nicht."
Steed lacht auf.
"Da hat es etwas mit unseren Analysten vom Labor gemeinsam, die haben immer noch keinen greifbaren Anhaltspunkt. Auch in Knightsbridge dasselbe Bild: große Verwüstung, Tote, Sprengstoffspuren gut verteilt in der ganzen Gegend, keinen Zünder oder Zündvorrichtung, keine Lunte, nichts, gar nichts. Aber dafür ein toter Richter des obersten Gerichtshofs. Sir Julian ist außer sich."
"Das kann ich mir vorstellen", stimmt Mrs. Peel zu. "Wurde Champagner getrunken?"
Steed zuckt mit den Schultern.
"Es war eine Geburtstagsparty, da floss der Wein in Strömen, auch der Champagner. Übrigens meine bevorzugte Marke."
Mrs. Peel, heute in einem chicen hellgelben Hosenanzug, wendet sich Steed zu.
"Ich habe sowieso die ganze Zeit das seltsame Gefühl, dass der Täter Ihnen bekannt sein müsste. Er kennt Ihre Vorliebe für Champagner und sogar die Marke und wusste, dass Sie diesen ordern würden. Ein alter Bekannter vielleicht?"
Steed, der gerade eine häßliche Küchenecke besichtigt, dreht sich mit schockiertem Gesichtsausdruck zu seiner Gesprächspartnerin um.
"Der Gedanke ist entsetzlich, dass ich mit jemandem so Unkultiviertem bekannt sein sollte, der mit Champagner mordert. Wirklich, Mrs. Peel, ich habe schon Verbrecher erlebt, für deren Taten ich deutlich mehr Verständnis zeigen konnte."
Die beiden wenden sich der Ausgangstür zu.
"Wie lautet die offizielle Version des Ministeriums zu dieser Angelegenheit", erkundigt sich Mrs. Peel, während Steed nach der Klinke greift.
"Terroristische Anschläge, der Versuch, das britische Empire von innen heraus zu zerstören, indem man Vertreter von Recht und Ordnung beseitigt. Es gab bisher weder ein Bekennerschreiben noch eine Geldforderung. Man hat natürlich die Kelterei, den Caterer und sogar meinen Weinhändler hinter meinem Rücken durchleuchtet und hochnotpeinlich befragt, doch man hat einfach keinen Punkt, an dem man ansetzen könnte.
Er hält ihr die Tür auf. Sie geht hindurch.
"Also warten alle auf die nächste Explosion. Das dürfte der Feierstimmung in good old England einen gehörigen Dämpfer aufsetzen."
Steed geht hinter ihr durch die Tür und zieht diese im Hinausgehen zu.
"Nein, das macht keine Freude."

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Erneut fährt der weiße Lieferwagen mit dem goldenen Hummerlogo auf der Seite durch die Straßen. Diesesmal ist er in einer ländlichen Gegend in der Nähe von London unterwegs. Sein Ziel ist der etwas abgelegene Landsitz des Landwirtschaftsministers Sir Wickham. Gerade biegt er in die kiesbestreute Auffahrt ein, fährt zwischen Bäumen und üppigen Rhododendren den Weg hinauf bis vor das Anwesen, wo der Kiesweg einen Kreis um einen Springbrunnen beschreibt.
Der Lieferwagen parkt vor dem Haus. Ein junger Mann in Arbeitskleidung steigt aus und klingelt. Dann öffnet er den Laderaum und entnimmt diesem eine Kiste mit Biogemüse. Auf halbem Weg zum Haus kommt ihm ein Hausdiener entgegen und nimmt ihm die Kiste ab. Es folgen weitere mit Brot und Käse französischer Herkunft, und schließlich folgen noch zwei Kartons mit ebenfalls französischem Mineralwasser.
Der Hausdiener quittiert den Empfang der Waren auf dem Klemmbrett des Fahrers, dieser reißt einen Zettel ab und händigt ihm dem Angestellten aus. Dann besteigt er wieder den Lieferwagen und fährt die Auffahrt davon.
Ein wenig später zerstört eine gewaltige Explosion die untere Etage des Landhauses.

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Polizei und Rettungskräfte riegeln den Ort des Geschehens mit gestreiftem Absperrband ab, als ein neuer offener Bentley die Auffahrt hochgefahren kommt. Steed sitzt am Steuer, Mrs. Peel in einem apfelgrünen Kleid nebst hübschem Chiffonmantel neben ihm.
"Ich dachte, Sie führen nur Oldtimer, Steed."
"Tja, wissen Sie, je älter man selbst wird, desto neuer werden die Wagen." Steed lacht. "Aber eigentlich hatte ich das Gefühl, die Oldtimer würden mehr und mehr meine Mitmenschen provozieren. Haben Sie es nicht bemerkt, Mrs. Peel, die Swinging Sixties gehören endgültig der Vergangenheit an, die wilden Siebziger ebenfalls. Eine neue Ernsthaftigkeit macht sich breit."
"Menschen, die sich selbst zu ernst nehmen, haben mich schon immer irritiert."
Steed nickt lächelnd. Er bringt den Wagen vor dem Absperrband zum Halten, steigt aus und hilft auch galant Mrs. Peel aus dem Wagen. Die Autotür schlägt zu. Mit seinem zusammengerollten Schirm lüftet Steed das Absperrband so weit, dass Mrs. Peel darunter durch schlüpfen kann. Dann zeigt er einem herbei eilenden Ordnungshüter seinen Dienstausweis und er und Mrs. Peel können ungehindert den Schauplatz der Tragödie in Augenschein nehmen.
Die menschlichen Opfer sind schon abtransportiert worden, der Anblick erinnert frapant an den Festsaal des Hotels oder Steeds ehemaliger Wohnung. Mit der Schirmspitze stochert Steed in den noch leicht rauchenden Trümmern.
"Ehrlich gesagt, war ich sehr überrascht, als ich hörte, dass es ausgerechnet Sir Wickham getroffen hat", bemerkt Steed zu Mrs. Peel.
"Der Mann war dafür bekannt, ein strenger Vegetarier und eine noch strengerer Antialkoholiker zu sein."
Mrs. Peel, die in die Hocke gegangen ist, blickt auf.
"Also kein Freund von Ihnen?"
Steed schmunzelt.
"So kann man das nicht sagen, er hatte schon das Herz auf dem rechten Fleck, auch wenn er immer prophezeite, dass der Wein nochmal mein Tod sein würde."
Mrs. Peel fischt eine grüne Glasscherbe heraus, an der noch ein Etikett hängt.
"Seiner scheint hingegen das Mineralwasser gewesen zu sein."
Steed geht ebenfalls in die Hocke.
"Aber wie ist das möglich, Mrs. Peel?"
Sein Tonfall ist ernst und drängend. Sie sieht sich um, zuckt mit den Schultern. Dann liest sie erneut das Etikett. Sie stutzt, runzelt die Stirn, starrt geradeaus ins Leere.
"Mrs. Peel?"
"Ich frage mich gerade..."
Sie richtet sich auf.
"Sie sind ganz sicher, Steed, das Sir Wickham nie etwas anderes trank als Wasser dieser Art?"
Auch Steed steht auf.
"Allenfalls noch naturbelassene Kuhmilch. Wieso?"
Langsam geht Mrs. Peel herum, die Glasscherbe immer noch in der Hand. Wie auch in früheren Zeiten trägt sie auch jetzt flache Schuhe zum Kleid, und Schutt und Scherben verursachen knirschende Geräusche unter ihren und Steeds Sohlen.
"Dann kann es nicht zwingend etwas mit dem Champagner zu tun haben. Es muss etwas anderes sein, dass... etwa..."
Wieder wird ihr Blick leer und sie hält inne. Dann fährt sie wie elektrisiert zu Steed herum.
"Ich muss sofort los, Steed, ich glaube, ich habe etwas entdeckt. Wo kann ich Sie erreichen?"
Steed vollführt eine etwas hilflose Handbewegung.
"In der Gerichtsmedizin, würde ich sagen, wenn es innerhalb der nächsten zwei Stunden ist. Aber was..."
Doch Mrs. Peel ist schon losgelaufen. Sie ruft ihm noch ein "Ich rufe Sie an" über die Schulter hinweg zu, dann ist sie mit wehendem Chiffonmantel entschwunden und wenig später braust ein Polizeiwagen mit einem Uniformierten am Steuer die Auffahrt entlang.

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Steed befindet sich in einem gefliesten Raum als ein dunkelblaues Wandtelefon mit Tastenfeld statt Wählscheibe klingelt. Es ist Mrs. Peel, die ihn aus einem internationalen Zeitungsarchiv anruft. Dort sitzt sie vor einem weißen Kunststoffmonitor, auf dem eine Ausgabe der Wiener Abendzeitung abgebildet ist.
"Steed, haben Sie schon etwas herausgefunden über den Sprengstoff?"
"Ich würde sagen, die Wissenschaft tappt weiterhin im Dunkeln."
"Fragen Sie doch einmal nach, ob es sich um PB21 handeln könnte."
Steed runzelt die Stirn.
"PB21?"
"Ja, so haben es die Österreicher vor einem Jahr genannt. Ich habe die damalige Ausgabe der Wiener Zeitung im Archiv gefunden."
"Ich wusste gar nicht, dass Sie Deutsch können!"
"Mein Mann hatte viele Geldanlagen im Ausland, wir sind viel gereist und zu dem Zeitpunkt waren wir sogar in Wien. Ein unbekannter Wissenschaftler hatte einen flüssigen Sprengstoff erfunden, der allein durch die plötzliche Zufuhr von Sauerstoff gezündet hatte. Ich bin sicher, dass das Ministerium etwas darüber wissen muss. Es hat damals in Wien viel Aufregung darum gegeben, vor allem, weil der bewusste Wissenschaftler sich selbst samt seinem Labor in die Luft gejagt hat."
"Dann sind wohl die Aufzeichnungen darüber gleich mit ihm gegangen."
"Es wäre aber auch möglich, dass sich jemand das Rezept zuvor abgeschrieben hatte, meinen Sie nicht?"
Steed denkt einen Moment lang nach.
"Ein flüssiger Sprengstoff, der durch plötzliche Sauerstoffzufuhr zündet, sagen Sie. Da braucht man natürlich nicht nach einem Zünder oder einer Lunte zu suchen."
"Eben", stimmt ihm Mrs. Peel zu, "er ist natürlich extrem gefährlich zu händeln und kann im Grunde nur in anderen Flüssigkeiten unter Vakuumbedingungen transportiert werden."
"Wie z.B. in einer geschlossenen Champagnerflasche. Vorausgesetzt man gibt den Sprengstoff bei, wenn die Flasche bereits abgefüllt und verkorkt ist."
"Ja, und selbst dabei muss man sehr vorsichtig sein. Im Grunde geht es nur mit einer Spritze, die durch den Korken gestochen und dann sehr vorsichtig wieder entfernt wird. Wird dann die Flasche geöffnet, reagiert die Kohlensäure mit dem Sauerstoff und..."
"Bumm", vollendet Steed den Satz für Mrs. Peel. "Und das würde auch mit einer Flasche Mineralwasser funktionieren?"
"Sofern es kohlesäurenhaltig ist, ja. Allerdings weiß ich nicht, wie man das PB21 beigegeben hat, ohne sofort die Reaktion auszulösen."
Steed zuckt mit den Schultern.
"Vielleicht auch durch den Deckel gestochen und dann rasch das winzige Loch mit einem Tropfen Kunstharz geschlossen. Bedenken Sie, dass die Kohlensäure auch einen Moment zur Reaktion benötigt. - Ja, er muss schon recht geschickt sein, unser Bombenleger."
"Und rachsüchtig", seufzt Mrs. Peel.
"Ich werde mich auf jeden Fall sofort mit dem Laborchef und dem Minister in Verbindung setzen. Der soll die österreichische Regierung kontaktieren, wir benötigen die chemische Zusammensetzung von dem Zeug. - Da fällt mir ein, kurz bevor die Flasche in meiner Wohnung explodierte, stieg mir ein seltsamer Geruch in die Nase. Sie können mir wohl nichts dazu sagen?"
Mrs. Peel studiert erneut den Bildschirm.
"Leider nicht, aber ich persönlich halte es für möglich, dass das "P" für Phosphor steht. In diesem Falle würde der Geruch vielleicht ein wenig an Zündhölzer erinnern."
"Ja, das wäre möglich... müsste es dann nicht auch ein wenig leuchten?"
"In reiner Form schon aber wenn es sich um PB21 handelt, dann ist es uns bisher nur in stark verdünnter Form untergekommen und auch nicht bei völliger Dunkelheit."
"Apropos Dunkelheit - wollen wir beide nicht heute zusammen zu Abend essen? Ich kenne da ein wunderbares neues Restaurant..."

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Steed wirft sich in seinem Hotelzimmer im St. George in Schale. Er steht vor einem mannsgroßen Ankleidespiegel und betrachtet sein Spiegelbild. Gerade bindet er sich ein lavendelfarbene Krawatte mit geübter Routine. Dennoch scheint ihn die provisorische Lösung des Hotelzimmers ein wenig zu bedrücken. Sein kritischer Blick fällt auf ein besonders hässlichen Abdruck moderner Kunst an der Wand und entschlossen geht er darauf zu und dreht die Scheußlichkeit zur Wand um.
Dann glättet er sein Haar und sucht in seinem ledernen Kulturbeutel herum, kann aber das Gesuchte nicht finden. Ärgerlich schnalzt er mit der Zunge, zieht das Jacket von der Stuhllehne und schlüpft im Gehen hinein.
In der Hotellobby herrscht Hochbetrieb. Eine Hochzeitsgesellschaft wird ausgerichtet und aufgeregte Angestellte und Lieferanten sausen durcheinander. Ein junger Mann mit einem weißen Karton beladen rennt Steed fast über den Haufen.
Steed entschuldigt sich höflich für ihn und macht ihm Platz. Dann fällt sein Blick auf das aufgedruckte Logo auf dem Karton: es ist ein goldener Hummer, der ein Sektglas in der Hand hält. Er stutzt. Dann stürzt er zur Rezeption und bittet um ein Telefonbuch. Schließlich greift er zum Telefon.
Es klingelt in der Wohnung von Mrs. Peels Freundin. Diese geht an den Apparat, gibt den Hörer aber sogleich an Mrs. Peel weiter, die in einem raffinierten Bademantel aus dem Badezimmer kommt und ihre Haare noch mit einem Handtuch trocknet.
"Steed, was ist los?"
"Mrs. Peel", Steed schlägt einen Ton an, den man sich normalerweise für die Überbringung von Todesnachrichten vorbehält, "ich habe soeben den definitiven Beweis erhalten: ich werde alt."
"Niemals", protestiert seine Gesprächspartnerin empört.
"Oh, doch, mir ist nämlich etwas Wichtiges entfallen, und ich hoffe, es ist noch nicht zu spät."
"Was ist es?" Mrs. Peel lässt das Handtuch sinken.
"Für diese unsägliche Jubiläumsparty hatte ich mich bereit erklärt, für den Champagner zu sorgen, wie Sie wissen. Was Sie aber nicht wissen ist, dass mein Weinhändler für so viele Leute nicht genug Sekt auf Vorrat hatte. Ich musste also etwas beim Cateringservice dazu kaufen. Normalerweise nehme ich die Dienste dieses Services nicht in Anspruch aber wie Sie wissen, trinke ich nun mal am liebsten eine bestimmte Sorte und die führt eben nicht jeder."
"Aber dieser Caterer schon", Mrs. Peel setzt sich langsam auf eine Sessel, den Hörer an ihr Ohr gepresst.
"Genau. Ich musste ein wenig herum telefonieren aber dieser Lieferservice führte ihn. Sie haben ihn vielleicht schon mal bemerkt, er hat ein ziemlich auffälliges Logo: einen goldenen Hummer mit einem Sektglas in der Schere."
"Ja, ich kenne ihn... heißt er nicht "Berkleys" oder so ähnlich?"
"So heißt er. Ich hatte das komplett vergessen. Und da meine Abteilung mich eine Zeitlang in Verdacht hatte, haben Sie meine Lieferanten hinter meinem Rücken befragt. Ich denke nicht, dass sie auf diesen Caterer überhaupt gekommen sind. Aber eben in der Lobby lief ich fast in einen Mitarbeiter von denen hinein und da fiel es mir wieder ein. Und noch etwas..."
"Ja?"
"Die bringen nicht nur Hummer und Champagner, sondern die machen auch damit Werbung, dass sie naturbelassenes Biogemüse frei Haus liefern"
"Der Landwirtschaftsminister."
"Das Hausmädchen hatte später noch zu Protokoll gegeben, dass niemand an diesem Tage zu Besuch gekommen war, außer den üblichen Lieferanten."
Steed hat sich beim Telefonieren über den Rezeptionstresen gelehnt. Hinter ihm geht die Hektik weiter, er muss sich sehr konzentrieren, um Mrs. Peel überhaupt zu verstehen.
"...ich sagte, was machen wir jetzt, Steed?"
"Ich werde sofort zu dieser Firma fahren, die hat ihren Sitz in Bloomsbury. Das beudeutet, dass ich Sie, meine Teuerste, versetzen muss, auch wenn es mir das Herz bricht."
Mrs. Peel am anderen Ende der Leitung schmunzelt in sich hinein.
"Darauf würde ich nicht wetten, mein Lieber", murmelt sie, als sie den Hörer auflegt.

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Während Steeds Bentley bei sinkender Dämmerung Richtung Bloomsbury rast, öffnet Mrs. Peel im Gästezimmer ihrer Freundin verschiedene Kartons. Ihre Freundin steht daneben und sieht ihr fasziniert zu.
"Woher stammen die, Emma?"
"Oh, das sind Überbleibsel aus der Zeit als Peter verschollen war. Damals war ich eine Zeitlang berufstätig. Dann habe ich die Sachen jahrelang im Keller von Peels Manor gelagert, daher der Staub."
Mrs. Peel wühlt, dann stockt sie in der Bewegung und zieht etwas heraus. Es ist eine Art Trainingsanzug, zweiteilig mit Gürtel und Reisverschluss in einem dunklen Orange mit Dunkelblau abgesetzt. Energisch schüttelt ihn Mrs. Peel in Form.
"Hey, chic", bemerkt ihre Freundin, "als was hast du gearbeitet, als Aerobic-Lehrerin?"
"So ähnlich", nickt die Angesprochene lächelnd, "es hatte viel mit Fitness zu tun, weißt du."
Sie verschwindet samt Anzug hinter einen Paravent und taucht bald darauf wieder auf.
"Donnerwetter, du hast deine Form gehalten", bemerkt die Freundin anerkennend.
"Das wird sich noch herausstellen", kontert Mrs. Peel und greift nach ihrem Wagenschlüssel.

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Das Gelände der Firma Berkleys liegt abseits von Geschäften und Wohnvierteln, flankiert von zwei menschenleeren Straßen, die selbst nur durch die trübe Beleuchtung der städtischen Laternen erhellt wird. Der Bürokomplex wirkt nahezu ausgestorben aber im hinteren Bereich, wo sich der Hof und die Lagerhallen befinden, ist noch rege Betriebsamkeit zu verzeichnen. Dort erhellt ein Flutscheinwerfer den asphaltierten Hof, der zur Straße hin durch ein hohes, enges Stahlgitter abgezäunt ist. Lieferwagen kommen und gehen und erledigen die noch anstehenden Arbeiten für Abendgesellschaften. Das Tor zum Hof ist geschlossen und kameraüberwacht.
Steed hat seinen Wagen etwas abseits geparkt und ist zu Fuß herübergekommen. Er achtet darauf, auf der Schattenseite der Straße zu bleiben und nicht von einer Kamera erfasst zu werden. Ein vergessenes Baustellenschild auf einem Metallständer erregt seine Aufmerksamtkeit.
Ein wenig später biegt ein weiterer weißer Lieferwagen in die Gasse, muss jedoch kurz vor der Toreinfahrt abbremsen, weil ein altes Baustellenschild quer auf der Straße liegt. Leise fluchend steigt der Fahrer aus und beseitigt das Hindernis. Den huschenden Schatten am Heck seines Wagens hat er nicht bemerkt. Ohne einen Blick nach hinten zu werfen, steigt er wieder in das Auto und fährt kurz darauf auf den Hof. Dort wird er bereits von einem anderen Mitarbeiter erwartet, dem er ein Klemmbrett mit Zetteln aushändigt. Beide Männer sind für einen Moment von der Bürokratie abgelenkt und bemerken nicht die sich öffnende und leise wieder schließende Hecktür des Lieferwagens.
Aus der Lagerhalle ertönen Rufe. Flaschen klirren und etwas Schweres scheint zu Boden gefallen. Auch die Lagerhalle ist durch grelles Flutlicht erhellt, doch nur wenige Menschen arbeiten hier. Den Mann in Melone und Abendanzug bemerkt niemand.
Steed inspiziert Kaviar in Kartons, Croutons in Tüten und eingeschweißte Flugentenbrüste. Auch Champagner steht auf Paletten gestapelt herum und wartet darauf, ausgeliefert zu werden. Alles ist original verpackt, nichts deutet darauf hin, dass an den Dingen manipuliert wurde. Steed durchquert unbehelligt die Lagerhalle und steuert auf eine rot lackierte Tür mit der Aufschrift "Nur für autorisierte Mitarbeiter" zu. Sie ist verschlossen, doch es handelt sich um ein altmodisches Bartschloss, dass Steed "Überredungskünsten" nicht lange standhält.
Im Nu ist er hindurch geschlüpft und befindet sich nun in einem Treppenaufgang. Leise wie eine Katze erklimmt er die Treppe in den ersten Stock. Rechts von ihm erstreckt sich ein Korridor, der von unbeleuchteten Büros gesäumt ist. Steed betritt das erste Büro, ein normales, durchschnittliches Schreibzimmer mit Platz für zwei Sekretärinnen. Durch eine Verbindungstür gelangt er in ein Archiv und stöbert dort ein wenig mit Hilfe einer kleinen aber extrem hellen Taschenlampe herum. Stapelweise Aufträge und Abrechnungen von privaten Kunden und großen Firmen. Das Geschäft scheint zu florieren, doch nichts deutet hier auf eine Unregelmäßigkeit hin.
Steed verlässt das Archiv und durchsucht noch zwei weitere Büros. Das Ergebnis ist enttäuschend. Sollte er sich geirrt haben?
Er will sich gerade abwenden, als ein Geräusch über ihm ihn innehalten lässt. Es klingt, als sei ein Glas zu Boden gefallen. Offenbar ist dort noch jemand um diese Zeit.
Erneut eilt er die Treppe hinauf und lugt vorsichtig um die Ecke. Am Ende dieses Korridors erblickt er eine Glastür an der das Wort "Labor" steht. Dahinter brennt Licht. Durch die Milchglasscheiben ist kein sich bewegender Schatten auszumachen, doch etwas oder jemand hat dort etwas zu Boden fallen lassen. Steed schleicht vorwärts, hält inne, pirscht sich weiter heran. Irgendwo links neben ihm klappt eine Tür zu, Schritte sind zu hören. Wie ein Blitz ist er durch die Glastür gehuscht, noch bevor er von dem Unbekannten auf dem Flur überrascht werden kann.
Das Labor in welchem er sich nun befindet, ist hellblau getüncht und sehr aufgeräumt. Wer auch immer hier war, müsste im Begriff sein, Feierabend zu machen. Alle Gerätschaften wie Petrischalen und Bunsenbrenner, Zentrifugen und Ständer mit Reagenzgläsern stehen ordentlich hinter Glasschiebetüren in den Schränken. Eine Reihe weißer Kittel hängen an Haken an der Wand. Ein Plakat mit Sicherheitshinweisen daneben.
Steed tritt an einen verschlossenen Schrank heran, in dem sich Flaschen mit verschiedenen Flüssigkeiten befinden. Kurz entschlossen löscht er für einen Augenblick das Licht, doch keine der Flüssigkeiten leuchtet im Dunkeln nach. Enttäuscht schaltet er das Licht wieder an, lauscht, doch nein, es scheint niemand zu kommen. Sein Blick fällt auf eine Reihe gerahmter Fotos an der Wand. Offenbar die Laboranten, die hier arbeiten. Sechs Männer und Frauen lächeln ihn an, teilweise in weißen Kitteln, mit Brillen, und darunter stehen ihre Namen, ihre Titel und ihre genauen Berufsbezeichnungen.
Beim fünften Bild, dem Portrait eines jungen Mannes, bleibt Steed stehen. Er liest den Namen, einmal, zweimal, runzelt die Stirn. Das kann doch unmöglich sein! Mrs. Peel fällt ihm ein und ihre unglaubliche Behauptung. Er will sich gerade abwenden, da tritt ein Schatten hinter ihn und noch ehe er weiß wie ihm geschieht, wird er mit einem Stössel niedergeschlagen und sackt leise stöhnend zusammen.

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Der apfelgrüne Porsche Boxter parkt direkt vor dem verwaisten Büroeingang von Berkleys. Mrs. Peel wirft einen Blick auf die dunkle Fassade. Nur dort oben brennt noch Licht. Ihr Blick schweift zur Tür, die dunkel, abweisend und verschlossen wirkt. Lautlos huscht sie um die Ecke. Da befindet sich ein Seiteneingang mit einer Klingel. Entschlossen presst sie die Hand darauf. Sie hört den schrillen Ton aus dem Inneren dessen, was sie ganz zu Recht für die Loge des Nachtwächters hält. Kurz darauf erscheint dieser auch höchstpersönlich in der Tür und wirft seiner späten Besucherin einen unwirschen Blick zu.
"Was wollen Sie."
"Haben Sie die Schmiererei an der Wand gesehen?" Mrs. Peel deutet nach links und der Pförtner tritt einen Schritt vor und schaut in die angegebene Richtung. Im gleichen Moment trifft ihn Mrs. Peels Handkante im Nacken und er fällt zu Boden. Mrs. Peel stützt ihn, bevor er tatsächlich stürzen kann, schiebt ihn zurück durch die Tür und sich selbst hinterdrein. Dann schließt sie die Tür. Drinnen lässt sie den Wachmann auf den Fußboden sinken und pirscht dann auf leisen Sohlen vorwärts, bis sie im Treppenhaus angelangt ist. Kein Licht, kein Laut dringt zu ihr, die beiden Fahrstühle bewegen sich nicht. Behende, immer zwei Stufen auf einmal nehmend ohne dabei viele Geräusche zu machen, bewegt sie sich die Treppe hinauf.

Steed kommt stöhnend zu sich. Er blinzelt in die helle Leuchtstoffröhre an der Decke. Er versucht, sich aufzusetzen, kann aber nicht einmal eine Hand bewegen, denn jemand hat ihn mit großer Sorgfalt rücklings auf dem Labortisch festgebunden. Lediglich den schmerzenden Kopf kann er hin und her drehen und so sieht er, dass die Seile, die ihn festhalten an die metallenen Stangen seitlich am Labortisch geknotet sind.
Jemand läuft schnell auf und ab und packt Dinge in einen leeren Karton. Der junge Mann in dem weißen Kittel, dessen Konterfei an fünfter Stelle an der Wand hängt, ist hektisch damit beschäftigt, Flaschen aus einem der Kühlschränke zu entnehmen und sie in eine Styroporbox zu legen.
"Prendergast, Aurel Prendergast, wenn ich mich nicht irre."
Der Angesprochene schenkt Steed einen kurzen hasserfüllten Blick, dann widmet er sich wieder seiner Tätigkeit, ohne zu antworten.
Steed muss den Kopf heben, um den Mann zu sehen, was sehr anstrengend für die Nackenmuskeln ist.
"Gehe ich Recht in der Annahme, dass Sie der Sohn des verstorbenen Max Prendergast sind und bis vor Kurzem noch in Wien weilten? Ich war ehrlich überrascht, als ich ihren Namen dort drüben an der Wand las."
Steed ruckt mit dem Kopf in die entsprechende Richtung.
"Ich wäre nicht auf den Gedanken gekommen, dass Sie diesen Namen auch benutzen."
"Es gibt keinen Grund, mich des Namens meines Vaters zu schämen", zischt der junge Mann und bedenkt Steed mit einem neuerlichen unfreundlichen Blick.
Steed lässt sich zurücksinken.
"Nun, darüber kann man wohl geteilter Ansicht sein", spricht er im leichten Plauderton zur Zimmerdecke, "Ihr Herr Vater war ein Spion, Landesverräter und Mörder und ich möchte sagen, er hatte das eine oder andere ernsthafte psychische Problem."
Prendergast junior unterbricht sein Packen und tritt an den Labortisch.
"Und was sind Sie?" fragt er höhnisch. "Sind Sie kein Spion, sind Sie kein Mörder? Sie haben meinen Vater umgebracht - und meine Mutter."
"Ihre Mutter?" Nun spricht echtes Erstaunen aus Steeds Stimme.
"Ja", antwortet sein Gegenüber gedehnt, "Ola Monsey-Chamberlain. Sie werden doch wohl nicht schon so senil sein, dass Sie die Namen ihrer Feinde vergessen, Steed."
"Ich habe nach dieser Geschichte im Haus von Sir Cavallier zwar den Namen im Protokoll gelesen aber ehrlich gesagt, erinnere ich mich tatsächlich nicht an sie."
"Das liegt daran, dass sie bereits tot was als sie dort eintrafen, Steed", ertönt eine weitere Stimme von der Tür her.
Steeds Kopf ruckt nach oben und auch Prendergast fährt herum. In der Tür steht Mrs. Peel und blickt spöttisch auf den jungen Mann. Langsam kommt sie näher.
"Sie haben ihn zu Unrecht beschuldigt, Prendergast. Er tötete zwar Ihren Vater, doch ich war es, die im Kampf Ihre Mutter die Treppe hinunter stieß. Ich wusste allerdings nicht, dass sie damals schon ein Kind hatte. Mir spielte sie während meines Aufenthaltes die Rolle von Sir Cavalliers Mündel vor. Sie erwähnte sie mit keiner Silbe."
"Mrs. Peel", Prendergast spuckt die Worte regelrecht aus, "natürlich, wie könnte es auch anders sein, die unvergleichliche Mrs. Peel. "
In Erwartung einer weiteren Replik zuckt Mrs. Peels Augenbraue nur spöttisch nach oben. Steed hingegen entwickelt hinter Prendergasts Rücken neue Aktivität und bemüht sich, seine Fesseln zu lockern und sie über die Enden der Stangen zu schieben. Dabei ist er sehr bestrebt, nicht den Metallständer mit der in einer Zwinge festsitzenden Champagnerflasche umzustoßen, an deren Hals bereits eine Zündschnur befestigt ist. Währenddessen haben Prendergast und Mrs. Peel begonnen, einander langsam zu umkreisen.
"Mein Vater war regelrecht besessen von Ihnen", Prendergast fixiert den ungebetenen Gast mit giftigem Blick. "Ich habe Fotos von Ihnen gesehen, die mein Vater aufbewahrt hatte. Meine Mutter hat Sie dafür gehasst."
"Danke für die Blumen", kontert die so Angesprochene gelassen, "ich hingegen war weder von Ihrem Vater noch von Ihrer Mutter sehr angetan. Sie hatten beide einen kranken Sinn für Humor, den sie offensichtlich an Sie vererbt haben. Und ich nehme an, Sie haben vor, hier nocheinmal die gleiche Zaubernummer wie in Wien vor einem Jahr abzuziehen und Ihren Tod vorzutäuschen?"
"Erraten Mrs. Peel, sehr schlau von Ihnen. Und auf eine Leiche mehr oder weniger in den Trümmern kommt es mir nicht an."
Damit greift er zu einer weiteren Champagnerflasche und schlägt ihr an einer Kante den Bauch ab. Mrs. Peel zuckt kurz zusammen, weil sie eine Explosion erwartet, doch es ist offenbar eine unpräparierte Flasche. Mit den gezackten Kanten der abgebrochenen Flasche drohend hin und her zuckend bewegt sich Prendergast auf Mrs. Peel zu, die zunächst ausweicht. Steed arbeitet weiter verbissen an seinen Fesseln. Prendergast macht einen Ausfallschritt auf Mrs. Peel zu und versucht, ihr die Flasche in den Leib zu rammen. In dieser Sekunde schnellt ihr Bein aufwärts, trifft Prendergasts Arm und die Flasche fliegt ihm im hohen Bogen aus der Hand und zerschellt an einer Wand. Mit einem Wutschrei stürzt sich Prendergast nun auf seine Gegnerin und packt sie am Hals. Sie fässt seine Handgelenke und die beiden ringen einige Augenblicke lang miteinander. Zwei Laborhocker fallen um und einige Geräte aus Glas, die Prendergast zuvor aus dem Schrank geholt hatte, werden von der Arbeitsplatte gefegt. Die Styroporbox allerdings steht noch unversehrt an Ort und Stelle. Prendergast versucht Mrs. Peel rückwärts in Richtung Glaswand zu drücken, doch diese lässt sich urplötzlich zu Boden fallen, reißt ihren Angreifer mit sich und schleudert ihn über sich hinweg. Blitzschnell ist sie wieder auf den Beinen und rennt zu Steed. Es gelingt ihr, eine seiner Fußfesseln zu lösen, bevor sich Prendergast erneut auf sie stürzt.
Diesesmal drückt er sie rückwärts auf den Tisch und den darauf befindlichen gefesselten Steed. Sie versucht ihn mit der Handkante zu schlagen, doch sie bekommt die Arme nicht frei genug, um ausholen zu können. Schließlich gelingt es ihr, ihm ihr Knie in den Unterleib zu stoßen. Keuchend lässt er eine Sekunde von ihr ab und sie befreit sich aus seinem Griff. Ihr nächster Schlag trifft ihn am Nacken, allerdings bewegt er sich, so dass der Hieb nicht richtig sitzt. Sie tritt nach, er weicht aus, der ganze Labortisch schwankt. Der Metallständer mit der Flasche kommt ins Trudeln. Mrs. Peel fängt ihn ab, muss sich aber gleich darauf ducken, denn Prendergast schlägt mit der Faust nach ihr. Ihre Retour erwischt ihn über dem Nasenbein und er wankt einen Moment lang. Dann greift er blitzschnell nach der Styroporbox und holt eine der kleinen Flaschen heraus.
"Halt, keine Bewegung oder wir fliegen alle zusammen in die Luft!"
Seine Stimme ist schrill, sein Blick starr. Unversöhnlicher Hass und Irrsinn spiegeln sich darin wieder. Steed ist es gelungen, seine Fesseln loszuwerden. Geschmeidig lässt er sich von dem Labortisch gleiten und greift noch in der Bewegung nach einer halbvollen Flasche Mineralwasser, die wohl ein Laborassistent an die Seite gestellt und dort vergessen hat. Prendergast nimmt die Bewegung aus dem Augenwinkel wahr und will herumfahren, doch Steed ist schneller und die Flasche schlägt dumpft auf den Schädel des jungen Mannes, der die Augen verdreht und zu Boden stürzt.
"Mrs. Peel, die Flasche!"
Doch diese hat schon reagiert und das Fläschchen der Hand des jungen Mannes entrissen, noch bevor der in Bewußtlosigkeit versinkt und auf dem Linoleum aufschlägt.
"Puh, gerettet", stöhnt sie und legt die Flasche in die Box zurück, schließt den Deckel und überreicht Steed den weißen Kasten.
"Bittesehr, PB21 frei Haus. Ich denke aber, wir überlassen es unserem Labor, das Zeug zu testen und zu analysieren."
Steed nimmt den Kasten vorsichtig an sich. Sein Blick ruht auf dem niedergeschlagenen jungen Mann.
"Genie und Wahnsinn - unter dieser Kombination litt schon sein Vater."
Auch Mrs. Peels Blick wandert zu dem am Boden Liegenden.
"Er war von beiden Seiten erblich belastet", meint sie nachdenklich, "seine Mutter redete pausenlos über ihre Zähne."
Steed strahlt nun Mrs. Peel an.
"Ich muss sagen, ich bin unglaublich beeindruckt, meine Liebe, die Zeit von Ehe und Familie konnte ihrer Form nichts anhaben."
Sie lächelt zurück.
"Ich habe Sport gemacht und war viel an frischer Luft. Aber Sie haben sich auch sehr gut geschlagen. Ich denke, es wird Zeit, Sir Julian zu benachrichtigen."

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Mrs. Peel steht in einem großen hellen Raum ohne Möbel mit Kamin als es an der Tür klingelt. Sie öffnet und herein kommt Steed mit einem unförmigen Weidenkorb im Arm.
"Ich bitte Sie, mir die Verspätung zu entschuldigen, meine Liebe aber Sir Julian hat mich noch aufgehalten."
"Und hat Ihnen seine Wäsche für die Reinigung mitgegeben?"
Steed stellt den Korb mitten im Zimmer auf den Boden, öffnet ihn aber nicht. Eine weiße Perserkatze schleicht herum und schnuppert neugierig daran.
"Ich wünschte, es wäre so aber leider.... Ich weiß nicht, ob Sie es schon gehört haben aber ich..."
"Ich weiß, Sie sind in den aktiven Dienst zurück beordert worden."
Steed lächelt.
"Naja, vermutlich haben Sie einfach noch keinen geeigneten Nachfolger für mich gefunden. Im Augenblick suchen Sie noch nach einem Nachfolger für den verstorbenen Sir Giles. Und das", er deutet auf den Weidenkorb, "ist auch der Grund für die Verspätung."
In diesem Moment ertönt ein Fauchen aus dem Korb. Mrs. Peel macht große Augen.
"Genau, meine Liebe, da drin befindet sich Captain Munroe, der grantigste Kater der Welt, der meinem verstorbenen Vorgesetzten gehörte und für den man nun ein neues Heim sucht. Das gestaltet sich schwieriger als erwartet, denn er ist nicht gerade umgänglich. Insofern hat er viel mit seinem vormaligen Besitzer gemeinsam."
Mrs. Peel lacht auf.
"Also war ich in der Furry Lodge beim alten Mr. Tchesher..."
"Der lebt noch?"
Steed strahlt.
"Ja, in der Tat aber er gibt den Betrieb ab und konnte daher Captain Munroe nicht aufnehmen. Und ich weiß noch nicht, was der Concierge vom St. George sagen wird, wenn ich dort mit dem Captain aufkreuzen werden. Ach ja..."
Erst jetzt sieht er sich in der Umgebung um.
"Ahhh, wie ich sehe, sind Sie fündig geworden auf dem Immobilienmarkt."
Doch Mrs. Peel seufzt auf.
"Es ist wunderschön aber viel zu riesig. Da hätte ich ja in Peels Manor bleiben können."
"Ja aber allein der Raum und die Terrasse", er durchquert den Raum, öffnet ein Bodenfenster und tritt hinaus in den Sonnenschein.
"Sie haben Ausblick auf den St.-James-Park, meine Liebe."
"Ich weiß", seufzt Mrs. Peel erneut auf. "Und das macht es ja auch so schwer, das Objekt abzulehnen. Es kommt einem wie ein Frevel vor."
"Dann lehnen Sie nicht ab!"
Er kommt wieder hinein und schließt das Fenster, deutet auf die Perserkatze.
"Fluffy fühlt sich hier auch schon wie zu Hause."
"Sie sind keine Hilfe, Steed", braust nun Mrs. Peel auf, "hinter diesen beiden Türen", sie weist mit ausgestreckten Armen nach links und rechts auf je eine zweiflüglige Schiebetür mit Glaseinsatz", befinden sich Räume so groß wie Tanzsäle und zwei Badezimmer! Selbst wenn ich die Zimmer teilen ließe, könnte ich untervermieten. Oder eine Wohngemeinschaft gründen."
"Das ist jetzt total im Kommen, Mrs. Peel. Wohngemeinschaften meine ich, WG´s. Man bewohnt großzügige Objekte wie dieses gemeinsam und teilt sich die Kosten. Was ist mit Ihrer guten Freundin, hätte die nicht Lust einzuziehen?"
Mrs. Peel zieht in einer hilflosen Geste die Schultern hoch.
"Ehrlich gesagt, das wäre auf Dauer nicht die Art von Mitbewohner mit der ich auskommen könnte. Zu brav, zu bürgerlich, Sie verstehen was ich meine. "
Auch Steed seufzt nun auf.
"Nur zu gut, Mrs. Peel, nur zu gut. Wenn Sie es interessiert, das war auch der Grund, weshalb ich in meiner Wohnung geblieben bin, bis Prendergast junior dem ein Ende setzte. Wir sind Kinder einer anderen Zeit. In uns lebt etwas Unkonventionelles, wir suchen nach Lebensfreude statt nach Sicherheit..."
"Ich hasse Leute, die in jedem Raum einen Rauchmelder installieren müssen", fällt Mrs. Peel schaudernd ein.
"Der gleiche Typ Mensch, der Kalorien und Cholesterin in allem was er ißt zählt", ergänzt Steed mit trauriger Miene.
"Und alle Wände in hellbeige streicht und Rauhfasertapete klebt."
Mrs. Peel und Steed stehen einander in dem leeren Wohnraum gegenüber und sehen sich resigniert an. Plötzlich kippt der Weidenkorb mit Captain Munroe um, der Deckel klappt auf und ein gewaltiger rotbrauner Kater entsteigt seinem Gefängnis majestätisch. Laut schnurrend, weil der Enge des Korbes entronnen, beginnt er seine Runde durch den Raum von den beiden anwesenden Menschen beobachtet. Dann erblickt er Fluffy, die am Terrassenfenster hockt und ihm einen desinteressierten Blick über die weiße Schulter zuwirft. Sofort nimmt er Kurs auf sie, sein Schnurren wird noch lauter, er erreicht sie und setzt sich neben sie, die Galanterie in Katzengestalt. Gemeinsam sehen die beiden Tiere aus dem Fenster und genießen den Ausblick auf den St.-James-Park.
Halbwegs fassungslos sehen sich Mrs. Peel und Steed an. Sie findet als Erste ihre Sprache wieder.
"Steed", beginnt sie mit leiser Stimme, gerade so als könnte sie jemand hören, "denken Sie gerade auch, was ich denke?"
"Ich wage es nicht zu denken", gibt Steed im gleichen Flüsterton zurück.
Kurzes Schweigen. Dann wieder sie:
"Aber es wäre eine Lösung."
"Aber wäre es die richtige Lösung?"
"Fällt Ihnen eine Bessere ein?"
"Nein - aber ich habe das Gefühl, mir fällt im Augenblick gar nicht viel ein."
Mrs. Peel deutet mit einem kurzen Kopfnicken auf die beiden Katzen.
"Captain Munroe würde es glücklich machen..."
"Fluffy wohl auch..."
"Und erst Sir Julian..."
"Und den verstorbenen Sir Giles... meinen Sie, ich schulde es ihm? Porstmortem? So als letzte Geste?"
Dann wieder er nach einer kleinen Pause:
"Aber was würde Ihr erwachsener Sohn dazu sagen? Und Ihre Schwiegertochter?"
Mrs. Peel stößt ein leichtes Schnauben aus.
"Haben Sie nicht gesagt, so lebt man heute? In Wohngemeinschaften? Teilt sich die Kosten?"
Steed schaut sich erneut um.
"Sie auf der einen Seite, ich auf der anderen?"
"Gemeinsamer Wohnraum, gemeinsame Küche und Dachterrasse. Und Tierhaltung ist erlaubt."
Steed wirft Captain Munroe einen abschätzenden Blick zu.
"Meinen Sie, er trink gern ab und zu ein Glas Champagner?"
Mrs. Peel verschwindet lachend in der angrenzenden Küche und kehrt gleich darauf mit zwei langstieligen Gläsern wieder.
"Dann brauchen wir aber mehr als zwei."
Steed bückt sich lächelnd zum Katzenkorb hinunter und löst aus dem Inneren eine grüne Flasche, wickelt die Folie ab und entkorkt sie gekonnt.
"Vollkommen rein und gefahrlos", bemerkt er mit einem Augenzwinkern zu seiner neuen Mitbewohnerin, "geliefert vom Händler meines Vertrauens."
Er gießt den Champagner in die Gläser, nimmt dann Mrs. Peel eines ab und stößt leise mit ihr an.
"Cheers."


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Zur Erklärung:

Die hier durch Striche von einander getrennten Abschnitte sind keine Kapitel im üblichen Sinn, sondern Szenen. Daher gibt es hin und wieder sehr kurze Abschnitte.
In dieser Episode wird auf mehrere vergangene Episoden Bezug genommen, die tatsächlich einmal mit John Steed und Emma Peel im TV ausgestrahlt wurden. Diese sind "Mörderischer Löwenzahn", "Weekend auf dem Lande" und "Vorsicht, Raubkatzen".
Da ich diese Episode wie den Beginn einer neuen Staffel sehe, habe ich hier einige Änderungen vorgenommen, wie sie auch zu Beginn der 4. oder 5. Staffel von den damaligen Drehbuchautoren vorgenommen wurden. So fährt nun Mrs. Peel einen Porsche anstelle eines Lotos, weil ich denke, dass dieser Wagen zu Beginn der 80-er Jahre populärer war. Steed ist von seiner Vorliebe für Oldtimer abgekommen, dennoch bleibt er dem britischen Automobil treu und fährt weiterhin Bentley. Gute Kleidung, gute Manieren und guter Geschmack haben immer Saison und so soll es auch hier bleiben.
Allerdings wechseln die Protagonisten wie zu Beginn der o.g. Staffeln auch in dieser den Wohnraum und diesesmal beziehen sie gemeinsam eine Wohnung, selbst wenn dort jeder seinen persönlichen Bereich hat. Ich wollte dann doch nicht so plötzlich zu viel Nähe zwischen den beiden ins Spiel bringen.
Zumindest in dieser Episode reden sich die beiden immer noch wie gewohnt mit "Steed" oder "Mrs. Peel" an, ich denke jedoch, dass Steed in der Zukunft noch lernen wird, seine Mitbewohnerin beim Vornamen zu nennen.
So wird es dann vielleicht demnächst heißen: "Emma, we´re needed."
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