Insomnie

von Ylvi
KurzgeschichteAngst / P12
G. Callen
23.02.2014
23.02.2014
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Kleines, schon etwas älteres Fundstück auf meiner Festplatte... Vielleicht kann ja trotzdem jemand etwas damit anfangen^^
Kritik ist immer gern gesehen.
Liebe Grüße
Ylvi



Insomnie


Schlaf lässt auf sich warten.
Er starrt an die dunkle Zimmerdecke und zählt langsam bis 60. Als er fertig ist, dreht er sich auf die Seite, drückt sein Kissen zurecht und schließt noch einmal die Augen. Er weiß, das wird nicht funktionieren.
Er denkt an die Lügen, die er am vergangenen Tag erzählt hat. Er denkt, dass er zwei Menschen getötet hat und damit verhindert hat, dass sechs Raketen das Land in Richtung Terrorversteck verlassen haben. Er fühlt sich nicht schlecht dabei, spürt keine Schuld. Warum auch? Irgendjemand muss tun was er tut. Und er kann es ja. Er ist so gut darin, dass er manchmal selbst findet, dass es zu einfach für ihn ist. Zu einfach im Job zu lügen, zu schwer, privat er selbst zu sein.
Vielleicht kann er deshalb nicht schlafen. Wenn er still daliegt denkt er am meisten nach. Er denkt über sich selbst nach. Und das kann unangenehm sein, wenn man nicht weiß, wer man ist. Wenn er wach liegt und nicht schlafen kann schrumpft seine Welt zusammen, bis nur noch er selbst übrig bleibt. Doch wer ist er eigentlich?
Manchmal ist es, als könne er gar nicht atmen.
Er dreht sich auf die andere Seite, auch wenn er weiß, dass das nicht hilft. Er war über zwanzig Stunden auf den Beinen. Eigentlich sollte er einschlafen, sobald sein Kopf das Kissen berührt.
Er zählt wieder bis 60 und wartet. Wartet auf den Schlaf oder einfach nur darauf, dass irgendetwas passiert. Dass seine kreiselnden Gedanken zum Stillstand kommen.
Er seufzt und dreht sich zurück auf den Rücken. Die Decke versinkt in Schwarz über ihm.
Es ist nach halb vier Uhr morgens.
Er überlegt, ob er sich ein Bett anschaffen soll. Er hat schon einen Stuhl und eine Stehlampe. Ansonsten ist nur die Küche spärlich möbliert, genauso wie das Bad. Ein Bett wäre bequemer. Andererseits ist er es gewohnt auf dem Boden zu schlafen. Und ein Bett ist so groß. Und teuer. Großer und teurer Besitz. Nein, kein Bett. Das Auto reicht schon. Und er hat ja die Schlafmatte.
Mit einem Ruck setzt er sich auf. Kurz reibt er sich mit den Händen übers Gesicht, dann steht er auf und geht in die Küche, wo er Wasser im Wasserkocher warm macht und sich Tee aufgießt.
Er wird später noch einmal versuchen zu schlafen. Geduld ist nicht seine Stärke und er hasst Warten. Und er hasst den Schlaf, der ihn immer warten lässt, jede Nacht aufs Neue.
Er zieht den Teebeutel in kreisförmigen Bewegungen durch die Tasse und schaut auf die Straße hinaus. Nachts ist hier nichts los. Es ist eine Wohngegend mit vielen Familien. Nach elf Uhr fahren nur selten Autos.
Trotzdem ist es nie vollkommen still. Die nächste größere Straße ist nicht weit weg und man hört das leise Rauschen der Autos. Ab und zu bellt ein Hund. Morgens um halb fünf fangen Vögel an zu zwitschern.
Er mag es nicht, wenn es zu still ist. Oder zu laut.
Er pustet in seine Tasse und nimmt vorsichtig einen Schluck. Heiß, aber gut. Den Teebeutel wirft er in den Mülleimer.
Mit der Tasse in der Hand geht er ins Wohnzimmer. Sein Laptop steht auf dem Boden vor dem Kamin, den er noch nie benutzt hat. Er klappt ihn auf, wählt ein Programm aus und setzt sich vor seinem einzigen Stuhl auf den Dielenboden.
Er macht das, was er jede Nacht macht, wenn er nicht schlafen kann. Die Zeit des Wartens mit Arbeiten vertreiben. Meistens übt er russisch, tschechisch, französisch, deutsch oder irgendeine andere Sprache. Sprachen lernen macht ihm Spaß und fällt ihm leicht. Sein zweites Talent, nach dem Lügen – oder schauspielern. Darüber hat er aber nie so viel nachgedacht.
Fast eine Stunde übt er mit dem Programm, trinkt Tee und geht im Raum auf und ab.
Dann ist er so müde, dass er sich in den Stuhl vor dem Kamin setzt. Innerhalb einer Minute ist er eingeschlafen.

Er träumt, er jagt einen Mann ohne Gesicht. Über eine Straße, durch ein Parkhaus, in ein Restaurant. Er rennt so schnell er kann, aber der Mann ohne Gesicht ist schneller und entwischt ihm in der Restaurantküche.

Kurz vor fünf. Die Vögel zwitschern. Er hat fast eine halbe Stunde geschlafen, ist aber immer noch müde. Vielleicht schafft er noch mal eine halbe Stunde, aber erst später. Er steht auf, streckt sich, geht ins Bad, trinkt noch eine Tasse Tee.
Der Zeitungsjunge fährt auf dem Fahrrad vorbei, also beschließt er, einen Blick in die Zeitung zu werfen. Er nimmt sie mit nach drinnen und setzt sich zurück auf den Stuhl.
Die Zeitung interessiert ihn nicht sonderlich, aber es ist praktisch, ein bisschen auf dem Laufenden zu bleiben. Er schafft 20 Seiten, bevor er wieder einschläft.

Diesmal träumt er keine Verfolgungsjagd.
Er ist ein kleiner Junge ohne Namen, gerade sieben Jahre alt. Um ihn herum ist es dunkel. Die Wand, an die er lehnt, ist kalt. Wenn er die Hand ausstreckt, berührt er eine zweite Wand. Links ist die Tür. Er sieht es nicht, aber er weiß es.
Er hat die Arme um die Knie geschlungen und lauscht. Er hat Angst, aber er weiß nicht so richtig, warum. Er fürchtet sich nicht vor Monstern in der Dunkelheit. Nur vor echten Monstern. Er weiß, dass es solche gibt. Die sind hinter der Tür.
Jemand schreit.

„G?“
Er öffnet die Augen. Die Zeitung rutscht von seinem Schoß auf den Boden.
Sam steht vor ihm, anscheinend hat sein Kollege ihn geweckt.
Er schaut auf die Uhr und blinzelt. Es ist gerade acht.
„Wie lang?“, fragt sein Freund. G will ihn gar nicht ansehen. Sam kann so beschützerisch werden wie eine Glucke und seine Stimme klingt schon gefährlich danach. Den passenden Gesichtsausdruck kennt er.
„Zwei Stunden.“
„Hast du dein Handy nicht gehört?“
Er reibt sich über die Augen und schüttelt den Kopf. „Es liegt im Schlafzimmer.“ Er steht auf, hebt die Zeitung vom Boden auf und legt sie auf den kleinen Tisch, dem dritten und letzten Möbelstück im Raum.
„Eric meint, es wäre dringend. Irgendetwas von Menschenschmuggel und verwickelten Marines.“
„Fünf Minuten“, bestimmt er. Sam seufzt und setzt sich in den Stuhl, um zu warten, während sein Partner im Bad verschwindet, um zu duschen.

Er beeilt sich und versucht, seine Gedanken zu ordnen. Er träumt selten von seiner Kindheit, aber es kommt durchaus vor. Meistens sind es nur irgendwelche Erinnerungsfetzen. Wenn er aufwacht kann er sie problemlos zuordnen. In der Regel kann er sogar sagen, warum er davon ausgerechnet in dieser Nacht geträumt hat.
An das dunkle Versteck hinter der Tür kann er sich nicht mehr erinnern. Es muss bei einer Pflegefamilie gewesen sein. Als er sich abtrocknet fällt ihm auf, dass er im Traum Angst gehabt hat. Angst vor dem, was hinter der Tür lag.
Bei 37 Familien ist es schwer sich an alle zu erinnern, aber die schönsten und schlimmsten Momente bleiben im Gedächtnis. Dieser dunkle Raum aus dem Traum gehört nicht dazu.
Er zieht sich an und denkt, er muss mal wieder in die Reinigung.
Dann steigt er mit Sam ins Auto.
„Ist alles in Ordnung?“, fragt sein Partner.
„Mir geht’s gut.“ Er merkt selbst, dass er ein bisschen unwirsch klingt, ein bisschen ungeduldig. Er atmet tief durch und drängt das wieder gewonnene Erinnerungsstück weit zurück. Der Junge ohne Namen wird zu Callen, dem Bundesagenten. Callen, dem professionellen Lügner. Callen, dem Weltretter, dem Mann, der nur für seine Arbeit und sein Land lebt.
Es ist einfach, Callen zu sein. Rätsel betreffen andere und Namen sind kein Problem. Er kann der sein, der er sein muss.
Bis zur nächsten Nacht, in der er auf den Schlaf wartet. Dann geht alles wieder von vorne los.
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