A new member of Baskerville

GeschichteMystery, Schmerz/Trost / P12
Reim Lunettes
23.02.2014
28.03.2016
9
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Prolog

"Bist du bald fertig? Unten wartet schon jemand auf dich."
"Wer denn?" Holly blickt ihren älteren Bruder Henry fragend an. "Sag schon."
"Das wirst du sehen, wenn du runterkommst." Er verschwindet aus ihrer Zimmertüröffnung. "Beeil dich."
"Schon gut, gib mir nur noch eine Minute." Rasch fährt sie mit der Bürste durch ihre zimtfarbenen Locken. "Ich schätze, dass ich so gehen kann." Mit ihrer Lederjacke in der einen und der Schultasche in der anderen Hand verlässt sie ihr Zimmer und geht hinüber ins Wohnzimmer.
"Da bist du ja endlich. Ich hab mich schon gefragt, ob du deinen eigenen Schulabschluss verschlafen willst."
"Calsy." Verblüfft schaut Holly in die hellen Augen ihrer Freundin. "Ich dachte, du müsstest heute arbeiten?"
"Nee, ich hab mir freigenommen. Schließlich ist das doch heute ein guter Grund, um es richtig krachen zu lassen."
"Ein wenig Zurückhaltung könnte in deinem Fall nicht schaden." Die Stimme gehört einem Mann mit kurzen Haaren, der mit ernstem Gesicht seine Brille zurechtrückt. "Ich kann mich noch sehr gut daran erinnern, wie du dich auf die Sitze meines Wagens übergeben hast, als wir letztes Jahr Henrys Geburtstag gefeiert haben."
"Das gibt´s doch nicht! Reim!" Holly fällt ihrem Cousin um den Hals. "Was machst du denn hier? Du hast doch in der Hauptstadt immer so viel zu tun."
"Mein Lord hat es mir erlaubt. Man hat ja nur einmal im Leben eine Schulabschlussfeier. Und diesen, für dich besonderen Tag, sollten ein paar Menschen mit dir verbringen, die dir nahestehen. Weil ja deine Eltern nicht kommen werden."
"Es wird langsam Zeit, loszufahren." Henry deutet auf die Wanduhr. "In einer halben Stunde fängt die Zeremonie an, und ich muss noch einen Parkplatz finden."

Auf dem Schulgelände lässt Henry die anderen aussteigen. "Geht ihr schon vor und haltet mir einen Platz frei. Ich werd sehen, wo ich den Wagen abstellen kann."
"Klar." Calsy öffnet die hintere Tür mit Schwung und springt auf die Straße - und ein lautes Hupen ertönt. Ein anderer Wagen verfehlt sie nur um wenige Zentimeter.
"Uh, das war knapp."
"Weißt du eigentlich, was für verdammtes Glück du hattest?" Holly schüttelt den Kopf. "Das hätte auch ganz leicht schiefgehen können."
"Schwamm drüber." Mit hüpfenden Schritten tänzelt Calsy um den Wagen herum und hängt sich bei ihr ein. "Lass uns jetzt reingehen."
Gefolgt von Reim betreten die beiden Mädchen den Gang, der unter der Tribüne zum Footballfeld führt. Als sie die Rasenfläche erreichen, wird Holly gleich von einer kleinen Gruppe Mädchen angesprochen, um in ihre Jahrbücher zu schreiben.
"Mann, was für ein Theater. Ich kann mich nicht erinnern, dass mich mal jemand darum gebeten hätte."
"Das wäre auch gar nicht möglich gewesen." Holly wirft ihr einen kurzen Blick zu. "Du hast ja während der 7. Klasse die Schule abgebrochen."
Calsy zuckt mit den Schultern. "Ich hatte eben einfach keinen Bock mehr darauf.
Also, lasst uns jetzt ein paar geeignete Sitze finden. Ich will gleich alles gut sehen können."
"Dann geht ruhig nach oben. Ich will auch zu den anderen Schülern, es gibt da noch einige, bei denen ich mich verewigen will. Wir sehen uns später wieder, wenn alles vorbei ist."
Holly überquert das Spielfeld, auf dem in kleineren oder größeren Gruppen Schüler zusammenstehen. Die meisten tragen bereits die dunkelblauen Roben, doch es sind auch noch einige ohne darunter.
"Hey, Holly." Zwei Freundinnen halten ihre Jahrbücher hoch. "Wärst du so nett?"
"Sicher." Holly erfüllt ihre Bitte und wendet sich um, zum weitergehen. Als ihr Blick auf einen Jungen fällt, ein paar Meter vor ihr. Die Art, wie seine weißblonden Haare leicht verstrubbelt auf seine Schultern fallen, erscheint ihr vertraut. Zuerst ist sie noch ahnungslos, bis er sich umdreht und sie mit stahlblauen Augen ansieht. Eine lang zurückliegende Erinnerung taucht aus den Tiefen ihres Gedächtnisses auf.

Vor 11 Jahren
Ein lautes Donnergrollen weckt das kleine Mädchen. Ängstlich zieht sie sich die Bettdecke über den Kopf und presst ihren Stoffhund an sich. Doch als ein greller Blitz das Zimmer erhellt, springt sie erschrocken aus dem Bett und flüchtet auf den Flur hinaus.
Mit tastenden Schritten bewegt sie sich an der Wand entlang, um zu dem Schlafzimmer ihrer Eltern zu gelangen. Sie bleibt stehen, als sie leise Stimmen hört, die aus dem Zimmer ihres kleinen Bruders kommen.
"Onii-chan?" Sie öffnet die Tür ein wenig und schaut durch den entstandenen Spalt. Ihr kleiner Halbbruder steht am weitgeöffneten Fenster, mit einer Jacke über seinem Schlafanzug und Schuhen an den Füßen. "Onii-chan, was tust du da? Otou-san und Okaa-san haben uns doch verboten, ohne ihre Erlaubnis das Haus zu verlassen."
"Das gilt nicht für mich, nicht mehr. Ich habe meine wahre Familie gefunden, ich gehöre jetzt nicht mehr zu euch." Er wendet ihr den Rücken zu und streckt seine Hand zur Fensteröffnung. Erst jetzt bemerkt sie die großgewachsene Gestalt auf dem kleinen Vordach, in einem bodenlangen dunklen Mantel. Die Gestalt, dessen Hand ihr kleiner Bruder ergreift. "Bring mich fort von hier."
"Das darfst du nicht, Onii-chan." Das Mädchen geht ein paar Schritte vor. "Du darfst nicht weggehen, du bist doch mein kleiner Bruder..." Ein Donnerschlag ertönt über dem Haus, dicht gefolgt von einem weiteren grellen Blitz. Sie zuckt zusammen und schließt die Augen, öffnet sie nach einem Moment wieder. Doch da sind ihr kleiner Bruder und der Fremde bereits verschwunden.
"Onii-chan."


"Shane? Nein - das ist unmöglich. Unsere Eltern haben nichts unversucht gelassen, um ihn wiederzufinden. Es kann einfach nicht sein, dass er die letzten Jahre an der gleichen Schule war wie ich. Dann hätte ich ihm doch schon längst einmal begegnen müssen."
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