Besuch. (TheClavinover)

KurzgeschichteDrama, Angst / P16 Slash
TheClavinover
21.02.2014
21.02.2014
1
1448
 
Alle Kapitel
4 Reviews
Dieses Kapitel
4 Reviews
 
 Datenschutzinfo
 
 
 
FanFiction - The Clavinover (Marti Fischer)

Prolog:
Mein Youtube-Kanal hat zurzeit so etwas, was man in der Volkswirtschaft wohl als Depression bezeichnen würde - einen Tiefststand des Abozuwachses. Als ich Mr. Trashpacks "Kanal der Woche" wurde, habe ich insgesamt 984 Abonnenten dazubekommen, das bedeutet 1290 insgesamt. Und dies hat sich in den letzten zwei Wochen um keine Zahl verändert.
Auf Youtube mache ich Rock- und Metalcover von Songs aus den Charts und anderen Pop- und Elektroniksongs und bin damit nicht sonderlich erfolgreich - genauso ein Versager, wie im Reallife. Manche Mädchen schauen meine Videos, weil sie mich süß finden, manche Jungs, weil sie mich musikalisch "ganz okay" finden, doch die meisten, weil sie Spaß daran zu haben, mich mit ihren Kommentaren unter den Videos zu ärgern - und ja, das schaffen sie.
Das Einzige, was mich zur Zeit glücklich macht, ist eine Nachricht, die mir vor vier Tagen auf Facebook geschrieben wurde. Gelesen habe ich sie immer wieder, geantwortet jedoch bisher nicht. Den Text kenne ich mittlerweile auswendig. Der Absender ist Marti Fischer.
[Prolog Ende]


Nervös sitze ich auf meinem Sofa und warte darauf, dass ich endlich das sonst so gehasste Klingeln der Haustüre vernehme. Heute ist es endlich so weit. Heute ist der Tag, an dem ich mich das erste Mal mit Marti Fischer treffe um den Song zu schreiben. Den Song, zu dem wir ein Video drehen werden, dass dann auf seinem Kanal erscheinen wird. Einem Kanal mit über 100.000 Abonnenten! Aber was mir noch viel wichtiger ist: Ich lerne IHN endlich persönlich kennen! Der, von dem ich mir jedes einzelne Video mehrmals angesehen habe, weil er mir so sympathisch ist. Der, dessen Hangout ich komplett live verfolgt habe, ohne mich auch nur getraut zu haben, zu fragen, ob ich mit in den Chat darf - aus Angst, er könnte mich nicht mögen.
Endlich reißt mich das Klingeln aus meinen trübsinnigen Gedanken. Hektisch springe ich auf, streiche die Decke glatt, auf der ich saß, schaue mich zum tausendsten Mal um, ob alles ordentlich ist und spurte zur Wohnungstür. Angekommen atme ich einmal - zweimal - tief durch und öffne die Tür.
Im Flur erwartet mich ein grinsender Marti - gut einen halben Kopf größer als ich - mit einer Gitarre auf dem Rücken. "Hey, cool dass du da bist, komm doch rein." stammel ich den schon vor Tagen auswendig gelernten Satz in seine Richtung - ohne ihm richtig in die Augen zu sehen. Irgendetwas an seinem Grinsen verändert sich, aber er tritt ein und ich schließe die Tür.
"Du bist also 'MusicMongo92'?" das war eher eine Feststellung als Frage von Marti. Ich schaffe es, ein Grinsen hervorzubringen. "Chris. Sag einfach Chris." meinen Youtube-Namen bereue ich mittlerweile. "Okay, hi Chris. Nenn mich Marti. Auf gute Zusammenarbeit." grinst er und reicht mir die rechte Hand. Zum ersten Mal schaue ich ihm richtig in seine schönen Augen. Irgendwie beruhigt mich seine Ausstrahlung. "Nochmal hi, und ja, auf gute Zusammenarbeit." sage ich und drücke ihm die Hand.
Ich zeige ihm den Weg in mein bescheidenes Wohnzimmer und biete ihm etwas zu trinken an. Ein paar Minuten später komme ich mit zwei Tassen Pfefferminztee aus der Küche. Meine Hände zittern so sehr, dass etwas von der heißen Flüssigkeit auf die Fliesen tropft. Ich zucke zusammen - aus Angst, dass er mich auslacht - doch er nimmt eine Servierte von Tisch und wischt die kleine Pfütze weg. "Wieso... wieso hast du eigentlich ausgerechnet mich für den Song ausgesucht?" frage ich, als ich mich wieder etwas gefangen habe. "Ich mag deine Musik, deinen Stil - du hast Potential. Du bist ein Rohdiamant, so wie ich das bisher beobachtet habe." "Da musst du mich verwechseln." "Nein, das tue ich nicht, glaub mir.". Damit er nicht sieht, wie rot ich in diesem Moment geworden bin, gehe ich zu meinem Gitarrenständer, nehme eine meiner Akustischen und frage "Sollen wir dann mal anfangen?". Als ich das Gefühl habe, dass sich meine Gesichtsfarbe normalisiert hat, drehe ich mich um und schaue ihn erwartungsvoll an. Er nickt und packt seine Gitarre aus. "Wenn ich nur ein Rohdiamant bin, wie du vorhin sagtest, wieso hast du mich dann ausgewählt? Du hättest doch sicherlich eine ganze Menge schon geschliffene Diamanten bekommen können." frage ich ihn, während ich meine Gitarre stimme, schaue ihn jedoch nicht an. "Wieso zweifelst du so stark an dir selbst?" fragt er anstatt meine Frage zu beantworten. Jetzt schaue ich auf, sein Blick ist jedoch auf seine Gitarre gerichtet. "Tu ich nicht. Ich frage doch nur." sage ich so selbstsicher, wie ich es nur schaffe. Tief in meinem Inneren fühle ich mich jedoch ertappt. Was will er von mir? Ich dachte, er will nur 'nen Song schreiben und aufnehmen? "Hör mal, ich habe mir schon ein Grundgerüst für den Song überlegt. Was hältst du davon?" fragt Marti und spielt ein paar Akkordfolgen vor. Es klingt zwar einerseits rockig, anderseits aber auch ruhig. "Gefällt mir gut. " antworte ich, als er geendet hat. "Hier, ich hab's dir aufgeschrieben." sagt er und reicht mir einen Zettel. Ich versuche die Akkorde nachzuspielen, doch schon bei den leichtesten scheitere ich, weil meine Hände einfach zu sehr zittern. "Los, versuch's nochmal." sagt Marti mit einer unfassbaren Ruhe in seiner Stimme. Wieder versuche ich es, wieder scheitere ich. Verdammt, wieso muss ich nur so nervös sein? Etwas verwirrt schaut er mich an. "Komm mal her und setz dich auf das Sofa, der Barhocker ist doch sicherlich total unbequem oder?" schlägt er vor. Zögerlich stehe ich auf und setze mich neben ihn. Er riecht gut. Sehr gut. Zu gut. Als ich mich bei diesem Gedanken ertappe, werde ich noch nervöser. "Marti..." beginne ich, doch er unterbricht mich. "Komm, versuch's nochmal, entspann dich. Du schaffst doch die genialsten Solos, du musst an solchen Akkorden doch nicht scheitern." Ich hasse mich selbst für meine Nervosität, doch ich kann sie nicht verbergen. Ich habe Angst, es noch schlimmer zu machen. So schlimm, dass er das Ganze vielleicht sogar absagt! Dass das letzte mal jemand so nett und verständnisvoll gegenüber war, daran kann ich mich nicht erinnern. Er ist so unvoreingenommen und höflich. "Chris?  Ist alles in Ordnung?" Es gibt keinen Grund, so nervös zu sein. Er wird mich nicht anschreien, er wird mich nicht beleidigen. Er sieht sogar ein Talent in mir! Er hasst mich nicht. Aber mag er mich? Mag er mich so, wie ich ihn? "Chris? Was ist los mit dir?" Er akzeptiert mich, schenkt mir sogar Aufmerksamkeit. Und das nicht nur, um sich an meinem Leid zu erfreuen. Er sieht gut aus, ja, sehr gut sogar. Er ist talentiert. Ohne, dass ich meinem Körper den direkten Befehl gegeben habe, lehne ich mich an ihn und lege meinen Kopf auf seine Schulter. Nähe. Wie lange ich davon geträumt habe, einem Menschen wie ihn einmal so nah zu sein. "Chris! Jetzt sag doch was!" sagt er jetzt etwas lauter. Ich meine so etwas wie Panik in seiner Stimme zu hören. Was hat er denn? Ist ihm mein Kopf zu schwer? Bin ich ihm zu schwer? Stinke ich? Was mache ich falsch?! Ohne es wirklich zu wollen nehme ich meinen Kopf von seiner Schulter und schaue in seine glasklaren, wunderschönen Augen. "Was... Was mache ich falsch?" frage ich. "Lassen wir das mit den Akkorden. Ich spiele, du machst Vorschläge, okay?". Seinen leicht genervten Ton verdränge ich ganz schnell aus meinem Gedächtnis. "Du magst mich nicht. Das ist es, oder?". Etwas verdutzt schaut er mich an "Ich kenn dich doch kaum. Du bist etwas nervös, klar, aber talentiert. Wir bekommen das schon hin, glaub mir.". Ganz lange schaue ich ihn einfach nur an, dann lege ich meine Gitarre weg. Auch seine nehme ich und stelle sie wortlos an den Couchtisch. Er schaut etwas überrascht, lässt es aber ohne zu protestieren zu. Was mache ich da gerade? Bin das wirklich ich? Ohne zu zögern rücke ich noch ein Stück näher an ihn heran und beuge mich zu ihm vor. "W..." beginnt er, doch ich komme ihm zuvor und presse meinen Mund auf den seinen. Erschrocken - oder angewidert, ich weiß es nicht - stößt er mich von sich. Mit wohl etwas zu viel Kraft, denn das nächste was ich bemerke ist eine spitze Kante in meinem Rücken und ein komisches lautes Geräusch. Erbebt öffne ich meine Augen und finde mich zwischen Sofa und Couchtisch wieder. Mein Rücken lehnt an die Glasplatte des Letzteren. Neben mir liegt seine Gitarre - zerbrochen. Panisch schaue ich ihn an. Sein Blick zeigt, wie unwohl er sich fühlt. Gut so. Soll er sich ruhig scheiße fühlen. "Ich glaub', ich geh' dann mal. Hab' noch einen Termin. Ciau, Chris." sagt er monoton und verlässt die Wohnung. Durch den Tränenschleier sehe ich seine Jacke, die einsam und zurückgelassen an der Garderobe hängt.
Review schreiben