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Bruder Tag und Schwester Nacht

von SilviaK
GeschichteFantasy / P6 / Gen
18.02.2014
18.02.2014
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Seit Anbeginn der Zeit herrschten über die Erde das Licht und die Dunkelheit - Bruder Tag und Schwester Nacht. Gerecht teilten sie untereinander die Stunden ihrer Herrschaft. Bruder Tag schickte die Sonne über den Himmel, deren Strahlen die Erde wärmten und immer wieder neues Leben schenkten. Schwester Nacht legte Dunkelheit über Berge und Ebenen, um Menschen und Tiere ruhen zu lassen, nur beleuchtet vom sanften Mond und seinen Sternen.
Lange lebten die Geschwister einträchtig, und unter ihrer Obhut erblühte das Land. Aber nach und nach begannen die Menschen, die Dunkelheit zu verdammen.
„Wozu brauchen wir die Nacht? Man sieht die Hand vor Augen nicht, und gefährliche Tiere lauern in den Wäldern. Was haben wir vom Leben während dieser Zeit? Nichts außer Schlaf. Den hält man auch bei Tageslicht. Warum kann die Sonne nicht immer scheinen? Dann wüchse der Weizen doppelt so schnell, und die Bäume trügen zweimal im Jahr reiche Frucht. Aber die Nacht stiehlt uns den Tag, und die halbe Zeit unseres Lebens liegt im Dunkeln.“
So sprachen die Menschen. Sie priesen die Sonne und sangen ihr Lieder. Des Nachts aber verriegelten sie die Türen und stellten Kerzen in die Fenster.
Schwester Nacht betrübte, was sie sah. Sie liebte die Menschen und die Erde doch ebenso wie Bruder Tag und wollte ihnen nicht schaden. So überließ sie eines Morgens nicht wie sonst sofort ihren Platz ihrem Bruder, sondern ging ihm entgegen und fragte: „Sag, Bruder, warum hassen mich die Menschen?“
„Weil sie nur einen lieben können.“ Stolz hob Bruder Tag den Kopf. „Ich erfülle ihre Wünsche. Ihr Korn wächst unter den Strahlen meiner Sonne. Ich erfreue sie mit Blumen und stimme sie heiter. Was wäre ihr Leben ohne mein Licht?“
Schwester Nacht schwieg, und Bruder Tag blickte ungeduldig auf den noch rötlich-stumpfen Sonnenball, der darauf wartete, über den Himmel gerollt zu werden.
Endlich sagte Schwester Nacht: „Aber auch ich diene den Menschen.“
„Dann dienst du ihnen auf die falsche Weise. Sie haben keinen Nutzen von deiner Dunkelheit. Was willst du da erwarten?“
Bruder Tag gewahrte die Verzweiflung seiner Schwester nicht. Der Stolz über die
Lobpreisungen der Menschen und der Eifer, mit dem er den neuen Morgen beginnen wollte, ließen ihn alles andere vergessen. Dies war die Stunde seiner Herrschaft, und er wollte keinen Augenblick versäumen.
„Laß mich vorbei!“ forderte er, aber Schwester Nacht vertrat ihm den Weg.
„Warte noch, ich bitte dich. Rate mir, wie kann ich ihre Liebe zurückgewinnen?“
„Gar nicht!“ rief Bruder Tag. „Es sei denn, du erfüllst ihren Wunsch und überläßt sie mir. Und jetzt halte mich nicht länger auf.“
Erschrocken fing Schwester Nacht ihre Schleier ein. Bruder Tag gab dem Sonnenball einen Stoß. Langsam erglühte er und begann, über den Himmel zu rollen. Bruder Tag folgte ihm ohne einen Blick zurück.
Schwester Nacht schaute hinab zur erwachenden Erde. Dann raffte sie ihre Schleier und verschwand in der Ferne.
Als Schwester Nacht am Abend ihren Bruder nicht wie gewöhnlich erwartete, wunderte dieser sich kaum. Zwar fühlte er ein leises Bedauern über ihr Verschwinden, aber er hatte ja die Menschen, für die er jetzt allein sorgen würde, und derer gab es mehr als genug. Also schob Bruder Tag voller Tatendrang den Sonnenball wieder in seine altgewohnte Bahn.
Auf der Erde herrschte große Verwirrung, als anstelle des Mondes die Sonne zum zweiten Mal aufging. Und das nicht nur an diesem Tag. Die Dunkelheit blieb aus, dafür gab es Wärme und Licht im Überfluß. Bei einem großen Fest priesen die Menschen die Sonne, und in seiner Zufriedenheit dachte Bruder Tag kaum noch an seine Schwester.
Doch die Freude währte nur kurz. Zwar reifte das Korn anfangs doppelt so schnell, aber die sengenden Strahlen der Sonne dörrten bald die Felder und Wiesen aus. Natürlich hatte es auch früher Trockenzeiten gegeben, aber da spendete wenigstens der Morgentau ein wenig Feuchtigkeit.
Das Korn bildete keine Ähren mehr. Die langen, viel zu dünnen Halme knickten um, wenn der Wind zwischen sie fuhr, und die Früchte fielen vertrocknet von den Bäumen, ehe sie reifen konnten.
Die Wasserstellen begannen zu versiegen, aber der Regen blieb aus. Hungrige Herden zogen über die verdorrten Weiden und suchten vergeblich nach frischem Gras. Die Kühe gaben keine Milch, die Schafe verloren ihre Wolle. Zu jeder Stunde erklangen die Schreie der verstörten Tiere, die sich in Schattenflecken zusammendrängten.
Und die Menschen?
Lang, viel zu lang wurde ihnen der immerwährende Tag, und keiner ihrer Wünsche ging in Erfüllung. War die Arbeit getan, konnten sie sich nicht mehr in der Kühle der Nacht erholen. Nicht nur die Alten und Kranken stöhnten unter der Hitze und dem blendenden Licht. Die Menschen schliefen kaum noch. Viele zogen sich auf der Suche nach Dunkelheit in schattige Wälder und Höhlen zurück und hofften, daß der ewige Tag einmal enden würde.
Mit Erschrecken sah Bruder Tag, wie sich die Erde veränderte. Und auch ihm wurde die Herrschaft zur Qual. Stunde um Stunde rollte der Sonnenball, wieder und wieder schob er ihn von neuem über den Himmel. Niemand war da, der seinen Platz einnahm, um ihm für einige Zeit Ruhe und Erholung zu ermöglichen, und selbst ihm brannten von den unermüdlichen Strahlen die Augen.
Bruder Tag hörte die Klagen der Menschen wohl, und mit der eigenen Erschöpfung wuchs auch in ihm die Sehnsucht nach Schwester Nacht. Er sann darauf, sie zurückzuholen, aber er wußte nicht, wohin sie gegangen war.
Plötzlich, in einem jener kurzen Augenblicke zwischen Sonnenuntergang und Sonnenaufgang, wo der rote Ball nur schwach glimmte, vernahm Bruder Tag aus einer Höhle die klare Melodie einer Flöte und leisen Gesang. Gesang für Schwester Nacht.
Da fing Bruder Tag die Töne und Worte in den Strahlen der aufgehenden Sonne ein und verstreute sie mit weitem Schwung in alle Richtungen.
Über die Erde und hinauf in den Himmel schossen die Sonnenstrahlen, hinein in die Wälder, durch finstere Höhlen und tiefe Schluchten. Auch in den Ozean glitten einige Strahlen, aber nur einem von ihnen gelang es, bis auf den Grund zu tauchen.
Dort, wohin kaum ein Lichtschein fällt, wo selbst Fische sich nur selten zeigen, schlief Schwester Nacht in Stille und Dunkelheit. Doch der schwache Schimmer des Sonnenstrahls und die klaren Flötentöne weckten sie.
Schwester Nacht lauschte dem ersten Lied, das Menschen für sie erdacht hatten, und schließlich meinte sie sogar, darin die Stimme ihres Bruders zu hören: „Die Menschen brauchen dich. Ich brauche dich. Komm zurück, Schwester, und verzeih mir.“
Rasch ordnete Schwester Nacht ihre Schleier, strich vorsichtig den weißen Sand von der Mondkugel und glitt durch die Wasserschichten hinauf ans Tageslicht. Schleier um Schleier zog sie aus dem Wasser und legte sie über den Himmel. Unzählige Tropfen hingen in den Falten, und als Schwester Nacht sie schüttelte, fielen sie als Tau zur Erde.
Die Menschen traten ins Freie und sahen staunend, wie sich der Himmel von Blau zu Rot, zu Violett und schließlich zu Schwarz verfärbte. Wie wunderbar erschien ihnen dieses altbekannte Schauspiel.
Schwester Nacht trug den sanft leuchtenden Mond in der einen Hand, mit der anderen streute sie die Sterne aus. Und am gewohnten Ort trafen sich letztes Licht und erste Dunkelheit.
Bruder Tag hatte den Sonnenball abgelegt. Müde, aber sehr froh, sah er Schwester Nacht an. Sie hüllte ihn lächelnd in einen ihrer schwarzen Schleier.
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