Leiser Schnee...

KurzgeschichteAllgemein / P16
17.02.2014
17.02.2014
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1967
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Leiser Schnee…


Der Wald lag in gedämpfter Stille da. Leise rieselten dicke Schneeflocken zur Erde nieder und bedeckten alles mit einer weichen Schneeschicht. Hier und da waren zwischen den Brombeerbüschen kleine Fußspuren von Tieren zu sehen, doch sie wurden schnell von leichten Wind verweht.

Hunger…

Der Schnee verdeckte alle Gerüche und schluckte alle Geräusche. Langsam schlich ein braun-gestreifter Kater durch das Unterholz und spitzte seine Ohren. Aufmerksam lauschte er. War da etwas hinter ihm? Er hörte nur die dröhnende Stille eines im Schnee liegenden Waldes. Nein, er hatte sich wohl geirrt und seine Fantasie spielte ihm schon Streiche. So lange war sein letzter Fang her, so lange seit sein Bauch voll gewesen war… Er sehnte sich nach etwas zu essen, nach einer kleinen Maus, um seinen Hunger zu stillen.

Bohrender, nagender, alles verschlingender Hunger…

War den gar nichts unterwegs? Der Kater konnte es ihnen nicht verübeln, denn es war eiskalt. Die empfindlichen Pfoten des Katers waren schon taub und halb erfroren, seine Schnurrhaare waren gefroren, genau wie sich der herumwirbelnde Schnee in seinen dichten Deckhaaren festgesetzt hatte. Seine Augen tränten von der bitteren Kälte und Schnee wirbelte ihm ins Gesicht und ins leicht geöffnete Maul. Doch der Kater gab nicht auf. Irgendwo musste es doch etwas geben! Verzweifung wühlte sich in sein Herz und ließ seine Seele vor Schmerz aufschreien. Seine Gefährtin, seine Jungen brauchten ihn, brauchten etwas zu Essen. Sie würden verhungern, wenn er ihnen nichts brachte, bald brachte. Das konnte er nicht zulassen!

Wo war Beute? Wo, wo? Hunger, rasender Hunger…

Der Wind heulte ihm in den Ohren, er wurde immer stärker. Die Schneeflocken klatschten dem Kater ins Gesicht und behinderten ihn, doch er kämpfte sich weiter durch das Schneegestöber. Alles, was er sah, war reines Weiß, nur hier und da unterbrochen von dem Braun eines noch nicht vollkommen bedeckten Astes oder einem kleinen Fleckchen Grün einer immergrünen Pflanze. Seine Gedanken wurden immer träger. Er spürte schon lange keine Kälte mehr. Sollte er so sterben? So in die ewigen Jagdgefielde eingehen, bei einer aussichtslosen Jagd gestorben, seine Familie zurücklassend? Seine Schneefeder… Ein Bild huschte durch seinen Kopf, ein Bildnis einer wunderschönen schneeweißen Kätzin, mit zwei kleinen Kätzchen an ihrem Bauch. Ihr liebevoller Blick erwärmte die zugige Höhle, in der sie Schutz gefunden hatten vor den kalten Winden der Blattleere. Seine Familie wartete auf ihn
Schneefeder!

Er konnte nicht aufgeben, er musste weitersuchen! Noch schlug sein Herz, noch gehorchten ihm seine gefühllosen Pfoten, noch konnte er all seine Sinne auf ein Ziel richten: Seine Familie zu retten! Es musste doch irgendwo etwas geben, irgendwo eine dumme Maus, die sich aus ihrem Loch gewagt hatte, einen vorwitzigen Vogel, der am Boden gefesselt war… Es musste etwas geben! Es musste doch… es musste… es… Bitte… etwas…
Plötzlich schoss der gegen den Wind und aus Erschöpfung gesenkte Kopf empor. Konnte es sein? Konnte es wirklich sein? Hoffnung erfüllte sein Herz, vernebelte ihm den Verstand. Ja, ganz deutlich roch er es, mal stärker, mal schwächer, aber es war eindeutig!

Beute, Beute, dort! Endlich, Hunger stillen, Leben retten, Beute!

Wo war sie? Der Kater reckte die Nase in die Luft und schnupperte, sein Maul war leicht geöffnet, um auch die schwächste Spur zu finden. Still stand er da, ignorierte die eisige Kälte auf seinen Zähnen, ignorierte den schneidenden Schmerz. Er lauschte auf das schnelle Pochen eines kleinen Herzens, auf ein leises Rascheln seiner Beute. Irgendetwas, das sie und ihren Standpunkt verraten würde. Es war nicht leicht, denn der heulende Wind übertönte fast alles andere. Der Kater versuchte ihn nicht mehr zu beachten, er konzentrierte sich einzig und allein auf die anderen Geräusche. Das Knarren der sich biegenden Bäume. Das Rascheln der immergrünen Büsche. Den kaum wahrnehmbaren Aufprall der dicken Schneeflocken auf dem Boden. Knirschender Schnee unter großen Pfoten. Kam da etwas auf ihn zu? Kurz wurde er  abgelenkt, als seine Sinne sich dieser neuen Geräuschquelle zuwenden wollten, doch dann entdeckte er das ersehnte Geräusch.

Padadamm. Padadamm. Dort.

Die Ohren des Katers drehten sich hin und her, in der Bemühung, das Schlagen des rasenden Herzens zu orten. Er musste schnell sein, sonst würde sie ihm entkommen, und er wagte nicht zu hoffen, dass er noch einmal solch unglaubliches Glück hätte. Da, in dieser Richtung schien es am lautesten zu sein, etwa zwei Katzenlängen rechts von ihm, unter dieser kleinen Schneewehe. Hatte sie darunter etwa Gänge angelegt? Innerlich fluchte der Kater. Wie sollte er da an seine Beute nur rankommen? Wenn er sie erst ausbuddeln musste, hätte sie massig Zeit, um auf Nimmerwiedersehen zu verschwinden. Was sollte er nur tun?

Sie durfte nicht entkommen…

Langsam schlich er an den Haufen heran, sehr darauf bedacht, wohin er seine Pfoten setzte. Direkt vor dem Haufen kauerte er sich hin, er achtete nicht auf sein Bauchfell, das durch den Schnee völlig durchweicht wurde und ihn noch mehr einkühlte, als er eh schon war. Seine Schwanzspitze zuckte nervös hin und her. Was sollte er nur tun? Er brauchte diese Beute… Der Winter war zu früh und zu schnell hereingebrochen, seine Gefährtin hatte zu spät ihre Junge geworfen. Sie würden verhungern, wenn er diese Beute nicht fing…

Sie würden verhungern, wenn sie sie nicht fing…

Gespannt saß der Kater da, wartend, wartend, wie ein einsamer Wächter der Zeit. Doch nichts regte sich. Nichts kam heraus. Nur der Schnee fiel immer weiter, weiter auf die Erde nieder.

Sie durfte nicht entkommen… Leise, leise, abwarten…

Er würde warten, seine Beute würde bestimmt gleich ihr Näschen aus dieser Schneewehe strecken, und dann wäre seine Gelegenheit gekommen.

Bald wird es eine gute Gelegenheit geben… Gleich.

Und dann zahlte sich seine Geduld endlich aus. An der linken Seite des weißen Schneehaufens bewegte sich etwas – eine kleine, zitternde, schnuppernde Mäusenase reckte ihr Schnäuzchen in die Luft und witterte nach Gefahren. Der Kater hielt sich völlig still, er wagte es noch nicht einmal, zu atmen. All seine steifen Glieder waren angespannt, er wartete nur auf den rechten Augenblick. Dann wagte sich die Maus ein wenig weiter aus ihrem sicheren Bau, vorsichtig, langsam, immer bereit zu einem schnellen Rückzug. Bedächtig verlagerte der Kater sein Gewicht auf die Hinterläufe und machte sich bereit zum Sprung. Sie musste nur noch ein paar kleine Schrittchen machen… Mühsam zwang er sich, noch ein klein wenig zu warten. Sie würde ihm nicht entkommen… Die Maus trippelte noch ein paar Schrittchen weiter auf einen Baum zu, unter dem wohl ihr Vorratslager war.

Jetzt!

Ein Schatten über ihm, ein schweres Gewicht auf ihm. Scharfe Zähne in seinem Nacken, Panik, Schmerz, Nein, nein! Ein rotglühender Stich, dann wurde alles schwarz.

Er schwebte, sein Körper fühlte sich schwerelos an. Nichts tat ihm mehr weh, ihm war warm. Kein Hunger wühlte mehr in seinem Magen, keine Angst trübte noch seinen Verstand. Er war frei…

Ach Schneefeder, es tut mir so leid… Ich warte auf dich, meine Liebste… verzeih mir, ich habe versagt…

Die Füchsin packte den schlaffen Körper des Katers mit ihren kräftigen Zähnen und hob ihn hoch. Sein Schwanz schleifte über den weißen, so weichen und doch tödlich kalten Boden und zeichnete ein einsames Muster in ihn hinein, das sofort wieder zugeschneit wurde, als hätte es es nie gegeben. Mühsam trug sie ihn zurück zu ihrem Bau, dorthin, wo ihr Welpe auf sie wartete… Ihr kleiner Findelwelpe, wie hätte sie ihn nicht aufnehmen können? Klein, abgemagert war er auf sie zu gekrochen, hatte nach seiner Mama gewinselt… Ihr kleiner Hundewelpe.

Ihr kleiner Welpe würde leben… Dafür würde sie sorgen, mit allen Mitteln…

Die Maus war unbeachtet wieder in ihrem Bau verschwunden. Der Schnee war unberührt, als wäre nie etwas an diesem Ort geschehen. Einzig ein kleiner roter Fleck bezeichnete die Stelle, an der ein treuer Kater sein Leben gelassen hatte, in dem Versuch, seine Familie zu versorgen, und versagte.

Und doch rettete er das Leben einer anderen kleinen Familie…


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So, ich hoffe, das war nicht allzu verwirrend und es hat euch gefallen ^-^
Das Kursive mittendrin waren übrigens die Gedanken der Füchsin, falls das nicht deutlich genug wurde... Kursiv und fett = der Kater, aus dessen Sicht das Meiste geschrieben wurde :)
Ich habe das hier größtenteils im Unterricht geschrieben, ich hoffe, es lässt sich trotzdem lesen xD Über eine Beurteilung, Kritik, Lob etc. würde ich mich natürlich freuen *räusper* Hat da wer was gesagt? *demonstrativ wegguck*
Update zu meiner anderen Geschichte müsste es hoffentlich auch bald geben... Mal sehen, wie ich da zum Schreiben kommen werde.
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