Der Lindenkrieg

von managarm
GeschichteDrama, Horror / P18
17.02.2014
17.02.2014
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Rattattattatta

Der Feuerstoß eines DschK-Maschinengewehrs zerfetzte den Voivod-Anführer und sprühte seine violetten Innereien quer über den grauen Hof. Sein Rudel sah den fünf Meter langen, kahlen Wolf zu Boden fallen und stimmte ein markerschütterndes Wutgeheul an. Danach begann ihr Sturm von neuem, während die Stadtwache Salve um Salve in den nicht enden wollenden Strom von mutierten Wölfen schoss. Langsam gingen die Munitionsvorräte zur Neige, denn niemand hatte im Vorfeld mit einer dreitägigen Belagerung gerechnet. Es sollte lediglich untersucht werden, ob die alte Schule im Süden des Viertels Kleinzschocher bewohnt ist und, falls dies zutraf, die Bewohner zu vertreiben, da man den Gebäudekomplex als Wachposten gegen die kleinen Trupps brauchte, die der „Staat der Bauern“ ständig von seiner Hauptbasis in Hartmannsdorf ausschickte, um die Südteile der Freien Stadt zu plündern.
Doch als der Aufklärungstrupp der Stadtwache von Lipzk an dem weißen Gebäude mit dem roten Dach und den, kaum noch lesbaren, Aufschriften „Knaben“ und „Mädchen“ über den Eingängen eintraf, wurden sie von einer Horde Voivoden erwartet. Diese mutierten Wölfe, die vor Jahren aus den östlichen Wäldern in die Stadt gekommen waren, strömten nun schon tagelang in Massen zur Schule, um die wenigen Überlebenden des Trupps von ihrem irdischen Dasein zu erlösen.

„Achtung, links kommt einer durch!“ Ein junger Soldat in der blauen Uniform der Stadtwache mit einem leichten braunen Flaum über der Lippe zeigte mit der Mündung seines G4A1-Sturmgewehrs auf einen großen und tiefschwarzen Wolf, der zwei Soldaten in Stücke riss und über die Barrikade am linken Eingang sprang, bevor ihn eine gezielte Salve in den Kopf niederstreckte.

„Danke Rekrut Virchow! Wenn Sie so weitermachen, dann werden Sie sicher bald Ihre langersehnte Beförderung kriegen und müssen nicht mehr zwischen alten Schulbüchern und verrotteten Kinderleichen rumlaufen.“

Leutnant Joachim Seibel, einer der „Ersten Wächter“, also der Wächter, die den Tag 0 erlebt hatten, war ein Mitdreißiger mit ernsten tiefblauen Augen und einer stets perfekt sitzenden Offiziersuniform.
Sein schulterlanges Haar strahlte in der Sonne wie ein herbstliches Kornfeld, jedoch mit einzelnen Fäden von kupferrotem und bronzenem Haar durchwoben. Er hatte eine kräftige Stimme und eine ernste, jedoch stets höfliche Art, die ihn selbst in seinem Alter noch zum Traum aller jungen Rekrutinnen machte.

Als er sich wieder in Richtung Feind drehte, sah er einen Voivoden direkt auf sich zu stürmen. Der graue Wolf drückte sich vom Boden ab und Seibel schoss ohne viel nachzudenken eine Ladung Flechet-Nägel aus seiner SPAS-23 in den Bauch des Tieres. Es stieß ein schmerzerfülltes Jaulen aus, während im Flug sein Blick brach, doch der Schwung war so groß, dass es den Schützen auf den Boden riss und unter sich begrub. Ein leises erstickendes Gurgeln war zu hören, kurz nachdem sein Kopf unter dem gigantischen Leib des Voivoden begraben wurde.

Er erwachte, als jemand die Leiche des Wolfes von seinem Körper zog. Es war dunkel geworden und ein einzelner Mann stand über ihn gebeugt. Im Schatten konnte er sein Gesicht nicht sehen, nur die leuchtend violetten Augen, ein Zeichen für eine überlebte Strahlenkrankheit. Er war groß, trug einen abgewetzten Mantel und Arbeitsstiefel und blickte ihn aus den purpurnen Augen mit unverhohlener Verachtung an. Dann tauchten plötzlich neben ihm zwei schneeweiße Wölfe auf – keine Voivoden sondern echte Wölfe, jedoch mit einem enormen Wuchs. Der Mann nahm einem der Wölfe einen Gegenstand aus dem Maul und warf ihn vor den, jetzt an der Wand sitzenden, Offizier, der bestürzt erkennen musste, dass es ein menschlicher Kopf war. Es war eindeutig Virchows Kopf, die toten grünen Augen fast anklagend auf sein Gesicht gerichtet.

„Warum tust du uns das an, Skiöll?“ Auf diese Frage hin lächelte der Angesprochene mitleidig, doch seine Augen blieben kalt und regungslos.

„Warum ich das hier tue? Weil es getan werden musste! Ihr Wächter seid eine Schande für diese Stadt, schwacher kranker Abschaum, der erschossen und verbrannt gehört. Ihr schützt und versteckt unter dem Deckmantel eurer ‚Philanthropie‘ Verbrecher und niedere Menschen und nennt sie Freunde, nennt sie Brüder. Erst werde ich mir euch Wächter vorknöpfen, einen Trupp nach dem anderen und dann eure 'Schützlinge'.“

Er zog eine Pistole und richtete sie auf Seibels Kopf.

„Ich könnte dich einfach töten, wie deine Freunde und ohne, dass jemand in Lipzk je von meinen Plänen erfahren würde. Aber es scheint mir spaßiger, wenn ich dich noch am Leben lasse … so darfst du miterleben, wie all deine Freunde und Kameraden nach und nach leiden und sterben werden, wie ich lachend euren  Abschaum entsorgen und mich vorher noch an den schönsten Mädchen vergnügen werde. So wie an deiner kleinen Freundin, wie heißt sie nochmal? Ach ja, Fatima, diese kleine Viper des Orients … ich werde meinen Spaß mit ihr haben, vor deinen Augen und sie dann töten, wie deinen nichtsnutzigen Bruder.“

Er steckte die Waffe weg, erhob den Arm zu seiner Lieblingsgeste und verließ langsam und ein seltsames Lied summend die Ruine. Verzweifelt saß Seibel an der Wand. Er hätte vieles geglaubt, aber dass seine Nemesis hinter dem Angriff steckte, wunderte ihn.

„Skiöll würde sich doch nie mit Voivoden einlassen. In der ‚Theorie‘ seines Reiches sind Mutanten verachtenswerte Geschöpfe, die stets vernichtet werden müssen, da sie sonst die Ehre der Volksgenossen beflecken würden. Warum sollte also der Führer der Volksgenossenschaft sich mit ihnen verbünden? Er war schon damals, vor dem Krieg, ein seltsamer Mann gewesen, still, in sich gekehrt, nach außen hin arrogant und besserwisserisch. Er hatte Freunde gehabt, aber ich bezweifle, dass er sie je als solche gesehen hat. Genialität und Unnahbarkeit waren sein Markenzeichen. Damals, als er noch einen Namen hatte, als man ihn nicht nur als Mörder und Faschisten wahrgenommen hat. Damals, als Skiöll noch eine Seele hatte …“

Doch als er kurz davor war, vor Erschöpfung einzuschlafen, hörte er entfernten Donner und glaubte, Schüsse und Schreie wahrzunehmen. Als er die Treppen bis zum obersten Stockwerk der Schule hinaufgerannt war, sah er es: Hunderte schwarz uniformierte Soldaten mit blutroten Armbinden zogen in Kleinzschocher ein, einige Häuser an der Hauptstraße brannten, Frauen und Kinder rannten um ihr Leben, Männer griffen zu ihren Waffen, die Blutfahne wurde auf der Kirche gehisst, von wo aus reichstreue Scharfschützen in die wehrlose Menge der Fliehenden schossen und vor allem erkennbare Migranten töteten. Die Straßen hallten von Schreien wieder und er sah vor seinem inneren Auge Skiölls grausames Lächeln und den eiskalten Blick seiner violetten Augen.
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