Rot für den Winter

GeschichteKrimi, Freundschaft / P12
Andreas Kringge Michael "Mick" Brisgau
16.02.2014
23.02.2014
3
7.686
 
Alle Kapitel
3 Reviews
Dieses Kapitel
3 Reviews
 
 Datenschutzinfo
 
16.02.2014 1.296
 
Prolog



Andreas schlug den Mantelkragen gegen den eisigen Wind hoch.
Es schneite schon seit Stunden große, klebrige Flocken. Sie verfingen sich im schwarzen Haar des jungen Polizisten und es graute ihm schon davor, wenn sie schmelzen und seine Haare durchnässen würden.
Er warf Mick einen Blick zu, der neben ihm vor dem Präsidium stand.
Bei ihm hingen die Schneeflocken nicht nur im Haar, sondern auch im Bart.

Andreas fand, dass er wie ein Neandertaler aussah. Die Augen gegen den Wind zusammengekniffen, auf der Suche nach Beute.
Zerzauste Strähnen, die noch nie einen Kamm gesehen hatten…
Fehlte nur noch ein wurfbereiter Speer.
„Na was ist? Willst du hier Wurzeln schlagen oder bist du am Boden festgefroren? Wir haben einen neuen Fall!“, riss ihn Mick aus seinen Gedanken.
Andreas schmunzelte leicht, als er Mick folgte. Der Eingang des Präsidiums war frei, aber schon seit einiger Zeit hatte niemand mehr die Dienstwagen und die Fläche um sie herum von Schnee freigeschaufelt.

Andreas stockte.
Der Schnee ging ihm fast bis zu den Knien.
Mick war größer und trug ja seine Lederstiefel, aber er? Er würde doch nicht seine Schuhe ruinieren!

Mick war inzwischen bei seinem Opel Diplomat angelangt und begann, den Schnee von der Windschutzscheibe und den Fenstern zu kratzen.
„Hilfst du mir hier mal?“, rief er über die Schulter.
Der Angesprochene starrte nur finster auf das weiße Meer zu seinen Füßen, als könnte er es dazu bringen, sich zu teilen und ihm einen schönen trockenen Pfad freizulegen.
Natürlich half das nicht.

Dann wohl Augen zu und durch. Andi setzte einen Fuß vor den anderen.
Eklig.
Nass.
Kalt.
Das gefrorene Wasser fand seinen Weg überall hinein, wie im flüssigen Zustand auch. In seinen Schuhen angekommen durchweichte es doch gleich, wo es schon mal dabei war, auch noch die Socken.
Er verzog das Gesicht. Breit grinsend sah Mick ihm dabei zu. „Du siehst aus, als würdest du durch ein Mienenfeld laufen“, bemerkte er.

Andi schreckte zusammen als Mick sprach, verlor das Gleichgewicht und landete der Länge nach im Schnee. Der Ältere brach in schallendes Gelächter aus.
Die Kälte sandte einen kurzen Schock durch Andis Körper und er schnappte nach Luft. Dabei atmete er etwas Schnee ein und kaum war er wieder auf den Beinen, hustete er auch schon was das Zeug hielt.
Mick stapfte zu ihm und klopfte ihm ein paar Mal auf den Rücken, bis er wieder Luft bekam.

Dann wischte er ihm den Schnee vom Mantel und zauste ihm durch die Haare. „Wieder wie neu!“
„Ha ha!“ Andreas warf ihm einen finsteren Blick zu, dann stieg er in den Diplomat und brachte seine Frisur in Ordnung. Mick setzte sich ans Steuer, immer noch grinsend. Andreas war eiskalt. Er zog Schuhe und Socken aus und fröstelte leicht.

Mick versuchte den Wagen zu starten, aber weil er eben doch schon ein wenig älter war, ließ der Diplomat sich nicht mal zu einem Knurren herab.
„Mist!“
Nach einigen weiteren Versuchen, seufzte Andreas, zog Socken und Schuhe wieder an und stieg aus dem Wagen um sich einen der Dienstwagen zu leihen. Der ältere Polizist wurde immer verzweifelter.
Ein blau-weißer Wagen fuhr neben seinen.
„Lass gut sein Mick. Er braucht Ruhe.“
Der Angesprochene nickte bloß mit einem traurigen Blick auf das Lenkrad.
Dann stieg er aus dem Diplomat.

Andreas ließ ihn den Dienstwagen fahren, was aber nicht wirklich eine Entschädigung war.
Mick schaltete die Heizung auf die höchste Stufe, wodurch augenblicklich die Fensterscheiben anfingen zu beschlagen. Er wischte die Windschutzscheibe ab und bog auf die Straße.
Mick und Andreas inzwischen gleichermaßen schlecht drauf, weil der Schnee nicht aufhörte zu fallen.
Der Ältere machte sich Sorgen um seinen Wagen, der Jüngere um seine Schuhe. Was für ein Start in den Tag.


Sie hatten es höchst wahrscheinlich mit einem Serienmörder zu tun.
Mal wurde ein Opfer vergiftet, mal erschlagen oder erstochen.
Mal Frau, mal Mann.
Das einzige Muster war, dass der Mörder jeden… Naja, nass machte. Alle hatten einen nassen Fleck auf der Brust. Außerdem kam jedes Mal ein anonymer Anruf mit einer unterdrückten Nummer, die man nicht nachverfolgen konnte herein.
Der Anrufer nannte nur einen Ort, bevor er auflegte.
Wenn die Polizei dann ankam, war das Opfer bereits tot, ein nasser Fleck auf der Brust.

Auch dieses Mal sollte es nicht anders sein. Mick bog in die Einfahrt und fuhr Andreas zuliebe ganz nah an das Haus heran. Mehrere andere Wagen parkten bereits dort. Meisner sah ihnen entgegen, als sie das Haus mit einer Woge kalter Luft und tanzender Flocken betraten.
Beide wurden von oben bis unten gemustert. Mick in seiner üblichen (scheußlichen, wie Meisner fand) Jacke und mit einem leichten Grinsen, während Andreas in seinem Mantel zerzaust und leicht genervt wirkte.

Er ignorierte das Grinsen seines Kollegen gekonnt und trat zu dem Pathologen.
„Morgen Meisner“, seufzte er.
„Morgen Andreas“, erwiderte Meisner den Gruß.
„Du siehst aus, als hätte dich eine Horde Elefanten in den Schnee getrampelt.“
Der junge Polizist schnaubte. „Eher nur ein Elefant.“

Meisners Blick wanderte zu Mick.
„Verstehe.“
„Na, was tuschelt ihr denn?“ Nun stieß Mick auch zu ihnen.
„Morgen Brisgau.“
Wieder der übliche missbilligende Blick seitens des Pathologen.

„Das Opfer ist wieder nicht lange tot gewesen. Anruf wie beim letzten Mal und dieser nasse Fleck. Was sagt uns das?“
„Duschparty mit unglücklichem Ausgang?“, schlug Mick vor.
„Nein Brisgau. Vermutlich ist es der gleiche Mörder wie beim letzten Mal. Wenn nicht sogar ganz bestimmt. Diesmal war es diese Frau hier, Elena Kraus, 38 Jahre, keinerlei Verbindung zu den anderen Opfern: Nicht verwandt, keine Arbeitskollegen oder Freunde. Sie wurde vergiftet.“

Beide Kommissare sahen auf die junge Frau am Boden hinab. Sie lag in einer seltsam verkrampften Position und sah aus als hätte sie sich in den Tod geweint.
„Ich konnte kein Gift nachweisen, daher gibt es viele die in Frage kommen. Aber hier“ Er befahl den beiden näher zu kommen und sich hinzuknien, „Haben wir einen Anhaltspunkt.“
Meisner deutete auf den Mund der Toten. Die Haut um die Lippen herum hatte eine komische blaue Färbung.

Andreas wusste, dass er aufmerksam sein sollte, aber er war darum bemüht, nicht in das Erbrochene der Frau zu treten.

„Diese Färbung kommt nicht davon, dass sie erstickt ist. Ich tippe auf einen Stoff aus der Gruppe der Phosphorsäureester.“
Andreas und Mick starrten ihn nur erwartungsvoll an. Meisner seufzte. „Das vermute ich deswegen, weil vielen Phosphorsäureestern in den Handelsformen blauer Farbstoff beigemischt wird um die Gefahr schneller wahrzunehmen.“
Jetzt endlich trat Erleuchtung in die Gesichter der Unwissenden. Mick ergriff als erster das Wort nach einer längeren Pause, in der sich die Zahnräder in ihren Köpfen vernehmlich gedreht hatten: „Jetzt noch mal Klartext: Elena Kraus wurde also mit diesem Phosphorsäure…dingsda… vergiftet?“
„Mit einem Phosphorsäureester, ja.
Keine Spuren eines Kampfes oder Fingerabdrücke.“

Andreas, der sowieso schon genervt war, stöhnte: „Haben wir überhaupt irgendetwas?“ Es folgte Schweigen auf seine Frage.
„Also nein.“
Er sah aus dem Fenster. Dabei meinte er für einen Moment, etwas in dem Schneetreiben wahrzunehmen. Vor dem Fenster. Ein Mann, der ihm direkt in die Augen sah.
Aber der Schnee war so blendend hell und wirr, er zweifelte daran, wirklich jemanden gesehen zu haben.
„Erde an Andreas“, sagte Meisner und bewegte seine Hand vor dem Gesicht des Polizisten auf und ab.
Dieser blinzelte und erfasste die beiden dann mit zerstreutem Blick. Mick sah leicht besorgt aus.

„Vielleicht hat ihm das kurze Schneebad vorhin nicht so gut bekommen. Ich nehm ihn am besten wieder mit.“ Wortlos ließ sich der Kommissar von seinem Partner nach draußen führen. Der Wind warf sich beharrlich gegen sie und fauchte um das Haus, als sie zurück ins Freie traten.
Die Farben der Welt waren grau und verwelkt. Ein nicht enden wollender Sturm tobte um ganz Essen. Hinter dem Vorhang aus Eiskristallen jedoch, verbarg sich etwas oder eher jemand, der noch gefährlicher war als der Sturm.
Der dunkle Schatten beobachtete schweigend.
Review schreiben