Zerrissen!

von - Leela -
KurzgeschichteSchmerz/Trost / P16
Kong sr. Spenser sr.
15.02.2014
15.02.2014
1
1981
 
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Dieser Beitrag gehört zu dem Wettbewerb »Der Tod« von Thorinstochter, der ich an dieser Stelle ganz herzlich danken möchte, da ohne sie diese Geschichte nie entstanden wäre.

Hinweis zum Wettbewerb: Ich richte mich grundsätzlich nach alter Rechtschreibung; und hoffe, da haben sich keine allzu großen Klopfer zwischengemischt. ^^


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Zerrissen!

Jack stand am Geländer der Brücke, die über den breiten, schnell dahinrauschenden Fluß führte und sah in die Fluten. Der Rhythmus des Wassers war kaum mehr als ein Hintergrundgeräusch in seinen Gedanken zu dem sich immer ähnlichen und doch nie gleichen Bild vor seinen Augen, daß er nicht einmal richtig wahrnahm. Nie hatte er vermutet, daß man so den Lebenswillen verlieren konnte. Hätte noch vor einem Jahr jemand zu ihm gesagt, daß er sich selbst einmal so aufgeben könnte, hätte er darüber gelacht. Doch er hatte auch nie damit gerechnet, daß seine Frau, die wichtigste Person in seinem Leben, die er über alle Maßen geliebt hatte und noch immer mehr als alles andere auf der Welt liebte, dermaßen aus dem Leben gerissen wurde.
      Nein, nach Lachen war ihm sicher nicht zumute. Im Gegenteil, seit dem Vorfall war ihm nach allem anderen zumute als zu lachen. In seinem Herzen und seiner Seele klaffte eine schmerzende Wunde, die ihn quälte, und von der er wußte, daß sie nie heilen würde. Jetzt war es drei Monate her, seit Mirela tot war. Sicher, er hatte gewußt, daß es nicht für ewig sein würde, daß irgendwann einer von beiden würde gehen und den anderen würde allein lassen müssen. Aber hatte es schon in so jungen Jahren sein müssen, durch einen Autofahrer, der nicht aufpassen konnte?
      Das war nicht fair! Das war einfach nicht fair! »Zur falschen Zeit, am falschen Ort«… Er wünschte sich die Zeitung mit der Schlagzeile noch einmal in seine Hände, damit er sie ein weiteres mal in seiner Wut zerreisen konnte, bis sie sich über den gesamten Boden verteilte! Nicht Mirela hätte bei dem Unfall sterben dürfen! Als er darüber nachdachte, spürte er wieder, wie jedes Mal, wenn er an dem Punkt angelangt war, unkontrollierbare Aggressionen in seinem Inneren emporsteigen und die mittlerweile allgegenwärtig gewordene bleierne Lethargie an die Seiten seines Selbst drängen. Nein, dieser verfluchte Autofahrer war es, der bei dem Unfall sein Leben hätte lassen müssen! Er hatte es  verdient! Er hatte ihm sein Liebstes genommen, und das Schmerzensgeld hätte er behalten können. Was bildete die Gesellschaft sich eigentlich ein? Den Verlust eines Menschen, und schon gar von ihr, konnte man mit nichts vergelten! Und am allerwenigsten mit Geld.
      Jack spürte nicht einmal, wie sich seine Fingernägel schmerzhaft ins Fleisch bohrten, als er die Hände zu Fäusten ballte. Seit drei Monaten gab es nur noch einen Schmerz, den er empfand. Ansonsten war er wie taub, als wäre seine Seele mit ihr von der Welt gegangen. Als wäre er selbst bereits tot, obwohl er noch wie ein Zombie unter den anderen Menschen auf dieser Erde wandelte. Nichts war mehr geblieben als Haß, Trauer und Verzweiflung.
      Mit zusammengebissenen Zähnen grub er die Nägel fester in die Handflächen, ganz bewußt, bis der vage Schmerz in sein Bewußtsein drang. Er wußte, das war die einzige Möglichkeit, mit der er sich davon abhalten konnte, wahllos auf seine Umgebung einzuschlagen, denn wenn er eines gelernt hatte in den letzten Wochen, dann war es das; wenn er nicht die Verletzungen gegen sich selbst als Ventil nahm, so konnte er sich nicht daran hindern, das nächste, was ihm in die Finger kam, in blinder Wut zu zerstören. Das war schon zu oft passiert, und er haßte sich anschließend jedes Mal selbst dafür. Es hatte allerdings nicht lange gedauert, bis er festgestellt hatte, daß es die lohnendere Variante war, seine Wut gegen sich selbst zu richten, anstatt sich an unschuldigem Büroinventar zu vergreifen, nur weil er das Ziel, auf das sein ganzer Haß gerichtet war, nicht erreichen konnte. Es gelang ihm noch nicht immer, aber mittlerweile sehr oft, und es war jedes Mal aufs neue wie eine Erleichterung, ja, fast ein Genuß, die Schmerzen zu spüren – zum einen, weil es ihn ablenkte, seinen Fokus für einen Augenblick in eine andere Richtung lenkte, zum anderen, weil er wußte, auf diese Weise traf er kein falsches Ziel. Sein eigenes Leben hatte ohnehin an Stellenwert verloren, da war es belanglos, was mit ihm passierte. Ein dumpfes Gefühl dominierte seine Magengegend. Es war alles so sinnlos geworden. Was hielt ihn hier überhaupt noch fest?
      Nie hatte er sich so mit dem Thema Tod beschäftigt, wie seit dieser verheerende Vorfall geschehen war. Egal, wo er ansetzte, es ließ ihn nicht mehr los. Nicht nur, daß er sich ständig fragte, warum er sie hatte verlieren müssen; sein elementarer Gedanke galt seit dem immer wieder sich selbst, seinem eigenen Tod, um ihr zu folgen, um das Leid, das er nicht mehr ertragen konnte, zu beenden. Und im nächsten Atemzug dachte er daran, den Mörder - und nichts anderes war dieser Autofahrer für ihn, auch wenn es kein Vorsatz gewesen war - zuerst umzubringen. Er sah die Szene vor seinem inneren Auge immer und immer wieder vor sich, wie er diesem Individuum gegenüberstand und mit der Energie seiner ganzen Verbitterung die Kehle zudrückte, bis auch das letzte Stück Leben aus dessen Adern geflossen war. Was hatte er schon zu verlieren? Er ging ohnehin!
      In dem Moment, wenn er an dieser Stelle der Schlaufe angekommen war, die sich in seinem Geiste wieder und immer wieder wiederholte, drehte sich das Rad weiter. Die Strafe war noch zu gut! Nein, bevor er ging, wollte er diesem… Subjekt den gleichen Schmerz zufügen, den er gerade durchmachte. Er würde ihn nicht umbringen, nein! Es mußte irgendeiner seiner Lieben sein, jemand, der ihm nahestand! Vielleicht war er ja auch glücklich verheiratet, oder er hatte eine bezaubernde Freundin! Wie würde es ihm wohl gefallen, wenn er ihm das alles wegnahm…?
      Jack biß die Zähne zusammen. Meistens endete die Szene damit, daß er sich vor sich selbst erschrak. Er erkannte sich selbst nicht wieder, wenn ihm bewußt wurde, mit welchem Ernst er darüber nachdachte, mit vollem Bewußtsein eine willkürliche Person zu töten, die überhaupt nichts mit seinem Schicksal zu tun hatte, nur um Rache zu üben, und er registrierte, daß er nur einen knappen Schritt davon entfernt war, unter das Niveau des Mannes zu rutschen, dem sein Groll galt, eben jener Mann, der sich wahrscheinlich gerade selbst genug Vorwürfe machte und auch ohne sein Zutun seines Lebens nicht mehr froh wurde. Manchmal dauerte es gefährlich lange, bis die Ernüchterung kam, manchmal ging es schneller, so wie dieses Mal. Was dann zurückblieb, war ein weiteres elendes Gefühl in seiner Sammlung unerträglicher Emotionen; nicht zuletzt, weil ihm keine Adresse blieb, auf die er seine Wut, seine Trauer und Verzweiflung richten konnte. Keine jedenfalls, die ihn nicht zu etwas schlimmerem gemacht hätte als den, den er gerade selbst anklagte. Doch was ihn am meisten Furcht einflößte war, er war sich nicht sicher, daß er es nicht doch irgendwann tun würde, wenn er den Absprung nicht rechtzeitig schaffte.
      Er sah in die Fluten, und seine Gedanken liefen einen Augenblick auf Leerlauf. Er wußte nicht, wie oft sich dieses Gedankenspiel schon wiederholt hatte, und wie oft es sich noch wiederholen würde. Er konnte diesen Kreislauf nicht stoppen; – oder doch, nur auf eine einzige Art und Weise: Sich selber zuvorzukommen, endlich seine Ruhe zu finden und das unbekannte Opfer so vor ihm selbst zu schützen.
      Er bedauerte, daß es hier sein mußte, inmitten dieser malerischen Landschaft. Spenser, sein Partner, hatte es nur gut gemeint und ihn für ein paar Tage hierher in den Nationalpark eingeladen, damit er aus der gewohnten Umgebung, in der ihn alles an Mira erinnerte, herauskam, und er vielleicht ein wenig zur Besinnung kam. Die Idee war gut gewesen. Doch sie war fehlgeschlagen. Hier kam er erst recht zum Nachdenken. Hier hatte er zum ersten Mal genug Zeit und Ruhe, um seine Gedankenkette zu Ende zu führen, und den Mut zu fassen, den immerwährenden Kreislauf mit dem einzigen logischen Ausweg zu durchbrechen. Und das war es auch, warum er es hier beenden mußte!
      Er atmete tief durch. Er wußte, daß nicht weit von der Brücke entfernt ein Wasserfall über eine scharfkantige Klippe einige hundert Meter in die Tiefe stürzte. Er konnte das gleichermaßen bedrohliche wie auch beruhigende Rauschen bis hierher hören. Er wußte, wenn er hier sprang, gab es für ihn keine Rettung mehr. Das Wasser war zu schnell, und der Wasserfall zu nah – wahrscheinlich würde es  nicht einmal jemand bemerken, und selbst wenn, käme jede Rettung zu spät. Idealer ging es praktisch gar nicht!
      Sein letzter Gedanke galt Spenser, seinem langjährigen Freund und Geschäftpartner, der ihn, ohne es zu wissen, seiner Lösung so nahe geführt hatte. „Vielen Dank, mein Freund.“ sagte er leise. „Und verzeih’ mir…“ Dann schaltete er sein Bewußtsein auf Leerlauf.
      Mit fester Entschlossenheit, und ohne weiter nachzudenken schwang er ein Bein auf das Geländer, ohne daß er die hastigen Schritte und die alarmierten Rufe überhaupt wahrnahm, die über die Brücke näherkamen.
      Erst, als er mit größter Wucht vom Geländer weggerissen wurde, registrierte er, daß er nicht mehr allein war, und erkannte Spenser, der atemlos und mit purer Panik in den Augen vor ihm stand, ihn schüttelte bis er zur Besinnung kam und brüllte: „Bist du von Sinnen? Wage das nie, nie wieder!“
      Jack riß sich aus dem Griff los und funkelte seinen Partner wütend an. „Laß mir doch endlich meinen Frieden! Oder willst du dir mein Leid weiter mit ansehen, und dich daran weiden, bis ich dahinsieche?“
      Er hatte kaum ausgesprochen, da hatte er von Spenser eine Ohrfeige sitzen, die ihn einen Schritt nach hinten taumeln ließ. Spensers Stimme war schneidend, als er seinen Partner mit einem durchdringenden Blick fixierte und anzählte. „Ich hätte nie von dir gedacht, daß du so dumm, feige und unfair bist!“
      Jack sah ihn sprachlos an. „Du hältst Selbstmord für feige?“
      „Ja! Denn so kannst du allen Problemen und Verantwortungen wunderbar aus dem Weg gehen, ohne Rücksicht auf weitere Verluste! Du hast einen zehnjährigen Sohn, der dich braucht, verdammt noch mal!“
      Stille trat ein – eine jähe Stille, die jegliche Konversation aus der natürlichen Umgebung eliminierte.
      Jack atmete keuchend.
      Spenser griff ihn erneut bei den Armen und sah ihn eindringlich an, als er nun eine Spur sanfter sagte: „Reicht es nicht, daß Jake seine Mutter verloren hat? Willst du ihm auch noch den Vater nehmen?“
      Er spürte, wie sein Partner zitterte. Dann brach Jack auf der Brücke zusammen und kraftlos in Tränen aus.


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