Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

[DRAMAtical Murder] Wie Morphine

von Erenya
KurzgeschichteMystery, Schmerz/Trost / P12
14.02.2014
14.02.2014
1
3.277
 
Alle Kapitel
4 Reviews
Dieses Kapitel
3 Reviews
 
 
 
14.02.2014 3.277
 
Sein Atem rasselte leicht, als er wieder zu sich kam und die Schmerzen seines Lebens spürte. Das Piepen der Geräte war schrill und nervtötend, doch gleichzeitig vertraut und etwas, woran er sich jedes Mal klammerte, wenn er aufwachte. Auch wenn es genau diese Sehnsucht nach dem Leben war, die er verabscheute.
Was war das schon für ein Leben, hängend an Maschinen, als ein Forschungsobjekt, das dazu diente, eine Fähigkeit zu erforschen, die nicht existieren durfte. Genauso wenig wie er, der geschaffen in einem Labor, auf ewig in einem hausen würde.
„Wir haben alle Daten für heute beisammen. Bringt Sei in sein Zimmer.“
Er spürte die kräftigen Hände der Forscher, die seinen schmalen, zierlichen Körper umfassten und ihn hochhoben, als wäre er nur eine leichte Feder. Er war noch betäubt von den ganzen Medikamenten und Infusionen, die man ihm während seines langen Schlafes verabreicht hatte.
Was war das nur für ein Leben? Konnte man das überhaupt Leben nennen? Warum hatte er nicht wie sein Bruder diese Welt verlassen können, als er noch die Chance dazu hatte? Warum hatte er seine Augen geöffnet und das Leben, dass ihm nichts außer dieses Labor bieten konnte, willkommen geheißen?
Müde schloss Sei seine Augen. Wie jeden Tag hoffte er, dass er sie nie wieder öffnen würde, doch er war das Leben und schon alleine deswegen war diese Hoffnung vergebens.

~~**~~


Ein grausamer Schmerz durchbohrte Seis Brust, als er mitansah, wie eine künstliche Schöpfung, der er ein Teil seines Bewusstseins geschenkt hatte, verstarb. Sie war zu schwach gewesen um gegen einen der α und ihren grausigen Gesang zu bestehen. Nicht einmal Sei war dazu in der Lage, egal wie stark seine Kontrolle auch sein konnte. Dieser teuflische Gesang, diese Stimmen, die selbst noch Stunden später in seinen Ohren widerhallten schmerzten ihn. Dabei hatte er doch alle andere Gefühle abgelegt.
Die in seinem Haar, die in seiner Stimme, die in seinen Blicken, einfach alle. Nur das Gefühl in seinen Ohren, das wollte er sich erhalten. Denn er brauchte es. Schließlich war da draußen jemand, der ihn von all seinem Leid erlösen konnte. Auch wenn niemand glaubte, dass es diesen Jemand noch gab. Er war der einzige, der um seine Existenz wusste, denn sie waren einmal eins gewesen, verbunden durch die Strähnen jedes einzelnen Haares.
Ob sie sich ähnlich waren?
Oft stellte sich Sei diese Frage. Er wusste nichts von seinem anderen Ich, von seiner toten Hälfte die Zerstörung brachte. Und genauso wusste wohl auch seine andere Hälfte nichts von ihm.

~~**~~


Mit einem leisen quietschen öffnete sich die Tür zu Seis sterilem Zimmer. Er saß wie üblich in seinem Stuhl, der wohl eher einem Thron glich und starrte fast schon paralysiert auf einen Fleck, den nur er sehen konnte.
Er ignorierte Toue, der mit einem stoisch gelassenen, aber doch irgendwie warmen und freundlichen Ausdruck sein Gefängnis betrat. Er war sein Schöpfer, sein Vater und gleichzeitig auch sein Folterknecht. Wie ein Sohn liebte er ihn, sagte er zumindest. Doch konnte man seinem Sohn so etwas antun? Konnte man sein eigenes Kind dazu zwingen Mal für Mal eigenes Bewusstsein zu spalten, nur damit man dem eigenen Ziel näher kam?
Da Sei allerdings nie einen anderen Mann als Toue gesehen hatte, oder erleben durfte, wie andere Väter ihre Kinder erzogen, akzeptierte er es.
„Sei, ich habe heute zwei Besucher mitgebracht.“
Schwach hob Sei den Kopf und sah zu dem Mann der Platz für die zwei blonden Zwillinge machte. Sofort reagierte etwas in Sei. Angst machte sich breit, den sie sahen sich ähnlich, genauso wie sich die α ähnlich sahen. Unbewusst krampften sich seine Hände an den Stuhl, gepackt von einer bösen Vorahnung, von der er hoffte, dass sie niemals wahr werden würde.
„Das sind deine neuen Freunde, Virus und Trip. Sei nett zu ihnen, ja?“
Langsam traten die Zwillinge vor. Sie waren ungefähr sein Alter, vielleicht auch älter. So ganz konnte er es nicht sagen. Aber etwas bedrohliches hing an ihnen. Sie lächelten ihn an, starrten zu ihm mit ihren kalten eisblauen Augen.
Er sammelte all seinen Mut zusammen, als Toue draußen war, um seine Stimme zu erheben.
„Geht weg.“
Sein Blick fixierte die beiden, unterstrich seinen Befehl, versuchte sie zu verführen, damit sie alles taten, was er sagte. Zumindest klappte es bei einigen unvorsichtigen Forschern, aber diese beiden sahen ihn einfach mit diesem unheimlichen Lächeln an und näherten sich ihm.
„Sei-san, wir freuen uns, dich kennenlernen zu dürfen. Wir haben so gesehen nur für dieses Treffen gelebt.“
Es war der Blondschopf mit der Brille, der als erster das Wort erhob und deutlich machte, dass sie nicht gehen würden. Niemals. Nicht jetzt.
„Mein Name ist Virus, ich trug die Objektnummer 333. Ich war einer der ersten, die aus einem Waisenhaus auserwählt wurden, um die neuen Augen zu erhalten.“
Seis Hände klammerte sich fester an den Stuhl. Die Beiden kamen ihm immer näher und er verabscheute diese Nähe zu ihnen.
„Ich bin Trip, Objektnummer 666.“
Erst kurz vor ihm kamen die beiden zum stehen. Doch sie ließen ihn nicht aus dem Blick. Es war unheimlich, denn sie wirkten... wie er. Und doch waren sie anders. Stärker als er und noch wesentlich unmenschlicher, denn ihre Augen wirkten wie die einer Puppe.
Puppen, das war das beste Wort um die beiden zu beschreiben. Sie lächelten, starrten, machten ihm Angst, wie echte Puppen, die keine Seele mehr hatten, wie die α.
Warum hatte Toue sie erschaffen? Sollten sie ihn nun dafür bestrafen, dass alle Wesen die er geschaffen hatte, wegen seines schwachen Bewusstseins gestorben waren?

~~**~~


Es fühlte sich an als ob er sterben würde und das obwohl es nur eine kleine Erkältung war. Doch wie soviele Dinge, die klein und unbedeutend waren, hauten sie Sei regelrecht aus den Socken. Er war empfänglicher für Krankheiten, einfach weil er seine Zeit in sterilen Labors verbrachte und sein Bewusstsein immer wieder teilte. Er hatte keine Gegenwehr, nicht einmal bei Virus und Trip die ihn beide, seit sie seine Bodyguards waren, wieder und wieder misshandelten. Und niemand sah es, denn es blieb bei beiden keine einzige sichtbare Narbe übrig.
Es waren viel mehr die seelischen Verletzungen die sie seinem gebrochenen Selbst noch zufügten. Was schon mehr seltsam und gleichzeitig auch Lächerlich war. Sein Selbst hatte man immerhin schon mit Beginn der Untersuchungen gebrochen. Er hatte nicht mehr erwartet, dass es auch nur etwas gab, dass ihn noch verletzten konnte.
„Sei-san“, er zuckte zusammen als wäre er aus einem Albtraum erwacht, als er Virus unverfälschliche Stimme hörte.
Nicht einmal wenn er krank war konnten sie ihn in Ruhe lassen. Dabei hatten doch selbst die Forscher gemerkt, dass er zu nichts in der Lage war.
„Wir haben gehört, dass es dir nicht gut geht, deswegen wollten wir dir einen Krankenbesuch abstatten.“
Tiefer vergrub sich Sei in seiner Decke. Er ahnte, dass nichts gutes kommen würde. Wenn Virus und Trip vor Ort waren, geschah nie was Gutes.
„Ob er noch schläft? Trip, stell ihn auf den Stuhl.“
Mit angehaltenem Atem lauschte Sei den Schritten Trips, die sich in Richtung seines Stuhls bewegten. Er wollte nur zu gerne wissen, was die beiden Männer da taten, doch gleichzeitig wollte er nicht verraten, dass er sich nur schlafend stellte.
„Vielleicht hätten wir Berta mitbringen sollen. Er ist viel echter als so etwas.“
Berta... Schon oft hatte Sei diesen Namen gehört und in Verbindung von dessen was er gehört hatte, war er nicht sonderlich begierig darauf Berta, den Allmate Trips kennenzulernen. Dasselbe traf auch auf Hersha, Virus Allmate, zu.
„Lassen wir ihn noch etwas schlafen. Er braucht viel Ruhe.“
Virus machte sich wie üblich nicht die Mühe auf Trip zu antworten aber immerhin gingen sie, was Sei erleichterte. Er wartete, bis die Tür hinter ihnen wieder ins Schloss fiel und setzte sich auf um zu setzen, was die beiden auf seinen Stuhl platzierten hatten.
Und da saß er, ein großer hellbrauner Teddybär mit großen, schwarzen Knopfaugen und einem Anstecker an seiner Brust.
Leise erhob sich Sei und ging zu dem Stuhl, um den Anstecker genauer zu betrachten. Es war ein Herz, eingekreist von einem Heiligenschein mit Flügeln, hinter dem ein Kreuz war. Ein seltsamer Anstecker und er er fragte sich, ob Trip und Virus ihm damit irgendetwas sagen wollten.

Er hatte sich wieder ins Bett gelegt und wartete darauf, dass die Erkältung endlich vorüberzog. Sein Blick war starr auf den Teddybär gerichtet, der ihn mit seinen leblosen Augen anstarrte. Vergessen war die Tatsache, dass Virus und Trip wiederkommen wollten, schließlich war es schon weit nach Mittag und es hatte sich niemand mehr blicken lassen. Er hatte das Gefühl, dass niemand heute mehr kommen würde, bis die Tür erneut aufging.
Fragend sah er zu dem Eindringling, der in Gestalt von Trip durch die Tür kam. In seiner Hand hielt er eine dampfende Schüssel, deren Inhalt wohl für Sei bestimmt war. Allerdings hoffte er, dass es kein sinnloser Süßkram wie süßer Brei war. Mit Sicherheit würde er davon nur kränker werden.
„Sei, ich habe dir Reisbrei mitgebracht. Mit einer Pflaume. Virus meinte, das hilft wenn man krank ist.“
Emotionslos sah Sei zu Trip, der ihn ruhig anlächelte und näher auf ihn zukam. Reisbrei also, mit einer Pflaume. Irgendwie trug das genau die Handschrift der beiden. Und doch hatte scheinbar Virus wieder den größten Einfluss.
„Danke.“
Vorsichtig streckte Sei seine Hände nach der Schüssel aus. Er wusste, dass sie wohl mehr als nur warm war, doch Trip wandte sich von ihm ab und gab ihm zu verstehen, dass er ihm diese Schüssel nicht überreichen würde. Stattdessen zog er sich einen Hocker zu seinem Bett und setzte sich auf diesen.
„Mach ah~“
Auch wenn man es ihm nicht ansah, Sei war verwirrt. Immerhin versuchte Trip doch wirklich ihn zu füttern. Noch dazu war der Löffel übervoll.
Unsicher, was geschehen würde, denn bei Virus und Trip musste man mit allem rechnen, öffnete er schwerfällig den Mund der sofort mit der viel zu großen Portion Reisbrei gefüllt wurde.
Sei spürte, wie einige der klebrigen Körner an seinem Mund kleben blieben, doch er konnte sie sich nicht wegwischen und schluckte den zähen, geschmacksneutralen Brei herunter, noch bevor die Körner zerkaut waren. Schließlich hatte Trip bereits den nächsten Löffel gefüllt und das Tempo vorgegeben.

Ihm drehte sich der Magen fast schon um, als er den letzten Löffel in den Mund bekam und sich dessen Inhalt mit den verbliebenen Resten dutzender vorangegangener Löffel vermischte. Tränen standen Sei im Gesicht, doch ein Blick Trips verriet ihm, dass er den Brei nicht ausspucken durfte. Zumindest hatte dieser die Schüssel bereits weggestellt und die Hand gehoben, als wollte er ihm den Mund zuhalten.
„Schön brav schlucken, Sei.“
Angewidert und dennoch nicht fähig es zu zeigen, schluckte Sei den Brei, Brocken für Brocken runter. Und dennoch, Trip senkte seine Hand nicht. Er legte sie stattdessen auf Seis Kopf, der wegen seiner empfindlichen Haare, von denen er dachte, dass sie nichts mehr fühlten, zusammenzuckte.
„Brav gemacht.“

~~**~~


Es war zur seltsamen Gewohnheit geworden, dass Trip und Virus ihn immer wieder aus seinem Gefängnis holten, ihn zu seinen Untersuchungen brachten und dann schließlich wieder in den golden Käfig sperrten, wenn alles vorbei war.
Doch seltsamerweise konnte er es den beiden nicht übel nehmen. Sie waren wie er nur ein Opfer von Toues Gier alles und jeden zu kontrollieren. Und doch konnte er diesem Mann nicht böse sein.
„Geht es dir wieder besser, Sei-san?“, fragte Virus ihn, als sie auf dem Weg zum Labor waren.
Es lag keine Sorge in seiner Stimme, keine Angst, einfach nichts. Sie war leer wie seine Augen und seine Fähigkeit etwas anderes außer Spaß zu empfinden.
Zumindest hatten Trip und Virus ihm erklärt, dass sie immer nur taten was ihnen Spaß machte und während er vor einigen Tagen an einer kleinen Erkältung erkrankt war, hatten sie ihm viel von diesem „spaßigen Leben“ als Toues Yakuza erzählt.
Nur durch sie konnte er Dinge über die Welt draußen erfahren, auch wenn er darunter litt, dass er es nicht mit eigenen Augen sehen konnte.
„Mir geht’s besser...“
Seine Stimme war nur ein kleines unbedeutendes Flüstern. Genauso wie seine Antwort unbedeutend war, denn Trip hatte nicht gefragt, weil es ihn interessierte, sondern weil er musste. Wenn es Sei nicht gut ging, waren die Experimente zum Scheitern verurteilt.
Und mit seiner Antwort war auch alles gesagt, weswegen sich Trip und Virus nicht weiter für ihn interessierten und sich eher mit sich beschäftigten.
„Der neue Auftrag klingt viel versprechend. Talentierte Rhymer außerhalb von Platinium Jail zu finden, klingt zwar fast unmöglich, aber ich denke es ist machbar. Das Problem werden die Ribsteez sein.“
Wie sooft war es Virus der am meisten sprach, während Trip zuhörte und sich im Stummen wohl seine eigene Meinung bildete, sollte er eine haben.
Beide behaarten zwar weiterhin darauf, dass sie menschlich und keine Geschwister waren, doch mit der Zeit war Sei aufgefallen, wie identisch beide waren. Sicher, es gab da grobe Unterschiede, die Sei durch die Geschichten und Eigenarten beider bemerkt hatte, aber doch waren sie sich ähnlich, so als wären sie nur die verschiedenen Seiten einer einzelnen Münzen. Es interessierte ihn, warum beide sich so ähnlich waren, aber er traute sich nicht, die beiden zu fragen. Die Beiden waren wie tickende Zeitbombe und er wollte ihnen so wenig Chancen wie möglich zur Explosion geben.
„Um die Ribsteez können wir uns in ihrem Terrain kümmern. Allerdings sollten wir langsam ernst machen und uns einen Namen und ein Zeichen geben.“
Die ganze Zeit hatte Sei zugehört. Scheinbar hatten die undurchsichtigen Trip und Virus doch noch das eine oder andere Problem, mit dem sie kämpfen mussten. Selbst das war interessant.
„Wir haben Zeit. Sei-san. Wir sind da. Sei brav, dann haben Trip und ich eine Überraschung für dich.“
Eigentlich wollte Sei gar nicht wissen, was es für eine Überraschung war, denn eigentlich konnte das nichts gutes bedeuten. Dennoch vielleicht war es einfach die Naivität, oder das Kind in ihm, dass zum Vorschein kam, aber er freute sich insgeheim auch auf eine Überraschung. Vor allem dann wenn sie gut war. Und mit dem Teddybären hatten beide ihm ja auch eine nette Überraschung gemacht. Vielleicht, so dachte Sei, konnten die beiden auch ganz nett sein.

Schlaff hing sein Körper auf Virus Armen. Heute hatten die Forscher es wirklich zu weit getrieben. Sie hatten ihn bis an seine Grenzen gebracht, sein Bewusstsein gleich dreimal aufgespalten. Apathisch starrte er an die Decke, spürte die leichte Vibration von Virus Schritten und schmiegte sich an ihn, wissend, dass er ihn nicht fallen lassen würde.
Vielleicht lag es an den ganzen Chemikalien, die seinen künstlichen Körper gerade noch durchflossen, aber er fühlte sich geliebt, wenn er in Virus und Trips Nähe war. Vor allem bei Virus, der ihn gerade so kalt aber irgendwie sanft anlächelte und scheinbar bemüht darum war, es ihm auf seinen Armen so bequem wie möglich zu machen.
„Wir sind da, Sei-san.“
Vorsichtig, ohne Sei viel zu bewegen, öffnete Virus die Tür und trat hinein. Langsam ging Virus zu dem Thron und setzte Sei auf diesen ab. Er nahm den Teddy und drückte ihn in die schlaffen Arme des Jungen, der es nur beiläufig bemerkte, sich aber an das flauschige Fell des Teddys drückte. Es war seltsam, denn noch immer roch der Bär nach Trip und Virus und noch immer war es dieser Geruch, der ihn so ungemein beruhigte.
„Ah, genau, deine Überraschung. Die Ärzte haben gesagt, dass du heute sehr brav warst.“
Schwach hob Sei seinen Kopf. Die Sicht verschwamm ihm etwas, doch er konnte klar und deutlich sehen, wie Virus auf sein Bett zuging und etwas von der Decke nahm. Er war sich sicher, dass am Morgen dort nichts gelegen hatte.
Die Schritte Virus näherten sich ihm wieder und schließlich, ohne Vorwarnung, drückte er ihm etwas auf den Kopf.
Erschrocken hob Sei die Hände, tastete nach dem Ding auf seinen Kopf und bemerkte, dass es ein Hut war.

Virus war schon seit einigen Stunden weg und Sei war aus seinem apathischen Zustand entglitten. Er erinnerte sich nur noch schwach an den Hut, doch er fühlte ihn ganz deutlich. Erneut hob er seine Hand, tastete nach dem Ding auf dem Kopf und nahm ihn schließlich ab.
Ruhig und immer noch nicht ganz im Hier und Jetzt besah er sich den Hut, auf dem, wie schon damals bei dem Teddybären, wieder dieses Zeichen ruhte.
Erneut betrachtete er sich das Zeichen und dieses Mal erkannte er die Formel, die vor dem Herz prangte. C 17 H 19 NO 3. Eine Formel und Sei wusste genau wofür diese stand. Immerhin hatte er das Mittel damals noch oft genug injiziert bekommen, als er noch gewillt war zu leben. Doch warum schenkten ihm Trip und Virus ständig diesen Anstecker? Was wollten sie ihm damit sagen? Machten sie sich über ihn lustig? Oder...
Seine Gedanken schweiften kurz ab. Wenn er es recht bedachte, waren die beiden wie diese Formel. Genauso wie er eine Metapher für diese war. Er konnte immerhin die Menschen zu dem machen, was C 17 H 19 NO 3 bewirkte. Er konnte das Bewusstsein von Menschen verändern, konnte ihnen Albträume mit „Scrap“ machen. Er konnte sie euphorisch machen oder ganz apathisch, so wie er eigentlich dauerhaft war.
Und Virus und Trip... Nun sie konnte es zwar nicht mit Scrap, aber da sie für Toue arbeiteten, hatten sie sicher ihre Mittel und Wege.

Leise wurde die Tür zu Seis Zimmer geöffnet. Der Junge starrte immer noch auf den Hut, apathisch wie immer. Fast so, als wäre er in seiner eigenen Welt. Doch Trip und Virus wussten, dass er bereits wieder bei voller Besinnung war.
Langsam traten sie ein und sah zu dem Jungen, der schwerfällig den Kopf hob.
„Was fasziniert dich so, Sei-san?“
Ein Lächeln lag auf Virus' Gesicht. Für ihn war an diesem Hut nichts besonderes, außer, dass sie ihn Sei geschenkt hatten, damit er sich immer an sie erinnerte.
„Dieses Zeichen... gehört das zu eurem Rib Team?“
Monoton, schwach ohne ein Lebensgefühl, hob Sei den Hut und verwies auf das Zeichen am Hut. Virus musste unwillkürlich grinsen, denn Sei war neben ihm und Trip der einzige, der es bisher zu Gesicht bekommen hatte. Außerdem hatten sie dieses Zeichen nie als Symbol für ihr Rib Team gesehen.
„Eigentlich, ist es ein Zeichen dafür, dass wir drei zusammen gehören“, erklärte Virus und ging zu Sei, dem er den Hut abnahm und wieder vorsichtig aufsetzte.
„Wir drei sind so gesehen auch ein Team.“
Es waren schmeichelnde Worte für Sei, denn noch nie hatte er sich zu irgendwem zugehörig gefühlt oder auch nur Freunde gehabt. Er war immer alleine gewesen, bis Virus und Trip in sein Leben getreten war.
„Dann... nehmt das als euer Zeichen. Und der Name ist Morphine.“
Es war das erste Mal in seinem Leben, dass Sei etwas verlangte. Und ebenso war es das erste Mal, dass er ohne Angst etwas von Virus und Trip forderte, die beide nur verblüfft zu ihm sahen. Scheinbar hatten sie ihm nicht zugetraut, dass auch er noch in der Lage war, willentlich zu fordern, oder seinen eigenen, doch noch nicht vollständig gebrochenen, Willen zu offenbaren.
Dennoch, die Idee hatte etwas interessantes.
„Morphine... Das klingt interessant. Was hältst du davon, Trip?“
Lächelnd sah Virus zu seinen Freund, der, als ob er antworten wollte, einen Anstecker mit dem Zeichen aus seiner Tasche zog und ihn sich an die Weste machte. Scheinbar gefiel auch ihm die Idee, immerhin passte sie. Zu allen drein.
„Dann bist du unser Ehrenmitglied, Sei-san.“
Auch wenn Sei keinen Ausdruck von Freude widerspiegelte, freute er sich, denn immerhin hatte er nun das Gefühl, auch zu etwas und jemanden zu gehören. Durch Virus und Trip konnte er die Welt außerhalb der Labore erforschen.
„Ach da fällt mir ein... Wir haben von einem interessanten Rhymer erfahren. Magst du mehr wissen, Sei-san?“
Review schreiben
 
 
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast