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(Su-)Reale Träume

von Blattgold
KurzgeschichteAngst, Sci-Fi / P16 / Gen
13.02.2014
13.02.2014
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13.02.2014 4.825
 
Hi,
erst einmal danke, dass ihr die Story wenigstens angeklickt habt. Die üblichen Floskeln spare ich mir jetzt einfach weitestgehend. die kennen die meisten, wenn nicht alle, sowieso schon. ;)
Also: Natürlich würde ich mich, wie jeder andere Autor, auch über Reviews freuen, allerdings mit mehr Bezug auf eine möglichst konstruktive Kritik.
Der Grund dafür: Dieser OS ist eigentlich meine Ethik-Hausaufgabe und ich würde gerne wissen, was ihr davon haltet.
Zur Hausaufgabe: Wir sollten eine Eutopie (eigene Ansicht einer guten/perfekten Welt) oder eine Dystopie (eigene Ansicht einer furchtbaren/abschreckenden Welt), in meinem Fall habe ich mich für letzteres entschieden, schreiben. Wir sollten uns bestimmte Kriterien heraussuchen, von denen ich mich explizit auf die Erziehung, Forschung und teilweise auf Bildung, Staatswesen und Technik beschränkt.
Achso, ich muss noch sagen, dass dieser OS nicht direkt etwas mit Horror zu tun hat. Lediglich die Vorstellung ist horrormäßig, meiner Meinung nach zumindest.
So, jetzt hoffe ich, dass dieser Text nicht an jedermann vorbeigerutscht ist.
LG Lisa
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(Su-)Reale Träume

Zukunft: etwas, das meistens schon da ist, bevor wir damit rechnen.(Anonym)

„Guten Morgen, Frau Stehle. Ich hoffe doch, der Weg war nicht allzu umständlich?“ Mit einem freundlichen Lächeln sieht mich Frau Stark an. Sie ist nicht die hübscheste Frau mit ihren mittelbraunen, langen Haaren, die sie zu einem strengen Pferdeschwanz gebunden hat, ihren dunkelbraunen, warmen Augen, die immer einen leicht ernüchternden Ausdruck haben, und ihrer schmächtigen, dürren Figur. Ich blicke unberührt und apathisch zurück. Auf den Weg konnte ich nicht achten, zu sehr verstören mich die Bilder in meinem Kopf, die grausamen Szenen und die abscheuliche Situation. Ohne es wirklich kontrollieren zu können, fängt mein Körper an zu zittern. Meine Hände werden eiskalt und so feucht, als hätte ich mir gerade die Hände gewaschen, während ich das Gefühl habe, dass meine Füße zu schweren Betonklötzen werden.
„Ist alles in Ordnung, Frau Stehle? Möchten Sie sich setzen? Bitte.“ Frau Stark ist meine Reaktion nicht entgangen. Sie zeigt auf beigefarbenes Sofa mit den dunkelroten Kissen. Diese Farbe erinnert mich an Blut, welches ich nicht mehr sehen, riechen, schmecken und fühlen kann. Es widert mich zutiefst an. Wie von Sinnen nehme ich einzeln die drei Kissen und werfe sie in irgendeine Richtung, sodass sie aus meinem Blickfeld verschwunden sind. Anschließend setze ich mich entspannt hin und sehe die Psychologin ruhig an. Irgendetwas an ihrem Gesichtsausdruck bringt mich zum Lachen. Sie hat die Augenbrauen leicht besorgt hochgehoben, die Stirn liegt in Falten, ihre Augen haben sich etwas geweitet, was ihre Augenfalten hervorhebt, und ihre Nase ist ein wenig gerümpft. Mein hysterisches Lachen verklingt nur langsam, und als es schließlich ganz verstummt, sehe ich die große Frau, die inzwischen auf ihrem beigefarbenen Ledersessel Platz genommen hat, mit schief gelegtem Kopf an.
„Ob alles in Ordnung ist, weiß ich nicht. Sagen Sie es mir doch? Ich bin keine Psychologin!“ Meine Stimme klingt selbst in meinen Ohren fremd, nicht wie sonst ruhig, besonnen und freundlich. Sie hört sich unecht, quietschend und gehechelt an. Ich sehe, wie Frau Stark etwas auf ihrem Block notiert.
„Darf ich Sie Emma nennen, Frau Stehle?“ Ich verlagere meinen Kopf auf die andere Seite.
„So heiße ich doch gar nicht!“ Ich bin empört. Mich hat es natürlich schon verwundert, als sie mich mit „Frau Stehle“ angesprochen hat, aber gesagt habe ich nichts. Jetzt allerdings kann ich mir nicht länger anhören, dass ich mit Nachnamen Stehle und mit Vornamen anscheinend Emma heißen soll. Emma Stehle – das bin ich nicht!
„Wie heißen Sie denn dann?“, fragt die Psychologin mich ruhig.
„23252.“ Ich erschaudere und fasse mir automatisch an mein linkes Handgelenk. Der weiche Stoff meines dunkelgrünen Pullovers brennt auf meiner Haut, aber nur an einer Stelle, die verunstaltet ist von verbranntem Gewebe. Frau Stark notiert wieder etwas. Ich kann es leider nicht sehen, da sie direkt vor mir sitzt.
„Warum gehen Sie davon aus, dass Sie so heißen?“
„Ich heiße nicht so; ich bin 23252!“, sage ich völlig überzeugt.
„Was bedeutet diese Nummer?“ Diese Fragen nerven mich schon jetzt. Wenn sie etwas wissen möchte, dann soll sie es wie Professor Lartwick machen. Mir einen komischen Helm mit ganz vielen Kabeln an der Außenseite aufsetzen und mein Gehirn nach brauchbaren Informationen durchsuchen. Wie diese Technik funktioniert, weiß ich nicht, man sagte mir nichts.
„Keine Ahnung.“
„Haben Sie eine Vermutung?“
„Nein.“
„In Ordnung können Sie mir nun den Vorfall beziehungsweise die Umstände schildern, die Sie zu mir führen?“ Ich brauche nicht lange überlegen.
„Meine Zuchtaufseherin hat mir diesen Termin besorgt, weil sie meint, dass etwas mit mir nicht stimmt.“
„Wer ist Ihre Zuchtaufseherin? Hat sie einen Namen?“
„Sarah Stehle.“
„Also ist sie Ihre Mutter?“, fragt die Frau prüfend nach. Ich schüttle heftig den Kopf.
„Nein, ich habe keine Mutter, keinen Vater, keine Geschwister, generell keine Familie! Sie hat mich lediglich geschaffen und eingewiesen.“ Ich ignoriere den nachdenklichen Ausdruck, der sich auf das Gesicht von Frau Stark legt.
„Gut, dann erzählen Sie mir bitte, was Sie so ängstigt.“
„Ängstigen kann man das schon nicht mehr nennen! Dieser Abschnitt meines Lebens foltert mich täglich. Es ist so real, so grauenvoll.“
„Was meinen Sie? Könnten Sie das bitte etwas ausführlicher beschreiben?“ Ich sträube mich innerlich, jedoch kann mir Frau Stark mit Sicherheit helfen, das alles zu vergessen.
***

Langsam öffne ich meine Augen. Es ist sehr hell, dort wo ich bin, sodass ich meine Augen wieder zukneife. Ich glaube, ich liege in einer Röhre, weiß es aber nicht genau. Zaghaft versuche ich meine empfindlichen Augen an das gleißende Licht zu gewöhnen und sehe mich um, nachdem ich es geschafft habe. Tatsächlich liege ich in einer Art Röhre, wobei mein Kopf heraushängt. Der Raum ist groß und in Weiß und hellgrau gehalten. Menschen mit Kitteln laufen kreuz und quer durch die Gegend, tragen dicke Akten von A nach B, unterhalten sich angeregt oder sehen sich anatomische Bilder eines Körpers an.
„Sie ist erwacht“, ruft auf einmal eine Frauenstimme durch den Raum. Sofort wenden sich alle zu mir und mustern mich mit unverhohlener Neugier in den Augen. Erst jetzt fällt mir auf, dass sie alle gleich aussehen. Die Männer haben schwarze, kurze Haare, braune Augen und einen eher mediterranen Teint. Die Frauen unterscheiden sich von den Männern lediglich in der Haarlänge. Ich komme mir mit meinen hellblonden, kurzen, struppigen Haaren und den klaren grünen Augen mehr als nur fehl am Platz vor. Eine der Frauen kommt auf mich zu und sieht mich an, als wäre ich eine abscheuliche Mutation. Wenn ich die Menschen hier so betrachte, komme ich mir allerdings auch so vor. Es ist ein niederschmetterndes Gefühl. Viel Selbstvertrauen oder Selbstbewusstsein hatte ich noch nie.
„Mein Name ist Professor Doktor Marianne Felsburg. Komm mit mir. Du erhältst jetzt deine Identität“, sagt die Frau und löst mich von Kabeln an meinem Körper, die mir vorher gar nicht aufgefallen sind. Anschließend folge ich der Schwarzhaarigen durch die Menge Schwarzhaariger und komme mir wieder wie ein Außenseiter vor. Viel Glück in Sachen Beliebtheit hatte ich zwar noch nie, aber so angesehen hat mich wirklich noch keiner. Sie sehen mich alle mit einer Mischung aus Faszination, vielleicht Freude und Ekel an. Komische Mischung für einen Gesichtsausdruck.
Erst jetzt realisiere ich so wirklich, was die Doktorin gesagt hat, und bleibe abrupt stehen. Hinter uns schließt sich eine helle Metalltür, die wir soeben passiert haben.
„Ich habe doch eine Identität. Ich bin Emma Stehle, 23 Jahre alt und wohne in Berlin.“ Schallend fängt Frau Felsburg an, zu lachen.
„So einen Unsinn habe ich ja noch nie gehört. Ein Experiment denkt ernsthaft es hätte einen Namen. Köstlich“, amüsierte sie sich sichtbar. Ich dagegen finde das überhaupt nicht witzig und möchte wissen, was hier bitte los ist.
„Ich bin kein Experiment! Ich bin ein ganz normaler Mensch, wie Sie!“ Ich sehe, dass sich die Doktorin versuchen muss zu beherrschen, um nicht wieder in ein lautes Lachen zu verfallen.
„Ich muss dir widersprechen. Du bist eines und dazu noch ein recht außergewöhnliches.“
„Bitte was?“
„Jetzt ist keine Zeit dafür. Du wirst später eingewiesen. Nun müssen wir erst einmal rasch zu Professor Lartwick.“
„Wer ist das?“
„Du stellst zu viele Fragen!“ Mit diesen Worten endet unser Gespräch. Ich versinke automatisch in Gedanken. Dieser Ort ist bisher recht merkwürdig. Es sieht alles so steril aus, was daran liegen kann, dass ich mich höchstwahrscheinlich in einem Labor oder Krankenhaus aufhalte. Etwas, das ich jedoch immer noch nicht verstanden habe, ist, dass ich als „Experiment“ betitelt werde. Klar, hier sehen alle Frauen und Männer bis auf die Proportionen, die Haarlänge und das Körpergewicht gleich aus – da steche ich schon stark heraus – aber trotzdem ...

Weißes Licht bestrahlt mich von allen Seiten. Ich muss aufgrund seiner Helligkeit die Augen schließen, damit es mich nicht weiter blendet. Frau Felsburg hat mich zu einem bequemen, großen Stuhl geführt, wo ich nun nach ihren Anweisungen nach Platz nehme. Eine andere Wahl habe ich schließlich nicht.
Ein groß gewachsener Mann mit rundem Bauch und hellgrauen Kittel kommt hereingeeilt. Er gibt seinen Assistenten einige Anweisungen, die ich bei seinem schnellen Sprechen nicht mitbekomme. Wenig später wird mir auch schon ein komischer Helm aufgesetzt, aus dem viele Kabel herauskommen. Ich schlucke nervös und versuche mich umzusehen. Der Mann kommt ruhig auf mich zu und bleibt neben mir stehen. Meine Hände werden feucht und eiskalt.
„Schön dich anscheinend wohlauf zu Gesicht zubekommen. Ob es dir auch wirklich gut geht, werden wir gleich herausfinden. Entspanne dich einfach, lehne dich zurück, schließe die Augen und strecke deinen linken Arm aus.“ Freundlich und aufmunternd sieht er mich an. Seine Stimme ist angenehm weich und typisch ärztlich. Ein Gefühl des Vertrauens macht sich in mir breit. Ich leiste seinen Anweisungen sogleich folge und liege ruhig da, auch wenn mein Herz ein wenig rast. Ich höre ein technisches Geräusch, als würde gerade jemand eine Maschine hochfahren, dann habe ich das Gefühl, dass eine Art Laserstrahl meinen Körper rauf und runter fährt, als würde er ihn scannen. Dabei durchströmt ein angenehm warmes Gefühl und ich kann mich wirklich langsam entspannen. Wie lange dieser kuriose Prozess dauert, kann ich nicht sagen, doch ein plötzlicher Schmerz wirkt sich auf mein linkes Handgelenk aus. Einen Schrei kann ich nicht unterdrücken, als ich spüre, wie sich etwas glühend heißes in mein helles Fleisch brennt und meine Haut verunstaltet. Mir steigt ein ekelhafter Geruch in die Nase, der in mir Übelkeit auslöst. Ich winde mich und versuche wegzukommen von dem Schmerz, der meine Sinne fast schon zu benebeln scheint. Ich bemerke nur unterbewusst, dass ich mich nicht bewegen kann. Panik, blanke Panik, erfasst mich und hüllt mein Bewusstsein und meine Gedanken in verschiedene Schreckensszenarien, die mich nur noch mehr ängstigen, ein. Tränen treten mir in die Augen. Ich schicke stumme Gebete an Gott, auch wenn ich nie daran geglaubt habe. Beinahe hätte ich selig gelächelt, als mich die Dunkelheit in Empfängnis nimmt.

Weißes Licht bestrahlt mich von allen Seiten. Zaghaft öffne ich meine Augen und versuche sie an die gleißende Helligkeit zu gewöhnen. Düstere Erinnerungen an schreckliche Qualen tauchen in meinen Gedanken auf, als ich einen stechenden Schmerz in meinem linken Handgelenk spüre. Vor Schreck richte ich mich ruckartig auf und sehe auf die Quelle meiner Pein. Dort, an meinem linken Handgelenk, prangt eine, in meine helle, empfindliche Haut eingebrannte, Nummer. 23252. Meine entstellte Haut ist um diese Zahlen herum verkrustet, gerötet, schwarz und leicht hervorgetreten. Schon allein beim bloßen Anblick muss ich würgen, versuche dies aber zu unterdrücken. Erst jetzt lasse ich meinen Blick durch den Raum schweifen, in dem ich mich befinde. Die Wände und der Boden sind in einem hellen Grauton, die Liege, auf der ich mich befinde in einem dunklen Grau und der kleine Tisch und die zwei Stühle, die an der gegenüberliegenden Wand stehen, in Weiß gehalten. Es sieht trostlos, einsam und klinisch aus. Ob ich wohl in einer Art Krankenhaus sein mag? Vorstellen kann ich es mir nicht, denn hier fehlt das Fenster, welches das warmes Licht der Sonne in den Raum bringen würde. An der Wand links von mir ist ein großer Spiegel angebracht, in dem ich mich betrachten kann. Aus den Krimiserien kenne ich das. Der Spiegel ist aus speziellem Material, dass Außenstehenden ermöglicht in den Raum hineinzusehen und Insassen einen Blick aus dem Raum heraus verweigert.
Die Tür geht auf und eine Frau kommt herein. Ich kann nicht sagen, ob es wieder Professor Felsburg ist, da diese Frau – alle hier – der anderen gleicht. Sie hält ein Diktiergerät an ihre Lippen.
„Experiment 23252 ist soeben erwacht.“ Erst jetzt sehe ich die Akte, die sie in ihren Händen hält.
„Professor Lartwick hat mir deine Werte, Gedanken seit deinem Erwachen und deine Charakterzüge übergeben. Mein Name ist übrigens Sarah Stehle. Ich habe dich erschaffen.“ Ihre Stimme ist warm und glockenhell, so wie ich sie kenne.
„Mama?“ Die Frau, die zwar nicht wie meine Mutter aussieht, aber genauso heißt – das kann kein Zufall sein – sieht mich nur mit einem kritischen Blick an.
„Was zur toten Sonne, ist eine Mama?“, fragt sie etwas aus dem Konzept gebracht. Irgendetwas ist aber anders. Ihre Wortwahl: Was zur toten Sonne? Das habe ich ja noch nie von ihr gehört. Seltsam. Und dass sie nicht weiß, was eine Mutter ist! Sie, als Selbige, müsste es doch eigentlich wissen.
„Ähm ...“, lautet meine sehr geistreiche Antwort. „Eine Mama ist der Mensch, der dich geboren, aufgezogen und ins Leben eingeführt hat.“
„Ach so, sag doch gleich, dass du eine Zuchtaufseherin meinst. Diese gebären zwar keine Kinder, aber erziehen sie und Experimente. Mama, ein lächerliches Wort!“, spottete „meine Mutter“ unberührt. Bitte was? Zuchtaufseherin!? Mir bleibt der Mund ein wenig offen stehen. Wo gibt es denn so etwas? Das kann bloß ein Traum sein. Anders kann ich mir das alles hier nicht erklären.
„Nun, um zurück zu meinem Kommen zu gelangen. Da ich dich erschaffen habe, werde ich dich in unser System einführen und dich lehren, was du wissen musst. Ich bin also deine Zuchtaufseherin!“, erklärt sie mir pathetisch. Mein inneres Gefühl sagt mir, dass ich von hier fort will. Es erscheint mir an diesem Ort gleichzeitig real, als auch surreal. Soweit mir bekannt ist, kann man im Traum doch keine Schmerzen verspüren.
„Komm 23252, wir setzen uns an den Tisch, dann können wir gemeinsam durchgehen, auf was du später im Umgang mit den anderen Experimenten und den Professoren achten musst. Hast du vorher noch irgendwelche Fragen?“ Ein wenig grob zieht sie mich am Arm hoch und zerrt mich nahezu schon zu dem weißen Gestell.
„Äh ja. Zum Ersten, wo bin ich hier? Dann, was mache ich hier? Wieso bezeichnen Sie mich als Experiment und nennen mich 23252? Warum sehen hier alle Männer und Frauen jeweils gleich oder ähnlich aus? Wieso hat man mir diese Schmerzen zugefügt?“, sprudelt es nur aus mir heraus und bei der letzten Frage deute ich auf mein linkes Handgelenk, wo diese grässliche Nummer eingebrannt wurde. Ich kann es mir einfach nicht erklären.
„Aber, aber. Das sind ziemlich viele Fragen, damit habe ich allerdings deiner Akte nach schon gerechnet. Nun, du bist in Deutschland, genauer gesagt in Berlin. Wir schreiben gerade das Jahr 3014. Wie schon gesagt, bist du ein Experiment, das es zu erziehen und untersuchen gibt. Du bist eins und diese Nummer ist deine Identität. Wir stammen alle von einer starken Rasse von Mensch ab, die sich im Aussehen kontinuierlich durchsetzen konnte. Du sollst nicht vergessen, wer du bist beziehungsweise was du bist.“ Frau Stele antwortet nur in knappen Sätzen, also lediglich das Nötigste. Ganz wie meine Mutter, schießt es mir durch den Kopf.
Wirklich beantwortet sind meine verzweifelten Fragen zwar nicht, doch lässt sie mir auch keine Zeit weitere zu stellen.
„Nun, zu aller Erst. Hier bei uns gibt es eine deutlich definierte Rangordnung, an die auch du dich halten musst. Den meisten Respekt zollt man den Staatsoberhäuptern. Es würde zu umständlich werden, wenn ich dir diese alle nennen würde. Falls dir die Ehre gebührt einmal ein hohes Tier zu Gesicht zu bekommen, wirst du es bemerken, sei versichert. Dem Staat unterliegen die sogenannten „Fadenziehern“. Ihnen obliegt es, die Beschlüsse und Aufträge des Staates vom Blatt Papier in die Realität umzusetzen. Dann kommen die Professoren, Beamten und die Behörden. Anschließend die Bürger, zu gleich Arbeiter und ganz zu Letzt die Experimente.“
„Warum stehen sie an letzter Stelle?“, unterbreche ich die Frau unhöflicherweise. Dafür erntete ich von ihr einen warnenden und missbilligenden Blick.
„Weil ihr schwer zu erziehen seid und man euch nur als – wie soll ich das nun ausdrücken – Diener, eigentlich mehr Sklaven für die Drecksarbeit gebrauchen tut.“ Zorn steigt in mir auf.
„Das ist ein Verstoß gegen das Grundgesetz!“, empöre ich mich, während mich diese Frau Stehle unberührt mustert.
„Das ist kein Verstoß. Das ist das Gesetz! Genau aus diesem Grund muss man euch Experimente abrichten. Ihr scheint alle einen Hang zum Temperament und unverhohlener Neugier zu haben.“ Auch ihre Stimme hat inzwischen an Lautstärke gewonnen, doch besinnt sie sich augenscheinlich wieder eines Besseren und kehrt zu ihrer anfänglichen Ruhe und Gelassenheit zurück. Als ich wieder zu einem Protest ansetzen will, hebt sie die Hand, zum Zeichen, das ich nicht erst anfangen soll zu sprechen. Ich bin verunsichert. Ihr Blick sagt mir, dass ich still sein soll, dennoch brennt mir etwas auf der Zunge. Trotzdem beschließe ich keinen Laut von mir zu geben. Erst einmal abwarten, was weiter geschieht.
„Das könnte doch einfacher werden, als ich denke“, murmelt sie mehr zu sich selbst, als zu mir.
„Gut, machen wir weiter. Die Anrede höher gestellter Personen kennst du ja anscheinend schon. Das ist äußerst erfreulich. Dein Intelligenzquotient ist recht durchschnittlich und du kannst sowohl Lesen als auch Schreiben. Bemerkenswert ...für jemanden wie dich.“ Ich komme mir seltsam vor. Mir wird hier schließlich gerade erklärt, dass ich hier minderwertig, aber für diese Verhältnisse schon wieder besser wie Andere bin. Es ist ein niederschmetterndes Gefühl.

Frau Stehle, die absurderweise wie meine Mutter heißt, ist ein Monster. So würde meine Mama niemals zu mir sein, egal was ich ausgefressen habe. Mein Magen knurrt unaufhörlich, mein Mund ist staubtrocken, mein gesamter Körper schmerzt und ich habe das Gefühl, dass das Blut nicht aufhört, aus meiner Nase zu laufen. Eine Frage, die sich mir seitdem es angefangen hat stelle ist: Warum wache ich nicht auf? Es erscheint mir inzwischen mehr als nur suspekt.
Dieser grobschlächtige Name „Zuchtaufseherin“ ergibt nun auch völlig Sinn. Dass was gelernt werden soll, muss gelernt werden. Tut man es nicht, so wird man durch Bambusstock, enger Dunkelkammer oder Hungern dazu genötigt beziehungsweise gezüchtigt, es zu lernen. Gelerntes, was es zu verlernen gibt, wird ebenfalls gewaltsam durchgeführt. Zuchtaufseherin Stehle nennt es Erziehung, ich sage, dass dies Folter ist.
Die drei Tage, die ich bisher hier bin, kommen mir wie etliche Wochen vor. Man hat mich in eine Gruppe mit Mädchen, Teenagern und jungen Erwachsenen jeglichen Alters unter 25 gesteckt. Die Jüngste dürfte, glaube ich, erst sieben Jahre alt sein, während die Älteste 24 Sommer zählt. Die Zuchtanstalt, in der ich mich befinde, ist ausschließlich für Experimente gedacht. Es gibt natürlich auch noch eine für die „normalen“ Kinder, aber diese werden schon im Kindesalter streng erzogen. Es ist schon bizarr, dass sich die Erziehung der niedrigsten Klasse nicht von der unter anderem höchsten Klasse unterscheidet. So meinte zumindest Sarah Stehle.
Die Zuchtaufseherinnen nehmen hier die Rolle der Erzieherin ein, wenn auch auf ihre eigene, mehr brutale als pädagogische Art. Sie unterrichten Jung und „Alt“ jeweils in den Tätigkeitsfeldern, in die wir eingeteilt wurden. Diese können und dürfen wir uns nicht selbst aussuchen. Man bestimmt für uns, was am Besten passt und wo dringend jemand gebraucht wird. Es ist praktisch wie eine Berufsausbildung und -erziehung auf suspekte Art und Weise zu betrachten. Ich werde zur Arztassistentin ausgebildet.
Frau Sarah Stehle bringt mir bei, welches Verhalten angemessen, gestattet und gar nicht gern gesehen wird. Dabei komme ich mir wie eine Puppe vor, die hin und her geschoben wird, wie es Anderen, aber mir selbst nicht, passt.
Jedes Experiment hat seine persönliche Zuchtaufseherin, wobei manche dieser „Ausbilderinnen“ auch mal zwei Experimente als „Lehrlinge“ haben.

Inzwischen bin ich davon überzeugt, dass es ein Zufall ist, dass meine Mutter denselben Namen trägt wie diese abartige Frau. So kann doch kein Mensch sein! Ohne auch nur irgendeine Spur von Mitgefühl oder Zaghaftigkeit bestraft sie uns für Ungehorsam und kleine Widerspenstigkeiten erbarmungslos. Des Weiteren zieht sie ihren „Unterricht“ eisern durch. Wer etwas nicht auf Anhieb versteht oder lernt, muss es innerhalb des nächsten Tages tun, sonst wartet ebenfalls eine Strafe. Es ist hart und mehr. Den Grund für diese Strenge kenne ich nicht, aber er interessiert mich, schließlich bin ich in diesem Albtraum gefangen.
Unser aller Tagesablauf ist strukturiert und geordnet. Wir stehen morgens um sechs Uhr auf, lernen theoretisch und praktisch, essen zwischendurch und gehen abends erst gegen 22:30 Uhr schlafen. Es ist für mich noch recht anstrengend. Jedoch versichern mir die anderen stets, dass man sich daran gewöhnt. Mir bleibt nichts anderes übrig, als Hoffnung in ihre Worte zu legen.
***

„Sie meinen also, dass sie drei Tage dort, in dieser … absurden Welt verbracht haben?“, hakt Frau Stark nach, während sie über das von mir Gesagte wohl nachdenkt.
„Ja, allerdings bin ich, als ich in der vierten Nacht eingeschlafen war, wieder hier in der Welt aufgewacht, die nur von Sonne durchflutet scheint. Anfangs war ich total verwundert, doch stieg in mir Erleichterung auf, als ich bemerkte, dass alles nur ein schlechter Traum war. Natürlich sah ich erst einmal auf den Kalender, der mir zeigte, dass es der 17.04.2013 war. Am Vortrag schlief ich mit diesem Traum ein.“
„Ich verstehe. Wurden Sie in Ihren Träumen jemals körperlich misshandelt oder haben sie durch die anderen Mädchen davon erfahren?“
„15632-F hat mich kurz vor dem Unterricht am ersten Tag gewarnt, aber ich habe es nicht ganz verstanden und habe es dementsprechend zu spüren bekommen. Zuchtaufseherin Stehle hat mich auch nicht informiert gehabt.“ Meine Stimme klingt irgendwie tot. So ausgestorben, ausgelebt oder auch einfach nur apathisch. Eigentlich genauso, wie ich mich auch fühle.
„Können Sie mir sagen, wie sich diese Nummern oder Identitäten, wenn Sie es so nennen möchten, zusammensetzen?“ Ich sehe der Psychologin an, dass sie sich nicht so wohlfühlt, wie sie es gerne hätte.  
„Die erste Zahl steht für das Alter. In meinem Fall 23. Die darauf folgende betrifft die Augenfarbe. Da ich ein dunkles, starkes grün habe, ist es bei mir die 2. Die Professoren haben eine Palette für verschiedene Augen-und Haarfarben in ihrem Labor, wo sie die Gene der Experimente festlegen. Jedenfalls setzen sich die dritte Zahl aus der Haarfarbe und die letzte aus dem Geschlecht zusammen. Für die Männer die 1 und für die Frauen die 2. So kommen bei mir noch die 5 und die 2 zustande“, erkläre ich ohne direkte Umschweife.
„Sie haben erzählt, dass Sie gerne den Grund herausfinden wollten, warum man Sie und die anderen Mädchen so streng und grob behandelt. Haben Sie es denn bereits herausfinden können?“ Ich überlege kurz und nicke.
„Ja, ich hatte ein paar wenige Tage später wieder eine Sitzung mit Professor Lartwick, der sich meinem, den Umständen entsprechend, gutem Zustand versichern musste. Auf dem Rückweg zu den Räumen der weiblichen Experimente habe sie dann gefragt.“
***

„Verzeihen Sie mir bitte, wenn ich jetzt so frage, aber wieso werden wir Experimente so streng erzogen?“ Ich fange ihren kurzen argwöhnischen Blick ein, doch erklärt sie sich dennoch bereit, es mir zu erläutern.
„Wir möchten eine weitere Rebellion der Kinder, Jugendlichen und jungen Erwachsenen in unserer zivilisierten und strukturierten Gesellschaft vermeiden. Dazu musst du wissen, dass es 2047 eine gab. Die jungen Menschen schlossen sich zusammen und haben mit ihren gewalttätigen Demonstrationen nahezu alles überrannt, da es für alle Betroffenen, hauptsächlich die Regierung und die höherrangige Bevölkerung, ziemlich unerwartet kam. Die Polizei war so gut wie machtlos gegen die Kinder und die Regierung gegen die unnachgiebige Argumentation der älteren Demonstranten. Wie sie es geschafft haben, die Führung unseres Landes zu übernehmen, kann man bis heute nicht richtig sagen. Aber anscheinend war das alles besser geplant, als man denken könnte. Jedenfalls war die „Herrschaft der Kinder“ recht aggressiv, da man eine Menge schädlicher Suchtmittel legalisierte, als die falschen Menschen regierten. Im Jahre 2069 haben unsere Großmütter und Großvater sowie Eltern, dann endlich wieder alles unter Kontrolle bekommen, als sie die Kinderherrschaft beendeten, indem sie die gleichen Methoden anwendeten, wie die Kinder zuvor. So hat man sie mit ihren eigenen Waffen geschlagen und sich geschworen, dass so etwas nie wieder geschehen darf. Es wurden völlig neue Gesetze zum Erziehungs- und Bildungswesen durchgesetzt und, wie du spürst, auch ausgeführt.“ Frau Stehle scheint von diesem Thema stundenlang schlecht reden zu können. Solch eine Verachtung liegt in ihrer Stimme. Eine Menge habe ich schon zugetraut, aber oft übertrifft sie alles.
Der Rest des Weges verläuft schweigend. So bringt sie mich in meine Kammer und lässt mich schlafen. Schließlich ist es schon spät. Jedoch bin ich befriedigt, da ich das herausfinden konnte, was mich seit geraumer Zeit interessiert.
***

„In Ordnung. Wie oft haben Sie diese Träume?“, fragt die durchschnittlich hübsche Frau und sieht von ihren Notizen auf.
„Jede Nacht bin ich für drei bis vier Tage dort“, antworte ich eisig.
„Haben Sie bisher lediglich diese Erziehung ertragen müssen oder gab es einmal Unregelmäßigkeiten Ihrem straffen Zeitplan dort?“
„Ja, ich habe meine Ausbildung seit 96 Tagen beendet. Nun arbeite ich bereits als Assistentin für Doktor Düne.“
„Leben Sie bei ihm?“ Ich nicke.
„Wie ist es dort? Werden Sie dort besser behandelt?“
„Die Stimmung dort ist angenehmer und ich habe etwas mehr Freiraum, dennoch werde ich mit denselben Methoden bestraft, wenn ich Fehler mache.“
„Arbeiten Sie viel mit ihm zusammen?“
„Ja, jeden Tag zeigt er mir noch mehr Dinge. Allen voran jedoch lässt er mich Bluttransfusionen, Bluttests und Blutabnahmen machen. Ich kann kein Blut mehr sehen, muss es aber trotzdem ertragen.“
„Sind Sie denn in diesen Aufgaben auch genau ausgebildet worden?“
„Ja, allerdings nur grundlegend und auf bestimmte Bereiche beschränkt. Ich kenne mich rund um das Blut aus, aber bei Gelenken oder Sehnen bin ich beispielsweise nicht sonderlich gut informiert.“
„Haben Sie jemals andere Menschen auf Straßen zum Beispiel gesehen oder mit ihnen Kontakt gehabt?“ Es nervt mich etwas, dass die Psychologin so sprunghaft mit ihren Fragen ist, doch lasse ich es einfach über mich ergehen. Wenn es hilft ...
„Indirekt.“
***

Irgendwie kann ich mich freuen. Endlich sehe ich, wie die Welt außerhalb dieses Labors aussieht, indem ich lebe und lerne. Zuchtaufseherin Stehle begleitet mich zu meinem Herr und Arbeitgeber. Gestern sagte sie zu mir, dass ich nun gut genug abgerichtet worden war, um arbeiten gehen zu dürfen. Um zu seiner eher kleinen Praxis zu gelangen, müssen wir eine Hauptstraße und eine kleine Seitengasse über- und durchqueren. Ich kann es kaum erwarten zu sehen, wie das Berlin 3014 wohl aussehen mag. Soeben passieren wir die große metallene Eingangstür und treten nach draußen. Das Erste, was mir auffällt, ist diese seltsame Art der Dunkelheit. Eine Sonne gibt es nicht, zumindest sieht es nicht so aus, dabei haben wir es circa 13:40 Uhr. Sie ist wie ausgestorben. Dafür sehe ich eine andere Lichtquelle. Ein Mond scheint mit leicht grünlich-grauem Strahl auf die Erde hinab und taucht alles in dieses zwielichtige Licht. Wenn ich dazu noch die hohen, symmetrischen und dunkelgrauen Gebäude vor meinen Augen sehe, erschaudere ich automatisch. Alles wirkt hier sehr bedrohlich und keineswegs, wie eine glückliche und herausragende Zukunft. Ich habe bisher eigentlich immer dieses typische Bild im Kopf. Fliegende Autos, komische bunte, geometrische Kleidung, individuelle Persönlichkeiten, große Hochhäuser aus Metall und Glas und natürlich modernste Technik – obwohl diese faktisch recht modern ist.
***

„Wissen Sie, was eine posttraumatische Belastungsstörung ist?“, fragt Frau Stark ruhig.
„Nein.“ Ich habe doch gesagt, dass ich mich nur mit Blut wirklich auskenne.
„Eine posttraumatische Belastungsstörung, kurz PTBS, entsteht durch ein stark traumatisierendes Erlebnis. Dabei werden die Betroffenen von Ängsten und Erinnerungen begleitet und verfolgt. Es kann sogar so weit kommen, dass körperliche Schmerzen hervorgerufen werden“, erklärt sie für mich verständlich.
„Was hat das nun mit mir zu tun?“
„Ich gehe stark der Annahme, dass Sie darunter leiden. Sie weisen einen Großteil der Symptome deutlich auf.“
„Kann man das behandeln?“
„Ja, allerdings müsste ich Sie dafür klinisch einweisen lassen, damit wir ein optimales und sicheres Umfeld für sie schaffen können. Sie haben die Wahl?“ Wie wild springe ich auf und sehe die Braunhaarige vor mir mit geschocktem Gesichtsausdruck an.
„NEIN! Ich werde das nicht tun! Nicht noch einmal werde ich das durchleben“, schreie ich mit einer Mischung aus purer Verzweiflung, panischer Angst und leiser Wut.
„Bitte beruhigen Sie sich. Ihnen wird kein Leid getan werden. Das verspreche ich“, versucht Frau Stark mich erfolglos zu bremsen.
Ich reiße meinen linken Ärmel nach oben und zeige ihr meine entstellte Handfläche. Die Zahlen 2,3,2,5 und 2 sind dicht beieinander eingebrannt. Die Haut herum ist vorgetreten, verkrustet, stark gerötet und teilweise schwarz.
„Hier sehen Sie!“ Ich halte ihr mein linkes Handgelenk direkt vor die Augen und sehe, wie sich diese bei ihr weiten.
„So etwas werde ich sicherlich nicht noch einmal mit mir machen lassen. Ein zweites Mal falle ich nicht darauf herein!“ Ich habe das Gefühl, das sie nicht mehr atmet und ihr Herz stillsteht. Fragt sich nur wie lange noch …
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