Ian's Chamäleon

von BigEyes
GeschichteRomanze, Fantasy / P18 Slash
13.02.2014
13.02.2014
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Raven hat meinen Vater getötet! Das ist der einzige Gedanke, zu dem ich noch fähig bin. Wie konnte er das nur tun? Ich hasse ihn. David war mir immer ein guter Vater, können diese Anschuldigungen überhaupt stimmen oder versucht Raven seine Tat nur zu rechtfertigen? Dieser Idiot! Ich muss hier weg, ganz weit weg und den Kopf frei bekommen. Am besten ich gehe nach Hause. Mein eigenes kleines Zuhause auf der anderen Seite des Loch Morar. Die kleine Hütte hat mir mein Vater zum 12. Geburtstag geschenkt. Dort habe ich mit ihm viele schöne Wochenenden verbracht. Mein Zufluchtsort.

Schon auf dem Weg dort hin kann ich abschalten und runterfahren. Die friedlichen Geräusche der Natur beruhigen mich. Ich liebe das Zwitschern der Vögel, das Rascheln von Laub im Wind - es fühlt sich an, als heiße mich dieses Fleckchen Erde willkommen. Etwas Nervennahrung kann jedoch nicht schaden, ich werde in der Hütte nachsehen, ob ich was Süßes finde, das mich glücklich macht.

Die letzten Meter lege ich rennend zurück, zu groß ist die Sehnsucht nach diesem vertrauten Ort, der voller schöner Erinnerungen steckt. Doch vor der Tür halte ich inne. Soll ich da jetzt wirklich rein? Plötzlich kommen mir Zweifel. Was ist, wenn der Vater, den ich kennen und lieben gelernt habe, doch nicht so ein guter Mensch war? Und was ist mit meinen Brüdern? Ich habe immer zu ihnen aufgeschaut, sie bewundert und war manchmal auch ein wenig neidisch. Was bin ich schon im Gegensatz zu ihnen? Ich habe keine berauschenden Giftzähne, keine faszinierende Schlangenhaut. Ich bin einfach nur ich. Der kleine Ian, dem keiner was zutraut.

Zögernd greife ich zur Türklinke, doch eine innere Stimme hält mich davon ab, einzutreten. Ich setze mich auf den Boden vor meiner Hütte, lehne den Rücken gegen die Tür und schließe für einen Moment meine Augen. Wut kämpft gegen Trauer. Hass gegen Liebe. Wem soll ich nur glauben? Warum sollte Samuel lügen? Erste leise Zweifel regen sich. Kann mein Vater wirklich so ein Monster gewesen sein, ohne, dass ich es bemerkt habe? Mein Kopf schlägt immer wieder gegen die Tür. Ich atme ein Mal tief durch - zwei Mal, drei Mal - und rufe mich selbst zur Ordnung.

Mit einem gemischten Gefühl stehe ich auf. Strecke meinen schmerzenden Rücken durch und schaue mich in Ruhe um. Dies ist der Ort meiner Zuflucht, der Ort des Friedens, den ich mir von niemandem kaputtmachen lasse. Diese Hütte ist mein Reich, egal, was die anderen getan haben. Entschlossen betrete ich den dunklen Raum, nur wenig Licht fällt durch die halb verschlossenen Vorhänge. Unheimlich und doch so beruhigend einsam. Mein erster Weg führt mich zu dem Bilderrahmen über dem Sofa. Von dem Familienfoto schauen mir all die anderen entgegen. Was sagen mir diese Augen?

Sie sind ausdruckslos. Alle. Bis auf meine. Ich bin der Einzige, der wirklich fröhlich ist. Das Foto wurde an meinem 16. Geburtstag aufgenommen. Es war ein schöner Tag. Wir haben am Strand gegrillt. Und doch wirken die anderen irgendwie verbissen. Wieso ist mir das alles nie aufgefallen? Loderte wirklich soviel Hass zwischen den Dreien? Soviel, dass Raven meinen Vater getötet hat? Wieso haben die beiden nicht mit mir gesprochen? Verdammt nochmal. Ich bin doch kein Kleinkind mehr. Wut kocht hoch. Heiß und verzehrend.

Ist es möglich, dass mein Vater Samuel missbraucht hat? Oder suchen die beiden nur eine Ausrede, um zu rechtfertigen, was Raven getan hat? Wieso haben sie mich nie vor David gewarnt, wenn er so gefährlich ist? Wollten sie mich bewusst der Gefahr aussetzen, dass er sich auch an mir vergreift? Nein, das kann alles nicht sein. David war immer gut zu mir, hat mir nie weh getan, war immer für mich da. All die schönen Tage, die wir hier verbracht haben. Ich kann das nicht glauben, ich will das alles nicht glauben. Das ist doch alles nur ausgedacht. Samuel und Raven sind einfach nur eifersüchtig, dass ich so einen liebevollen Vater habe und sie nicht! Ihr Vater war ein Monster, nicht meiner. Tränen lösen sich aus meinen Augen, ohne, dass ich es noch aufhalten kann.

Ehe ich mich versehe, zerschellt das Familienfoto an der Wand. Ebenso zerstört wie meine Familie, meine Erinnerungen, meine Gefühle. Das Sofa wird zum rettenden Ufer. Es vergehen gefühlte Stunden. Die Gedanken rasen. Ich wälze mich von einer Seite auf die andere. Nichts hilft. Als ich das vollgeheulte Kissen drehe, steigt mir ein angenehmer Duft in die Nase. Würzig. Ich greife darunter und halte die Quelle des Duftes in der Hand. Ein T-Shirt.

Ich drehe und wende das Stückchen Stoff, doch es kommt mir nicht bekannt vor. Wie kann dieses Shirt unter mein Sofakissen gelangen? In mein Reich. Ist jemand hier gewesen? Noch einmal versenke ich meine Nase, kann gar nicht genug bekommen von diesem berauschenden Duft. Ein Rascheln reißt mich von dem duftenden Shirt los. Ist da jemand? Panik steigt in mir auf. Noch ganz benebelt von diesem fremden Geruch, kann ich diese feinen Geräusche gar nicht richtig einordnen. Ich schleiche zum Fenster. Lausche. Äste knacken. War da ein Stöhnen? Ist das denn möglich? In dieser verlassenen Ecke kann doch niemand sein. Mein Blick schweift durch den Raum. Was soll ich nur tun? Meine Augen bleiben an dem Wandschrank hängen. Früher habe ich mich gern darin versteckt, ob ich heute noch reinpasse? Einen Versuch ist es wert. Wer weiß, wer da auf dem Weg ist.

Es ist wirklich um einiges enger als vor ein paar Jahren, aber es funktioniert. Die Tür des Wandschrankes lasse ich einen kleinen Spalt offen, um zu sehen, wer oder was da auf mich zukommt. Kurze Zeit fühle ich mich irgendwie geborgen, zwischen den ganzen Jacken, die nach meinem Vater riechen. Nach Zuhause und Geborgenheit. Doch als sich die Tür knarrend öffnet, schießt mein Puls in ungeahnte Höhen. Ich rutsche weiter, bis ich gegen die Rückwand stoße und sehe mich panisch um. Hier drin gibt es nichts, was man als Waffe benutzen könnte. Durch den winzigen Spalt sehe ich lange Beine in Jeans am Schrank vorbei laufen und kurz darauf höre ich ein lautes Poltern.

Ein leiser Fluch folgt dem Krach. Was ist da los? Schnell versuche ich, mir die Anordnung der Möbel ins Gedächtnis zu rufen. Gibt es etwas, das man umstoßen könnte? Die Hütte ist spärlich eingerichtet, ohne Fallen oder Überraschungen. Der Eindringling muss etwas mitgebracht haben. Meine Gedanken rasen. Hat jetzt mein letztes Stündlein geschlagen? Die Geräusche sind leiser geworden. Ein Scharren. Ein Schleifen von einem schweren Gegenstand. Ein Jäger?! Hat der Fremde seine Beute mit hierher geschleppt und erlegt mich als Nächstes? Denk nach Ian, denk nach. Doch all die Beschwörungen bringen nichts. Ich habe furchtbare Angst. Mein Herz ist kurz davor aus meiner Brust zu springen, meine Hände zittern.

Was würden jetzt wohl Samuel und Raven tun? Vermutlich dem Fremden gegenübertreten, aber das kann ich nicht. Ich bin nicht so mutig. Ich warte einfach, bis er wieder weg ist. Doch plötzlich verstummen alle Geräusche. Ich atme erleichtert auf. Leise Schritte. Oh verdammt! Direkt vor der Schranktür ist deutlich ein verdächtiges Klicken zu hören. Der Typ hat eine Waffe. Er weiß, dass ich da bin. Kann er mich schon sehen? Ich war so dumm. Natürlich weiß er, dass jemand da ist. Das Bild. Ich habe das Bild zerstört. Das Sofa verwüstet. Wie konnte ich da glauben, ich bin hier sicher. Meine feuchten Hände suchen vergeblich nach Halt. Vielleicht ist er ja auch ein ganz Netter. Jeder Versuch mich zu beruhigen, scheitert gnadenlos. Die Tür öffnet sich Stück für Stück. Mein Herz bleibt stehen.