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Rivalen (Bergelfen V)

von SilviaK
Kurzbeschreibung
GeschichteAbenteuer, Fantasy / P12 / Gen
12.02.2014
15.03.2014
9
31.202
1
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12.02.2014 1.442
 
Zeit: lange, wirklich sehr lange nach "Die Lawine"

‘Na warte!’, dachte Kasai und schüttelte sich den Schnee aus den Haaren. Hinter sich hörte er Neugrüns Lachen, fuhr herum und sah, wie sie ihre Hände erneut in den langsam vor sich hintauenden Schnee grub.
”Das zahl ich dir heim!”, schwor er mit einem breiten Grinsen und duckte sich vor ihrem nächsten Geschoß hinter einen Felsen, der aus dem Schneefeld aufragte. Schnell preßte er zwei Handvoll Schnee zusammen und wollte sich gerade wieder aufrichten, als sein Blick auf etwas Seltsames fiel.
Etwas Silbriges, das aus dünnen Fäden zu bestehen schien, war dort zum Vorschein gekommen, wo er den Schnee zusammengeschoben hatte. Der Flecken war so groß wie eine ausgestreckte Hand. Kasai kannte keinen Stoff, der so aussah, und kein Tierfell, das ihm glich.
„Verstecken gilt nicht!“ Neugrün lehnte sich über den Felsen und blickte herausfordernd zu ihm hinunter. ”Gibst du auf? Bist du schon müde?”
”Komm lieber her und schau dir das an!”, sagte Kasai statt einer Antwort und deutete auf das unbekannte Geflecht. Neugrün hockte sich neben ihn und betrachtete es.
”Was ist das?”
”Keine Ahnung.” Kasai bohrte die Finger in den körnigen Schnee, um den eigenartigen Fetzen auszugraben. Aber das Geflecht war größer als er vermutete. Nachdem er drei Handbreit davon freigelegt hatte und noch immer kein Ende in Sicht war, hielt er kopfschüttelnd inne.
”Wollt ihr euch jetzt auch noch gegenseitig eingraben?”, fragte eine heitere Stimme in ihrem Rücken.
”Gar keine schlechte Idee”, ging Kasai verschmitzt auf Rabe ein, der sich grinsend den Schnee von seiner Fellmütze klopfte. Neugrün knuffte Kasai drohend in die Seite und wies mit dem Finger auf ihren Fund.
”Weißt du, was das für ein Zeug ist?”
Kasai und Neugrün sahen erwartungsvoll zu ihrem Begleiter auf. Dieser war um so vieles älter als sie - sicherlich würde er eine Antwort wissen.
Rabe blickte auf das silberne Geflecht. Im ersten Moment wollte er den Kopf schütteln. Doch dann runzelte er die Stirn und streckte eine Hand aus, um die Fasern zu berühren. Seine Finger zitterten. Langsam wich das Blut aus seinem sonnengebräunten Gesicht, das jetzt fast grau aussah.
”Was ... was ist denn?”, fragte Neugrün verunsichert.
Rabe schluckte. Nein, das konnte nicht sein. Das war unmöglich! Nach all dieser Zeit!
”Wir müssen es ausgraben! Aber seid ja vorsichtig!”
Noch während seiner heiseren Worte hatte er seinen Dolch gezogen und begann, mit vorsichtigen Stichen den vereisten Schnee um den Stoff herum zu lockern. Kasai und Neugrün wechselten einen fragenden Blick, taten aber, was der ältere Elf gefordert hatte. Sein verbissenes Gesicht hielt sie von neugierigen Fragen ab.
Größer und größer wurde die silberfädrige Fläche, die unter dem Schnee zum Vorschein kam. Die Arbeit war mühselig. Hier im Schatten des Felsens war der tiefere Schnee zu Eis geworden, immer wieder angetaut und neu gefroren im Wechsel der Jahreszeiten. Grün und schneefrei war es auf diesen Hängen nie.
Endlich hatten sie die Oberfläche des Geflechtes freigelegt, das schief im Eisschnee festgesteckt hatte. Rabe holte tief Atem. Das Herz schlug ihm bis zum Hals.
”Ein Bewahrerkokon”, flüsterte er. Jetzt war er sich sicher.
”Was?”, fragte Kasai verblüfft. Neugrün beantwortete seinen fragenden Blick mit einem Schulterzucken. Aber Rabe war nicht bereit für weitere Erklärungen. Tastend fuhr er über das Webzeug, setzte die Spitze des Dolches an und begann, einige Fäden zu durchtrennen. Diesmal gelang es ihm, seine Hand zur Ruhe zu zwingen.
‘Ihr Hohen! Bitte, laßt es wahr sein!’, dachte er, aufgewühlt bis ins Mark.
Ein kleiner Spalt öffnete sich in dem Material, das fest und starr war, nicht so weich, wie er es in Erinnerung hatte. Aber diese Erinnerung lag so lange zurück, daß er sich auch täuschen konnte. Behutsam vergrößerte Rabe den Spalt, fügte Schnitte an den Seiten hinzu und zog das Silberzeug ab wie das Fell eines erlegten Tieres.
”Kasai! Sieh nur!”
Mit geweiteten Augen betrachteten die beiden, was Rabe da ans Tageslicht holte. In dem Kokon, wie der Ältere es genannt hatte, befanden sich zwei Gestalten, Elfen wie sie. Eng umschlungen lagen sie da, jeder den Kopf im Haar des anderen verborgen, reglos, sie schienen zu schlafen. Der Elf mit dem braunen, welligen Haar, der die etwas kleinere Elfe festhielt, mußte sogar Eisgänger überragen, den besten Jäger ihres Stammes. Beide trugen Winterponchos, lederne Hosen und feste Stiefel.
Der Dolch glitt Rabe aus der Hand, als er die Schlafenden erkannte. Ein Lächeln, immer noch ungläubig, erschien auf seinem Gesicht. Endlich überwand er sich zu einer Berührung. Vorsichtig schob er das weißblonde, glatte Haar der Elfe zurück, sah eine verschorfte Platzwunde an ihrer Stirn, aber ihre Haut fühlte sich warm und lebendig an, ebenso wie die ihres Gefährten.
*So wacht doch auf!* sendete er flehend.

Felsenspringer erwachte. Frische Luft strömte in seine Lungen, er blinzelte und versuchte sich zu erinnern, was geschehen war und wo er sich befand. Eiskalt, eng und stickig - eine dunkle Höhle im Schnee. Ein Gefängnis ohne Entkommen. Und eine verzweifelte Hoffnung - die sich erfüllt hatte. Wie ein Blitz durchfuhr Felsenspringer mit dem Senden, das er vernahm, diese Erkenntnis. Das Blut rauschte ihm in den Ohren. Noch ganz benommen spürte er, daß auch Windfeder sich in seinen Armen zu regen begann. Er lockerte seinen beschützenden Griff, drehte den Kopf und öffnete die Augen.
Drei Gesichter hingen über ihm. Eines davon, herzförmig und lebhaft, gehörte einer Elfe mit goldbraunem Haar, das ihr in Locken über die Schultern fiel. Ihre graugrünen Augen waren vor Überraschung geweitet. Schimmernde Ringe schmückten ihre Ohren und um ihren Hals lag ein Lederband mit einem klaren Kristall, dem Stammeszeichen der Bergelfen, genau wie er auch eines unter dem Poncho trug.
Aber er kannte sie nicht. Auch nicht den kräftigen Elf mit dem runden Gesicht, der neben ihr hockte. Die einzelnen Strähnen seines schulterlangen, dunkelbraunes Haares schienen verfilzt und noch einmal in sich gedreht zu sein. Er war ganz in schwarzes Leder gekleidet. Wie seine Nachbarin trug er eine offene Felljacke, aus deren Halsausschnitt eine Kette mit einem mondlichtfarben schimmernden Schmuck hervorlugte.
Felsenspringers Augen wanderten weiter zu dem dritten Gesicht. ”Zwei Raben?” Seine Stimme schwankte vor Erleichterung, als er seinen Freund erkannte. ”Den Hohen sei Dank! Ihr habt uns gefunden!”
Doch dann verstummte er verwirrt. Es war Zwei Raben, eindeutig. Aber sein schwarzes Haar, das er doch eigentlich kurz trug, reichte ihm bis über die Schultern, und sein Gesicht war ... älter ...? Man sah es seinen Zügen kaum an, aber in den Augen, die Felsenspringer voller ungläubiger Überraschung anblickten, da lag etwas, das er nur aus denen der Stammesältesten kannte, die viele hundert Sommer gesehen hatten.
Aber Zwei Raben war doch nur fünfzig Sommer älter als er!
Wie viel Zeit hatten er und Windfeder denn nur in Flitzers Kokon verbracht?
”Ihr seid es wirklich”, flüsterte Rabe, während er auf die Knie ging und Felsenspringer bei den Schultern faßte. Er schien es immer noch nicht glauben zu können, obwohl er sie vor sich sah. Er las aber auch die Verwirrung in Felsenspringers Augen. Lächelnd antwortete er auf die unausgesprochene Frage: ”Ja, und ich bin es auch - obwohl ich mich wohl ein bißchen verändert habe und diesen Namen schon lange nicht mehr trage.”
Der Elf in Schwarz schaute noch verblüffter drein als vorher. ”Ihr kennt euch? Nun sag schon, Rabe, wer sind die zwei?!”
”Felsenspringer und Windfeder. Elfen aus unserem Stamm.”
Felsenspringer wandte den Blick von den drei Elfen ab und versuchte, sich in der engen Hülle zu bewegen, um seine Partnerin ansehen zu können. Sie hatte die Augen noch geschlossen. Er fühlte, wie ihre schmalen Hände sich in einem plötzlichen Schreck in sein Haar gruben.
Mit dem ersten Atemzug war auch ihre Angst wieder da. Eisstaub, wirbelnde Schneebrocken. Eine unbändige Kraft, die ihre Hand aus der von Felsenspringer zerrte, als es die beiden Elfen von den Füßen riß. Schmerz an der Schläfe. Überall Schnee, der das Atmen zu ersticken drohte! Windfeders Hände packten, was gerade unter ihren Fingern lag, krallten sich darin fest.
**Finn? Ganz ruhig. Wir sind gerettet. Sie haben uns gefunden!**
Das sanfte Senden ihres Lebensgefährten weckte Windfeder aus der alptraumhaften Erinnerung. Der Griff ihrer Hände löste sich, langsam beruhigte sich ihr rasender Herzschlag. Jetzt fühlte sie auch die kühle Luft auf den Wangen, die nicht aus der Schneekammer stammen konnte, in der sie eingeschlossen gewesen waren.
Windfeder öffnete die Lider und blickte in Felsenspringers braune Augen, in denen seine Erleichterung deutlich zu lesen stand. Es war nicht mehr dunkel um sie, Licht fiel in den geöffneten Kokon. Felsenspringer stützte Windfeder, als sie versuchte, sich aufzurichten.
”Wir sind wirklich gerettet”, flüsterte Windfeder. Felsenspringer zog sie in die Arme. Windfeder schluchzte auf, und auch ihrem Gefährten standen Tränen in den Augen. Beide spürten, wie die Angst und Beklemmung ihrer Gefangenschaft im Schnee langsam aus ihnen herausrann.
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