Schatten der Vergangenheit

von lara07
GeschichteAllgemein / P12
11.02.2014
11.02.2014
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„Kannst du mich noch nach Hause fahren?“, fragte Doyle seinen Partner Bodie, als sie mal wieder sehr spät am Abend das Hauptquartier verließen.

„Ist deiner immer noch in der Werkstatt? Na ja, sah auch aus, als ob du dein Auto lieber verschrotten solltest.“

Doyle hatte vor ein paar Tagen während einer Verfolgungsjagd einen Laternenmast gerammt. Zum Glück war weder ihm noch Bodie dabei ernsthaft etwas passiert. Ein paar Prellungen, das war’s auch schon. Dafür aber war Doyles Auto nicht ganz so leicht davon gekommen und Bodie musste seitdem morgens und abends Doyles Chauffeur spielen.

„Noch ein paar Tage und ich stell dir die Fahrten in Rechnung.“, grinste Bodie seinen Partner an.

Cowley hatte an diesem Abend mal wieder eine seiner berüchtigten Einsatzbesprechungen abgehalten. Die Nacht würde demzufolge sehr kurz werden. Für den nächsten Morgen war eine Razzia angesetzt. Morgens um sechs.

„Was hat sich der Alte nur wieder mit dieser Aktion gedacht. Ich frag mich, wie der nur mit dem wenigen Schlaf auskommt. Ich könnte ne ganze Woche durchschlafen, so wie der uns in letzter Zeit beansprucht.“ Doyle war sichtlich ungehalten über das Ergebnis der Besprechung.

„Das liegt am Alter.“, erwiderte Bodie.

„Was hat das denn mit dem Alter zu tun?“, Doyle guckte etwas irritiert zu Bodie.

Währenddessen hatten sie bereits Bodies Capri erreicht und stiegen ein.

„Na, ganz einfach. Je älter man wird – mit desto weniger Schlaf kommt man aus, hab ich mal irgendwo gelesen.“

Während der Fahrt konnte Doyle kaum noch die Augen offen halten. Als Bodie in seine Straße einbog, schlug er Doyle kräftig auf die Schulter: „Aussteigen Kollege.“

„Oh, Mann, schon um elf.“, nörgelte Doyle, „Bis morgen früh dann.“

„Alles klar, ich bin dann um halb sechs hier. Bis dann.“

Doyle wollte gerade aussteigen, als ihn Bodie am Arm zurückzog.

„Halt, warte mal.“, flüsterte er Doyle zu, „Da drüben in dem silbernen Mercedes sitzt jemand und beobachtet deine Wohnung.“

Doyle schaute zu dem angegebenen Wagen rüber.

„Hast du ne Ahnung, wer das sein könnte?“, setzte Bodie noch hinzu.

„Keine Ahnung, aber das werden wir sicher gleich rauskriegen. Gib mir mal Deckung, ich geh rüber.“ Bodie holte bereits seine Waffe heraus, während Doyle langsam ausstieg und zu dem Mercedes ging. Auch ohne viele Worte wussten beide, worauf es ankam.

Der Mann in dem Auto hatte davon nichts mitbekommen. Nach wie vor schaute er zur Eingangstür von Doyles Wohnung. Als plötzlich seine Wagentür aufgerissen wurde, drehte er sich um und Doyle erkannte die Angst in seinen Augen.

„Mensch, Ray, musst du mich so erschrecken?“, sagte dieser mit angstverzerrter Stimme.
Doyle stutzte. Plötzlich hellte sich sein Gesicht auf: „Frank? … Frank Baxter? Was machst du denn hier, woher weißt du eigentlich meine Adresse?“

Gleichzeitig fiel ihm ein, dass ja Bodie noch mit gezogener Waffe im Capri saß. Er drehte sich um und gab Bodie ein Zeichen, dass alles in Ordnung war. Trotzdem kam Bodie jetzt näher an das Fahrzeug heran. Die Waffe hatte er aber bereits weggesteckt, bereit sie im Notfall blitzschnell wieder in der Hand zu haben.
„Alles ok?“, fragte er nun in Doyles Richtung.
„Kannst nach Hause fahren, ist ’n alter Schulkamerad von mir.“
Immer noch etwas misstrauisch, kehrte Bodie zum Capri zurück.
„Wir sehen uns dann morgen früh.“ rief er noch einmal durch das offene Fenster, bevor er mit durchdrehenden Reifen abfuhr.

Doyle drehte sich wieder zu dem Mann im Auto um.
„So – und nun zu uns, Frank. Was machst du hier?“
Statt einer Antwort, kam erst einmal eine Gegenfrage: „Wer war denn das?“
„Nur mein Kollege. Also?“
Noch immer stand ein Ausdruck von furchtbarer Angst auf Baxters Gesicht geschrieben. „Ich muss dringend mit dir reden, Ray. Es ist wirklich wichtig. Glaub mir.“
„Komm erst mal mit rein. Drinnen ist es gemütlicher als hier.“, antwortete Doyle.
Gemeinsam gingen die Beiden in Doyles Wohnung, wobei sich Frank immer wieder ängstlich umschaute. Doyle deutete mit einer Handbewegung zur Couch, auf der sich Baxter seufzend niederließ.
„Du siehst aus, als ob du erst mal nen anständigen Whiskey gebrauchen kannst. Setz dich hin. Ich bin gleich wieder da.“
Nachdem Doyle zwei Gläser und die halbvolle Whiskeyflasche auf den Tisch gestellt hatte, sagte er zu Frank: „So und nun mal der Reihe nach, was ist mit dir los?“

Frank holte aus seiner Jackentasche einen Briefumschlag. Die Adresse war mit Schreibmaschine geschrieben, der Brief enthielt keinen Absender. Doyle nahm den Briefumschlag und holte den ebenfalls mit Schreibmaschine geschriebenen Brief heraus. Er enthielt lediglich fünf Namen, davon waren bereits zwei mit einem roten Kugelschreiber durchgestrichen. Frank Baxters Name stand an der dritten Stelle und an der vierten Stelle stand „Ray Doyle“. Doyle starrte eine ganze Weile auf den Brief, bevor er ihn Frank zurückgab.
„Erzähl.“, sagte er dann nur kurz. Und jetzt brach es aus Baxter heraus, der Doyle zwanzig Jahre in die Vergangenheit zurückführte.

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Es war ein schöner Sommertag. Die fünf Jungen aus dem kleinen Ort Darby hatten sich mal wieder zum Spielen im nahe gelegenen Wald verabredet. Die Freunde im Alter zwischen 10 und 12 Jahren waren Frank Baxter, Kevin O’Reilly, Derrek Taylor, Jeffrey Cunning und Ray Doyle. Die alte Försterhütte hatten sie sich zu ihrem Treffpunkt umgebaut. An diesem Nachmittag waren alle fünf Jungs da.
„Und was machen wir heute?“, fragte Kevin, der so eine Art Anführer ihrer kleinen Gruppe sein wollte, weil er der Älteste und Größte von den Jungen war.
„Keine Ahnung.“, entgegnete Frank: „Lasst uns doch mal wieder zum Fluss gehen. Ich jedenfalls könnte ne Abkühlung vertragen.“
„Ja, gute Idee, es ist doch heute auch so heiß.“, stimmten die anderen Jungen zu.

Gesagt, getan. Kurz darauf waren die Jungen bereits auf dem Weg zum Fluss.
„Hey, seid mal leise, ich glaube ich habe da eben was gehört.“, unterbrach Ray plötzlich die lärmende Schar.
„Was du wieder gehört hast.“, entgegnete Derrek, ein kleiner sommersprossiger Junge, der Jüngste in der Gruppe.  
„Da war was. … Jetzt kann ich es auch nicht mehr hören. Fast so, als ob da jemand gestöhnt hätte.“
Trotzdem wurden die Jungen ruhiger und lauschten in den Wald. Rechts von ihnen war ein kleiner Abhang, der mit dichtem Unterholz bewachsen war.
Plötzlich rief Ray triumphierend: „Da schon wieder. Hab ich’s mir also doch nicht eingebildet.“
Auch die anderen vier waren sich jetzt sicher ein leises Stöhnen gehört zu haben.
„Sicher nur ein verletztes Tier.“, sagte Frank in die allgemeine Spannung hinein.
„Vielleicht aber auch was anderes, wollen wir nicht mal nachgucken gehen?“, Derrek schien sehr unternehmungslustig.
„Und was wird aus dem Fluss?“, fragte jetzt Kevin, der sichtlich keine Lust hatte durchs Unterholz zu kriechen.
„Der läuft uns schon nicht weg.“, antwortete Jeffrey.

Auf ein Abenteuer wartend, kletterten die Jungen den Abhang hinunter. Sie merkten nicht, dass sie dabei beobachtet wurden.
Der Weg nach unten war nicht einfach. Der Abhang war zwar nicht hoch, dafür aber sehr steil. Bei einer kleinen Unaufmerksamkeit war es durchaus möglich die drei Meter nach unten zu fallen. Ray war als erster unten und lauschte in den dichten Wald hinein.
Da war es wieder das Stöhnen. Diesmal konnte er es deutlich hören. Nach und nach trafen auch die anderen Jungen am Fuße des Abhanges auf. Ray zeigte in die Richtung, aus der er das Stöhnen gehört hatte.
„Das ist kein Tier.“, sagte er zu anderen. „Das hört sich an, als ob da irgendjemand Hilfe braucht.“
Gemeinsam machten sie sich auf die Suche.
Es dauerte auch nicht lange, bis Derrek angstvoll rief: „Da, guckt mal. Da…. Da liegt jemand.“
Die Jungen liefen in die von Derrek angegebene Richtung. Und tatsächlich – in einem Gebüsch, umgeben von hohem Gras und Brennesseln lag ein Mann. Als die Jungen näher kamen, konnten sie auch das viele Blut erkennen. Der Mann stöhnte wieder.
Ganz leise kam es über seine Lippen: „Kommt her, Jungs. Ihr müsst mir helfen.“
Kevin, der als erster seinen Mut wieder gefunden hatte ging näher an den Mann heran, blieb aber einen Meter vor ihm stehen.
„Was ist passiert, Mister?“
„Komm her, bitte.“, sagte der Mann wieder mit erstickender Stimme.
Kevin trat noch einen Schritt näher, ganz vorsichtig.
„Polizei… Robert Brown… Geht zur Polizei… Brown… Robert Brown….“ Die letzten Worte waren nur noch ein Flüstern, bevor der Kopf des Mannes zur Seite fiel.
Kevin sprang zurück. Die anderen vier Jungen standen noch immer in sicherer Entfernung hatten aber alles genau gesehen und gehört. Bedrückt schauten sich die Fünf an.

Ray war der erste, der seinen Mut wieder fand: „Wir müssen zur Polizei, schnell, beeilt euch.“
In Panik rannten sie wieder zum Abhang zurück und kletterten hinauf. Jeffrey, der zuerst oben ankam, blieb am Rande des Abhanges wie angewurzelt stehen. Auch die anderen, die jetzt nach und nach wieder oben ankamen rührten sich vor Schreck nicht von der Stelle. Der Mann der ihnen gegenüberstand hatte ein Jagdgewehr auf sie gerichtet.
„Was habt ihr denn da unten so Schönes gemacht?“, fragte dieser mit einer gespielten Freundlichkeit in der Stimme.
„Och, nichts Besonderes. Wir wollten nur mal sehen, wer von uns am besten klettern kann.“, Ray spielte den Nichtwissenden.
„Dabei habt ihr nicht ganz zufällig etwas gefunden, oder?“, der Mann schaute jetzt direkt zu Ray hinüber und konnte daher nicht sehen, wie sich Derreks Körper anspannte.
Mit einem lauten Aufschrei stürzte er plötzlich los und rammte ihm seinen Kopf genau in den Magen. Völlig überrascht stürzte der Fremde zu Boden. Die Jungen nutzten die Chance und fingen an zu laufen. Durch das dichte Gestrüpp geschützt waren sie schnell den Augen des Fremden entschwunden.

Dieser brauchte aber auch nicht sehr lange um sich von dem Schrecken zu erholen.
„Bleibt stehen, verdammt noch mal. … Ihr sollt stehen bleiben, habt ihr nicht gehört. …“
Aber die Jungen rannten so schnell, wie sie es in ihrem Leben noch nie getan hatten. Die Schüsse die der Fremde ihnen hinterherschickte, spornte sie nur noch an. Völlig atemlos erreichten sie den Ort. Aber auch hier in relativer Sicherheit, konnten sie sich nicht beruhigen. Sie rannten weiter, bis sie endlich vor der Tür des kleinen Polizeibüros standen.

Atemlos erzählten sie dem Polizisten Sam Jackson, was sich im Wald zugetragen hatte. Der Polizist konnte leider zunächst nicht folgen, da alle fünf durcheinander riefen.
„Stopp!“, rief er deshalb, nachdem er völlig den Faden verloren hatte.
Jetzt war es an Kevin, das ganze Erlebte noch einmal zu erzählen. Trotzdem dauerte es doch noch eine ganze Weile bis der Polizist begriffen hatte, um was es eigentlich ging.
„Und ihr meint, dass dort im Wald ein Toter – oder zumindest ein sehr schwer verletzter Mann liegt?“, fragte er daher noch einmal nach.
„Ja – und er hat den Namen Robert Brown gesagt, da bin ich mir ganz sicher.“, wiederholte Kevin jetzt noch einmal.

Jackson ließ sich von den Jungen den Weg zu dem Mann genau beschreiben und verständigte anschließend Krankenwagen und das nächste größere Polizeirevier. Alleine machte er sich dann auf den Weg zu der Stelle, an der die Jungen das Stöhnen gehört hatten. Es dauerte auch nicht sehr lange, bis er den Toten gefunden hatte. Von dem Mann mit dem Gewehr war nichts zu sehen. Kurz nach ihm trafen auch die Kollegen vom nächsten größeren Polizeirevier in Darby ein. Sam Jackson erstattete seinem Vorgesetzten kurz Bericht und erwähnte auch noch einmal die Jungen, die sich zurzeit allein im Polizeibüro aufhielten.

Später wurden die Aussagen der Jungen aufgenommen. Diese führten innerhalb ziemlich kurzer Zeit zur Verhaftung von Robert Brown. Er wurde zu lebenslänglicher Haft verurteilt.

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Doyle konnte sich noch sehr gut an den damaligen Vorfall erinnern. Baxter erzählte jetzt Doyle was sich in den letzten Tagen abgespielt hatte:
„Derrek, Kevin und ich, wir hatten eigentlich immer noch ziemlich viel Kontakt zueinander. Vor drei Wochen hatte Derrek einen Autounfall. Er ist tot, Ray. Das Ganze wurde als Unfall zu den Akten gelegt. Derrek soll angeblich zu schnell gefahren sein. Das hat er nie gemacht, ich kann mir jetzt nicht mehr vorstellen, dass das wirklich ein Unfall war. Und vorige Woche ist Kevin beim Schwimmen ertrunken. Ausgerechnet Kevin, er war noch immer ein sehr guter Schwimmer, der ist nicht von allein untergegangen. Gestern hatte ich den Brief da in meinem Postkasten. Kein Absender, kein Stempel – nichts.“

Doyle unterbrach ihn: „Du vermutest also, dass die beiden ermordet wurden und dass du der nächste sein sollst, oder?“
„Das liegt doch klar auf der Hand. Wer sonst sollte irgendein Interesse haben Derrek und Kevin umzubringen?“
Doyle dachte nach. „Mir fällt nicht ein, wie der Typ von damals hieß. Hast du noch eine Ahnung?“
„Ich glaube Brown oder so, aber sicher bin ich mir auch nicht. Ich war schon bei der Polizei, aber die haben nur gesagt, dass sich da jemand einen Scherz erlaubt. Die beiden Todesfälle seien eindeutig Unfälle gewesen. Aber mir ist das einfach zu viel Zufall auf einmal.“
Doyle musste einsehen, dass da wirklich etwas dran sein könnte, und dass sich dieser Brown an den Jungen von damals rächen wollte.

„Woher hast du eigentlich meine Adresse. Ich stehe nicht im Telefonbuch.“, fragte Doyle jetzt seinen alten Freund.
„Ich war heute Morgen bei deinen Eltern. Eigentlich wollten wir dich ja anrufen, aber du warst den ganzen Tag nicht zu erreichen, da haben sie mir deine Adresse gegeben.“
„Na gut, jetzt hast du mich ja gefunden, weißt du auch wo Jeffrey steckt, den habe ich schon seit Jahren nicht mehr gesehen.“
„Jeff wohnt seit fast sechs Jahren in New York, der ist damit wohl erst mal aus der Schusslinie. Aber wir stehen auf der Liste als nächstes.“

Doyle schenkte in die beiden leeren Gläser nach. Grübelnd wandte er sich dann wieder an Baxter:
„Weißt du, ob dieser Brown aus dem Knast entlassen wurde?“
„Keine Ahnung, ich vermute es einfach mal, wer sollte denn sonst dahinter stecken?“
Doyle zuckte mit den Schultern. Etwas seltsam kam ihm die Geschichte schon vor. Er hatte seine damaligen Freunde in den letzten Jahren nur noch sehr selten gesehen, wusste bis eben noch nicht einmal, dass Jeffrey in den USA lebte.

Seinen Gedanken nachhängend fragte er jetzt Baxter:
„Was ist eigentlich mit deiner Familie, weiß deine Frau wo du jetzt gerade steckst? Hat sie eine Ahnung von deiner Vermutung?“
Baxter lachte bitter auf: „Sandra und ich, wir sind jetzt schon seit zwei Jahren geschieden. Sie wohnt mit den Kindern hier in London. Die beiden Mädchen darf ich nur alle vier Wochen mal sehen, ich glaub nicht dass sie in Gefahr sind, und ich glaube auch nicht dass es Sandra interessiert, wo ich gerade stecke.“
Doyle schaute seinen Freund an: „Das tut mir leid. Aber in der jetzigen Situation ist es vielleicht sogar besser so.“
Sie unterhielten sich noch eine ganze Weile über ihre Kindertage. Als Doyle endlich zur Uhr schaute war es bereit halb eins.

„Frank, ich glaube wir sollten für heute erst mal Schluss machen. Ich habe morgen früh einen wichtigen dienstlichen Termin und sollte dafür einigermaßen fit sein. Wenn du möchtest kannst du hier auf der Couch schlafen.“, sagte Doyle schließlich zu Baxter.
„Danke, was machst du eigentlich beruflich?“, entgegnete dieser.
„Das weißt du noch nicht? Ich arbeite für den CI5.“
Mit diesen Worten stand Doyle auf und ließ einen ziemlich verdattert guckenden Frank Baxter auf der Couch zurück. Nachdem Doyle ihm die Couch für die Nacht vorbereitet hatte sagte er noch zu seinem Freund:
„Glaub mir, wenn jemand herauskriegen sollte, was hier vor sich geht, dann ist das der CI5. Ich werde morgen nach dem Einsatz mit meinem Chef sprechen, dann kommen wir zumindest erst mal an alle nötigen Unterlagen ran, von den angeblichen Unfällen und so. Und ich werde auch sehr schnell rausbekommen, ob und wann dieser Brown entlassen wurde. Versuch wenigstens etwas zu schlafen.“
Baxter hielt Doyle noch einmal zurück: „Ich danke dir nochmals. Ich glaube so viel Angst wie ich seit gestern hatte, hatte ich noch nie in meinem Leben.“

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Doyle lag noch einige Zeit wach in seinem Bett. Zweimal hatte er schon den Telefonhörer in der Hand und wollte Bodie oder Cowley noch anrufen, hatte es sich aber beide Male wieder überlegt. Bodie mochte es überhaupt nicht, mitten in der Nacht geweckt zu werden und Cowley konnte in der Nacht auch nicht viel ausrichten. Als um Fünf sein Wecker klingelte, fühlte er sich wie gerädert. Er wusste, dass er seinen alten Freund in Sicherheit bringen musste. Hier in seiner Wohnung konnte er ihn nicht lassen. Alle verfügbaren CI5-Agenten waren für die Razzia eingeteilt. Da ließ sich im Moment nichts dran ändern. Das Vernünftigste war wohl Frank in eine der gesicherten CI5-Wohnungen für den Tag unterzubringen, aber dafür war einfach nicht die Zeit. Warum musste auch sein Auto gerade jetzt in der Werkstatt rumstehen. Also nahm er jetzt doch den Telefonhörer zur Hand um Bodie anzurufen. Nach dem dritten Klingeln meldete sich ein verschlafenes:
„Ja!“
Doyle konnte nicht anders: „Hier ist der persönliche Weckdienst. Es ist jetzt fünf Uhr und fünf Minuten.“
„Da hätte ich jetzt noch glatt zehn Minuten gehabt. Was soll das?“, Bodie tat verärgert.
„Bodie, jetzt im Ernst. Du erinnerst dich an gestern Abend, mein Schulfreund?“
„Ja, und?“
„Frank steckt wahrscheinlich in ernsthaften Schwierigkeiten. Er kann nicht allein in meiner Wohnung bleiben.“
Bodie konnte nicht ganz folgen:
„Warum nicht?“
„Das erkläre ich dir später. Schwing dich hoch und sieh zu, dass du so schnell wie möglich hier her kommst. Wir bringen Frank in deine Wohnung – nur bis heute Nachmittag.“
Bodie konnte zwar immer noch nicht verstehen, warum Doyles Schulfreund nicht in seiner Wohnung bleiben konnte, aber er vertraute Doyle. Er würde schon seine Gründe haben.
„Dann setz wenigstens nen starken Kaffee an, sonst schlaf ich heute noch irgendwo ein. Bin schon unterwegs.“

Als Doyle ins Wohnzimmer kam, war Baxter bereits aufgestanden. Der Duft von frisch gebrühtem Kaffee lag bereits in der Luft.
„Morgen Ray, ich hab schon mal Kaffee gemacht und Toast angesetzt.“
„Morgen. …“, konnte Doyle nur entgegnen.
Nach einer kurzen Pause setzte er hinzu:
„Hör mir jetzt genau zu. In ein paar Minuten wird mein Partner auftauchen. Wir werden dich in seine Wohnung bringen. Hier kannst du nicht alleine bleiben. Brown hat vielleicht schon rausbekommen, wo ich wohne. Bei Bodie dürftest du erst mal sicher sein.“
Baxter starrte Doyle mit großen Augen an: „Du meinst, dass der Typ hier aufkreuzen könnte?“
„Ehrlich gesagt, ich weiß es nicht, aber die Möglichkeit besteht.“
Im selben Moment klingelte es bereits an der Haustür. Doyle versicherte sich erst, dass es Bodie war, bevor er die Haustür öffnete.

Bodie wirkte bereits etwas munterer.
„Hier riecht’s nach Kaffee und Toast.“, und setzte dann noch hinzu: „Hier deine Post. Hab ich dir gleich mit hochgebracht.“
Doyle schaute auf den Briefumschlag, auf dem nur die Adresse, nichts weiter zu erkennen war. Der Brief enthielt nur einen Satz:

„IHR KÖNNT MIR NICHT ENTKOMMEN.“

Doyle reichte Bodie den Brief rüber:
„Genau deshalb kann Frank nicht hier bleiben.“
Nach dem kurzen Frühstück fuhren sie mit Baxter zurück in Bodies Wohnung. Unterwegs achteten die beiden Agenten darauf, dass ihnen auch wirklich niemand folgte. Mit einem unguten Gefühl in der Magengegend ließen sie Frank dort allein.

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Doyle und Bodie mussten sich jetzt auf ihren Einsatz konzentrieren. Dabei sollte ein internationaler Waffenhändlerring ausgehoben werden. Die Razzia war ein voller Erfolg. Die Waffenhändler waren viel zu überrascht um den gezielten Angriff abwehren zu können. Trotzdem musste ein CI5-Agent im Krankenhaus behandelt werden. Es bestand aber keine Lebensgefahr.

Doyle wusste, dass Cowley jetzt gerade mit den verhafteten Gangstern zu tun hatte, aber sein Anliegen duldete ebenfalls keinen Aufschub.
Daher ging er am frühen Nachmittag zu Cowleys Büro und klopfte an.
„Ja, bitte.“, antwortete Cowley hinter der Tür.
Doyle trat ein. Er merkte sofort, dass der Chef gute Laune hatte, nicht zuletzt wegen des geglückten Einsatzes am Morgen.
„Entschuldigung Sir, hätten sie da mal ein paar Minuten Zeit?“, fragte Doyle vorsichtig an.
„Um was geht es denn, ich hab hier einiges mit den Akten zu tun.“
„Es ist wirklich wichtig.“
Doyle erzählte Cowley die Geschichte, angefangen von dem Vorfall in seiner Kinderzeit bis zu den Briefen die sein Freund Frank Baxter und er selbst erhalten hatten. Cowley hörte ruhig zu, stellte nur ab und an eine Zwischenfrage. Als Doyle geendet hatte, stand Cowley auf und schaute im Gedanken versunken aus dem Fenster. Dann drehte er sich zu Doyle um und fragte:
„Und sie sind sicher, dass dahinter dieser Brown steckt?“
Doyle schüttelte leicht den Kopf: „Um ehrlich zu sein, ich weiß noch nicht mal, ob der wieder draußen ist. Aber ich könnte es mir schon vorstellen. Ich weiß nur nicht, warum der nach all den Jahren noch auf Rache aus ist. So was ist schon ungewöhnlich.“
„Das wird sich rauskriegen lassen. Jetzt ist es erst mal wichtig, dass Baxter und sie in Sicherheit sind.“

Doyle schaute auf: „Ich denke für heute ist Baxter bei Bodie erst mal gut aufgehoben. Ich habe vorhin mit ihm telefoniert, es ist alles in Ordnung. Aber sicher ist das kein Dauerzustand. Ich würde ihn ganz gern in eine unserer sicheren Wohnungen bringen. Und auf mich selber kann ich ganz gut selbst aufpassen.“

Jetzt schüttelte Cowley leicht den Kopf: „Wenn es dieser Brown ist und der es geschafft hat zwei Morde als Unfälle hinzustellen, dann sind sie auch in Gefahr. Mit dem Mann ist nicht zu spaßen. Sie, Bodie und Baxter werden Wohnung drei aufsuchen und sich da solange aufhalten, bis ich mich melde. Ist das klar?“
Doyle nickte: „Aber ich glaube nicht dass sich Brown irgendwo sehen lässt, solange er uns sucht, Sir.“
„Ich werde zunächst alle Akten anfordern und melde mich dann. Passen sie auf ihren Freund auf. Wenn sie noch Verstärkung brauchen, dann rufen sie an.“
„Das wird wohl nicht nötig sein.“
„Dann ist ja alles klar – und Doyle…“
„Ja, Sir?“
„Keine Alleingänge, haben sie verstanden.“

Wenige Minuten später waren Bodie und Doyle bereits zu Doyles Wohnung unterwegs um zunächst ein paar Sachen für die nächsten Tage zu holen. Danach fuhren sie weiter zu Bodies Wohnung. Dort wurden sie bereits von dem völlig verzweifelten Frank Baxter erwartet. Auch Bodie sammelte ein paar Sachen zusammen. Nach einem kurzen Stopp an einem Lebensmittelgeschäft ging es dann unverzüglich weiter zur CI5-Wohnung. Die Wohnung bestand aus drei Zimmern, der Küche und einem kleinen Badezimmern. Nacheinander machten sich zunächst Bodie und dann Doyle ein wenig frisch. Während Bodie noch unter der Dusche stand, meldete sich Doyle pflichtgemäß bei Cowley. Dieser konnte bereits mit ersten Ergebnissen aufwarten:
„Robert Brown wurde tatsächlich vor fünf Wochen aus der Haft entlassen. Wegen guter Führung. Bisher hatte er sich auch regelmäßig bei seinem Bewährungshelfer gemeldet. Das letzte Mal war das gestern früh. Ich habe hier auch die aktuelle Adresse. Murphy und Baker sind bereits dahin unterwegs. Die Akte von der Verhandlung vor zwanzig Jahren und die aktuellen Unfallberichte bekomme ich aber erst morgen. Ich werde mich dann wieder bei ihnen melden.“
Doyle konnte nur noch ein: „Danke, Sir.“ murmeln, da hatte Cowley bereits wieder aufgelegt.
Kurze Zeit später, nachdem auch Bodie über den aktuellen Stand informiert war, nahm Doyle sein RT zur Hand.
„4.5. an 6.2. … 4.5. an 6.2.“
„6.2. hier, was gibt’s denn Doyle?“
„Habt ihr schon irgendwas über den Typen rausgefunden?“
„Leider noch nicht. Der Typ ist ausgeflogen. Der scheint dich aber nicht gerade besonders zu mögen. Hat hier vier Fotos an der Wand hängen. Zwei davon sind mit rot durchgestrichen. Auf einem der anderen Bilder bist du drauf. Ganz ehrlich, besonders fotogen siehst du darauf nicht aus.“
„Von mir? Dann muss der ja schon seit ein paar Tagen wissen, wo ich wohne. Verdammt, wie hat der das rausgekriegt? Ich frag mich jetzt, ob der weiß für wen ich arbeite. … Murph, lass erst mal alles so. Cowley soll die Wohnung beobachten lassen.“
„Ist bereits veranlasst. Soll dir viele Grüße von den Nachtwächtern bestellen. Ich persönlich glaube ja nicht, dass der hier noch mal aufkreuzt, aber man kann ja nie wissen.“
„Hängt davon ab, ob der weiß, dass ich beim CI5 bin. Wenn nicht, dann fühlt er sich bestimmt erst mal noch sicher. Könnte gut sein, dass er dann heute noch mal aufkreuzt.“
Bodie nahm Doyle das RT aus der Hand: „Vom Kindermädchen zum Nachtwächter, hey Murph gibt’s sonst noch irgendwas Interessantes in der Bude?“
„Eigentlich nicht, das übliche halt. Ein paar Klamotten, Zahnbürste, Rasierer. Viel mehr gab’s hier nicht zu sehen. Scheint nicht sehr gut bei Kasse zu sein. Sieht alles etwas heruntergekommen aus. Over und Out.“

Die Nacht verlief ruhig. Doyle und Bodie wechselten sich bei der Wache ab. Die drei saßen am nächsten Morgen gerade beim Frühstück, als das Telefon klingelte. Bodie nahm den Hörer ab:
„3.7.“, meldete er sich nur kurz, während er die letzten Bisse von seinem Toast runterschluckte.
„Cowley hier. Sie drei kommen sofort ins Hauptquartier. Ich habe wahrscheinlich rausgefunden, warum Robert Brown so hinter den Beiden her ist. Es hat nicht nur was mit dem Mord von damals zu tun.“
„Womit dann?“
„Erkläre ich ihnen alles, wenn sie hier sind.“ Damit war das Gespräch beendet.

„Der Alte hat schon wieder Sehnsucht nach uns.“ sagte Bodie nachdem er den Hörer aufgelegt hatte, „Nicht mal in Ruhe frühstücken kann man hier. Ich habe eindeutig den falschen Job.“, seufzend schob Bodie den Teller mit dem Rührei zur Seite.
„Was denn jetzt sofort?“, fragte Doyle nach.
„Hast du schon jemals erlebt, dass es nicht sofort ist. Frank, sie sollen übrigens auch mitkommen. Irgendwas hat der Alte rausgefunden.“

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Eine halbe Stunde später saßen sie bereits bei Cowley im Büro. Nachdem Frank Baxter und Cowley sich miteinander bekannt gemacht hatten, kam Cowley auch gleich zur Sache:
„Also ich habe hier die Unterlagen von der damaligen Verhandlung. Der Ermordete von damals hieß John Parker. Er und Robert Brown hatten kurz vorher eine Bank ausgeraubt. Die Beute ca. 50 000 Pfund in Gold ist bis heute nicht wieder aufgetaucht. Das dürfte wohl heute das Vier- oder Fünffache wert sein und damit liefert uns das ganze auch ein triftiges Motiv. Brown denkt wohl, dass die Jungen von damals das Gold gefunden haben und will es sich jetzt von ihnen zurückholen.“
Doyle unterbrach seinen Chef an dieser Stelle: „Soweit ich mich erinnern kann, hatte ich davon damals nichts gewusst. Und selbst wenn, die Stelle ist doch sicher gründlich abgesucht worden. Da ist doch kaum noch irgendwas zu finden, nach so langer Zeit, oder?“
Cowley antwortete: „Brown hat damals nichts gestanden, weder den Raub noch den Mord. Ob er sich ausgerechnet hat, dass er doch irgendwann wieder raus kommen könnte, weiß ich nicht. Aber wenn es sich um Gold handelt, dann muss es auch noch irgendwo sein. Es gibt mehrere Möglichkeiten. Erstens: Das Gold liegt noch immer gut vergraben an der gleichen Stelle von damals. Dann war es wahrscheinlich Parker, der es vergraben hat und Brown selbst kannte die Stelle nicht. Dann besteht aber auch die Möglichkeit, dass im Laufe der Jahre irgendjemand anderes das Gold gefunden und für sich behalten hat. Brown könnte in dem Fall vermuten, dass die Jungen, von Parker erfahren haben, wo sich das Gold befindet.“
„Zum dritten.“, fiel Bodie ihm ins Wort: „Parker wusste, wo das Gold vergraben war, aber es war nicht mehr da, als er nachgesehen hatte. Dann steht die Frage, ob er es schon damals nicht gefunden hat, oder ob es erst jetzt nicht mehr da war. Und damit kommt ihr wieder ins Spiel.“ Mit den letzten Worten wandte er sich zu Doyle und Baxter.

Doyle dachte nach. Er versuchte sich an die Situation von damals zu erinnern. „Ich bin mir nicht mehr so ganz sicher, aber ich glaube Kevin war es, der damals am nächsten an Jackson herangegangen war. Geht da noch irgendwas aus den Akten hervor?“
Cowley schaute nach: „Richtig, hier steht es. Dann können wir auch davon ausgehen, wenn jemand was wusste, dann wäre es sicher ihr Freund Kevin O’Reilly gewesen.“
Doyle grübelte noch immer: „Besteht nicht auch die Möglichkeit, dass Brown das Gold nach dieser langen Zeit noch gefunden hat und er sich jetzt mögliche Mitwisser vom Halse schaffen will?“
„Das halte ich eher für unwahrscheinlich, wenn sie damals etwas gewusst hätten, dann hätten sie es doch bestimmt auch der Polizei gesagt. Wurden sie nicht auch in diese Richtung befragt.“
Baxter meldete sich jetzt zu Wort: „Daran kann ich mich nicht erinnern. Ich glaube man hat uns nur danach gefragt, wie wir Parker gefunden haben, mehr nicht.“
„Da muss ich Frank zustimmen. Wir waren ja auch noch ziemlich klein. Da hat man uns nur ansatzweise erzählt um was es ging. Vom Gold höre ich heute zum ersten Mal. Da bin ich mir ziemlich sicher.“

In diesem Moment meldete sich Murphy über RT bei Cowley: „6.2. an Alpha.“
„Hier Alpha, was gibt’s?“
„Mmh, eine gute und eine schlechte Nachricht, Sir.“
Cowleys Miene verfinsterte sich: „Raus mit der Sprache, was ist passiert?“
„Die gute Sir, Brown ist tatsächlich noch einmal hier aufgetaucht. …“
„Und die schlechte, er ist euch entkommen.“
„Ja, leider, Sir.“
„Dann ist er jetzt gewarnt. Verdammt noch mal, ihr seid doch keine Anfänger, wie konnte so was passieren? Kommen sie jetzt ins HQ, dann sprechen wir die nächsten Schritte durch.“, wütend legte Cowley das RT zur Seite.

Bodie, Doyle und Baxter schauten zu Cowley. „Brown war noch mal in seiner Wohnung, ist aber entkommen.“
„Verdammter Mist.“, rutschte es Doyle heraus. „Und was wollen wir jetzt machen?“
„Sie beide werden Baxter zurück in die Wohnung bringen. Bleiben sie so lange da, bis Ablösung kommt. Anschließend treffen wir uns wieder hier und sprechen die nächsten Schritte durch.“

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Zwei Stunden nach dieser kurzen Besprechung fanden sich alle wieder bei Cowley ein. Baxter war in sicherer Obhut eines weiteren CI5-Agenten gelassen worden. Auch Murphy war zwischenzeitlich eingetroffen. Er und Baker hatten die Wohnung von Robert Brown in der Zwischenzeit näher unter die Lupe genommen. Die Bilder von der Wand hatten sie ebenfalls mitgebracht. Er war gerade dabei Cowley zu erklären, warum Brown ihnen entkommen war, als Bodie und Doyle hereinkamen.
„Setzen sie sich.“, sagte Cowley nur kurz zu den Beiden. „Erzählen sie noch einmal von Anfang an, Murphy.“, sagte er nachdem sich die beiden auf die bereitstehenden Stühle niedergelassen hatten.
Murphy fing mit seinem Bericht von vorne an:
„Na, wie ich schon gesagt hatte. Wir haben uns die ganze Nacht über mit der Beschattung der Wohnung abgewechselt. Brown muss gegen sieben Uhr aufgekreuzt sein. Ich war wirklich nur ganz kurz eingenickt, in der Zeit muss er bereits in der Wohnung gewesen sein. Zumindest war auf einmal Licht an im Wohnzimmer. Ich bin mit Baker sofort rauf. Aber der Typ war nicht mehr da. Kurz darauf hörten wir vor der Tür ein Auto mit durchdrehenden Reifen abfahren. Die Nummer hab ich hier.“, damit reichte er Cowley einen Zettel mit der Zulassungsnummer rüber. Dann setzte er fort: „Wir sind dann sofort runter, aber es war nichts mehr zu sehen. Also haben wir uns die Wohnung noch einmal etwas näher angesehen. Auf dem Tisch im Wohnzimmer lag dieser Zettel.“
Damit wanderte ein weiteres Stück Papier zu Cowley, der laut vorlas: „Ich werde sie kriegen, daran ändert auch die Polizei nichts, ich habe Zeit.“
Murphy schloss seinen Bericht: „Hier habe ich auch noch die Fotos die an der Wand hingen. Siehst wirklich nicht sehr toll drauf aus, Doyle.“
Cowley brauste auf: „Lassen sie jetzt die Witze, schlimm genug, dass er ihnen entkommen ist. So was darf noch nicht mal einem Anfänger passieren. Darüber unterhalten wir uns später noch.“

Jetzt wandte sich Doyle an Cowley: „Brown spricht von der Polizei, also hat er wahrscheinlich keine Ahnung, dass er es mit uns aufgenommen hat. Zum anderen glaube ich nicht, dass er bereits weiß, dass ich beim CI5 arbeite. Ich denke mal das bringt uns ein paar Vorteile. Ich hätte da einen Vorschlag…“
Cowley schaute seinen Mitarbeiter nachdenklich an: „Sie wollen den Lockvogel spielen?“
„Scheint doch im Moment die einzige passende Möglichkeit zu sein. Brown ist gewarnt. Also wird er sicher auch die Masche mit den Unfällen ablegen und gezielte Anschläge ausüben wollen. Solange Baxter in Sicherheit ist, bleibe nur ich als Zielperson für ihn über. Jeff Cunning lebt in Amerika, da ist er erst mal in Sicherheit.“
Jetzt mischte sich Bodie ein: „Das gefällt mir nicht. Du kannst nicht 24 Stunden, sieben Tage die Woche wach bleiben. Der Typ scheint ziemlich clever zu sein. Ohne eine Absicherung funktioniert das nicht.“
„Wenn der merkt, dass ich ein Kindermädchen habe, wird der nicht kommen. Ich muss allein sein. Letztendlich liegt der Überraschungsmoment doch auf meiner Seite.“
Cowley nickte leicht mit dem Kopf. „Ok, lassen sie uns das ein wenig später besprechen. Aber vorher würde ich ganz gern den damaligen Tatort etwas näher unter die Lupe nehmen wollen. Mit großer Wahrscheinlichkeit ist die Beute noch irgendwo da versteckt. Wenn Brown sie vor uns findet, dann lässt er vielleicht von seinem Plan ab und verschwindet irgendwo in der Südsee.“

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Am späten Nachmittag trafen Doyle, Bodie und Cowley in dem kleinen Ort ein. Cowley hatte bereits mit dem damaligen Ortspolizisten Sam Jackson telefoniert. Dieser lebte bereits seit einigen Jahren zurückgezogen und genoss seinen verdienten Ruhestand. Cowley hatte ihn nur darüber informiert, dass es um den alten Fall geht. Als sie an der Tür klingelten, öffnete Jackson beinahe sofort. Der alte Mann war für sein Alter von fast 70 Jahren noch sehr rüstig. Er begrüßte die drei Männer freundlich.
„Guten Tag, die Herren.“ Mit einem Blick zu Doyle: „Und dich Lockenkopf kenne ich doch. Du stammst doch hier aus dem Ort, Doyle, wenn ich mich richtig erinnere, oder?“
Cowley blickte zu Doyle rüber, konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen: „Mittlerweile gehört er zu meinen besten Mitarbeitern. Der andere heißt Bodie und mein Name ist Cowley. Sie sind sicher Mr. Jackson?“
„Ja richtig, ich weiß aber überhaupt nicht wie ich ihnen helfen könnte, Mr. Cowley. Das ganze liegt ja schon so lange zurück.“
„Das ist sicher richtig, aber in den letzten Wochen sind zwei von den Männern, die damals den Toten gefunden haben ums Leben gekommen, zwei andere erhalten Drohbriefe. Da ist es doch normal, dass man sich noch einmal dafür interessiert. Ist ihnen in letzter Zeit irgendwas Ungewöhnliches im Ort aufgefallen?“
„Nicht das ich wüsste. Aber wissen sie, so sehr häufig gehe ich ja auch nicht mehr raus. Vielleicht kann ihnen der Constable auf dem Polizeirevier vor Ort ja weiterhelfen. Aber sie haben Recht, die beiden Unfälle klingen schon sehr merkwürdig.“
„Wissen sie noch wie weit damals nach dem Gold gesucht wurde. Wir vermuten nämlich, dass es bis heute noch nicht wieder aufgetaucht ist.“, wandte sich jetzt Doyle an Jackson.
„So ungefähr einen Quadratkilometer, würde ich jetzt schätzen, aber so genau kann ich dass wirklich nicht mehr sagen. Du weißt doch sicher noch, wo die Stelle damals war. Von dort aus ist die Suche losgegangen. Leider erfolglos. Mittlerweile stehen aber in östlicher Richtung von dem Abhang entfernt viele Eigenheime. Wenn da was aufgetaucht wäre, hätte ich das sicher erfahren. Also wenn sie noch einmal suchen wollen,“ dabei wandte er sich zu Cowley: „dann würde ich es eher südlich von der Stelle aus probieren. Da geht es nach wie vor in den Wald mit ziemlich viel Gestrüpp. Tut mir leid, dass ich ihnen nicht viel weiterhelfen konnte.“
Die Männer verabschiedeten sich voneinander.

Als nächstes fuhren die drei zum derzeit zuständigen Constable, konnten dort aber auch nichts Näheres in Erfahrung bringen.
„Bevor wir zurückfahren würde ich mir trotzdem gern noch einmal den Schauplatz von damals ansehen.“, sagte Cowley, als sie wieder im Wagen saßen.
„Was soll denn das noch bringen? Wenn da noch irgendwo was verbuddelt liegt, dann finden wir es im Dunkeln auch nicht.“, nörgelte Bodie von hinten.
„Wahrscheinlich haben sie Recht, Bodie. Trotzdem habe ich so ein Gefühl, als ob dort der Schlüssel zu dem ganzen Fall zu finden ist. Na gut, fahren wir zurück nach London.“
Doyle der am Steuer saß, drückte das Gaspedal durch.

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Eine Stunde später, es war bereits wieder dunkel, saßen die Drei wieder in Cowleys Büro. Betty hatte vorsorglich eine Kanne mit extra starkem Kaffee bereitgestellt, in den Cowley jetzt noch großzügig von dem Malt nachschenkte.
„Ich habe mir ihren Vorschlag, Doyle, noch einmal durch den Kopf gehen lassen. Wahrscheinlich wird es im Moment die einzige Möglichkeit sein, Robert Brown zu fassen. Bodie, sie werden Doyle, so wie in den letzten Tagen nach Hause fahren.“ Cowley nahm den Telefonhörer zur Hand und mit einem Blick auf die Liste mit den Agenten in Bereitschaft wählte er eine Nummer.
Nach einigen Sekunden meldete sich Tom Wilde.
„Cowley. Wilde, sie holen jetzt gleich Jefferson ab und fahren zu Doyles Wohnung. Tun sie einfach so, als ob sie auf ihn aufpassen sollen. Melden sie sich wenn sie vor Ort sind. Doyle wird dann hier vom HQ abfahren. Wenn er ankommt wird er ihnen eine kleine Szene machen. So nach dem Motto, er brauche keine Aufpasser. Melden sie sich dann noch einmal und fahren sie dann ab. Alles klar?“
„Verstanden, Sir. Und dann?“
„Fahren sie einfach wieder nach Hause. Es könnte aber gut möglich sein, dass sie heute Nacht noch einmal dorthin fahren müssen.“
„Alles klar.“
Damit war das Gespräch beendet.
Zu Bodie und Doyle gewandt, fügte er hinzu: „Wenn die Beiden abgefahren sind, stehen sie allein da.“ Dann drehte er sich zu Bodie: „Und sie werden in einer Nebenstraße parken, wenn es sein muss auch zwei Straßen weiter. Sondieren sie das Gelände und kommen sie möglichst unauffällig zu Doyles Wohnung zurück. Die Chance wird sich Brown kaum entgehen lassen.“

Zwanzig Minuten nach diesem Gespräch verließen Doyle und Bodie das Hauptquartier. Es war schon nach um 21 Uhr und ziemlich dunkel.
Der erste Teil des Planes funktionierte recht gut. Doyle wurde an seiner Haustür von Wilde und Jefferson aufgehalten. Nach einem kurzen, aber lauten Wortgefecht, zogen die beiden ab. Bodie war bereits weitergefahren. Bevor Doyle aber die Haustür aufschließen konnte, sah er eine Bewegung im Gebüsch direkt neben dem Eingang. Er reagierte sofort, ließ sich fallen und hatte im nächsten Moment bereits seine Waffe in der Hand. Aber Brown war schnell, sehr schnell für jemanden, der gerade 20 Jahre hinter Gittern zugebracht hatte. Mit einem Sprung war er bereits bei Doyle und kickte seine Waffe zur Seite. „Damit hast du Bastard wohl nicht gerechnet, was? Dachtest wohl euer Spielchen hätte mich beeindruckt?“ Doyle sah jetzt seinerseits eine Waffe direkt auf seinen Kopf gerichtet. „Steh auf! … Los! …“

Doyle versuchte jetzt auf Brown einzureden, Zeit schinden, Bodie musste doch schon ganz in der Nähe sein. „Damit kommen sie nicht durch Brown. Was glauben sie wohl, wie weit sie kommen, wenn sie mich jetzt erschießen?“
„Halt die Klappe. Vorwärts zu dem roten VW da vorn.“
Langsam setzte sich Doyle in Bewegung: „Mein Partner wird gleich hier sein. Geben sie doch auf. Sie haben doch keine Chance.“
Aber Bodie war noch immer nicht zu sehen.
„Einsteigen. Schneller. Du fährst.“ Doyle blieb nichts anderes über als dem Befehl zu gehorchen. Alles andere wäre Selbstmord. Brown schien zu allem bereit.

Doyle musste über die Beifahrerseite in den Wagen einsteigen. Brown setzte sich daneben. Die Pistole zielte jetzt nicht mehr auf Doyles Kopf sondern unangenehm seitlich auf die Magengegend.
„Losfahren. Erst mal geradeaus.“ Doyle fuhr mit durchdrehenden Reifen los. ‚Bodie, dass musst du jetzt einfach mitgekriegt haben.’, dachte er sich dabei.
„Keine verdammten Tricks.“ Der Pistolenlauf drückte sich dabei noch fester in seinen Bauch.

Mehr als die Rücklichter konnte Bodie von dem Wagen nicht mehr sehen. Trotzdem wusste er, dass es sich um einen roten VW handelte. Den hatte er gesehen, als er Doyle abgesetzt hatte. Nur an das Kennzeichen konnte er sich nicht mehr erinnern. ‚Wahrscheinlich sowieso irgendwo gestohlen.’
So schnell er konnte rannte Bodie zu seinem Capri zurück. Während auch er mit durchdrehenden Reifen losfuhr, verständigte er bereits Cowley über die neuerliche Pleite und gab an die Verfolgung aufzunehmen. Aber bereits nach einigen Straßen, musste er einsehen, dass der Vorsprung des VWs bereits zu groß war. Er verständigte darüber Cowley noch mal:
„Ich habe sie verloren, Sir.“
„Verdammt, heute geht wohl alles schief. Murphy und Baker melden sich auch nicht, obwohl ich sie jetzt schon mehrfach angefunkt habe. Fahren sie erst mal dahin, und kommen sie bloß nicht wieder mit schlechten Nachrichten. Die kann ich heute nicht mehr gebrauchen.“
„Bin schon unterwegs, Sir.“

Bodie machte sich auf den Weg und obwohl kaum noch Verkehr herrschte brauchte er eine Viertelstunde bis zur CI5-Wohnung. Dort herrschte das reinste Chaos. Murphy und Baker waren am Heizungsrohr gefesselt und zusätzlich noch geknebelt. Beide sahen ziemlich mitgenommen aus. Aber von Baxter fehlte jede Spur.
Nachdem Bodie die beiden befreit hatte, verständigten sie mal wieder Cowley. Wieder mit einer guten und einer schlechten Nachricht.
„Murph und Baxter sind ok, das war die gute Nachricht.“
„Verschonen sie mich mit der schlechten. Ich kann es mir auch so denken. Verdammt noch mal, für was sind eigentlich die vielen Trainingsstunden bei Macklin? So unprofessionell haben sie sich alle ja noch nie aufgeführt.“ Und etwas ruhiger setze er dann hinzu: „Kommen sie jetzt erst mal ins HQ. Wir müssen jetzt überlegen, wie wir weiter vorgehen.“

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Doyle merkte bald, dass der Weg wieder zurück nach Darby führte. Er versuchte Brown in ein Gespräch zu verwickeln, aber der ließ sich auf nichts ein.
„Geben sie doch auf, sie werden so oder so nicht mehr sehr weit kommen. Meine Kollegen können eins und eins zusammenzählen und sind mit Sicherheit schon hinter uns.“
„Halt die Klappe und fahr weiter.“, war die einzige Antwort die Doyle zu hören bekam.
Kurz bevor sie den Ort erreichten, musste Doyle in einen schmalen Waldweg abbiegen. ‚Die führt zu dem alten Försterhaus, ob das überhaupt noch steht?’ Er überlegte, ob er Cowley davon erzählt hatte.
Sehr weit konnten sie den Weg nicht fahren. Es wurde von Meter zu Meter immer schlammiger. Das Auto drohte sich festzufahren. Nach ungefähr fünfhundert Metern war dann endgültig Schluss. Ein alter Baum hatte sich quer über den Weg gelegt. Die Straße schien schon seit langem nicht mehr befahren zu sein. Er überlegte kurz, ob er einfach noch einmal richtig Gas geben und dann den Baum rammen sollte. Aber auf dieser schlammigen Straße konnte er nicht genug Geschwindigkeit erreichen und außerdem bestand auch die Gefahr, dass er sich selbst dabei ernsthaft verletzen konnte. So blieb ihm nichts weiter übrig als den Wagen, wie von Brown angeordnet, ins Gestrüpp zu fahren. Doyle schaltete die Scheinwerfer aus. Er hoffte jetzt auf seine Chance, musste aber sofort einsehen, dass Brown an alles gedacht hatte. Fast gleichzeitig flammte das Licht einer Stabtaschenlampe auf.
„Aussteigen. … Wird’s bald.“ Brown war bereits ausgestiegen. „Nicht da lang. Du wirst wieder schön brav auf dieser Seite aussteigen.“
Doyle blieb nichts anderes über als wieder zu gehorchen. Notdürftig musste er anschließend den Wagen mit herumliegenden Zweigen und Blättern abdecken. Anschließend ging es zu Fuß weiter in Richtung des Försterhauses. Doyle vorn, Brown folgte kurz hinter ihm, stieß Doyle dabei mehrmals den Lauf der Pistole in den Rücken.

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Bodie, Murphy und Baker waren mittlerweilen im HQ angekommen. Cowley war noch immer ziemlich wütend. Da aber jetzt wichtigere Dinge anlagen, hob er sich seine Standpauke für später auf.

Murphy und Baker hatten noch eine weitere unangenehme Neuigkeit.
„Der Typ der uns überwältigt hat, das war nicht Brown.“, gab Murphy einen kurzen Bericht ab.
Cowley guckte nicht wenig überrascht: „Nicht Brown? Soll das heißen, dass Brown auch noch einen Komplizen hat? Das hat uns jetzt gerade noch so gefehlt.“
„Wahrscheinlich irgendein Knastkumpel, das sollte doch rauszukriegen sein.“, wandte Baker ein.
Cowley schaute auf seine Uhr: „Fast elf. Im Gefängnis werden sie über einen so späten Anruf nicht begeistert sein.“, damit hatte er bereits den Hörer in der Hand. Er musste rauskriegen, wer der Komplize war und was sie von diesem zu erwarten hatten.

Es dauerte einige Zeit, bis Cowley die erwünschten Informationen bekommen hatte. Zu seinen Mitarbeitern gewandt, wiederholte er:
„Also, der Komplize könnte Paul Starch sein. Der hat mit Brown die letzten drei Jahre in einer Zelle gesessen. Saß insgesamt fünfzehn Jahre wegen Raub. Genaueres konnte man mir im Moment auch nicht sagen.“
„Jetzt müssen wir nur noch rauskriegen, wo sich Brown und Starch verkrochen haben. Vielleicht gibt es ja irgendeinen Unterschlupf in der Nähe von Darby. Sowas sollte doch eigentlich Sam Jackson wissen?“, entgegnete Bodie darauf.
„Manchmal haben sie richtig gute Ideen, Bodie. Es ist zwar schon etwas spät, aber ich glaube Mr. Jackson wird uns da bestimmt weiterhelfen können.“
Also rief Cowley den ehemaligen Dorfpolizisten an. Der war über den nächtlichen Anruf zuerst auch nicht begeistert, als er aber hörte um was es ging, bot er gern seine Hilfe an. Nach kurzem Überlegen fiel ihm das alte Försterhaus ein:
„Das ist zwar schon ziemlich baufällig, aber als Unterschlupf für ein oder zwei Tage sicher bestens geeignet. Ziemlich weit ab von der Straße, wird sich kaum jemand einfach mal so hinverirren. Vor allem nicht nach dem vielen Regen in den letzten Tagen. Einen Versuch wär’s auf jeden Fall wert.“
„Könnten sie uns auch eine genaue Wegbeschreibung geben?“
„Lässt sich am Telefon schwer machen. Am besten wäre es, wenn sie erst einmal zu mir kommen, dann zeige ich es ihnen auf der Karte.“
„Ist wahrscheinlich die beste Lösung. Mir machen uns sofort auf den Weg. Vielen Dank, Mr. Jackson.“
„Nichts zu danken, wenn ich ihnen wenigstens so helfen kann.“

Mittlerweile waren auch die Agenten Wilde und Jefferson im HQ eingetroffen. Cowley unterrichtete die beiden während der Fahrt. Bodie, Murphy und Baker fuhren in einem weiteren Wagen vorneweg.

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Doyle ging den ganzen Weg vor Brown her. Mehrmals versuchte er ein Straucheln vorzutäuschen und damit Brown zu überwinden. Aber er hatte einfach nicht das Glück auf seiner Seite. Brown gab ihm nicht die Spur einer Chance. Der Weg führte durch viele Pfützen und viel Schlamm. Außerdem versperrten an einigen Stellen umgefallene Bäume den Weg. Nach ungefähr einem Kilometer wechselten sie auf einen Trampelpfad, der wohl eher vom Wild benutzt wurde, als von Menschen. Sie brauchten mehr als eine Stunde bis das Försterhaus sich dunkel im Mondlicht abzeichnete.

Als sie näher kamen, traute Doyle seinen Augen nicht. In der Nähe des Hauses stand bereits ein Auto. Das konnte doch nur bedeuten, dass Brown noch einen Komplizen hatte. Er sollte Recht behalten, denn kurz darauf trat ein weiterer Mann aus dem verfallenen Gebäude. Das war das letzte, was Doyle in diesem Moment sah, denn Brown hatte ihm die Pistole mit voller Wucht an den Kopf geschlagen. Doyle ging zu Boden. Er konnte auch nicht mehr erkennen, dass er neben Frank Baxter an einem der dicken Bohlen, die sich bereits aus der Zwischendecke gelöst hatten, gefesselt wurde.

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Es war bereits weit nach Mitternacht, als Cowley mit seinen Mitarbeitern in dem kleinen Ort ankamen. In den meisten Häusern war bereits kein Licht mehr zu sehen. Nur ein kleines Häuschen in der Mitte des Ortes war noch hell beleuchtet, das Haus von Sam Jackson. Dieser erwartete die Agenten bereits an der Haustür. Ohne viele Worte führte er die Agenten in das Wohnzimmer. Auf dem Tisch lag bereits eine Karte der Umgebung, der Weg bereits eingezeichnet. Schnell und geübt erklärte er ihnen den Weg zum Försterhaus.

Kurze Zeit darauf waren sie bereits auf dem Weg. Als sie in den Waldweg einbogen, zeigte Bodie auf die frischen Autospuren: „Wir liegen richtig. Wer sonst sollte sich mitten in der Nacht hierher verirren.“ Er informierte auch Cowley. Aber der hatte die Reifenspuren ebenfalls entdeckt.
„Ab hier fahren wir nur noch mit Standlicht weiter. Ich möchte nicht, dass die Gangster bereits gewarnt werden. Bodie, langsam fahren, wir machen das Licht ganz aus. Weiter geht’s.“
Einige Minuten später standen auch sie vor dem ungefallenen Baum. Bodie, der als erster ausgestiegen war, entdeckte kurze Zeit später das notdürftig getarnte Auto. Mit einem Blick ins Innere überzeugte er sich, dass niemand mehr da war. Und zu seiner großen Erleichterung war auch kein Blut zu entdecken. Das musste einfach bedeuten, dass Doyle noch lebte. Erst jetzt wurde ihm richtig bewusst, wie viele Sorgen er sich machte. Er und Doyle waren ein eingespieltes Team. Er konnte sich nicht vorstellen mit einem anderen Partner zusammenzuarbeiten. Mit einem Kopfschütteln wischte er die Gedanken bei Seite. Jetzt kam es darauf an, einen kühlen Kopf zu bewahren. Wenn Doyle noch lebte, dann war er hier in der Nähe und brauchte seine Hilfe.

Langsam folgten sie den deutlichen Fußspuren im Schlamm. Jackson hatte gesagt, sie sollten dem Weg ungefähr eineinhalb Kilometer folgen und dann scharf nach links abbiegen. Aber bereits nach einem Kilometer führten die Spuren in den Wald hinein.
„Die sind hier abgebogen.“, sagte Bodie als er seine Taschenlampe auf die Spuren richtete.
„Vielleicht ne Abkürzung?“, Murphy runzelte die Stirn.
Cowley kam heran: „Bodie, Murphy, Baker, sie drei werden diesem Weg hier folgen. Wilde, Jefferson, wir gehen den Weg den Jackson uns erklärt hat.“ Zu Bodie gewandt fügte er dann noch hinzu: „Sie werden vermutlich eher ankommen, als wir. Es wird nicht geschossen, ist das klar. So lange wir nicht wissen, wie viele Gangster es wirklich sind, ist die Gefahr für Baxter und Doyle zu groß, verstanden? Halten sie sich erst einmal zurück und beobachten sie das Gelände. Wenn wir ebenfalls angekommen sind, werden wir uns melden. Und jetzt los.“

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Baxter rüttelte eine ganze Weile an Doyle, bis dieser mit einem leisen Stöhnen wieder zu sich kam. Er hatte Kopfschmerzen. ‚Wahrscheinlich ne kleine Gehirnerschütterung.’ Es blieb ihm aber keine Zeit weiter darüber nachzudenken, jetzt war es erst mal wichtiger, sich irgendwie von den Fesseln zu befreien.
Baxter redete auf ihn ein: „Und was machen wir jetzt? Die werden uns bestimmt auch umbringen. Und wer ist dieser andere Typ?“
„Sei doch jetzt mal ruhig und lass mich nachdenken.“, Doyle war wütend auf sich selbst, dass er so leicht in die Falle getappt war. Aber auch diese Gedanken waren im Augenblick unnütz. Zu Baxter gewandt setzte er dann hinzu:
„Mein Chef wird sicher schon hier her unterwegs sein. Der kann eins und eins zusammenzählen. Wenn wir Glück haben, sind wir zum Frühstück schon wieder zu Hause.“
„Und wenn wir kein Glück haben?“
„Darüber will ich lieber nicht nachdenken.“
Doyle versuchte seine Hände in den Fesseln zu bewegen, musste aber leider einsehen, dass er da keine Chance hatte.
„Frank, kommst du irgendwie an meine Hosentasche ran? Hinten rechts, da hab ich ein Taschenmesser.“
„Ich kanns ja mal versuchen.“, aber auch dieser Versuch blieb erfolglos.

Zu weiteren Versuchen kamen sie erst gar nicht. Die Tür wurde geöffnet und Brown kam herein.
Mit einem Grinsen auf dem Gesicht sagte er zu den beiden: „Also wer von euch hat die Karte? Raus mit der Sprache.“
„Was für eine Karte?“, platzte es aus Baxter heraus.
„Stell dich nicht so dumm an. Die Karte die ihr damals bei Parker geklaut habt. Die gehört nämlich mir, ist das klar? Also?“, und breit grinsend fügte er dann hinzu: „Ihr habt sowieso keine Chance hier lebend wegzukommen. Steht nur die Frage, wie ihr euren Abschied nehmen wollt.“
In Doyles Kopf arbeitete es fieberhaft.
„Warum sind sie so sicher, dass wir die Karte haben. Wir waren damals zu fünft.“

„Weil ich sie nicht habe.“ In der Tür stand plötzlich ein weiterer Mann.
Doyle konnte ihn nicht richtig erkennen, aber er war sich sicher, dass es sich dabei um Jeffrey Cunning handelte. Nur so würden die letzten Sätze Sinn ergeben.
Deswegen fragte er: „Jeff?“
„Richtig erkannt, Doyle. Weißt du, so weit ich mich erinnern kann, warst du damals der erste, als wir diesen Abhang runtergeklettert waren. Da kann man doch vermuten, dass du was gefunden hast, was du uns nicht gezeigt hast. Das war nicht sehr anständig von dir.“
Cunning kam jetzt näher. „Weißt du, wir brauchen einfach den Plan. Wir haben nur die eine Hälfte. Damit kommen wir nicht sehr weit. Also, noch einmal die Frage. Wo ist die Karte?“
Weder Doyle noch Baxter antworteten auf die Frage. Beide hatten keine Ahnung, aber wenn es eine entsprechende Karte geben sollte, dann musste sie auch irgendjemand haben.
„Dann eben auf die harte Tour.“

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Bodie, Murphy und Baker mussten nicht sehr lange gehen, bis sich auch vor ihnen das alte Haus abzeichnete. Da sie mit einer oder vielleicht auch mehreren Wachen rechnen mussten, hielten sie sich zunächst in einiger Entfernung zurück. Bodie nahm sein RT und verständigte Cowley, dass sie bereits angekommen waren. Diese hatten aber erst die Abbiegung erreicht, es würde noch eine Weile dauern, bis auch sie in Position waren.

Bodie, Murphy und Baker warteten ungefähr eine viertel Stunde, bis das leise Rauschen des RTs wieder einsetzte. Wilde meldete sich bei Bodie: „Wir sind jetzt in Position, Bodie. Wo steckt ihr genau?“
Nachdem die Agenten sich über ihre gegenseitigen Position informiert hatten, fragte Bodie: „Wo steckt eigentlich Cowley?“
„Der hat uns vorgeschickt, wird aber sicher auch gleich ankommen. Wir sollen uns so lange noch ruhig verhalten und erst mal beobachten, kennst ihn ja.“

Fast im selben Moment hörten sie aus dem Haus einen Schuss, gefolgt von einem schmerzerfüllten Schrei. Bodie stockte der Atem. ‚Nicht Doyle, bitte nicht Doyle, heute ist schon zu viel schief gegangen.’
Murphy legte Bodie die Hand auf die Schulter: „Bleib jetzt ruhig. Nichts überstürzen.“
„Das sagst du so einfach, wir müssen handeln. Vielleicht ist…“ Auch ohne, dass er den Satz zu Ende sprach, wusste Murphy was er meinte.

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Cunning hatte ganz langsam seinen Revolver aus der Jackentasche geholt. Er setzte die Mündung bei Baxter auf dem linken Knie an und drückte ab. Baxter schrie auf, krümmte sich vor Schmerzen, so weit es sein gefesselter Körper zuließ.
„Das werden wir jetzt abwechselnd machen. Solange bis ich endlich weiß, wo die verdammte Karte ist.“
„Du bist verrückt, Jeff. Damit kommst du nicht durch.“, Ray zog jetzt wieder verzweifelt an seinen Fesseln. ‚Verdammt Bodie, wo bleibt ihr?’

Fast im gleichen Augenblick kam Paul Starch zur Tür herein.
„Was ist los?“, fauchte Cunning diesen an.
„Im Wald, da tut sich was. Ich habe was gehört, konnte aber nichts erkennen. Wollte euch nur informieren.“
„Und du bist sicher, dass es nicht nur ein paar Rehe oder Wildschweine waren?“
„Die sprechen nicht in ein Funkgerät.“
„Mach dich wieder raus, versuch rauszukriegen, wie viele da rum hängen. Aber sei ja leise dabei.“

Zu Doyle gewandt, setzte er dann hinzu: „Hätte gar nicht gedacht, dass deine Bullenfreunde so ausgeschlafen sind. Na egal, so lange wir dich als Geisel haben, liegen alle Trumpfkarten bei uns.“
Doyle war sich dessen überhaupt nicht so sicher. Er war zwar froh, dass Cowley im Anmarsch war, auf der anderen Seite wusste er aber auch, dass dieser mit den Gangstern keine Kompromisse eingehen würde. Wenn es hart auf hart kam, würde Cowley lieber einen Mann opfern. Aber das konnten die Gangster nicht wissen.

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Mittlerweilen war auch Cowley eingetroffen. Nach einer kurzen Verständigung mit Bodies Gruppe, robbten jetzt alle näher an das Gebäude heran. Plötzlich zeigte Bodie nach rechts in Richtung eines Gebüschs. Er konnte dort ganz deutlich einen Mann erkennen. Es war Paul Starch, der dort etwas suchte.
„Ob er uns bereits entdeckt hat?“, flüsterte Bodie leise.
„Kann sein, aber davon wird er nicht mehr viel haben.“, Murphy stand so leise, wie es im Unterholz nur möglich war auf und kurz darauf hatte er Starch auch schon überwältigt. Das ganze ging absolut lautlos vonstatten, so dass sie noch immer in der Hoffnung waren, dass im Haus keiner die Anwesenheit der CI5-Agenten mitbekommen hatte.

Genauso leise, wie er ihn überwältigt hatte, brachte er Starch zu Bodie und Baker. Angst machte sich in Starchs Gesicht breit, als er Bodies wütend funkelnden Augen sah:
„Raus mit der Sprache, Starch, was geht darin vor? Wie viele Gangster sind noch in dem Haus und vor allem, auf wen habt ihr da gerade geschossen?“
„Woher wissen sie meinen Namen?“
„Ich weiß noch ne ganze Menge mehr. Also was ist jetzt, du hast die Wahl, ich kann dir auch gleich hier ne Kugel durch den Kopf jagen, wenn dir das lieber ist.“
Starch fand seinen Mut wieder: „Das darfst du verdammter Bulle nicht.“
Bodie stand kurz vorm Ausrasten, wie immer wenn er als Bulle bezeichnet wurde. Murphys ruhige Stimme, rettete in diesem Moment Starch:
„Bleib ruhig Bodie, er ist es nicht wert.“, und zu Starch gewandt setzte er hinzu:
„Du hast die Fragen von meinem Kollegen gehört, also was ist? Wir beide können auch mal kurz woanders hingehen.“, dabei zeigte er auf Baker: „und dich mit ihm alleine lassen.“ Sein Finger zeigte jetzt auf Bodie. „Dann wird dir dein Grinsen sehr schnell vergehen. Ihr habt da drin nämlich seinen Partner und da reagiert er immer sehr eigen. Außerdem hast du dir mit der Bezeichnung ‚Bulle’ auch keine Pluspunkte eingehandelt. Wir sind nämlich nicht von der Polizei.“
Starch guckte jetzt von einem zum anderen, bevor er zum Sprechen ansetzte. Aber da nahmen die Ereignisse bereits eine andere Wendung.

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Plötzlich tauchten in der Tür des Försterhauses drei Gestalten auf. Bodie konnte nicht erkennen, um wen es sich handelte, sah aber deutlich, dass einem von ihnen eine Waffe an den Kopf gehalten wurde.
Die Stimme von Brown hallte durch die nächtliche Stille:
„Verschwindet, ihr Bullen, sonst liefere ich euch euren Kollegen in Einzelstücke.“
Rechts von sich hörte Bodie Cowley zurückrufen:
„Das werden wir unter Garantie nicht tun. Lassen sie ihre Geiseln frei und ergeben sie sich, das ist ihre einzige Chance lebend hier wieder wegzukommen.“
Kurz darauf schnarrte Bodies RT. „Sie schleichen sich vorsichtig näher. Murphy und Baker sollen noch in Deckung bleiben. Von dieser Seite her wird ihnen Jefferson zu Hilfe kommen.“
Und dann hallte Cowleys Stimme wieder in die Nacht hinaus:
„Hören sie Brown. Sie machen einen entscheidenden Fehler, wenn sie glauben, dass wir sie hier so einfach mit ihren Geiseln entkommen lassen. Daraus wird nichts. Wenn es sein muss kann ich dabei noch nicht einmal Rücksicht auf meinen Mitarbeiter nehmen. Also seien sie vernünftig und geben sie auf.“
„Sie bluffen doch nur.“, kam jetzt die Stimme von Jeffrey Cunning. Dabei schoss dieser einmal in die Richtung in der er Cowley vermutete. Die Kugel verfehlte ihr Ziel aber weit.

Zwischenzeitlich hatte sich Bodie bereits dem Haus auf ungefähr zwanzig Metern genähert. Er wollte versuchen, es von hinten her zu erreichen um dann überraschend zuschlagen zu können. Mittlerweile war er sich sicher, dass Doyle von den Gangstern herausgeschleppt worden war. Also war er unverletzt. Er wusste auch, dass Doyle mit einem solchen Überraschungsangriff rechnete.

Bodie erreichte das Haus ungesehen. Er staunte schon über den Leichtsinn der Gangster. Durch ein eingeschlagenes Fenster konnte er zunächst in den Raum sehen. Es war sehr dunkel. Aber er hörte das leise Stöhnen, das wohl von Baxter ausging. ‚Also haben sie auf Baxter geschossen. Hoffentlich sind wir nicht schon zu spät.’, ging es ihm durch den Kopf. Ganz vorsichtig ließ Bodie seine Taschenlampe aufleuchten, um sich im Raum näher umzusehen. Zu gern hätte er jetzt Jefferson angefunkt, aber dafür war das Risiko zu groß. Er könnte ihn verraten und damit in größte Gefahr bringen.

Bodie hörte plötzlich neben sich ein leises Geräusch. Blitzschnell hatte er seine Waffe in der Hand und ließ sich fallen.
„Alles klar, Bodie, ich bin’s nur.“, hörte er zu seiner Erleichterung Jeffersons Stimme.
„Hast du mir einen Schreck eingejagt.“ Er zeigte auf das Fenster. „Da drinnen liegt Baxter, er ist verletzt, wie schwer kann ich aber im Moment noch nicht sagen.“

Leise kletterten die beiden Agenten in das Haus. Sie fanden Baxter vor, der leise vor sich hin jammerte. Bodie untersuchte ihn kurz.
„Die verdammten Schweine haben ihm die Kniescheibe weggepustet.“, stellte Jefferson fest, der sich um den Verletzten kümmerte und ihm das Bein abband, um die Blutung zu stoppen.

Bodie sicherte in der Zwischenzeit den Raum. Er war sich sicher, dass niemand weiter als die beiden Gangster vor der Tür hier waren. Die Tür nach draußen war nur angelehnt. Bodie spähte vorsichtig hinaus. Den Stimmen nach zu urteilen, waren die Gangster immer noch mit Cowley am Verhandeln. Cowley hielt sie also hin.

Bodie ging zurück und verständigte Cowley darüber, dass sie im Haus waren und dass Baxter noch lebte. Cowley gab ihnen freie Hand. Sie sollten ihre nächsten Schritte selbst entscheiden.

Vorsichtig, damit er nicht über das Gerümpel im Haus fiel, ging Bodie zur Tür zurück.
„Ich wette ein Monatsgehalt, dass die Tür knarrt, wenn wir sie weiter öffnen.“, sagte Bodie zu Jefferson.
„Da würde ich nicht gegenhalten. Also müssen wir schnell handeln. Tür auf und die Gangster ausschalten muss eins sein.“
„Das wird nicht funktionieren. Es ist stockdunkel draußen. Ich kann im Moment noch nicht mal genau einschätzen, wer von den Dreien da vorn Doyle ist. Sie sind einfach zu weit entfernt.“
„Und was sollen wir deiner Meinung nach sonst tun?“
„Cowley muss ein Ablenkungsmanöver starten. Damit könnten wir vielleicht Glück haben. Doyle wird damit rechnen, dass wir in der Nähe sind und sich entsprechend verhalten.“
Die Absprache mit Cowley erfolgte kurz. Bodie schaute auf seine Uhr. In genau dreißig Sekunden sollte Murphy aus dem Unterholz auftauchen und die Aufmerksamkeit der Gangster auf sich ziehen. Gleichzeitig würden Bodie und Jefferson die Tür aufreißen. Es war ein gewagtes Unternehmen, aber wohl auch die einzige Chance, die Sache mit nicht noch mehr Blut zu beenden.

Bodie schaute wieder auf die Uhr: „Drei – Zwei – Eins – Los!“ Sie rissen die Tür auf. Jetzt ging alles ziemlich schnell. Die beiden Gangster waren einen Moment lang irritiert. Doyle hatte das Ablenkungsmanöver erkannt und ließ sich einfach da wo er gerade stand fallen. Brown hatte nicht mehr reagieren können, sein Schuss, den er trotzdem noch abgab, bohrte sich irgendwo in die Hauswand. Bodie konnte Brown ohne Mühe überwinden. Dagegen hatte Jefferson etwas mehr Mühe. Cunning hatte schneller reagiert als sein Kumpan. Er lief in Richtung Wald.
„Mach dich hinterher. Soll uns der Typ entkommen?“, schrie Bodie jetzt Jefferson an.
„Keine Panik, ich wette der kommt nicht weit, da vorn wartet nämlich bereits ein Empfangskomitee.“
Jetzt erst konnte Bodie sehen, dass Cunning genau in Cowleys und Wildes Richtung lief. Es dauerte auch nicht lange, bis sie die Rufe von Cunning hörten: „Lasst mich los, ihr verdammten Bullen.“ Aber dass hätte er genauso gut zu einen der Bäume im Wald sagen können.

Bodie half Doyle wieder auf die Füße. „Ist bei dir alles in Ordnung?“
„Im Großen und Ganzen schon, nur der Schädel brummt, wie nach ner drei Tage andauernden Sauftour.“
„Dann solltest du vielleicht ein bisschen kürzer treten, verträgst halt nicht mehr so viel.“, konnte Bodie wieder seine Witze machen.

Jefferson war damit beschäftigt, Brown zu einem handlichen Paket zu verschnüren, als die anderen Kollegen endlich aus dem Wald zu ihnen stießen.
„Na wenigstens mal etwas, das heute funktioniert hat.“, grummelte Cowley bereits wieder. Zu Jefferson gewandt fügte er dann noch hinzu:
„Wenn sie es nicht mehr schaffen, hinter einem Gangster herzulaufen, dann hilft nur noch eine gesonderte Trainingseinheit. Übrigens auch für die anderen anwesenden Herren hier.“

Brown drehte sich noch einmal zu Cowley um: „Für einen Bullen sind sie verdammt ausgeschlafen.“
Cowley lächelte ihn an: „Wer sagt denn, dass wir von der Polizei sind. Sie haben sich mit dem CI5 angelegt und hatten damit von Anfang an keine Chance.“

Jetzt bestand nur noch das Problem, wie man Baxter auf den schnellsten Weg in ein Krankenhaus bekam. Der Krankenwagen war schnell verständigt. Zum Glück gab es noch einen weiteren Weg, der zum Försterhaus führte und den der Krankenwagen nehmen konnte. Während Murphy und Wilde sich auf den Weg machten um die zurückgelassenen Wagen zu holen, erstattete Doyle seinem Chef Bericht.

Eines blieb dabei aber die ganze Zeit unklar. Wenn es diese andere Hälfte der Karte gab, wo war sie dann abgeblieben. Cowley kam ein Verdacht.
„Ich gehe mal davon aus, dass weder sie, Doyle, noch Baxter die Karte haben. Der ganze Aufwand hätte sich nicht gelohnt, wenn Taylor oder O’Reilly sie gehabt hätten. Also bleibt nur jemand, der nach ihnen als erster am Tatort war.“
„… und das war Sam Jackson.“, fiel im Doyle ins Wort. „Das ich da nicht schon eher darauf gekommen bin.“

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Am nächsten Morgen trafen sich die beteiligten CI5-Agenten noch einmal bei Cowley im Büro. Dieser wirkte trotz des nächtlichen Einsatzes schon wieder frisch und ausgeschlafen. Doyle hatte noch immer mächtige Kopfschmerzen, wollte es aber dem Chef gegenüber nicht zugeben.
„Waren sie schon beim Arzt?“, fragte ihn Cowley dann auch.
„Noch nicht, Sir. …“, er wollte noch etwas hinzufügen, aber Cowley fiel ihm ins Wort.
„Dann werden sie sich sofort auf den Weg dorthin machen. Im angeschlagenen Zustand kann ich sie hier nicht gebrauchen.“
Zu den anderen Agenten gewandt, setzte er dann breit grinsend hinzu: „Und nun zu ihnen meine Herren, in den letzten beiden Tagen ist eine ganze Menge schief gegangen. Deshalb ist es wohl mal wieder an der Zeit, dass sie sich bei Macklin melden. Habe sie bereits angemeldet. Macklin erwartet sie alle um Punkt zehn. Und wenn sie wieder fit sind Doyle, können sie sich gern anschließen. Um Sam Jackson werde ich mich übrigens alleine kümmern. Ich habe bereits mit ihm gesprochen, er hat tatsächlich das fehlende Puzzleteil. Aber jetzt spendier ich erst mal ne kleine Runde. Holen sie sich die Gläser aus dem Schrank. So ein kleiner Malt kann schließlich auch nicht schaden.“  

- ENDE -