Crazy For Love

von DieNatter
GeschichteDrama, Schmerz/Trost / P16
10.02.2014
26.08.2014
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Dieses Kapitel
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So, das hier ist meine erste Übersetzungsarbeit, ich hoffe sie gefällt euch :) Ich finde die Fic wirklich sehr gelungen und möchte sie daher mit den deutschen Fans teilen. Die Autorin habe ich natürlich vorher um Erlaubnis gefragt. Der Link zu der Originalgeschichte ist weiter unten verlinkt. Es wurde nicht gebetat, also gehören alle Fehler mir ^^ Ihr könnt mich gerne auf Fehler hinweisen oder Verbesserungsvorschläge schicken.
Viel Spaß beim Lesen!


Autor: prettyvk (http://prettyvk.tumblr.com)
Pairings: Sherlock Holmes/John Watson, Mary Morstan/John Watson

Charaktere: Sherlock Holmes, John Watson, Mary Morstan, OC, Mycroft Holmes, Greg Lestrade, Molly Hooper, Mummy (Sherlock)

Hinweise: Post-Reichenbachfall, Parentlock, Hinweise auf Kindesmissbrauch, Angst

Link zum Original: http://archiveofourown.org/works/1007697/chapters/1998533

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Anmerkungen:
Übersetzung ins Chinesische erhältlich: http://archiveofourown.org/works/1128997/chapters/2277198

Inspiriert von Voodooling auf Tumblr (http://voodooling.tumblr.com/) Wenn ihr tolle Fanarts von Sherlock sehen wollt, solltet ihr sie mal auschecken!

Die Unterscheidung zwischen Kindern und Erwachsenen, wenn auch nützlich für manche Zwecke, ist im Grunde genommen trügerisch, habe ich das Gefühl. Es gibt nur verschiedene Egos, verrückt nach Liebe.
~ Machiavelli, Der Prinz


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Kapitel 1: Der Prinz


Es beginnt mit fünf Worten.

„Ist mein Vater wirklich tot?“

Oder vielleicht endet es so.

Es war jedenfalls, als er diese fünf Worte hört, dass es Sherlock dämmert: Der Mann, der neben ihm liegt ist, in der Tat, tot. Keine sehr schwer feststellbare Tatsache; immerhin befanden sich Sherlocks Hände nur Sekunden zuvor an seinem Schädel und das Splittern seines gebrochenen Genicks hallt durch jeden einzelnen von Sherlocks Fingern, durch seinen Arm, seinen gesamten Körper. Oder aber es war der Schmerz des Pistolenschusses, der ihn immer noch durchfuhr. Vielleicht war es eben dieser Schmerz, der sein Gehirn verlangsamt, das Offensichtliche schwer zu begreifen macht.

Sherlock schließt seine Augen, fokussiert seinen Verstand, bis der Schmerz nur noch ein dumpfes Echo in seiner Seite ist und listet dann die wesentlichen Fakten auf.

Fakt #1. Sebastian Moran - der Letzte von Moriartys beauftragten Scharfschützen,  das allerletzte Stück seines Imperiums - ist tot.

Fakt #2. Sherlock ist verwundet, aber nicht in einem solchen Ausmaß, als dass sein Leben in Gefahr wäre. Er wird wahrscheinlich in der Lage sein sich selbst zu verarzten. Er ist recht gut darin geworden in den letzten drei Jahren.

Fakt #3. Eigentlich muss Sherlock sich nicht selbst versorgen. Er könnte in ein Krankenhaus gehen. Oder sogar nach der Hilfe von einem Freund fragen, der sich mit der Pflege von Schusswunden gut auskennt. Er könnte. Es ist jetzt vorbei. Er braucht sich nicht mehr zu verstecken.

Fakt #4. An John’s Tür zu klopfen, um zwei Uhr morgens, nachdem er drei Jahre vorgetäuscht hat, tot zu sein, bedeckt mit Blut und sich bereits formenden Blutergüssen - und obendrein einer Schusswunde in seiner Seite – wäre vielleicht nicht das Klügste, das er im Moment tun kann. Eventuell sollte Sherlock sich erst zurechtmachen.

Fakt #5. Es schaut ein Kind auf ihn herunter. Vermutlich dasselbe Kind, welches gefragt hat, ob sein Vater tot ist. Das ist… eher unerwartet. Und ungelegen.
Sherlock ist schonungslos gewesen als er seine Beute durch Europa, Thailand, Brasilien – und schließlich zurück nach London verfolgte. Er ist vielen Männern gegenübergetreten – und mehr als ein paar Frauen - die definitiv nicht auf der Seite der Engel standen. Aber der dunkelhaarige Junge, der von der Kante eines Zwischengeschosses direkt über ihm hinunter späht, ist das erste Kind auf das er stößt. Und offensichtlich tötete Sherlock seinen Vater vor seinen Augen.

Nicht ganz so gut, Sherlock.

Er schüttelt unwillkürlich den Kopf bei der Erinnerung dieser vertrauten Stimme. Er hat sie durchaus einige Male gehört seit dem Tag im Bart’s, als er John’s tatsächliche Stimme zum letzten Mal vernahm. Manchmal reicht sie sogar aus, um seine Pläne umzuwerfen. Jetzt gibt es allerdings nicht viel, das er ändern könnte.

„Haben Sie mich gehört?“, erkundigt sich das Kind, stirnrunzelnd. „Haben Sie eine Gehirnerschütterung? Antworten Sie deswegen nicht? Er hat Sie ziemlich hart auf den Kopf geschlagen. Er schlug immer sehr hart zu.“

Ein Gähnen unterdrückend, setzt Sherlock sich auf und stellt sich dann hin. Er schaut vorsichtig nach oben. Von seiner Position aus kann er nicht viel mehr als das Gesicht des Jungen erkennen: Er liegt auf dem Boden, seine Arme an die Kante des Zwischengeschosses gepresst, seine Augen aufgeweckt, während er Sherlock beobachtet. Er kann nicht älter sein als… Zehn? Elf vielleicht?

„Ja, er ist tot“, antwortet Sherlock ruhig, sein Blick zwischen Moran und dem Kind hin und her huschend.

Er kann nicht viel Ähnlichkeit feststellen. Schwer zu glauben, dass die beiden verwandt sind. Das Aussehen ist nicht immer zuverlässig in Sachen Elternschaft aber-

„Ich meinte nicht Sebastian.“ Der Junge verdreht seine Augen. „Ich kann zweifelsohne erkennen, dass er tot ist. Der Winkel seines Halses macht es ziemlich offensichtlich. Ich fragte nach meinem Vater.“

Sherlock ist es nicht gewohnt, dass man mit ihm redet, als sei er außerordentlich träge. Er ist es ebenfalls nicht gewohnt, seinen Hals recken zu müssen, um jemanden anschauen zu können. Besonders Gefallen findet er an keinem von beidem. Unter der Jacke eine Hand an seine Seite gepresst, geht er zur Leiter, welche zur Zwischenetage führt.

„Wenn man bedenkt, dass ich keine Ahnung habe, wer du bist“, erklärt er, während er die Leiter hochsteigt, „wäre es eher schwierig für mich, Vermutungen über die Gesundheit deiner Verwandten anzustellen.“

Als Sherlock oben ankommt, sitzt das Kind im Schneidersitz auf dem Boden, sein Rücken auffällig gerade und mit beiden Händen einen Knöchel umklammernd. Seine Jeans sind zu kurz und entblößen Haut zwischen dem Saum und seinen ausgeleierten Socken; alte Blutergüsse lugen hervor, die sich bereits Gelb verfärben. Sein Pulli andererseits, ist zu weit, fällt über seine Handgelenke und versteckt seine Beleibtheit.

Er runzelt wieder die Stirn, stärker als zuvor. „Sie sind noch nicht dahinter gekommen wer ich bin?“ Er klingt fast enttäuscht. „Vater sagte, Sie seien der klügste Mensch, den er kannte. Wie können Sie nicht wissen, wer ich bin? Ich sehe sogar aus wie er. Sebastian sagte das immer.“

Ärger flammte in Sherlock auf: Ärger, dass sein Verstand von einem Kind in Frage gestellt wird, Ärger, dass er, nein, noch nicht dahinter gekommen ist, was so offensichtlich sein soll – und dann, Ärger, als er es endlich versteht, dass es so lang gedauert hat.

„Ja“, bemerkt er scharf. „Dein Vater ist tot.“

Das Kind reagiert mit nicht mehr als einem Blinzeln. Bald darauf fragt er: „Sind Sie sicher? Sebastian hat angemerkt, dass Sie dort waren. Waren Sie? Haben Sie es getan? Er wollte mir nicht sagen wie Vater gestorben ist, also dachte ich, vielleicht hat er es vorgetäuscht. Wie Sie. Sebastian wusste nicht, dass Sie es vortäuscht haben, aber ich dachte, es könnte sein.“

„Ich war dort“, entgegnet Sherlock. „Ich habe es nicht getan. Und ja, ich bin sicher.“

Er ist drauf und dran zu erklären, dass er eine klare Sicht darauf hatte, als Moriarty die Pistole in seinen Mund nahm und den Abzug drückte, aber die Erinnerung von Johns Stimme stoppt ihn. Nicht gut? Warum nicht? Der Junge hat gefragt. Die Wahrheit ist am besten in diesem Fall, wie in den Meisten. Dinge vor ihm zu verstecken macht wenig Sinn.

Und dennoch geht Sherlock nicht näher darauf ein. Stattdessen beobachtet er mit leichter Neugier, wie die angespannten Schultern des Jungen sich ein wenig entspannen, wie in Erleichterung, und er flüstert leise: „Oh, gut. Das ist auf jeden Fall gut zu wissen."

Das ist… nicht die Reaktion die Sherlock erwartet hätte, hätte er überhaupt irgendetwas erwartet.

Das Kind richtet sich auf, seine Hand zu Sherlock ausgestreckt.

„Ich heiße James“, verkündet er ernst. „Schön Sie kennen zu lernen, Mr. Holmes. Ich habe alles über Sie gehört.“

Ein weiterer Schwall von Erinnerungen kommt in ihm zum Vorschein. Auf dem Dach, bevor er sich erschoss, reichte Moriarty Sherlock seine Hand. Sherlock zögert, seine Augen scannen die Gestalt des Jungen nach einer Waffe ab. Schließlich bietet er vorsichtig seine Hand an und erinnert sich auf halber Strecke, dass sie blutverschmiert ist. Das scheint das Kind nicht zu stören, welches Sherlocks Hand nimmt und sie stark schüttelt, als hätte er gesehen wie es gemacht wird, es aber nie selber gemacht.

„Sie bluten“, bemerkt er, lässt Sherlocks Hand los und starrt auf das trocknende Blut, das auf seine Handfläche übergegangen ist. „Ich kann helfen.“

Und erneut, falls Sherlock irgendetwas erwartet hätte, dann nicht das hier. Während er zuschaut, wie James zum einzigen Möbelstück auf dem Balkon – einem Bett – eilt und sich daneben hockt, hebt er eine Hand an seinen Hinterkopf. Er zuckt zusammen, als er findet, wonach er gesucht hat. Dort ist eine deutliche Beule, wie auch getrocknetes Blut. Hat er eine Gehirnerschütterung, wie James vermutete? Es würde auf jeden Fall erklären, warum er sich im Moment so träge fühlt.

Entweder das, oder die drei Jahre, in denen er sein Hirn nie ausgeschaltet hat, holen ihn langsam ein.

James hat einen kindergroßen Reisekoffer unter dem Bett hervorgeholt und legt ihn auf die zerwühlten Laken. Er macht ihn auf. Es ist nicht viel darin verstaut, soweit Sherlock sehen kann. Die Ecke eines Buches lugt unter der fein säuberlich gefalteten Kleidung hervor. Die Hälfte des Platzes nimmt ein weißer Koffer mit einem roten Kreuz auf der Seite ein. Diesen holt James heraus.

„Ich habe nicht viel Erfahrung mit Nähten“, merkt er an, „aber ich kann Wunden sehr gut sauber machen. Und ich bin auch ganz okay mit Verbänden.“

„Sehr gut säubern“, erwidert Sherlock abwesend, während er zusieht, wie die kleinen Hände über einer Tube wasserlosen antibakteriellen Schaums arbeiten. „Säubern, nicht sauber machen.“

James erstarrt. Drei Herzschläge lang verharrt er absolut still und antwortet dann mit einer fast tonlosen Stimme: „Ja, Sir. Ich kann Wunden sehr gut säubern.“

Er bewegt sich noch immer nicht, seine Atemzüge flach und leise, als könnte er unsichtbar werden, indem er bewegungslos und leise ist. Sherlock verzieht sein Gesicht. Das erklärt, warum James einen Erste Hilfe Kasten hat und warum er angeblich so gut darin ist, Hilfe zu leisten. Übung an sich selbst neigt dazu ein exzellenter Ansporn zu sein, besser zu werden, wie Sherlock es selbst schon erfahren musste.

Sollte er etwas sagen? Was sagen? Bis auf eine namhafte Ausnahme haben Leute es nie zu schätzen gewusst, wenn er preisgab, dass er etwas Wichtiges und Persönliches über sie wusste. Er kann sich nicht vorstellen, dass es bei einem Kind anders sein würde.

„Ich bin sicher, deine Fähigkeiten sind ausgezeichnet für jemanden in deinem Alter“, sagt er, sich abwendend, „aber ich werde mich selbst versorgen.“

Er steigt die Leiter wieder hinunter. Zurück im Erdgeschoss von dem, was einmal eine Fabrik gewesen ist, aber in einen Wohnbereich für Kriminelle auf der Flucht umgebaut wurde, wirft er einen Blick auf die Leiche und holt das Einweg-Handy aus seiner Lederjacke. Er wird froh sein, auf ein Gerät umsteigen zu können, mit dem Tippen nicht so mühsam ist. Und er wird froh sein, wieder in einen anständigen Mantel schlüpfen zu können.

Froh, sein altes Leben zurückzubekommen, Punkt.

Es ist getan.

Er hält inne vor dem Senden und fügt, zum ersten Mal seit 3 Jahren, zwei Buchstaben zu der Nachricht hinzu. Sie sind unnötig, wie immer, aber es ist sonderbar angenehm, sie auf dem Bildschirm zu sehen.

SH

Als er auf die Antwort wartet, die nicht allzu lang dauern sollte, ungeachtet der Zeit, veranlassen Geräusche hinter ihm, ihn dazu, sich umzudrehen. James kommt die Leiter herunter, sein Vorankommen kaum durch die Tatsache behindert, dass er seinen Reisekoffer in einer Hand trägt. Er hat das offensichtlich schon mal gemacht.

„Wohin gehst du?“, fragt Sherlock, als James den Boden erreicht.

Nun weiße Sneaker, sowie einen offenen Parka über seinem Pulli tragend, wirft James Sherlock einen verwirrten Blick zu. „Naja, mit Ihnen“, sagt er, als wäre es die offensichtlichste Sache auf der Welt.

„Nein wirst du nicht. Wer kümmert sich um dich?“

James dreht sich mit hochgezogenen Augenbrauen vielsagend zu Morans Leiche. Sherlock verdreht seine Augen.

„Außer ihm. Hast du eine Nanny? Babysitter?“ Er will 'Eltern' sagen, weiß aber bereits eine Hälfte der Antwort und verbessert: „Eine Mutter?“

James zuckt die Achseln. „Wenn Sie Sebastian als meine Nanny oder meinen Babysitter bezeichnet hätten, hätte er das überhaupt nicht gemocht. Und ich nehme an, ich habe eine Mutter, ja. Jeder hat eine, oder?“

Sein Tonfall macht deutlich, dass er die Frau, die ihn geboren hat, niemals getroffen hat. Sherlock will ihn gerade fragen, ob er irgendwas über sie weiß, als sein Handy klingelt. Kein Text, sondern ein wirklicher Anruf. Er ist nicht überrascht.

„Mycroft“, sagt er, als er annimmt.

„Sherlock“, vermerkt Mycroft am anderen Ende der Leitung. „Du hast dir Zeit gelassen.“

Ein schiefes Lächeln stiehlt sich auf seine Lippen. Wenn es nach ihm ginge, hätte er all das vor seinem Bruder geheim gehalten, aber unglücklicherweise benötigte er, ein paar Wochen danach, Mycrofts Unterstützung. Seitdem hat Mycroft, jedes Mal wenn sie in Kontakt waren, seine Hilfe angeboten, den Vorgang zu beschleunigen – und jedes Mal hatte Sherlock abgelehnt.

„Hatten wir diese Diskussion nicht schon?“, erwidert er mit einem Seufzer. „Ich musste das alleine machen.“

„Nein, du wolltest das alleine machen. Das ist etwas anderes.“

„Wir einigen uns darauf, dass wir uns darin uneinig sind. Nicht, dass es jetzt noch eine Rolle spielen würde.“

In seinen Gedanken kann er Mycroft seinen Kopf ganz schwach neigen sehen, den Punkt zugestehend.

„Wir haben deinen Standort“, berichtet Mycroft. „Ich habe Leute auf dem Weg. Ich nehme an, du benötigst jemanden, der hinter dir aufräumt?“

„Nur eine Leiche und…“

Sherlocks Blick fällt auf James, welcher der Konversation lauscht, eine Hand so fest um den Griff seines Koffers geklammert, dass seine Fingerknöchel weiß werden. Seine andere Hand ist an seinem Mund und er nagt mit seinen Zähnen an seinem Daumennagel. Als er bemerkt, dass Sherlock zu ihm schaut, erblasst er und senkt die Hand an seine Seite.

„Und was?“, fragt Mycroft scharf. „Bist du verletzt? Brauchst du –“

„Mir geht es gut“, fällt ihm Sherlock ins Wort. „Aber wenn du so freundlich wärst, mich ins Leben zurückzuholen, würde das sicherlich einige Dinge vereinfachen.“

Er bemüht sich nicht, Mycroft zu ermahnen, welchen Part er in all diesem Durcheinander gespielt hat. Er ist sicher, sein Bruder erinnert sich sehr gut daran, dass er es Sherlock schuldig ist. Irgendwann wird Mycroft glauben, seine Schuld ganz beglichen zu haben, aber bis dahin beabsichtigt Sherlock, allen Vorteil daraus zu ziehen.

„Es ist bis zum Mittag erledigt. Schreib mir, wo ich es hinsenden soll.“

„Werde ich.“

Als Sherlock auflegt und das Handy einsteckt, wird er von Zweifeln ergriffen – und wenn er sich an diesem Punkt  selbst anzweifelt, ist das definitiv ein weiteres Häkchen in der 'Mögliche Gehirnerschütterung – Spalte'.

Er sollte das Kind hier lassen, damit sich Mycrofts Leute um ihn kümmern. Sie können vermutlich rausfinden, ob er lebende Verwandte hat und ihn entweder an sie übergeben oder ihn irgendwo anders unterbringen. Allerdings ist es nicht irgendein Kind. Es ist Moriartys Kind. Sherlock hatte viele Fragen und selbst das Auseinandernehmen des Imperiums dieses Mannes hat ihm nicht alle dieser Fragen beantwortet. Und nach alldem, wenn James immer noch mit ihm kommen will… warum nicht?  Wenn Moriarty ihm „alles“ über Sherlock erzählt hat, was hat er noch gesagt? Und an wie viel erinnert sich das Kind noch, drei Jahre nach dem Tod seines Vaters?

„Du solltest wissen, dass ich keine geduldige Person bin“, verkündet er  nachdem er James genau beobachtet hat. „Ich werde keine dummen Fragen beantworten. Manchmal brauche ich komplette Stille. Ich weiß nichts über Kinder. Ich koche nicht. Ich werde wahrscheinlich vergessen, dass du Bedürfnisse hast, also musst du dich um dich selbst kümmern. Ich komme und gehe zu jeder Stunde und da ich kein Kind in der Nähe meiner Experimente zurücklasse, musst du mitkommen wann immer ich auch gehe, bis ich einen Babysitter arrangieren kann.“

In seinem Hinterkopf weiß er bereits, dass Mrs. Hudson das Kind verwöhnen wird. Aber nein, James wird nicht so lange bei ihm bleiben. Nur ein paar Tage, gerade lang genug, um ein paar Antworten zu bekommen.

„Heißt das, ich kann mit Ihnen kommen?“, fragt James aufgeregt. Seine Lippen zucken, obwohl er nicht lächelt. Seine Augen werden ein bisschen größer, ein bisschen fröhlicher. Wie schlimm muss es wirklich gewesen sein, dass er so froh ist, mit der Person mitgehen zu können, die gerade seinen Aufpasser getötet hat?

Sherlock stößt einen tiefen Seufzer aus. „Ich denke schon. Wir sollten besser verschwinden, bevor Mycrofts Leute auftauchen.“

Er geht in Richtung Ausgang. James rennt, um aufzuholen, sein Koffer hüpft auf seinen Rädern hinter ihm.

„Vater war einmal eine lange Zeit weg“, sagt er. „Als er wiederkam, hat er mir von Ihrem Bruder erzählt.“ Und nach einer Pause: „Sind Sie wirklich sicher, dass er tot ist? Vielleicht hält Ihr Bruder ihn wieder gefangen.“

Dieser Leckerbissen ist für später vermerkt. Nicht, dass es Sherlock kümmert, was ein toter Mann einmal über seinen Bruder gesagt hat, aber er ist neugierig. Für jetzt, blickt Sherlock nur auf James herunter.

„Noch etwas, das du wissen solltest“, sagt er. „Ich kann es nicht leiden, wenn ich mich wiederholen muss. Du hast bereits gefragt, ob ich mir sicher bin und ich habe bereits geantwortet, oder?“

James starrt auf seine Füße und fällt ein wenig zurück. Sherlock lässt ihn. Sie erreichen die Straße. Es ist leise und menschenleer und wenig deutet darauf hin, dass nur drei Straßen weiter Londons Herz so schnell und so laut schlägt wie eh und je. Er plant in seinem Geist den besten Weg zurück zu seiner Wohnung, unter Berücksichtigung des Schmerzes, der von seiner Seite ausstrahlt, die kurzen Beine hinter ihm, die fünf Schritte für zwei von seinen benötigen und die Notwendigkeit versteckt zu bleiben… und dann dämmert es ihm erneut. Diese Notwendigkeit ist verschwunden. Er kann das erste Taxi nehmen, das sich anbietet. Oh, wie er Taxis vermisst hat … Solch eine Kleinigkeit und doch …

Stirnrunzelnd blickt er zurück. Nun sind es drei Schritte für jeden von seinen; anscheinend rollt der Koffer nicht allzu gut auf dem unebenen Asphalt.

„Gib ihn mir“, verlangt er, seine Hand ausstreckend.

James‘ Augen weiten sich unmerklich. „Ist schon okay“, entgegnet er schnell. „Ich kann ihn tragen. Ich verspreche, er ist überhaupt nicht zu schwer.“

Irgendetwas liegt in seiner Stimme, eine Angst, die Sherlock in Sekunden analysieren würde, wäre er nicht so verdammt müde. Aber er ist nun mal müde und ungeduldig nach Hause zu kommen.

„Komm schon. Du kannst schneller laufen, wenn du nicht das Ding hinter dir herziehen musst.“

James‘ Kiefer spannt sich sichtbar an. Er schluckt schwer, nuschelt leise: „Ja, Sir“, und übergibt den Griff Sherlock. Allerdings lässt er ihn nicht los und fragt mit einer ebenso leisen Stimme: „Darf ich das Buch rausnehmen? Es ist nur… ich habe es noch nicht zu Ende gelesen. Ich verspreche ich werfe es auch weg, wenn ich fertig bin.“

Sherlock runzelt die Stirn. Warum ist jedes zweite Wort aus dem Mund dieses Kindes ein Rätsel? Er mochte Rätsel noch nie. Er hat bis jetzt noch nicht gelernt, sie zu mögen.

„Warum solltest du…“

Und dann versteht er es. Gott, er ist so langsam heute. Schrecklich.

„Ich frage nach deinem Koffer, um ihn für dich zu tragen“, erklärt er ruhig. „Ich bin müde, ich möchte nach Hause, der Koffer macht dich langsamer, es ist nur logisch, dass ich ihn trage, damit du schneller läufst."

Etwas flackert in James Augen auf: Zweifel vielleicht? Verwirrung? Er gibt endlich den Griff frei. Sherlock schiebt ihn runter, lässt ihn einrasten und kippt den Koffer auf die Seite, um den Tragegriff zu packen. Als er weitergeht, läuft James schneller und bleibt an seiner Seite.

Weil er ihn offen gesehen hat, weiß Sherlock, dass nicht viel im Koffer ist, aber trotzdem fühlt er sich noch außergewöhnlich leicht an. Eine begrenzte Anzahl an Besitztümern, schnell verstaut, wenn es nötig war. James‘ Gewissheit, dass sie ihm weggenommen werden, wenn sie eine Behinderung sind. Seine Akzeptanz dieser Tatsache… Man kann sich zusammenreimen, dass James schon zuvor von einem Platz zum nächsten geschleppt wurde und auf die harte Tour gelernt hat, dass zu langsam sein Konsequenzen hat.

„Welches Buch?“, erkundigt Sherlock sich, als sie die Straße weiter entlanggehen; die Lichter sind bereits heller, die Verkehrsgeräusche nehmen zu, auch zu so später Stunde.

„Wie bitte?“, fragt James.

„Welches Buch hast du noch nicht zu Ende gelesen?“

„Oh. "Der Prinz" von –“

„Machiavelli“, ergänzt Sherlock nachdenklich. „Wie alt bist du?“

„Zwölf, Sir.“

Zwölf. Und liest Machiavelli. Interessant.

„In Italienisch?“

„Ja, Sir.“

Sehr interessant.

Als sie zu einer belebten Straße gelangen, stellt Sherlock zufrieden fest, dass seine Fähigkeit, Taxis herbeizurufen, immer noch intakt ist. Er steigt ein, James direkt hinter ihm.

„Wer hat das Buch für dich ausgesucht?“, fragt Sherlock, nachdem er die Adresse an den Taxifahrer weitergegeben hat. Er hätte beinahe Baker Street gesagt. Noch nicht, aber bald.

„Es gibt eine Liste mit allen Büchern, die ich lesen darf. Sebastian hatte sie.“

Sherlock nickt abwesend. Eine Liste, offenbar von Moriarty zusammengestellt. Und natürlich würde „Der Prinz“ auf ihr stehen.

„Da es jetzt keine Liste mehr gibt“, erkundigt sich James nach ein paar Sekunden, „heißt das, ich kann andere Bücher lesen?“

Sherlocks Gedanken schweifen zu seiner Buch Sammlung. „Der Prinz“ ist natürlich dabei – allerdings in Englisch, nicht in Italienisch. Es gibt ein paar andere Bücher, die für einen Zwölfjährigen geeignet wären. Das einzige Problem ist, dass alle diese Bücher derzeit in Verwahrung sind, sie wurden zusammen mit dem Rest von Sherlocks Besitztümern in Mycrofts Obhut übergeben.

„Ich wüsste nicht, warum nicht“, antwortet er abwesend auf James‘ Frage.

„Danke, Sir.“

Die Leidenschaft in seinen Worten überrascht Sherlock, besonders da er Sherlock wohl kaum Zugang zu neuer Literatur versprochen hat, sondern nur bekundet hat, dass er von der Idee nicht abgeneigt ist. Er blickt auf den Jungen und findet ihn lächelnd. Von dem, an was er sich erinnern kann über normale Zwölfjährige, von den endlosen Tagen, die er in der Schule sitzen und an Langeweile sterben musste, sind Teenager gewöhnlich nicht so enthusiastisch bei der Vorstellung von Lesen. Dann wiederum, keiner der Gleichaltrigen fand Gefallen an politischen Abhandlungen in ausländischen Sprachen, bis zum dem Punkt, an dem sie darum baten, sie fertig lesen zu dürfen.

„Kein Grund für „Sir“. Du kannst mich Sherlock nennen.“

„Ja Sir“, entgegnet James sofort und verzieht dann sein Gesicht. „Ich meine Sherlock. Tut mir leid Sir. Sherlock.“

Sherlock wendet sein Gesicht dem Fenster zu, um ein Lächeln zu verstecken. Es ist eine Weile her, seit er zuletzt ein Taxi mit jemandem geteilt hat. Er könnte sich leicht wieder daran gewöhnen.