Chance Encounters

von - Leela -
GeschichteAllgemein / P12
Gene Graf Freeze Kelpi
09.02.2014
17.05.2014
2
9469
 
Alle Kapitel
noch keine Reviews
Dieses Kapitel
noch keine Reviews
 
 Datenschutzinfo
 
 
Dies ist mein Beitrag für Runde 2 des Wettbewerbes »Unmögliche Begegnungen« von Rhylai.

Die Vorgaben:
● Madame Toutout und der kopflose Reiter begegnen sich in kurzer Kleidung auf einem zugefrorenen See und dürfen sich innerhalb der ersten 500 Wörter nicht berühren. Außerdem dürfen sie zu keinem Zeitpunkt ineinander rutschen oder Ähnliches.
● Der OneShot muss im Sommer spielen, die Jahreszeit darf nicht wechseln. Es müssen die ganze Zeit über sommerliche Temperaturen herrschen.
● Zudem muss es eine Begründung geben, wieso der See zugefroren ist. (Ein einfaches: "Es war dreißig Grad und der See war zugefroren." ist also nicht erlaubt!) .
● Auch muss eine Katze, die am oder im See festgefroren ist, eine Rolle spielen (d.h. erwähnen reicht nicht!) .
● Zudem sollen die Fragen: "Warum rutscht die Oma mit ihrem Gehstock nicht aus?" und "Wer hat den Blumenkranz geflochten?" beantwortet werden.
● Der OneShot hat keine Wortgrenze, das Setting in einem komplett alternativen Universum (z.B. Harry Potter ohne Zauberer) ist verboten. Alternative Handlungsverläufe (zum Canon) sind natürlich erlaubt.

Anmerkung: Geschrieben wie gewohnt nach alter Rechtschreibung! ^^

Viel Spaß dabei!


________________________________________________________________________________________________________




Die Quelle der Inspiration

Es war ein sonniger Tag, und entsprechend war viel los am unteren See, dem »Lac Inférieur« in der »Bois de Boulogne«, einem Waldpark im Westen von Paris. Familien waren mit ihren Kindern dort, um den sonnigen Tag zu genießen, Pärchen nutzen den schönen Tag gemeinsam am Ufer, Leute gingen mit ihren Hunden spazieren, – und auch die Presse war vor Ort. Anlaß hierfür war die kommende Ausstellung im berühmten Pariser Wachs-Museum mit dem Titel »Paris aus Wachs«, in welcher unter anderem die Stadt in einem großen Wachsmodell gezeigt werden sollte. Das Projekt, das sich neben dem zentralen großen Pariser Modell mit dem Eiffelturm - dem Wahrzeichen der Stadt - aus mehreren kleinen Szenerien zusammensetzte, stammte von keiner geringeren als der berühmten Wachsfigurenmodelliererin Virginie Toulet, besser bekannt unter dem Künstlernamen »Madame Toutout«.
      Die Künstlerin wischte sich den Schweiß von der Stirn, während sie sich den Fragen der Reporter stellte. Sie hatte extra heute ein kurzes, legeres Kostüm angezogen, um nicht in der Pariser Sonne zu zerfließen.
      „Madame Toutout, woher nehmen Sie Ihre Inspiration?“ fragte einer der Reporter gerade.
      „Oh, das ist einfach: Von überall her!“ antwortete sie. „Dazu reicht es zum Beispiel, mit offenen Augen durch den Alltag zu gehen.“
      „Wie sind Sie auf Ihr neuestes Projekt gekommen?“ wollte ein Journalist von der anderen Seite wissen, während Kameras blitzten, und sogar ein Fernsehteam das Interview filmte.
      „Nun, ich habe nach einer neuen Herausforderung gesucht.“ erklärte die Museumsbesitzerin, die sich sehr konzentrieren mußte, um nicht den Überblick bei den vielen Reportern zu verlieren. „Nachdem ich so viele berühmte Persönlichkeiten modelliert habe, dachte ich mir, ich wage mich mal an Landschaften, und was wäre da naheliegender, als mit meinem geliebten Paris zu beginnen?“
      „Die Sonderausstellung »Paris aus Wachs« wird für genau sechs Wochen laufen. Kann man die Projekte anschließend weiterhin in Ihrem Wachsfigurenkabinett begutachten?“ erkundigte sich ein weiterer Reporter aus der Mitte der Menge.
      „Naturellement!“ erwiderte Virginie. „Ein Raum wurde bereits extra dafür vorbereitet. Im Anschluß an die Sonderausstellung wird das Projekt ebenfalls zu den normalen Eintrittspreisen, die ich nur ein wenig anpassen werde, im Museum zu sehen sein.“
      „Madame Toutout, sagen Sie uns…“
      Die Stimmen traten langsam in den Hintergrund, wenn man sich als zufälliger Besucher weiter um den See herumbegab, wo andere Personen und Geschöpfe ihren eigenen Aufmerksamkeiten nachgingen. Ein ganzes Stück entfernt, auf der anderen Seite des Sees, beobachtete ein ungewöhnlicher Besucher die Umgebung genau, doch in seinem Interesse lag nicht etwa die große Künstlerin, die gerade interviewet wurde, oder ein Wachsmodell der Stadt. Nein, sein Augenmerk lag auf etwas ganz anderem, und er mußte schnell sein, bevor einer seiner Widersacher sich vor ihm des verlorenen Artefaktes bemächtigte.
      Der Mann mit der ernsten Miene auf dem mattgrünen Gesicht, dessen Körper leicht durchschimmerte, hielt sein Pferd, welches genauso geisterhaft beschaffen war wie er, fest am Zügel. Er wurde »der kopflose Reiter« genannt, weil er die Gabe hatte, als kopfloser Geist die Leute in Angst und Schrecken zu versetzen; im Augenblick verzichtete er allerdings darauf, den Kopf zu verbergen. Gerade mußte er alle Sinne beisammen haben! Er sondierte die Umgebung genau. Wenn seine Ermittlungen richtig waren, dann mußte sich die magische Kostbarkeit aus der alten Tempelstadt Suna-Solaris, der Sonnenstadt, mittlerweile in diesem See befinden.
      Der Geist ließ sein Pferd an einem nahen Baum stehen und schwebte etwas näher ans Ufer. Die Macht der alten Tempelstadt mußte ganz in der Nähe sein, er spürte die magische Strahlung. Und mit ihr spürte er die Präsenz anderer Geister, die dem besonderen Schatz auf der Spur waren. Seit das Auftauchen eines mystischen Artefakts aus der alten Sonnenstadt in den Geistersphären bekannt geworden war, das einem uneingeschränkte Macht verlieh, hatten sich mehrere böse Wesen auf die Suche danach gemacht. Prime Evil, der Dämonenfürst und selbsternannter »Herr des Bösen« zum Beispiel hatte davon erfahren. Nicht auszudenken, was geschah, wenn dieses Stück alter Tempelmagie ihm in die Hände fiele! Und der verschlagene Tyrann war nur einer von zahlreichen bösen Geistern, die sich bereits auf die Suche gemacht hatten. Der kopflose Reiter unterdrückte ein Schaudern. Er mußte vor ihnen da sein, um schlimmeres zu verhindern.
      Er stockte kurz und zog den Kopf in den knappen Waffenrock, den er trug. Selbst der Geist hatte sich an diesem Tag weniger bekleidet als gewöhnlich, als würde sich sein substanzloses Selbst an heiße Tage erinnern; und spätestens, wenn er seinen Aggregatzustand in eine feste Form modifizierte, war es auch tatsächlich so, daß ihm bei diesem Wetter schier der Schweiß ausbrach. Warum nur hatte er sich auch einen der wärmsten Tage im Jahr aussuchen müssen, um auf Schatzsuche zu gehen? – Jetzt jedenfalls suchte er eine Möglichkeit, sich unbemerkt zurückzuziehen. Er spürte die Präsenz eines anderen Geistes in der Nähe, und er war sich sicher, es war nicht Prime Evil. Den Dämonenfürsten kannte er, dafür hatte er selbst zu lange für ihn gearbeitet. Ihn konnte er einschätzen. Bei allen anderen Bösewichten war mehr Achtsamkeit geboten. Vorsichtig verbarg er sich mehr in den Gebüschen, um nicht vorzeitig entdeckt zu werden.
      Von alldem bekam Virginie im Presserummel gar nichts mit, ebensowenig wie von dem zweiten Geist, der sich hinter einem Baum verbarg, und mit der gleichen Absicht hergekommen war wie sein spiritueller Zeitgenosse. Graf Freeze hatte den kopflosen Reiter bereits entdeckt und fixierte ihn. Der Eislord blieb ganz ruhig, während er die nahe Umgebung mit einem abschätzenden Blick beobachtete. Nur also dieser »kopflose Held« lag zwischen ihm und seinem Ziel: Der uneingeschränkten Macht von Suna-Solaris. Eines war sicher; der Kopflose durfte nicht an das Artefakt herankommen. Aber der Geist mit dem frostweißen Gesicht und dem blauen Umhang hatte seine Wege und Mittel, ihn daran zu hindern.
      „Madame Toutout, nach den letzten Informationen fehlt noch ein Objekt für die Ausstellung!“ fuhr einer der Reporter einige Meter von dem Szenario entfernt dessen ungeachtet fort. „Gibt es dafür schon ein Konzept, oder haben Sie noch keine konkrete Vorstellung, was Sie als Vorlage nehmen wollen?“
      „In der Tat habe ich bislang noch keine Idee für das letzte Projekt.“ erklärte Virginie gerade. „Aber ich bin sicher, bis zur Eröffnung der Ausstellung werde ich…“
      Sie unterbrach sich, als plötzlich ein unvermittelter Wind aufkam, und ein leichtes knackendes Geräusch die Menschen am See bald kollektiv aus ihren Gedanken und Tätigkeiten ablenkte. Als sich alle verwirrt zu der Ursache umsahen, wurden sie Zeuge eines unglaublichen Naturphänomens: Geschockt konnten sie beobachten, wie der See vor ihren Augen zufror.
      „Was um alles in der Welt…?“ entfuhr es Virginie leise, die Reporter fast vergessen.
      Die Journalisten waren selbst in Erstaunen und Verwirrung erstarrt. Ein Fernsehreporter schaltete sofort und drehte sich zu der laufenden Kamera um. „Meine verehrten Zuschauer, unglaubliches spielt sich hier gerade am unteren See ab. Aus bislang noch ungeklärten Gründen friert der See innerhalb von wenigen Momenten zu, und das bei diesen sommerlichen Temperaturen!“
      Virginie hielt gerade noch bestürzt den Atem an, als von der Seite plötzlich ein fauchender Blitz auf das Eis schoß, gefolgt von einem großen, braunen Hund, der bellend am Ufer stehen blieb. Die Katze schlitterte noch während der See langsam zufror über die spiegelglatte Fläche, und stoppte abrupt, als sie unvermittelt mit den Pfoten am Eis festfror.
      Das leise Knacken gefrierenden Wassers zog sich noch einen Augenblick gespenstisch durch die ehemals so harmonische Atmosphäre, dann setzte Stille ein – eine jähe, atemlose, fassungslose Stille.
      Graf Freeze in seinem Hinterhalt senkte die Hand, von der aus er seinen kalten Atem über den See geschickt hatte und nickte zufrieden. Man nannte ihn nicht umsonst den »Eislord«. Selbst Geistern war es nicht möglich, durch seinen Eiszauber zu gelangen, wenn er es ihnen versagte; und genau das tat er in diesem Moment! Diese Eisschicht war undurchdringlich, ganz gleich, ob für Menschen, oder seine Konkurrenten aus der Geistersphäre, und ganz gleich, welche Temperaturen der Tag noch für die Bewohner von Paris vorgesehen hatte. Niemand würde an das Artefakt herankommen; niemand außer ihm! Lautlos verschwand er vom Ort des Geschehens. Er würde später wiederkommen und es sich holen.

Am See war Verwirrung und Chaos ausgebrochen. Am verwirrtesten war allerdings die Katze, die ihre Pfoten nicht mehr von der Eisschicht losbekam und jämmerlich maunzte.
      Virginie blendete die konfuse Presse mehr und mehr aus, die nicht mehr wußte, ob sie sich auf die Künstlerin oder die merkwürdigen Wetterverhältnisse stürzen sollte und hin- und hergerissen war zwischen der Sensationsreportage über die neue Ausstellung und dem Bericht über die unfaßbaren Wetterereignisse am See. Schließlich ignorierte die Frau mit den hochgesteckten, rotbraunen Haaren die Reporter ganz und testete vorsichtig mit dem Fuß an, ob sie sich auf das Eis wagen konnte. Die Fläche war spiegelglatt, doch immerhin so dick gefroren, daß sie sich kaum Sorgen zu machen brauchte, einzubrechen. Sie wußte, daß ihre Schuhe alles andere als geeignet waren für eine Aktion wie diese, doch das ignorierte sie ebenfalls geflissentlich, als sie sich vorsichtig und auf jeden Schritt bedacht auf die schwarze Katze zuschob.
      Gleichzeitig betrachtete der Geist ohne Kopf auf der anderen Seite des Sees die Situation mißmutig. Er konnte sich zwar freuen, daß er sich keine Gedanken um die spiegelglatte Fläche zu machen brauchte, da er ohnehin einfach darüber hinweg schweben konnte, allerdings schien es nun fast unmöglich, an das alte Artefakt heranzukommen, das am Grund des Sees verborgen liegen sollte. Wie er es sich bereits gedacht hatte, war sein erster Impuls, einfach durch die Eisschicht hindurch auf den Grund des Sees zu sinken, gründlich fehlgeschlagen. Seine Frustration kannte keine Grenzen. Es war eindeutig, daß ihm jemand dazwischen gepfuscht hatte. Hier war die Macht eines anderen Geistes am Werk, und wie er feststellte, eines Widersachers, der sein Handwerk verstand. Er schwebte über den See und versuchte trotz allem, das gesuchte Objekt unter der Eisschicht auszumachen.
      Virginie war inzwischen fast bei der Katze angelangt. Sie wagte es nicht, sich hinzuknien, aus der Befürchtung, selbst festzufrieren, doch trotz des warmen Wetters taute das Eis nicht mehr an. Und genau das war das Problem; das schwarze Kätzchen zerrte mit den Pfoten am Eis, doch hatte es keine Chance, loszukommen.
      „Ganz ruhig!“ redete Virginie auf sie ein, während sie überlegte, wie sie das arme Wesen befreien konnte, ohne es zu verletzen.
      Während sie in ihrer Tasche nach etwas brauchbarem wühlte, legte sich ein Schatten über sie und sie sah auf. Als sie den kopflosen Geist in dem knappen Waffenrock ein Stück über sich schweben sah, schrie sie erschrocken auf.
      „Keine Angst!“ beruhigte er sie. „Ich tue Ihnen nichts!“
      „Das sagen Sie so einfach!“ entfuhr es Virginie, ohne daß sie wirklich darüber nachdachte, was sie da gerade sagte.
      „Und ich meine es so!“ Und damit streckte er seinen Kopf heraus.
      Virginie stockte verblüfft.
      Der »kopflose Reiter« lächelte verlegen. „Diese kopflose Sache ist nicht mehr als eine Art Werbegag.“ erklärte er freundlich.
      „Was tun Sie hier?“ fragte Virginie mißtrauisch, während sie schützend die Arme um die Katze legte.
      „Ich suche etwas äußerst wichtiges, das nicht in die falschen Hände geraten darf!“ erklärte der Reiter ruhig.
      „Aha.“ bemerkte Virginie trocken. „Und wo ist das?“
      Der kopflose Reiter deutete nach unten. „Unter uns!“
      Virginie schaute noch immer skeptisch. Sie kämpfte gegen ihr inneres Unbehagen an; allein um des Kätzchens Willen durfte sie sich nicht verschrecken oder einschüchtern lassen. Anscheinend fühlte die Katze den Geist aber nicht als Bedrohung – oder die Tatsache, daß sie sich nicht fortbewegen konnte, überlagerte die Furcht vor dem übernatürlichen Wesen so, daß es nicht weiter ins Gewicht fiel. Jedenfalls beachtete die schwarze Katze den Reiter gar nicht, während sie nach wie vor mit allen Pfoten im Wechsel versuchte, sich von der Eisdecke zu lösen.
      Der Geist versuchte es nun auf die direkte Art und streckte Virginie seine Hand entgegen. „Man nennt mich den »kopflosen Reiter«, oder auch einfach »Kopflos«.“
      „Wie passend.“ murmelte sie, ohne die Geste anzunehmen.
      Kopflos, wie er im allgemeinen von seinen Freunden genannt wurde, hatte dies schon befürchtet. „Ich weiß, ich kann nicht mehr tun, als Ihnen zu versichern, daß Sie mir vertrauen können. Ich habe mich schon lange aus den bösen Geschäften zurückgezogen und arbeite jetzt für die gute Seite. Wenn Sie eine Referenz haben möchten, dann kann ich Ihnen die Nummer der Ghostbuster geben. Der junge Jake Kong ist ein Freund von mir.“
      Virginie schnappte überrascht nach Luft. „Die Ghostbuster? Was für ein Zufall, das sind auch gute Bekannte von mir! Es stehen sogar Wachsmodelle von ihnen in meinem Museum!“
      „Na, sehen Sie, dann haben wir ja schon mal eine gemeinsame Basis!“ freute sich der Geist. „Ich sehe, Sie haben ebenfalls ein Problem. Ist das Ihr Kätzchen?“
      „Nein. Ich möchte ihr nur helfen!“ erklärte die Künstlerin.
      „Vielleicht können wir zusammenarbeiten!“ schlug der kopflose Reiter vor.
      Virginie entspannte sich etwas. Irgend etwas sagte ihr, daß sie dem Geist tatsächlich vertrauen konnte, und die Referenz von dem jungen Mister Kong - auch wenn sie sie nur aus dem Munde ihres Gegenüber gehört hatte - tat ihr übriges. „Ja, gut, aber wie?“
      Kopflos überlegte. „Wenn wir das verlorene Artefakt hätten, dann könnten wir der Katze helfen! Aber da kommen wir genausowenig ran, als daß wir die Katze befreien können.“
      Die beiden wechselten einen ratlosen Blick.
      „Ich bräuchte das Werkzeug aus meinem Auto! Damit könnte es gehen.“ sinnierte Virginie, doch als sie ihrer Idee folgen wollte und sich umdrehte, drohte sie den Halt zu verlieren und zu stürzen.
      „Warten Sie!“ hielt der Reiter ein. „Ich kann das Werkzeug holen. Für mich ist es komfortabler.“
      Obwohl die Modelliererin noch etwas skeptisch war, mußte sie ihm in dem Punkt Recht geben. „Aber, bekommen Sie die Kiste denn überhaupt aus dem Auto heraus?“ erkundigte sie sich jedoch unsicher.
      „Keine Sorge, Dinge, die ich berühre, bekommen in dem Moment die gleiche Konsistenz wie ich.“ beruhigte er sie.
      Virginie atmete durch. Was blieben ihr sonst für Möglichkeiten, als darauf zu vertrauen, daß ihnen diese Idee irgend etwas einbrachte? „Gut. Der Werkzeugkasten liegt im Kofferraum meines Autos.“ Sie zeigte in die Richtung des Parkplatzes, wobei sie sich bemühte, das Gleichgewicht zu wahren. „Sie können es nicht verfehlen, an den Seiten trägt es große Werbeaufkleber von meinem Wachsmuseum.“
      Kopflos nickte. „Ich bin gleich zurück!“
      Die Wachsfigurenkünstlerin sah dem kopflosen Reiter nach, als er in die Richtung davonschwebte, in die sie gezeigt hatte. In der Zwischenzeit wandte sie ihre Aufmerksamkeit wieder dem Kätzchen zu, dessen Maunzen sich wie ein permanentes Hintergrundgeräusch in ihrem Bewußtsein festsetzte. Sie wußte, dieses Maunzen würde sie in ihrem Leben nicht mehr vergessen!
      Die Zeit streckte sich endlos dahin, während Virginie wartete und das Kätzchen beruhigte. Zwischendurch beschlichen sie leise Zweifel, ob sie richtig gehandelt hatte, dem Geist zu vertrauen. Doch was hätte sie tun sollen? Sie schaute sich gedankenverloren auf dem See um. Einige übereifrige hatten die Zeit tatsächlich genutzt, und ihre Schlittschuhe hervorgeholt. Auf der einen Seite des Sees sah sie eine Gruppe Jugendlicher Eishockey spielen, und auf der anderen Seite hatte ein Junge die Barbiepuppe eines Mädchens, das vermutlich seine Schwester war, auf das Eis geschmissen, das nun brüllend am Ufer stand, weil es nicht mehr an die Spielgefährtin aus Plastik herankam.
      Virginie wartete noch immer, ohne zu merken, daß der kopflose Reiter mittlerweile wieder zum Ort des Geschehens zurückkehrte, als sie plötzlich auf etwas neues, außergewöhnliches aufmerksam wurde. Zuerst hatte sie es nicht einmal richtig wahrgenommen, jetzt bemerkte sie aber die alte Dame, die mit ihrem Gehstock über den See ging, und jetzt registrierte sie auch, was sie an dem Bild störte. Sie selbst hatte schon Probleme gehabt, sich zu der Katze vorzuarbeiten, ohne zu stürzen; wie schaffte es die alte Lady, so seelenruhig über den See zu gehen, ohne zu fallen? „Irgend etwas ist hier merkwürdig…“ murmelte sie mehr zu sich.
      Der kopflose Reiter, der gerade wieder bei ihr ankam, folgte ihrem Blick. „Was meinen Sie?“
      Sie schrak leicht zusammen und sah zu ihm auf. Aus den Gedanken gerissen teilte sie ihrem Gesprächspartner ihre Überlegungen mit.
      Kopflos musterte die alte Frau ebenfalls argwöhnisch. „Das ist in der Tat seltsam…“
      „Nicht wahr?“ meinte Virginie. „Wenn die gute Frau nicht etwa Schuhe mit einer Noppensohle trägt, was ich mir nicht vorstellen kann, ist das ein Ding der Unmöglichkeit! Aber was kann es dann für eine Erklärung geben? Niemand kann sich einfach so auf einer spiegelglatten Fläche wie dieser fortbewegen, als wäre es ein simpler Spaziergang!“
      Kopflos mußte schmunzeln. Anhand ihres Tonfalls wurde er das Gefühl nicht los, daß sie in erster Linie frustriert und neidisch auf die andere Frau war, nachdem sie sich mit Müh und Not ohne zu fallen bis zu der Katze vorgekämpft hatte. Jedoch hatte seine neue Bekannte Recht, mit rechten Dingen ging es hier nicht zu, und das beunruhigte auch ihn. Ein unwohles Gefühl beschlich den Geist, und auch er war sehr interessiert daran, das Geheimnis zu lüften. Das einzige, was ihm spontan in den Sinn kam, behagte ihm jedenfalls wenig. „Nun es gäbe eine plausible Erklärung – wenn sie ebenfalls ein Geist ist.“ mutmaßte der Reiter. „Das wäre nicht unmöglich, vor allem, wenn sie ebenfalls von dem Artefakt erfahren und es hier lokalisiert hat. In dem Fall wäre es gut zu wissen, ob sie ein guter oder ein böser Geist ist.“
      „Wie kann man so etwas herausfinden?“ erkundigte Virginie sich verunsichert.
      „Nun…“ meinte Kopflos gedehnt. „Meinen Sie auf eine gefährliche oder eine ungefährliche Art?“
      Sie schickte ihm einen abschätzenden Blick. „Geht es auf eine Art, die möglichst ungefährlich ist?“
      „Die Ghostbuster könnten das.“ sinnierte er. „Aber sie zu rufen wäre zwecklos, bis sie hier sind, müssen wir im Zweifel längst etwas unternommen haben. – Es könnte aber natürlich auch sein, daß es sich einfach um eine sehr geschickte alte Dame handelt.“ gab er zu bedenken.
      „Solange wir das nicht wissen, behalten wir sie besser im Auge!“ erklärte Virginie und schaute in ihren Werkzeugkasten, den Kopflos neben ihr abgestellt hatte. Sie fand ein Messer, das sie benutzen konnte, um das Eis einzukratzen. Vielleicht konnte sie so die Pfoten der Katze freibekommen, auch wenn sie noch nicht wußte, wie es danach weitergehen sollte. Würde das Eis überhaupt wieder von den Pfoten der Katze schmelzen?
      Kopflos beobachtete währenddessen, wie die alte Dame an einer bestimmten Stelle innehielt und mit dem Gehstock auf das Eis klopfte. Stutzig geworden hielt er inne und fixierte sie aus der Ferne. „Ich bin gleich zurück.“ murmelte er und schwebte zu einem Bereich am Ufer, von dem aus er die alte Dame unbemerkt durch etwas Buschwerk gut beobachten konnte. Als er in seinem Hinterhalt lag, bestätigte sich sein Verdacht auf üble Weise. Er konnte zwar das Gesicht der alten Lady nicht richtig sehen, daß unter grauen, zu einem Dutt zusammengebundenen Haaren lag, doch die feine Linie anstelle des Mundes, die aussah wie die Anzeige eines Seismographen erübrigte jeglichen Zweifel. „Prime Evil! Wie erbärmlich.“ murmelte er zu sich selbst. „Sich als alte Lady zu verkleiden ist selbst unter deinem Stil!“ Allerdings wußte er auch, daß Prime Evil einer der mächtigsten Geister und nicht zu unterschätzen war.
      Gerade richtete die alte Dame ihren Gehstock auf das Eis, und wenig später sah der kopflose Reiter, wie der andere Geist damit ein Loch in die Eisdecke schnitt. Kopflos hielt den Atem an. Prime Evil mußte das Artefakt gefunden haben, und er hatte auch als einer von wenigen Geistern Wege und Mittel, um gegen die unnatürliche Eisschicht anzugehen. In dem Geist mit der grünen Hautfarbe spannte sich alles an. Gerade Prime Evil durfte der verlorene Schatz nicht in die Hände fallen! Er mußte ihn aufhalten, und er mußte die Gunst des Augenblicks nutzen, um sich selbst des kostbaren Objektes zu bemächtigen! Jetzt kam es auf das richtige Timing an.
      Unterdessen bemühte sich Virginie weiter, das Eis um die Pfoten der Katze herum auseinanderzubrechen. Etwas mißmutig sah sie zu dem Geist herüber, dessen Gesellschaft sie noch vor wenigen Augenblicken genossen hatte. Von ihm hatte sie anscheinend keine Hilfe mehr zu erwarten. Aber immerhin brauchte sie ihn auch nicht zu fürchten, und sie rief sich in Erinnerung, daß das praktisch genausogut war. Trotzdem bedauerte sie es. Sie fand den Reiter eigentlich sehr sympathisch. Doch zu mehr als einer Runde Smalltalk hatte es eben nicht kommen sollen, geschweige denn zu der Zusammenarbeit, von der er gesprochen hatte – sah man davon ab, daß sie zumindest nun ihr Werkzeug zur Verfügung hatte. Sie atmete durch, versuchte, das kurze Intermezzo auszublenden und konzentrierte sich auf ihre aktuelle Arbeit, während sie der Katze gut zuredete. Innerlich fluchte sie. Das Eis ließ sich weit schwerer bearbeiten, als ihre Wachsarbeiten.
      Kopflos ließ Prime Evil eine Weile gewähren und überlegte in der Zwischenzeit, wie er dem anderen Geist beikommen wollte, wenn dieser es geschafft hatte, das Objekt ihres gemeinsamen Interesses freizulegen. Es gab eine Möglichkeit, wie er Prime Evil ausschalten konnte, das wußte er aus der Zeit, als er noch für den Herrn des Bösen gearbeitet hatte; doch er mußte präzise vorgehen. In dem Moment, wo der Dämonenfürst ihn zu früh bemerkte, war alles vorbei, das wußte er. Gerade nachdem der Reiter damals dem selbsternannten Oberhaupt der Geister und seiner Truppe den Rücken gekehrt hatte, war Prime Evil alles andere als gut auf ihn zu sprechen. Wenn er wirklich Erfolg haben wollte, dann mußte er Prime Evil überraschen!
      Wagemutig schlich er um den See herum und sich von hinten an den gefährlichen Geist heran. Gerade in dem Moment, wo die vermeintliche Lady mit ihrem Stock den ausgeschnittenen Eisblock anhob, der ihr den Zugang zum Grund verwehrt hatte, setzte Kopflos eine ganz spezielle Gabe ein. Er schickte ein in allen Farben schillerndes Licht über den See, zog so die Aufmerksamkeit auf sich und blendete im gleichen Atemzug den geneigten Zuschauer so, daß er nichts sehen konnte. Als sich die Lady erschrocken zu ihm umdrehte, mußte er doch schlucken und wich unwillkürlich etwas zurück. Doch er bemühte sich, sich nicht aus dem Konzept bringen zu lassen und setzte seine speziellen Kräfte ein, um den schillernden Farben Substanz zu verleihen. Auf diese Weise schickte er ihr rasch aus den bunt leuchtenden Strahlen ein energetisches Band entgegen, das sie kurzerhand in Fesseln legte, so daß der Geist in einen Starrzustand verfiel. „Interessant!“ rutschte es Kopflos heraus. „Ich hätte nicht gedacht, daß es so einfach sein würde, dich zu fixieren, Prime Evil! Bist wohl nicht sonderlich gut in Form, was?“ Im nachhinein biß er die Zähne zusammen. Es war keine gute Idee, Prime Evil auch noch zu provozieren, doch jetzt war es zu spät. Die Worte waren schneller gewesen, als daß er sie hatte aufhalten können.
      Seine Gegenüber musterte ihn durchdringend. „Prime Evil?“ erwiderte die Ältere mißmutig. „Was hat mein Neffe damit zu tun?“
      Kopflos stutzte sichtlich. „Neffe…?“
      Die dunkeln Augen der Dame verengten sich. „Ja, Neffe! Er beauftragte mich, für ihn etwas aus dem See zu bergen! Weiß der Teufel, was er nun wieder vorhat, und was so wichtiges auf diesem vermoderten See liegt! Ich weiß nur eins: Ich werde mich hüten, seine Aufforderung zu mißachten!“
      Kopflos maß sie mit einem abschätzenden Blick. Sollte das etwa ein Trick sein? Aber selbst wenn nicht, es änderte am Endergebnis nichts; er mußte das Artefakt vor den bösen Mächten verteidigen, und so ließ er sich auf das Spiel ein. „Tja, das ist bedauerlich! Denn ich werde nicht zulassen, daß das, was dort auf dem Grund des Sees liegt, in Prime Evils Hände gerät!“ Damit zog er mit einer fließenden Geste das energetische Band fester zu, bis die Lady mit einem Aufschrei in einem farbigen Lichtblitz verschwand. „Hm. Den Trick sollte ich den Ghostbustern mal zeigen!“ überlegte Kopflos. Dann sah er sich das Loch in der Eisdecke an. „Vielen Dank jedenfalls für die Hilfe!“ Und das meinte er ehrlich, denn nun konnte er durch das Loch hindurchschlüpfen und sich am Grund des Sees umsehen.
      Die Lady hatte gewußt, was sie tat. Die Kiste lag genau vor ihm. Es kostete ihn nur wenig Anstrengung, sie zu bergen, und wenig später schob er sie auf die Eisfläche. Wachsam sah er sich um. Was ihm zum Vorteil gereichte, nämlich, daß er von seiner Position aus über den ganzen See hinweg sehen und seine potentiellen Gegner sofort lokalisieren konnte, war Nachteil gleichermaßen, denn auch er saß hier für seine Kontrahenten auf dem Präsentierteller. Er schnappte sich die kleine Truhe und beeilte sich, um ein anderes Problem zu lösen.
      Virginie war noch nicht viel weitergekommen. Mittlerweile hatte sie sich doch auf das Eis gekniet. Sie strich sich eine rotbraune Strähne aus dem Gesicht, bevor sie verzweifelt versuchte, die zaghaft angedeutete Furche tiefer zu kratzen, die sie bis hierhin in das viel zu feste Eis hatte ritzen können, während das Kätzchen sie unruhig beobachtete. „Es wird alles gut!“ beruhigte die Frau sie und wechselte ihre Bemühungen mit tröstenden Streicheleinheiten ab.
      „Virginie!“ rief Kopflos.
      Die Künstlerin drehte sich auf die warme Stimme des Geistes hin zu ihm um und verbarg ihr Erstaunen. Sie war sich sicher, daß sie ihm ihren Namen nie genannt hatte! Doch dann fiel es ihr wieder ein: Er würde sich sicher die Werbeaufkleber auf ihrem Auto angesehen haben.
      Der kopflose Reiter schwebte mit der Truhe zu ihr herüber. „Ich habe die Lösung für unser Problem!“
      Mit Erstaunen bemerkte Virginie, daß Kopflos das Schicksal der Katze als ihr gemeinsames Problem deklarierte, war aber erst mal einfach nur erleichtert, daß sie sich nicht in ihm getäuscht hatte. Nicht zuletzt das kleine bißchen Hoffnung, das er gerade in ihr auslöste, brachte ein warmes Gefühl in ihre Seele.
      Er setzte sich zu ihr und stellte die kleine Truhe zwischen ihnen ab. „Sehen Sie hier!“
      „Das ist das gesuchte Kleinod, das so wertvoll und gefährlich ist?“ erkundigte sie sich.
      „Ja! Das heißt, nicht ganz. Nicht die Truhe ist es, sondern der Inhalt!“ erklärte Kopflos. „Und so wertvoll und gefährlich, wie es ist, ist es auch ebenso nützlich, und die Antwort auf das Problem unserer felinen Freundin hier!“ Virginie schaute ihn noch entgeistert an, als er ihr seinen Fund auch schon entgegenhielt. „Halten Sie sie fest!“ Etwas perplex kam sie der Aufforderung nach, und schließlich hielt sie die Truhe in den Händen. Der kopflose Reiter öffnete sie.
      Mit Verwunderung fand Virginie darin einen geflochtenen Blumenkranz, der vergoldet worden war. Fasziniert betrachtete sie das schimmernde Objekt. „Wer hat den Kranz geflochten?“ erkundigte sie sich neugierig.
      „Suneya, eine Magierin aus der alten Tempelstadt Suna-Solaris.“ erläuterte Kopflos. „Er galt lange Zeit als verschollen. Fragen Sie mich nicht, wie er hier hergelangte; aber er wird den Schaden, den er ausgelöst hat, wieder bereinigen.“ Virginie sah ihn verständnislos an, und so erklärte er für sie: „Alles, was hier geschah, passierte nur, weil viele Geister hinter ihm her waren.“
      „Sie meinen, das war es, was das Schicksal der Katze besiegelte?“
      Kopflos nickte. „Das hier ist kein natürliches Werk, wie Sie sich denken können. Es ist das Werk eines Geistes, der sich des Kranzes bemächtigen wollte, und glücklicherweise keinen Erfolg hatte. Der Kranz hat magische Kräfte. Er setzt die Gedanken des Trägers um und läßt sie geschehen, sofern es sich dabei um einen ehrlichen Wunsch handelt. Verstehen Sie jetzt, warum der Kranz niemals in falsche Hände geraten darf?“
      Virginie nickte.
      „Und verstehen Sie jetzt, warum uns der Kranz helfen kann, die Katze zu befreien?“ fügte er schmunzelnd nach.
      Virginie lächelte. „Wer von uns soll es tun? Wollen Sie den Kranz lieber einsetzen? Mir ist die Sache etwas unheimlich…“
      Kopflos schüttelte den Kopf. „Ich habe eine bessere Idee. Denn so weiß ich auch, daß der Kranz sicher ist.“ Er nahm das Flechtwerk aus der Truhe und legte ihn der Katze um den Hals. Es war, als würde sich der Kranz sogleich wie ein Halsband ganz passend um ihren Hals schmiegen, und kaum, daß er sich von selbst geschlossen hatte, waren die Pfoten der Katze frei.
      Kopflos beobachtete es zufrieden. „Der Kranz bindet sich an seinen Träger, bis in alle Ewigkeit.“ erklärte er für Virginie.
      Sie betrachtete atemlos, wie das Kätzchen die neugewonnene Freiheit genoß, jedoch noch immer auf dem Eis ausrutschte. Noch in ihrem Gedanken ging plötzlich ein neuerliches Knacken über die Eisfläche, und ließ sie zu einer rutschfesten Oberfläche werden. Fasziniert lächelte sie. Die geheimen Gedanken und Wünsche einer Katze… Sie streckte die Hand aus, und das Kätzchen kam nun schnurrend näher, schmiegte sich an ihre Seite und maunzte wesentlich fröhlicher als zuvor, dann lief sie über den See davon und verschwand im nahen Wald. Virginie lächelte versonnen. Für ein einfaches »Danke« brauchte man kein magisches Artefakt. „Und Sie glauben, der Kranz ist jetzt wirklich sicher?“ erkundigte sie sich ein wenig sorgenvoll.
      „Da bin ich mir ziemlich sicher. Nur eine direkte Berührung, ein magischer Spruch und der ausdrückliche Wunsch seines Trägers können ihn lösen. Das Kätzchen muß man erst einmal kriegen, und den Spruch muß man erst einmal wissen. Wer ihn nicht kennt, und das sind die meisten, kann ihn nun nicht mehr erreichen. Und solange der Kranz unser Kätzchen nicht stört, wird sie kaum darüber nachdenken, ihn loswerden zu wollen. Eher wird es ihren Jägern schlecht ergehen.“ Kopflos lächelte ebenfalls. „Sie muß jetzt die glücklichste Katze auf Erden sein!“
      ‚Na, wenn das nicht irgendwann noch einmal Ärger gibt.‘ dachte Virginie amüsiert. Doch fürs erste waren alle Sorgen gebannt, und die Lösungen ihrer Probleme hatten sich sogar wunderbar kombinieren lassen. Einzig und allein die undurchdringliche Eisfläche auf dem See stimmte sie noch etwas nachdenklich. ‚Auch das wird sich schon zum Guten wenden!‘ beruhigte sie sich im Stillen. Sie wechselte mit Kopflos einen Blick. Eines war sicher, an diesem Tag hatte sie einen neuen Freund gefunden, und spätestens seit der Befreiung der Katze waren alle Zweifel daran, daß sie ihm vertrauen konnte, verflogen. Die Sonne brannte noch immer auf den Park herunter, und erst jetzt registrierte die Künstlerin, daß sie trotz der kurzen Kleidung nicht einmal froren. Rasch packte sie ihr Werkzeug wieder zusammen. Kopflos reichte ihr die Hand und half ihr beim Aufstehen, und dann genossen sie die Initiative der schwarzen Katze, die Virginie einen rutschfesten Rückweg bescherte. Wer hatte behauptet, daß schwarze Katzen Unglück brachten?


Als die Ausstellung von Madame Toutout einige Wochen später eröffnet wurde, geriet der Zwischenfall vom See langsam in den Hintergrund, wenn auch nicht in Vergessenheit. Es wurde noch immer über die seltsamen Ereignisse am Lac Inférieur gesprochen.
      Im Augenblick aber stand »Paris aus Wachs« im Vordergrund, und wieder war die Presse anwesend. Das Blitzlicht der Kameras erhellte einen riesigen Raum, in dessen Zentrum das große Wachsmodell der Stadt Paris stand, mit seinem Wahrzeichen - dem Eiffelturm - in der Mitte, der Seine, die nahe des Symbols der Stadt vorbeifloß und dem Arc de Triomphe - dem Triumphbogen - auf der einen Seite mehr am Rande des Modells.
      Außen an den Wänden waren viele kleinere Szenarien in gläsernen Schaukästen ausgestellt; eine Straße mit einem Pariser Café, eine Parklandschaft aus dem »Parc de Belleville«, der auf einem Hügel errichtet worden war, die Kathedrale »Notre-Dame de Paris« oder das Petit Palais, welches das »städtische Museum der schönen Künste« beherbergte und somit gewissermaßen eine Verwandte des Wachsfigurenmuseums war. Virginie hatte viele klassische Plätze von Paris als Vorlage genommen, und mit einzigartigen Szenerien das Flair ihrer geliebten Stadt eingefangen. Nach und nach wurden die einzelnen Schaukästen enthüllt, und Virginie sagte ein paar Worte zu den einzelnen Projekten, wie sie darauf gekommen war und warum sie ausgerechnet diese Vorlage ausgewählt hatte, welche Techniken sie verwendet hatte und wieviel Zeit sie benötigt hatte. Geduldig stand sie auch dieses Mal der Presse Rede und Antwort, und erfreute sich an den staunenden Besuchern, die bewundernd von einem zum anderen Modell liefen.
      Schließlich gelangten sie zu dem letzten Projekt der Ausstellung, und Virginie hatte bewußt bis zum Schluß nicht verlauten lassen, was sich dahinter verbarg. Die Presse scharte sich um sie, als sie vor dem verdeckten Kasten stehenblieb. „Und als letztes präsentiere ich Ihnen das Modell »Geistersee«,“ verkündete sie, „… eine Inspiration, die mehr durch Zufall entstanden ist, aber wieder direkt aus meinem Leben entsprungen ist. Sicher erinnern Sie sich noch an die Ereignisse, die vor kurzem noch durch die Medien gingen, über den See, der im Sommer gefror.“ Als sie die Vitrine enthüllte, präsentierte sich den Zuschauern das Szenario von einigen Wochen zuvor im Miniaturformat: Der zugefrorene See als originalgetreue Nachbildung, in einer sommerlichen Atmosphäre, mit kleinen Menschen, die den Tag im Park genossen. Sie hatte den kopflosen Reiter nachgebildet, und sogar die schwarze Katze auf dem See modelliert. Selbst die alte Dame hatte sie nicht vergessen, und die Truhe mit dem Kranz stand als Accessoire auf der wächsernen Eisfläche.
      Ein Raunen ging durch die Menge, als die stolze Künstlerin ihr finales Projekt präsentierte. Das Szenario wirkte echt und utopisch zugleich, und doch… Jeder, der dort gewesen war wußte, daß es sich genau so zugetragen hatte.
      Eine Flut von Blitzlichtern senkte sich auf das Projekt herab, und Virginie nutzte den Moment, um aus dem Sichtfeld heraus ein Stück in den Raum zu gehen. Für eine Weile überließ sie ihr Projekt den sensationshaschenden Journalisten und fing den Blick eines Gastes auf, der sich weiter hinten in der Menge gehalten hatte. Sie lächelte, während sie auf ihn zuging.
      Der kopflose Reiter lächelte ebenfalls, als er zu ihr herüberschwebte.
      „Ich freue mich sehr, daß Sie zu meiner Eröffnung gekommen sind!“ begrüßte die Künstlerin ihn herzlich.
      „Ich hätte sie um nichts in der Welt verpassen wollen!“ erwiderte Kopflos freudig. „Es ist eine grandiose Ausstellung!“
      „Ja, das ist es!“ bestätigte sie. „Doch ob Sie es mir glauben oder nicht, am meisten Spaß hat mir mein letztes Projekt gemacht.“ Sie wechselte mit ihrem Gast ein Schmunzeln, in dem sich viele schöne Erinnerungen verbanden. Gemeinsam beobachteten sie die staunenden Zuschauer, die sich um das Geisterseemodell herum zusammenfanden.
      „Es würde mich nicht wundern, wenn es bald zum beliebtesten Ausstellungsstück werden würde.“ sagte Kopflos. „Meines ist es ganz sicher!“
      „Meines auch, nicht zuletzt deswegen, weil es mir einen neuen Freund eingebracht hat!“ sagte Virginie mit einem tiefgründigen Lächeln.
      Kopflos schmunzelte verlegen. „Ich würde sogar sagen, nicht nur einen!“ erinnerte er.
      Virginie nickte. Dann meinte sie nachdenklich: „Ob wir die Katze wohl jemals wiedersehen werden…?“


_______________________________
Anm. d. Aut.: Bezüge zu den Cartoonfolgen »Der kopflose Reiter« und »Das Wachsfigurenkabinett«


________________________________________________________________________________________________________


Die Endrunde: Platz 1 von 3 Teilnehmern und Abgaben! ^^
Review schreiben