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Im Schatten des Lindwurms

GeschichteAbenteuer, Fantasy / P12
Hildegunst von Mythenmetz
08.02.2014
08.02.2014
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1.560
 
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08.02.2014 1.560
 
Hallo, schön, dass du zu meiner FF zu "Die Stadt der träumenden Bücher" gefunden hast!
Das ist meine erste FF, und ich hoffe, dass sie dir gefällt.

Viel Spaß beim Lesen!
LG, EvilChicken

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Dunkelheit umschloss mich. Meine Umgebung schien mir wie ein endloser Raum, in dem nirgendwo eine kleine Flamme brannte oder eine Leuchtqualle vor sich hin vegetierte, und ich stand in der Mitte, ahnungslos, wo ich mich befand. Vorsichtig setzte ich ein Bein nach vorne. Das Aufsetzten verursachte ein helles Geräusch, welches von mir unsichtbaren Wänden um mich herum zurückgeworfen wurde und so für mich unglaublich laut klang.
Betäubt und orientierungslos drehte ich mich um mich selbst, bereute diese instinktive Bewegung aber sofort. Mit jedem Schritt einer meiner acht Beine wurde das Echo stärker, und bald krabbelten in meinem Kopf tausende Tausendfüßler umher und machten mir nicht nur das Hören, sondern auch das Denken unmöglich.
Ich zwang mich dazu, still zu stehen, um einen klaren Kopf zu bekommen und mich meinen ernsten Problem widmen zu können.
Eben noch war ich durch die Gänge gewandert, jetzt stand ich im Nichts. Doch es war kein Nichts, ich konnte Boden unter meinen Füßen spüren und, wenn sich meine Augen an die Dunkelheit gewöhnt hatten, auch hoffentlich etwas sehen. Wo war ich also? Wie war ich hier hin gekommen?

So weit meine Erinnerung zurückreichten, hatte ich in der Bibliothek gelebt und ein friedliches Leben zwischen den anderen Büchern geführt. Ich hatte mich nie in die Streits und Kämpfe der anderen Bücher eingemischt. Ich hatte auch nie die Bibliothek verlassen. Oft hatte ich aber einfach nur vor der Schwelle gesessen, in den düsteren Gang gestarrt und mir die Welten außerhalb des stickigen Raumes erträumt.
Vor meinem Inneren Auge war ich durch hohes, grünes Gras gelaufen, hatte mich gegen Käfer und Libellen zur Wehr gesetzt und bei einem meiner großen Abenteuer ein wunderschönes Buch getroffen, mit dunklem Einband und langen Beinen, großen Augen und einem langen, tiefroten Leseband. Sie würde ich vor einem Monster retten und schließlich meine alten Tage in einem ruhigen Unterschlupf mit ihr verbringen.
Ich wusste nicht, woher dieser wilde Drang nach Abenteuer und Liebe kam, und noch weniger wusste ich, warum ich stattdessen ein langweiliges Leben im Schatten führte. Doch ich konnte nicht aufhören zu träumen.

Als heute wieder das Rascheln des dunklen Herrn hörte, der durch die Bibliothek eilte, ergriff mich auf einmal der Mut und ich folgte ihm, als hätte mich eine unsichtbare Leine an ihn gekettet.
Kurze Zeit konnte ich mit ihm mithalten, doch schon nach den ersten drei Biegungen spürte ich das Zittern in meinen Beinen und den Seiten. Das Leben in der Bibliothek war nie von viel Bewegung oder Anstrengung geprägt, der dunkle Herr dagegen schien sportlich sehr aktiv zu sein. Schnell hatte er mich abgehängt und ich saß alleine in dem spärlich beleuchteten Gang.
Ich konnte von Glück sprechen, dass ich noch wusste, wo die Bibliothek lag, denn sonst hätte ich mich hoffnungslos verlaufen. Hinter jeder Ecke schien der gleiche, trostlose Weg zu liegen, ab und zu mal von einer sterbenden Leuchtqualle erhellt. So hatte ich mir die Welt nicht vorgestellt. Nirgendwo war auch nur ein Büschel Gras, und die einzigen Lebewesen schienen einige kleinen Mäuse zu sein, von denen sich aber nur wenige in meine Nähe trauten.

Als ich mich auf dem halben Weg zurück befand, bewegte sich auf einmal der Boden unter mir. Die Vibrationen ließen mein gesamtes Buch zittern und ich legte mich ängstlich flach auf den Boden. Stein rieb gegen Stein und erzeugte knirschende Geräusche. In der Luft wirbelten Staubpartikel umher und ließen mich niesen. Der Boden schien nicht anhalten zu wollen, und auf einmal fiel mir auf, dass auch die Wände sich bewegten. Panik stieg in mir auf und ich kroch zum Rand der Bodenplatte.
Der Staub füllte die Lungen in meinen Seiten und ließ mich unaufhörlich husten, doch trotzdem schaffte ich es, mich wieder auf meine Beine zu stemmen und die letzten Zentimeter zu den Wänden zurückzulegen. Hier kam mir aber so viel Staub entgegen, dass ich die Luft anhalten musste. Verzweifelt suchte ich nach einem Spalt, durch den ich dem erbärmlichen Tod entfliehen konnte, oder wenigstens für einige Sekunden frische Luft schnappen.
Und als ich dort mit meinem gesamten Buchgewicht an der Kante hing und mich in den Staubwirbel stürzte, verschwand die Wand auf einmal und ich fiel von der Platte ins Nichts, welches sich mittlerweile als Dunkelheit herausgestellt hatte. Aber wer unterschied so etwas schon? Ich stand nun also in der Schwärze und hatte keine Ahnung, wo ich war.

Die Umgebung fühlte sich anders an. Dies war nicht mehr der gemeißelte Stein der Gänge, es war ein rauer, unebener Granit. Ein muffiger Geruch hing in der Luft, nicht von Staub und Papier erfüllt, auch Schweiß, Pilze und vielem anderen, was ich noch nie zuvor gerochen hatte und eigentlich auch nie hatte riechen wollen, erschwerten mir das Atmen.
Ich wusste nicht mehr, aus welcher Richtung ich gekommen war, auch konnte ich durch die Dunkelheit keine Wand aus glattem Stein erkennen. Normalerweise konnte ich einen Raum auch mit meinen Ohren sehen, indem ich mich ein wenig bewegte und die Dauer der Echos der Geräusche maß. An diesem Ort hatte sich diese Gabe bereits als unnütz, sogar hinderlich bewiesen. Wahrscheinlich lag das an der unebenen Textur.
Trotzdem hatte der Wiederschall gezeigt, dass ich mich in einem Gang zu befinden schien. Wie breit er war, konnte ich aber nicht sagen.
Hilflosigkeit machte sich in mir breit, und ich vermisste die ebenmäßigen Wände der Bibliothek. Sogar die tristen Gänge waren schöner gewesen als dieser Ort. Wie kam ich nur dorthin zurück? Durch meine vorherige Aktion hatte ich jegliche Orientierung verloren hatte keine Ahnung, woher ich in die Dunkelheit gefallen war. Irgendwo in meiner Nähe musste der Eingang doch sein.
Dort war möglicherweise auch ein Rückweg in die Gänge. Um diesen zu finden, blieb mir nichts anderes übrig, als einfach loszulaufen. Irgendwann würde ich eine Wand erreichen und konnte mich dann umdrehen und in die andere Richtung laufen. Dann würde ich den Eingang früher oder später sicherlich finden.

Die optimistischen Gedanken besiegten die Hilflosigkeit und ich machte mich an die Arbeit.
Erst als ich wieder ein Bein nach vorne setzte, fiel mir der Lärm wieder ein. Die Tausendfüßler meldeten sich zurück und bestraften mich für meinen unüberlegten Schritt. Jedoch unterdrückte ich den Drang, stehen zu bleiben und bewegte mich langsam vorwärts. Nach einigen qualvollen Bewegungen schaffte ich es, den Krach zu ignorieren und begann, schneller zu laufen.
Schnell stieß ich auf die erste Wand. Der Gang schien nicht so schmal zu sein, wie ich gedacht hatte, jedenfalls nicht in diese Richtung. Ich wanderte ein wenig an dem kalten Gestein entlang und tastete jeden Zentimeter ab, doch fand absolut keinen Eingang, der für mich als Ausgang gedient hatte. Nicht einmal ein kleiner Spalt schien das Granit zu durchziehen.
Ein wenig enttäuscht, aber weiterhin positiv drehte ich der Wand mein unteres Ende zu und begann erneut zu laufen. Wieder dauerte es nicht lange bis ich auf eine Wand stieß. Was ich noch vor wenigen Minuten für das unendliche Nichts gehalten hatte, entpuppte sich nun als ein gerade mal 2 Meter breiter Gang. Erfreut erforschte ich auch diese Wand in jede Richtung um einige Meter. Doch auch hier fand ich nur undurchdringbaren Fels. Ich suchte an jeder der Seiten des Ganges erneut nach einem Ausgang, lief immer ein paar Meter weiter, dann ein paar mehr zurück, und das selbe nochmal und nochmal.

Nach einigen Stunden wurde mir bewusst, dass ich schon längst keine Ahnung mehr hatte, wo ungefähr ich gelandet war, und dass ich mich wahrscheinlich schon weit von diesem Punkt entfernt hatte. Immer weiter war ich gewandert ohne an dem Ausgangspunkt eine Markierung hinterlassen zu haben. Noch während ich mich über meine Dummheit ärgerte, überkam mich die Verzweiflung. Ich hatte meine Chance verspielt, den Ausgang nicht gefunden, und nun saß ich hier gefangen. Wahrscheinlich würde ich vor Erschöpfung sterben, oder ersticken, oder eine Ratte oder ein Käfer würde mich fressen. Gab es hier überhaupt andere Lebewesen? Außer den ständigen Geräusch meiner raschelnden Blättern und trippelnden Beine war seit meiner unerfreulichen Ankunft nichts zu hören gewesen. Und bei dem Krach, den ich erzeugt hatte – Zumindest klang es für mich noch immer so laut – hätte ich jedem in der Nähe auffallen müssen.
Bei diesen Gedanken verließ mich die letzte Hoffnung.Eine gefühlte Ewigkeit lang war ich bereits in völliger Schwärze umher gewandert, noch immer war keine Lichtquelle, geschweige denn ein Ausweg zu finden und ich wusste nicht, vor welcher Vorstellung ich mehr Angst hatte:
Hier komplett alleine fest zu sitzen, oder früher oder später auf wahrscheinlich nicht sehr angenehme Tiere zu treffen.

Nachdem ich mir meine Situation einige Male durch den Kopf gehen ließ, beschloss ich, einfach loszulaufen. Vielleicht war das Nichts gar nicht so groß. Vielleicht gab es hier freundlich gesinnte Lebewesen oder sogar Artgenossen. Und vielleicht starb ich ja gar nicht. Ich wusste nicht einmal, ob das überhaupt möglich war.
Natürlich glaubte ich tief in mir nicht sonderlich an diese Ideen. Doch sie machten mir Mut, und bildeten die Grundlage für den einzigen Gedanken, der mich voran trieb:
Schlimmer konnte es nicht mehr werden.


Ich hatte keine Ahnung, wie sehr ich mich täuschte.

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So, das war auch schon das ersten Kapitel. Ich hoffe, es hat dir gefallen, für Kritiken, Anmerkungen, Vorschläge und Interpretationen bin ich offen und freue mich über jede Review :)
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