Elfen für Anfänger

von Nim-chan
GeschichteHumor, Romanze / P18
Drachen Elben & Elfen Ritter & Krieger Zauberer & Hexen
06.02.2014
14.02.2020
97
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45
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Na, das ging ja jetzt erstaunlich flott im Vergleich zu sonst^^ höhö, obwohl Versuch 5! Hach ja. Es macht Spaß. Obwohl, wahrscheinlich will ich nur unbewusst das Unausweichliche hinauszögern…das Ende der Geschichte… OO Denn irgendwie, so wie es aussieht, ist das hier das vorletzte Kapitel!! Bin ein wenig erschrocken auf einmal. Andererseits, zehn Epilog-Kapitel sollten dann doch mal reichen^^
Gut. Danke an meine lieben Reviewer, ihr seid wie immer super: Hilaja, Aerindil, Moonlord und Kardamom (keine Sorge, es wird alles gut! Sie liegt nicht lang im Sterben!!^^°)!!
Also dann, auf, auf in dieses kleine Drama vom letzten Mal. Mal sehen, ob es lang ein Drama bleibt oder ob sich ENDLICH die Chance eines Happy Ends abzeichnet!! ;D
Viel Spaß!

***


Vor einer ewig langen Zeit gab es eine Geschichte, die wahrhaft schön und märchenhaft hätte enden können. Zwei Völker, getrennt seit Jahrhunderten, Jahrtausenden durch Krieg, Zerstörung und Hass, näherten sich zum ersten Mal wieder einander an; vorsichtig, zurückhaltend, aber nichtsdestotrotz schien sich so etwas wie die Möglichkeit eines Friedens anbahnen zu können. Der fast schon vergessene Kriegsgrund, alle Gräuel und Grausamkeiten schienen allmählich in den Hintergrund zu treten und Versöhnung schien sich aufzutun aus dem Dunkel der Geschichte. Mehr noch, wie ein sanftes, süßes Licht in diesem Dunkel tauchte eine Prinzessin auf, eine Tochter des Himmelskaisers, so herrlich und strahlend wie die Geburt einer Sonne, zart und anmutig, angetan mit ihrer eigenen einzigartigen heilenden Macht, ein überirdisches, zauberhaftes Wesen. Sie war es, die sich annäherte, die dem König des anderen Volkes unerklärlich verbunden war, diesem schier allmächtigen Mann, ein Zauberer der ersten Stunde voll dunkler, wilder Magie, der so verschieden zu ihr wirkte und sich doch auch ihr verbunden fühlte, fasziniert und wahrlich angetan von ihr, obwohl sie Tochter seines Erzfeindes war.
So viel deutete darauf hin, dass eine Wende eingetreten war, dass die gemeinsame Geschichte dieser beiden Völker sich endlich zum Guten wenden würde, dass eine Prinzessin und ein König die Liebe finden würden in all dem vergangenen Leid und so der Friede Einzug halten würde.

Doch der Verrat des Himmelskaisers machte all das zunichte.
Ein Waffenstillstand war geschlossen worden, der König des Nachbarvolkes war mit seinem Gefolge am Hof des Kaisers erschienen, um mit den Friedensverhandlungen zu beginnen und mit seiner Braut, der Prinzessin, heimzukehren und sie zu seiner Königin zu machen. Sie sollten auf ewig gemeinsam regieren, die Völker Seite an Seite gedeihen und glücklich leben, um letztendlich zusammen weiter zu wandern in eine friedliche, freudige Zukunft.
Sie alle wurden verraten, hintergangen von einem der Ihren, einem Vertrauten, der sie alle hätte beschützen sollen. Der Himmelskaiser misstraute dem Frieden. Er konnte die Vergangenheit nicht loslassen, sie nicht zur Ruhe bringen und fürchtete um die Zukunft seines Volkes. Somit wartete er. Wartete, bis der Feind in seinem Reich war, der König, dessen bloße Existenz und Gegenwart immer und immer wieder das feindliche Volk beschützt hatte. Wartete geduldig, alle täuschend, bis sein alter Feind ungeschützt dalag und es nur einen einzigen Angriff von ihm brauchte, um alle zu töten. Um dieses andere Volk restlos auszulöschen.
Er ließ niemanden übrig.

Der König bemerkte den Verrat zu spät. Es geschah so unerwartet, dass mitten in dieser so kurzen schönen Zeit aus dem absoluten Nichts heraus das unermessliche Leid und der Schrecken des Todes und des Verrats auf ihn einstürzten. Er verlor in nur einem Augenblick sein Volk, seine Familie, seine Freunde. Weit fort von ihm erlagen sie dem Angriff, weit fort von ihm verschwanden sie, hinterließen eine Stille, die er nie wieder aus seinem Herzen vertreiben würde können.
Sein Gefolge bei ihm wurde hinterrücks ermordet. Die mächtigsten Soldaten des Kaisers, seine Leibgarde persönlich, stürzten sich auf sie, während die meisten von ihnen kalte Grausamkeit in ihren Klauen hatte. Sie hatten nicht die geringste Chance. Sie erlagen alle dem verdorbenen Plan und fielen, starben einen sinnlosen, verzweifelten Tod.

Allein der König überlebte – durch das Opfer der Prinzessin. Sie liebte ihn. Sie liebte ihn wahrhaftig und gab ihr Leben ohne jedes Zögern, warf sich vor ihn, als der Schwertstreich eines Soldaten ihm sein Leben hätte nehmen sollen. Sie starb für ihn in seinen Armen und er verschwand.

Niemand wusste, wohin er gegangen war. Egal, wer ihn suchte, mit wieviel Macht derjenige auch gesegnet war, niemand fand ihn. Niemand sah ihn jemals wieder. Es war, als hätte es ihn nie gegeben. Als wäre alles nur ein endlos langer Alptraum gewesen, der mit seinem Verschwinden geendet hatte.
Aber der Alptraum sollte ab da erst beginnen.
Die Prinzessin, die ihn gerettet hatte, wurde von ihrem eigenen Vater bis in alle Ewigkeit verflucht. Er selbst, der Himmelskaiser, erlag nach einiger Zeit einer Krankheit des Geistes, er wurde wahnsinnig, siechte dahin und verging in nur wenigen Wochen. Seine Kinder zerstreuten sich in alle vier Winde, wandten sich ab von ihm und der Kaiserlinie bis auf einen, seinen Erben. Doch auch dieser Kaiser regierte so kurz wie kein anderer Kaiser vor ihm und sein plötzlicher Tod konnte nie geklärt werden, obwohl es so viele Wissende in diesem Volk gab.
Viele Historiker des überlebenden Volkes markierten die Tat dieses alten Himmelskaisers als den Beginn eines Niedergangs, den es nie zuvor in ihrem Volk gegeben hatte. Von diesem Zeitpunkt an schien mehr und mehr dieses Volkes seinen Höhepunkt überschritten zu haben und zu Boden zu gehen, zu degenerieren, zu verschwinden, schlechter und immer schlechter zu werden. Jedes einzelne Leben, egal ob aus der Herrscherlinie, dem Adel oder das der Bürger, schien von da an von Leid und Niedergang begleitet zu sein, bis sie schließlich auch ihren eigenen Planeten vollkommen verdarben und ihn verloren.
Manche munkelten, dass es ein Fluch des verschwundenen Königs war. Dass er irgendwie Rache nahm für die Auslöschung seines Volkes, indem er das Volk des Himmelskaisers ebenfalls auslöschte. Nur viel langsamer. Viel, viel langsamer.
Wenige sollten je erkennen, wie Recht sie mit dieser Annahme hatten.

***


Emily stand still da und schaute auf ihren Körper hinab. Kraftlos hingen ihre Arme lang an ihren Seiten. Unbewegt und normal fiel ihr Haar über ihren Rücken. Ihre Augen waren seltsam leer und dunkel, während sie ihren Körper dabei beobachtete, wie er starb.
Kaum noch Blut trat aus der großen Wunde in ihrer linken Brust. Das meiste trocknete bereits, wurde dunkler, färbte so indirekt ihre blasse Haut noch mehr, bis sie bleich wie eine Tote war mit halbtrockenen, blutigen Schlieren in Gesicht und auf der Kleidung und tiefen, eingefallenen Augen mit schwarzen Schatten darunter.
Ihr Körper weinte. Die Tränen in ihrem Gesicht waren noch nicht getrocknet, reflektierten das starke Sonnenlicht über ihr in einem zarten Funkeln. Die Sonne schien unverändert kraftvoll. Das Gras war immer noch hoch und saftig mit zarten Blumen darin, die Farbe in das kräftige Grün brachten. Nur still war es, still wie Emily. Kein Vogel, kein Insekt, kein Tier war mehr wahrzunehmen. Sie waren alle fort. Auch der Wind blieb still. Nichts bewegte sich. Alles verharrte.

Und in diesem Stillstand dachte Emily an die Geschichte von den zwei Völkern, die einen Mann wie Karrh hervorgebracht hatte.
Es war so lange her. Und trotzdem rächte sich dieser König noch immer am Volk des Kaisers und all seinen Nachkommen.

So war er auch Ériu einst erschienen. Da es ihr Urgroßvater gewesen war, der sein Volk ausgelöscht hatte, hatten sie und all die Kaiser vor ihr die Ehre gehabt, von Karrh persönlich vernichtet zu werden. Und da niemand Ériu je gleichgekommen war und sie so all ihre Vorgänger übertroffen hatte – selbst ihren verkommenen Urgroßvater – hatte auch Karrh sie nicht besiegen können. Ériu hatte sich vom besiegelten Schicksal der Kaiser lossagen und ihr eigenes wählen können. Sie hatte alles, einfach alles gesehen und verstanden und danach gehandelt und Karrh so sämtliche Angriffsfläche entzogen, seinen Fluch, der nach wie vor auf der Kaiserlinie lag, gebrochen. Eine Erinnerung, die Emily hatte.
Sie sah es regelrecht vor sich, als wäre es gestern gewesen, wie Karrh vor Ériu aufgetaucht war. Es war früh am Morgen gewesen, dämmerig, der Himmel klar und die letzten Sterne verblasst. Der Wind war aus Nordosten gekommen und hatte Blumenduft mit sich getragen, die weißen Lilien ihrer Mutter. Die ersten Vögel hatten ihr Lied gesungen, es war später Frühling gewesen. Ériu war auf ihrem Balkon gestanden und hatte gen Osten dieses neuen, jungen Planeten geblickt, auf den sie zusammen mit ihrem Vater ihr Volk geführt hatte. Sie hatte Karrh mit seinem Titel begrüßt, seinem vollen Namen und Titel als Herrscher seines Volkes, das nicht mehr gewesen war. Und dann hatte sie ihm ihre Hilfe angeboten.

Karrh hatte nicht ankommen können gegen all das Mitgefühl, das Ériu ihm entgegenbrachte, das Verstehen, für jeden einzelnen seines Volkes, den er verloren hatte. Sie hatte nicht ändern können, was geschehen war, und all den Schmerz deswegen gefühlt – dass sein Volk ausgelöscht worden war, und darüber, was dies für ihr Volk bereits bedeutet hatte und noch bedeuten würde. Was es für ihn bedeutete. Sie hatte nicht den Kampf gesucht, sondern ihre Hilfe angeboten, eine andere Lösung zu finden, Frieden zu finden für alle. Sie hatte ihm die Hand gereicht ohne jede Angst, ohne jede Zurückhaltung, absolut offen und ehrlich, womit sie sich ihm voll und ganz ausgeliefert hatte, und das hatte ihn machtlos werden lassen – konnte er doch nur unbeschadet das zurückschicken, was man ihm entgegenschickte. Jeder andere Kaiser hatte so sein Ende gefunden.
Er hatte ihre Hilfe natürlich ausgeschlagen. Die von ihm benutzten Schergen hatten am nächsten Tag dann sein Werk zu Ende gebracht und Ériu erfolgreich unschädlich gemacht. Und mit ihr anscheinend die Kaiserlinie, denn nie wieder wurde jemand nach ihr mit der Kaisergabe geboren. Als hätte sie sie mit sich genommen auf ihrer Reise…

Das wusste Emily nicht, ob sie sie wirklich mit sich genommen hatte. Alle Welt behauptete zwar, dass sie, Emily, diese Gabe erneut erwecken und darüber verfügen sollte, aber sie war davon noch immer so weit entfernt wie am ersten Tag. Manche Prophezeiungen wurden nun mal doch nicht wahr, denn die Zukunft stand nie wirklich fest. Ihr war auch nie prophezeit worden, von Karrh erneut getötet zu werden – wie auch immer sie das geschafft hatte, gesehen hatte sie es jedenfalls nie. Es war zwar schon oft – indirekt – in ihren Leben geschehen, aber sie hatte doch gehofft, in diesem davon verschont zu werden.
Etwas, was sie sich nicht mit Ériu teilte. Eine Ériu entkam ihm unbeschadet. Eine Ériu hatte die volle Kontrolle über ihr Leben, bestimmte voll und ganz darüber, selbst über ihr eigenes Ende, was kein Ende war, sondern nur ein weiterer Schachzug in Allem, was sie gesehen und geplant hatte. Sie hatte wahre Macht über ihr Schicksal gehabt, welche sie sogar dazu befähigt hatte, gegen das Schicksal ihres Urgroßvaters immun zu sein. Nicht einmal ihr Vater hatte das vollbringen können.
Hatte Ériu dann auch das hier gesehen? Hatte sie Emily gesehen, wie sie machtlos auf ihren toten Körper niederstarrte? Wenn Ériu wirklich die Kontrolle und die Einsicht gehabt hatte in schlicht alles, warum hatte sie dann das hier so gewählt? Leben um Leben, die von Karrh und seinen Anhängern beendet wurden im Gegensatz zu ihrem eigenen. War sie so letztendlich nicht doch seinem Fluch erlegen?

„Du stirbst nicht.“

Emilys Geist ruckte seltsam hoch, als würde er nach Luft schnappen. Sie riss sich los von sich selbst und blickte Finnbar an. Ernst, prüfend, vielleicht ein wenig wütend. Und hoffentlich nicht verzweifelt.
Der Elf wirkte bestürzt. Genauso ernst erwiderte er ihren Blick, und doch lag…Leid darin. Leid, sie so zu sehen.
„Hab keine Angst. Solange ich lebe, stirbst du nicht.“, sagte er sanft.

Emily blinzelte und kniff ihre Augenbrauen zusammen. „Wie kommst du zu dieser Annahme?“
„Weil unsere Leben in dieser Zeitlinie nach wie vor verbunden sind.“
Emily kniff die Lippen zusammen. Diese Aussage gefiel ihr ganz und gar nicht.
Ihre Augen ruckten leicht nach rechts, blickten eine Stellte neben und ein wenig hinter Finnbars Kopf an. Auch wenn sie dort nicht wirklich etwas sehen konnte, wusste sie, was sich dort befand und gleichzeitig nicht befand. Jetzt, da sie erfahren hatte, wonach sie suchen musste.
„Du kommst also aus einer anderen Zeitlinie.“, stellte sie nüchtern fest.
„Ja.“, antwortete er leise, aber klar und deutlich.
„Und du bist ein voll erwachter Schicksalswächter.“ Emily ließ ihre Augen auf diesem Punkt, den niemand sehen konnte.
„Ja.“
„Hast du selbst das Stück Nichts erschaffen?“ Da er noch unter den Lebenden weilte, war es mehr als unwahrscheinlich.
„Nein.“
Emily nickte. Schluckte seltsam schwer. „War ich es?“
Finnbar senkte den Kopf, schaute auf ihren Körper hinab, der weder atmete, noch einen Herzschlag hatte. „Ja.“
So war das also. Emily ballte ihre Hände zu Fäusten.

Bevor sie wieder etwas sagen konnte, ging Finnbar auf ein Knie und schob seine Arme unter ihren Körper. Leicht erschrocken sprang Emily einen Schritt zurück und sah ihm zu, wie er sie ohne jede Anstrengung hochhob und…irgendwie an sich drückte. Nicht viel, nur ganz leicht, kaum wahrnehmbar, und doch überdeutlich.
„Was hast du vor?“, verlangte sie zu wissen und trat den Schritt wieder hin zu ihm und schaute vorwurfsvoll zu ihm auf. Für ihren Geschmack hatte er schon genug für nur einen Tag angerichtet!
„Ich will Karrhs Fluch von dir nehmen, der deine Heilkräfte blockiert, um das Schicksal zu besiegeln. Aber das kann ich nicht hier tun.“, erklärte er ruhig und schaute sie ebenso ruhig an.
„Dann gehst du also dorthin?“
„Ja.“ Schlicht und einfach. Und dann lächelte dieser Elf auf einmal wieder. Das Traurige in seinem Gesicht ging zurück, das Ernste verflog ein wenig und seine Augen funkelten einen Hauch heller. „Du wolltest doch bereits mit mir dorthin gehen und dir die Antwort zeigen lassen, die ich dir nach wie vor schuldig bin.“
Emily schüttelte sauer ihren Kopf. „Wie kannst du in dieser Lage lächeln, hm?!“ Sah er den Ernst nicht hierin? In allem? Den Ernst von Jahrhundertausenden von Jahren?! Oder wollte er es nicht sehen?
„Warum nicht? Ich weiß, dass du nicht sterben kannst und dass Karrh mir im Moment nichts anhaben kann. Ich weiß, wie ich dich heilen kann. Also wird alles gut.“, blieb er ruhig.
„Wieso sollte dir Karrh nichts anhaben können?“ Und allmählich klang sie doch verzweifelt. Ihr Körper lag tot in seinen Armen, sie war nur ein Geist, der jeden Augenblick weitergehen konnte, sie hatte wieder nichts erreicht mit ihren mageren Kräften, und den Elf schien all das nicht zu kümmern!
„Weil du erneut dein Schicksal mit meinem vertauscht hast.“, erklärte Finnbar und Emilys Augen wurden kugelrund. „Sein Angriff galt mir als Antwort auf meinen Wunsch, ihm das Herz bei lebendigem Leibe herauszureißen.“ Nichts von der Wut, die hinter so einem Wunsch stecken musste, war in seiner sanften Stimme zu hören. „Du hast dieses Schicksal angenommen und so lebe ich. Solange zumindest, wie ich ihm keinen neuen Grund liefere, mich angreifen zu können. Solange stehe ich unter dem Schutz deiner Macht und deines Lebens, das du für mich gegeben hast.“

Emily schüttelte wieder den Kopf, fahrig, nach wie vor hilflos. „Ich bin keine erwachte Schicksalswächterin, ich kann mein Schicksal nicht mit einem anderen tauschen und sein Leben so schützen, nicht bei so was, nicht…“ Sie verstummte.
Finnbar neigte seinen Kopf ein wenig, hielt ihren Blick gefangen. Er sah ihr in die Augen und sie ihm, mit einem Mal schienen nur mehr seine tiefgrauen Sturmaugen für sie zu existieren. Augen, die sie früher immer wütend angeschaut hatten, genervt, gereizt, voller Ärger, die in diesem Moment aber…
Wärme lag darin. Tiefe, die unendliche Tiefe eines Wächters. Es war ein Blick nur für sie, erkannte da irgendetwas in ihr. Ein Blick voller…Zuneigung. Voller…Gefühl. Nur für sie.
„Aber du kannst es bei mir.“ Seine Stimme war kaum mehr als ein leises Raunen, seine Worte allein für sie bestimmt.
Emily blinzelte. „Das ergibt keinen Sinn.“, sagte sie ihm nachdrücklich.
Er lächelte erneut. Ein schiefes, unerwartet schönes Lächeln. „Das wird es, wenn du deine Antwort hast.“ Er richtete sich auf und trat einen Schritt zurück. „Komm.“, forderte er sie auf und deutete mit einem kleinen Nicken auf die Stelle mitten in der Luft, an der das Nichts war.

Er ging darauf zu, doch Emily rührte sich nicht. Schaute seinen Rücken an und fragte: „Warum wolltest du ihm das Herz herausreißen?“ Wenn sie schon die Wunde dafür davongetragen hatte…
Finnbar blieb stehen und drehte sich langsam halb nach ihr um. Er seufzte leise. „Es lag an dem, was er zu dir gesagt hatte.“
So verschreckt. Das hatte Karrh zu ihr gesagt. Als sie das mit dem Nichts erfahren und sich einen Reim darauf gemacht hatte. So verschreckt, und Finnbar war schlagartig wütend geworden, sichtbar und fühlbar, und hatte diese Wut auch nicht zurückgedrängt, nicht aufgelöst. Als hätte er es nicht gekonnt. Nur wegen dieser zwei Worte?
„So verschreckt…“, flüsterte Emily und Finnbar atmete tief durch. Sollte Karrh erneut hier auftauchen und diese zwei Worte wiederholen, lief Finnbar anscheinend Gefahr, dieses Mal wirklich tödlich getroffen zu werden. „Warum diese zwei Worte?“
Mit Blick auf sie erklärte er ruhig und gefasst: „Es war mit das Letzte, was ich zu dir gesagt habe, bevor ich gestorben bin.“
„Aber…“ Emily blinzelte und schluckte wieder schwer. „Wie bist du gestorben?“ Und etwas, irgendetwas in ihr glaubte, die Antwort zu kennen, zu wissen, noch bevor er sie aussprach…
„Ich gab mein Leben für deins.“, antwortete er ohne zu zögern. „Étaín wollte dich töten und ich vereitelte ihre Tat, indem ich mich vor dich stellte und ihren Angriff abfing. So wurdest du gerettet und konntest deine volle Macht als Himmelskaiserin erwecken, mit der du danach mich wiederum retten konntest, indem du die alte Zeitlinie mit dieser neuen verwoben hast.“

Emily starrte ihn an. Betroffen, entsetzt und doch überzeugt, dass das die Wahrheit war. Eine Wahrheit. Seine Wahrheit. Eine Wahrheit, die es in dieser Zeitlinie nicht gab, dafür aber in einer anderen gegeben hatte. Was schließlich hierher geführt hatte. Was Emily anscheinend selbst so eingeleitet hatte.
Sie senkte ihre Augen, schaute den blutigen Boden vor sich an und verschränkte die Arme, als wäre ihr kalt. „Dieses verfluchte Miststück.“, murmelte sie nur.

Dann schnaubte sie. Biss die Zähne zusammen, schloss kurz die Augen, sammelte sich. Ihr Kopf ruckte hoch, sie schaute Finnbar an und tat einen großen Schritt über die Stelle weg, auf der ihr Körper gelegen hatte.
Damit folgte sie Finnbar in das Stück Nichts.

***


„Woas da Deife, wos mit dera los is!“ (Weiß der Teufel, was mit der los ist!) Philipp Keiler, auch Pwyll genannt, grübelte seit Stunden vor sich hin, während er seine Schwägerin in spe bedachte. Sie war anders. Er konnte nur nicht sagen, was anders war, geschweige denn, dass er den Grund dafür kannte.
Sie hatten Sonntag, Emily war bei ihrer Schwester eingefallen und trank bereits ewig mit ihr Kaffee. Aß Kuchen. Quatschte. Lachte laut und störend. Pwyll tauchte immer wieder in der kleinen Küche auf, in der sie am Tisch saßen, warf böse Blicke in ihre Richtung und holte sich bei seinen Kurzbesuchen ebenfalls Kaffee und Kuchen. Der Kuchen schmeckte. Er konnte nicht sagen, warum, es war immerhin Emilys Kuchen, der schmeckte ihm aus Prinzip nicht, aber er schmeckte. War anders als sonst. Wie seine Bäckerin.
Sie gab sich völlig normal wie immer. Und war es doch nicht. Es nervte. Wie immer nervte ihn diese Frau, seit gut einer Million Jahren nervte sie ihn. Ließ es einfach nicht.
Nicht einmal zuhause hatte er seine Ruhe vor ihr.
Warum war sie auch die Schwester der Frau geworden, die er liebte?
Es war eine Qual.

Von einer Suche hatten sie kurz gesprochen. Ob Emily gefunden hatte, weshalb sie aufgebrochen war. Sie hatte gemeint, sie sei schlauer und alles sei in Ordnung. Die Suche habe ihr eine Antwort gegeben. War sie deswegen anders? Hatte sie etwas gefunden, was sie stärker gemacht hatte? Wissen, dass sie weitergebracht hatte? Sie war immerhin ewig stagniert auf ihrem Level, nach wie vor weit von Ériu entfernt. Aber er nahm nichts in diese Richtung wahr. Sie wirkte da wie immer.
Was war es also?

Als er gerade einmal wieder Kaffeeholen war, fragte Anni: „Jetz sog amoi, Ems, wo hostn du den Kuacha her? Wos is do drinad?“ (Jetzt sag mal, Ems, wo hast du denn den Kuchen her? Was ist da drin?)
Emily zuckte mit den Schultern: „Des is da normale Eialikörkuacha, wo i as Rezept vo unsana Nochborin griagt hob, da Maria.“ (Das ist der normale Eierlikörkuchen, wo ich das Rezept von unserer Nachbarin gekriegt hab, der Maria.)
„Na, is a net.“ (Nein, ist er nicht.), widersprach Anni sofort. „I kenn den Kuacha und der do schmeckt exakt wia der vo da Maria. Und nu nia is des a nur irgndoam vo uns glunga, den so zum Bocha, dass a wia der vo ihra schmeckt. Rezept hi, Rezept her.“ (Ich kenn den Kuchen, und der hier schmeckt exakt wie der von der Maria. Und noch nie ist es auch nur irgendeinem von uns gelungen, ihn so zu backen, dass er wie der von ihr schmeckt. Rezept hin, Rezept her.)
Wieder ein Schulterzucken. „I ho experimentiert. Und tada!“ (Ich hab experimentiert. Und tada!)
„Wia experimentiert? De Zutatn ondast dosiert? Vaschidane Morkn ausbrobiert?“ (Wie experimentiert? Die Zutaten anders dosiert? Verschiedene Marken ausprobiert?)
Emily schüttelte den Kopf. „Zaubert.“ (Gezaubert.)
Pwyll blinzelte und wandte ihr leicht den Kopf zu.
Anni verdrehte die Augen. „Zaubert, toll. Wos host nei do?“ (Gezaubert, toll. Was hast du rein getan?)
„Magie.“, grinste Emily.
„A geheime Zuatat aiso, sog s ma, hopp!“ (Eine geheime Zutat also, sag sie mir, hopp!)
Kopfschütteln. „Koa Geheimzuatat, sprichwörtle Magie.“ (Keine Geheimzutat, sprichwörtlich Magie.) Emilys Grinsen wurde breiter. „Reine Magie.“, verkündete sie und Pwyll verzog seine Augenbrauen kritisch.
„Wia, reine Magie?“
„I hob“ Bedeutungsschwangere Sprechpause. „Den Kuacha einfach noch meine Vorstellungan gschaffa.“ (Ich habe den Kuchen einfach nach meinen Vorstellungen erschaffen.)
Anni blinzelte. „Wia, ausm Nichts raus?“ (Wie, aus dem Nichts heraus?)
„Net ausm Nichts, aus meine Gedankn heraus.“ (Nicht aus dem Nichts, aus meinen Gedanken heraus.), strahlte Annis große Schwester. „I hob ma an Kuacha vo da Maria einfach so erschaffa, wiara imma gwen is bei‘ra. Mei Magie hot Zuckamoleküla, Stärkemoleküla, Gluten, Eiweiß, Fett, Alkohol, Gschmacksstoffe, Schoklad und so weida perfekt erschaffa und zamgmischt!“ (Ich habe mir Marias Kuchen einfach so erschaffen, wie er immer war bei ihr. Meine Magie hat Zuckermoleküle, Stärkemoleküle, Gluten, Eiweiß, Fett, Alkohol, Geschmacksstoffe, Schokolade und so weiter perfekt erschaffen und zusammengemischt!) Emily wirkte stolz.
Anni schaute verstört. „Aha.“
„Kalorien hant trotzdem drinnad.“ (Kalorien sind trotzdem drin.), zwinkerte Emily.

Deswegen schmeckte der Kuchen, er war so gesehen nicht Emilys Kuchen, sondern der ihrer verstorbenen alten Nachbarin Maria, die legendär gewesen war für ihre Kuchen, besonders ihren Eierlikörkuchen. Ein Abklatsch also, magisch zwar, aber immer noch ein Abklatsch. Pwyll schüttelte den Kopf und verließ die Küche wieder.
Er kam nicht darauf, was ihr Geheimnis war. Es nervte ihn, aber er biss die Zähne zusammen und hielt es wohl oder übel einfach aus. War nichts zu machen im Moment.
Und irgendwann verabschiedete sie sich wieder – endlich – und Pwyll sollte seine Ruhe haben.
Allerdings landete er nach dem letzten Abschiedsgruß von Emily auf einer schnelleren Zeitebene.

Mit hochgezogenen Augenbrauen schaute er Annis Schwester entgegen, die in der Tür zum Wohnzimmer, wo er gewesen war, aufgetaucht war. Aufmerksam erwiderte sie seinen Blick, schaute ihn sich an und schaute dabei…genau hin. Schaute nicht nur sein Äußeres an, sondern alles, was er nicht unter diversen Schutzschirmen verbarg.
Dann legte sie den Kopf schief, blinzelte und ihre Musterung hörte auf. Sie schaute ihm in die Augen. „Ich glaube, es gab da einmal einen Moment vor ein paar Monaten, in dem du angefangen hast zu versuchen, dich bei mir zu entschuldigen.“, eröffnete sie äußerst unerwartet ihr Thema.
Pwylls Augenbrauen blieben.
„Es war ein wenig verstörend. Für uns beide, glaub ich.“ Sie sagte das ein wenig zu leichthin, fand Pwyll. „Du wirst Anni bald heiraten.“, fuhr sie fort. „Und dann sind wir wirklich eine Familie.“ Und sie lächelte dabei. Leicht. Vielleicht auch verschmitzt. Als würde sie sich freuen…
Pwyll blinzelte sie ein wenig ungläubig an. Misstrauisch.
„Und ihr werdet mit ziemlicher Sicherheit drei süße Kinder kriegen.“, nickte sie dazu. Was Pwyll natürlich auch wusste. „Die mich abgöttisch lieben werden.“ Das sah er anders. „Weshalb wir uns allmählich wirklich verstehen und versöhnen sollten.“

Pwyll wurde nicht schlauer. Was war mit ihr los?!
„Ich sehe nach wie vor keinen Grund, mich zu entschuldigen.“, stellte er kühl klar. „Alles ergab sich damals aus gewissen, guten Gründen.“ Soweit er informiert war, waren ihr diese Gründe bekannt, die Erinnerungen hatte sie an damals zumindest schon mal so gut wie alle geweckt. „Was du-“
„Ériu war euch nie böse oder etwas dergleichen.“, unterbrach sie ihn.
Pwyll schnaubte verächtlich. „Natürlich nicht.“, äffte er. „Ériu war niemandem böse, sie vergab jedem, noch bevor er einen Fehler begangen hatte.“
„Natürlich.“, nickte Emily. „Sie sah ausnahmslos, was derjenige sich selbst antat. Sie sah damals, wie ihr euch euer eigenes Grab geschaufelt habt, als ihr versucht habt, sie zu töten. Da konnte sie nur mitfühlen bei all dem teils schrecklichen Leid, das über euch selbstverschuldet kommen würde und kaum ein Ende finden würde und viele von euch und die, die ihr liebtet, letztendlich qualvoll zerstören würde.“
„Unser eigenes Grab war das wohl-“
„War es etwa nicht so?“ Emily sah ihm in die Augen und hielt seinen verhalten türkisenen Blick fest. „Kurze Zeit darauf traf dich der Fluch, einsam und verlassen nie zu sterben bis ans Ende aller Zeit. Und je länger du lebtest und deine Gaben anstrengtest, umso deutlicher wurde dir, dass du deine geliebte Rhiannon nicht mehr wiedersehen würdest. Dass du in dieser Ewigkeit allein sein würdest und absolut nichts dagegen tun kannst. Hast du diese Dinge nie miteinander in Verbindung gebracht? Immerhin bist auch du ein Schicksalswächter.“ Sie blinzelte zu ihrer Frage, während Pwylls Blick düster wurde und er wohl unbewusst eine reine Abwehrhaltung einnahm. Antwort genug, er hatte sie in Verbindung gebracht – und war dem augenscheinlich machtlos gegenüber gestanden. Seine Gaben als Wächter waren eben nie vollständig erwacht.
Emily seufzte. „Verzeih, ich will dich nicht ärgern oder provozieren. Ich wollte nur, dass du weißt, dass Ériu euch nie böse gewesen war. Sie hatte gewusst, dass ihr kommen würdet und es nichts ändern würde, wenn sie gegen euch wirklich kämpfen würde. Damit ist sie ihren Weg gegangen, den sie schon lange vorher geplant hatte. Du musst dir also keine Vorwürfe machen von ihr aus. Nur noch dir selbst vergeben.“
„Tz, wieso vergeben? Wie gesagt, alles war absolut-“
„Philipp.“ Erneut unterbrach sie ihn sehr bestimmt. „Du hörst mir nicht zu. Es ist absolut egal, was deine Gründe waren, du hast gehandelt und diese Handlung hat Wellen hervorgerufen im großen Ganzen. Und diese Handlung wird solange Wellen hervorrufen, wie du an ihr festhältst und sie ständig rechtfertigst, vor dir und anderen. Hör auf, sie zu rechtfertigen, stell dich ihr und den Konsequenzen und gut ist.“
„Welche Konsequenzen? Ich habe nie-“
Emily verdrehte die Augen, bevor sie ihn noch einmal unterbrach. „Der Fluch, Herrgott! Man kann Flüche brechen, und zwar alle! Also auch deinen! Das wär doch schön, nicht?“ Immerhin hatten Ériu und Rhiannon soweit eingreifen können – im Voraus – dass das mit dem einsam und verlassen schon früher vorbei war und nicht erst am Ende aller Zeit. Sah er das wirklich nicht?

Philipp schien nicht ganz mitzukommen, worauf sie hinauswollte. Emily seufzte also zum zweiten Mal. Er war so schwer von Begriff wie früher. „Also, Ériu hatte dir vergeben, also gibt es auch keinen Grund für mich, dir wegen damals böse zu sein. Auch das mit der Arena habe ich für mich aufgearbeitet, immerhin hab ich dir da auch ganz schön zugesetzt und dich ein wenig genugtuend verprügelt, und du warst verzweifelt auf der Suche nach meiner Schwester. Und deswegen möchte ich, dass wir zwei uns einfach wieder gut verstehen.“ Außerdem wusste sie, dass es ihm wirklich leidtat, er nur zu blind war, es ihr auch zu sagen. Aber das wurde sicher noch. Irgendwann.
Sie nickte und grinste und strahlte ihn aus freudigen Augen an.
Er änderte seinen Blick nicht wirklich.

Naja. Emily hatte alles gesagt, winkte zum Abschied, ging zurück in den Flur, wo sie sie beide wieder zurück auf die normale Zeitebene brachte. Sie zog sich Schuhe und Jacke an, wollte die Tür öffnen, als diesmal Philipp sie auf eine schnellere Zeitebene hob.
Fragend schaute sie zurück zu ihm.

„Du hast mich Philipp genannt.“, stellte er fest.
Emily nickte.
„Warum?“
„Naja, ich bin nicht sauer auf dich. Nicht mehr. Und du heiratest in ein paar Monaten Anni. Dann sind wir eine Familie.“, erinnerte sie noch einmal.
Er atmete hörbar aus, verschränkte die Arme und schaute zur Seite. Und sein Blick ging in die Ferne, weit, weit zurück in die Vergangenheit. Emily wartete still, bis er sah, was er sehen wollte, und sagen konnte, was er sagen wollte.

„Du hast dich damals verändert.“, begann er leise. „Noch vor deiner Ernennung zur nächsten Kaiserin. Wir wussten immer, dass du es werden würdest, du warst die Stärkste von uns allen. Und all deiner Macht lag eine Leichtigkeit bei, es war unglaublich. Es war beeindruckend. Und dann, von einem Moment auf den anderen, erwachte in dir die Kaisermacht. Wir hatten das schon ein paar Mal miterlebt, allerdings nur bei potentiellen Erben, die nie ernannt wurden, und es war kein Vergleich zu dir gewesen. Deine Macht wirkte unvorstellbar. Wortwörtlich. Wir konnten es uns nicht vorstellen. Wir hatten keine Ahnung, was sie für dich bedeutete, mit dir machte, wie sie dich veränderte. Wir sahen nur, dass sie dich verändert hatte.“ Er schluckte, schaute weiter fort. Emily fühlte die leichte Traurigkeit in ihr, die von Ériu herrührte, die ebenfalls lauschte. „Du wurdest…still. Ein stilles Wesen im Abseits der Gesellschaft, am Rande der großen Bankettsäle. Du schienst dem Leben nur noch zuzusehen und nicht mehr selbst zu leben. Und selbst als man dich nach einer gewissen Zeit wieder mehr sah, wirktest du immer abwesend, dein Blick ging fort in Sphären, die sonst niemand sah, und schien immer traurig zu sein. Kein Kaiser vor dir hat sich so verhalten.“
Er sah zu Emily, kehrte zurück zu ihr, sein Blick eine Mischung aus Härte und…Wehmut. „Niemand hat dich verstanden. Das weißt du, oder?“
Emily nickte. „Ériu hätte es auch nicht erklären können.“
„Ich weiß. Aber es ändert nichts.“ Er seufzte, wieder genervt. Schaute dann in die andere Richtung fort, hin zur Küche, wo Anni noch saß. „Rhiannon hat sich große Sorgen gemacht. Sie sagte mir nie genau, warum. Ich ging davon aus, dass es einfach Sorgen um dich waren. Aber vielleicht…wusste sie auch vor ihrem Tod, wie wir beide auseinander gehen würden.“ Und dieses Mal klang echtes Bedauern heraus. In seinem Ton schwang endlich ehrliches Bedauern und Leid mit heraus. Endlich fing er an, ehrlich zu sein.
Emily nickte. „Das wusste sie, denn Ériu hat es ihr gesagt.“

Geschockt ruckte Philipps Kopf zurück zu ihr. Dann war er sauer. „Du hast was?!“ Das Bedauern war wie weggeblasen.
Emily zuckte mit den Schultern. „Ériu war das, nicht ich. Sie und Rhiannon waren beste Freundinnen, Philipp, die erzählen sich eigentlich alles.“
„Soll das heißen, meine Gefährtin wusste, dass ich ihre beste Freundin angreifen und töten würde?!“ Er klang wirklich richtig sauer. Ging auf wie eine warme Semmel. Sein Gesicht rötete sich sogar ein wenig, auch seine Stimme wurde lauter.
Emily blinzelte ihn an. „Ja. Aber warum regt dich das so auf?“ Dann grinste sie, schnippte mit der rechten Hand und zeigte triumphal auf ihren baldigen Schwager: „Ah, du bereust es wirklich und schämst dich nun deswegen trotz all der guten Argumente, die du immer wieder aufbringst. Schon durchschaut.“
„Hör auf mit diesem Psychoquatsch! Du kannst sowas doch nicht meiner Gefährtin erzählen!!“
„Noch einmal, das war Ériu, und das ist kein Psychoquatsch, zu dieser Schlussfolgerung kommt man auch mit einer Prise gesunden Menschenverstands und ein wenig Menschenkenntnis.“, belehrte ihn Emily geduldig. „Und, Philipp, du hast total das schlechte Gewissen deswegen, weil du dich jetzt im Nachhinein dafür schämst! Gib es doch einfach zu und gut ist!“ Herrgott!
„Du machst mich wahnsinnig, Frau!!“, war jedoch alles, was er sagte. Er sah auch wirklich ein wenig wahnsinnig aus dabei. Hm.

Emily seufzte leidend und verdrehte die Augen. Und da hatte sie sich nur aussöhnen wollen.

***


Sie hatte diesen Funken Hoffnung gesehen. Sie hatte das Leuchtfeuer gesehen, als welches er verborgen und nie entdeckt von irgendjemandem gebrannt hatte. So war das nicht. Sie hatte schließlich alles gesehen, alles erkannt, sie hatte die Kaisermacht erweckt, natürlich sah sie da alles. Und auch wenn ihr älteres Leben gemeint hatte, dass das genug war, war es das eben nicht. Wissen war die eine Sache, Macht ebenfalls, aber Gefühle, diese tiefen Gefühle, die ihr anderes Ich aufgebracht hatte für diesen einen Elf, die sogar durch Raum und Zeit gingen, die konnte man nicht einfach bekommen, herzaubern, überreichen, sonst was. Es ging nicht. Emily blieb Emily und sie war eine andere Emily. Dieser Funken Hoffnung war schlicht auch, was er war: nur ein Funken. Nicht mehr. Nicht endgültig oder absolut sicher. Es war ein kleines Stück Hoffnung gewesen und als solches hatte es sich nicht durchgesetzt. Emilys und Finnbars Schicksal blieb getrennt, weil sie es so wollte. Freier Wille. So einfach war das und der Funken war erloschen.
Finnbar hatte es verstanden – logischerweise. Als voll erwachter Schicksalswächter hatte er die möglichen Entwicklungen gesehen. Mit ihnen gelebt. Er hatte gewusst, wie gering die Chancen gewesen waren. Sie hoffte für ihn, dass er sich nicht falschen Hoffnungen hingegeben hatte. Sie taten nur zu weh, wenn sie nicht in Erfüllung gingen, eine Erfahrung, die Emily auch bereits zur Genüge gemacht hatte.

All das war ihr mit absoluter Klarheit bewusst. All die Vergangenheit, die sie und den Elf an diese Stelle geführt hatte, die ihr ihre wahre Macht wiedergegeben hatte, alles. Sie hatte es akzeptiert, aber konnte nichts erzwingen. Man konnte keine Gefühle erzwingen, es wäre nur gelogen und das wollte auch keiner. Sie hatte sich entschieden und es geklärt – an Ort und Stelle ihrer Heilung in diesem Stück Nichts. Alles war geklärt.

Also verstand sie nicht dieses seltsame, verschwindend geringe Echo, das sich immer wieder durch ihr Leben nun schob. Hier und da versteckt auftauchte, ein Flüstern von sich gab und sofort wieder verschwand. Ein Echo, das von dieser anderen Emily zu kommen schien und ihrem Willen, Karrh und ihrem Schicksal zu entgehen und mit Finnbar zusammen sein zu können. Es sollte es nicht mehr geben. Eigentlich nie gegeben haben. Und doch war es da.
Wohl eine weitere kleine Manipulation, wie sie all ihre vergangenen Leben und so auch sie selbst in einer verschwundenen Version gerne vornahmen bei ihr. Eine Manipulation, die bei Emily die Galle hochkommen ließ in der Regel, jetzt aber nur noch ein leises, etwas vorwurfsvolles Seufzen. Sie hatte ihren Grund erkannt und für sich beschlossen, es zu ignorieren. Darüber zu stehen. Zu warten,  bis es endgültig verklungen war in ihrem ewigen, neuen, alten Leben.
Das Radioprogramm zum Beispiel war ein solches Echo. Schon immer gewesen. Und nach wie vor präsent. Allerdings konnte sie auch damit leben, wenn sie einfach den Sender wechselte.
Meistens zumindest.

„Ich werde hier zum Tier!!“ Emily hatte sich ihren Radio gekrallt, die Zähne schon regelrecht gefletscht und schüttelte ihn tief und dunkel knurrend. Sie liebte Patrick Swayze, wirklich, seine Filme, all seine Filme (zumindest die drei, die sie gesehen hatte), ein Gedicht, was besonders diesem Mann zu verdanken war. Es war für sie nicht verwunderlich, dass er auch singen konnte, aber sein Lied She’s like the wind war der Auslöser für Emilys Ausrasten.
Reihte es sich doch in eine lange, lange Reihe anderer Lieder an diesem trüben, verregneten Dienstag im Spätherbst ein: ABBA mit Lay all your love on me; ABBA mit Waterloo; wieder ABBA (sie hatte drei Radiosender hintereinander durchgewechselt und auf jedem war ABBA gelaufen! Gab es sonst keine Bands mehr oder wie?) mit Gimme! Gimme! Gimme a man after Midnight; Tina Turner mit Missing you (sogar Tina!); Sarah Brightman She doesn’t see him; Roxette Listen to your heart.

Da Schütteln nichts brachte, schaltete Emily den Radio in ihrem Schlafzimmer aus und ihren guten, alten CD-Spieler im Wohnzimmer ein, den sie seit den späten 90ern hatte, und legte Maria I like it loud von Scooter ein. Viel besser. Sie drehte so weit auf, wie sie es sich an einem Nachmittag mit ihren besonderen Nachbarn erlaubte. Nur leider war dieses Lied nach nur ein paar Minuten logischerweise vorbei und das nächste auf der CD wurde abgespielt: Daft Punk Something about us.
Hiernach spielte Emilys CD-Spieler eine Entspannungs-CD mit Walgesängen.
Das sollte sicher sein.

Ihr Schwert lag in ihrer Badewanne. Unter Wasser. Wasser war ein gutes Medium, um nervende Schwerter noch stärker zu versiegeln, als es magische Hüllen sowieso schon taten. Außerdem lief in Emilys Badezimmer niemand Gefahr, zufällig dieses dumme Schwert zu finden und dem Wahnsinn zu verfallen, sollte Emily es in einem Weiher oder See versenken. Fanden ja ständig was, diese Menschen, Schwimmer wie Taucher. Emily war gezwungen gewesen, etwas gegen ihre alte Waffe zu unternehmen. Denn – wie sich herausgestellt hatte – war sie ein weiteres, fernes, aber allmählich immer nervigeres Echo. Wie so vieles. Also musste sie handeln.
Umgeben von Buckelwalen atmete sie ein wenig auf

Sie war nicht weiser geworden. Also schon. Aber irgendwie… Da tauchte endlich ihre wirkliche Allwissenheit in einem abgeschiedenen Stück Nichts auf und alles und dann brachte es nichts. Gut, es half ihr, Familienthemen wie das mit Philipp zu lösen. Oder einfach alles zu durchschauen, klar. Und irgendwie über den Dingen ein wenig zu schweben…also sich nicht mehr so über alles und jeden aufzuregen, hineinzusteigern, ruhiger zu werden. Geduldiger. Weitsichtiger im wahrsten Sinn des Wortes. Schlicht mächtiger. Sie war der Allmacht nun wirklich nahe. So gut wie komplett darin.
Allerdings hörte es da schon auf.

Emily hatte es sich definitiv anders vorgestellt. Immerhin hatte sie Ériu als leuchtendes Vorbild gehabt, immer wenn die Frau oder ihre Macht aufgetaucht waren, war das eben was anderes gewesen als jetzt. Eine Art Dauerzustand der Erleuchtung. Aber nur, weil das bei Ériu so gewesen war, hieß das anscheinend nicht, dass es bei Emily auch so sein musste. Immerhin war sie dann auch nicht ununterbrochen traurig oder so, weil sie jede nur erdenkliche Auswirkung jeder nur erdenklichen Tat sah für alles und jeden in jedem nur erdenklichen Moment.
Es war kein Dauerzustand. Es war anders, es war mehr, aber die volle Erweckung und Aufrechterhaltung der Kaisermacht musste sie bewusst und absichtlich herbeiführen. Wenn sie das nicht tat, war sie Emily. Halt mit mehr Durchblick. Und mehr Macht. Mehr als vorher. Wesentlich mehr als vorher. Unglaublich viel mehr als vorher. Aber das i-Tüpfelchen fehlte halt.
Es war ein wenig nervig.
Zusätzlich zu dieser ganzen Finnbar-Misere. Nein, Echo. Nur ein fernes, verklingendes, somit leiser und leiser werdendes Echo. Punkt.

Buckelwale halfen nicht.
Eigentlich half gar nichts. Sie hatte nicht mal wen, mit dem sie darüber reden konnte. Bei jemand Professionellem musste sie über neunzig Prozent weglassen oder verändern – sehr schlechte Grundlage, um darauf was zu errichten. Und bei jemand nicht ganz Professionellem, dem sie alles sagen konnte, würde sie wahrscheinlich auch keine Hilfe kriegen. Sobald die das Wort Mann hörten, würden sie durchdrehen…
Am ehesten wäre noch Cadhla zu gebrauchen. Cait konnte Emily vergessen – besonders da es um Finnbar ging. Caits Gefährte – der Blender Rórdán – Emily mochte ihn nicht so gern, konnte allerdings nicht genau sagen, warum, selbst mit ihrem neuen Hintergrundwissen, allerdings war er in der anderen abgelaufenen Zeitlinie ein Dämon gewesen, der sie mal fast getötet hatte, also kam es wohl daher – auf jeden Fall hatten Rórdán und Finnbar noch ungeklärte Themen, bei denen Cait sicher vermitteln wollte und somit klar nicht objektiv an die Sache rangehen konnte. Also fiel sie aus.
Allerdings war Cadhla gerade hochschwanger – und irgendwie ein wenig unberechenbar geworden. Emily hoffte sehr, dass es an der Schwangerschaft lag und sich nach der Entbindung wieder legen würde. Hm.
Medb war keine Hilfe. Sie hätte zwar sicher die nötige Lebenserfahrung für schlicht alles, aber Emily war sich nicht sicher, wie sie reagieren würde. Sogar bei ihr hatte sie Angst, dass die Emily-stirbt-nicht-allein-Hysterie durchgreifen würde – weit gesetzter natürlich als bei anderen.
Brighid ähnlich wie Medb – nicht so gesetzt.
Ihre Familie ähnlich wie Brighid – noch weniger gesetzt.
An Dear dachte sie erst gar nicht.
Cáelán…höhöhöööö. Nein.
Womit die Auswahl schwindend gering war.
Sie war auf sich gestellt. Einsam und allein auf weiter Flur.
Eigentlich schon traurig, nicht? Da hatte sie quasi Allwissenheit – ihr Kaisermodus sagte ihr, dass das wirklich nur ein Echo war, nicht mehr, nicht weniger, also unwichtig für ihr Leben, da sie selbst ausschließlich für sich Entscheidungen traf – durchschaute alles, was zu dieser Zeitlinie geführt hatte und noch mehr – und wurde trotzdem nicht fertig mit dieser Sache.
Also fertig schon, natürlich. Es nervte sie halt nur so tierisch allmählich!
Selbst die Sache mit Phillip hatte sie im Handumdrehen erledigt gehabt – keinerlei böses Blut mehr, keinerlei Genervtsein, nichts. Absolut entspannt und gelöst. So sollte das sein! Auch hier. Aber hier…
Nervendes Echo.

Einige Erinnerungen aus diesem anderen Leben waren dabei auch nicht hilfreich. Gar nicht. Denn auch sie wollten sie nur zu gern in eine bestimmte Richtung locken, eine Richtung, die in der anderen Linie Sinn ergeben hatte, die aber hier unangebracht war. Unmöglich.
Zum Beispiel so ein Gespräch, das die andere Emily mal mit Thanuaerh und Branwen persönlich geführt hatte – ein weiterer Grund für diese Emily, nie, wirklich nie dieses Leben von sich freiwillig zu besuchen! Dort waren Dinge gefallen, wie ‚die Vergangenheit lehrt euch, dass ihr zusammengehört und einander immer helft‘ (was sie in diesem Leben ja schon getan hatten… Siehe Schicksalsänderung durch Emily, sodass der Elf nicht gestorben war durch Karrh). Oder ‚die Vergangenheit beeinflusst die Zukunft immer!‘ Und, ihre Lieblingsstelle: ‚Du wirst einen Weg finden, auch gegen seinen Willen.‘
Gegen. Seinen. Willen. Etwas, das Emily bis aufs Blut reizte. Verständlicherweise.
Nichts geschah hier gegen irgendjemandes Willen!!
Ganz besonders nicht gegen ihren!

Außerdem hatte es auch in dieser anderen Zeitlinie gewisses Gerede von einer Alternative zu Finnbar gegeben! Sie hatte die Wahl gehabt, auch wenn ihr die erst einmal vorenthalten worden war von entscheidenden Lichtern. Tz. Die Wahl hatte man immer. Die Zukunft stand nie fest. Alle wussten das! Einfach alle! Vor allem die Hauptperson, diese andere Emily!
Es war eine himmelschreiende Unverschämtheit, dass die es also dennoch versuchte, eine absolut unbeteiligte Emily in diese Bahn zu zwängen und zu zwingen!

Emily atmete durch. All das war klar. Womit sie wieder am Anfang war: alles klar. Nur ein Echo.
Ein nervendes, penetrantes, ausharrendes Echo.

Also, da sie mit niemanden darüber reden konnte und wollte und sonst auch nichts half, tat sie das Zweitbeste: Sie schob das Problem auf! Gab dem Echo noch mehr Zeit, wirklich zu verhallen auf Nimmerwiederhören! Sowas tat ein Echo eben. Es verhallte und war vorbei. Reine Übergangsphase. Und ihre Allwissenheit sprich Kaisermacht sagte ihr, dass das eine Möglichkeit war. Dass es ihre Entscheidung war.
Wunderbar!

Umgeben also von wieder friedenbringenden Walen trat Emily zurück an den Spiegel und zauberte sich ein Kleid nach dem anderen an den Körper. Sie hatte diverse Modezeitschriften um sich herum, andere inspirierende Bilder in der Luft und im Kopf und erschuf sich dank Nordmagie ein Kleid nach dem anderen, maßgeschneidert. Darin hatte sie ihr Radioausflug unterbrochen.
Doch egal, welches Kleid sie auch zauberte, egal wie schön sie manche sogar fand, egal wie schön sie die dann immer noch fand, wenn sie drinsteckte, sie hatte eigentlich nach wie vor keine Lust darauf, ein Kleid zu tragen. Sie seufzte tief, während sie angetan war mit dunkelgrüner Seide, die wie Wasser über ihren Körper floss. Sie hasste auch hohe Schuhe, die sie sich golden zu diesem Kleid gezaubert hatte. Taten weh. Egal wie mächtig sie war und vielleicht noch werden würde, wer wusste das schon, hohe Schuhe würden ihr immer wehtun und sie würde sie immer hassen. Selbst mit gezauberten Miniluftpolstern darin, um Blasen vorzubeugen.
Aber sie bräuchte zwangsweise etwas Feierliches. Immerhin war sie die Patin einer Prinzessin und das Namensfest sollte stattfinden und da würde Emily mit in der ersten Reihe stehen. Zwangsweise halt. Da konnte sie nicht in Jeans auftauchen. Oder einem Hosenanzug. Es musste was hermachen. Trotzdem dezent sein, natürlich. Emily war keine Protzsau.
Also Kleider. Lange, feierliche Kleider in schlichter Eleganz. Vielleicht eine Stola.
Gna.

Hilfreich war beim Anprobieren leider auch nicht, dass das Echo nicht so ganz ein Echo blieb und verhallte, wie gewünscht. Denn – Zufall, haha, sie konnte inzwischen über Zufälle sowas von herzhaft lachen – Emily sollte Patin von Finnbars Nichte werden, der süßen kleinen Carys. Was bedeutete, dass ein gewisser Elf ebenfalls bei der Party sein würde.
Hurra.
Denn immer, wenn sie den Elf sah, lebte das Echo auf. Als würde es neu starten, neu gebrüllt werden und zwar immer wieder gebrüllt werden, damit es ja nicht vergessen und überhört wurde.
Kam klar von dieser anderen Emily, die ein richtig blödes Arschloch anscheinend gewesen war.
Aus dem Vorhaben also, das Problem aufzuschieben, Finnbar in seinem Dorf hocken zu lassen und es nie wieder aufzusuchen oder ihm sonst wie möglicherweise über den Weg zu laufen, wurde also nichts. Das Echo würde laut und lauter werden und an ihren Nerven zehren.
Warum musste der auch der Bruder des Königs sein?
Emily hatte also wie so oft das große Los gezogen.

Hatte sie sich zuerst gefreut über diese Ehre, freute sie sich nun überhaupt nicht mehr. Hasste es fast schon und überlegte, wie sie blaumachen konnte. Krankheiten fielen leider aus, berufliche Verpflichtungen fielen leider aus; da sie perfekt im Zeitreisen war, fiel jede nur erdenkliche Art von Ausrede aus! Und Dear irgendwie dazu bringen, dass sie sie nicht mehr mochte, wollte sie auch nicht. Sie war mit eine ihrer besten Freundinnen.
Sie seufzte.

Und bei diesem ganzen Nicht-Funktionieren des Aufschiebens tauchten dann so nagende Gedanken immer wieder in ihrem Kopf auf, die befürchteten – also wussten, weil…sie wusste es halt – dass sie solange keine Entspannung, Ruhe und Erholung finden würde, wie sie sich nicht diesem verdammten Elf und dem Echo noch einmal gestellt hatte… Es war eher unwahrscheinlich.
Obwohl sie ja logischerweise all das schon geklärt hatte mit ihm, sie hatte ihm alles erklärt, wie sie an ihre wahre Macht gelangt war dort im Nichts. Sachlich nüchtern, so schonend wie möglich hatte sie ihm erklärt, dass das alles schön und gut war, aber es dennoch nicht möglich war, dass sie selbst sozusagen einem anderen Ich von sich selbst sozusagen befahl, wen es zu lieben und wie es zu leben hatte. Macht war das eine, Partnerschaft das andere. Eine absolut logische Sache, die der Elf auch verstanden hatte – hatte er zumindest gesagt. Wenn er auch nicht viel gesagt hatte, das hatte er gesagt.
Außerdem konnte der Mann sowieso froh sein mit den Dingen, wie sie waren! Wohl oder übel stand er unter dem Schutz von Emilys voll erwachter Südmacht – mal wieder! So wie sie unter seiner…Naja.
Nachdem er es sich beim Treffen mit Karrh mit diesem Mann verscherzt hatte, hatte Emily unbewusst sein Schicksal auf sich genommen, was ihn geschützt und sie fast getötet hätte. Klar sein Verdienst! Immerhin war sie nicht gestorben, weil ihre Leben durch das alte Schicksal aneinander gebunden waren und nicht getrennt werden konnten, solange einer lebte. Was Karrh so nun auch herausgefunden haben musste, aber das war wieder ein anderes Thema.
Auf jeden Fall reichte es, dass Emily so oder so noch an den Elf gebunden war – wieder eine Art Echo, nur etwas nachhaltiger. Sie würde immer an ihn gebunden sein, bis sie nicht selbst mit ihrer Macht diese Bindung löste. Was wahrscheinlich ein wenig schwierig war, nachdem sie sie gerade vor ein paar Wochen erst selbst wieder verstärkt hatte. Unbewusst zwar, aber sie musste da erst noch ein wenig forschen, bis sie groß was tat. Am Schluss machte sie noch selbstverschuldet alles schlimmer, das fehlte ja gerade noch!

Obwohl somit alles logisch war und für sie eigentlich klar geklärt, nagte es halt warum auch immer ständig an ihrer inneren Befindlichkeit. Abschütteln ließ sich das Ganze auch nicht gerade, sie war hibbelig und unruhig, ständig bewegte sich ein Fuß von ihr oder ihre Finger tippten gegen Dinge, bis sie das bewusst unterband.
Und Finnbar bei der Zeremonie dann womöglich direkt gegenüber zu stehen, machte sie unruhig. Daran zu denken, machte sie unruhig. Keine Angst, keine Bauchschmerzen, einfach…unruhig.
Sie ruhte nicht in ihrer Mitte. Und der Elf war schuld daran. Und sie sah es nicht ein, noch einmal alles mit ihm zu klären, weil sie es ja schon geklärt hatte!!
Sie verstand sich selbst nicht.
Mann.

Schnaubend starrte sie ihr Spiegelbild an. Dunkelgrüne Seide stand ihr, fand sie da. Das Kleid war ärmellos, der Stoff an beiden Schultern gerafft und zusammengenäht, die Taille leicht betont und ewig lang. Kombiniert mit Gold stand ihr das sogar noch besser. Aber Gold war auch nicht verwunderlich, Gold und Weiß waren die Farben der Himmelskaiser gewesen und die…
Plötzlich blinzelte Emily und grinste breit, breit und immer breiter ihr Spiegelbild an. Triumphal jubelte sie los, sprang galant in die Luft, wirbelte im Kreis, ihr Kleid verschwand und machte der neuen Bekleidung Platz, für die sich Emily soeben, dank eines Geistesblitzes, entschieden hatte.
Es war perfekt: edel, elegant, ehrfurchtsgebietend, eindrucksschindend, unglaublich gutaussehend, hoch offiziell, kein Kleid!!
Problem Nummer eins war also gelöst! Yes!!
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