Was bleibt…?

von - Leela -
KurzgeschichteSchmerz/Trost / P12
Jake Tracy
06.02.2014
06.02.2014
1
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Diese Geschichte wurde geschrieben für den Wettbewerb »Tisch, Becher Kaffee, Bleistift« von Kiralein.


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Was bleibt…?

Jack Kong stand am Schreibtisch im Büro der kleinen Ghostbusting-Firma, nahm gedankenverloren einen Schluck aus seinem Kaffeebecher und schrieb eine kurze Nachricht auf den quadratischen Notizzettel. Dann legte er den Bleistift über das kleine Papier und verließ den Raum.
      Die Tür zum Büro fiel mit einem charakteristischen Klacken ins Schloß. Das Zimmer blieb menschenleer, einsam und verlassen zurück. Durch die nun noch greifbarer gewordene Stille zog sich das Ticken einer Standuhr.
      Sekunde um Sekunde verstrich.
      Ein Seufzen durchbrach die Stille so unvermittelt, daß der mittlerweile lauwarme Kaffee vor Schreck in dem Becher schwappte.
      „Was willst du uns damit sagen?“ fragte der Kaffeebecher bedächtig.
      „Es ist so still hier!“ sagte der Schreibtisch, der das Seufzen ausgestoßen hatte. „Macht euch das gar nicht verrückt?“
      „Mich macht gerade das Ticken der Standuhr verrückt!“ bekräftigte der Bleistift. „Mit jedem Ticken suggeriert es mir, als würde meine Mine brechen.“
      „Das meine ich!“ sagte der Tisch. „Früher war hier so viel Leben, daß man das Ticken der Uhr nicht wahrgenommen hat. Aber jetzt…“
      „Früher gab es diese Zeiten auch!“ erinnerte sich der Becher. „Besonders nachts, wenn keiner hier war!“
      „Ja, und doch war es anders…“ warf der Schreibtisch versunken ein.
      Der Bleistift hörte aufmerksam zu. Er war noch ganz neu, vor ein paar Stunden erst gekauft, und interessierte sich sehr für die alten Geschichten des Bechers und des Schreibtisches. „Was war denn früher anders?“ erkundigte er sich neugierig.
      „Einfach alles!“ erklärte der Schreibtisch. „Vor kurzem gab es noch viel mehr Möbel in diesem Zimmer, als nur mich und die Uhr. Einen großen Aktenschank, zum Beispiel, und auf der anderen Seite stand ein Regal mit Büchern. Hinter mir stand ein Sekretär, und dort bei der Tür ein Hutständer…“
      „Das wird es sein, warum dir das Ticken jetzt lauter vorkommt als früher!“ mutmaßte der Becher. „Jetzt, wo kaum noch Möbel hier stehen, hallt das Geräusch viel mehr in der Leere und wirkt dadurch viel lauter…“
      „Und das, obwohl es jetzt viel leiser ist!“ sinnierte der Tisch. „Was ist nur passiert…?“
      Sowohl Becher als auch Bleistift wußten, das war eine rhetorische Frage gewesen, immerhin hatten zumindest der Becher und der Schreibtisch die Geschehnisse der Vergangenheit ja miterlebt – aber auch der gehauchte Tonfall des Schreibtisches, der jedes noch so unerschütterliche Utensil schaudern ließ, sprach für sich, auch wenn nur der Kaffeebecher wußte, worauf sich der Kommentar bezog.
      „Es scheint hier viel passiert zu sein, in letzter Zeit, nicht wahr?“ erkundigte sich der Bleistift vorsichtig.
      „Zu viel!“ antwortete der Becher. „Deswegen ist die Stimmung auch so merkwürdig.“
      „Mmh…“ Der Bleistift konnte ein merkwürdiges Gefühl nicht ganz unterbinden. Daß die Atmosphäre hier sehr gedrückt war, hatte er schon mitbekommen. Doch bislang hatte noch niemand etwas darüber erzählt, warum dies so war. Nundenn, wann hätte das auch gewesen sein können; war er doch erst heute Morgen in dem kleinen Schreibwarenladen nur ein Stück die Straße herunter gekauft, und anschließend hierher gebracht worden?
      Bislang hatte er sich noch nicht allzu viele Gedanken darüber gemacht, warum es hier nicht so lustig zuging wie in dem Schreibwarenladen, wo er viel Spaß mit den anderen Stiften, wie zum Beispiel den schwarzmalerischen Folienstiften und den peppigen Markern gehabt hatte, und hatte es einfach als gegeben hingenommen. Jetzt begann er sich aber doch nach den Hintergründen zu fragen. „Was… ist mit den anderen Möbeln passiert?“ fragte er vorsichtig.
      „Das wissen wir leider nicht so genau.“ erklärte der Becher. „Eines Tages hielt ein großer Transporter vor dem Haus, und alles wurde nach und nach herausgetragen. Nur wir sind noch übriggeblieben. Wir können nur Vermutungen anstellen.“
      „Und… was sind das für Vermutungen?“ Der Bleistift traute sich kaum zu fragen, doch er war neugierig auf die Geschichte geworden.
      „Unsere Vermutung ist, daß die Firma aufgelöst wird.“ meinte der Schreibtisch. „Vielleicht werden wir nach und nach verkauft, oder…“ Er kam nicht weiter, und der Bleistift erkannte, daß er das Wort »Sperrmüll« nicht über sich brachte.
      „Aber wieso sollte es so sein?“ fragte der Bleistift mit einem Schaudern. „Wißt ihr, was dafür der Grund sein könnte?“
      Der Kaffeebecher atmete leicht durch. „Jack Kong, der Geschäftsführer - der Mann, der vorhin hier die Notiz mit dir geschrieben hat - ist nicht mehr derselbe, seit seine Frau gestorben ist. Ich denke, es hat etwas damit zu tun.“
      „Oh…“ Der Bleistift schwieg verstehend.
      „Damals, als die junge Mirela Kong noch lebte hättest du hier sein sollen!“ schwärmte der Schreibtisch. „Wenn sie kam, war das ganze Büro von Lachen, Leben und Liebe erfüllt.“
      „Ja, sie kam oft mit dem kleinen Jake und hat Jack, Spenser und Tracy, also die drei Partner, denen die Firma gehörte, hier auf der Arbeit besucht. Da war die Welt noch in Ordnung…“ sinnierte der Becher.
      „Was ist dann passiert?“ fragte der Bleistift beklommen.
      „Wir wissen es nicht ganz genau.“ sagte der Becher. „Nur das, was man so mitbekam.“
      „Eines Tages hörte man die Sirenen von Polizei und Rettungswagen.“ erläuterte der Schreibtisch. „Das war kurz nachdem Mira Jake hierher gebracht hat. Bald darauf kamen zwei Polizisten und brachten die Mitteilung, daß sie durch einen Autounfall ums Leben kam. Was genau passiert ist, und wie es dazu kam, haben wir nie erfahren. Aber es hat hier alles verändert. Seitdem war nichts mehr so wie früher.“
      „Ja, das ist richtig.“ bestätigte der Becher niedergeschlagen. „Es hat alle tief getroffen. Sogar Tracy, der Gorilla, hat sich noch Tage später die Seele aus dem Leib geweint.“
      „Der G…?“ Der Bleistift stockte erschrocken bei dem Gedanken an einen großen, kräftigen Gorilla, der vermutlich nur eine zarte Bewegung brauchte, um ihn zu Sägespänen zu verarbeiten.
      „Ja, Tracy ist tatsächlich ein Gorilla!“ bestätigte der Becher, nicht gerade zur Beruhigung des Bleistiftes. „Aber er ist sehr geschickt. Vor ihm brauchst du wirklich keine Angst zu haben.“
      „Wenn du meinst…“ erwiderte der Bleistift deutlich verunsichert.
      „Du würdest dich gut mit ihm verstehen, da bin ich sicher.“ beruhigte der Becher ihn. „Vielleicht lernst du ihn ja noch kennen.“
      Der Bleistift dachte unwillkürlich an die schnelle Notiz, die Jack geschrieben hatte – wo er den Namen des Gorillas das erste Mal vernommen hatte; die neuen Informationen, kombiniert mit dem, was er beim Schreiben erfahren hatte, waren aber nicht geneigt dazu, ihn zu beruhigen. Er bemühte sich aber, sich dies nicht anmerken zu lassen. Statt dessen versuchte er, auf das vorherige Thema zurückzukommen. „Jacks Frau muß etwas besonderes gewesen sein. Ich meine, wenn sie noch immer so viel bewegt, obwohl sie nicht mehr da ist…“
      „Sie war etwas besonderes!“ bekräftigte der Tisch. „Sie war einzigartig. Für Jack und seinen Jungen hätte es nicht schlimmer kommen können. Sie hätte niemals gehen dürfen.“
      „Jack hat den Tod seiner Frau nie verwunden. Ich bin sicher, deswegen wird hier auch alles aufgelöst. – Du hättest hier sein sollen, als die alte Schreibmaschine hier noch stand! Sie hätte dir die ganze Geschichte ganz ausführlich erzählen können.“ warf der Becher ein.
      „Ja, ihr hat Jack eine ganze Menge anvertraut!“ bestätigte der Tisch.
      Der Bleistift hielt nachdenklich inne. „Aber wenn sie noch hier wäre, dann wäre ich jetzt vermutlich nicht hier!“
      Damit entlockte er dem Becher und dem Schreibtisch zumindest ein kleines Lächeln.
      „Das stimmt!“ überlegte der Becher.
      Eine kleine Pause entstand, und mittlerweile nahm kaum einer der Gefährten noch das Ticken der Standuhr richtig wahr.
      „Was wird nun auch uns?“ fragte der Schreibtisch unsicher.
      „Was soll schon aus uns werden?“ fragte der Becher unbedarft.
      „Mich braucht ihr nicht zu fragen!“ sagte der Bleistift. „Mein Leben wird nicht allzu lang sein, schätze ich!“
      Die Unterhaltung stockte abrupt nach diesem Kommentar, der so unvermittelt eine Wahrheit ausgesprochen hatte, über die weder Tisch noch Becher vorher nachgedacht hatten. Eine Weile war nun wieder das Ticken der Uhr das einzige Geräusch in dem Raum.
      „Ob wir wohl zusammen bleiben?“ fragte der Schreibtisch schließlich.
      „Wer weiß.“ sagte der Becher. „Das kommt drauf an, wo wir hinkommen. Vielleicht kommen wir in neue Familien. Oder wir ziehen einfach nur in ein anderes Büro.“
      „Dich wird Jack wohl behalten!“ mutmaßte der Schreibtisch an den Becher gewandt. „Er hängt an dir. Immerhin warst du ein Geschenk von seinem Sohn. – Du bist auch nicht so sperrig wie ich. Vielleicht werde ich auch einfach nicht mehr gebraucht…“
      „Sag’ doch so etwas nicht!“ versuchte der Becher, ihm die Angst zu nehmen. „Auch wenn wir nicht zusammen bleiben, du bist ein solider Tisch, sehr gut verarbeitet aus massivem Holz. Die Jungs werden dich sicher nicht einfach auf den Müll werfen. Vermutlich werden sie dich verkaufen, und du kommst in eine neue, aufregende Umgebung.“
      Der Schreibtisch seufzte erneut. „Ich weiß nicht, ob ich mich je daran gewöhnen könnte. Ich habe die Berichte von den Ghostbusting-Aufträgen immer gemocht…“
      Der Bleistift schwieg beklommen und mochte schon gar nichts mehr sagen. Mit jedem Augenblick der verstrich, in dem der Tisch und der Becher über die Zukunft spekulierten und alten Gedanken nachhingen, schien die merkwürdig gedrückte Atmosphäre schlimmer zu werden.
      Eine ganze Weile lauschten die drei dem rhythmischen Ticken der Standuhr.
      „Ob es jemals wieder so harmonisch sein wird wie früher…?“ fragte der Tisch verzagt, ohne eine Antwort zu erwarten.
      Becher, Schreibtisch und Stift zuckten zusammen, als sie das Schnappen des Türschlosses vernahmen und waren augenblicklich wieder mucksmäuschenstill.
      Kurz darauf betrat Spenser den Raum, ohne auch nur eine Ahnung davon zu haben, was sich noch Sekunden zuvor hier abgespielt hatte. Er sah sich kurz um und fand die Notiz auf dem Schreibtisch. Er nahm sie zur Hand und las:

      „Möbelwagen kommt um 16.00 Uhr. Bitte sag’ Tracy Bescheid, damit er den Rest verladen kann. Ich mache Schlüsselübergabe und komme dann nach. Sehen uns dann in NY.“

      Spenser warf automatisch einen Blick auf die Standuhr. Noch eine gute Stunde. Genug Zeit, um Tracy wegen dem Verladen des Tisches und der Uhr Bescheid zu geben und die Klebebuchstaben, die den Firmennamen an der Bürotür gebildet hatten abzukratzen. »Spenser, Tracy & Kong – Ghost Busters«! Ein Stück Nostalgie ging hier in Piru, Kalifornien zu Ende.
      Doch würde die Geschichte nun auf der anderen Seite Amerikas neu starten. In ein paar Stunden ließen sie Piru, Kalifornien endgültig hinter sich, um einen neuen Start in New York zu wagen, und ihre Firma in der Stadt, die niemals schlief neu aufzubauen – weit weg von schrecklichen Erinnerungen.
      Spenser warf einen Blick in den Kaffeebecher, in dem der Kaffee mittlerweile kalt geworden war und seufzte. Manche Dinge würden sich nie ändern. Er legte den Zettel zurück auf den Schreibtisch und wandte sich zum gehen, um erst mit Tracy zu sprechen, und dann ein Lösungsmittel für die Klebebuchstaben zu kaufen.
      Ein zweites Mal fiel die Tür ins Schloß und hinterließ Leere.
      Als Spenser ging, um dem Gorilla Bescheid zu geben, herrschte einen Augenblick wieder diese bedrückende Stille, bis der Becher sagte: „Ich wünschte, Kong würde es einmal in seinem Leben schaffen, mich auszutrinken, bevor der Kaffee kalt wird!“


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