Über den See

von roseta
GeschichteAllgemein / P12
05.02.2014
20.02.2018
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1. Rückblick

Ich habe länger gelebt als alle Menschen, die ich kannte. Ich habe Königreiche entstehen und verfallen sehen. Und ich lebe immer noch. Meine Glieder gehorchen mir noch, meine Augen sind klar und meine Ohren scharf.
Ich weiß nicht, ob es ein Geschenk ist oder ein Fluch. Ich kenne auch nicht den Grund dafür. Einige, die noch dem alten Glauben anhingen, meinten, dass meine Abstammung bis auf das Alte Volk zurückgeht - die Elfen. Und in früheren Zeiten nannte man mich auch so – Morgan le Fay.

Ich erinnere mich nicht, dass meine Verwandten, die doch vom gleichen Blut waren, so lange gelebt hätten. Aber von ihnen starben auch viele, denen es hätte zuteil werden können, durch Gewalt. Wie Artus, mein Bruder und Geliebter. Wie Mordred, mein einziger Sohn.
Heute kann ich Viviane verstehen, meine mütterliche Freundin, obwohl ich sie damals gehasst habe für das, was sie uns angetan hat. Sie sorgte dafür, dass wir am Beltane-Fest das Lager teilten, ohne einander zu kennen. All ihre Hoffnung setzte sie auf das Kind aus dieser Verbindung. Doch die Hoffnung wurde grausam enttäuscht.
Artus, der sich zum christlichen Glauben bekannte, war überzeugt, dass wir mitsamt unserem Sprössling für diese Tat verflucht waren. Doch auch die alten Götter scheinen diesen Bund missbilligt zu haben, wie der Ausgang zeigte.
Und dabei war es Vivianes Absicht gewesen, durch dieses Kind, das von zwei Seiten der alten königlichen Linie entstammte, den Fortbestand unserer Tradition zu sichern. Doch wer kann schon seine Pläne gegen den Willen der Götter durchsetzen?

Wenn ich jetzt darüber nachdenke, so erscheint es mir, als hätte sie ihre Hoffnung für die Zukunft auf die falschen Personen gesetzt. Gewiss, Artus regierte lange und ruhmreich und hätte er einen Nachfolger gehabt, der sein Werk fortsetzte, statt es zu zerstören, so hätte dieser das Land vielleicht vor den Schrecken des Krieges, der danach folgte, bewahren können.

Aber der Stamm der alten Könige, der Druiden und Priesterinnen von Avalon, ist nicht mit ihm ausgestorben.
Meine Mutter hatte zwei Schwestern, Viviane und Morgause, und beide hatten Kinder und Enkel. In ihnen lebt das Blut des Alten Volkes fort, zwar nicht rein und unvermischt, wie Viviane, die Herrin vom See, es gewünscht hatte, doch es ist stark genug, um irgendwann wieder hervorzutreten. Vielleicht wird in vielen Jahrhunderten wieder ein Herrscher Britanniens daraus hervorgehen; aber das halte ich nicht einmal für so bedeutsam. Wichtiger ist, dass es immer Menschen geben wird, in denen das Erbe unserer Ahnen lebendig ist – die Magie.



Seit vielen Jahren lebte ich nun schon in dem Kloster auf der Insel, die auch Avalon beherbergte oder vielmehr beherbergt hatte. Denn nachdem ich Artus dort begraben hatte, verließen die Priesterinnen den heiligen Ort und er versank in den Nebeln der Vergessenheit. Die Priesterinnen starben und niemand mehr kannte den Zauber, der den Zugang zu der Stätte der Magie öffnen und die Nebel durchdringen konnte. Niemand außer mir. Und ich würde ihn nie wieder anwenden… so dachte ich.

Nachdem all meine Freunde und Verwandten tot oder in alle vier Winde zerstreut waren, klopfte ich an die Tür des Klosters und bat um Aufnahme. Zu meinem Erstaunen und auch zu meiner Freude fand ich Gwenhwyfar, Artus‘ Gemahlin, dort wieder. Auch die Äbtissin des Klosters war eine Bekannte: Lionors, die Gattin meines Vetters Gareth. Ich blieb im Kloster, denn Avalon existierte in der Welt der Menschen nicht mehr und ich betete mit den Schwestern dort zur Mutter Maria, die für mich nichts anderes war als die Göttin in neuer Gestalt. Denn unser Glaube hat einen festen Grundsatz: Alle Götter sind ein Gott.

Nach einigen Jahren starb Gwenhwyfar und Lionors folgte ihr bald. Die Schwestern wählten nun mich zu ihrer Äbtissin, als die Älteste und Ehrwürdigste – mich, die ich noch nicht einmal getauft war! Aber ich wage zu behaupten, dass ich eine ebenso gute Klosterfrau und Äbtissin war wie jede getaufte Christin. Ich nutzte meine Kenntnisse als Heilerin und meine handwerklichen Fähigkeiten, die ich wie jede Priesterin von Avalon in meiner Jugend erworben hatte, zum Wohle der Bevölkerung und gab sie, soweit möglich, an die Mitschwestern weiter.

Jahre später gab ich das Amt der Äbtissin auf, um einer Jüngeren Platz zu machen. Im nahegelegenen Mönchskloster betrachtete man mich mittlerweile mit Misstrauen: es fiel auf, dass ich dem Alter Trotz zu bieten schien, obgleich niemand wusste, wie alt ich wirklich war. Dass ich die Schwester des Königs Artus war, der mittlerweile in der Legende lebte, war in Vergessenheit geraten; aber gelegentlich hörte ich Geflüster von Zauberei und das gemurmelte Schimpfwort „Hexe“, wenn ich vorüberging. Es war mir gleichgültig; meine Aufgabe in dieser Welt glaubte ich erfüllt zu haben und wenn mein Leben durch diese Verdächtigungen in Gefahr geriet, so konnte mir das keine Angst machen. Sollte man mich doch vor ein Gericht der Priester stellen; auf die Frage, ob ich eine Hexe sei, würde ich einfach mit „ja“ antworten.

Aber noch schützte mich das Vertrauen, das ich mir beim Volk und bei den Schwestern erworben hatte, und niemand machte Anstalten, mich zu behelligen.
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