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Kein Lächeln war je so kalt...

SongficDrama, Angst / P12 / Gen
Maxim de Winter
04.02.2014
04.02.2014
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Keiner hat sie durchschaut. Jeder Mann, der sie sah, war fasziniert, wie freundlich und charmant sie war...
Jeden führte sie hinters Licht.
Genau wie mich.

Maxim betrat den Saal. Der Ball war ihm zuwider. Er mochte gesellschaftliche Veranstaltungen wie diese, aber nicht, wenn er ein Fremder war. Trotzdem war er gekommen. Immerhin hatte sein Anwalt ihn dazu gedrängt, ihn hier zu treffen. Eben jener Anwalt hatte sich allerdings offensichtlich entschlossen, ihn doch nicht hier zu erwarten.
Er schaute sich um. Erschöpft stellte er fest, dass er tatsächlich keinen der Gäste kannte, und machte sich auf den Weg zur Bar.
Als er sie plötzlich sah.
Wie vom Donner gerührt blieb er stehen. Einige Gäste um ihn herum murmelten empört und drängten ihn weiter, doch Maxim hatte nur Augen für sie.
Sie war eine Schönheit. Die dunkelbraunen Locken waren locker hochgesteckt, nur ein paar Strähnen hingen sanft in ihr Gesicht. Ihre helle Haut schien so dünn und ebenmäßig wie die einer Porzellanpuppe. Plötzlich lachte sie, und ihre wunderbaren, roten Lippen teilten sich und entblößten strahlend weiße Zähne. Ihre dunklen Augen blitzen fröhlich auf.
Maxims Herz begann zu hämmern.
Wer war diese Frau?

Sie liefen ihr nach und umschwärmte sie.
Jeder war wie von Sinnen...
Genau wie ich.

„Guten Abend, Mister, Madam“, sagte Maxim, als er auf die Dame und ihren Begleiter zutrat.
Die Frau blickte auf und lächelte überrascht. „Sir“, grüßte sie und nickte höflich. Ein warmer Glanz lag in ihren Augen.
„Maxim de Winter mein Name. Ich kenne niemanden hier und hatte gehofft, Sie beide könnten mir etwas helfen...?“ Maxim lächelte und kam sich plötzlich unendlich fehl am Platz vor. Warum? Das hier war seine Welt. Warum fühlte er sich plötzlich wie ein Tölpel?
Ihr Lächeln erinnerte ihn, warum. Sie war der Grund. „Oh, verstehe. Es freut mich, Sie kennen zu lernen, Mr. de Winter. Mein Name ist Rebecca Favell, und das hier ist mein Cousin Jack.“
„Sehr erfreut“, grüßte eben jener.
Maxim lächelte. „Die Freude ist ganz auf meiner Seite.“
„Was führt Sie hier her nach London, Mr. de Winter? Sie klingen nicht so, als ob sie hier lebten“, fragte Jack Favell. Seine braunen Haare waren etwas heller als Rebeccas, doch die Ähnlichkeit der beiden war unverkennbar.
„Ein Erbschaftsstreit. Nichts weltbewegendes. Ich hab den Prozess so gut wie gewonnen.“ Maxim lächelte. „Und Sie haben recht. Ich komme aus Cornwall.“
„Cornwall?“ Rebeccas Augen leuchteten auf. „Da wollte ich immer schon mal hin!“
„Wirklich?“ Ein sanftes Lächeln stahl sich auf Maxims Gesicht. „Darf ich um diesen Tanz bitten?“

Erinn're dich an die Fahrt in die Berge mit dir...
Ich fuhr auch mit ihr auf die Höh'n von Monte Carlo.
Dort hat sie mir erklärt...

„Müssen wir wirklich dort hin?“, fragte Rebecca. Sie hatte das Kinn in ihre Hand gestützt und sah gelangweilt aus dem Autofenster, während sich die Sonne in dem Diamanten ihres Eherings spiegelte und ihn zum Glitzern brachte.
Maxim lächelte. „Es wird dir bestimmt gefallen. Es ist wunderschön dort oben.“
„Aha...“ Mehr bekam er nicht zur Antwort.
Als das Auto am Straßenrand nahe der Klippen zum stehen kam, stieg Maxim aus und hielt seiner frisch gebackenen Braut die Tür auf. „Komm, Engel, sieh dir nur an, wie schön es hier ist.“
Rebecca seufzte verstohlen und stieg aus. Sie sah sich um. Es war wirklich wunderschön. Die Sonne schien warm und hell am Himmel, und eine leichte Brise wehte ihnen den Sommerduft entgegen. Unter ihnen erstreckte sich die Stadt und das Meer.
Ein Bild zum verlieben.
„Können wir jetzt wieder fahren?“
Verwirrt lächelnd trat Maxim auf sie zu. „Aber warum denn? Gefällt es dir nicht?“ Er legte beide Arme um sie und zog sie an sich.
Sanft versiegelte er seine Lippen mit den ihren, als sie ihn plötzlich von sich schob. „Wie lange willst du das noch spielen, Maxim?“
Maxim zuckte zusammen. Wovon sprach sie? Verwirrt blickte er in ihre Augen und zuckte erschrocken zurück.
Jede Wärme war aus ihrem Blick gewichen.
Noch nie hatte er so ein kaltes Lächeln gesehen.
„Dachtest du wirklich, ich würde dich lieben?“
Maxim wich einen Schritt zurück. „Re...becca?“
„Ich schlag einen Deal vor“, sagte sie, trat näher an ihn heran und zog ihn an sich. Verführerisch lächelte sie zu ihm auf und stellte sich auf die Zehenspitzen, um sein Ohr zu erreichen. „Ich betrüg dich weiter...“, hauchte sie. Sanft nahm sie sein Ohrläppchen zwischen die Zähne. Sie spürte einen Schauder Maxims Rücken hinunterrieseln. „... doch ich spiel deine Frau.“

Aus Angst vor dem Verrat ließ ich mich ein auf den elenden Handel.
Scheidung war für die de Winters tabu, die Familienehre war mir mehr wert als mein Stolz.
Und das wusste sie.
Und genoss den Triumph.

„Also... Willkommen in Manderlay“, sagte Maxim nach der Führung durch das Haus. Er wagte es nicht, seine Frau anzusehen. Zu groß war der Schmerz und die Abscheu, die er ihretwegen empfand. Dennoch schwang Stolz in seiner Stimme mit.
Er liebte Manderlay. Von der hügeligen Landschaft über die schroffe Felsbucht, bis hin zu dem etwas abweisenden, majestätischen Herrenhaus... Manderlay war sein Zuhause. Um nichts in der Welt hätte er das eingetauscht. Kein einziges Bild, keinen einzigen Vorhang, keine Vase und keine Tapete hätte er geändert. Manderlay war perfekt, war einzigartig, war...
„Grässlich“, beschied Rebecca. „Ernsthaft, wie hältst du es hier nur aus? Ich meine... Ich hielt dich zwar für einen Idioten, aber doch nicht für so dämlich...“
„Du... würdest es ändern?“, fragte Maxim perplex. Was meinte sie damit? „Und... was?“
Verächtlich verzog sie den Mund. „Was nicht, ist die eigentliche Frage. Lass mir nur freie Hand. Ich mach schon was aus dieser Bruchbude...“

Zuerst tat sie ihren Teil,
Spielte die Ehefrau,
Und Manderlay, so wie es heute bewundert wird, sorgsam renoviert,
Ist gänzlich das Werk von Rebecca.
Doch dann lud sie ohne jede Scham
Ihre Liebhaber ein,
Hat hier im Bootshaus die Nächte verbracht...


„Rebecca!“ Maxims Miene war sturmumwölkt, als er die Treppen zum Bootshaus hinunterstieg. Er sah Licht hinter dem Fenster brennen. Sie war also tatsächlich hier. Wütend stieß er die Tür auf.
Ein erschrockener Laut empfing ihn, als er sah, wie ein junger Mann mit rötlichen Haaren unter der Decke verschwand.
Rebecca hingegen schien völlig ungerührt. Anscheinend kümmerte es sie nicht, bei ihrem Liebesspiel unterbrochen worden zu sein. Kalt lächelte sie ihm entgegen. „Max. Bist du hier, um mitzumachen?“ Mit einer eleganten Bewegung strich sie sich ihre, ansonsten stets hochgesteckten, Locken zurück. Sie war nackt, und die Decke versteckte ihre Brüste gerade noch so. Ihre helle Haut schimmerte im schwachen Licht, und sie schien sich komplett wohl zu fühlen. Kein Anzeichen von Scham.
Verächtlich schnaubte ihr Mann. „Als ob...“ Er trat auf sie zu und packte – nicht gerade sanft – ihr Handgelenk. „Schämst du dich denn gar nicht? Wir hatten heute Gäste. Das hab ich dir seit drei Wochen gesagt. Und ausgerechnet heute tauchst du nicht auf!“
„Das war heute?“ Sie lächelte unschuldig. „Tut mir leid, Liebling. Das muss mir komplett entfallen sein.“
„Wer's glaubt...“, murmelte Maxim. „Ich warne dich. Zieh noch einmal so etwas hier ab, und es wird dir leid tun.“
Rebecca senkte den Blick. Schuldbewusst, so schien es.
Aber nur für einen kurzen Moment.
Bis sie wieder aufblickte.
Keine Schuld stand in ihrem Blick.
Was Maxim dort sah, war nichts als Spott.

Eines Nachts kam sie heim aus London, doch sie blieb nicht im Haus.
Und als ich Licht im Bootshaus sah, war ich sicher, dass sie mit Favell hier unten war.
„Genug ist genug!“, dachte ich, und ging zum Bootshaus.

Doch als er die Tür öffnete, war sie allein.
Sie lag auf der Couch und starrte gelangweilt zur Tür. „Max“, grüßte sie. „Ich fragte mich schon, wann du kommen würdest.“ Ihre Stimme klang merkwürdig. Anders als sonst. Nicht so spöttisch... nein... eher erschöpft, müde und resigniert.
Maxim schüttelte den Kopf. Er durfte nicht so denken.
Nein. Er war wütend auf sie. Deshalb war er hergekommen. Nur deshalb.
„Du brichst dein verdammtes Versprechen.“ Energisch trat er auf sie zu. „Du wirst schamlos...! Du treibst es in meinem Haus, so als ob es ein... ein Bordell wäre!“
Da stand sie auf, warf den Kopf zurück und sagte lächelnd: „Was machst du, wenn ich ein Kind bekomm? Man wird denken, es wär' deines... auf jeden Fall ist es meines. Und einmal wird Manderlay ihm gehören.“
Maxim erstarrte. Was sie da sagte... Was sie da andeutete... Nein. Sie war nicht... Sie durfte nicht...
„Deine perfekte Gattin, Max, wird die perfekte Mutter sein.“ Ihr Lächeln wurde eiskalt. Es ließ das Blut in seinen Adern gefrieren. „Und du spielst den Papa... als der perfekte Narr!“

Mir stieg das Blut zu Kopf.
Und ich stieß sie weg.
Und ich weiß nicht, wie's geschah... sie lag da.
Ich dachte ich helf ihr auf, jedoch...

„Re...becca?“ Zögernd trat er auf sie zu. „Alles okay? Es tut mir leid... Ich wollte nicht...“
Er erstarrte.
Sie lächelte. Ihr kaltes, berechnendes, triumphales Lächeln. Ihre Augen waren halb geöffnet, ihr Kopf leicht zur Seite gerückt, und ein Lächeln zierte ihre wunderschönen, roten Lippen.
Hinter ihrem Kopf breitete sich eine Blutlache aus.
Sie war tot.

Dann trug ich sie auf ihr Boot
Und brachte sie nach unten.
Dann fuhr ich das Boot hinaus
Und versenkte es, wo man es heute fand.
Sie hat mich besiegt,
Sie gewinnt noch im Tod!


Noch Jahre später träumte Maxim von diesem Lächeln.
Noch Jahre später sah er es im Dunkeln.
Noch Jahre später verfolgte sie ihn.
Noch Jahre später gewann sie.
Noch Jahre später...

Kein Lächeln war je so kalt,
Es nahm mir den Verstand.
Es ist ihr Lächeln, das ich vor mir seh,
Wohin ich auch geh.
Kein Lächeln war je,
Kein Lächeln war je so kalt!
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