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Menschelfengedanken

von Itsuka
KurzgeschichteFantasy / P12
02.02.2014
02.02.2014
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1.699
 
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Wie immer geht ein großes Dankschön an MsVanue für Korrigieren!


Puzzlegeschichten #14

Schreibe einen Fantasy-OS mit fünf der sechs vorgegebenen Schlagwörter.

✔ Kimchi
✔ Grünlilie
✔ Poolnudel
✔ Vitaminmangel
✖ Avantgarde
✔ weichgespült


Menschelfengedanken



»Dakota, du bist so weichgespült.«
Ich werfe Keith einen Blick zu, der töten könnte, und verschränke trotzig die Arme vor meiner Brust. Keine zehn Pferde und schon gar nicht meine Freunde werden mich dazu bringen, vom 2-Meter-Brett ins kalte Wasser zu springen, nicht einmal durch Drohungen oder Beleidigungen, wie Keith es gerade versucht. Sein überhebliches Grinsen zeigt mir, wie wahr seine Worte doch sind, und das macht mich noch wütender als ich ohnehin schon bin. Wütend auf mich, vor allem, denn so gerne ich auch vor diesen Menschen, mit denen ich Tag für Tag in der Schule verbringe, mutig sein möchte – ich kann es einfach nicht. Ich bin, wie Keith es so schön ausgedrückt hat, weichgespült. Harmlos, wie ein Punchingball. Man kann mich herumstoßen und -werfen und ich gebe keinen Laut von mir.

Jenny legt ihren Arm um meine Schulter und lächelt mir aufmunternd zu. Sie gehört zu jener Gattung Mensch auf dieser Welt, mit der ich eigentlich nicht so viel zu tun haben möchte; zu viel Make-Up auf der einen Seite und zu wenig Intelligenz auf der anderen. Außerdem sieht sie selbst jetzt, so durchnässt und knapp bekleidet, unheimlich gut aus, und ich bemerke, wie die Jungs sie mit ihren Augen verschlingen. Ich beneide sie darum, und dieser Neid hat mit der Zeit dazu geführt, dass ich ihr aus dem Weg gehe. So ganz klappt das nicht, denn sie scheint der Meinung zu sein, wir wären beste Freunde. Was ich ablehne. Strikt ablehne.

»Das ist schon in Ordnung«, meint dieses Mädchen jetzt aufmunternd und wirft ihr langes blondes Haar mit einer eleganten Handbewegung zurück. Ich kann sehen, wie Keith‘ Blick an ihrem Busen hängen bleibt und möchte ihn dafür gerne schlagen, und mich selbst gleich mit dazu, weil ich so eifersüchtig bin. Jenny sieht einfach so mädchenhaft aus mit ihren breiten Hüften und ihren gut geformten Proportionen, während ich neben ihr, flach wie ein Brett und eher zierlich als weiblich, aussehe wie ein Junge mit femininen Gesichtszügen. Und gerade Keith, mein Freund aus Jugendtagen, der mit mir durch dick und dünn geht, der mich kennt und kannte, schon immer, verzehrt sich jetzt anscheinend nach ihr. Dass ich hier stehe, und dass ich ihn mag, sehr, das merkt er nicht. Manchmal hasse ich ihn sehr.

Ich schenke Jenny ein kleines gekünsteltes Lächeln und lasse mich in das angenehm kühle Wasser gleiten. Die anderen haben sich bereits einem anderen Gesprächsthema zugewandt und so bin ich aus dem Schneider und kann dem 2-Meter-Brett getrost den Rücken zuwenden. Meine Klassenkameraden, angeführt von Keith und Jenny, folgen mir ins Wasser und beginnen prompt eine Wasserschlacht, der ich erst einmal ausweiche, indem ich auf die andere Seite des Beckens schwimme. Ich hasse es; diese Menschenmassen in diesem Pool, und all diese Dinge, die meine Mitschüler machen wollen. Aber trotz allem bin ich mitgekommen, obwohl ich weiß, dass ich da nicht reinpasse; ich will diesen Anschluss.
(Und ich will Keith.)

Ich werfe einen Blick zu meiner Tante und ihrem siebenjährigen Sohn Jeff; die beiden sind im Sommer fast jeden Tag im Schwimmbad und so hat es mich nicht gewundert, sie auch heute wieder hier zu entdecken. Bevor meine Klassenkameraden darauf kommen könnten, sich nach mir umzuschauen, schwimme ich zu ihnen und positioniere mich so, dass Tante Ellies fetter Rücken mich verdeckt. Jeff sitzt pfeifend auf einer pinken Poolnudel und streckt ab und zu die Hände aus, um sich an seiner Mutter festzuhalten. Er ist ein süßes Kind, ganz anders als die, mit denen ich normalerweise Kontakt habe, und ich beschäftige mich sehr gerne mit ihm. Also begrüße ich meine Tante scheinbar fröhlich und wende mich dann Jeff zu, um mit diesem zu reden und ihm Komplimente zu der Poolnudel zu machen.

Tante Ellie lässt mir das nicht durchgehen. Sie patscht mit einer Hand nach meinem Kopf und scheint diese Geste wohl tröstlich aussehen lassen zu wollen. Ich lasse es zu und zwinge mich zu einem weiteren Lächeln. Blöd nur, dass diese Frau mich kennt wie ihre eigene Tochter; blöd nur, dass sie meine Probleme kennt und alles, was ich denke. Blöd, dass sie eine verdammte Elfe ist und eine Intuition besitzt, vor der Menschen nur träumen können.
(Blöd nur, dass ich nicht »wir Menschen« sagen kann.)

»Meine liebe Grünlilie«, sagt sie, und für einen Moment kommt mir der unbändige Wunsch, sie anzuschreien und anzuflehen, doch meinen richtigen Namen zu benutzen, denn ich mag ihn viel lieber als den Namen, den die Elfen mir zugedacht haben. Dakota versus Grünlilie – ist ja klar, welcher Name da gewinnt. Aber ich weiß, dass es nichts bringt, gegen meine Tante das Wort zu erheben, denn sie weiß es ohnehin und tut es weiterhin, und als Elfe durch und durch zweifelt sie die Entscheidungen der Königin nicht an.

»Du bist eine Elfe«, redet sie ohne Unterlass weiter und ich gebe ein kurzes »Psst« von mir, bevor mir erneut klar wird, dass Ellie ja eine Elfe ist und es schon mitkriegen wird, wenn jemand unser Gespräch belauscht, »und das bedeutet, dass die Menschen dich automatisch auf Abstand halten; nicht aus Bosheit sondern weil du nicht zu ihrer Spezies gehörst und sie nicht zu deiner. Du gehörst zu uns; und zu deinem 18. Geburtstag wirst du das in voller Macht spüren.« Ich nicke nur. Diesen Vortrag kenne ich auswendig.

Die Sache ist nur: Ich bin seit 17 Jahren Mensch oder zumindest bin ich mit dieser Spezies aufgewachsen. Wie soll ich es schaffen, mich von diesem Menschen Dakota abzuwenden und vollständig zur Grünlilie zu werden (ohne den Namen einer Zimmerpflanze persönlich zu nehmen)? Ich weiß es nicht und ich frage auch nicht. Ich kenne die Antwort ja, die mir jeder, meine Tante, meine Eltern und mein großer Bruder mir mitgeteilt haben: Du wirst sehen.

Du wirst sehen. Das Einzige, was ich sehe, ist, wie Keith Jenny mit seinen Augen verschlingt und wie sehr ich mir einfach nur wünsche, etwas dagegen tun zu können. Aber ich kann nichts tun; ich bin nur Dakota, und wenn ich erst eine Elfe bin, wird Keith erst recht nichts mehr mit mir zu tun haben können. Ich bin sowieso vor allem eins: weichgespült.



{.}



Ich greife nach der Schale mit Kimchi, die meine Mutter für mich vorbereitet hat, und stolpere prompt über Teppich, der kein Teppich sondern ein Kater ist und sich darauf spezialisiert hat, überall da herumzuliegen, wo er stören könnte. Er gibt nur ein kleines Murren von sich, als ich fast über ihn fliege und gerade so verhindern kann, dass die Schale überschwappt. Ich dagegen schimpfe ein bisschen, und das laut, bis meine Mutter aus dem Garten etwas ruft, das sich vage nach »Schätzchen, leiser!« anhört. Die Frau verbringt ihr halbes Leben im Garten; passt zu ihr, dieser Elfe mit grünem Daumen.

Ich lasse mich mit meinem Essen an den Esszimmertisch im Wintergarten sinken, der direkt in den Garten zeigt. Von dort aus kann ich sie beobachten; meine ganze Familie. Ich kann meine Mutter sehen, die sich an einen Baum gelehnt hat und diesen ansingt, denn das tut man so mit den Bäumen unserer Art. Ich kann auch meinen Vater sehen, der zwischen den beiden Teichen sitzt und meditiert; und meinen Bruder, im Gras liegend und lesend. Wenigstens er sieht normal aus, obwohl ich weiß, dass er es nicht ist.

Während ich das Kimchi herunterschlinge, als gäbe es nichts Besseres auf dieser Welt, gesellt sich mein Bruder tatsächlich zu mir, setzt sich mir gegenüber an den Tisch und scheint zu warten, bis ich Zeit für ihn habe. Mit einer kurzen Handbewegung zeige ich ihm, dass ich ihm zuhöre, und tatsächlich fängt er an zu reden. Das ist überraschend für mich, denn seit er 18 und somit ein Elf ist, schweigt er gerne und lange. Im Einklang mit allem, sagt Mama dazu.

»Ich habe einen Vitaminmangel«, sagt er und es hört sich an, als wäre das ein Wunder, obwohl ich weiß, dass das nicht so ist. Das haben viele Menschen und Jenny nimmt Tabletten, weil sie wegen ihrer Diät kein Vitamin K zu sich nimmt. Sie will kein Skorbut bekommen, sagt sie, aber ich weiß nicht, was das überhaupt sein soll. Vielleicht bin ich doch weniger intelligent als sie und Keith will mich deswegen nicht. Das macht mich für einen Moment traurig, aber mein Bruderherz reißt mich aus meinen Überlegungen. »Weil ich kein Fleisch esse, sagt der Arzt. Ich muss jetzt so Vitamintabletten nehmen, damit das weggeht.« Ich nicke, nicke einmal, nicke zweimal, und gebe dann etwas von mir, das eigentlich »Sonst kriegst du Skorbut« heißen soll, aber mit vollem Mund klingt es eher nach einer Fremdsprache. Herr Vitaminmangel nickt trotzdem, als hätte er es verstanden, und lächelte dann, was mich zum Stirnrunzeln veranlasst. Was ist daran erfreulich?

»Die meisten Elfen haben so einen Vitaminmangel«, erklärt er mir schließlich mit einem stolzen Lächeln. Er klingt überheblich, was mich ein bisschen an Keith erinnert, und richtet sich auf, als wolle er groß und mächtig wirken. »Einen Vitaminmangel in dieser Welt, der Welt der Menschen zu haben, bedeutet, im Reich der Elfen die Grenze überschritten zu haben und mehr Elf zu sein als Mensch«, erklärt er mir so schnell, als hätte er diesen Satz in einem Buch gelesen und dann auswendig gelernt zu haben. Ich schüttele nur den Kopf über so viel unnötiges Wissen. Mehr Elf als Mensch? Man kann nicht beides sein.


Ich wünschte, ich könnte mich entscheiden. Ich wünschte, ich könnte darüber nachdenken und dann sagen Ja, ich will wie ihr alle Elfe sein oder mich aufbäumen und das Gegenteil verlangen und Mensch bleiben und Keith küssen und – leben wie alle auch. Dass mir diese Entscheidung genommen wird, weil ich eben bin, was ich bin, und weil meine Zukunft mir vorgeschrieben ist, macht mich traurig. Ich will selbst entscheiden.

(Und ich würde trotz allem Elfe werden, weil es meine Bestimmung ist und ich sehen kann, dass es das Richtige ist. Ich kann sehen – wie sie alle es mir prophezeit haben.)



Geschichten, die im selben  Universum spielen, sind Das Leiden einer Königin und Vandas Tränen.
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