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[DRAMAtical Murder] Natürliche Auslese

von Erenya
KurzgeschichteHorror, Schmerz/Trost / P16
31.01.2014
31.01.2014
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Fest umklammerte er das Buch in seinem Arm, als er den Gang entlang lief und eine Tür nach der anderen hinter sich ließ. Er war wahrscheinlich der einzige, der sich frei bewegen durfte, denn von den ganzen Probanden war er der älteste.
Seit Jahre war er nun schon in der Toue Inc. Als einer der ersten Jungs hatte er viele fähige Experimente, er wollte seine Leidensgenossen nicht Menschen nennen, dahin siechen sehen. Sie waren alle bei der Operation für diese unempfindlichen Augen gestorben.
Am Anfang hatte er noch die anderen betrauert, nachdem er sich mit ihnen angefreundet hatte, doch mit der Zeit, hatte er gelernt diesen Schmerz zu ertragen, indem er gar nicht erst auf die Idee kam eine Freundschaft aufzubauen.
Zunehmend distanzierte er sich, überließ den Mitleidenden ihrem Schicksal und vergrub sich in die Bücher um soviel wie möglich über die Welt da draußen zu lernen.
„Lass mich los, du Psychopath!“
Er hielt in seinen Schritten inne und sah zu der Tür, aus dem die Schreie kamen. Zimmer 340. Wie immer.
„Vorsicht... Dein Arm bricht sonst.“
Die Schreie aus dem Zimmer wurden lauter und schließlich verstummten sie unter einem knacken, was ihm verriet, dass da drinnen mehr gebrochen wurde als nur der Arm.
Leise seufzte er und wandte sich von dem Zimmer ab. Er wollte mit Objekt 666 nichts zu tun haben. Sein Name war Trip, er war jünger als er und hatte scheinbar Spaß daran den anderen Insassen, die ihm zu nahe kamen, das größte Leid zuzufügen. Die Wissenschaftler waren schon am Verzweifeln, weil sie keine anderen Jungs in seine Nähe, geschweige denn in einem Zimmer mit ihm lassen konnte. Meist endete es in einem Blutbad, oder mit gebrochenen Rippen.
Er ignorierte die Forscher, die panisch an ihm vorbeiliefen, in die Richtung von Zimmer 340. Es ging ihn nichts an. Und es war ihm egal, was sie nun mit dem Jungen machten. Er wollte nur zurück in sein Zimmer, um sein Buch zu lesen, seinen Tee zu trinken und auf die nächsten Experimente zu warten.

***~~~***


Das Piepen der Maschinen hallte in seinen Ohren wider. Er versuchte sich auf seinen eigenen Monitor zu konzentrieren, der ruhig und gleichmäßig weiter piepte, als man ihm das Aufbaupräparat injizierte.
„So, Virus-kun. Wir haben deine Dosis etwas erhöht. Halt es brav durch und der Schmerz geht schnell vorbei.“
Es war ihm egal, was der Wissenschaftler ihm sagte. Solange er nicht in Panik ausbrach, würde das Mittel nicht zu schnell durch seinen Blutkreislauf gejagt und zu seinem Herzen kommen. Je langsamer es dort ankam, desto kleiner waren die Dosen. Es war bereits die vierte Medikamentenerhöhung. Die erste hätte ihn fast das Leben gekostet, doch dank seines starken Willens hatte er überlebt. Nun waren diese Dinge Routine geworden, genauso wie die panischen Schreie seiner Mitprobanden, die hohen Frequenzen der Apparate störten ihn nicht mehr, wenn er sich auf seinen eigenen konzentrierte. Heute würden wohl wieder gut fünf bis zehn Kinder das zeitliche segnen. Immerhin hatten sie es dann hinter sich.
Virus holte tief Luft und schloss die Augen. Er lauschte dem monotonen piepen seines Monitors, zählte bei jedem Piep ein Schäfchen, das über einen Zaun sprang, und schlief ein.

Benommen ging Virus über den Gang zurück in sein Zimmer. Wie ein ertrinkender klammere er sich an sein Buch, auch wenn er wusste, dass es ihm nicht genug halt geben würde. Dennoch, er zeigte nach außen hin keine Schwäche, keine Emotionen, nichts.
„Oi... Du...“
Er wusste, dass er sich diese Stimme nicht eingebildet hatte. Und es war wirklich selten, dass ihn jemand ansprach. Fragend wandte er sich um und sah ihn. Den rothaarigen Psychopathen dieser Anstalt. Er sagte nichts weiter und starrte ihn einfach an. Dieser trotzige Blick, die Hände in der Hosentasche, diese abweisende Haltung. Ja. Das war eindeutig Trip.
Kurz keimte in Virus die Frage auf, was der Junge von ihm wollte, warum er ihn angesprochen hatte, doch genauso schnell wie sie keimte, verdarb die Saat auch wieder. Zumindest schwieg er, sagte nicht was er wollte, sondern starrte ihn einfach an. Es war sinnlos zu erwarten, dass der Jüngere irgendetwas sagen würde. Darauf warten würde er auch nicht, denn auf etwas zu hoffen, bedeutete nur sich auf jemanden zu verlassen und ihn emotional an sich heranzulassen.
Trip ignorierend, wandte er sich wieder von dem jungen ab und ging weiter seines Weges, doch er hörte die Schritte des Jüngeren, die ihm folgten. Er blieb zwar auf Abstand, doch schien er nicht vorzuhaben von Virus einfach zu abzulassen.

***~~~***


Zwei Monate waren vergangen und noch immer folgte Trip ihm auf Schritt und Tritt. Doch Virus hatte es akzeptiert. Er versuchte nicht einmal den Jungen zu vertreiben, der nun immer weniger in Schlägereien verwickelt war. Er imitierte Virus, der sich von allen distanzierte und sein eigenes Ding durchzog. Selbst in der Kantine nahm er dasselbe Essen, er hatte sich bei Virus einquartiert und schlief bei ihm. Trotz all dieser Dinge war Trip dennoch anders. Er schlief mit dem Blick zu Virus, während dieser ihm den Rücken zu wandte. Vom Essen verspeiste er zuerst das Dessert, denn scheinbar sprachen ihn Süßigkeiten mehr an.
„Es wird leer hier.“
Es war mehr eine Feststellung für sich, als für Trip, doch dieser nickte, als er seinen Blick in der Kantine umherschweifen ließ. Es kamen keine Kinder mehr hinzu und jene die hier waren, überlebten die Experimente nicht.
„Natürliche Auslese“, wisperte Virus und schnitt von seinem mageren Fleisch einen kleinen Bissen ab.
Er hatte darüber in einem Buch gelesen. Die Stärkeren überlebten die Schwächeren. Das war Gang und Gebe in der Natur. Und solange er zu diesen Stärkeren gehörte, war ihm egal was aus den anderen wurde.
„Da sind sie... Virus und Trip. Die beiden Roboter.“
Virus hatte gerade zu seinem Dessert greifen wollen, als eine Hand ihm zuvor kam. Emotionslos sah Virus zu dem Jungen auf, der sich vor seinen Augen den Kuchen rein stopfte. Er sagte nichts dazu und doch störte es ihm, dass ein Jüngerer seinen Kuchen aß. Einen Kuchen, den er nicht wiederbekommen würde.
„Was ist los, Virus? Willst du dich rächen?“
Das Gelächter des Jungen, sein Name war wohl Enzym, hallte in Virus Ohren wieder. Er machte sich über ihm lustig, versuchte ihn zu demütigen, ihm eine Emotion zu entlocken und doch erhob sich Virus nur und ging, ohne ihm eines Blickes zu würdigen.

Trip hatte alles mit angesehen und war fast schon fasziniert von Virus, der so ruhig geblieben war. Er hätte diesem Enzym seine Faust schmecken lassen. Doch er hatte Virus lange genug beobachtet um zu wissen, dass es einfach nicht sein Stil war. Und es würde auch nicht mehr sein Stil sein. Dennoch, er wollte sich für Virus rächen.
Am Abend schlich er sich aus sein Zimmer in die Küche, in der bereits der Kuchen für den nächsten Tag stand. Es war ein leichtes den Kuchen zu entführen und ihn zum Zimmer 234 zu schaffen.
Leise öffnete Trip die Tür, schob den Kuchen rein und schaltete das Licht an. Müde blinzelte ihn Enzym an, der nicht mit diesem Überfall gerechnet hatte. Ruhig, ohne zu zeigen was in seinem Kopf vor sich ging, schloss Trip ab und schob den Kuchen näher zu Enzyms Bett.
„Du magst doch Süßes“, flüsterte er leise, und lächelte Enzym an, der immer noch nicht verstand was der Junge wollte.
Stoisch gelassen schnitt Trip ein großes Stück aus dem Kuchen und nahm es in seine kleinen Hände.
„Hier, ich hab dir Kuchen mitgebracht.“
Es war das Lächeln des Teufels, das Enzym erblickte, als Trip ihm das cremige Stück gegen den Mund drückte.
„Mach brav ah~“
Er hatte keine Wahl als den Mund zu öffnen, denn er wusste, wozu Trip fähig war. Er konnte ihm ohne mit der Wimper zu zucken das Genick brechen. Und das wollte er nicht riskieren. Er hing an seinem Leben.
Zitternd öffnete er den Mund und ließ sich den ersten Bissen hineinschieben. In Trips Augen sah er Zufriedenheit als er kaute und den Bissen runter schluckte. Doch erneut wurde ihm der Kuchen entgegen gehalten. Wieder biss er ab und kaute, doch anders als beim ersten Mal ließ Trip ihn nicht schlucken und drückte ihm erneut einen Bissen rein.
In immer schnelleren Abständen machte der Junge mit dem feuerroten Haar das. Enzym kam nicht mehr dazu zu kauen oder schlucken. Sein Mund wurde immer voller und er bekam Angst, dass er an diesem Kuchen ersticken würde.

„Du warst nicht sehr brav... Du hast den schönen Kuchen ausgespuckt. Dabei warst du beim Mittag doch so wild auf Virus Süßspeise.“
Wie ein Häufchen Elend lag Enzym am Boden gekrümmt in seinem Erbrochenen, dass aus nicht verdauten Kuchen bestand. Er lebte noch, atmete und das nur, weil Trip es nicht zu weit getrieben hatte.
Erst die Worte des Teufels machten ihm klar, warum er das getan hatte und mehr denn je fürchtete er ihn.
Trip hingegen genoss diese Macht. Er hatte sie mit „Liebe“ bekommen. Er hatte Enzym mit seiner „Liebe“ gebrochen.
„Verzeih...“
Enzyms Stimme war nur noch ein Hauchen. Ein Flüstern, das kaum zu vernehmen war. Doch Trip reagierte nicht und sah ihm nur zu.
„Du solltest den Kuchen auflecken. Es wäre Verschwendung, wenn er hier liegen bliebe. Außerdem bekommst du sonst Ärger von den Wärtern.“
Langsam bückte sich Trip und griff fest in Enzyms braunes Haar. Mit aller Macht zog er den Jungen hoch, sah ihm in die Tränen gefüllten Augen und seufzte.
„Sei schön brav.“
Wieder lächelte der Teufel unschuldig, bevor er Enzym mit dem Kopf in den unverdauten Kuchen drückte. Enzym wehrte sich, schrie und wollte entkommen, doch Trip gab ihm keine Möglichkeit. Er unterwarf ihn sich mit süßer Gewalt.

***~~~***


Verwundert sah Virus zu Trip. Seine roten Haare hatten nun eine blonde Farbe angenommen und und selbst der Haarschnitt glich seinem eigenen. Nur durch seine Brille, die Virus brauchte, weil er eine kleine Sehschwäche hatte, unterschieden sie sich noch. Virus wusste nicht, was sich Trip dabei dachte, aber es war ihm egal. Der Jüngere konnte tun was er wollte und wenn er ihn nahe sein wollte, war es ihm nur recht.
Imitation, so hatte er gelesen, war auch nur eine Art der Bewunderung. Und doch, das wusste er, würden die anderen Trip niemals für ihn halten. Sie waren einfach zu verschieden.
„Sieht gut aus...“, meinte er ruhig, ehe er sich wieder abwandte und zum Forschungslabor lief.
Er wollte seinem Vormund die Bücher zurückbringen, die er ihm geliehen hatte. Doch weit kam er nicht, denn vor der Tür blieb er stehen, mit dem Blick gen Boden gewandt. Unter dem Spalt zwischen Tür und Boden sickerte ein rotes, dickflüssiges Rinnsal. Das war seltsam. Aber noch seltsamer war, dass es ihn nicht abschreckte und er die Tür öffnete.
Selbst jetzt, als er sah, was im Labor vor sich ging, spürte er nichts. Da lagen sie, die Forscher die sie immer behandelten. Ihre Kittel waren rot statt weiß und inmitten des Massakers stand Objekt 188. Auch Nitro genannt.
In seiner Hand hielt er ein Messer, von dem Tropfen der roten Flüssigkeit gen Boden glitten. Virus verstand was dieses Bild bedeutete.
„Trip...“
Ohne weitere Worte verstand Trip, was Virus von ihm verlangte. Langsam lief er auf Nitro zu, der sie erst jetzt bemerkte. Er lächelte die beiden unschuldig an, so als wollte er sagen, dass er das alles nur für sie getan hätte. Doch das Lächeln verstarb, als sich Trips Faust in seinen Magen grub und ihm das Bewusstsein nahm.

***~~~***


Ihm war kalt und etwas nasses tropfte auf Nitro. Es war die Mischung, die ihn aus seiner Ohnmacht befreite, doch außer Dunkelheit sah er nichts. Er wusste nicht wo er war, wer ihn hierher gebracht hatte und wozu. Er wusste nur, dass die Angst an seinem nackten Körper hoch kroch.
Tropf, Tropf, Tropf...
Bei jedem Tropfen zuckte sein durch gefrorener Körper zusammen. Es war still, bis auf dieses monotone Tropfen.
Vorsichtig tasteten sich seine Hände vor. Er hatte nicht viel Bewegungsfreiraum, weswegen er wohl in der Embryohaltung lag. Die Wände waren aus Metall. Kalten Metall. Und von irgendwo tropfte etwas kaltes, flüssiges, von dem er hoffte, dass es Wasser war.
„Hallo?“
Leise versuchte er auf sich aufmerksam zu machen, doch wenn die Metallwände dick genug waren, würde man ihn nicht hören.
„HALLO!“
Lauter schrie er, klopfte gegen die Wände. Doch niemand hörte ihn, oder wollte ihn hören. Panik stieg in ihm hoch. Er erinnerte sich nur noch daran, dass er ihre Peiniger ausgeschaltet hatte. Trip und Virus hatten ihn dabei erwischt. Danach war alles dunkel, wie sein Gefängnis.
Schneller, heftiger, panischer schlug er gegen Metallwände. Der Hall wurde unangenehm in seinen Ohren, doch er wollte, dass man ihn hörte. Dass man ihn befreite. Er wollte raus. Doch es war vergebens.
Nur das Wasser wurde kälter, tropfte schmerzhaft auf seine nackte Haut, schien sich mit jeder Sekunde tiefer hineinzufressen und seine Angst zu verstärken.
Er wusste, dass er auf die Gnade der Person angewiesen war, die ihn hier eingesperrt hatte. Niemand außer dieser Person würde ihn befreien. Er war von der Gnade dieser einen Person angewiesen.
Raus... Raus... Er musste hier raus. Raus... Raus...
Tropf, Tropf, Tropf...
Raus...

Nitro hatte sich etwas beruhigt, doch er zitterte, wimmerte. Er wusste nicht, wie spät es war. Wie lange er schon hier drin lag. Er hatte jegliches Zeitgefühl verloren.
Vorsichtig versuchte er sich zu drehen. Er spürte wie etwas in seinen Ellenbogen schnitt und erschrak. Es schmerzte, doch er ignorierte es und tastete mit der anderen Hand in die Richtung seines Ellenbogens. Und schließlich spürte er einen Gegenstand der ihm zuvor verborgen geblieben war.
Vorsichtig tastete er an dessen Konturen entlang bis er wusste was es war.
Ein Skalpell.
Mit ihm lag ein einzelnes Skalpell in diesem Metallgefängnis. War es eine Botschaft seines Peinigers? Wollte er ihm damit sagen, dass er nicht mehr hier raus kam, sich aber einen schnellen Tod beschaffen konnte?
Verzweifelt umklammerte er den Griff des Skalpells. Er dachte nach. Sollte er es tun? Was, wenn das nur eine Fall war. Wenn sein Peiniger das von ihm erwartete?
Kurz dachte er nach. Was sollte er tun?
Tief holte Nitro Luft. Er wollte noch etwas warten. Zehn Tropfen der Flüssigkeit, die so auf der Haut brannte. Vielleicht auch 30 oder mehr. Er würde warten. Mit Sicherheit würde man ihn raus holen.
Wie spät war es eigentlich?
Tropf, Tropf, Tropf...
Ja, er würde hier herauskommen. Garantiert.
Ob es Nacht war? Nein, er war noch nicht müde. Er hatte aber Hunger. Also war es wohl Mittag.
Tropf, Tropf, Tropf...
Sicher war das nur eine neue Strafe der Wissenschaftler.
Tropf, Tropf, Tropf...
„Hallo?“
Ein Versuch war es wert.
Tropf, Tropf, Tropf...
Es tat weh... Sein Ellenbogen und diese Flüssigkeit auf seiner Haut brannte. War das Säure?
Er spürte plötzlich, wie seine Haut sich von seinem Körper schälte.
Tropf, Tropf, Tropf...
Dieser Schmerz... Dieser unbeschreibliche Schmerz. Wann holte man ihn hier raus. Er wollte hier raus.
Tropf, Tropf, Tropf...
Raus, er wollte raus!

Es war drei Tage her, seit Virus Nitro in die Metallkiste gesteckt hatte. Seine Schreie und das Klopfen hatte nachgelassen, weswegen er davon ausging, dass dieser sich endlich beruhigt hatte.
Beruhigen, dass war das wichtigste, was man tun sollte, wenn ein Objekt durchdrehte.
Ruhig öffnete er den Deckel der Metallkiste. Ein süßlicher Duft geronnen Blutes stieg ihm in die Nase. Verwundert hob sich eine Augenbraue. Doch kaum, dass er Nitros Körper sah, wunderte ihn dieser Geruch nicht mehr.
Er sah das Skalpell in der Haut Nitro und fragte sich, wie dieses Ding in der Kiste gelandet war. Nachdenklich schob er sich die Brille hoch und ließ das vorgehen von vor drei Tagen Revue passieren. Und schließlich fiel ihm ein, dass er dieses Skalpelle, dass seinem Vormund gehört hatte, aus versehen in die Kiste fallen gelassen hatte, bevor diese von ihm versiegelt wurde.
„Natürliche Auslese...“, flüsterte er leise, stellte das Wasser am Waschbecken ab, so dass auch kein Tropfen mehr in den Sarg fiel.

***~~~***


Sie hatten als einzige überlebt. Trip und er hatten die Auslese überstanden und waren von Toue dazu bestimmt, die neuen Augen zu erhalten. Gestern war ihre Operation gewesen und noch ruhte der Verband an seinem Kopf. Doch Virus war ruhig und gelassen, denn er hatte die Operation überlebt, weswegen er auch das Endergebnis nicht mehr fürchten musste.
„So, heute ist es soweit.“
Er hörte laut und deutlich die Schritte des Arztes. Seine Stimme klang zufrieden, was ihm signalisierte, dass wohl alles gut gelaufen war.
„Dann wollen wir euch mal die Verbände abnehmen.“
Euch? Virus wurde hellhörig. Hieß das, Trip hatte auch überlebt? Seltsam, irgendwie freute ihn diese Nachricht, auch wenn er sich das nicht erklären konnte.
Das Rascheln des Verbandszeug verriet ihm, dass die Schwestern wohl bereits begonnen hatten sein Gesicht von Mull und allen Störenden zu befreien. Es fühlte sich gut an, immer weniger von den Verbandsschichten zu tragen, bis er schließlich die Luft an der Haut seines Gesichts spürte.
Es schmerzte, als er die Augen öffnete und das grelle Licht ihn blendete. Doch er wollte sich davon nicht beirren lassen, und sah zu dem Bett neben sich, in dem wirklich Trip saß, dessen Blick ihn traf. Seine Augenfarbe war anders, wahrscheinlich lag es an den neuen Augen. Aber noch immer erkannte er den Trip, der ihn seit Jahren folgte und den die Auslese nicht dahin gerafft hatte.
Schwach erhob sich Virus aus dem Bett und lief zu Trip, der ihn einfach schweigend mit diesen eisblauen Augen ansah.
„Seid ihr Zwillinge?“
Die Verwunderung der Schwester war deutlich zu hören. Wahrscheinlich sahen sie sich mit ihren neuen Augen wirklich noch ähnlicher. Doch sie beide wussten, dass sie anders waren. Verschieden.
„Wir sind keine Brüder.“
Synchron und als hätten sie diesen Satz Jahrelang einstudiert, sprachen sie ihn aus. Die Jungs sahen sich an, wahrscheinlich weil sie selbst verwundert darüber waren, wie synchron sie waren.
Nein, sie waren keine Brüder. Sie waren auch keine Freunde. Sie waren einfach eine Einheit geworden. Dessen war sich auch Virus bewusst, weswegen er seine Hand hob und sanft durch das Haar seiner anderen Hälfte fuhr.
„Lass uns Kuchen essen gehen“, wisperte Virus, wich etwas zurück vom Bett und wartete bis Trip sich erhob.
Wie von selbst nahm er seine Hand und ging am Arzt und den Schwestern vorbei um mit Trip in die Mensa zu gehen.
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