That's the Way Life goes

von NinaFuchs
GeschichteRomanze, Freundschaft / P18
30.01.2014
05.07.2015
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Der "Schuppen" hatte schon mal bessere Zeiten gesehen, soviel stand fest. Schummriges Licht versuchte das zu verstecken, was die Anwesenden selbst dann nicht mehr wahrgenommen hätten, wenn der Raum mit hellem Neonlicht ausstaffiert gewesen wäre. Abgewetzte Stühle standen vor klebrigen Tischen, die ganze Kneipe schien von einem Schmutzfilm überzogen zu sein und es stank nach Rauch.
Es war dieses Umfeld, in dem Lacey gerade ein großes Tablett mit drei Bieren herum balancierte. Sie quetschte sich an den Stammgästen vorbei, die sie in Gedanken immer scherzhaft "die Verdammten" nannte. Arme Seelen, die sich aufgegeben hatten und sich keinen angenehmeren Platz zugestanden, als diese muffige Kaschemme.
"Hey Süße, bring' mir noch einen, ja?" Das war Willie, ein harmloser, alter Seemann. "Sofort!", entgegnete Lacey knapp und servierte routiniert das bittere Gebräu an drei finster drein blickende Gesellen.
Als Lacey an den Tisch trat und dem Ersten das Bier hinstellte, lehnte sich der Zweite zurück und musterte unverhohlen ihre Kehrseite. "Heilige Scheiße, was für ein Arsch!", raunte er, ohne die Stimme zu senken. Lacey war derlei Situationen gewohnt. Innerlich verdrehte sie die Augen und dachte: Bleib' einfach cool - nicht mal mehr fünf Stunden, dann hast du Feierabend!
Die anderen Männer lachten. "Was macht so ein hübsches Kind an so einem hässlichen Ort, hm?!", fragte der vorlaute Kerl einfältig. Lacey ging gar nicht darauf ein. Sie würde nicht riskieren, ihr Gesicht zu verlieren. Das Trinkgeld war ihr in diesem Fall egal, auch, wenn sie momentan nicht in der Position war, darauf zu verzichten. Aber sie hatte es so satt. "Nicht so gesprächig, hm?!", versuchte es der aufdringliche Mann erneut und strich mit Zeigefinger und Daumen seinen Schnauzbart nach. "Die denkt wohl, die wär' was Besseres!", meldete sich der Erste zu Wort. Lacey atmete hörbar aus. "Darf es sonst noch was sein?", fragte sie und versuchte, ihrer Stimme einen neutralen Tonfall zu verleihen, was ihr nicht ganz gelang.
Sie verfluchte Dale, ihren Chef. Ein ehemaliger Metzger, dem man auch heute noch deutlich sein Handwerk ansah. "Selbst, wenn du gerade ein volles Tablett abgeladen hast, musst du immer fragen ob sie noch was wollen. Nur die Allerwenigsten sagen nein. Erst recht bei einem so scharfen Ding wie dir. Da wollen sie den Macker spielen und bestellen, was das Zeug hält!", hatte Dale ihr eingebläut. Er hatte sie tatsächlich sogar daraufhin geprüft und gerügt, als er feststellte, dass sie sich die Frage sparte.
Die drei grölten. "Oh, habt ihr das gehört? Ob wir noch was wollen?", fragte der Zweite und blickte seine beiden Kumpanen belustigt an. "Na, was meint ihr, Jungs, wollen wir noch was von der Kleinen?!" "Ich meine etwas zum Trinken!", stellte Lacey klar und seufzte hörbar. "Nein, danke... damit sind wir bestens versorgt! Aber..." Er grinste anzüglich und ließ seinen Blick genüsslich über ihren Körper wandern. "Ich würde dir gern mal an die Wäsche!" Beherzt gab er ihr einen Klaps auf den Hintern, woraufhin Lacey sich innerlich versteifte.
Was zu viel ist, ist zu viel! Ich lass' mir ja eine Menge gefallen, aber das geht zu weit!, dachte sie verärgert.
"Die Wäsche gibt es bei H&M, Sir - in der Damenabteilung!", schlug Lacey verbal zurück. Die beiden anderen Männer brachen in schallendes Gelächter aus. "Tja, Joe, da hat sie dich aber ganz schön vorgeführt!", rief der Dritte. "Bist wohl 'ne ganz Schlaue, hm?! Ach nein... kann ja nicht sein, sonst wärst du ja nicht hier! Kellnerin!", Joe spuckte die Berufsbezeichnung wie ein Schimpfwort aus.
Lacey schluckte. Das saß. Auch wenn sie wusste, dass der Fremde sie nur aus einer Kränkung heraus beleidigt hatte, spiegelte seine Aussage doch das wider, was Lacey insgeheim hin und wieder selbst von sich dachte. Ohne noch etwas zu erwidern, machte sie auf dem Absatz kehrt und drängte sich zurück an den Tresen.
"Vergiss' den Scotch nicht!", erinnerte sie Willie, als sie wieder an ihm vorbei kam. Sie fühlte sich miserabel.
Hätte sie diesen Job nur nicht so dringend gebraucht! Sicher, sie hätte kündigen und sich zusätzlich zu ihren anderen zwei Jobs etwas Neues suchen können. Sie hatte keinen schlechten Schulabschluss, aber sie traute es sich schlichtweg nicht zu. Den Job bei Dale hatte sie durch ihre Mutter bekommen und so war es immer in Laceys Leben. Was man ihr anbot - das nahm sie. Aber sie wäre nie allein auf die Suche gegangen. Ihre tiefe Angst vor Zurückweisung - welche ihrer verzerrten Selbstwahrnehmung geschuldet war - ließ sie solche Situationen beinahe lethargisch angehen.
"Was war denn da hinten los?!", fragte Dale verärgert. Lacey wusste, dass er nicht ihretwegen besorgt war. Ihr Chef hätte es wohl am liebsten gesehen, wenn sie sich auch noch auf den Schoß der Gäste setzen würde - Hauptsache der Umsatz stimmte.
"Nichts weiter. Das Übliche", erwiderte Lacey schulterzuckend. "Du darfst die Leute nicht verärgern, Lacey! Das hier ist meine Existenz, verdammt! Wenn die Stammgäste ausbleiben, weil meine Mädels unhöflich sind, dann geht hier alles den Bach runter! Vivienne kriegt das doch auch hin! Also sorg' gefälligst nicht immer für Wirbel!" "Mach' ich nicht. Wie gesagt, es war nichts weiter." "Hm" Der beleibte Wirt rümpfte die Nase und musterte sie von oben bis unten. "Na dann... marsch, wieder an die Arbeit, Süße!"
Sie hasste es, wenn Dale sie Süße nannte. Dieses Wort aus den Mündern dieser notgeilen Gestalten, war kein Kosename - sondern in ihren Ohren eine Drohung. Aber sie hatte gelernt, es einfach zu überhören.
Als die Tür aufging und der grelle Schein der Straßenbeleuchtung in den düsteren Laden flutete, sah man die Staubkörner in der Luft tanzen. Es fehlte nur noch, dass die Leute sich blinzelnd die Arme vor die Augen hielten. Wie die Vampire, ging es Lacey belustigt durch den Kopf. Sie hatte gelernt sich unangenehme Dinge mit Humor zu versüßen.
Es war Jenna - der sprichwörtlich erste Lichtblick an diesem Abend. Lacey grinste erfreut, während Dale nur abfällig grunzte. Jenna war keine Geldquelle für ihn, weswegen er sie im höflichsten Fall ignorierte.
"Süße!", rief Jenna und das Wort bekam plötzlich wieder einen Sinn. "Jenna!" Die beiden umarmten sich.
"Lacey, der Scotch!" Dale machte eine Kopfbewegung in Willies Richtung. "Ja, gleich", winkte die Angesprochene ab und fragte ihre Freundin: "Wie geht's dir?" "Gut und selbst?" "Es geht so", erwiderte sie schulterzuckend. "Wie lang hast du heute?", erkundigte sich Jenna und rümpfte die Nase, als Dale so lautstark in ein Taschentuch schnäuzte, dass es schon an Belästigung grenzte. "Bis vier. Was machst du eigentlich so spät noch hier?" "Ich war gerade mit Dad beim Mitternachtsshopping. Er wartet draußen im Wagen!" Stolz präsentierte Jenna ihre Ausbeute - vier bunte Tüten. "Lacey!" Dales Tonfall wurde schärfer und Lacey verdrehte in Jennas Richtung die Augen. "Komm' mit an den Tresen", bat sie und lief auf Dale zu.
Jenna kam der Aufforderung ihrer Freundin nach, setzte sich auf einen der Barhocker und legte ihre Arme auf die Theke, zog sie aber sofort angewidert zurück. "Ihhh, hier klebt alles!", beschwerte sie sich.
Dale, der sich gerade eine Zigarette angezündet hatte, verschob sie in seinen Mundwinkel und wischte mit einem schmuddeligen Lappen über die Stelle, an der Jenna saß und machte es damit nur noch schlimmer. Jenna verzog angeekelt das Gesicht. Nicht zum ersten Mal wunderte sie sich, wie es Lacey hier in dieser Kaschemme aushielt. Sah ihre beste Freundin denn schon gar nicht mehr, in was für einem versifften Umfeld sie sich befand? Aber scheinbar hatte Lacey mit der Wahl ihrer Nebenjobs schon immer ein unglückliches Händchen gehabt.
"Zufrieden, Mylady?! Bestellst du auch was?", fragte er unfreundlich. "Ja, eine Cola! Aber ein sauberes Glas!", mahnte sie scharf. Dale brabbelte etwas in seinen Bart, das niemand verstand und holte ein verstaubtes Glas vom Regal. Mit einem lauten Knall stellte er es vor ihr ab und verschwand in die Küche.
Lacey füllte das Glas mit Cola und sortierte emsig die verschiedenen Flaschen.
"Lacey, ich habe mit meinem Dad gesprochen! Am Wochenende fährt er mich 'rüber", begann Jenna und Lacey, die gerade abspülte, zuckte die Schultern. "Das freut mich für dich." "Was heißt denn hier für mich?! Du musst unbedingt mitkommen! Bitte, Lacey! So eine Chance bietet sich einem nur einmal im Leben!" Jenna redete aufgeregt auf ihre beste Freundin ein. Sie wollte Lacey mit allen Mitteln davon überzeugen, sie nach Los Angeles zu begleiten.
Nachdenklich sah sie sich in dem speckigen Raum um. Zwielichtige Gestalten hingen an der Bar und beäugten Lacey mit gierigen Blicken. Jenna ekelte sich bereits nach fünf Minuten und fand es beinahe grotesk, ihre geliebte Freundin hier ganz unbeteiligt schuften zu sehen.
Lacey wischte mit einem schmutzigen Tuch sorgfältig den klebrigen, noch feuchten Tresen trocken. "Ich kann nicht, Jenna. Versteh' doch... ich meine, was, wenn ich die Stelle nicht bekomme?", zweifelte sie. "Du wirst sie kriegen, glaub' mir. Ich hab' mir schon den Mund fusselig geredet und Chad hat gesagt, du kriegst den Job, wenn du ihn möchtest! Die Silvers nehmen für die Betreuung ihrer Großmutter logischerweise lieber jemanden, der ihnen empfohlen wird, als jemand vollkommen Fremdes! Schau' es dir doch wenigstens mal an! L.A. ist wunderschön. Zumindest Teile davon. Der Strand. Die Hitze. Was wir dort alles machen könnten...", schwärmte Jenna. "Ich kann hier im Moment nicht weg. Dale ist schon ganz genervt, weil ich mir Freitag frei nehmen muss, um den Termin für Mom wahrzunehmen."
Wie aufs Stichwort kam der fettleibige Mann mit fleckiger Schürze aus der Küche hinter den Tresen und maulte: "Ich bezahl' dich nicht für's Kaffeekränzchen, Süße! Also beweg' deinen Knackarsch und bring' die Biere an Tisch drei!" Dale schnaubte in ein labbriges Tuch, schnaufte schwer wie ein Asthmatiker und begaffte Lacey mit eindeutigen Intentionen. "Tut mir leid, ich muss echt weiter machen. Wir reden morgen, ja?", vertröstete Lacey ihre Freundin abgehetzt. Enttäuscht kramte Jenna ihre Geldbörse aus der Handtasche, legte fünf Dollar auf den Tresen, raffte ihre Einkaufstüten zusammen und rief ihrer Freundin, die schon mit dem Tablett in den Rauchschwaden verschwunden war, mahnend hinterher: "Gut, ich steh' morgen um zehn Uhr bei dir auf der Matte!"

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Als Laceys Schicht um vier Uhr zu Ende ging, war sie hundemüde.
"Soll ich dich mitnehmen, Süße?", fragte Dale, in der Hoffnung, dass er noch ganz andere Sachen mit ihr machen könnte. "Nein, danke. Du weißt doch... Die zwei Blocks komm' ich schon allein nach Hause." "Dann halt nicht", grunzte er abfällig und fügte hinzu: "Übrigens, wegen Freitag... Dass du da frei machst, das geht nicht! Ich brauch' dich hier! Vivienne hat sich gestern krank gemeldet." "Und das sagst du mir erst jetzt?! Ich kann Freitag nicht, das weißt du!" "Tja, deine Entscheidung. Kommst du Freitag nicht, brauchst du gar nicht mehr kommen! Und bedenke, der Deckel für deine Mutter ist schon wieder gewachsen!", eröffnete der beleibte Kneipier und zündete sich eine Zigarette an. "Du sollst ihr doch nichts mehr anschreiben!", entgegnete Lacey vorwurfsvoll. "Hey, ich bin nicht die Sittenpolizei, ich bin nur der Wirt!", verteidigte sich der schmuddelige Kerl und hielt scheinheilig die Hände in die Luft. Seufzend schnappte Lacey ihre Jacke von Haken und machte sich resigniert auf den Heimweg.