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Tears of a Sorceress - Adells Geschichte

Kurzbeschreibung
GeschichteSchmerz/Trost, Tragödie / P16 / Gen
30.01.2014
17.11.2014
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14.959
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Tears of a Sorceress – Adells Geschichte





Es ist eine Geschichte.
Eine Geschichte, von der niemand erfahren durfte.
Tief verborgen in meinem Herzen… so verborgen, dass ich kaum noch glaube, dass sie existiert.





Vor dreißig Jahren gab es ein Haus am großen Salzsee.
Das Haus war mit Unkraut überwuchert und hatte eine verblichene, gelbe Farbe. Neben der Holztür stand eine Bank, die alt und staubig war. Ein Teil des Kopfgestells fehlte. Hinter dem Haus befand sich ein kleiner Garten mit einem großen Zitronenbaum. An dem schmalen Dach über der Tür schwang ein Blumentopf mit frisch begossenen Tulpen hin und her. Dass die Blumen vom Salzwasser des Sees schneller verwelkten als sonst, schien Oti-san nicht zu bemerken.
Oti-san war ein kleiner, etwas rundlicher Mann, der seine völlig ergrauten Haare unter einem Sonnenhut versteckte. Ächzend zog er die Holztür auf, die lautstark knarrte. Mit den Händen hinterm Rücken verbunden und gebücktem Rücken sah er sich um. Die Sonne schien herrlich am frühen Morgen, und ihre Strahlen funkelten auf dem Wasser des Sees.
„Wo ist nur dieses Kind…“, murmelte er.
Da erspähte er eine Figur ein paar Meter weg am Ufer des Sees. Mit bloßen Füßen stand sie im seichten Wasser. Ihre feuerroten Haare, die zu einem langen Zopf bis zu den Hüften geflochten waren, leuchteten wie loderndes Feuer. Ihr weißes Gesicht wirkte in der Sonne wie gepudert. Oti-san sah von weitem, wie sie lächelte und ihre Augen geschlossen hielt.
Sie tanzte.
Sie tanzte, als würde sich kein Boden unter ihren Füßen befinden.



Dies ist die Geschichte der Hexe Adell.
Die Hexe, die ihre Tränen versiegelte…








1.


Sechzehn Jahre vor dem Hexenkrieg fand Oti-san am Ufer des Salzsees einen Korb. Aus ihm war das Geschrei eines Babys zu hören. Da er keine sehr guten Ohren mehr hatte, musste er das Baby schon sehr spät schreien gehört haben – denn als er es sah, hatte es schon kaum noch Kraft zu schreien und die Stimme klang dünn. Es war mager und sehr blass, die kleinen, mahagonifarbenen Augen waren mit dicken Tränen überströmt. Dennoch war es das schönste Baby, das Oti-san gesehen hatte. Es hatte lange, dichte Wimpern, eine winzige Nase und volle Lippen, die leicht rosa waren. Ihre feinen Haare schimmerten kirschrot. Wie kann man nur so ein liebreizendes, schönes Kind aussetzen?, dachte Oti-san fassungslos.
Weil er so überwältigt war von der Schönheit des kleinen Mädchens, gab er ihr den Namen Adell. Den Namen für eine wunderschöne Dame, die aus wohlhabendem Hause kommt. Natürlich war sie dies nicht – doch gerade wegen ihres traurigen Schicksals als Findelkind wollte er, dass die Menschen, denen sie später begegnen sollte, so denken sollten. Er beschloss, das Mädchen großzuziehen und für sie der beste Großvater oder gar Vater, zu sein, den sie bekommen konnte.


Die Jahre vergingen. Adell wuchs zu einer stillen, aber respektvollen, hübschen jungen Frau heran. Sie sprach wenig und wirkte immer verträumt, als würde sie in einer anderen Welt sein. Wenn Oti-san sie fragte, weswegen sie so verträumt wirkte, antwortete sie immer nur:
„Ich träume nicht. Sie träumen von mir. Und ich fühle es.“
Mehr wollte sie es nicht verraten.

Im Alter von zwölf Jahren entdeckte sie eine große Leidenschaft – das Tanzen.
Es war kein bestimmter Tanzstil, doch wenn sie sich bewegte, tanzte sie wie der Wind. Oti-san saß stundenlang auf der Bank und begleitete sie auf seiner alten Geige, während sie zu den Klängen tanzte. Immer barfuß, im seichten Wasser.
Wenn sie das Tanzen beendete, dann waren ihre Haare voller schaumigen Flocken und ihre Füße ganz trocken vom Salzwasser. Aber sie lächelte, sie lächelte ganze Zeit – während sie tanzte. Sobald sie damit aufhörte, kehrte ihr katatonisches Gesicht mit den traurigen Augen zurück.
Manchmal hörte Oti-san sie in der Nacht leise schluchzen. Wenn er es nicht länger ertragen konnte, ging er in ihr Zimmer, um sie zu trösten. Doch sobald er hineinkam, hörte ihr Schluchzen auf. Auf diese Weise verstand Oti-san, dass Adell ihm nicht ihre Tränen zeigen wollte.
Mehrmals fragte er sie: „Adell, hast du letzte Nacht geweint?“
„Nein“, antwortete sie, „vielleicht hörst du die Stimmen derer, die diese Welt verlassen haben und dich vermissen.“
Oti-san spürte, dass Adell kein gewöhnliches Mädchen war. Er wollte gerne erfahren, woher sie kam, wer ihre Eltern waren und weswegen sie sie ausgesetzt haben. Natürlich wusste er, dass er das niemals erfahren würde. Oti-san war nun einundsiebzig Jahre alt und hatte nicht mehr die Kraft, loszuziehen und Informationen zu sammeln. So beschloss er, das Mädchen großzuziehen, bis er das Zeitliche segnen würde. Es war seine letzte Lebensaufgabe.


Eines Morgens strandete ein Boot am Ufer des Salzsees.
Oti-san schlief noch, aber Adell war bereits wach und zeichnete ein Bild. Da ihr Zimmer im ersten Stock zum See ausgerichtet war, bemerkte sie das fremde Boot sofort. Sofort zog sie sich eine Strickjacke drüber und schlich leise die Treppen herunter, um Oti-san nicht zu wecken.
Niemand kam in die entlegene Gegend des Salzsees. Nur einmal in der Woche kam ein Lebensmittelhändler und Geschäftspartner von Oti-san, der Oti-sans gezüchtete Zitronen gegen Lebensmittel eintauschte. Und einmal im Monat schaute ein reicher Arzt aus der legendären Stadt Esthar vorbei, um nach Oti-san zu sehen, der immer öfter Behandlungen bedurfte.
Aber wer war das?
Adell hatte in der Eile und Neugier sogar vergessen, sich Schuhe anzuziehen, obwohl sie es hasste, barfuß über den Sand zu laufen. Nach einigen Schritten erreichte sie das Boot.
Darin lag eine Gestalt in einer merkwürdigen Rüstung, die eher modern und zukunftstechnisch aussah als die klassischen Rüstungen aus dem Mittelalter. Aber Adell hatte viele Bücher gelesen und sich über die verschiedenen Völker der Welt erkundet. So wusste sie, dass diese Person eine Rüstung der Esthar-Armee trug und dementsprechend ein Esthar-Soldat sein musste. Mehrere Schusswunden waren über seinen Körper verteilt. Adell war entsetzt. Sofort hörte sie sein Herz ab, das langsam und schwächlich schlug, doch immerhin lebte er noch. Fieberhaft überlegte sie, was sie zuerst tun sollte.
Ich muss ihn zuerst ins Haus bringen, dachte sie.
Adell war zierlich und nicht kräftig, daher musste sie sich sehr anstrengen, um ihn unter den Armen zu packen und hochzuheben. Rückwärts schleifte sie ihn zum Haus, als ihr Oti-san entgegenkam.
„Adell, was ist geschehen? Ich habe das Boot soeben gesehen…“
„Oti-san, er ist schwer verletzt!“
Der alte Mann setzte seine Brille auf und betrachtete die Wunden.
„Das sieht nicht gut aus“, stimmte er zu, „er hat tiefe Blutungen. Wir müssen den Blutfluss dringend stoppen.“ Er hob den Soldat an den Füßen hoch und gemeinsam brachten sie ihn auf das bereite Sofa im Wohnzimmer. Als Oti-san ihm dem Helm abnahm, verschlug es Adell die Sprache.
Der Soldat, ungefähr um die vierundzwanzig, hatte kastanienbraune Haare und leicht gebräunte Haut. Seine Nase war gerade, seine Lippen, die wegen der Blutungen weiß waren, waren gequält zusammengezogen. Doch er war wunderschön. Schön wie ein Engel.
Adell hatte in ihrem Leben nur wenige Menschen gesehen, vor allem kaum jemanden in ihrem Alter, obwohl er schon älter war als sie mit ihren siebzehn Jahren. Sie fühlte ein seltsames Gefühl in ihrem Herzen, das überwältigend war und ihr Herz zum Rasen brachte.
„Adell! Bring mir vom Bad mehrere Lappen und meinen Verbandskasten, der im Schrank liegt!“, befahl Oti-san.
Adell erwachte aus ihren Gedanken und eilte zum Bad und kam mit den Sachen schnell zurück. Gemeinsam versorgten sie seine Wunden und zogen ihm ein frisches Hemd mit Hose an.
„Gut, jetzt sieht er schon etwas besser aus, da die Blutungen aufgehört haben. Ich werde per Chocobo-Post Dr. Hashimoto schreiben, dass er heute Abend schon vorbeisehen soll. Komm, tragen wir ihn ins Gästezimmer.“
Am Abend kam Dr. Hashimoto und nähte seine Wunden. Vor Ort – dank der Esthar-Technologie – gab er ihm eine Bluttransfusion, und dadurch stabilisierte sich sein Zustand. Der Arzt bestätigte, dass er nicht komatös war und in den nächsten Tagen zu sich kommen sollte. Da Oti-san aufgrund seines Alters nicht in der Lage war, sich um seine Wunden zu kümmern, wurde Adell die Aufgabe zugeteilt. Jeden Tag wechselte sie seine Verbände am Oberkörper. Manchmal saß sie einfach neben ihm am Bett und prägte sich seine Gesichtszüge ein.
Wie er wohl heißt?
Was er wohl für eine Augenfarbe hat?
Wie seine Stimme klingt?
Warum er wohl hierhin gestrandet ist?
Adell hatte tausende Fragen, doch sie konnte ihn nicht wecken. So saß sie tagelang neben ihm und beobachtete ihn.

Eines Tages erwachte er aus seinem Schlaf. Es war im Morgengrauen, Adell war an seiner Seite fast eingeschlafen. Als er sich langsam regte, merkte sie, dass er aufgewacht war und fuhr sofort in die Höhe.
Olivgrüne Augen sahen sie an.
„Wer…bist du?“, fragte er und sah sich langsam um, „wo bin ich hier…“ Dann fiel sein Blick wieder auf Adell.
Sie war jetzt noch mehr von ihm verzaubert. Wie seine Stimme klang…wie seine Augen sie neugierig ansahen.
„Ich bin Adell…du bist vor einer Woche mit deinem Boot hierher ans Ufer gespült worden“, antwortete sie schüchtern.
„Ufer? Ist das der Salzsee? Ich bin immer noch auf estharischem Gebiet? Ich muss hier fort!“, murmelte er nervös und versuchte sich zu bewegen.
„Nein!“, rief Adell und hielt seinen Arm fest, „du bist noch zu schwach. Du hattest schwere Verletzungen und die Wunden sind noch nicht ganz verheilt. Du musst dich schonen.“
Der junge Mann sah sie verzweifelt an und Adell wusste plötzlich, was ihn so quälte. Er war auf der Flucht. Wahrscheinlich auf Fahnenflucht.
„Keine Sorge“, beruhigte sie ihn, „von der Existenz dieses Hauses wissen höchstens neun Menschen, und nur der Doktor kommt aus Esthar. Wir haben ihm nicht gesagt, dass du die Soldatenuniform von Esthar getragen hast.“
Als er das hörte, lächelte er, so strahlend, dass Adell verlegen wegschaute.
„Vielen Dank, Adell! Ich bin so froh, das zu hören…weißt du, ich bin kein Schwerverbrecher…ich bin aus Esthar geflohen, weil da Unruhen innerhalb Regierung beginnen…sie sagen, dass wir Hexen ausrotten müssen…dabei gibt es doch keine! Sie wollen uns in einen Krieg schicken, wo gegen nichts gekämpft wird! Da wollte ich nicht dabei sein, aber austreten geht nicht…“, er machte eine kurze Pause und sah nachdenklich aus dem Fenster, „als meine ehemaligen Kameraden anfingen, auf mich zu schießen, bereute ich es, aus Esthar zu stammen.“
Adell hatte ihm ruhig zugehört, als er sich fing. „Oh, entschuldige…ich hab mich von meinem eigenen Gerede mitreißen lassen. Ich heiße Jeremias. Danke, dass du dich um mich gekümmert hast!“
Er streckte seine Hand aus, die Adell zögernd entgegennahm.
Seine Augen hielten ihre in seinem Bann.
„Als ich zuerst aufgewacht bin“, sagte er lachend, „dachte ich, du bist eine Hexe. Du siehst so magisch aus, auf eine wunderschöne Art.“
 
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