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Das erste und das letzte Mal

GeschichteKrimi / P12 / Gen
Dr. John Watson Inspektor Lestrade Mycroft Holmes OC (Own Character) Sherlock Holmes
26.01.2014
28.11.2019
18
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26.01.2014 1.166
 
„Holmes, dürfte ich fragen, was Sie sich von diesem Besuch erhoffen? Und warum zum Teufel haben Sie Gladstone mitgenommen?!“
„Alles zu seiner Zeit, Watson.“
Die beiden laufen mit dem Hund über eine Straße, die bloß mit Schotter bedeckt ist. An einem großen Eisentor, das mit Efeu bedeckt und an einigen Stellen schon angerostet ist, bleiben sie stehen.
„So denn.“
Holmes kniet sich hin, öffnet die kleine Werkzeugtasche an seinem Gürtel und macht sich daran, das verrostete Vorhängeschloss am Tor zu öffnen. Sorgfältig schiebt er den Efeu beiseite. Er holt einige Werkzeuge hervor und macht sich an dem Schloss zu schaffen. Auf Grund des Rostes ist es nur sehr schwer zu öffnen und der Detektiv scheint mit seinen Fähigkeiten als Schlossknacker nicht sonderlich weit zu kommen.
Einige Momente später hört man jedoch ein lautes Krachen und Watson hat das Tor aufgetreten. Holmes packt mit einem Gesichtsausdruck, der ganz eindeutig sagt: „Nicht schon wieder!“, seine Sachen wieder zusammen und die beiden betreten gemeinsam mit dem Hund das Anwesen der Northcotes.
„Vor kurzem war jemand hier.“
„Oder ist noch hier. Ausnahmsweise ist auch mir die leichte Blutspur am Zaun aufgefallen.“
Triumphierend sieht Dr. Watson seinen Partner an. Dieser verdreht nur kurz die Augen, widmet sich dann aber wieder der Inspizierung des Tatortes.
Die Auffahrt ist gepflastert, doch dahinter prangt keine riesige, prunkvolle Villa. Trümmer, Asche und wuchernde Sträucher sind, neben dem Springbrunnen auf dem Vorplatz, das einzige, was von dem Anwesen der Northcotes noch übrig ist. Nicht einmal der Kamin ist noch da.
„Entschuldigen Sie, Gentlemen. Nun, das hier ist Privatbesitz.“
Als Sherlock und John sich umdrehen, steht da ein älterer Herr, der dem alten Tanner nicht unähnlich sieht.
„Und Sie sind?“
Dr. Watson, der mittlerweile die Leine in der Hand hat, fällt es sichtlich schwer den an der Leine zerrenden Gladstone im Zaum zu halten.
„Nun, ich bin Robert Jenkins. Dürfte ich auch erfahren, wer Sie sind und was Sie hier wollen?“
Holmes ergreift sofort die Initiative.
„Ah, guten Tag, mein Lieber! Bob, ich darf doch Bob sagen...“
Er geht auf den Mann zu und schüttelt dessen Hand so lange, dass der Alte gar nicht weiß, wie ihm geschieht.
„Wenn ich vorstellen darf: Holmes, mein Name, Sherlock Holmes. Der Mann dort hinten ist mein treuer Gehilfe Dr. Watson.“
Genannter zieht nur ungläubig die Augenbrauen hoch und formt mit seinen Lippen ein bezweifeltes „Gehilfe?“. Der andere grinst nur und wendet sich wieder Mr. Jenkins zu.
„Sie haben sicher schon von uns gehört. Erst kürzlich schnappten wir den berüchtigten Verbrecher Lord Blackwood und verhinderten ein Attentat auf das Parlament. Daran werden Sie sich doch sicher erinnern können...“
Er blüht geradezu auf in seiner Rolle als großer Held.
„Und ich muss Ihnen sagen, mein Guter, jetzt brauchen wir Ihre Hilfe.“
„Nun,... tatsächlich?“
Das ist alles, was der Alte herausbringen kann, während Holmes ihn zu Dr. Watson hinüberschiebt, der gerade erleichtert feststellt, dass Gladstone sich mittlerweile etwas beruhigt hat.
„Sie kannten die Northcotes?“
„Nun, ja, ich...“
Sich von dem Hund fernhaltend weiß der Alte gar nicht, wo er hinschauen soll, oder wie er auf diese merkwürdige Erscheinung reagieren soll, die behauptet, der große Detektiv Sherlock Holmes zu sein.
„Wunderbar, wunderbar! Dann können Sie uns doch sicher etwas über sie erzählen!“
Ratlos steht Mr. Jenkins da, schaut zu Mr. Holmes, zu Dr. Watson, hinunter zum Hund und dann wieder zu Mr. Holmes. Sie alle sehen ihn an, sagen aber nichts.
„Nun ja... Ich kenne die Northcotes schon, seit sie hierhergezogen sind. Ich wohne dort hinten. Dort auf dem Hügel.“
Der Mann deutet wohl auf den Hügel, auf dem sein Haus steht, vom Vorplatz aus, kann man dieses jedoch nicht im Geringsten erkennen. Aus Höflichkeit sehen sie jedoch trotzdem alle hin und Holmes nickt verständnisvoll.
„Kann ich davon ausgehen, dass Sie vor zehn Jahren als Zeuge nicht vorgeladen wurden, da man Sie für unzurechnungsfähig hielt?“
„Oh ja! Das können Sie laut sagen! Die dachten doch tatsächlich, ich wäre verrückt und hätte die kleine Coraline ermordet und verscharrt! Nun, nur weil ich der Einzige war, der sie aus den Flammen hat rennen sehen! Aber jetzt - zu schade, dass es erst jetzt ist, wo sie tot ist – da glauben sie mir auf einmal. Obwohl... es ist doch tatsächlich niemand gekommen, um sich bei mir zu entschuldigen oder Ähnliches.“
„Natürlich, Sir, das Verfahren wurde längst eingestellt und man hat Sie wahrscheinlich vergessen. Sie wohnen ja nicht gerade in der Innenstadt.“
„Nun, zum Glück auch das Verfahren gegen mich. Ich habe doch nichts getan. Und außerdem: Wer hätte denn dann auf das Anwesen aufpassen sollen?“
Dr. Watson runzelt leicht erheitert die Stirn. Als er aber merkt, dass der Alte ihn ansieht, wendet er schnell den Blick ab.
„Wem gehört das Grundstück denn offiziell?“
„Nun, jetzt im Nachhinein... Sir Stafford wird es wohl seiner Tochter vermacht haben und diese muss es ebenfalls in ihrem Testament erwähnen. Wenn dies nicht der Fall ist, muss es wohl versteigert werden. Aber ich glaube nicht, dass irgendjemand es kaufen will. Schon damals sollte es versteigert werden, weil alle davon ausgingen, alle im Testament Erwähnten seien den Flammen zum Opfer gefallen. Doch schon damals hat es niemand haben wollen. Nun, besser für mich.“
„Ach ja, aus welchem Grund?“
„Nun ja, Sir Stafford war allergisch gegen Bienen und ich halte mir ein paar hier in der Nähe. Nun, dies kann ich erst jetzt.“
„Sie mögen also Honig?“
„Aber nein, ich halte sie, um in ihnen zu baden.“
Nachdenklich reckt Sherlock seine Nase in die leichte Brise.
„Können Sie mir noch etwas über die Northcotes berichten?“
„Aber natürlich! Liebend gern, wenn Ihnen das weiterhilft. Ach, wo fange ich nur an?
Sir Stafford Northcote, das Familienoberhaupt. Über ihn gibt es sicher am meisten zu berichten.
Er war Vorsitzender des Unterhauses. Ich weiß noch, wie stolz er seinen Kindern immer von den Versammlungen erzählte. Er war übrigens ein großartiger Erfinder in seiner Freizeit. Oh ja, und natürlich... Er war gelernter Goldschmied. Aber zurück zur Politik...“
„Entschuldigen Sie, Sir, ich würde viel lieber etwas nicht-politisches über Sir Northcote erfahren.“
Der Mann scheint erst irritiert, spricht dann aber unbeirrt weiter.  
„Nun ja... in Ordnung. Sir Northcote liebte seine Kinder sehr. Seine Frau war schon früh verstorben und er hatte neu geheiratet...“
Langsam macht Mr. Holmes ein paar unauffällige Schritte in Dr. Watsons Richtung. Er zieht ihm die Leine aus der Hand, was dieser gar nicht bemerkt, und geht langsam und wie beiläufig auf die Bäume hinter den Trümmern zu. Weder der Doktor, der mit dem Rücken zum Anwesen steht, noch Mr. Jenkins, der gerade sehr vertieft in die Beschreibung der Familienverhältnisse der Northcotes ist, bemerken sein Verschwinden.
Unauffällig bewegt er sich um das abgebrannte Haus herum.
Gladstone schnüffelt hektisch alles ab, was ihm vor die Nase kommt.
Nach einer Weile lässt Holmes sich nur noch ziehen. Gladstone wird schon finden, wonach der Detektiv sucht.
Doch nun bemerkt Sherlock, dass er den Hund gar nicht bräuchte. Der Geruch ist so penetrant, dass auch er selbst ihn bemerkt hat und ihm ohne Probleme folgen kann.
Der Geruch von Verwesung.
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