Melville

GeschichteFantasy, Übernatürlich / P18 Slash
23.01.2014
21.02.2014
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- Ich will keine andere Ehre mehr als deine Schande. –
(H. von Kleist)


Prolog
1978

„Komm schon, Mel ...“, Jonathan, mein älterer Bruder, zieht etwas genervt an der Jacke meiner Schuluniform und verlangt, dass ich aussteige.
„Ich will aber nicht!”, sage ich trotzig.
„Willst du, dass Mama wegen dir traurig ist?” Er legt ein vorwurfsvolles Gesicht auf. Ich blicke aus dem Fenster und erkenne diesen verhassten Ort wieder. Hier irgendwo liegt sie seit bereits zwei Jahren, zwischen Bäumen, Sträuchern und Steinen fremder Gräber. Ich bin gerade einmal sechs Jahre alt, mein Bruder neun. Er kann sich wenigstens noch richtig an sie erinnern, darum beneide ich ihn immer wieder heimlich.
„Mama kann nicht mehr traurig sein“, antworte ich trocken. Jonathan seufzt und blickt hilfesuchend zum Fahrer, der uns beide von der Schule abgeholt hat, doch er sitzt nur stumm auf seinem Platz und wartet, dass wir endlich aussteigen.
„Gut, wenn du es so nicht willst, dann denke daran, wie sauer Papa sein wird, wenn wir nicht gleich bei ihm zur Messe in der Kapelle sind!“
Ich senke den Blick, ja, Papa kann sehr wütend werden, manchmal macht er mir richtig Angst. Schweren Herzens gebe ich mich geschlagen und lasse meine Beine auf den Boden des Fahrzeugs gleiten. Jonathan öffnet die Tür und zieht mich hinter sich her. Die Luft ist nasskalt, mein Atem zeichnet sich als Nebelhauch vor meinem Mund ab und die Kälte kriecht mir langsam in die Glieder. Mit zögerlichen Schritten folge ich meinem Bruder über die langen Wege. Links und rechts von uns sind unzählige Gräber, ich erschauere ein wenig, denn ich habe Angst vor ihrem Inhalt, besonders seit mir Jonathan manchmal diese Gruselgeschichten vorliest.
In der Kapelle sind kaum Menschen und ich erkenne meinen Vater gleich, als wir durch die Tür treten. Schnell drückt mich Jonathan in die Reihe und die Orgelmusik beginnt, noch bevor wir bei ihm ankommen. Ein zorniger Blick von ihm straft mich für mein offensichtlich widerstrebendes Verhalten. Doch ich will einfach nicht hier sein.
Hier wohnt der Tod.

1981

Ich bin ganz aufgeregt und springe mit einem Satz aus dem Bett. Heute, am dreiundzwanzigsten Juli, ist mein Geburtstag und da auch noch Sonntag ist, muss ich nicht einmal zur Schule. Ich schlüpfe schnell in meine Hausschuhe und werfe mir den Morgenmantel über. Vielleicht bekomme ich ja endlich das Teleskop, das ich mir schon so lange wünsche.
Ich nehme mehrere Treppenstufen auf einmal und hechte in das Wohnzimmer, voller Hoffnung, gleich meinen Vater und Jonathan zu erblicken. Niemand ist zu sehen, alles ist ganz still und das fahle Licht des Morgens scheint durch die großen Fenster. Aber sicher sind mein Vater und Jonathan im Salon. Fast rutsche ich auf dem glattpolierten Parkett aus, kann mich aber gerade noch halten. Ich biege in den Salon ab, doch auch hier ist niemand. Leicht enttäuscht stehe ich da und überlege, ob sie vielleicht im Arbeitszimmer meines Vaters sein könnten. Die letzten Jahre war er an meinen Geburtstagen immer geschäftlich auf Reisen, ich erinnere mich nicht, dass ich jemals an meinem Tag direkt mit ihm feiern konnte. Doch dieses Jahr ist er da, das weiß ich ganz genau. Da höre ich Geräusche aus der Küche. Oh ja! Vielleicht will Vater nur die Wohnbereiche für den Familienbesuch später sauberhalten. Ich renne los, meine Wangen färben sich gewiss rötlich vor innerer Anspannung und mit einem Schwung werfe ich die Tür auf.
Da steht die Haushälterin und sieht mich fragend an. Sie rührt gerade in einer Schüssel und bereitet einen der Kuchen für die späteren Gäste vor. Und als ich begreife, dass wohl niemand für mich etwas vorbereitet hat, dass keine Überraschung auf mich wartet, kein Lachen und keine Umarmung, schießen mir die kleinen heißen Tränen in die Augen. Die Haushälterin setzt die Schüssel ab und kommt auf mich zu. Sie will mich wohl trösten, doch ich mag es nicht, wenn mich Fremde anfassen. Auch wenn sie schon seit mehr als einem Jahr hier arbeitet, kenne ich nicht einmal ihren Namen. Ich mache kleine Schritte rückwärts. Der Gurt, der sich aus meinem Morgenmantel gelöst hat, verfängt sich zwischen Tür und Rahmen und ich werde von ihm festgehalten. Ich kann kaum etwas durch den Tränenschleier sehen, also zerre ich fest an dem Stoff und höre nur, wie er reißt. Abgeschreckt durch meine Bewegungen bleibt sie stehen und beobachtet mich nur. Scham über mein unbeholfenes Verhalten mischt sich jetzt noch in meine Enttäuschung und als ich endlich frei bin, renne ich schleunigst zurück in mein Zimmer. Ich schlage meine Tür zu, werfe mich in mein Bett und verstecke mich unter der Bettdecke.
Ich brauche eine Weile, um wieder normal atmen zu können, ohne zu schluchzen und zu schniefen. Ich halte die Decke ganz fest in meinen Armen und spüre, wie die Luft unter der Decke langsam unerträglich wird. Ich strecke meinen Kopf etwas hervor und da erst sehe ich den kleinen handgeschriebenen Zettel von Jonathan auf meinem Nachttisch. Ich greife nach ihm und es dauert seine Zeit, bis ich die Bedeutung der Worte verstehe. Es fällt mir schwer, mich in der Schule auf die Aufgaben und Übungen zu konzentrieren. Und besonders das Lesen und Schreiben erfordert viel Disziplin von mir. Oft musste ich mir schon anhören, dass Vater mich für dumm hält und viele Nachhilfestunden habe ich schon den Sommer über aussitzen müssen.

Bin mit Vater angeln. Er will der Familie heute Abend selbstgefangenen Barsch anbieten. Er meint, du bist noch zu jung. Sind vor 14 Uhr zurück. Alles Gute zum Geburtstag.
Jonathan

Ganz langsam lasse ich den Zettel sinken und spüre, wie ich ihn mit der rechten Hand zusammenknülle. Sie haben mich nicht mitgenommen. Ich bin ganz allein.
Es tut so weh, dass ich mir nicht anders zu helfen weiß, als das kleine Zettelknäuel in den Mund zu stecken und herunterzuschlucken. Dann ist er wenigstens weg.
Langsam gehe ich zu meinem Schreibtisch, nehme mir ein Blatt Papier und fange an, mir meine eigene Nachricht zu schreiben. Ich male ein großes buntes Geschenk in die Mitte und mehrmals kontrolliere ich meine Rechtschreibung, während ich über und unter das Geschenk schreibe: ‘Für Melville. Hab dich lieb’. Ich setze mich auf dem Stuhl zurück und betrachte mein Werk. Ich bin zufrieden. Ich falte den kleinen Zettel und packe ihn ganz vorsichtig in meine Schultasche.
Dann ziehe ich meinen zerrissenen Mantel und die Hausschuhe aus, lege mich wieder in das Bett und kneife die Augen fest zusammen. Langsam zähle ich innerlich bis zwanzig. Dann öffne ich die Augen wieder, richte mich ganz vorsichtig auf und tue so, als müsste ich gähnen und mich strecken. Bedächtig hebe ich die Beine über das Bett, versuche ein möglichst zufriedenes Gesicht aufzulegen und schiebe meine Füße wieder in die noch warmen Hausschuhe.
„Alles Gute zum Geburtstag, Melville”, sage ich zu mir selbst.
„Ich habe ein Geschenk für dich versteckt. Komm, suche es!”
Ich gehe zum Kleiderschrank, zum Schreibtisch, zur Spielzeugkiste und durchsuche gewissenhaft die möglichen Verstecke. Ich umkreise langsam meinen Schulranzen und gaukle mir selber eine spannende Suche vor.
Irgendwann greife ich dann in die Tasche und hole den Zettel hervor. Ganz langsam falte ich ihn auf.
„Das habe ich mir schon immer gewünscht. Danke, Melville.“
Dann nehme ich den Zettel, lege mich zurück in das Bett und halte ihn fest umklammert, während sich langsam wieder ein paar kleine Tränen den Weg durch meine Lider kämpfen. Der Morgen meines neunten Geburtstages. Ich fühlte mich noch nie so einsam.

Die meisten Gäste treffen pünktlich ein und brav lasse ich mich von meinen Onkeln, Tanten und Großeltern in die Wange kneifen und mir über den Kopf fahren. In meinem besten Anzug und mit geputzten Lackschuhen, freue ich mich über die Aufmerksamkeit. Doch kaum haben sie mich begrüßt, ihr Geschenk auf dem Gabentisch geparkt, meist Schulbücher oder Kleidung, und den gedeckten Kuchentisch entdeckt, vergessen sie weswegen sie hier sind. Es ist immer das Gleiche. Die Erwachsenen widmen sich den Gesprächen über Politik und Sport und die Kinder haben sich allein zu beschäftigen, aber nicht zu stören. Ein paar Neffen und Nichten sind da, aber Jonathan ist derjenige, der sich gut mit ihnen versteht. Ich bin von ihrer offenen und teils aggressiven Art eher verängstigt. Ich habe keine Lust ‘Ritter’ oder ‘Räuber und Gendarm’ zu spielen und auch nicht ‘Vater-Mutter-Kind’. Ein Spiel, das ich grundlegend eh nicht verstehe. Was ist lustig daran, eine Familie zu spielen?
Also gehe ich, gelangweilt von den anderen Kindern, zu den Erwachsenen und gönne mir auch ein leckeres Stück Kuchen und einen heißen Kakao. Vorsichtig balanciere ich den Teller und die Porzellantasse auf ihrem Unterteller in meinen Händen und gehe zum bereitgestellten Kindertisch. Leider bemerke ich die kleine umgeschlagene Ecke des Teppichs nicht. Ich stolpere und versuche noch, den überschwappenden Kakao nicht auf den teuren Teppich tropfen zu lassen. Doch dabei komme ich so ins Schwanken, dass ich ganz hinfalle. Das fragile Geschirr zerbricht unter der Wucht des Aufpralls. Ich höre, wie eine meiner Tanten erschrocken aufschreit und sehe aus den Augenwinkeln, wie sich alle Köpfe zu mir drehen und jegliches Gespräch verstummt. Ich bin ganz still, bewege mich nicht, da merke ich auch schon, wie die schweren Schritte meines Vaters auf mich zugehen. Ich verstecke meinen Kopf unter meinen Händen, ziehe meine Knie eng an den Körper und versuche, mich vor seiner Wut zu schützen. Er greift an meinen Arm und zerrt mich schreiend hoch.
„Das war eine Tasse vom Lieblingsgeschirr deiner Mutter!“
Groß fliegt seine Hand auf mich zu, unerwartet und plötzlich trifft er mich. Mein Kopf fliegt zur Seite und fast falle ich wieder zu Boden. Meine Wange glüht und mir ist ein wenig schwindelig, doch ich schaffe es, nicht vor meiner gesamten Familie zu weinen.
„Geh auf dein Zimmer, Melville! Und denke darüber nach, was du getan hast! Ich bin sehr enttäuscht von dir!”
Und kurz nur blicke ich in die Gesichter meiner Verwandten, wie sie leicht erschrocken zu mir sehen. Meine Tante mütterlicherseits, wie sie ihre eigene Tochter auf dem Schoß trägt und fest umarmt. Der Vater meines Vaters, der bestätigend mit dem Kopf nickt. Alle sehen mich, schwach und klein. Ich gehe ganz vorsichtig, immer noch leicht benommen von dem Schlag, aus dem Zimmer und hebe schleppend einen Schritt nach dem anderen über die Treppenstufen. Ich bekomme noch mit, wie mein Vater ein Dienstmädchen anweist, die Bruchstücke zu entfernen und den Teppich schnell vom Kakao zu reinigen, bevor der Fleck sich festsetzt.
„Was für ein Schussel”, höre ich meinen Großvater noch sagen, bevor ich außer Hörweite in meinem Zimmer verschwinde.
Die Feier ist für mich damit beendet.

1982

Zu Weihnachten habe ich einen Hamster geschenkt bekommen. Klein, weiß und ängstlich sitzt er in seinem Käfig, während ich ihn neugierig betrachte. Ich bin mir nicht sicher, warum ich ihn überhaupt geschenkt bekommen habe. Ich habe mir kein Haustier gewünscht.
Doch eines habe ich bekommen, über das ich mich wirklich gefreut habe. Das alte Schnitzmesser meines Großvaters, doch nachdem ich mir zweimal beim Schnitzen in die Hand geschnitten habe, ließ ich es lieber. Also sitze ich hier, das Messer in der Hand und den Hamster im Blick, während ich mich nachdenklich auf meinem Schreibtischstuhl drehe.
Ich öffne langsam den Käfig und er versteckt sich in seinem Häuschen. Doch ich hebe sein Versteck einfach hoch, damit er sich mir nicht entziehen kann. Ich weiß nicht einmal, warum, aber ich bewerfe ihn ein wenig mit dem Heu in seinem Käfig. Er schüttelt sich und beginnt, von einer Ecke in die andere, vor mir davonzurennen.
Ich greife nach ihm und da er mir mehrmals dabei entwischt, werde ich wütend. Kräftig packe ich ihn, er fiept verängstigt. Ich hebe ihn auf den Schreibtisch und halte ihn fest in meiner linken Hand. Ich spüre, wie er sich wehrt, sich panisch windet und immer wieder kläglich schreiende Geräusche von sich gibt. Ich betrachte ihn eingehend, die rosa Schnauze, die kleinen Knopfaugen.
Wie unter Zwang greife ich mit meiner rechten Hand nach dem Messer. Und es sind nur ein paar Berührungen mit der Spitze des Messers nötig, um zu hören, wie er leidet.
Es gefällt mir.
Doch dadurch tropft auch sein Blut auf das helle Holz des Tisches.
Ich bin selber so erschrocken, dass ich beides loslasse, Messer und Hamster. Er versucht, mit seinen Wunden über die Tischplatte zu flüchten. Eine deutliche Blutspur zieht er hinter sich her und ich bekomme plötzlich rasende Angst, dass ich diese Spuren nicht beseitigen können werde. Vater wird mich dafür bestrafen, besonders, wenn er auch noch auf den Teppich flüchten sollte. Doch er ist so schnell und die beschmutzte Fläche wird immer größer, dass ich fast aus Reflex das Messer wieder ergreife und die Klinge gänzlich durch seinen Körper in den Tisch ramme. Dann ist alles wieder still.
Ich setze mich hin und betrachte mein Werk. Sehe diesen kleinen toten Fellball, verendet durch meine Hand. Jetzt ist er endlich leise und ich allein habe dafür gesorgt! Er konnte sich nicht wehren.
Ich ziehe das Messer wieder heraus und werfe den Hamster zurück in das Heu. Schnell wische ich die Spuren auf und mein kleines Herz schlägt wild vor Aufregung. Es ist verboten, doch die Flecken sieht man schon bald nicht mehr, keiner wird davon erfahren. Mein Geheimnis.

Ich gebe mein Taschengeld nun häufiger für einen neuen hilflosen Hamster aus, während ich die Vorgänger achtlos in Mülltonnen auf dem Weg zur Schule entsorge. Und es fällt niemanden auf, dass es nicht mehr der Gleiche ist, den ich geschenkt bekommen habe.

1984

„Ich weiß nicht, was ich noch mit dir machen soll, Melville!” Er ist wütend. Ich stehe in seinem Büro, schweigend. Ich habe mittlerweile gelernt, dass es besser ist, in diesen Situationen nicht zu widersprechen. Drei Jahre nun versucht er mich schon, so zu erziehen. Drei endlose Jahre.
„Das ist dein zweiter Tadel dieses Semester. Du machst deiner Familie Schande, Melville. In vierter Generation geht die Familie Lancaster auf diese Eliteschule und du schaffst es, die Arbeit und den Fleiß aller zu vernichten.” Er wurde heute wieder zu meinem Direktor bestellt. Das letzte Mal ist gerade einmal zwei Monate her.
„Hast du etwas dazu zu sagen, Junge?” Er drückt grob mein Kinn nach oben, damit ich ihm in die Augen blicken muss.
„Nein, Sir“, nuschle ich leise.
„Ich werde dir Anstand und Ordnung schon noch einbläuen, Melville. Es kann nicht sein, dass du ein Mädchen deiner Klasse, auch noch von einer uns befreundeten Familie, fast krankenhausreif prügelst.”
Ich sehe wieder zu Boden. Ich erinnere mich an ihre Schreie, aber auch an die verletzenden Worte, die sie mir zuvor an den Kopf geworfen hatte.

„Hat deine Mama dir nicht beigebracht, wie man sich benimmt? Ach ja, stimmt, du hast ja gar keine Mama. Wahrscheinlich hat dich eine Giraffe ausgetragen, so lang und tollpatschig, wie du bist.“

Ihre Freundinnen standen um sie herum und haben mich ausgelacht. Ich hatte angefangen, zu weinen, und wollte gehen, doch sie sind mir hinterhergerannt.

„Ooh, jetzt weint das Giraffen-Söhnchen ... na, na, na, Giraffenkind, na, na, na, Giraffenkind ...“

Mein erster Faustschlag traf sie mitten in das Gesicht, in ihre falsche Fratze. Ich spüre noch in meinen Fingerknöcheln, wie ihre Nase unerwartet und mit einem knackenden Geräusch nachgab. Und obwohl ich jetzt Angst vor meinem Vater habe, erfüllt mich die Erinnerung an ihr hervorquellendes Blut mit Genugtuung. Ihr Schmerz ist jede Strafe wert.

„Was gibt es da frech zu grinsen, Melville? Ich werde schon dafür sorgen, dass du wieder auf die richtige Bahn gelangst. Hol den Stock!“
Ich nicke nur und schlucke meine Wut und meine Angst herunter. Er setzt sich auf die Ledercouch, auf seinen angestammten Platz, während ich mich herumdrehe und aus einem Schrank in seinem Büro einen langen, dünnen Rohrstock hole. Meine Knöchel sind weiß vor Anspannung, als sich meine Kinderhände um das Holz legen. Ich hasse dieses Instrument so sehr ... so sehr.
„Du weißt, wo dein Platz ist!”, raunt er mir mit tiefer zorniger Stimme entgegen, als er mir den Stock aus der Hand reißt und beginnt, sich die Ärmel hochzukrempeln.
Ja, ich weiß, wo mein Platz ist. Es ist fast schon zum wöchentlichen Ritual geworden. Langsam streife ich meine Hose herunter und beuge mich der Gewalt meines Vaters. Es dauert ihm zu lange.
„Ich habe nicht ewig Zeit, junger Mann!“ Er zieht mich mit einem Griff über seine Knie.
Grob schlägt er auf mich ein, ich kneife meine Augen fest zusammen und presse meine Lippen aufeinander. Ich will nicht laut aufschreien, doch er schlägt nur fester zu. So lang, bis ich endlich meine Strafe wahrnehme, meine Schmerzenstränen hervortreten und ich um Vergebung bettele. Ich fühle genau, wie er mich mit seinem anderen Arm schwer herunterdrückt und ich mich nicht entziehen kann. Als die Haut dann nachgibt und ich jegliches Hoffen auf seine Gnade fallen lasse, vergesse ich alles um mich herum und ergebe mich seiner Form von Erziehung. Ich bin ihm unterlegen und hilflos ausgeliefert.
Drei Jahre.

In meinem Zimmer dann liege ich auf dem Bauch und drücke mein heißes Kindergesicht in die Kissen. Es schmerzt, es blutet und ich weiß, dass ich die nächsten Tage in der Schule nicht wirklich werde sitzen können. Jonathan kommt wieder einmal zu mir. Er versucht, mich zu trösten.
„Mel, es wird schon wieder gut.”
„Verschwinde!”
„Komm schon, es ist doch nicht meine Schuld. Du darfst Papa nicht immer so wütend machen.”
„Wieso schlägt er dich nicht?“
Jonathan setzt sich zu mir auf das Bett, ich merke, wie er erst versucht seine Hand auf meinen Rücken zu legen, es aber doch sein lässt.
„Ich weiß nicht, vielleicht, weil ich ihm nicht so viele Sorgen bereite? Versuch doch einfach nur das zu machen, was er will, dann lässt er dich sicher auch in Ruhe.“
„Du hast doch keine Ahnung. Du bist ja bald schön weit weg, auf deinem blöden College und lässt mich hier ganz alleine in Bristol ... mit ihm.“
„Was soll ich denn tun, Melville? Die Schule abbrechen und hier bleiben? Und dann?“
„Ach, was weiß ich ... ist eh alles egal.”

„Tue mir den Gefallen und versuche, ihn nicht zu wütend zu machen ... okay?”
„Hau endlich ab!“ und dann höre ich nur, wie sich meine Tür öffnet und wieder schließt.

1985

Die Nächte sind lang. Die einzigen Momente der Ruhe; die Stille liegt im Haus und ich fühle mich sicher. Dann sitze ich auf meinem Bett, betrachte den hellen Mond oder die Wolken und frage mich, ob es nicht auch ein anderes Leben für mich geben kann. Die Hände um meine Knie geschlungen versuche ich mich auch, an meine Mutter zu erinnern, doch mit den Jahren wird sie immer mehr zu einem Schatten, zu einer blassen Ahnung in meinem Geist.
Manchmal wirkt der Mond so groß und nah, als könnte ich ihn greifen. Er ist so viel ehrlicher als die Sonne, man sieht ihn manchmal auch tagsüber und dann mahnt er uns, an die kommende Nacht zu denken. Die Sonne scheint ungnädig, egal wie schlecht es einem geht. Die anderen Kinder lachen und spielen auf dem Schulhof, doch ich sitze im Schatten, blass und mit tiefen Augenringen. Ich ertrage die Hitze und die Zuversicht nicht. Mir ist kalt.
Ich wärme mich unter der Decke, wenn das Mondlicht im Schnee und Eise glitzert. Das nächtliche Schauspiel der Geborgenheit vor meinem Fenster. Ich wünschte, ich wäre stark und hätte ein Talent, das mich von hier wegbringen könnte. Irgendwas.
Doch ich habe keine Talente, bin nichts Besonderes. Vater sagt es immer wieder und es ist sicher auch der Grund, warum er mich hasst und Jonathan nicht. Ich fühle mich so wertlos, dass ich mich hin und wieder selber frage, warum er mich überhaupt noch beachtet.
Ich weine in diesen Nächten nicht, ich weine genug auf seinen Knien. Ich fühle mich nur eins mit der Dunkelheit und ich kann sicher sein, dass niemand mich hierbei stören wird.
Dann hauche ich an die kalte Fensterscheibe, zeichne vorsichtig Mond, Wolken und Bäume nach, damit ich es auch tagsüber sehen kann, falls ich wieder in mein Zimmer gesperrt werde.

Ich habe fast aufgehört zu reden, doch es fällt niemandem wirklich auf. Meine Schulklasse ist so groß, dass es der Lehrer nicht bemerkt. Jonathan hat viele andere Freunde und verbringt seine Freizeit draußen, ich sehe ihn nur noch zum Abendessen, wenn wir schweigend unsere servierten Mahlzeiten kauen. Mein Vater redet nur in diesen Momenten der verhassten Zweisamkeit mit mir und da das Personal ständig wechselt, habe ich keine Bindung zu ihnen aufgebaut. Und jetzt wird es erst recht nicht passieren. Ich antworte, wenn ich gefragt werde. Immer darauf bedacht, keinen Widerstand zu bieten und mich höflich aus der Situation entziehen zu können. Ich lebe in mir selbst und das ist der friedlichste Ort, den ich kenne. Der Einzige an dem niemand sein kann, der mir wehtut.
Es ist diese Welt, in der ich manchmal, wenn ich mich extrem schlecht fühle, anderen wehtun kann. Ich mir vorstelle, wie ich die Hand erhebe und mächtig bin. Die Angst auf anderen Schultern lastet und sie sich mir nicht entziehen können. Denn das ist die Form von Erhabenheit, die ich kenne und auch anstrebe. An der anderen Seite des Rohrstocks sein, ein Gefühl der Überlegenheit. Zu wissen, dass man es geschafft hat.
Kein Opfer mehr. Nie mehr!

1988

Als auch ich endlich an ein College kann, hört mein Vater auf mich körperlich zu züchtigen. Beim letzten Mal passte ich kaum mehr auf seine Knie, obwohl auch er sehr groß ist und dazu noch besonders kräftig. Er hatte mich dafür bestraft, dass ich, ohne anzuklopfen, in sein Büro ging. Ich brauchte Papier für meine Hausaufgaben. Ich lerne viel, verstecke mich hinter Büchern in meinem Zimmer und versuche mich somit vor den dunklen Gefühlen und seiner Wut zu schützen. Er kann mich nicht für Lernen bestrafen. Meine Bildung wurde zu meiner wichtigsten Aktivität und besonders gerne tauche in die Welt der Zahlen und Formeln ab, denn sie bieten ehrliche Sicherheit, wo sonst keine ist.

Ich war unbedarft hineingegangen und unterbrach meinen Vater beim Sex mit seiner Sekretärin. Auf der Couch, auf der er sonst für gewöhnlich versuchte, seine Fürsorge an mir zu verdeutlichen. Sie schrie überrascht auf und er fluchte laut. Ich war wie erstarrt und unfähig sofort wieder das Zimmer zu verlassen. Ich erkannte ihre aufsteigende Scham im Gesicht und bewunderte ihre blanken Brüste. Doch leider raffte sie schnell ihre Kleidung zusammen, rannte an mir vorbei zur Tür und verließ das Zimmer. Mein Blick hing an ihrem Hintern und ich war machtlos gegen diesen Anblick. Kaum hatte mein Vater seine Hose wieder verschlossen, griff er nach seinem Stock und es setzte eine Tracht Prügel, die ich nie wieder vergessen werde. Von ihrem Anblick eben noch erregt, schlug er mich auf den Boden der Realität zurück. Ich ertrug es, doch akzeptieren konnte ich es nicht.
Einer der Bediensteten musste mir danach aus seinem Büro helfen und mich stützen, damit ich aus seinen Augen verschwinden konnte.
So liege ich jetzt hier, in meinem Bett und meine Wunden fühlend. Doch die Gedanken an ihren Körper, ihr sich wiegender Busen und ihr erschrockenes Gesicht bringen auch andere, mir zwar bekannte, aber andersartig gefärbte Emotionen hervor. Und kurz kann ich meinen Schmerz vergessen, indem ich ihn durch eine angenehmere Empfindung tausche und das erste Mal meine Lust in Verbindung mit Pein verspüre.

Drei Wochen später, nach quälend langen Sommerferien ohne Jonathan, denn seine Noten waren so schlecht, dass er eine Sommerschule besuchen musste, darf auch ich endlich diesen Haushalt verlassen. Zum Abschied am Bahnsteig drückt und umarmt mich mein Vater, als ob wir eine glückliche Familie wären. Ich bin so verwirrt, dass ich wie versteinert diese Szene über mich ergehen lasse.
„Ich begrüße es, Melville, dass deine guten Noten dir sogar eine Förderung des Eton Colleges ermöglichen. Hat es sich doch am Ende gelohnt, dich nicht zu vernachlässigen?“
„Ja, Sir“, sage ich tonlos.
„Nun steige schon ein, sonst fährt der Zug noch ohne dich ab.” Und ich lasse es mir nicht zweimal sagen. Ich greife nach meinen Taschen und blicke mich nicht mehr nach ihm um. Eine neue Zeit beginnt.
Meine Freiheit.
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