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Eine neue Erbin

GeschichteHumor, Horror / P18
Alucard OC (Own Character)
22.01.2014
02.05.2020
13
40.814
9
Alle Kapitel
14 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
17.07.2015 3.749
 
Wieder eines geschafft!  Gott bin ich langsam...
Danke, dass ihr die Geschichte noch lest! *knuddl*

Viel Spaß!

_____


Wir verbrachten einen Großteil des Nachmittags in dem unterirdischen Schießstand - was ich einzig und allein dank meiner Armbanduhr fest stellen konnte.
Ich schoss jedes Magazin leer, welches Walther mir reichte, und nach jeder letzten Kugel wurde die Zielscheibe automatisch herangeholt um meine abgegebenen Schüsse zu analysieren und ein neues Stück Papier daran zu befestigen.
Während dem Austausch musste ich außerdem die Waffe zerlegen und neu zusammenbauen.

Die Entfernung des Ziels war niemals gleich.
Einmal fuhr es nur auf einpaar Meter zurück und dann stand es beinahe am anderen Ende der Halle. Ich bekam das mit dem Zielen zwar nicht so richtig hin, aber immerhin traf ich die Scheibe und schoss nicht jedes Mal vorbei.

Ich feuerte die letzte Kugel aus dem bestimmt 800sten Magazin ab, dann tippte Walther mir an die Schulter.
Die Waffe auf das Pult legend ballte und öffnete ich meine Hände immer und immer wieder. Nach der ganzen Rumballerei waren meine Hände zittrig und etwas taub, außerdem kribbelten meine Finger.
Als das 'Ameisen-kriechen-durch-meine-Adern'-Gefühl etwas nachließ, zog ich die Ohrenschützer vom Kopf. Sofort hörte ich den Mechanismus arbeiten, der die Zielscheibe an das Pult heranholte und sah auf. Wieder hatte ich die entscheidenden Stellen - Kopf und Herz - verfehlt.
Frustriert schnaubend war ich versucht die Lärmdämpfer irgendwohin zu pfeffern, besann mich allerdings eines besseren und legte sie sanft ab - es war ja nicht ihre Schuld, dass ich einfach nicht richtig treffen konnte.

Enttäuscht aufseufzend griff ich nach dem Stück Papier und löste es aus seiner Schiene.
Kritisch begutachtete ich die sechs Eintrittslöcher, welche die abgefeuerten Kugeln hinterlassen hatten. Nur an drei Stellen hatte ich das aufgedruckte Männchen erwischt - rechte Schulter, linkes Ohr und irgendwo zwischen der linken siebten und achten Rippe - nicht gerade lebensgefährliche Verletzungen, schon garnicht für Untote.
"Machen Sie sich keine Vorwürfe, Miss Marian", versuchte Walther mich auf zu muntern und legte mir eine Hand auf die Schulter, "Dafür, dass Sie zum ersten Mal eine Waffe in der Hand halten, ist ihre Treffsicherheit ausgezeichnet, glauben Sie mir. Ich habe im Laufe meines Lebens schlechtere Anfänger gesehen."
Mit einem müden Lächeln blickte ich über meine Schulter und dankte ihm für seinen Versuch mich aufzubauen, aber wenn ich wirklich in nicht mehr ganz so ferner Zukunft untoten Kreaturen entgegentreten würde, reichten diese Fähigkeiten bei weitem nicht aus, und ich war mir nicht sicher, ob ich es überhaupt über mich bringen würde auf etwas zu schießen, das sich bewegte - auch wenn es darauf aus war mich zu verspeisen.
Tief durchatmend kämmte ich mir mit den Fingern die Stirnfransen aus dem Gesicht.
"Und was passiert jetzt?", kam ich nicht umhin zu fragen und schaute über meine Schulter zu dem Hausbutler, der meinen Blick mit klaren blauen Augen erwiderte.
"Für heute sind Sie mit den Übungen fertig, da Sie erst morgen weiteren Runden auf dem Sportplatz laufen werden", bei dieser Aussage musste er schmunzeln.
Auch ich konnte ein Mundwinkelhochziehen nicht unterdrücken, als ich mich an meine erfolgreiche Jammerei vom Vormittag erinnerte.
Weiterhin lächelnd sprach er weiter, während er die Waffe wieder im Koffer verstaute, "Also haben Sie den restlichen Tag frei und können ihn gestalten wie Sie es für richtig befinden, Miss Marian."
Innerlich schlug ich Purzelbäume, in Wirklichkeit ließ ich ein triumpfierendes "WUHU!" verlauten und vollführte unter dem belustigten Blick des älteren eine kleine Pirouette.
"Wenn Sie mir nun bitte wieder nach oben folgen würden...", meinte er wieder total professionell.
Allerdings könnte ich schwören, dass etwas in seinem Augenwinkel aufgeblitzt hatte und sobald ich an der Pforte ins Freie stand, wusste ich was es gewesen war - Schalk.

Ich hatte die Monstertreppe total vergessen, die wir vor einpaar Stunden herunter gekommen waren.
Meine Lebensgeister erstarben augenblicklich bei diesem furchtbaren Anblick und meine Schultern sackten ein.
"Waaalther~!", jammerte ich sofort und schaute ihn vorwurfsvoll und flehend zugleich an.
Er schenkte mir einfach einen amüsierten, väterlichen Blick und begann die Stufen zu erklimmen. Den Kopf hängen lassend ergab ich mich meinem unweigerlichen und viel zu sportlichen Schicksal und hob ein Bein auf die erste Betonerhebung.
Bereits bei der Dreißigsten war ich ziemlich außer Atem, Walther hingegen wirkte so als ob die unzähligen Stufen ihm keinerlei Probleme bereiteten und er noch ziemlich lange hochsteigen konnte.
Als junge Erwachsene schämmte ich mich in Grund und Boden, doch als menschliches Wesen fragte ich mich wie er es anstellte und wie oft er rauf und runter laufen könnte, bevor ihm Schweißperlen auf der Stirn stehen würden - so wie es aussah sehr oft.
Nach endlosem Stufensteigen, Schnaufen und Stöhnen entdeckte ich irgendwann an Walthers Schulter vorbei linsend die letzten Stufen und raffte meine letzten Kraftreserven zusammen.

Als der letzte Schritt getan war, gaben meine Knie nach und ich sank vollkommen durchgeschwitzt dem Boden entgegen.
Wenig später lag ich schnaufend wie ein Nashorn da und versuchte einerseits zu Atem zu kommen und andererseits wieder meine Beine unter Kontrolle zu bringen - immerhin musste ich auch irgendwie zu meinem Zimmer kommen. Das bedeutete natürlich, dass ich - vorausgesetzt ich schaffte es ins Innere des Anwesens, weitere Stufen erklimmen musste, um in das Stockwerk zu gelangen, in welchem sich mein Schlafzimmer befand - kurz, mir war zum Heulen zu mute.
Bevor ich tatsächlich noch in Tränen ausbrechen konnte, stellte meine Begleitung sich neben meinen Kopf und sah recht besorgt zu mir herunter.
"Miss Marian, wenn Sie erlauben, werde ich Sie zu Ihrem Zimmer tragen. Sie scheinen schlechter in Form zu sein, als ich es befürchtet hatte."
Schief zu ihm hoch lächelnd nickte ich schwach und streckte meine Arme nach ihm aus, sobald er sich neben mir hinkniete. Seinen Nacken umfassend versuchte ich mich so leicht wie möglich zu machen - was natürlich nicht möglich war, während er einen Arm an meinen Rücken und den anderen unter meine Kniekehlen legte.
Ohne sichtliche Mühen stand er mit meinem zusätzlichen Gewicht auf und festigte seinen Griff an meinen Beinen und dem Oberkörper.
Ich war vor Erschöpfung eingedöst, bevor er den ersten Schritt machen konnte.

Als ich wieder erwachte, befand ich mich in meinem Zimmer.
Mir die Augen reibend wurde mir klar, dass ich in dem grün-schwarz karrierten Ohrensessel saß, welchen ich vor einpaar Wochen von Integra geschenkt bekommen hatte und der nun mit einem kleinen Beistelltisch an meinem Fenster stand - eine Decke lag über meinem Schoß.
Mit den Fingern kämmte ich mir durch die Haare und gähnte, dann streckte ich mich kurz und stand auf, die Decke im Arm zusammenknüllend. Ich legte sie auf mein Bett und schaute auf meine Armbanduhr. Zu meinem Missfallen war es schon recht spät, aber bevor ich mich für die Nacht einschloss, wollte ich noch zwei, drei Bücher aus der Bibliothek holen um die nächsten zwei Stunden rumzukriegen, bevor ich mich schlafen legte.
Mich an die Tür stellend legte ich mein Ohr ans Holz und lauschte, ob ich jemanden draußen hören würde. Da es leise blieb, nahm ich meinen Schlüssel aus dem Schlüsselloch und verließ mein Zimmer. Den Gang auf und ab sehend wand ich mich nach rechts und zog die Tür hinter mir ins Schloss.
Nach einpaar Schritten kam ich beim ersten Fenster vorbei und stellte fest, dass die Sonne bereits unterging - automatisch beschleunigte ich mein Schritttempo ohne es wirklich mit zu bekommen. Als ich etwas außer Atem bei der Tür zum hauseigenen Bücherraum ankam, stockte ich und fing an zu lachen.
Den Kopf über mich selbst schüttelnd, drückte ich die Holztür auf und huschte hinein. Da ich in etwa wusste, welche Bücher ich mit in mein Zimmer nehmen wollte, schnappte ich mir einen Hocker, der neben dem Eingang stand und stellte ihn am gewünschten Regal wieder ab.

Obwohl ich theoretisch wusste, wo in etwa ich suchen musste, brauchte ich doch einpaar Minuten um die Bücher zu entdecken. Während ich die gebundenen Werke herauszog, schielte ich nebenbei zu den rießigen Fensterfronten.
Draußen war es inzwischen richtig dunkel geworden, nur ein schmaler heller Streifen war zu erkennen, der auch bald verschwinden würde.
Die gesuchten Objekte schließlich in Händen haltend stieg ich vorsichtig herab und drehte mich mit meiner Gute-Nacht-Lektüre um.

"Oh...", überrascht entdeckte ich im Türrahmen einen pelzigen Schädel mit einer langen Schnauze und Schlappohren. Das war dann wohl der 'Bluthund' von dem Integra mir am ersten Tag in ihrem Büro erzählt hatte.
Er war größer als ich gedacht hatte...
"Ehm... hi!", die Bücher etwas fester an meinen Oberkörper drückend versuchte ich mir ins Gedächnis zu rufen, was man tun sollte, wenn man einem fremden Hund begegnete.
Keine raschen Bewegungen, check!
Kein direkter Augenkontakt... schnell senkte ich meine Iren, check!
Ruhig verhalten, check!
Mir auf die Unterlippe beißend überlegte ich was weiter zu beachten war, wurde aber etwas abgelenkt, als das Tier ganz in den Raum trat, unaufgefordert Sitz machte und mich aus seinen roten(?) Augen fixierte. Überrascht über die Farbe vergaß ich die zweite Regel für einen Moment.
"Wow...", entfuhr es mir und ich machte unbewusst einen Schritt auf die Bestie zu.
Für einen Moment glaubte ich ein Grinsen zu sehen, aber es verschwand, sobald ich blinzelte. Den Kopf schüttelnd versuchte ich mich zu erinnern ob Integra seinen Namen erwähnt hatte, aber die einzigen die mir einfielen, waren die der Personen, die ich in den letzten Tagen kennengelernt hatte - Pip, Seras und Alucard. Bei dem Gedanken an Letzteren spürte ich die Hitze in meine Wangen aufsteigen.
Mein Haupt schüttelnd verdrängte ich die Erinnerung an den erotischen Traum - das würde mir gerade noch fehlen!
Mich wieder auf den Hund konzentrierend erhob ich meine Stimme, "Du machst gerade deinen Runden, nicht wahr? Tut mir leid, dass ich dich abgelenkt habe. Ich wollte mir nur einpaar Bücher holen."
Das der Schädel leicht geneigt wurde, hielt ich für ein gutes Zeichen - außerdem musste ich mich so nicht selbst fragen, warum ich mit einem Tier sprach und mich dafür entschuldigte durch das Anwesen zu wandern.
Ihn im Auge behaltend, aber nicht direkt ansehend ging ich auf ihn zu und machte dann eine kleine Runde um ihn herum. Er beobachtete mich ebenfalls, das spürte ich deutlich, aber solange er keine krummen Dinger versuchte, war alles soweit gut.

Gerade als ich ihn fertig umrundet hatte und im Begriff war mich vom Acker zu machen, stand er auf.
Mit Mühe unterdrückte ich ein erschrockenes Aufkeuchen und blieb stock steif stehen, als das Tier auf mich zukam. Von Nahem wirkte er zu meinem Erschrecken noch größer. Durchatmend schloss ich meine Augen, als er nurnoch einen halben Meter entfernt war und wartete. Wenn er mich angriff, wollte ich es nicht wirklich sehen. Ob es half mich tot zu stellen, oder war diese Taktik nur bei Bären erfolgreich?
Etwas Feuchtes kam in Kontakt mit meinem Ellenbogen und ich war bereit loszuschreien. Meine Augen praktisch aufreißend stellte ich fest, dass das schwarze Tier mich lediglich mit seiner feuchten Nase angestubbst hatte und aus intelligenten roten Augen zu mir hoch sah - mein Herz raste trotzdem wie verrückt.
Erleichtert entspannte ich mich und legte eine Hand beschämmt auf mein Gesicht. Vor mich hinkichernd schüttelte ich mein Haupt, kämmte mit den Fingern durch meine Haare und lugte über die Bücher zu dem kaltschnäuzigen Fellträger. Während er weiter hoch schaute überlegte ich, ob ich mich traute ihn zu streicheln und wie Integra reagieren würde, wenn sie wüsste, dass ich ihrer Anweisung entgegen gehandelt hatte und mich nach Sonnenuntergang außerhalb meines Zimmers befand.
Auffordernd stubste er mich ein weiteres Mal an und ich gab dem Drang nach ihm hinter dem Ohr zu kraulen. Sein Schwanz fing sofort zufrieden an zu wedeln und er schloss die Augen. Die Liebkosungen gefielen ihm augenscheinlich, denn er drückte sich zufrieden gegen meine Hand.
Ich war ihm sofort verfallen und wenig später saß ich am Boden neben ihm. Die Bücher neben mir aufgestappelt, strich ich über sein weiches glänzendes Fell - im Vergleich zu meiner blassen Haut wirkte es gleich doppelt so dunkel. Da saß ich also mit einem riesigen 'Bluthund' am Fußboden und knuddelte praktisch mit ihm, wo ich doch eigentlich in meinem Zimmer sein und mich langsam Bett fertig machen sollte. Lächelnd sah ich auf dieses Wesen herunter und beobachtete, wie es seinen Kopf auf meinen Schoss legte.
"Hast du eigentlich einen Namen?"
Auf die Frage zuckten die Schlappohren zwei Mal, aber ansonsten geschah nichts weiter. Ich suchte nach einem Halsband, fand aber keines.
"Vielleicht sollte ich dir ein geben, hm?"
Die Reaktion war ein Gähnen, dass all seine spitzen, weißen Zähne entblösste - er hatte ein sehr gesundes Gebiss. Spätestens jetzt war ich wirklich heilfroh, dass er mir nichts Böses wollte.
Einen Finger ans Kinn legend überlegte ich kurz und wie aus dem Nichts tauchte einer in meinen Gedanken auf, "Vlad! Wie wäre es mit Vlad?"
Beim Hören des Namens schoss sein Schädel geradezu von seiner Position hoch und er fixierte mich mit seinen roten Augen überrascht. Erstaunt, darüber dass ich dem Blick eine Emotion zuordnen konnte, hob ich eine Augenbraue an.
"Ehm... nicht gut?", fragte ich verunsichert und versuchte mir etwas anderes einfallen zu lassen.
Doch das schien nicht nötig zu sein. Kaum das ich blinzelte leckte er mir quer übers Gesicht. Angeekelt und belustigt zugleich schob ich den Hund weg und wischte mir über die kaltfeuchte Spur, welche seine Zunge hinterlassen hatte.
"Okay", lachte ich, "Das war wirklich sehr freundlich von dir, aber bitte mach das nicht mehr."

Auf meine Armbanduhr sehend entschied ich mich endlich die Rückreise zu meinem Zimmer anzutreten. Von meinem Platz am Boden aufstehend streckte ich mich.
"Es wird Zeit", die Bücher anhebend legte ich eine Hand auf die mit Fell überzogene Schädeldecke, "Ich mach mich auf den Weg. Es war ein anstrengender Tag und morgen wird es kein Stück besser sein. Gute Nacht, Vlad!"
Ihn ein letztes Mal hinter dem Ohr kraulend wand ich mich mit meinen Büchern im Arm um und verließ die Bibliothek.
Den Weg zurück zu meinem Schlafzimmer schnell hinter mich bringend suchte ich nach meinem Schlüssel. Doch auch als ich vor meiner Tür stand, hielt ich ihn nicht in Händen. Unruhig durchforstete ich all meine Taschen wieder und wieder und überlegte ob ich ihn irgendwo verloren haben könnte.
Auf dem Weg zur oder von der Hausbibliothek?
Beim Schmusen mit Vlad?
Am Bücherregal, als ich mich nach den Werken gestreckt hatte?
Es half alles nichts, ich musste zurück gehen und ihn suchen. Die Wälzer wollte ich allerdings nicht hin und her schleppen, also bückte ich mich um sie neben den Türstock zu legen.

Aus dem Augenwinkel eine Bewegung aufschnappend drehte ich meinen Kopf nach links und befand mich quasi Nase an Schnauze mit dem Bluthund der Familie.
Überrascht kippte ich um und landete mit einem "Uff" auf meinen zwei Buchstaben. Seufzend strich ich eine vorwitzige Strähne aus meinem Gesicht.
"Du weißt nicht zufällig wo-", da sah ich bereits etwas silberfarbenes aus seinem Maul hervorblitzen.
"Du hast ihn gefunden!", freudig schlang ich meine Arme um seinen Nacken und drückte ihn, bevor ich Abstand nahm und nach dem Schlüssel griff.
"Danke", hauchte ich, mir der Uhrzeit bewusst werdend, schnappte meine Lektüre und steckte das Metallstück ins Schloss. Ehe ich im Raum verschwand, wand ich mich ein letztes Mal an den großen Hund, "Es hat mich gefreut deine Bekanntschaft zu machen, Vlad."
Mit einer kleinen Verbeugung in seine Richtung zog ich die Holztür zu.


Die nächsten Wochen waren wie befürchtet genauso Kräfte zehrend, wie der erste Trainingstag selbst.
Walther hatte das mit den morgendlichen und abendlichen Laufrunden tatsächlich ernst gemeint, das Schießtraining hingegen fand nur alle drei Tage statt. Der Hausbutler war aufgrund meiner Zusammenbruchs augenscheinlich wirklich besorgt, denn das blieb eine Aktivität, bei der er stets anwesend war oder mir zumindest nie lange von der Seite wich.
Meine Ausflüge in die Bibliothek blieben in dieser Zeit gänzlich aus, da ich meine Entspannungszeiten größtenteils mit diversen Nickerchen zubrachte. Wenn ich doch mal ein Buch aufschlug, hielt ich selten länger als eine halbe Seite durch, bevor ich vor Erschöpfung nicht mehr die Augen offen halten konnte und einnickte.

Egal wo ich mich zu dieser Zeit befunden hatte, ich wachte jedes Mal wieder in meinem Zimmer auf.
Zusätzlich zu dem Training wurden meine Mahlzeiten, die ich regelrecht verschlang, größer und meine Flüssigkeitszunahme stieg ebenfalls. Vlad lief mir genauso wenig wie alle anderen Personen über den Weg. Die einzigen Lebewesen, die ich regelmäßig sah, waren Walther und Integra beim Frühstück, ersteren ebenfalls alle drei Tage beim Üben mit der Walther PPK, einen Sergant, der meine Runden morgens und abends überwachte und eine kleine schwarze Spinne, die sich zwischen Bettgestell und Nachtkästchen einquartiert hatte.
Das Abendessen fiel meistens komplett aus, weil ich es schlicht und ergreifend verschlief. Aber da ich Bergeweise beim Frühstück und zu Mittag in mich reinschaufelte, stellte das keinerlei Probleme dar.

Knapp einen Monat später hatten ich und mein Körper uns soweit an die neue Routine gewöhnt, dass es möglich war für eine Weile im Garten zu sitzen ohne gleich vor Erschöpfung von der Bank zu kippen.
Der Herbst hatte den Garten vollkommen eingenommen. Die Bäume standen beinahe blattlos da und ragten mit ihren größtenteils kahlen Ästen dem Himmel entgegen, was einen schönen Kontrast bildete, wenn die Sonne mit ihren Lichterspiel unterging. Das Gras, welches bei meiner Ankunft noch saftig aus der Erde sproß, war von gelben, orangenen, roten und braunen Blättern bedeckt. Die Rosenbüsche waren gestutzt und bereit für den Winter.
Ich fühlte mich allgemein fitter und brachte die Runden und Monstertreppen wesentlich geübter hinter mich. Natürlich schwitzte ich weiterhin jedes Mal wie ein Schwein, wenn ich es geschafft hatte, aber ich hatte nicht das Gefühl gleich den Löffel abgeben zu müssen - und das war eindeutig positiv.

Abgesehen von meiner Fitness bemerkte ich, dass mein Körper fester wurde - mein Schwabbelbauch und meine Reiterhosen verschwanden und die jahrelang darunter versteckten Muskeln erblickten das Licht der Welt.
Als ich das erste Mal an einem Spiegel vorbei ging, grüßte ich die Abbildung gedankenverloren.
Wenig später kam ich wieder an der Stelle vorbei und erst da erkannt ich - natürlich nachdem ich die 'andere Person' nochmals gegrüßt hatte, das es sich um ein, naja um MEIN Spiegelbild handelte.
Gekleidet in eine schwarze 3/4 Stoffhose und eine weiße Bluse hatte ich bestimmt zehn Minuten vor der polierten spiegelnden Oberfläche verbracht und meine Erscheinung angegafft. Keine runden Wangen, kein sichtbares Fett an Armen, Beinen und Bauch. Ich war mir vollkommen fremd. Ungläubig hatte ich meine Hand an den Spiegel gehalten und sie erschrocken zurückgezogen, so baff war ich von dem Unterschied.
Weiter fiel mir auf, dass ich etwas Farbe getankt hatte, nicht viel - und im Vergleich zu Integra war ich noch immer blass, aber ein paar Nuancen waren da.
Einige Tage später konnte ich an jeder bildreflektierenden Oberfläche vorbeigehen ohne große Augen zu machen.
Mein Körperfettanteil und meine Bräune blieben allerdings das Einzige, das sich veränderte.

Meine Treffsicherheit blieb so gering wie am ersten Tag.
Ich brachte es einfach nicht zustande den Kopf oder das Herz zu treffen, wenn das Ziel weiter als vier Meter entfernt war und das konnte - wie mir Walther hilfsbereit aufführte, lebensbedrohlich für mich sein.
Seine Taktik ändern, hatte der Ältere eines Tages einen fragwürdigen Vorschlag.
"Ich soll WAS??!", fragte ich aufgebracht nach und ließ die Waffe fallen, die mir der Schwarzhaarige dieses Mal gleich im Garten in die Hand gedrückt hatte.
Geschockt schüttelte ich den Kopf und wand mich um, kurz davor wegzulaufen.
"Miss Marian!", rief er mir nach und umfasste mein Handgelenk, "Sein Sie versichert, dass es sich dabei nur um Gummigeschosse handelt. Außerdem sind die Männer mit Helmen und schusssicheren Westen ausgestattet, somit wird niemand zu Schaden kommen."
Ich riss mich von ihm los und schrie ihn förmlich an, "Ich werde nicht auf Menschen schießen!"
Den Abstand einhaltend, welchen ich zwischen uns gebracht hatte, blickte er mich ernst an, "Miss Marian-"
"Nein!", fiel ich ihm ins Wort, "Kein 'Miss Marian' wird mich umstimmen, Walther!"
Ihm den Rücken zudrehend stapfte ich davon, einen tief seufzenden älteren englischen Herren stehen lassen.

Zum Abreagieren saß ich wenig später unruhig und Zähne knirschend unter einem Baum ein Stück von dem Gemäuer des Haupthauses entfernt.
Meine Wut über diese wahnwitzige Idee hatte sich etwas gelegt und hatte Platz gemacht für Unglauben und Entsetzen. Ich verstand die Notwendigkeit meinen Umgang mit der Pistole zu verbessern, aber dazu musste es einen anderen, einen menschlich vertretbaren Weg geben.
"Ich habe gehört, dass du deine Schussübungen nicht wahr genommen hast", tauchte meine Großcousine neben mir auf.
Ihr nicht antwortend senkte ich den Blick und fixierte leicht angetrocknete Grashalme zu meiner Linken. Das leise Rascheln von Kleidung, die aneinander rieb, erklang und kurz darauf ein Zischen. Neugierig sah ich auf und entdeckte eine Zigarre zwischen ihren Zähnen und eine Packung Streichhölzer in einer Hand.
"Wo ist der Unterschied?", wollte die Blonde unvermittelt wissen.
Ich verstand erst nicht vorauf sie hinaus wollte und schaute verständnislos hoch. Ihre Augen waren nicht auf mich, sondern an dem kahlen Geäst vorbei in Richtung Himmel gerichtet, welcher mit Wolken bedeckt war.
Es war schon ziemlich kühl geworden, selbst wenn die Sonne für einpaar Stunden ihr Gesicht zeigte, erwärmte die Luft sich nicht lange, und ich war heilfroh in meinem Sweatshirt herum zu sitzen.
"Ich kann mich weigern auf Menschen zu schießen", gab ich trotzig von mir und verschränkte die Arme vor der Brust.
"Was passiert, wenn du keine Wahl hast?", fragte Integra zwischen einem Zug in einer Stimmlage, die mich stocken ließ.
Mit großen Augen beobachtete ich sie, doch keine Regung huschte über ihr Gesicht. Über die Bedeutung ihrer Aussage nachdenkend sah ich fokuslos in die Ferne und begann zu hinterfragen, warum der Waffenexperte des Hauses der Meinung war, dass lebende Ziele eine gute Idee waren.
"Wo ist Walther gerade?"
Mit dem Hauch eines Lächelns erwiderte sie, "Da wo du ihn stehen gelassen hast. Das wirst du brauchen", mir eine Schusswaffe vor die Nase haltend.
Sobald ich sie ergriffen hatte, wand sie sich um und schritt auf den Eingang zu der ins Innere des Haupthauses führte. Mit der Pistole in der Hand stand ich auf, schob sie in den Hosenbund und machte mich mit hochgezogenen Mundwinkeln auf den Weg zu meinem neuartigen Trainingsprogramm.

_____


Tja... dann also weiter zum Training mit laufenden "Zielscheiben".

See ya!
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